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Full text of "Bericht über die Fortschritte der Psychoanalyse in den Jahren 1914 - 1919"

* ipl. -Psych. I>r, med. 

THEODOR F. HAU 

(£0b) Tiefenbru:-, . üingew 

Niedersächsische« 

BEIHEFTE Landeskrankenhaug 

DER 

INTERNATIONALEN ZEITSCHRIFT PUR PSYCHOANALYSE 

HERAUSGEGEBEN VON PHOF. DB. SIGM. FREUD. 
Nr. III. 



BERICHT 

ÜBER DIE FORTSCHRITTE 
DER PSYCHOANALYSE IN 
DEN JAHREN 1914—1919 




1 y 2 1 
INTERNATIONALE PSYCHOANALYTISCHER VERLAG G. M. B. H. 
LEIPZIG WIEN ZÜRICH 



Alle Rechte, beüonders das der Übersetzung in alle Sprachen vorbehalten. 
Copyright by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag Ges. m. h. H." 

Wien, I. 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Dnick- and Verlagjhmj Karl Prochaaks, Teschen. 



Vorwort der Redaktion. 

Das III. Beiheft, das wir hiemit etwas verspätet unseren Lesern 
vorlegen, enthält die zweite systematische übersieht über die psycho- 
analytischen oder der Analyse nahestehenden Publikationen, die seit 
dem ersten „Berieht über die Fortsehritte der Psychoanalyse in 
den Jahren 1909 — 1913" *■) erschienen und zu unserer Kenntnis ge- 
langt sind. 

Diesen letzten Punkt möchten wir besonders betonen, da die 
diesmalige Berichtsperiode fast zur Gänze mit der langen Kriegs- 
zeit zusammenfällt, während welcher die Redaktion mit einer ver- 
minderten Zahl von Mitarbeitern und unvollkommenen Hilfsmitteln 
arbeiten mußte, während das Material selbst bedeutend angewachsen 
und dessen Bewältigung wesentlich erschwert wax. Die meisten 
wissenschaftlichen Zeitschriften sind ziemlich unregelmäßig oder 
gar nicht erschienen und blieben — ebenso wie die anderen Publi- 
kationen — schwer zugänglich, da viele Bibliotheken sieh infolge 
der immer schwieriger werdenden Verhältnisse bedeutend einschrän- 
ken mußten, anderseits die Verleger bei den hohen Bücherpreisen 
auch mit den Rezensionsexemplaren sparsamer geworden waren. 

Unter solchen Schwierigkeiten mußten die durch die wirtschaft- 
lieken Verhältnisse ohnehin überbeschäftigten Referenten mehr Zeit 
«nd Mühe aufwenden, als sonst bei derartigen Arbeiten gefordert 
wird: und darum sei unseren Mitarbeitern an dieser Stelle aus- 
drucklieii für ihre, einer so undankbaren Aufgabe gebrachten Opfer 
besonders gedankt. 

Trotz dieses anerkennenswerten Eifers machten eine Reihe tech- 
nischer Schwierigkeiten es unmöglich, des ausgebreiteten unüber- 

a ) Jahrbuch der Psychoanalyse. VI. Bernd. 1914. 



Vomort. 



sichtlichen Stoffes völlig Herr zu werden, da einerseits die in 
Kriegsdienstleistung gestandenen Redaktoren und Mitarbeiter so- 
wohl untereinander als anch mit der Literatur den Kontakt verloren 
hatten. Besonders störend machte sich diese Unterbrechung' im Ver- 
kehr mit den ausländischen Kollegen geltend, die übrigens selbst 
— und dies nicht nur in den vom Kriege unmittelbar betroffenen 
Ententeländem — unter ähnlicher Ungunst wie, wir zu leiden hatten. 
Unter diesen Umständen war eine Vorbereitung des über die Kriegs- 
jahre sieh erstreckenden Berichtes erst nach "Wiederherstellung der 
Kommunikationsmöglichkeiten gegeben und so mußte auch infolge 
Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit manches unvollständiger 
bleiben, als es vielleicht wünschenswert gewesen wäre. 

Aus all den genannten Umständen erklärt sieh auch eine ge- 
wisse Uneinheitlichkeil in der Auswahl und Anordnung des Ma- 
terials sowie namentlich in der Art seiner Behandlung. Was das 
Material selbst betrifft, so sollte grundsätzlich alles, was mit Psycho 
analyse zusammenhängt oder auf sie Bezug nimmt, wenigstens im 
bibliographischen Teil Erwähnung finden, wenn es schon nicht als 
Fortschritt gebucht werden konnte; auch gegnerische Arbeiten wur- 
den prinzipiell nicht ausgeschlossen, weil aueli die Art des Wider- 
standes gegen die Analyse sich als bedeutsam für die Beurteilung 
ihres Portschrittes erwiesen hatte. Infolge Unzulänglichkeit der 
Berichterstattung innerhalb der abgelaufenen P.-riode schien es 
wünschenswert, auch solche Arbeiten in die Literaturverzeichnisse 
aufzunehmen, die streng genommen nicht, hine ingehärten, wenn sie 
innerhalb der abgelaufene!) fünf Jahre in den Referatenteilen unserer 
Zeitschriften entsprechend gewürdigt worden wären: und insofern 
überschreitet der Bericht notgedrungen eigentlich die selbstgezogene 
Begrenzung, Ebenso könnten durch ein besseres Zusammenarbeiten 
manche "Wiederholungen vermieden werden. Anderseits greift der 
vorliegende Bericht öfter sogar auf Arbeiten der ersten Berichts- 
periode zurück, die damals aber übersehen wurden und uns doch 
der nachträglichen Erwähnung wert schienen. 

Von Neuerungen gegen über dem vorigen Bericht sei beson- 
ders auf die Rubrik „Normal-psychologische Grenzfragen" (Ref. Dr. 
L Hermann, Budapest) hingewiesen, welche die notwendige Ein- 
leitung zum allgemein psychologischen Teil bildet und die Fäden 



Vorwort V 

aufzeigt, die von der Bewußtseinspsychologie zur Psychoanalyse 
führen sowie auf die , .Soziologie" (Ref. A. Kolnai, Wien); das 
geplante Referat über „Kriminologie" -wurde für den nächsten Be- 
richt zurückgestellt und erscheint diesmal nur soweit vertreten, als 
es Tatbestandsdiagnostisches bringt (Anhang z. Allg. Psychologie). 
Nicht neu, sondern als Nachtrag zum vorigen Bericht erscheint dies- 
mal die „Beligionspsychologie" (Ref. Dr. Th. Reik, "Wien), den 
Zeitraum beider Berichtsperioden (1909 — 1919) umfassend und um 
die Literatur über „Mystik und Okkultismus" vermehrt, die diesmal 
hh>Ü anhangsweise behandelt wird. Die folgenden, bereits bestan- 
denen Rubriken haben neue Heferenten erhalten: Für die „Perver- 
sionen" Dr. F. Boehm, Berlin; für die Therapie Dr. v. Ophuijsen, 
Haag; für die Ethnologie und Völkerpsychologie Dr. G. Rohe im, 
Budapest; für die Mythologie Dr. Th. Reik, Wien; für Ästhetik 
und Künstlerpsychologie Dr. H. Sachs, Berlin 1 ). (Gänzlich weg- 
gefallen ist diesmal nur die Rubrik „Philosophie".) 

Diesem stattlichen Zuwachs an bewährten fachlichen Mitarbei- 
tern in deutscher Sprache schließt sich die große Zahl von fremd- 
sprachigen Eeferenten an, deren wertvoller Beteiligung wir es zu 
verdanken haben, daß wir die psychoanalytische Literatur in ihrer 
internationalen Ausbreitung würdigen konnten. Zwar waren schon 
in früheren Jahren in fast allen diesmal speziell angeführten Spra- 
chen (Englisch, Franzüsisch, Holländisch, Italienisch, Russisch, TJn- 
garisch) psychoanalytische Arbeiten erschienen und auch gelegentlich 
zusammenfassend referiert worden, wie beispielsweise die englische, 
italienische und russische (auch schweizerische-französische) Lite- 
ratur im II. Band des „Jahrbuch für Psychoanalyse", 1910, S. 316 
bis 338, sowie kleinere Sammelreferate über englische Literatur 
in Zeitschrift II, 1914 (siehe Inhaltsverzeichnis) ; Z. III, 1915 (ebda.) ; 
französisch Z. II (siehe Inhalt); Z. III (S. 46—49 und 123); 
holländisch Z. II (S. 181); Z. III (S. 299 und 372, 373); 
russisch Z. II (S. 182); ungarisch Z. II (S. 476). Außer- 
dem findet man im ehemaligen Zentralblatt für Psychoanalyse so- 
wie in unserer Zeitschrift, sowohl im Referatenteil als auch in 
den fortlaufend publizierten Bibliographien — die auch ferner- 

1 ) Das Referat über das UnbewuCte hat diesmal vertretungsweise statt 
Dr. Bitiagon Dr. Reik ausgearbeitet. 



VI Vorwort. 

stehende Arbeiten berücksichtigen. — , endlich in der Rubrik: Zur 
psychoanalytischen Bewegung-, die fremdsprachige Literatur sowie 
auch Übersetzungen, psychoanalytischer Arbeiten fortlaufend refe- 
riert oder wenigstens dem Titel nach angeführt. Bibliographien über 
die angewandte Psychoanalyse einschließlich der fremdsprachigen, 
finden sich im „Image", und zwar: bis 1912 I. B., S. 999; für 
1912 II B„ S. 97—98; für 1913 II. B., &. 609-610; für 1914 
ni B., S. 541—542; für 1915 IV. B., S. 87 1). 

Im vorigen Sammelbcricht war die fremdsprachige Literatur 
noch nach inhaltliehen Gesichtspunkten in die einzelnen Rubriken 
aufgeteilt worden; aber die ungeheure Verbreitung, welche die 
Psychoanalyse während der Kriegsjahre gewonnen hatte, ließ eine 
gesonderte Übersicht der wichtigsten fremdsprachigen Literaturen 
wünschenswert erscheinen, von der man erst den richtigen Eindruck 
von der Verbreitung und Anerkennung der Psychoanalyse im wei- 
teren Auslande erhält 2 ). 

Im ganzen waren wir selbst von der Pülle der Publikationen 
und der ungeahnten räumlichen Ausbreitung der Psychoanalyse auf 
das angenehmste überrascht, wenngleich uns diese Überraschung un- 
vorbereitet zur Bewältigung des ungeheuren Stoffes treffen mußte. 
Den nächsten Bericht, der nach einem Zeitintervall von drei 
Jahren wieder erscheinen soll, hoffen wir durch eine straffere 
Referatenorganisation, welche alles "Wissenswerte in den fortlaufen- 
den Heften von Zeitschrift, Image und dem englischen Journal 
systematisch aufarbeiten soll, rechtzeitig und auch sachgemäß voll- 
kommen befriedigend herauszubringen. Pur alle Un Vollkommenheiten 
und Mängel des diesmaligen fühlt sich der Unterzeichnete allein 
verantwortlich. 

"Wien, zu Ostern 1921. 

Dr. Otto Rank. 



i) Zur VervoUständifeiing sei hier nodi erwähnt, daJS sich im ersten Band 
des Jahrbuches (S. G46-G74) ein Sam:ne!referat über Freuds Schriften bis 
zum Jahre 1909 von Abraham findet, sowie (8. 575—591) über die deutsche 
und österreichische Paa^-Literatur bis Mitte 1909. 

3) Vereinzelte Erscheinungen aua -weniger verbreiteten Sprachen werden 
anhangsweise bloß bibliogrophiert. Siehe S. 387 ff. 



Inhalt. 



A. DEUTSCHE LITERATUR. 

I. Reine Psychoanalyse. 

a) Allgemeiner Teil: 

Psychologie und Trieblehre. 9eite 

1. Normal-psychologische Grenzfragen (Ref. Dr. I. Hermann, Bo.da.paat) ... 1 

A. Bewußtsein, „loh*, Persönlichkeit , g 

B. Metapsychologie und Affektlehre 5 

C. Denkpsychologie und psychoanalytische Methodenlehre 9 

D. Grundprinzipien des psychischen Geschehens. Wirkung der Gefühls- 
betontheit ig 

E. Einzelne psychische Punktionen und Gebilde 15 

F. Psychologischer Unterricht 17 

Anhang: Tatbestandsdiagnostik. , 17 

2. Daa Unbewußte (Ref. Dr. Tb. Reik, Wien) 19 

3. Traumdeutung (Ref. Dr. 0. Rani, Wien) 26 

4. Trieblehre (Ref. Dr. E. Hitschmann, Wien) 44 

Libido. Narzißmus. Kastrationskomplex. Tabu der Virginitat Liebesleben . . 45 

Prägenitale Organisationen 48 

Triebschicksale 49 

Triebumsetzungen der Analerotik. Analcharakter. Uiethralcharakter .... 49 

Schaulust. Bewegungslust. Männlichkeitakomplex. Phantasien 60 

5. Sexuelle Peryersionen (Ref. Dr. F. Boehm, Berlin) 52 

b) Klinischer Teil: 
Neurosen und Psychosen. 

li. Allgemeine Neurosenlehre (Ref. Dr. S. Ferenczi, Budapest) 81 

7. Psychoanalytische Therapie (Ref. Dr. van Ophuljaen, Haag) 124 

8. Spezielle Pathologie und Therapie der Neurosen und Psychosen (Ref. Dr. Karl 
Abraham und Dr. J. Härnik, Berlin) 141 

A. Konversions- und Angsthysterie 142 

B. Zwangszusfände .....,,, , 150 

C. Kriegsneurosen 155 

D. Geistesstörungen _ 15g 

E. Alkoholismus 162 

II. Angewandte Psychoanalyse. 

9. Ethnologie und Völkerpsychologie (Ref. Dr. G. Reih ei m, Budapest). .... 163 

10. Soziologie (Ref. A. Kolnai, Wien) . 195 

11. Mythologie und Märchenkunde (Ref. Dr. Th Reik, Wien) 206 

12. Religionswissenschaft (Ref. Dr. Th. Reik, Wien) 213 

Anhang : Mystik und Okkultismus . , 227 

13. KunBtlerpsychologie und Ästhetik (Ref. Dr. H. Sachs, Berlin) .234 

14. Kinderpsychologie und Pädagogik (Ref. Dr. H. Hug- Hellmuth, Wien) . . 244 



Vm Inhalt. 



B. FREMDSPRACHIGE LITERATUR. ^ 

15. Englisch-amerikanisch (Ref. Dr: Stanford Read, London) Pßfl 

I. Heine Psychoanalyse *" 

Allgemeine Theorie f™ 

II. Klinische Psychoanalyse . . * ' ' olt 

A. Pathologie ' 285 

1. Allgemeiner Teil .,'.'.'.'..'. .' ' * .'.*,'".'.' 2 

2. Spezielle Krankheitsformen . . „-_ 

B. Behandlang ... 2Ö7 

HL Kriegsliteratnr '.'.'.'.'/.'.'.', «f 

IV. Angewandte Psychoanalyse f- 

16. Französisch (Ref. Dr. R. de Saussure, Geneve) *,! 

I. Psychiatrie ' S11 

H. Psychologie '.'.'.'.'. \ '.'.'.'. '. So 

Allgemeine Psychologie ' ' * 882 

Kinderpsychologie 

Traumpsychologie A9fi 

Psychopathologie des Alltagelebens . . . , . ' * ' qg„ 
Religionspsychologie , :f ' 

III. Angewandte Psychoanalyse qan 

IV. Übersetznngen , . , ' da0 



17. Holländisch (Kef. Dr. A. Stlrcke, den Dolderj 
Angewandte Psychoanalyse 



332 



348 



18. Italienisch (Ref, Dr. E. Weifl, Trieste) . . 

19. Russisch (Ref. Dr. S. Spielrein, Geneve) ' „, 

20. Spanisch (Ref. Dr. K. Abraham, Berlin) f£ 



21. Ungarisch (Ref. Dr. G. Szilagyi, Budapest) . 
I. Reine Psychoanalyse ... 
II. Angewandte Psychoanalyse 
a) Psychologie .... 
b) 



370 

374 

377 

* 377 

c) Religionspsychologie „ ' ä 7 o 

d) Soziologie ....,,. 

e) Rechtswissenschaft , 

/) Völkerkunde .-.;..[.... 

g) Mythologie, M&rchenforschung , nan 

h) Sexuologie 

i) Philosophie 

j) Ästhetik, Kunst, Literatur .... 

III. Kriegsliteratur .... ™ 

22. Bibliographie f 84 

■■*■*' 387 



378 
378 



361 
381 



Abkürzungen. 

Jahrb. = Jahrbuch für Psychoanalyse, 

Z. -= Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse. 

J. bs. Imago. 
Sehr, m, Schriften zur angewandten Sealenfcunde. 



Normal-psychologische Grenzfragen. 

Referent: Dr. I. Hermann (Budapest). 



.Literatur: 1. E. Bleuler: Die Notwendigkeit eines medizinisch-psycho- 
logischen Unterrichts. (Nr. 701 der Sammlung klinischer Vorträge.) 1914. — 
2. Dera. : Das autistisch-undiszipliniorte Denken in der Medizin und seine 
Überwindung. 1919. — 3. E. Funkhäuser: Über Wesen und Bedeutung der 
Affektivität. Eine Parallele zwischen Affektivität und Lieht- und Farben- 
empfindung, (19. Heft der Monogr. aus d. Geaamtgebiete d. Neurol. und l'sy- 
nliiatrie.) 1919. — 4. P. Federn: Lust-ünlustprinzip und ßealitätsprinzip. 
Z. II. 1914. S. 492. — 5. S. Forenczi: Analyse von Gleichnissen. Z. III. 1915. 
S. 270. — 6. Ders. : Denken und Mnskelinnervation. Z. V. 1919. S. 102. — 
7. S. Freud: Triebe und Triobsckicksale. Z. III. 1915. S. 84. — 8. Dera.: Das 
Unbewußte. Z. III. 1915. S. 189. — 9. Ders.: Metapsychologische Ergänzung zur 
Traumlehre. Z.IV. 1917. S.277. — 10. Ders.: Trauer und Melancholie. Z. IV. 
1917. S. 288. — 11. Dera.: Das Unheimliche. .T. V. 1919. S. 297. — 12. C. Furt- 
luttller: Denkpsychologie und Individualpsychologie. Z. f. Indiv.-Ps. I. 1914. 
H. 3. — 12a. A. Gerson: Oszillierende Gefühle. 123. Heft d. Beitr. z. Kinder- 
for=chung u. Heilerziehung. 1613. — 13. U. Grflninger: Zum Problem der Affekt- 
verschiebung. Inaug.-Disscrt. d. Univ. Bern. 1917. — 14. H. Henning: Versuche 
über die Bezidiven. Zeitschr. f. Psychol. 1917. Bd. 78. Heft 3—4. — 15. 
St. Hollös: Die Phasen des Selbstbewußtseinsaktes. Z. V. 1919. S. 93. — 16. 
E. Jones: Die Theorie der Symbolik. Z. V. 1919. S. 244. — lGa. L. Kaplau: 
Psychoanalytische Probleme. 191G. — 16b. Dors.: Hypnotismus, Aniansmua 
und Psychoanalyse. 1917. — 17. L. v. Karpinska: Ober die psychologischen 
Grundlagen des Preudismus. Z.H. 191 4. S. 305. — 18. L. Loewenfeld: Bewußt- 
sein und psychisches Geschehen, (89. Heft d. Grenzfragen d. Nerven- und 
Seelenlebens.) 1913. — 19. L. J. Martin: Ein experimenteller Beitrag zur Er- 
forschung des Unbewußten. 1915. — 20. R. Müller-Freienfels: Das Denken und 
die Phantasie. 1916. — 21. J. Pikier: Sinnespsychologische Untersuchungen. 
1917. — 22. Ders.: Hypothesenfreie Theorie der Gegenfarben. 1919. — 23. 
Th. Reik: Beitrag zur psychoanalytischen Affektlehre. Z. IV. 1917. S. 148. — 
24. H. Hose: Der Einfluß der tJnlustgefühle auf den motorischen Effekt der 
Willenshandlungen. Archiv f. d. ges. Psychologie. 1913. Bd. XXVIII. Heft 1—2. 
— 25. M. Sender: Zur Phänomenologie und Theorie der Sympathiegefühle 
und von Liebe und Haß. 1913. — 28. P. Schilder: Wahn und Erkenntnis. 
(15. Heft d. Monogr. aus d. Gesamtgebiete d. Neurol. u. Psychiatrie.) 1918. — 
27- I. Spielrein: Ober schwer zu merkende Zahlen und Rechenaufgaben. Zeit- 
schrift f. angewandte Psychol. 1919. Bd. 14. Heft 3—4. — 28. W. Stern: Die 
Psychologie und der Personalismus. Zeitsehr. f. Psychol. 1917. Bd. 78. Heft 1—2. 
Sfjohonniljrse, Bericht 19U-1919. 1 



2 Dr. I. Hermann. 

— 29. Den.: Di» menschliche Persönlichkeit. 1918. — 30. V. Tansk: Über 
die Entstehung: des „Beeinflussungsapparates" in der Schizophrenie. Z. V, 1919. 
S. 1. — 31. M. Weißteld: Über die Umwandlungen des AffekOebens. Z. IL 
1914. S. 419. 

Anmerkung. Vom psychoanalytischen Standpunkte ganz fern geschrie- 
ben sind folgende Arbeiten: 3, 12a, 14, 19, 20, 21, 22, 24, 25, 28, 29. 

Im Jahre 1913 erschienen die. Arbeiten 16, 24, 25; wegen ihrer Wiohtigkeit 
sind auch diese hier aufgenommen worden. 

Für die Verteilung der Arbeiten in einzelne Gruppen war neben theoretischen 
Gründen auch die praktische Erwägung maßgebend, daß eine Arbeit möglichst 
nur in einer Gruppe erwähnt werden soll. 

Anhang: Tatbestandsdiagnostik. 32. H. Henning: Boppelasaoziation und 
Tatbestandsvermittlung. H. Groß' Archiv. 1914. Bd. 59. Heft 1—2. — 33. 
E. Mezger: Die Beechuldigtenvernehnrang auf psychologischer Grundlage. Zeit- 
schrift f. d. ges. Straf rech tswiss. 1918. Bd. 40. — 34. E. Ritterslisus: Zur Frage 
der Komplesforschung. Archiv f. d. ges. Psychologie. 1913. Bd. XXVIII. Heft 3—4. 

Anmerkung. Alle drei Autoren stehen der psychoanalytischen Auffas- 
sung fern. Im Jahre 1913 erschien die Arbeit 31. 



A. Bewußtsein, «Ich", Persönlichkeit. 

Freud (8) betont den. bereits in der „Traumdeutung" klar- 
gelegten Unterschied zwischen Bewußtsein im deskriptiven 
Sinne und dem System Bw. Das System B\v. ist dasjenige 
System, welches normalerweise die Affektivität und den Zugang 
zur Motilität beherrscht. Letzterer Zugang ist viel fester l>egründet 
als der Weg zur Affektivität, so daß die Lenkung der Affektivität 
dem Machtbereich des Bw. oft entschlüpft. Die Bewußtheit als 
deskriptiver Begriff ißt ein Symptom, welches nicht mit der System- 
zugehörigkeit zu verwechseln ist. Das Bewußtwerden ist kein bloßer 
Wahrnehmungsakt, sondern ist- wahrscheinlich bedingt durch eine 
Uberbesetzimg. 

(9) Der Zugang zur motorischen Innervation ermöglicht dem 
System Bw., daß es „Außen" von „Innen" unterscheiden kann. 
Diese Unterscheidung ist notwendig, um eine Eealitätsprüfung 
durchführen zu können. Das Ich, welches anfangs in der Phase 
der halluzinatorischen Wunscherfüllung lebt, wird durch die 
Bealitätsprüfung von dieser halluzinatorischen Phase befreit; die 
Eealitätsprüfung bildet neben den Zensuren eine der großen In- 
stitutionen, des Ichs. Im Schlafe wird mit der teilweisen 
Entziehung der Besetzung aller Systeme auch die Eealitätsprüfung 
aufgegeben; der Schlafende wendet sich von der Außenwelt ab. Das 
System Bw. erhält somit im Traume seine Besetzung von innen aus. 



Normal-psychologische Urensfragen. 3 

Eine weitere gesonderte Institution des Ichs bildet das 
Gewissen, worüber zu sprechen Freud durch die Analyse der 
Melancholie veranlaßt wird (10). 

Mit der Ich-Entwicklung beschäftigt sich Taust (30) 
eingehender und gelangt wesentlich zu ähnlichen Ergebnissen wie 
sie früher Ferenczi entwickelte. Der Anfang der Ich-Bildung kann 
nach Freud nicht früher einsetzen als der Beginn der Objekt- 
findung'. Es gibt ja in der Entwicklung der Kjndergeele eine Zeit, 
in welcher für das Kind keine intellektuell konstatierbaren isolierten 
Objekte der Außenwelt bestehen, in welcher also das Kind alle 
•Sinnesreize für endogene und immanente hält: das ist die Zeit der 
narzißtischen Identifikation. Um ein ,Jeh" ausbilden zu können, 
muß eine Ich -Grenze zwischen Subjekt und Objekt gezogen 
werden. Geheimnisse vor den Eltern zu haben, .gehört zu den 
stärksten Faktoren der Ich-Abgrenzung. DeT allerwichtigste Faktor 
in der Ich-Entwicklung ist aber der libidinöse; der Mensch kommt 
als organische Einheit zur "Welt, in der Libido und Ich noch nicht 
getrennt sind, das ist das Stadium des angeborenen Narzißmus. Aus 
dieser Quelle werden die einzelnen Organe libidinös besetzt und 
dann die einzelnen Körperteile auf dem "Wege der Identifikation 
mit dem eigenen Körper zu einem zusammengehörigen Ganzen, eben 
zu dem „loh", zusammengelesen. 

Hol los (15) stellt — auf Grund von Erfahrungen bezüglich 
der AssoziatioiLsreihen wad. Erinnerungsfähigkeit nach einer Bildung 
von Assoziationen ~ die Theorie auf, daß die Helligkeit des 
Selbstbewußtseins mit dem Verhältnis von äußerer und 
innerer "Wahrnehmung eng zusammenhängt: bei einem Optimum 
dieses Verhältnisses ist das Selbstbewußtsein am klarsten, 
bei der vorwiegenden oder ausschließlichen Besetzung der einen 
oder anderen "Wakrnehmungsart wird das Selbstbewußtsein verdunkelt 
oder zum Verschwinden gebracht, Während des Verlaufes einer 
fortlaufenden Assoziation setzt eine dritte Phase des Be- 
wußtseinsaktes ein — neben äußerer und innerer Wahrneh- 
mung — , welche sich dadurch auszeichnet, daß in ihr die vor- 
bewußten Elemente sich vom Selbstbewußtsein allmählich loslösen. 
Somit wird im Laufe des Selbstbewußtseins der Inhalt des Unbe- 
wußten gesetzmäßig bereichert. 



4 Dr. I, Hermann. 

Eine Kampfschrift um die Anerkennung der Freudschen 
psychologische» Grundanschauungen soll diejenige Loewenfelds 
(18) ; eines äußeren Freundes der Psychoanalyse, sein. Die Iden- 
tifizierung des Psychischen mit dem Bewußten wird als unberech- 
tigt und unhaltbar zurückgewiesen. Tiefenpsychologie und 
Oberf läehenpsyohologie müssen sich im Begriffe 
des Unterbewußten miteinander versöhnen. Dabei wird 
aber der letztere Begriff von Loewenfeld weiter gefaßt als 
das Freudsche Unbewußte. Die Assoziationsexperimente werden als 
nicht einwandfreie Forsehungsmittel hingestellt. Neben Betonung 
der unvergänglichen Verdienste Freuds und neben Aneinander- 
reihung einer Fülle von Tatsachen, welche die Annahme nicht be- 
wußter Seelenvorgänge unterstützen, wird aber die übergroßa Be- 
deutung infantiler und sexueller Faktoren zurückgewiesen. 

Nach dem äußeren Freund lassen wir gerne einem Gegner der 
Psychoanalyse, "W. Stern (28, 29), das "Wort. Sein System, der 
kritische Personalismus, geht vom kosmischen Gegensatz „Person" 
und „Sache" aus. Dabei wird unter Person „ein solches Existieren- 
des" verstanden, „das trotz der Vielheit der Teile eine reale eigen- 
artige und eigenwertige Einheit bildet und als solche, trotz der 
Vielheit der Teilfunktionen, eine einheitliche zielstrebige Selbst- 
tätigkeit vollbringt". Nur an einem Teilgebiet der menschliehen 
Persönlichkeit ist das Psychische anzutreffen, die Persönlichkeit be- 
wegt, sich meistens im psychophysisch Neutralen. Das Gebiet 
des Psychischen sowie dasjenige des Physischen gliedert sich in 
vier Abteilungen. Dort heißen diese Abteilungen: 1. psychische 
Phänomene, 2. unbewußte, richtiger überbewußte Akte, 3. eben- 
solche Dispositionen, 4. das Ich; im Gebiete des Physischen kennt 
Stern 1. physische Phänomene, 2. zielstrebige Tendenzen, 3. Dispo- 
sitionen, 4. den Organismus. Organismus und Ich treffen sieh als 
psychophysisch-ncutxale Realitäten im einheitlichen Begriffe der 
realen Person. Es gibt eine reale Person und eine ideelle. 
Erstere tritt in unserer Erfahrung tatsächlich auf und zeigt die 
Erscheinung der Konvergenz, das heißt das Zusammentreten 
äußerer und innerer Faktoren in der Anpassung zur Realität. Die 
ideelle Person ist nicht wirklieh, nur konstruierbar ; sie besitzt auch 
kein Bewußtsein, da letzteres das Produkt einer mit Kon- 



Normal-psychologiaclie Grensfragen. 5 

flikt Tertundenen Konvergenz ist. Konflikte gibt es dort, 
wo neuaitieo Situationen auftreten, wo Teilzwecke der Person ver- 
schiedene Anforderungen erheben, endlich zwischen den Zeitmomenten 
Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. 

Das Bewußtsein selbst gibt ein Zerrbild der Objekte. Beson- 
ders in diesem Zusammenhange wird auf die Psychoanalyse ver- 
wiesen, denn „sie verlegt die wahre "Wesenheit der Persönlichkeit 
ins Unbewußte und sehreibt dein Bewußtsein nur symbolischen Wert 
zu". Die Bewußtseinserlebnisse müssen, so sagt Stern, um ver- 
ständlich zu werden, „in ihren symbolischen Beziehungen zu 
den Zwecken der Persönlichkeit" erfaßt werden. Die bewußten Mo- 
tivationen sind falsch, die Konvergenz verursacht eine „Intro- 
zeption" der Zwecke, weshalb wir auch bei einem „ichgemäßen Ich- 
Bewußtsein" Täuschungsmömente antreffen. So sieht Stern die 
Anzahl der Täuschungsmomente des Bewußtseins noch über die- 
jenigen der von der Psychoanalyse behaupteten erweitert, denn die 
Psychoanalyse beschäftigt sich nur mit „stark täuschenden Ich- 
bewußtseine" (Neuxotiker). — Mögen alle Gegner der Psycho- 
analyse soviel aus der Psychoanalyse lernen, und dann wenigstens 
so, wie es Stern tut, auch eingestehen, aus welcher Quelle sie 
gelernt haben! Einzelne psychoanalytische Anschauungen sind auch 
von Stern nicht richtig verstanden oder gewürdigt worden. 

JB. Metapsychologie und Affektlehre. 

Die deskriptive Psychologie verlangt eine erklärende Psycho- 
logie, welche nach Freud Metapsychologie genannt werden soll 
und welche zur Aufgabe hat (8) : 1. die Triebkräfte der seelischen 
Vorgänge zu bestimmen (dynamischer Gesichtspunkt); 2. die 
Topik zu berücksichtigen, das heißt diejenigen Systeme anzugeben, 
in oder zwischen welchen sieh ein gewisser Vorgang abspielt (t epi- 
sch er Gesichtspunkt); 3. die Schicksale der Erregungsgrößen, 
die sogenannten „Besetzungen" zu verfolgen (ökonomischer Ge- 
sichtspunkt). Die Metapsychologie steht prinzipiell nahe der 
Aktpsychologie, insofern als das "Wesen des Seelischen hier 
und dort in Vorgängen (Leistungen) liegt. So werden in der „Meta- 
psychologie" die Vorstellungen als Besetzungen im Grunde von Er- 



Dr. I. Hermann. 



innerungsspuren, Affekte und Gefühh als Abfuhr Vorgänge von Be- 
setzungen erklärt. 

(7) Einer der wichtigsten Begriffe der Metapsyehologie ist der- 
jenige des Triebes. Der Trieb ist ein Grenzbegriff zwischen See 
lischem und Somatischem, er ist ein Reiz für dys Psychische, wel- 
cher aus dem Innern des* Organismus stammt. Die Unterscheidung 
der Psychoanalyse von Ich-Trieben und Sexualtrieben bildet keine 
notwendige Voraussetzung, sie hat sich aber bis jetzt als eins 
zweckmäßigt" Arbeitshypothese bewährt. 

Was ist. nun der Zusammenhang zwischen Lieben und Trieb? 
Lieben ist kein Partialtrieb der Sexualität, eher könnte man es 
als Ausdruck der ganzen Sexualstrebung ansehen, dann wäre aber 
sein materielles Gegenteil, der Haß, unbegreiflich. Der Liebe können 
drei Arten von Gegensätzen beigesellt werden, nämlich: hassen, 
geliebt werden und Indifferenz. Nun weist das gesamte seelische 
Leben drei Polaritäten auf: 1. Subjekt-Objekt (Ich und Außen- 
welt), 2. Lust-Unlust, 3. Aktiv-Passiv. Diese drei Polaritäten 
können nacheinander als 1. reale, 2. ökonomische, 3. biologische 
Polarität genannt werden. Die Indifferenz wird in der realen, der 
Gegensatz Liebe — geliebtwerden in der biologischen Polarität 
widei-spiegelt. Das anfänglieh durch objektive Kennzeichen (siehe 
Realitätsprüfung) isolierte Real-Ieh wandelt sich ins Lust-Ich, in- 
dem es alles, was Anlaß zur Unlust bietet, projiziert. Das Lieben 
kann auf Grund dessen als die Relation des Ichs zu seinen 
Lust quellen bestimmt werden. 

Hassen ist ursprünglich die Relation des Ichs 
gegen die fremde und reizzu führende Außenwelt. 
Hier erscheint also Liebe-Haß in der Polarität von Lust-Unlust. 
Im Gebrauche des Wortes „lieben" finden wir häute eine Anschmie 
gung an die Sexualobjekte im engeren Sinne und an solche Objekte, 
welche ihre Lusthetontheit der Sublimierung verdanken. Der Ge- 
brauch des Wortes „hassen" hat keine solche Einschränkung er- 
fahren, das Vorbild der Haßrelation stammt eher aus dem Ringen 
um die Ich-Erhaltung. Liebe und Haß sind erst durch die Her- 
steilung der Genitalorganisation über die Polarität von Lust- Unlust 
emporsteigende Gegensätze geworden. Die ambivalente Natur 
der Liebe hat somit ihre Ursache nur eines Teils in aktuellen Kon- 



Normal-psychologische Grenzfragen. 7 

Ulkten zwischen Ich- und Liebesinteressen, anderseits ist diese Am- 
bivalenz in dem entwieklungsgesehichtliehen Schicksale von Liebe 
xniii Haß begründet. 

Sehe ler (25) beschäftigt sich vom Standpunkte der Phäno- 
menologie mit der Psychologie der Liebe. Liebe ist wesentlich eine 
Bewegung iÄ der Richtung der Qualität „Höhcrsein 
des Wertes", sie richtet sich auf die Setzung eines höheren 
Wertes, die selbst einen positiven Wert darstellt ; Liebe ist schöpfe- 
liäoh- dagegen Haß vernichtend, denn er vernichtet höhere "Werte. 
Liebe ist eine letzte "Wesenheit und ist somit, auf andere 
Zustände, z. E. auf das Mitgefühl, nicht zurückführbar. 

Unter den aus diesem, phänomenologischen Standpunkte aus un- 
zulänglichen naturalistischen Theorien der Liebe wird als vierte die 
ontogenetisehe von Freud angeführt. Diese ontogenetisehe Theorie 
setze die Richtigkeit der Sympathielehre der englischen Ethik vor- 
aus; nach welcher das primäre nicht die Liebe, sondern das Mit- 
gefühl wäre. Die naturalistischen Theorien seien für die „geistige", 
„heilige" Liebe blind; solche Liebe könne aus vitalen Tatbeständen 
nicht erklärt werden. Das Verhältnis von Liebe und Trieb sei 
mit den Begriffen „Einschränkung" und „Selektion" zu bezeichnen. 
Der Trieb schränke das Gebiet ein, wo sieh die Liebe entfalten 
kann: es sei demnach unrichtig zu sagen, der Trieb produ- 
ziere die Liebe, Die Annahme einer Übertragung der Liebe 
— im Sinne Feuerbachs — sei überflüssig, da jeder Liebe 
wesensgesetzlieh eine Richtung auf ein Höheres, und zwar unab- 
hängig vom Vorgestelltsein des Höherseins mitgegeben ist. 

„Das Unternehmen einer Ontogenie der sympathischen Gefühle 
und der Liebe, wie es Freud vorgenommen, ist ohne Zweifel als» 
solche? ein eminent verdienstliches." Prinzipiell wichtig ist die 
Annahme der Psychoanalyse, daß jede Erfahrung einen Stellen- 
wert in der typischen Entwicklung des Menschen einnimmt. Ein 
Kindheitserlebnis kann andere Wirkungen hervorrufen, als dasselbe 
Erlebnis in den späteren Jahren, nicht nur deswegen, weil sie hier 
und dort andere Spuren früherer Erlebnisse vorfinden, sondern eben 
durch ihren Stellenwert: dieser Wert bestimmt für die Zukunft, 
welche Erfahrungen bevorzugt, welche abgesperrt werden sollen. 



8 Dr. I, Hermann. 

Schaler findet auch. Unklarheiten, in der Freudschen Theorie, 
so die Scheidung' der Begriffe Libido und Geschlechtstrieb ; der 
Begriff Libido scheint seinen qualitativen Inhalt verloren zu haben. 
Aus den Tatsachen folge nur soviel, daß der heterosexuellen Stufe 
(mit der Vorstellung des Bildobjektes des anderen Geschlechtes) eine 
andere Stufe vorausgehe, in welcher dieselbe Triebregung sich nicht 
an das Bildobjekt des anderen Geschlechtes, sondern an den bloßen 
"Wert der Andersgeschlechtlichkeit bindet. Die Freud- 
sche Libidoauffasaung sei auf eine assoziationspsychologische Strc- 
bensauffassung zurückzuführen. Von vornherein bestehen ursprüng- 
lich verschiedene Qualitäten der Liebe, welche sich vermischen 
können, welche aber auseinander nicht ableitbar sind. Darin habe 
aber wieder Freud B^cht, daß die Geschlechtsliebe den pri- 
mären, fundierenden Faktor in allen anderen Arten der Liebe 
ausgibt; so auch in der Liebe zum Leben und zur Natur. Der 
Geschlechtsliebe entspricht keine Nahrungsliebe (wie dem Geschlechts- 
trieb ein Nahrungstrieb). (S. die Metapsychologie.) Die Subli- 
mierung-slehre enthalte auch viel "Wahres, irrt sich aber darin, 
daß sie den höchsten geistigen Akten ein selbständiges Maß von 
seelischer Energie abspreche. Hier wird auf J. Putnams nahe- 
stehende Auffassung verwiesen. 

Grüningers (13) Inaugural -Dissertation entwickelt das Pro- 
blem der Affektverschiebung, von den psychoanalytischen Er- 
fahrungen ausgehend, aber, dem Jungschen Standpunkt gemäß, zu 
sehr nach energetischem Muster. Am gelungensten ist das Kapitel 
über die Theorie der Affekte, in welchem eine Scheidung zwischen 
den Begriffen „Gefühl" — als ursprüngliche seelische Kraft — , 
„Affekt" — als eine angewandte Form dieser Kraft — , und „Auf- 
merksamkeit" — als einem Parallelvorgang zu den Affekten — , 
versucht wird. Der Affekt selbst ist dasjenige Seelische, welches 
der objektiven "Wirklichkeit nicht standhielt, er ist ein Anachronis- 
mus, indem er die Vergangenheit wieder aufweckt. Der Affekt will 
jetzt erledigen, was die Pflicht der Vergangenheit gewesen wäre; 
sein einziger Feind ist da3 logische Durchdenken, Perseveration, 
als auffallende "Wirkung eines verschobenen Affektes, die äußerlichen, 
formalen und innerlichen inhaltlichen Verschiebungen werden, mit 
besonderer Berücksichtigung der Komplexmerkmale, besprochen. Der 



Normal-psychologische Grenzfragen. Q 

Wc<r der Verschiebung geht den Weg der Analogie; jeder Affekt, 
der den Zusammenhang mit der Entwicklung verlor, ist bestrebt, 
eich durch diesen "Weg wieder in der Entwicklung Platz zu schaffen. 
Der Affekt nimmt „gleichwie" für „gleich". Klinische Beispiele 
und eine kleine Analyse einer Stelle aus Schillers „Wallenstein", 
erleichtern das Verständnis der manchenorts unMaren Schrift. 

Weißf&lds (31) Artikel enthält wesentlich Kritisches gegen 
Jungs Libidotheorie. Es wird die Qualitätslosigkeit und prinzi- 
pielle Objektunabhängigkeit des Affektes (Willens) betont. 

Affektabfuhr hat — nach Reik (23) — eine bewußte Steige- 
rung des Selbstgefühles, Affektenthaltung eine unbewußte Steige- 
rung des Narzißmus zur Folge. Affektaufschiebung und Affekt- 
enthaltung werden durch körperliche Vorgänge im Gebiete des Se- 
xuallebens widergespiegelt. 

Fankhausers (3) Monographie enthält nur scheinbar viel 
Originelles. Der Affekt ist — so hören wir hier (siehe z. B. Müller- 
Freienfels) — psychisch eine Stellungnahme des Ichs zu jeder 
Vorstellung ; er enthält schon ein intellektuelles Urteil. Physiologisch 
ist der Affekt Produktion von nervöser Energie in Form von Tätig- 
keit gewisser Neurosen (siehe Breuer-Freud). Mit den affek- 
tiven Vorgängen steht im Gehirn die Produktion von chemi- 
schenStoffenin Zusammenhang (siehe Freuds Idee der Sexual- 
ehemie!). Einen latenten affektiven Zustand nennt Fankhauser 
eine affektive Einstellung. 

Als Elemente des affektiven Lebens werden der freudig- 
traurige Affekt, das Mißtrauen-Zutrauen, die Billigung-Mißbilligung 
des Vorstellungsinhaltes angenommen; diese Elemente sollen nun 
den He ring sehen Urfarben analoge Eigenschaften aufweisen. Da- 
bei werden aber die Tatsachen der Farbenlehre falsch darge- 
stellt (z. B. das Purkinjesche Phänomen), so haben diese Aus- 
führungen keine Beweiskraft. 

C. Denkpsychologie und psychoanalytische Me- 
thodenlehre. 

Die Nebeneinanderreihung dieser zwei scheinbar fernstehenden 
Kapitel der Psychologie ist durch ihre Bearbeitung seitens der ver- 
schiedensten Autoren begründet. So weist schon v. Karpinska (17) 



10 Dr. I, Hermann. 

. auf die prinzipielle Ähnlichkeit der psychoanalytischen und etar 
experimentell-psychologischen Methoden der Selbstwahrnehmung 
hin. Trotz dieser Ähnlichkeit soll die Psychoanalyse -wirklich Wert- 
volles nur im. Gebiete der Affekte, nicht aber des reinen Intellektes 
leisten. Im Wunsch- Begriffe sind nach Verfasserin verschiedene 
Denkkategorien unzulässig vermischt; die Wunseherfüllungstheorie 
baue sich auf eine, Voraussetzung, ohne genügende theoretische Ftj&' 
dierung auf. 

Furtmüller (12) zieht eine Parallele zwischen denkpsyeho- 
logischer und individualpsychologischer (Ad ler scher) Methode. Der 
Begriff der determinierenden Tendenz, welchen die neue 
experimentelle Denkpsyehologie ausarbeitet«, ist aus den Rahmen 
des Experimentes auszuheben. Es sind die allgemeinen, dem Kern 
der Persönlichkeit immer näher stehenden Tendenzen — < das sind 
die Leitlinien — zu entdecken. Auf herrschende Tendenzen kann 
man nicht nur durch mehrweniger vollständige Introspektion, son- 
dern auch außer experimentell durch Bestimmung von Anfangs- und 
Endpunkten zusammenhängender Reihen schließen. 

Die teilweise Übereinstimmung der Freudscheu und Külpeschen 
Methoden wird auch von Schilder (26) erkannt. Die Methode des 
zwanglosen Einfalls kann (muß nicht aber) deswegen die Gesamt- 
strebungen des Individuunis zum Ausdruck bringen, weil alle latenten 
Wünsche und Einstellungen an der Arbeit sein können. Alles psy- 
chische Geschehen ist überhaupt nur aus dem Gesamtleben des Ich» 
zu verstehen. Die aufmerksame Zuwendung zu einem Gegenstande 
hängt nicht nur vom Gegenstande, sondern auch von der ganzen 
Urgeschichte des Ichs ab. 

Um zu einer Psychologie der Erkenntnis zu gelangen, analy- 
siert Schilder den Prozeß der Erkenntnis. Experimentelle Unter- 
suchungen weisen auf das leichte Überfließen von Vorstel- 
lungenaufdie Wahrnehmung. Wahrnehmungen tragen nicht 
immer den Charakter der Objektivität an .sich, besonders sind am 
eigenen Körper Wahrnehmungen mit ausgesprochenem subjektiven 
— i nicht wirklichen — Charakter zu beobachten. Die Eigenschaft 
des Für-wirklich-haltens einer Vorstellung bedingt einen ganz beson- 
deren Charakter derselben. • — Jode Begriff sbildung steht letzten 
Endes auf irrationaler Grundlage: der Lebenswille des Indi- 



Normal-psychologische Grenzfragen. \\ 

viduums, der Wirklichkeit angepaßt zu werden, spricht aus ihnen. 
Affektiv« Einstellungen verursachen bald symbolische Vorstellun- 
gen- bald symbolische Halluzinationen, bald Begehrungsbegriffe. Af- 
fektive Mechanismen übernehmen den Platz dort, wo kognitive ver- 
sagen, oder noch nicht genügend entwickelt sind. 

Müller-Freicnfels (20) sieht ein Verdienst F rc uds darin, 
daß *; die „Analyse" (das heißt hier Introspektion) wieder zu 
Ehren zu bringen sucht. Dieser Autor (Müller-Freienfels) kämpft 
in .seinem Buche gegen die Assoziationspsychologie; sein Grundsatz 
ist. daß das Denken und die Phantasie reaktive Phänomene sind, 
d. Ji. ihr Wesen Gefühle und motorische Erscheinungen ausmachen. 
Dabei wird der Begriff der „Gefühle" weit gefaßt, auf jede „Stel- 
lungnahme" ausgebreitet. Selbst Wahrnehmen und Aufmerksamsein 
wird hier auf Gefühle zurückgeführt. Denken ist ein auswählender 
und beziehender Akt, Urteile und Begriffe sind Handlun- 
ej e n. Ich hebe hervor, daß M ü 1 1 e r - F r r i e n f e 1 s ganz abseits 

* 

von der psychoanalytischen Bewegung steht. 

L- J. Martin (19) hat eine neue experimentelle Methode zur 
Erforschung des unterbewußten Denkens ersonnen : Versuchs- 
personen wird die Aufgabe gestellt, nach visueller Exposition von 
Bildern und Gestalten, dieselben sofort visuell vorzustellen. Das 
so gewonnene Vorstellungsbild erweist sich als stark abhängig vom 
unanscheinlichen, eventuell unterbewußt ablaufenden Denken. Die 
vorgeschlagene Methode soll zur Erforschung des unterbewußten Den- 
kens geeigneter sein als die psychoanalytische. 

Seiner Wichtigkeit gemäß soll Bleulers (2) Werk etwas ein- 
gehender besprochen werden: Im medizinischen Denken nimmt das 
autistisehe Denken einen viel größeren Platz ein, als es un- 
bedingt nötig wäre; d. h. das Tun des Arztes wird von affektiven 
Momenten, von Trieben aus, beherrscht. Das Aussprechen des „Ich 
weiß es nicht" verlangt schon eine Zurüekdrängung der Affektivität. 
Der Arzt denkt sein Handeln nicht zu Ende, er denkt nachlässig. 
Um hier Abhilfe zu leisten, muß eine anders gerichtete Denkweise 
angewöhnt werden, eine Denkweise, welche der Realität viel eher 
entspricht, welches sich über die Wahrheit seiner Inhalte überzeugt: 
es muß eine Denkdisziplin anerzogen werden. Dem gewöhn- 
lichen Denken, gekennzeichnet durch eine Mischung von autistischcr 



12 Dr. I. Hennann. 

und realistischer "Überlegung, von aufmerksamen und nachlässigen 
Verfahren, steht nicht das wissenschaftliehe Denken gegenüber, da 
doch auch der Kaufmann, Fabrikbesitzer usw. stramm logisch denken 
müssen; auch steht das wissenschaftliche Denken dort? wo es un- 
bekannte Gebiete betritt, eher dem artistischen Denken nahe. Auch 
das „exakte Denken" ist ein relativer Begriff. Die wirkliche Exakt- 
heit des Denkens bedeutet nicht das Aufweisen von Zahlenwerten, 
sondern die richtige Anwendung von Denkgesetzen, die 
richtige Beobachtung von Tatsachen, die ständige Eontrolle an der 
Realität, das Vermeiden von Mehrdeutigkeiten, die scharfe Bestim- 
mung aller Voraussetzungen: das insgesamt soll disziplinier- 
tes Denken genannt werden. 

Zur "Waffe des disziplinierten Denkens wird auch die "Wahr- 
scheinlichkeit gezählt : sie muß bei jeder Behauptung feststell- 
bar sein. Bei wissenschaftlich neu gefundenen Tatsachen ist aber 
keine Wahrscheinlichkeit im mathematischen Sinne bestimmbar, da 
nicht alle Umstände, sämtliche Einwirkungen, sofort übersehbar sind: 
die Wahrscheinlichkeit kann also hier keine geschlossene pein, 
sondern sie muß offen bleiben. Das disziplinierte Denken mK, 
wenn es vor neuen Feststellungen steht, mit Wahrscheinlich- 
keitsfaktoren operieren, welche keine exakte Zahlen der Wahr- 
scheinlichkeit (im mathematischen Sinne) angeben, sondern nur durch 
ihre Größenordnung ermöglichen, alles — ceteris paribus — in seiner 
Bedeutung abzuwägen. 

Ist aber das disziplinierte Denken in der Psychologie 
überhaupt möglich? Bleuler weist nach, daß der Unter- 
schied zwischen Psychologie und exakter Naturwissenschaft kein 
prinzipieller ist. Auch der von Jaspers, statuierte Unterschied 
von kausalem Denken in den Naturwissenschaften und verstehendem 
Denken in der Psychologie könne nicht weiterhin behauptet werden, 
denn psychologische Motive sind genau so Ursachen 
wie irgend welche physikalischen Ursachen. Es gebe eine psychische 
Kausalität genau in gleichem Sinne und nur in gleichem Sinne 
wie eine physische. Eine scheinbare Sonderstellung der Psychologie 
rühre daher, daß diese Wissenschaft am meisten Zus ammenhänge 
in einem einzelnen Falle zu erforschen habe. 



Normal-psychologische Grenzfr&gBn. 13 

Ein einzelner Fall könne aber auch auf frühere Erfahrungen 
zurück geführt- werden, wie es tatsächlich in der Psychoanalyse ge- 
schehe. Die Einfühlung in eine andere Seele, die Gleichförmigkeit 
dies psychischen Geschehens, die Erhöhung der "Wahrscheinlichkeit 
vmt Zusammenhängen durch die Seltenheit der beiden in Verbindung 
gebrachten Ereignisse, der Nachweis, daß zwei Ereignisse in dem- 
selben Him örtlich und zeitlich zrusammen treten, seien Prinzipien, 
n:icli welchen psychische Kausalzusammenhänge erforschbar sind. 
Au^li diese Kenntnis von Kausalzusammenhängen verlange zu ihrer 
Bestätigung oder Widerlegung die Kenntnis der "Wahrscheinlichkeits- 
faktoren. Bleuler will nur zur Bearbeitung der Erkenntnis der 
psychologischen Wahrscheinlichkeiten anregen. Als Beispiel einer 
Wahrscheinlichkeitsxmterauchung gibt er die Freudsche Analyse des 
Falle» „aliquis": 1. Ein, Vergessen eines so gewöhnlichen und 
farblosen Wortes trifft — für sich — nur höchst selten zu. 2. Die 
Zerlegung des vergessenen Wortes in 3 ,a' und „liquis" hat ■ — für 
bioli — eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit (vielleicht 1 : 100 000). 
3. Von den nachfolgenden zehn Assoziationen haben neun eine deut- 
liche Beziehung zum Komplex der Periode. 4. Daau kommt die 
Erfahrung, daß unangenehme Komplexe verdrängt werden. — So- 
mit ist die Beweiskraft des Falles „aliquis" eine recht große, der 
Wahxscheioliehkeitsfaktor des Zusammenhanges spricht für den 
Zusammenhang. 

Kaplans Bücher (loa, b) enthalten viele Einzelheiten aus der 
Denkpsychologie, sowie auch aus anderen psychologischen Gebieten. 
Der Ideengang dieser Bücher ist ein vergleichender, wissenschafts- 
geschichtlieher. 

D. Grundprinzipien des psychischen Geschehens. 
Wirkung der Gefühlsbetontheit. 

Das Unbewußte und das Bewußtsein arbeiten — nach Federn 
(4), der die betreffenden Ideen Freuds weiterspinnt — mit dem 
Lust- Unlustprinzip, das Bewußtsein außerdem mit dem Rca- 
litätsprinzip, welches eine Loslösung des Denkens von den 
Affekten bedeutet. Das Eealitätsprinzip hat die Vorstellung der 
Zeit zur Seite und es gruppiert kausal statt affektiv. Die Hem- 
mung des Lust-Unlustprinzips erfolgt durch die Angst, im „ethi- 



14 Dr. I. Hermann. 

sehen Stadium'- durch das „Gewissen". Vorbedingung' für die An- 
wendung des Realitätsprinzips ist, daß das Individuum Unlust 
(körperlichen Schmerz) aushalten kann. 

Der Begriff der Wirkliebkeitsanpassung, als ein Grundprinzip 
des Denkens, wird von verschiedenen Autoren (Freud, Bleuler, 
Schilder) aufgestellt. Die Anpassung erhebt nun Pikler 
(21, 22) zum Grundprinzip des gesamten Erkenntnisvorganges. Selbst 
die Empfindung sei kein „Eindruck" des äußeren Reizes. Beim 
Fehlen von Reizen verursach« 1 die Aktivität des Wachzustandes 
die „sinnliche Xegation", das heißt, ein Sinnesurteil, daß hier Stille 
herrscht, usw. Wenn ein gewisser äußerer Heiz sich geltend mache, 
so wende sieh die Tätigkeit des Wachzustandes, die innere Akti- 
vität, von dem früheren Zustande zum neueren. Die Empfindung 
selbst gehe aus dieser inneren Wendung hervor. Es müsse ange- 
nommen werden, daß es einen spontanen Wachtrieb, und dem ent- 
sprechend ein Begehren nach Wachsein, das heißt eine Wach- 
rigkeit gebe; diese Wachrigkeit will nun „die physische Wirkung 
des Reizes im Organismus verhindern, indem sie dieser ein genaues 
Gegengewicht schafft. Der Em pfindungs Vorgang ist eine ausglei- 
chende, anpassende Erhaltung der Organisation". Verallgemeinern 
und Abstrahieren sei ebenfalls Selbsterhalten, Anpassen. Schlafen 
sei auch eina aktive Tätigkeit, es sei Übung (Einübung der reinen 
Erhaltung des Ichs); Wachsein sei angepaßter Schlaf. Piklers 
Ideen laufen in gewisser Beziehung den psychoanalytischen parallel; 
so ist in der Idee, daß die Wachrigkeit an den Reizpforten Wache 
hält, daß sie an diesen Stellen „angespannt" sei, ein Parallelvorgang 
zur „Besetzung" zu erblicken. 

Es ist bekannt, daß Rausch bürg vor etwa 20 Jahren ein 
neues „neuropsychisches Grundgesetz" aufstellte, welches sieh auf 
die Verschmelzung gleicher Reizwirkungen gründet«. Henning (14) 
beweist nun experimentell die Unhaltbarkeit dieses Grundgesetzes, 
welches sein Urheber auch gegen die Freudsehen Erklärungen des 
Versprechens usw. wendete. Henning führt die Tatsache, daß 
identische Elemente einander oft störend beein- 
flussen, auf die in diesen Fällen geringere Ansprechbarkeit der 
„Residualkomponente", das heißt, der Gedächtnisspuren zurück. 
Henning wirft in seiner Rezension über die „Angewandte Psycho- 



Normal-psychologische Grenzfragen. 15 

loirie" dem Verfasser Erisman vor, daß er bei der Besprechung 
der Fehlleistungen die Freudsche Theorie und nicht seine Theorie 
der Residialhomponente anführe. Nun fühlen, wie aus den Proto- 
kollen Hennings ersichtlich, die Versuchspersonen bei der Dar- 
bietuno- von homologen (identische Glieder enthaltenden) Seihen eine 
ausgesprochene Unlust: sollte nicht — so fragen wir ■ — das 
Prinzip Ranschburgs auf die Unlustbetontheit zurückzuführen 

sein? 

Die Wirkung der Unlustbetontheit hat Spielrein (27) auch 
im Gebiete des Rechnens nachgewiesen. Aus Gründen, welche 
inj Rechnen selbst liegen, erhalten einige Zahlen eine Unlustbetont- 
heit. welche sich darin äußert, daß Rechenaufgaben, in welchen 
sie vorkommen, schwerer durchzuführen sind. Solche unlustbetonte 
Zahlen seien die „großen Zahlen" (6—9) oder die Zahl „3" oder „7". 
Dies* Zahlen seien auch diejenigen, welehe dem Erlernen von 
Reehejiformeln die größte Schwierigkeit entgegenstellen. Die Unlust- 
betontheit dieser Zahlen will Spiel rein durch die Reaktions- 
jnethode (Jung) und durch fortlaufendes Niederschreiben einstelliger 
Zahlen (fortlaufende Assoziation Freuds) bewiesen haben. 

Der Unlust war allgemein eine motorisch treibende Kraft ab- 
gesprochen. Rose (24) findet nun durch gründliche Versuche am 
Störringschen Dynamographen, daß die Empfindungsunlust — 
also die Unlust, welche das Subjekt nicht sich selbst, sondern der 
Empfindung zuschreibt — eine Steigerung des motorischen 
Effektes bewirkt. (Diese These wird nur gegenüber indifferenten 
Reizen abgeleitet.) 

E. Einzelne psychische Funktionen und Gebilde. 

Eine Ergänzung zum Begriff der Verdrängung, dieser mächtigen 
Funktion, bringt Freud (11) mit der Einführung des Begriffes: 
Uberwundensein. Beim Uberwundensein handelt es sich nicht 
um die Loslösung von einem Inhalt, sondern um die Aufhebung 
des Glaubens an die Realität eines Inhalts. Der Kultur- 
mensch hat die animistisehen Überzeugungen nicht verdrängt, son- 
dern überwunden; diese Überzeugung kann im Erlebnis des Unheim- 
lichen zum Tageslicht gelangen, denn „das Unheimliche des Erlebens 






16 Dr. I. Hermann. 

kommt zu stände wenn verdrängte infantile Komplexe durch 
einen Eindruck wieder belebt werden, oder wenn überwundene 
primitive Überzeugungen wieder bestätigt erscheinen". 

Bei der Aufmerksamkoits Konzentration wird — diesen 
Schluß zieht Ferenczi (5, 6) — ein Teil der sonst als Verdrän- 
gung fungierenden Energiemenge verwendet, was mit der Ereudschen 
Auffassung von an sich qualitätslosen, verschiebbaren Besetzungs- 
energien im Einklang steht. Neben dieser ökonomischen Beschreibung 
ist dynamisch der Aufmerksamkeits-Akt so aufzufassen, daß primär 
alle anderen Akte außer den eben betonten gehemmt werden. 
Jeder Akt setzt so eine ungleiche Hemmung aller Akte voraus. 
Akte des Denkens und Aufmerkens laufen parallel mit moto- 
rischen Innervationen, sie stehen in gegenseitiger quantita- 
tiver Abhängigkeit. Die psychische Energie geht aber nicht ganz 
einfach von einer Art Energie in die andere über, sondern es handelt 
sicli um komplizierte Vorgänge. 

Jones (16) beschäftigt sich eingehend mit der Symbolik. 
Um eine sichere Grundlage für die Theorie zu schaffen, werden die 
charakteristischen Eigenschaften der Symbole aufgezählt. Das sind: 
1. Vertretung einer anderen, wichtigeren Idee, 2. etwas gemeinsames 
beider Ideen, 3. das Symbol wirkt konkret auf die Sinnej die dar- 
gestellte Idee ist relativ abstrakt, 4. die symbolische Denkweise ist 
eine primitive Art des Denkens, 6. Symbole entstehen unbewußt, 
spontan, automatisch (wie ein "Witz). — Gegenüber anderen Anschau- 
ungen (z. B. Jung) vertritt Jones die Ansieht-, daß die Symbole 
in jedem Individuum neu entstehen und nicht infolge direkter Ver- 
erbung übernommen werden : die grundlegenden, ewigen menschliehen 
Interessen sind gleich, sie bringen die Gleichförmigkeit der Sym- 
bole zu stände. Die psychologische Grundlage der Symbolik ist die 
Identifizierung. Die Identifizierung bedeutet aber keine Ver- 
standesschwäche, sondern sie ist durch die Interessenrichtung erklär- 
bar und wird durch das Lustprinzip des primitiven Denkens und die 
Forderung des Ilealitätsprinzips, alles Neue an Altes anzupassen 
(damit alles Unbekannte einen Sinn erhalte"), hervorgerufen. Sym- 
bolisch dargestellt wird nur das Verdrängte, deshalb ist die 
Beziehung von darstellender und dargestellter Idee nicht umkehrbar. 



Normal-psychologische Grenzfragen. 17 

In den, Gleichnissen ist — nach Ferenczi (5) — eine 
Wiederholungelust und eine Wiederauffindungslust zu. bemerken, Er- 
scheinungen} welche aus der narzißtischen Libido abzuleiten sind. 

Wo Lust und Unlust einander in schneller Folge ablösen, wo 
»jo also oszillieren, dort bildet sich — nach Gerson (12a) — 
um drittes» eigenartiges Gefühl. Das wäre die Entstehung? weise 
,'.•-- Grusel-, Kitzel- und Schwindelgefühle. Diese Ge- 
fühlt* kü&tten als Durchgangsstadien zwischen der von Unlustgefühlen 
helifn-piliien Urzeit und der von Lustgefühlen geleiteten Zukunft 
,,, , .i ii i werden. Die oszillierenden Gefühle sollen den patholo- 
ffUäli» v u Gefühlen von Sadismus-Masochismus nahe stehen. 

F. Psychologischer Unterrieht. 

Die heutige Medizin läßt — wie es Bleuler (1) ausführlich 
darstellt — beim Menschen gerade das, was ihn ausmacht, die Seele, 
untwi'O'-kaichtigt, sie ist „psychophob" (A. Meyer) zum Schaden der 
Patienten, Ätzte und der "Wissenschaft. Es solle ein besonderes 
Kolleg für medizinische Psychologie geschaffen werden, welches alle 
Mediziner in den ersten klinischen Semestern zu besuchen hätten. 
In diesem Kolleg sollten unter anderem das^ Psychische an jedem 
Krankheitsbilde, die Mechanismen psychischer Krankheiten. Metho- 
den der Psychotherapie mit Anweisung für die Auswahl der Spezia- 
listen, Erziehung, Berufswahl, Arbeitseinteilung, das Sexualleben 
klargelegt werden; der Arzt muß überhaupt die Befähigung er- 
langen, die psychologische Seite aller Tagesfragen (Politik, Gesetze 
gebung) verstehen und würdigen zu können. 

Anhang: Tatbestandsdiagnostik. 

Hennings (32) Ziel ist, „die Frage des Richters ins Psycho- 
logische zu übersetzen". Die Frage des Richters könne aber nicht 
durch ein einzelnes Reizwort, nicht durch eine „einfache" Asso- 
ziation, sondern nur durch eine „mehrfache" Assoziation, also min- 
destens zwei kurz nacheinander (1 sec.) gegebene "Worte — der 
Doppel assoziation — ersetzt werden. Zwei Worte können so 
gewählt sein, daß sie eher auf einen gewissen Komplex hinweisen, 
als" es nur ein einziges Wort tut. Deshalb solle als Komplexf orsehungs- 
methode die Doppelassoziation (ein Reiz- und ein Störungswort) ein- 

fijGboanaljie, Beliebt 1614—1019. 2 



18 Dr. I, Hermann. 

geführt werden. Die Komplexmerkmale seien hier dieselben wie bei 
der einfachen Assoziation. 

Eine skizzenhafte Darstellung und Kritik der Tatbestands- 
dia gnostik gibt Rittershaus (34). Deren "Wesen macht die 
Komplexforschung aus, das heißt, das Suchen nach gefühls- 
betonten Ereignissen mit experimentaJ-psyohologischer Methode. Nur 
ein besonderer Fall dieser Komplexforschung finde sich dann vor, 
wenn die gefühlsbetonten Ereignisse selbst vor dem Untersucher ver- 
borgen sind; in diesem Falle heißt es, „psychische Probepunktionen" 
anzuwenden. Als eine Methode dieser Art soll die Freudache Psycho- 
analyse aufgefaßt werden. — Es wäre unrichtig, in der Tatbestands- 
diagnostik nur auf sicher objektiven Erscheinungen weiterbauen zu 
wollen; die Resultate dieser Diagnostik haben immer die Eigen- 
schaft von Symptomen, welche erst durch Zusammentreffen meh- 
rerer Momente die Überzeugung einer objektiven Tatsache bezwecken. 
Die Methode der visuellen Exposition der Reaktionswörter sei zu 
verwerfen. 

Es gibt nichts im Psychischen — so argumentiert Mezger (33) 
— , was nicht seinen Sinn hätte. Um aber zum Sinn zu gelangen, 
müsse man oft den manifesten Bewußtseinsinhalt durch den latenten 
ersetzen. So müsse die Tatbestandsdiagnostik jene besonderen biolo- 
gischen Gebilde aufdecken, welche Komplexe genannt werden und 
durch ihre Affoktbetonung die Bestimmung des Willens an sich 
reißen. Solche Komplexe seien die Ecsehuldigtenvernehmung be- 
treffend: 1. der Tatkomplex, 2. der "Willenskomplex (Verstellung, 
Lüge), 3, Ichkomplexe mit dem gesamten Vorleben des Verhörten, 
4, Sachkomplexe (durch sachliche Gemeinschaft zusammengehalten) : 
politische, soziale, wirtschaftliche, religiöse, philosophische, ethische 
Komplexe und die Sexualität. Auf Freud wird öfters verwiesen, 
aber Tor Übertreibungen warnend, eine Nachprüfung der Freudschen 
Ergebnisse verlangt. 



Das unbewußte. 

Referent: Dr. Th. Reik {in Vertretung von Dr. M. Eitingon). 



Literatur: 1. Bjerre Foul: Beivußtsem kontra Unbewußtes. J.V. S. 687. 

— 2, Bleuler Eugen: Unbewußte Gemeinheiten, Mönchen 1316. — 3. Ders.: 
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Schal*. XIX. — ß. Freud Sigm.: Das Unbewußt». Z.1II. 3.189,257. — 9. Derg.: 
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Psychoanalyse. I. Teil: Die Fehlhandlungem. 1916. — 11. Ders.: Zur Psycho- 
pathologie des Alltagalebens. Fünfte, Yerm. Aufl. 1917; sechste, verm. Aufl. 1919. 

— i~. Ders.: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Drei Teile. 19J8 
(bes. Vorlesg. 18. S. 309). — 13. Ganz Hans: Das Unbewußte bei Leibnitz 
in Beziehung zu modernen Theorien. Zürich 1917. — 14. Hinrichsen Otto: Zur 
Psychologie des Unbewußten. Zentralbl. f. Paa. IV. 1914. S, C06. — 15. Jelgersma 
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Die Psychologie der unbewußten Prozesse. Zürich 1917, — 17. Kaplan Jjeo: 
lirundzüge der Psychoanalyse. 1915. — 18. Ders.: Psychoanalytische Probleme. 
1916. — 19. Ders.: Hypnotismus, Animismus und Psychoanalyse. 1917. — 
3>. Kassowitz Max: Unbewußte Seelentätigkeit, österr. Rundsch. V. H. 60/61. 

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der hypnotischen Selbstbesinnung. München 1918, — 21a. Ders.: Das Unter- 
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des Unbewußten. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. Bd. 46. 1919. — 23. 
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Der Greif, Juli 1914. — 28. Voigttftnder Else: Über einen bestimmten Sinn 
des Wortes „unbewußt". Deutsche Psychologie. I. 1916. — 29. Wanke G.: 
Psychologie oder Metapsychologie. Ein Beitrag z. pBychol. d. Unbewußten. 
Fortschr. d. Med. 1914. Nr. 4. — 30. Windelband W.J Die Hypothese des 
Unbewußten. Heidelberg 1914. 

Beiträge aur Psychopathologie des Alltagslebens: la. Bitther 
Hans: Ein Beitrag z. Psychopathol. des Alltagslebens, Z. III. S.312. — 2a. Dukes 



i 



20 



Dr. Th. Reik. 



1 



Z III S 338 ^ h j ^erenczi S.: Über vermemtliche Fehlleistungen. 

8 269 t T~ t . ^ mann Hßnrik: Eiae ^UhaafflBnj im Felde TTv 

». d«. — Ta. Ders.: Em vergessener Name Z TIT S lßn o *r -^ 

Diverse Mitteilungen. Ä f X^ w5u Z~ J^Tt^ 
W-nMta Vorrat durch Sy^fc^te^ Z III J i * *** ° tfo: 
Fehlhandlung und Traum EMa% in« f." « . *~ 10& - I)ere,: 

von Finden. Ebda ?S iA ""^ De ™" Ei * det «™"ierter KiQ 

- 13» TTpit ™ i T. Dera * : - jD<>r teure Druckfehler." Ebda S 44 

iL n . * Theodor: Fehlleistungen im Alltagsleben Z III S ffl 
14a. Ders.: Analyse 2weicr rtanrilw PMaomene J g^J * In - & « - 

Da, Versprechen. Berliner Morgenpost 17 S 1914 i« -T f^*?* 

deutsames Verzählen. Z II S 173 i£ T.i. w ~ I>erS - : Ein be " 

zur Selbstberuhigcng. Z in S 43 rt n 1& f ! ^ F * Uleist ™S 

z. iv. s. is9 -tlL artii™ w?'~ ! ra,: Eiu ^ von Verleaea ' 

a 383 - aia »i« r JK?**£ S " Der ™S*«i» Name. Z. II. 
S& aLa t\ Em unbewuß *« Riehterspruch. Z. III g 350 

f x tf; rn : ^ s Ai ?r t ^ s - * 98 ' - £ *£ 

/• * A - /J - "• s - 1,a - 21a» Tansk Viktor: Z. P.U A. Z. IV S. 60 

Die abgelaufene Berichfeperiode hat den Betriff des Unbe- 
wußten durch Abgrenzung nnd Vertiefung in bedeutendem Maße 
geklart. Es ist kein Zufall, daß die Bolle und Funktion des Un- 
bewußten im psychoanalytischen Lager selbst Gegenstand eifriger 
DiskusHon wurde, da mit der fortschrei tenden Erforschung der 
Neurosen und Psychosen neue Probleme auftauchten, in deren Brenn- 
punkt die Präge nach den Eigenschaften, der Wirkungsart. und der 
Bedeutung des Unbewußten steht. Dazu kam, daß durch die neuen 
Anschauungen Jungs (16) und Adlers (la.) sow ie deren Schüler 
eine terminologische und sachliche Verwirrung einzutreten drohte, 
die das Bedürfnis nach Klarheit noch mehr steigerte. In eini-en 
Arbeiten, welche das bisher Bekannte über das Unbewußte zusam- 
menfassen und neue Gesichtspunkte sowie Erkenntnisse dem Ge- 
fundenen hinzufügen, hat Freud die notwendigen Aufklärungen 
gegeben; gezeigt, welche Tatsachen zur Annahme unbewußter seeli- 
scher Vorgänge zwangen, welche gerade dazu nötigten, dem Un- 
bewußten die von der Analyse erkannten besonderen Charaktere zu- 
zuweisen, und welche anderen es verboten, ihm Züge und Eigen- 



Eaa Unbewuflte. 21 

Schäften zuzuschreiben, die -der Spekulation entstammen. Sowohl in. 
äcn Vorlesungen (10, 12) als auch in seinen Aufsätzen (8) betont 
<.t i miner wieder, daß die Annahme des Unbewußten notwendig und 
legitim i*t und wir für die Existenz des Unbewußten mehrfache Be- 
weist" besitzen. Er verkenn i keineswegs die Vieldeutigkeit des Un- , 
bewußten, da es Akte, die zeitweilig unbewußt, und solche 
\ .jrgange, die verdrängt sind, umfaßt und zeigt, wie wertvoll der 
fupiw*u<* Gesichtspunkt für die Unterscheidung der verschiedenen 
Dignitiit psychischer Akte ist. Durch die psychische Topik, die 
nun ergänzend zu der dynamischen Auffassung seelischer Vorgänge 
tritt, ist es möglich anzugeben, in welchem System oder zwischen 
welchen psychischen Systemen sie sich abspielen. Die aich aufdrän- 
ir> ti-lt: En»ge nach der Existenz unbewußter Gefühle und Affekt- 
bildungeu erhalt ihre Antwort, wobei der Unterschied zwischen un- 
bewußten Vorstellungen, die eigentlich Erinnerungsspuren sind, und 
BBoJchtäi Affekten, die Abi'uhrvorgangen entsprechen, betont wird. 
Topik und Dynamik dur Verdrängung, die sich an Vorstellungen 
an der Grenze zwischen den Systemen Vbw. und Ubw. abspielt, 
ruckro in eine neue Beleuchtung durch Freuds) Beschreibung dieses 
Vorganges als einer Libidoentziehung und durch die Annahme einer 
Gegenbesetzirog zum Schutze des Systems Vbw. gegenüber dem An- 
drangen unbewußter Vorstellungen. Neben dem dynamischen und 
typischen Gesichtspunkt tritt so als dritter der ökonomische, der 
die Schicksale der Erregungsgrößen verfolgt. Die Beschreibung eines 
seelischen Vorgang nach seinen dynamischen, topisehen und öko- 
nomischen Beziehungen nennt i reud eine inetapsycho logische Dar- 
stellung. Die Charaktere der zum System Ubw. gehörigen Vorgänge 
sind Widerspruchsliosigkeit, Primärvorgang (Beweglichkeit der Be- 
setzungen), Zeitlosigkeit und Ersetzung der äußeren Realität durch 
die psychische. Freud gibt ein Bild des Verkehres der beiden 
Systeme, der nicht leicht beschrieben werden kann, und der Ent- 
wicklung von Abkömmlingen des übw. "Wichtige Ergänzungen der 
liitr entwickelten Gedankengänge liefert der Artikel Ereuds (9), 
welcher die Verdrängung behandelt. Die Unterscheidung einer Ur- 
verdrängung als einer ersten Phase von der eigentlichen Verdrän- 
gung als zweiter Stufe, die Beschreibung des Vorganges der Ab- 
stoßung vom Bewußten und der Anziehung durch das Urvor- 



22 Dr. Th. Reik. 

drängte, die Charakterisierung der Verdrängung als individuell und 
mobil werden für die Kenntnis des Unbewußten und seiner Wir- 
kungen außerordentlich aufschlußreich. Die Notwendigkeit der An- 
nahme unbewußter Vorgänge und die Wichtigkeit der analytischen 
Theorien werden in dem klaren Vortrag von Professor Jelgersma 
itf». hervorgehoben, dem als Zeugnis eines hervorragenden und vor- 
urteilslosen Psychiaters besonderer Wert zukommt. Um das Ver- 
ständnis unbewußter Vorgänge und ihrer vielfältigen Beziehungen 
m der Neurosen- und Psychosensymptematologie sowie um begriff- 
liche Differenzierung bemüht sich Kaplan (17-19), der in den 
meisten seiner Arbeiten auch den Vergleich mit den Begriffen und 
Bcsultaten der nicht analytischen Psychologie sowie der Philosophie 
heranzieht. In seinen zu wenig gewürdigten Artikeln erscheinen so 
wichtige Probleme, wie die der Verdrängung und der psychischen 
Polarität, das der Umkehrung, der Beziehungen des Unbewußten 
zur Außenwelt, der Determiniertheit seelischer Vorgänge und andere 
von mehreren Seiten beleuchtet und in oft scharfsinniger Art g e - 
fördert. Bei Bjerre (1) erscheint das Verhältnis von Bw. und 
übw. schematisch als absolut konträres, woraus sich für ihn weit- 
gehende Konsequenzen für Modifikationen in der Theorie und Praxis 
der Psychoanalyse, ergeben, die in der Richtung der Jungschen 
Lehren liegen. Diese selbst wurden mit Bezug auf den in ihnen 
bestimmten Charakter des 0bw. von Meyer (25) und Eitingon 
(5) einer so ausgezeichneten, sachlichen Kritik unterzogen, daß hier 
nur hervorgehoben sein soll, daß die Unterscheidung eines persön- 
lichen und überpersönlichen, „absoluten oder kollektiven" Unbe- 
wußten in dem Jungsehen Sinne sich in der Theorie ebenso irre- 
führend und willkürlich erweist, wie sie sich in ihren, sich für 
Jung ergebenden praktischen Konsequenzen als verhängnisvoll er- 
wies. Der Schein von Berechtigung, den die Jungschen Theorien 
über das Unbewußte besitzen, ergibt sich daraus, daß die Psycho- 
analyse bisher die Beziehungen individueller psychischer Vorgän- 
und solcher der Massenpsyche noch nicht genügend erforscht, bzw 
zum Objekt ihrer wissenschaftlichen Bemühungen gemacht hat Wi » 
vorsichtig sich Freud über den Inhalt des Ubw. in seiner Be- 
Ziehung zu dem kollektiven seelischen Besitz äußert, geht aus dem 
Vergleich mit einer psychischen Urbevölkerung hervor: „Wenn es 



Das Unbewußte. 23 

beim Menschen ererbte psychische Bildungen, etwas dem Instinkt 
der Tiere Analoges gibt, 60 macht dies den Kern des Ubw. aus. 
Dazu kommt später das während der Kindheitsentwieklung als un- 
brauchbar Beseitigte hinzu, was seiner Natur nach von dem Er- 
erbten nicht verschieden zu sein braucht. Ein© scharfe und end- 
gültige Scheidung des Inhaltes der beiden Systeme stellt sich in der 
Besel erst mit dem Zeitpunkte der Pubertät her" (8). "Wenn nun 
Jung aus den Phänomenen der Übertragung die Hypothese ge- 
winnt, daß bestimmte Attribute, die dem Arzt vom Patienten zu- 
erteüt werden, Projektionen der Inhalte des- überpersönlichen oder 
kollektiven Unbewußt seins sind, besondere „urtümliche" Bilder als 
Dominanten dieses Unbewußten bezeichnet und z. B. die Teufels- 
dominante, den „zauberischen Dämon", den "Werwolf usw. als In- 
halte des Kollektiv-Unbewußten vom übrigen scheidet, zeigt er ein 
fundamentales Mißverständnis des Charakters des Unbewußten. So 
eriWlri. es sich, daß die Psychoanalyse ihm nun etwa als Kampf 
mit den Figuren des Unbewußten als kollektiv-unbewußter Deter- 
minanten erscheint. In manchen Beziehungen wurden Silberers 
anagogisehe Theorien, auf die Voigtländer (28) sich bezieht, 
zu Vorläufern der Jungschen Gedankenbahnen. Voigtländer 
unterscheidet ein reales, ein konstruiertes und ein ideell regulieren- 
des Unbewußte, ohne daß die Berechtigung > — geschweige denn die 
Notwendigkeit — solcher Unterscheidung erwiesen würde. Ihr Zweck 
aber liegt klar zu Tage, wenn die Autorin für das Pflügen zwar 
das Nahrungsrnteresse als reales Motiv, die Zweckmäßigkeit als 
ideelles Regulativ anerkennt, aber nichts finden kann, was — trotz 
allen ihr bekannten folktoristischen, religions- und völkerpsycho- 
logischen Tatsachen — eine sexuelle Analogie zuließe. 

Bleuler (3) verteidigt die Existenz des Unbewußten gegen 
Kretschmer (22, 23) und weist mit Nachdruck darauf hin, daß 
dahinter kein leerer Name, sondern ein unentbehrlicher Begriff stehe, 
„der etwa, mit der nämlichen Wahrscheinlichkeit abgeleitet wird, 
wie Neptun aus den Störungen der Uranusbahn". Die wissenschaft- 
liche Auseinandersetzung zwischen Bleuler und Kretschmer 
mag als Zeichen dafür dienen, daß der Begriff des Unbewußten im 
Sinne Freuds nun auch außerhalb der Psychoanalyse zum Gegen- 
stand besonderer Diskussionen gemacht wird. "Wir sind hier ge- 



24 Dr. Th. Beik. 

nötigt, auf das Referat zahlreicher Publikationen von Neurologen 
und Psychiatern, in welchen diese Diskussion an einzelnen Stellen 
geführt wird, zu verziehten, und wollen nur darauf hinweisen, 
daß sie sich auch auf dem Gebiete der nichtanalytisehen Psycho- 
logie und der Philosophie immer stärker bemerkbar macht. Als 
Brücke zwischen diesen Untersuchungen darf die ruhige "Wür- 
digung der Bolle des Unbewußten im Geistesleben von Löwen- 
feld (24) bezeichnet werden, der, obwohl keineswegs ein Anhänger 
der Analyse, gerade das Verdienst Freuds um die neue Wissen- 
schaft vom unbewußten Seelenleben hervorhebt und einen Versuch 
der Synthese analytischer und nichtanalytischer Psychologie macht. 
Hatte J&lgersma die wissenschaftliche Vorurteilslosigkeit und 
Sachlichkeit bewiesen, die seine Rektoratsrede auszeichnen, so 
schreckte ein: bedeutender deutscher Gelehrter, "Windelband, vor 
der „unheimlichen Vorstellung" (30, S. 7) zurück, „daß zu unserem 
seelischen Lebensbestand Inhalte, Regungen und Strebungen gehören 
können, von denen wir in dem klaren Ablauf unserer bewußten 
Tätigkeiten nichts ahnen". "Wohltuend sticht von solcher affekt- 
reicher Abwehr die sachliche und kluge Untersuchung des Münche- 
ner Professors Aloys Fischer (7) ab, der die Gleichsetzung von 
seelischer "Wirklichkeit und Bewußtsein ablehnt, auf Grund theo- 
retischer Untersuchungen sich manchen Anschauungen der Psycho- 
analyse nähert und Dasein, Arten und Gesetzmäßigkeiten des Un- 
bewußten als Gegenstand der wissenschaftlichen Psychologie aner- 
kennt. Blochs (4), dem Referenten leider nicht immer verständ- 
lich gewordene Publikation geht spekulative ~W^ga und führt vom 
Physiologischen ins Transzendente und Absolute, ins Reich der 
Metaphysik. Als Symptom wachsenden Interesses für das Unbe- 
wußte von seiten der Philosophie muß die Studie erwähnt werden, 
die Ganz (13) über das Unbewußte bei Leibniz in Beziehung 
zu modernen Theorien geliefert hat. Dieser Autor vergleicht auch 
die Hypothesen von Hartmann, Hering, "Wundt, Semon usw. 
mit denen Freuds, so daß seine Arbeit eine Ergänzung zu Kap- 
lans Versuch einer Geschichte der "Wissenschaft vom Unbewußten, 
der von Mesmer über Charcot zu Freud führt, bildet (19). 
Die Psychopathologie des Alltagslebens mit ihren so zahlreichen 
und vielseitigen Beziehungen zum Unbewußten erfuhr eine der Ein- 



Das Unbewußte, 25 

t'uhrung besonders Bechnung tragende Darstellung in Freuds (10) 
Vorlesuniren, während die beiden neuen Auflagen der „Psychop&tho- 
Iütic des. Alltagslebens", welche in diese Berichtsperiode fallen, um 
Beispiele vermehrt erscheinen (11). Das Erleben des Tages 
- aus seiner Pulle immer neue Beispiele kleiner, unbewußt deter- 
Eiinierter Fehlleistungen erkennen. Fast alle Analytiker und viele 
außerhalb der Analyse stehende Personen haben Beiträge zu diesem 
Thema geleistet, in dessen Behandlung die Phänomene des Unbe- 
wiißten am leichtesten in ihrer Wirkung deutlich werden (la — 24a). 



Traumdeutung. 

Referent: Dr. 0. Sank, Wien. 



Literatur: 1. Adler Alfred: Traum und Traumdeutung. Zentralbl, für 
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Traum und Traumformen. Ein Beitrag zur Präge nach der Entstehung des Trau- 
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Schülerträume. Ztschr. f, Jugenderziehung u. Jugendfora. IV. • — 8. Davidson: 
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leben der Kinder. (Congres premier internat. de Pedologle Bruselles, acut 1911.1 
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Z, T. S. 300. — ■ 13. Federn Faul: Über zwei typische Traumsensationen, 
Jahrb. VI. S. 89. — 14. Ferenczi S. : Das ,, Vergessen eines Symptoms und seine 
Aufklärung im Tranine". Z. II. S. 381. — 15. Ders.: Der Traum vom Okklusiv- 
pesaar. Z. III. S. 29. — 16. Ders.: Affektvertauschung im Traum. Z. IV. S. 112. 

— 17. Ders.: Träume von Ahnungslosen. Z. IV. S. 208. — 18, Ders.: Pollution 
ohne orgastischen Traum und Orgasmus im Traum ohne Pollution. Z. IV. S. 187. 

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Z.IV. S.277. — 23. Ders.: Die Traumdeutung. Vierte, vermehrte Auflage. Mit 
Beiträgen von Dr. Otto Rank. 1914. — Fünfte, vermehrte Auflage, Mit Beiträgen 
von Dr. Otto Rank. 1919. — 24. Gerhardt F.: Unsere Träume und ihre Deu- 
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Z. IL S. 41, — 30. Ders.: Weitere Mitteilung von Kindheitsträumen mit spe- 
zieller Bedeutung. Z. II. S. 31. — 31. Ders. : Über eine im Traume ange- 



Traumdeutung. 27 

kündig! ■» Reminiszenz an ein sexuelles Jugenclerlebnis, Z. V. S. 203. — 32. 
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Kafka (Justav: Notiz über einen im Traum angestellten Versuch, den Traum 
selbst, zu analysieren.. Ztschr. f. angew. Psychol. VIIT. 1914. — 35, Ders.: Zweite 
Nmii usw. Ebenda IX. — 36. Kaplan Leo: Grundzüge der Psychoanalyse. 
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symbole. 2. IV. 284. — 40. Karpinska L.: Ein Beitrag zur Analyse sinnloser 
tt^m ia Traume. Z. II. S. 164. — 41. Kardos M.: Zur Traumsymbolik. Z.IV. 
fe. lU*. — i2 - Ders.: Aus einer Traumanalyse. Z. IV. S. 267. —43. Ders.: 
Zwei toest träume. Z.V. S.299. — 14. Ders.: Zur Stiegensymbolik im Traume. 
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therapie. VI. 1914. — 50. Lewin Hebert: Traum und Kunst. „März". 18. April 
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Kiuf Auseinandersetzung mit der Traumdeuterei der Wissenschaft. Die Grenz- 
boten. 1914. Nr. 7, — 52. Lomer Georg: Zur Technik des Traumes. Die Um- 
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wissenschaftlicher Grundlage. München o. J. — 54. Ders.: Die Welt der Wahr- 
träume. Leipzig 1919. — 55. Maeder Aliens : Über das Traumproblem. Jahrb. V. 
1913. S. 453. — 56. Neue Erscheinungen über Schlaf, Traum und Grenzgebiete. 
Ztschr. f. angew. Psychol. XV. 447. — 57. Neuere Literatur über Schlaf und 
Traum, Ebda. IX. 1914. — 68. Niedermann Julius: Drei Träume. Berner 
Seminarblätter. VIII. — 59. Page J.: Ein Wahrtraum. Zentralbl. f. Psa. IV 
S. «3. — 60. Petersen Marg.: Ein telepathischer Traum. Zentralbl. IV. S. 81. 

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zum indirekten Sehen. Ztschr. f. d. ges. Neuro], und Psych. Bd. 37. 1917. 

— 62. Rank Otto: Fehlhandlung und Traum. Z. HI. S. 158. — 63. Ders.: 
Die Geburts-Rettungsphantaaie in Traum und Dichtung. Z. II. 43. — 64. 
Hers.: Ein gedichteter Traum. Z. III. S. 231. — Gü. Ramnarayan : The Dream 
Problem. Delhi. India-i). — 66. Reik Theodor: Der Nacktheit? träum des For- 
schungsreisenden. Z, II. S. 463. — 67. Ders.: Traum und Kunst. „März". 
9. Mai 1914. — 68. Ders.: Gotthilf Schuberts „Symbolik des Traumes". Z. III. 
S. 295. — 69. Sachs Hanns: Das Zimmer als Traumdarstellung des Weibes. 
Z.H. S. 35. — 70. Dera.: Ein absurder Traum. Z. III. S. 35. 71. SadgerJ.: 
Cber Pollutionen und Pollutionsträume. Fortschr. d. Med. 36. Jahrg. 1918/19. 
Nr. li/15. — 72. Schilder Paul und Herachmann H.: Träume der Melancho- 
liker etc. Ztschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. Bd. 53. 1919. — 73. Schulze 
Hedwig: Ein Spermatozoentraum im Zusammenhang mit Todeswünschen. Z.H. 
S. 34. — 74. Silberer Herbert: Der Traum. Einführung in die Traumpsycho- 
logie. Stuttgart 1919. — 75. Spielrein S.: Zwei Monseeträume. Z. II. S. 32. 

— 76. Spitteler Karl: Die Träume des Kindes. Südd. Mon.-Hefte 19U. — 
77. Starcko August: Traumbeispiele. Z. II. S. 3811 — 78. Stekel Wilhelm: 

J ) Dieses 1920 in Indien erschienene Buch, das eine große Beiho von indi- 
schen, englischen und amerikanischen Traumtheorien bespricht, denen der Autor 
dann seine eigene anfügt, enthält auch eine Darstellung der F reudschen Trauni- 
theone und -analyse und zitiert eine Anzahl psychoanalytischer Werke 



28 Dr. 0. Hank. 

Eine Aufgabe für Trauindeuter. Zentral«, f. P.«a. IV. 107. — 79. Ders.: Indi- 
viduelle Traumsymbole. Ebda. 289. — 80. Ders.: Fortschritte der Traum- 
deutung. Ebda. 520. — Bl. Stutzer Gustav: Geheimnisse des Traumes. 1917. 

— 82. Tausk Viktor: Zwei homosexuelle Träume. Z. II. S. 36. — 83. Ders.: 
Ein Zahlentraum. Ebda, 39. — 84. Verworn: Über den Traum. Handwörter- 
buch d. Naturwiss. _ 85. Weiß Edoordo: Totemmaterial im Traume. Z.H. 
S. 159. — 66. Wexberg Erwin: Zur Verwertung der Traumdeutung in der 
Psychotherapie. Ztschr. f. Individualpsychol. 1/1. 1914. 

87. Materialien: Daphnie und Ohloe. Z. V. S. 307. — 87a. Dostojewski 
über den Traum. Z. V. S. 307. — 87b. Der Fürst toxi Ligne und die Träume 
(von Mas Hochdorf). Z. III. B. 249. — 87c. Jokai Manrna über den Traum. 
Z. V. S. 307. — 87d. Petroniue Safcyrikon. Zentralblatt f. Psa. IV. 1914. S. 615. 

— 87e. Traum Benvenuto Oellinia (v. W. Stekel). Zentralbl. f. Paa, IV. 1911. 
S. 322. — 87f. Bin Traum Goethes. Ebda^ 512. 

88. Zur Symbolik: Ferenezi S.: Sinnreiche Variante des Schuhsymbols 
der Vagina. Z. IV. S. 112. — 88a. Fischer A.: Die Quitte als Vorzeichen bei 
Persern und Arabern und daa Traumbuch des Abdal Rani an Nabuluaie. Ztschr. 
d. deutsch, morgl. Ges. 1914. — 88b. Jones Ernest: Die Theorie der Symbolik. 
Z. V. S. 244. — 88c. Tranmaeuterei, Astronomie und Astrologie in China. 
Himmel und Erde. 1913. 

Kleinere Beiträge: Z. I. S. 159, 161, 378/79, 492—94, 495, 556, 5G9. 
Z. IL S. 50-59, 379—82. 

Seit dem letzten Sammelreferat (Jahrb. VI, S. 272) sind zwei 
Neuauflagen, der „Traumdeutung" (4. Aufl. 1914 und 5. Aufl. 1919 *) 
sowie Freuds „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" 
erschienen, deren zweiter Teil der Darstellung des Traumes ge- 
widmet ist. Da in diesen "Werken die wesentlichen Bereicherungen 
der Traumdeutung und auch die in der Literatur erkennbaren Fort- 
schritte der letzten Jahre niedergelegt sind, erseheint es zweck- 
mäßig, an der Hand der Darstellungen Freuds die "Weiter- 
entwicklung der Traumlehre zu verfolgen. 

Wir stellen einen Satz Freuds aus der letzten Auflage der 
Traumdeutung voran (S. 409), der zwar nichts wesentlich Xeues 
bringt, aber doch ein charakteristisches Licht sowohl auf die Ver- 
tiefung des Traumverständnisses durch die Analyse wie auch, auf 
die Bedeutung dieses Verständnisses für die ganze Menschheits- und 
Kulturgeschichte wirft: „Das Träumen ist im ganzen ein Stück 
Regression zu den frühesten Verhältnissen des Träumers, ein "Wieder- 
beleben seiner Kindheit, der in ihr herrschend gewesenen Trieb- 
regungen und verfügbar gewesenen Ausdrucksweisen. Hinter dieser 
individuellen Kindheit wird uns dann ein Einblick in die phylo- 

!) Mit zwei Beiträgen des Referenten: 1. Traum und Dichtuntr 
2. Traum und Mythus. u "«"b, 



Traumdeutung. 29 

genetische Kindheit, in die Entwicklung des Menschengeschlechtes, 
versprochen) von der die des einzelnen tatsächlich eine abgekürzte, 
durch die zufälligen Lebensumstände beeinflußte "Wiederholung ist. 
"Wir ahnen, wie treffend die Worte Fr. Nietzsches sind, daß 
uifji im Traume ,ein uraltes Stück Menschtum fortübt, zu dem 
man auf direktem Wege kaum mehr gelangen kann', und werden 
zur Erwartung veranlaßt, durch die Analyse der Träume zur 
Kenntnis der archaischen Erbschaft des Mensehen zu. kommen, das 
aeeliactlj Angeborene in ihm zu erkennen. Es scheint, daß Traum 
(Ui'1 Neurose uns mehr von den seelischen Altertümern bewahrt 
haben, als wir vermuten konnten, so daß die Psychoanalyse einen 
hohen Rang unter den Wissenschaften beanspruchen darf, die sich 
bemühen, die ältesten und dunkelsten Phasen des Menschheits- 
begtniK« zu rekonstruieren" (23, S. 409). 

Die hiebei sich aufdrängende Frage, „ob es gelingen wird, zu 
unterscheiden, welcher Anteil der latenten seelischen Vorgänge aus 
tjiir individuellen und welcher aus der phylogenetischen Urzeit 
stammt", möchte Freud (21, S. 222) nicht verneinen. Insbesondere 
erscheint ihm die Symbol bildung, die der einzelne niemals erlernt 
hü r . zum Anspruch berechtigt, als phylogenetisches Erbe betrachtet 
xti werden. 

Damit sind wir bei dem auch heute noch interessantesten Thema 
der Traumdeutung, nämlich der Symbolik, deren Bedeutung die 
Aufgabe der Traumdeutung weit überschreitet und an der zahl- 
reiche noch ungelöste Probleme haften. Gerade jene nicht seltenen 
Fälle, welche das Gemeinsame zwischen dem Symbol und dem 
Symbolisierten nicht ohne weiteres erkennen lassen, weisen darauf 
hin, daß die Symbolbeziehung genetischer Natur ist. „Was heute 
symbolisch verbunden ist, war wahrscheinlich in Urzeiten durch 
begriffliche und sprachliche Identität vereint" (23, S. 240). Dabei 
kann man beobachten, daß die Symbolgemeinschaft in einer Anzahl 
von Fällen über die Sprachgemeinschaft' hinausreicht. Einige durch 
die fortgesetzte analytische Arbeit weiterhin verifizierte Traum- 
Symbole führt Freud (23, S. 241—245, neu eingeschaltet 249/250, 
253 — 260) an, nicht ohne davor zu warnen, die Symboldarstellung 
unterschiedslos mit den anderen Arten indirekter Darstellung zu- 



30 Dr. 0. Rank 

sammenzuwerfen, von denen er (23, S. 278—280) eine Keine mit- 
unter höchst witziger und amüsanter Beispiele hringt. 

In der Anwendung der Symholdeutungen hei der Traumanalyse 
warnt Freud davor, ihre praktische Bedeutung zu überschätzen 
und etwa ihr zuliebe die Einfallstechnik zu vernachlässigen, der 
praktisch wie theoretisch der Vorrang verbleibt, während die Symbol- 
übersetzung nur als Hilfsmittel hinzutritt. Man wird so zu einer 
kombinierten Technik genötigt, „welche sich einerseits auf die 
Assoziationen des Träumers stützt, anderseits das Fehlende aus dem 
Symbolverständnis des Deuters einsetzt" (23, S. 240). 

Eng verwandt mit der Symbolik ist das Thema der typischen 
Träume, bei deren Deutung die Einfälle des Träumers in der 
Begel gleichfalls versagen. Bei diesen Träumen unterscheidet Froud 
jetzt scharf zwei Klassen (23, S. 262): solche, die wirklich jedes- 
mal den gleichen Sinn haben, und solche, die trotz des gleichen 
oder ähnlichen Inhaltes doch die verschiedenartigsten Deutungen er- 
fahren müssen, weü dieselben (typischen) Gedanken und Vorstel- 
lungen sich der verschiedensten unbewußten "Wünsche zur Trautn- 
bildung bedienen können. 

Die ungenügende Beachtung der wichtigen Unterscheidung zwi- 
schen den latenten Traumgedanken und den unbewußten Traum- 
bildnem seheint die zweite, gegenwärtige Phase des Traum Verständ- 
nisses der wissenschaftlichen Welt zu repräsentieren, nachdem die 
erste Phase der Verwechslung von manifestem und latentem Traum- 
inhalt als teilweise überwunden betrachtet werden kann. 

„Nachdem man so lange den Traiun mit seinem manifesten In- 
halt zusammenfallen ließ, "muß man sich jetzt auch davor hüten, 
den Traum mit den latenten Traumgedanken zu verwechseln" (23, 
S. 430 Anmkg.). „.Traum 1 kann man nichts anderes nenneo, als 
das Ergebnis der Traumarbeit, das heißt also die Form, in welche 
die latenten Gedanken durch die Traumarbeit übergeführt worden 
sind" (21, S. 201). 

Wie die meisten Mißverständnisse, psychoanalytischer Ein- 
sichten hat auch diese Verwechslung der latenten Gedanken mit 
dem Traum selbst bei analytischen Außenseitern als unbewußter 
Widerstand Eingang gefunden. Nachdem Adler (1) von der „vor- 
ausdenkenden" Funktion des Traumes gesprochen hatte, stellte Mae- 



Traumdeutung. 31 

i [ (55) eine „fonction ludique'' des Träuniens auf, ohne zu be- 
achten, daß all diese „prospektiven." Tendenzen ,,Funktioneu des 
vorbewußten Wachdenkens sind 1 ), deren Ergebnis uns durch die 
Analyse der Träume oder auch anderer Phänomene verraten werden 
kann" (23, S. 430 Annikg.). Kaplan äußert sich zu dieser Frage 
u. einem eigenen Abschnitt (III) seines Buches (37): „Über eine 
angebliche teleologische Funktion des Traumes" und spricht Mae- 
der das Eeeht ab, von einer „Vorübung" der bewußten Tätigkeit 
beim Traum zu sprechen, der die Wuuschbefriedigung halluzina- 
loriseh, das heißt mit Umgehung der Realität bewerkstellige. 

Diese Behauptung ist also „als Charakteristik der unbewußten 
i$$Htr;stätigkeit, der die latenten Traumgedanken angehören, einer- 
seits keine Neuheit, anderseits nicht erschöpfend, denn die unbe- 
wußte Geistestätigkeit beschäftigt sich, mit vielem anderen neben 
der Vorbereitung der Zukunft" (21, S. 267). Auf Heranziehung 
dieae* umfassenderen Inhaltes der latenten Traumgedanken scheint 
di>' Entstellung der Freudschen Wunsehtheorie zu beruhen, 
die Silbercr neuestens versucht hat (74). Er glaubt, sich 
nicht mit einer exklusiven Wunsehtheorie identifizieren zu können 
(S. 50). Es sei zwar „wirklich bei allen Emotionen (und Emotionen 
sind für den Traum das unbedingt Erforderliche) das 'Wunsch- 
leben; des Menschen irgendwie beteiligt. Aber es fragt sich, ob 
die ständige Orientierung des Betrachters nach dieser Richtung hin 
immer das Charakteristische, das Wichtigste, das Leitmotiv hervor- 
heben läßt. Ich glaube bei aller Zustimmung zu der Lehre von 
den verborgenen Wünschen und ihrem unkenntlichen Auftreten, 
mich doch einer allgemeineren Formel bedienen zu sollen, indem 
ich sage: der Erreger des Traumes ist allemal ein emotionell 
hochwertiger Faktor 2 ), der mit lustvoller und unlustvoller 
Färbung unser Interesse wachruft, uns in frohe Erwartung, in 
selbstgefällige Bespiegelung, in" bange Befürchtung, in sorgende 
Betrachtung, in bittere Anklage oder sonst in eine vom Affekt 
beseelte innere Handlung bringt. Zumeist sind mehrere Fak- 
toren 2 ) zugleich an dem Traume beteiligt" (S. 63). Wir finden 
hier das gleiche grobe Mißverständnis der Traumtheorie wieder, das 

') Wie neuerdings eine äußerst instruktive Arbeit von Dr. Vareadonck 
(Gent) beweist, welchs demnächst publiziert werden soll. 
') Vom Autor selbst gesperrt! 



32 Dr. 0. Bank. 

Silberer — trotz mancher wertvollen Beiträge zur Traumlehre 
— mit den meisten Lesern der Traumdeutung 1 teilt. Der Traum 
mag Warnung, Vorsatz, Vorbereitung usw. sein, insoweit man nur 
die durch ün vertretenen Gedanken berücksichtigt; „er ist immer 
auch die Erfüllung eines unbewußten Wunsches, und er ist nur 
dies, wenn Sie ihn als Ergebnis der Traumarbeit 1 ) betrachten. 
Ein Traum ist also auch nie ein Vorsatz, eine Warnung schlecht- 
weg, sondern stets ein Vorsatz u. dgl., mit Hufe eines unbewußten 
Wunsches in die archaische Ausdrucksweise übersetzt und zur Er- 
füllung dieser Wünsche umgestaltet. Der eine Charakter, die Wunsch- 
erfüllung, ist der konstante; der andere mag variieren; er kann 
seinerseits auch ein Wunsch sein, so daß der Traum einen latenten 
Wunsch vom Tage mit Hilfe eines unbewußten Wunsches als er- 
füllt darstellt" (21, S. 251 f.). Die so häufige Verkennung dieses 
Sachverhaltes auch in analytischen Kreisen rührt daher, daß er 
in praxi für gewöhnlich vernachlässigt werden darf. Nicht nur 
bei der Deutung von Träumen Gesunder, sondern auch in der ana- 
lytischen Tätigkeit interessieren uns in der Regel nur die vorbe- 
wußten Gedanken, die sich einmal ebenso gut der Traumform be- 
dienen können, wie sie sich andere Male im freien Einfall oder in 
einer Eehlhandlung äußern. „Man strebt meist nur danach, die 
Traumform wieder zu zerstören und die latenten Gedanken, aus 
denen der Traum geworden ist, an seiner statt in den Zusammen- 
hang einzufügen" (21, S. 250). 

Angesichts der immer noch herrschenden Unkenntnis des We- 
sens der Ereudschen Wunschtheorie müßte man es dankbar be- 
grüßen, daß Freud neuerdings wieder (22) einen tiefer dringenden 
und klärenden Vorstoß auf diesem Gebiete unternommen hat, wenn 
man nicht fürchten müßte, daß diese neuen Aufklärungen den- 
jenigen nicht viel nützen werden, welche die früheren noch nicht 
aufzunehmen im stände waren. Diese „Met apsycho logische 
Ergänzung zur Traumlehre" versucht die im VII. Abschnitt 
der „Traumdeutung" niedergelegten psychologischen Erörterungen 
über Bau und Funktion des seelischen Apparates auszugestalten und 
zu vertiefen. Freud knüpft- dabei an den für das Verständnis 
der Traumbildung fundamentalen Begriff der Regression an und 
*) Hervorhebung vom Referenten. 



Traumdeutung. 3£ 

imtei scheidet dreierlei Arten derselben: „a) eine topische im Sinne 
des entwickelten Schemas der äf-Systeme, V) eine zeitliche, in- 
noittru es sieh um ein Kückgreifen auf ältere psychische Bildungen 
lutnd''M- und c) eine formale, wenn primitive Ausdrucks- und 
Darstellungsweisen die gewohnten ersetzen. Alle drei Arten von 
Regression sind aber im Grunde eines und treffen in den meisten 
l:illifn zusammen, denn das zeitlich Ältere ist zugleich das formal 
Primitive und in der psychischen Topik dem 'Wahrnehmungsende 
Nähere" (23, S. 409). Von den zeitlichen Regressionen sind wieder 
iL\m zu unterscheiden: „die der Ich- und die der Libidoentwieklung. 
|)ii- letztere reicht beim Schlaf zustand bis zur Herstellung des 
primitiven Narzißmus 1 ], die erstere bis zur Stufe der 
li al luzinatorischen Wunschbefriedigung" (22). Als 
Solch» ist die populäre ,, Wunscherfüllung" des Traumes eigentlich 
psychologisch zu verstehen, indem der primitive Narzißmus, durch 
gewisse, ihre Vitalität auch während des Schlafes festhaltenden 
Systembesetzungen gestört, sich ihrer durch Ableitung der Tages- 
raste mittels; des einen jibw Triebanspruch repräsentierenden Traum ■ 
wunsehes in die auf regressivem Wege erzielte Befriedigung zu 
erwehren sucht. Somit wären „die Träume Beseitigungen 
-ehl&fstöreuder (psychischer) Reize auf dem Wege 
der halluzinierten, Befriedigung" 1 ) (21, S. 145). Diese For- 
mel, welche durchaus nichts Neues, sondern nur die konsequente 
Herausarbeitung der bereits in der „Traumdeutung" entwickelten 
Wunsch theorie bringt, läßt in ihrer allgemeinen Fassung Platz 
für die verschiedensten psychischen Beize (sowohl von den Ich- 
wie von den Sexualtrieben her), ohne sich auf eine konstant blei- 
bende sexuelle Determinante festzulegen, wie oberflächlicher oder 
böswilliger Unverstand gemeint hat. Wenn in den Traumdeutungen, 
namentlich der Neurotiker. aber auch der normalen Erwachsenen, 
das sexuelle Material vorwiegt, so hat das wieder mit dem 
eigentlich traumbildenden unbewußten Wunsch der Theorie prin- 
zipiell nichts zu tun, sondern ist nur ein Ausdruck und für uns 
uin Beweis dafür, daß das Sexuelle im Psycliisehm — und natür- 
lich besonders im Verdrängten ■ — des Menschen einen ungeheuer 
breiten Baum einnimmt. Aber selbst die Behauptung, daß alle 

*) Vflm Autor selbsL hervorgehoben. 
Piyohosntlyu, BwJelit 19W— 1»18, 3 



34 Dr. 0. Rank. 

Träume eine sexuelle Deutung erfordern, gegen welche in der Lite- 
ratur unermüdlich polemisiert, wird, ist Freud» „Traumdeutung" 
fremd, Sie ist in fünf Auflagen dieses Buches nicht zu finden 
und steht in greifbarem Widerspruch zu anderem Inhalt desselben 
(23, S. 270). Da sie dennoch so hartnäckig wiederholt wird, so 
könnte Referent sich durch seine erweiternde Modifikation der 
Freudgehen Grundformel daran schuldig fühlen, wenn dieser Vor- 
wurf nicht, auch schon vor ihrer Aufnahme in die „Traumdeutung" 
(3. Aufl. 1911, S. 117 Anmkg.) nnberechtigterweise gegen Freud 
und seine Neurosenlehre erhoben worden wäre. Wie gewissenlos aber 
selbst jetzt noch in dieser Hinsicht auch von Autoren verfahren 
wird, die der l'syehoanalyse nahe stehen, zeigt die Tatsache, daß 
Silber er (74, S. 63) nach ungenauer "Wiedergabe der Freud- 
schen Formel die des Referenten ohne Namensnennung und in einer 
Weise zitiert, aus der man den Eindruck gewinnen muß, sie sei 
eine genauere Formulierung von Freud selbst. Die ganze, über- 
aus charakteristische Stelle lautet wörtlich: „ja man kann sogar 
einen Standpunkt einnehmen, von dem aus der Traumerreger stets 
als .Wunsch' gesehen wird (Freud). Die genaueste Formel dieser 
Ansicht. deren volles Verständnis man allerdings nur durch viel 
eingehendere Würdigung des Freud sehen Systems vermitteln 
könnte — lautet: ,Der Traum stellt regelmäßig auf der Grundlage 
und mit Hilfe verdrängten infantil-sexuellen Materials aktuelle, in 
der Regel auch erotische Wünsehe in verhüllter und symbolisch 
eingekleideter Form als erfüllt dar"'. 

Diese Formel, welche sich einerseits nur mit dem Material 
des Traumes beschäftigt und die Theorie außer acht läßt, gestattet 
anderseits auch eine zwanglose Subsummierung der sogenannten Be- 
q_uemlichkeita-(Hunger-, Durst-, Harnreiz )Träume usw., indem sie 
die aktuellen Wunsche als „in der Regel" erotisch bezeichnet 1 ;, davon 
also Ausnahmen zuläßt. Tatsächlich aber erweisen sieh die meisten 
sogenannten Bequemlichkeitsträume Erwachsener nicht als 
Ausnahmen von der Regel, indem sie eine recht beträchtliche erotische 



"■) Daß die Formel ans der Untersuchung des .Materials vun Träumen E r- 
waehsener gewonnen ist, sollte vielleicht ausdrücklich bemerkt werden, ob- 
wohl es sieh, an* dem Hinweis auf das verdrängte infantil-sexuelle Material, 
welches naturgemäß beim Kinde noch nicht vorbanden sein kann, von selbst 
versteht. 



Traumdeutung, 35 

Untei'f ül terung erkennen lassen, wenn man sich bequemt, auf ihre 
^naJvse einzugehen, anstatt ihren scheinbaren Bequem! ichkeits- 
(«har.ikW einfach durch eine „Bequemlichkeit.sdHutung" anzuerkennen. 
So wird z. B. der erotische Heiz im Traume nicht selten in 
infimliler Einkleidung als Harnreiz dargestellt, ja der der Bequem- 
tiehkeitetendenz dienende Harnreiztraun> ist häufig durch einen 
»»stiel lea. Heiz verursacht. Anderseits verraten uns die Pollutions- 
Lräuwn in ihrem Effekt mit melir minder experimenteller Deutlieh- 
kniii den. sexuellen Sinn sich harmlos gebärdender Traumbilder. 
Anknüpfend an die betreffenden Ausführungen des Referenten hat 
Feienozi in einem Artikel ,, Pollution ohne orgastischen Traum 
und Orgasmus im Traum ohne Pollution" (18) auf bestimmte typische 
CS nippen von unsinnlichen Orgasmusträumen hingewiesen (Beschäf- 
tigui igst räume, Angstträume mit Pollution usw.) sowie auf den viel 
selteneren Typus von unverhüllten Koitusträumen ohne Pollution. 
Im ersten Falle ist der ubw Wunsch stark genug, um den orga- 
iiusch»'« Genitalprozeß in Gang zu setzen, aber zu bchwach, die 
allzu strenge Zensur zwischen Ubw und Vbw zu durchbrechen. 
Bttuii orgastischen Traum ohne Pollution dürfte hingegen der ubw 
Sexualwunsch an und für sieh zu schwach sein, um einen Samen- 
erguß zu erzeugen; er dient hier nur dazu, die Stelle des vbw 
unerträglichen Gedankens zu vertreten" (S. 192). Neuerdings hat 
Sa dg er (71) die Beziehung der Pollutionsträume zur Urethra lerotik 
ho wie zu Ejaculatio praecox und psychischen Impotenz betont. Bei 
allen diesen Problemen ist die Übereinanderschiehtung der 
Bedeutungen des Traumes niemals zu vergessen, deren Würdigung 
einen am ehesten vor der Aufstellung voreiliger Behauptungen über 
..< i Wt-sen des Traumes bewahren kann. 

Was den bereits im vorigen Jahresbericht (S. 277 f.) gewürdigten 
positiven Beitrag Silberers zur Traumdeutung betrifft, das soge- 
nannte (.funktionale" Phänomen (von manchen fälschlich als funk- 
tionale „Symbolik" bezeichnet), so anerkennt Freud dasselbe als 
einen zweiten, wenn auch minder konstanten Beitrag zur Traum- 
bildung von Seite des Wachdenkens neben der viel bedeutsameren 
„sekundären Bearbeitung". Jedoch wäre das funktionale Phänomen 
viel mißbraucht worden, indem es der alten Neigung zur abstrakt 
symbolischen Deutung der Träume entgegenkomme. Insbesondere 

3* 



36 Dr. 0. Rank. 

die immer mehr von Silber er betonte ,.Schwellensymbolik" konnte 
Freud ungleich seltener finden, als man nach den Mitteilungen 
Silberers erwarten sollte (23, S. 344). Diese Phänomene be- 
schreiben eigentlich das Verhalten einer rein registrierenden see- 
lischen Instanz, -welche feststellt, daß unter Umständen eine Art 
von Selbstbeobachtung bei der Traumzensur mittätig ist, die ihren 
Beitrag zum Trauminhalt liefert, ohne weiter etwas zum Verständnis 
des Traumes als eines seelischen Produktes beizutragen. 

Einer Behauptung Silberers kann nicht oft und energisch 
genug widersprochen werden, da sie, bis nun völlig unbewiesen, 
doch gerne von all denen wiederholt wird, welche die grundlegenden 
Verhältnisse bei der Traumbildung verschleiern und das Interesse 
von ihren Triebwurzeln ablenken möchten. Es handelt sich um den 
Nachweis, den uns Silberer bis heute schuldig geblieben ist 
und den man auch in seiner letzten Arbeit vergeblich sucht 
daß der Traum neben der „psychoanalytischen" Deutung noch die 
sogenannte „anagogische" zum vollen Verständnis erfordere, welche 
auf die Darstellung der höheren Seelenleistungen hinzielt. Sil- 
berer hat diese Behauptung nickt durch Mitteilung einer Beihe 
von Träumen, die er nach beiden Biehtungen analysiert hätte, er- 
wiesen. Nach unseren analytischen Erfahrungen besteht eine solche 
Tatsache nicht; die meisten Träume verlangen nicht einmal eine 
ttberdeutung, geschweige, daß sie einer anagogisohen Deutung fähig 
wären. In den Fällen, wo sie möglich ist, wird sie vom Träumer 
in der Eegel unmittelbar gegeben, während die richtige „Deutung" 
des unterschobenen Materials mit den bekannten technischen Mitteln 
gesucht werden muß (23, S. 391). Wollte man aber die sich etwa 
bei der Traumdeutung der in psychoanalytischer Behandlung stehen- 
den Patienten ergebenden Gedankengänge, die sieh auf die Subli- 
mierung (sowie auf Übertragung und Widerstand) beziehen, als 
„anagogische" Deutung ausgeben wollen, so müßte auch »hier wieder 
vor der Verwechslung des Traumes mit dem Traummaterial (den 
vorbewußten Gedanken) gewarnt werden; eine Warnung, die Freud 
auch denen gegenüber angebracht hat, welche die „Lenkb arkeit" 
der Träume durch den Analytiker als Argument gegen die Objek- 
tivität der Traumforschung verwenden wollten. „Der Analytiker 
spielt also bei diesen Beeinflussungen seiner Patienten keine andere 



Traumdeutung. 37 

K„IU' als der Experimentator der ... . den Gliedern seiner Versuchs- 
personen, gewisse Stellungen erteilt. Man kann oftmals den Träumer 
i .. , Kiflussen, worüber er träumen soll, nie aber darauf einwirken, 
u :i s er träumen wird. Der Mechanismus der Traumarbeit und der 
mitmwußte Traiimwunsch sind jedem fremden Einfluß entzogen" 
■M S 269). 

In der Abweisung der haiinäckig wiederkehrenden Verwechs- 
|imu des Traumes mit den latenten Gedanken, welche zu Einwen- 
,|i;m>'i-n gegen die Wunscherfüllungstheorie verwendet werden, sind 
mx wiederholt einem Problem nahe gekommen, welches Freud 
neuerdings wieder berührt hat 1 ). Da die vorbewußten Gedanken 
.hm Traum ein Material bieten können, das einer Wunscherfüllang 
durchwegs widerspricht, also begründete Sorgen, schmerzliche Er- 
wägungen, peinliche Einsichten, erscheint die Frage nicht unbe- 
rechtigt, wie sich der Traum in einem solchen Falle benimmt. Nun 
ul diese Frage eben von Freud, und zwar bereits in der ersten 
Aniflag« der Traumdeutung (1900), gelöst worden, indem er zeigte, 
uiv auch die Unlust- und Angstträume im Sinne der Theorie eben- 
sosehr Wunscherfüllungcn — wenn' auch verdrängter, nicht ieh- 
gerechter Wünsche oder solcher aus einem anderen psychischen 
gystem — seien wie die glatten Befriedigungsträume, bei denen 
iler ubw Wunsch mit dem hw zusammenfällt. Der Mechanismus 
der Traumbildung würde allerdings durchsichtiger, wenn man an- 
Sfcalt des Gegensatzes von „Bewußt" und „Unbewußt" den von 
.Ich' und „Verdrängt" einsetzte (23, S. 415). Auf Grund dieser 
Unterscheidung kann man dann eine besondere Gruppe von „Straf- 
räumen" anerkennen, die gleichfalls einen unbewußten Wunsch, 
und K war den nach Bestrafung des Träumers für eine verdrängte 
unerlaubte Wunsehregung, erfüllen. Kur müssen wir den bei den 
Straf träumen wirksamen ubw Wunsch dem „loh" zurechnen, nicht 
dem Verdrängten. Die Strafträume wiesen so auf die Möglichkeit 
einer noch weiter gehenden Beteiligung des Ichs an der Traum- 
bildung hin. Sie entstehen am leichtesten unter der Voraussetzung, 
daß die Tagesreste Gedanken befriedigender — nicht wie man 

i) Vgl. seinen Vortrag auf dem Haager Kongreß (Sept. 1920), dessen kurzes 
Autorreferat in der Zeitschr. f. Fsa. VI, S. 397, abgedruckt ist, sowie die Ah- 
fcandhung „Jenseits des Lustprinzipa" (1920). 



38 Dr. ü Bank. 

meinen sollte peinlicher Natur sind, die aber unerlaubte Befrie- 
digungen ausdrücken; von diesen Gedanken gelangte dann nicht* in 
den manifesten Traum als ihr direkter Gegensatz. So ergibt sich 
für Freud die etwas weiter gefaßte Traumformel: „Wunscherfül- 
lung. Aiigsterfüllung, Straferfüllung"; wobei daran zu erinnern ist, 
daß Angst der direkte, im übw zusammenfallende Gegensatz des 
"Wunsches und die Strafe auch eine Wunscherfüllung, die der an- 
deren zensurierenden Person, darstellt (21, S. 246). 

Endlich stellt noch eine Gruppe von Träumen der Traum- 
deutung schwierige Aufgaben, nämlich die Träume von ge- 
liebten. Toten. Der in ihnen gewöhnlich vorkommende Wechsel 
von tot und lebendig ist nach Freud (23, S. 291 A) eine Darstellung 
der Gefühlsambivalenz des Träumers und soll diese im Sinne einer 
Gleichgültigkeit verleugnen helfen. Andere Träume, in denen mau 
sich erst erinnert, daß die betreffende Txaumfigur schon langst tot 
sei, beschäftigen sich mit den Gedanken an den eigenen Tod und 
deren Ablehnung; doch ist die Bedeutung dieser Träume von der 
Analyse nach nicht voll erschöpft worden. Neuerdings versuchte 
Galant (25) in oppositioneller Absicht, diese eine einheitliche 
Gruppe bildenden Träume als sexuelle Wunscherfüllungen. der algo- 
iagnischen Perversion hinzustellen. 

Eine wesentliche Vertiefung im Verständnis der Traumpsycho- 
logie verdanken wir Federn, der in einer feinen Studie (13) die 
spezifische Hemmungs- und Flügsensation im Traume untersucht 
und für beide besondere charakteristische Bedingungen angegeben 
hat. Bei der Hemmungssensation handelt es sich um einen beson- 
deren Hemmungsvorgang im Muskelapparat, der mit dem norcualen 
Fehlen der Motilität im Traume nicht identisch ist, und Federn 
sieht in den im Zustand der Ermüdung auftretenden Muskelsensa- 
tionen den speziellen organischen Beiz., welcher das Zustandekommen 
der Hemmungssensation erleichtert (S. 104). Der Autor verweist 
dabei in äußerst instruktiver Weise auf die. beim Neurotiker durch 
Konversion entstandene Müdigkeit, der ebenso wie dem Hemmungs- 
traum ein ubw Gegenwille gegen die Wunsoherfüllung zu Grunde 
liegt. „Der Hemmungstraum zeigt uns, in welcher Weise ein Er- 
müdungsgefühl psychogen zu stände kommt, und wir haben hier 
eine analytische Erklärung einer durch die ubw Traumarbeit zu 









TrinimdMltttiig. ™ 

^anmeimil Kwveirfwi« $ WÖ>. D«"** die Hemmung der 
Lklion unterscheidet »iah der psyohi?(*« Mechanismus des.eigent- 
llölnai Honramig^wuiuie« wqo den fefcha» typischen Träumen, die 
... häufig inil »In.» verttndeji, , Wird iiSmttch nicht die Aktion- 

..-,. der W.m^-I. m r veriiüidert, erlitt schon dieser erste 

ä« StrobüMß dein ttegenwill.m. w. «uW»ht ein Angstü-aum. 

U.rhi.'t Meli «!-■: .■!■ i b/.riüc .«kr swsschü-ÜÜch die ubw Gege-n,- 

( ;; - (., - ehi ii werde« des unerlaubten "Wunsche, 

, |en Undni"k den <lic Menschen von der verbotenen, 

, , , • . Handlung hotten, dann rekurrierf die Darstellung auf 

„„,, i .,,„. und «faul 8<>wutiSflHte Ze.igelu.-t des Kindesalter* und 

i | ,,|„ der typisch« ExhiMt *<>*** toum" (8. 111). In ähnlich 

n ttivffl ttfoiw hui Vfcdejöi (Jon Pltigwwm,, dessen Verständnis 

„hm, frnha, .i,,,,!. Siswoii etuJ dö S* laimissyinbolik gefördert 

, 1; , . „,.. umtoit aJJgaineitaö Sensation, nämlich die der 

h .. , ,,.|. I wn|>f ratfabg /.iirii. kgeführt. wobei er auf den häufigen 

ili. r^:iut: ibi l-Iu-liiiHim" lll K;illrrsiume verweist. „Das Organ, 

mit welchem ifel Träumer fliegt ist dn.^ atatisehe Organ, Die Flug- 

iwnMiiLum .Tl'«ilgi «Uiph Begtession zum Gleichgewichtsorgane'' (S. 

b'.'ii In. üegenwvt* zun« Hemmuagsteuun liegt dem Elugtrauni 

. i., Steiger lui g des aagehieflimteii Willens zu Grunde. Auch 

lypim-hen Elugsoösalio» entspricht ein hysterisches Konversions- 

iyropUim rtet hysterische Schwindel. 

Einen wichtigen Beitrag bringt Potzl in seiner bedeutsamen 
A rfn-i« (61) welche die grobe Technik der Einführung schlaf- 
fttörendei ELejäo in den Traumzustand durch eine an Anregungen reiche 
verfeini rtfl experimentell« Methode ersetzt. Pötzl ließ von verschie- 
denen Vex^uchepersonuii in Zeichnung fixieren, was sie von einem 
t*ühi»tofikopi?di exponierten Bilde bewußt aufgefaßt hatten. Aus 
dem Trauui der folgenden Nacht ließ er dann geeignete Teile gleich- 
Fslla eeichnoriscli darstellen. So zeigte sich unverkennbar, daß die 
van ajei Versuchsperson nicht aufgefaßten Einzelheiten des expo- 
nierten Hildes in der bekannten selbstherrlichen Art im Dienste 
de* I ^umbildenden Tendenzen verarbeitet worden waren, während 
die bewußt wahrgenommenen und in der Zeichnung fixierten Teile 
des exponierten Bildes im manifesten Trauminhalt nicht wieder er- 
schienen waren. Es darf diese« Vereuehsergebnis als ein wertvoller 



40 Dr. 0. Rank. 

experimenteller Beweis für die Aufstellungen der „Traumdeutung" 
über die Rolle desRez unten in derTraurabildung angesehen werden. 

Die von Rudolf Weber (Genf) seinerzeit aufgeworfene Krage: 
„Warum denken wir im Wachen in Worten, im Traum in Bildern?" 
versucht Koehler (47) auf Grundlage der Freud sehen Lehre 
dahin zu beantworten, „daß unser Seelenleben die größere Anzahl 
angenehmer Eindrücke durch das Auge empfängt". 

Aus der übrigen mehr zahlreichen als inhaltreichen Traum- 
literatur wollen wir drei charakteristische Typen hervorheben : Neben 
den noch immer nicht ausgestorbenen a priori Gegnern diejenigen, 
welche nicht mehr an der Freud sehen Lehre vorübergehen zu 
können glauben und sie ihren bisherigen Auffassungen über den 
Traum anreihen (19, 81 u. a.); und endlieh solche, die sie auf- 
nehmen, aber sofort in ihrer Art weiterentwickeln zu müssen glau- 
ben. Als Beispiel der ersten Gruppe von absoluten Gegnern nennen 
wir Henning (28), weil er es verdient, als Pegel wissenschaft- 
licher Argumentation unserer Tage der Vergessenheit entrissen zu 
werden. Gegen die Wunscherfüllungstheorie polemisiert H. mit 
der ganzen Wucht der statistischen Feststellung, daß 73% aller 
Träume unangenehm sind. Zweitens paßt ihm die Symbolik nicht und 
um seine Überlegenheit in diesem Punkte so recht zeigen zu können, 
identifiziert er Silberers Meinung 1 ) mit dem Standpunkte der 
Freudschule, wobei ihm eine offenbar witzig sein wollende Bemerkung 
unterläuft: Wenn die hauptsächlichste Bedingung der Symbol- 
bildung im einer Unzulänglichkeit des Auffassungsvermögens liegt, 
mache sich die Freudschule gerade kein Kompliment, und deren 
Gegner werden sieh freuen, daß sie in ihren Träumen keine Sym- 
bole vorfinden. Hinter dieser zweideutigen Auffassung der Symbol- 
bildung verrät sich die Symbolunbildung des Autors in eindeutiger 
Weise. Besonders scharf hat er es natürlich auf die Sexualsymbolik, 
in deren Zurückweisung er keine Grenzen nicht einmal die der 
Erfahrung kennt. „Wir werden bei den Examensträumen wie 
bei den Pollutionsträumen 2 ) sehen, daß der Sachverhalt sich 
tatsächlich ganz anders verhält 3 ), daß ferner von einer sexu- 
ellen Komponente keine Rede zu sein braucht" 2 ) (S. 11). 

i) Jahrbuch, Bd. III, S. 680. 

2 ) Vom Referenten hervorgehoben. 

a ) Als von Stekel angegeben. 



42 Dr. 0. Hank. 

Ärgerlicher als solch platte Ignoranten sind diejenigen, welche 
«ich durch die Funde der Psychoanalyse, die sie zum Gemeingut 
stempeln, mochten, zu ihrer Weiterverarbeitung verpflichtet fühlen. 
Ein solcher ist Loraer, der mit unverschämter Nonchalenw die 
Grundbegriffe- der Freudschen Traumlehre als Selbstverständlich- 
keiten hinstellt, um darauf sein Altweil>er-Traumbüchel zu stützen 
(53), das an Kritiklosigkeit sein Vorbild S t e k o 1 t „der vorsichtig« 
Stekel" heilit es S. 81} noch überbietet. Wahrend er auf der einen 
Seite (wörtlich, z. 13. S. 36) Freud glatt ausschreibt, indem er 
dessen Deutung des Flugtraumes mit den Worten anführt ,Man 
i.-*t sieh im ganzen einig 1 ), daß das Material dieses Traumes 
auf ein*" Erinnerung an das bekannte kindliche ,Fliegen' auf den 
Armen der Erwachsenen zurückgeht - ', verdächtigt er ihn auf der 
anderen Seite (S. 37) fälschlich, allen Träumen eine geschlecht 
liehe (!) Wunschbedeulung zuzusprechen, und wagt es zwei De- 
zennien nach Erscheinen der „Traumdeutung", ihn zu belehren, daß 
es auch egoistische Träume gebe! 

Wo der Autw- abgesehen, von seineu Jjotto-Dtmtungen, originell 
wird, offenbart sich erst recht seine gajize Kritiklosigkeit. Er er- 
eifert, sich sehr für die Anerkennung dor telepathischen Fähigkeiten 
des Traumes und zitiert — wenigstens hier — eine Anzahl anderer 
Autoren, die vor ihm dafür eingetreten sind. Dies ist aber auch 
da« einzige an Beweis, was er vorzubringen hat, im übrigen führt 
er die Beispiele hiefür — wie überbau]:)! — selbst -verstand lieh nur 
ihrem manifesten Inhalte nach an, und plötzlich hat ihn, schon ange- 
sichts der bloßen. Möglichkeit eines telepathischen Anzeichens, seine 
ganze Traum- und Rymbolkenntnis verlassen. In diesem Italic zeigt 
sich deutlich, wie gewisse Sympathien und Tendenzen, kurz affek- 
tive Einstellungen das Urteil trüben und das Festhalten am mani- 
festen Trauminhalt begünstigen, das sieh geradezu als unausrott- 
bares Hindernis im Verstehen aller Traumprobleme erweist. Ab- 
gesehen davon, daß das zeitliche Zusammentreffen eines manifesten 
Traumbildes mit einem Ereignis nichts für das Verständnis des 
Traumes besagt, beweist es auch nicht das Vorhandensein telepathi- 
scher Einflüsse. Würde mau den Traum analysieren, so würden 
sich zunächst rein psychische Quellen für das Traumbild ergeben 

i) Vom Referenten gesperrt. 



Traumdeutung. 4 1 

Daß H. sich, zur Widerlegung der Sexualsymbolik ausgeivclmet 
— man kann nur sagen „ausgerechnet" l ) — die Pollutionstritume 
jinjäsiwlil- zeugt von einer unerschrockenen Skepsis gegen d&n Trag 
der Sinne,; wie man sie sonst nur einem Kopernikus zugetraut 
hatte. Bald aber überzeugt man sich, daß er doch mehr als dieser 
Starrkopf 201 Konzessionen neigt: „Das Ergebnis ist, daß jeder 
rPollutionatraiim) direkt vom sexuellen Akte handelt, und zwar 
(iliiiu irgend welche Symbolisierungen ; allerdings zeigen die Einzel- 
heiten nicht gerade ein ästhetisches Gepräge. Deshalb möchte 
Feh den Wortlaut nicht genau abdrucken 2 ), sondern 
oluifi Wesentliches zu verschweigen, die allzu drastischen Aus- 
malungen übergehen" (S, 43). Auf diese Weise bleibt H. wenigstens 
'!• * Vorwurf erspart, den er Freud darum macht, weil dieser „den 
Traum selbst und dessen Bestandteile gar nicht un- 
i «TS» uehtj sondern nur die in "Worte formulierte Trau m- 
r« produktion" (S. 8). Es ist sl aunenswert, in wie simpler Weise 
H diesen Irrweg zu vermeiden weiß! Wo er aber doch nicht 
in/, ohne sprachliche Fixierung des manifesten Trauminhalfes aus- 
kommen kann, da setzt er sich wenigstens mit souveräner Verach- 
Inng darüber hinweg: „Drei Herren wissen von ihrer Schwester 
um Pollutionstraum) zu erzählen, obwohl alle drei nicht im min- 
desten zum Inzest disponiert sind, sondern im Gegenteil ihre 
Schwester körperlich und menschlich nicht leiden mögen. Auch 
weist der Tagesrest nicht auf den Inzest. So lobte den einen die 
Schwester wegen seines ^abwesenden) Verhältnisses am Traumtage, 
worauf er ärgerlich erwiderte: Kümmere du dich um deine Schwei- 
nereien, ich kümmere mich um die meinigen" (J3. 45). üit dieser 
Reaktion scheint der Träumer die einzig richtige Antwort auf 
Hennings Beschäftigung mit dem Traumproblem prophetisch 
vorweggenommen zu haben. 

*■) Besonders, da man sich einer ähnlich formulierten Trauinerkenntnin 
H.s erinnert: „Immerhin ist der normale Akt im Traum© nicht selten. Ein 
sehr moralisch veranlagter Herr ^te am Traumfcage: , Jetzt, wo ich die '.T. habe) 
wäre es gemein, wenn ich mich auch nur in Gedanken mit einer anderen ab- 
gäbe.* Im Traume läßt er sich ausgerechnet (vom Bef. gesperrt) mit der- 
jenigen ein, die ihn su obigem Aussprach veranlaßt«," (S. 15.) In diesem 
,, Ausgerechnet" steckt gerade das Stück theoretisches Verständnis, das H. abseht. 

-) Vom Referenten gesperrt. 



Traumdeutung. 4.3 

und vielleicht würde so in manchen Fällen die Annahme einer Tele 
put hie überhaupt entfallen 1 ). Anderseits würde mau aber auch dem 
Prnlilutn näher kommen, warum so viele telepathische und prophe- 
tische Träume eich mit dem Tod beschäftigen 2 ). So zeigt gerade 
,I;u» Festhnlten am prophetischen Charakter des Traumes, wie tief 
verankert Aberglaube nnd Volksmeinung gerade hier im Unbewußten 
-hhI und wie starke Tendenzen bestehen, den faßbaren Trauminhalt 
«iß den allein seligmachenden, das heißt bewußt wunseherfüllenden 
[anzustellen. 



', In hinein fälschlich ala „Walirtraum" bezeichneten Beispiel (TA\) liandelt 
. -jili ufsäohlich um ein unbewußtes Wissen. 

i Verl. z.B. den von Hits ob mann analysierten JFall von Hellsehen: „Zur 
Krmk &e* Hellpehens." Wr. fclin. Rundschau. 1910. Nr. f>. 



Trieblehre. 

Referent: Dr. B. Hitachmaim. 



Li teratur: 1 Abraham K.: Ober Einschränkungen und Umwandlungen 
der Schaulust, bei den Püychonenratikern nebst Bemerkungen über analoge Er- 
scheinungen in der Völkerpsychologie. Jahrb. Tl. S, 25. - 2. Ders.: Untersuchun- 
gen über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe der Libido. Z. IV. S. 71. — 
3 Bors.: Über eine konstitutionelle Grundlage der lokontotorischen Angst. 
7,. II. S. 143. — 4. Ders.: Ohrmuschel und Gfehörgang als crogene Zone. Z. II. 
S. 27. — 5. Dm-s.: Über Ejaculatio praecox. %. IV. S. 171. — fi. Andreas- 
Salome L.: Zum Typus Weib. .T. III. S. 1. — 7. Dies.: Anal und Sexual. 
J. IV. S. 249. — 8. Dies.: Psychosexualität, Z. f. Sexualwissenschaft. Bd. IV. 
8. 1. 49. 9. Blflher H.: Ober Gattenwahl und Ehe. J. III. S. 47". — 

10. Ders.: Zur Kritik des Sexualbegriffes. Der Sturm, Berlin-Paris. 1914. 
2. Juniheft. 11. Ders.: Ober die Sablimierung der Sexualität. Sexual- 

probleme. X. IJ. 9. ■ 12. Ferenczi S. ; Zur Ontogenie des Geldinteresses. 
Z. II. S. MR. -- 13. Ders. : Mischgebilde von erotischen und Charakterzügen. 
Z. TV. S. 1-1G. 14. Ders.: Von Krankheifcs- und Pafchontrarosen, Z. IV. S. 219. 
- 15. Erenl S.: Drei Abhandlungen zur SBxualtheorio. 3. verm. Aufl. 1915. 
16. Ders.: Triebe and Triebschicksale. Z. III. S. 81. — 17. Ders.: Über 
Triebumsetzungen insbesondere der AnaJerotik. Z. IV. S. 125. — 18. Ders.: 
Zur Einführung des Narzißmus. Jb. VI. S. 1. — 19. Ders.: Vorlesungen zur Einfüh- 
rung in die Psychoanalyse. 3. T. Allgem. Ncuroserdehro. 1917. — 2t). Ders.: Das 
Tabu der Virginifcät. Kl. Sehr, zur Neurosenlehre. Bd. IV. S.229. — 81. Ders.: Aus 
der Geschichte einer infantilen Neurose. Kl.Srhr, z. Nourosenlehre. Bd. IV. S. 578. 
22. Ders,: „Ein Kind wird geschlagen." Z.V. S. 161. — 23. Galant S.: Sexual- 
leben im Säuglings- und Kindesalfer. Nefurol. Zentralbl, 1919. Nr. £0. — 
24. Huttingbcrg IL t.: Analerotik, Angstluwt und Eigensinn. Z, II. S. 244. 

— 26. Jones E.: Über analerotische Charakterzüge. Z.V. S. 69. — 26. Ders.: 
Urethralerolik und Ehrgeiz. Z. III. S. 156. — 27. Körher H. : Die Bisexualitiit 
als Grundlage der SeNualforachung. Neue Generation. IX. S. 73. — 28. Ders.: 
Vom Antifeminismua. Neue Generalion. XIII. H, 7-8. - 29. Ders.: Sexualität 
und Schuldgefühl. Ztschr. f. Sex.-Wiss. Bd. V. S. 311. - 30. Kollarits Z.: Über 
Sympathien und Antipathien, Hau und Liebe bei nerväsen und nicht nervösen 
Menschen. Ztschr. f. d. ges. Neurol. u. Psychiatrie. XXXII. 1916. —31. Lieber- 
innun H.: Die exogenen Zonen. Ztschr. f. Sexualwissensch. Bd. I S. 3^3, 4.24. — 
32. Marcinowski S. : Zur Psychologie der Lielwseinstellungen. Nene Gener. Bd. 12. 

— 33. Ders. : Zum Kapitel Liebeswahl und Charakterbildung, J, V. S. 196. — 33a. 
Ders.: Die erotischen Quellen der 'Minderwertigkeitsgefühle. Ztschr. f. Sexual- 
wissensch. IV. S. 313, — 34. Marcus E.: Die Objektwahl in der Liebe. Zbl. f. 
P.-A. IV. S. 594. — 36. Murcuse St.: Vom Inzest. (Jurist.-paychiatr. Grenzfr. 



Trieblehre. 45 

\ tlil Tl. 3—4.) — 36. Ders.: Zur Psychologie der Blutschande. H- Groß' Archiv. 
Ha LV. — 37 NaclimftiiHOhn AI.: Freuds Libido theorie verglichen mit der 
gro»lnIiro Platos. Z. III. S. 65. — 38. Ophuijsen J. H. "W. van: Beiträge, zum 
Hännlickkeitakamplex der Frau. Z. IT. S. 241. — 39. H. P. : Die Kastrarions- 
'in.uung und ihr Gegenstück. ZW. f. F.-A. IV. S. 411. — 40. Rank 0-: Die 
»ackrhcil in Sage und Dichtung. J. II. S. 267, 409. — 10a. Ders.: Zum Inaest- 
knmple*. Z. II. S. 194. — 41. Reik Th,: Zur Psychoanalyse des Nar- 
iiüiitity im Liebealeben des Gesunden. Ztschr. f. Sexualwissensch. II. Bl. 3.41. — 
U Ders.: Über Vaterschaft und Narzißmus. Z. III. S. 330. — 13. Sadger J.: 
Oio Bedeutung des Vaters für das Schicksal der Tochter. Arch, f. Frauen- 
koftde I. S. 329. — 41. Ders.: Zur sexuellen Anästhesie des Weibes. Fortschr. 
,!. Modizin. XXXII. Jgg. 1914. Nr. 32. — 45. Ders.: Oljer den Kastrationa- 
fcomplcx Fortschr. d. Med. XXXIII. Jgg. Nr. 30—31. — ifi. Schneider J. B.: 
Da« Gtschwistorproblem. Gesohlecht und Gesellschaft . VIII, S. 3G9. — 
l(tü_ Ders.: Die blutsgemäSe Verwandtschaft der Ehegatten. Ebda. IX. 1911. 
16^. Senf M. R.: .Narzißmus, Soxual-Probleme. März 1913. — 47. Stekel W. : 
Masken der Sexualität. Die Neue Generation. IX. S. 57. — 47a. Ders. : Ein 
Kall von Analerotik (Priapismus). Ztsohr. f. Sex.-Wissensoh. V. Bd. S. 271. — 48. 
Weißfeld M. : Ober die Umwandlungen des Affektlebens, Z. II. S. 419. — 
Vi. Zimkin J. B. J. : Ein Fall von familiärer Masturbation. St. Petersburger 
med. Ztachr. März 1914. — 50. Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Int, 
paa. Bibl. Nr. 1. 1919. 



Libido. Narzißmus. Kastrationskomplex. Tabu der Virginität 

Liebesleben. 

Es muß wiederholt werden, daß die Psychoanalyse daran fest- 
ItiilL daß die Libido (der Geschlechtshunger) von anderer psychischer 
Energie zu sondern ist, einen eigenen Chemismus hat und als eine 
quantitativ veränderliche Kraft aufzufassen ist, welche Vorgänge 
und Umsetzungen auf dem Gebiete der Sexualerrcgung messen 
kann (15). Die psychische Vertretung des von allen Kürperorganen 
gelieferten Libidoquantums nennen wir Tchlibido. Auf äußere 
Objekte ausstrahlend, an sie fixiert oder sie wechselnd, wird sie zur 
^bjektlibido. Von den Objekten wieder abgezogen und ins Ich 
zurückgeholt, wird sie wieder zur Iehlibido oder narzißtischen 
Libido. Die narzißtische Libidobesotzung des Ich repräsentiert den 
iu der ersten Kindheit realisierten Urzustand (primärer Narziß- 
mus). Wird hingegen z. E. bei der Schizophrenie, deren Untersuchung 
Jta diesen Formulierungen das wertvollste Material bot, die den Per- 
sonen und Dingen der Außenwelt entzogene Libido dem Ich zuge- 
führt (Entstehung des Größenwahns), so sprechen wir "von sekun- 
därem Narzißmus. Die Sexual betätigung des narzißtischen Sta- 



46 Hr. E, Hitsckniann. 

diums der Kindheit ist die Autoerotik. Der Narzißmus ist die libidi- 
nöse Ergänzung des Egoismus (19): Das loh. nimmt sich selbst zum 
Objekt. So wurde ein Stück lehpgyehologie formuliert» das für das 
Verständnis der narzißtischen Neurosen (Dementia praecox. 
Paranoia, Melancholie) von größter Bedeutung ist. Die Libido re- 
grediert bei denselben auf das narzißtische Stadium, wie sio bei den 
Übertragungen eurosen auf frühere Liebesobjekte, Partial- 
triebe und prägenitale Organisationen regrediert (Hysterie, Zwangs- 
neurose). Die KriegKneurosen (50) und die von Ferenczi (14) auf 
gestellten Pathoneurosen aeigen gleichfalls Beziehungen zum Nar- 
zißmus. 

Ein narzißtisches Zurückziehen der Libido findet sich t'erner bei 
organischen Krankheiten, im Schlaf zustand und in der Hypo- 
chondrie. Einen weiteren Zugang zum Studium de« Narzißmus 
bildet das Lio besiehe n des Menschen. Verliebtheit ist ein Aus- 
geben fast der ganzen verfügbaren Libido. Neben der Objektwahl 
nach dem „Anlehnungetypus", der seine "Wahl in Anlehnung an 
die ersten Liebeaobjekte wählt (die nährende Frau, den schützenden 
Mann), gibt es eine narzißtische Objektwahl. Nach dem 
narzißtischen Typus liebt maji a) was man selbst ist (sich selbst), 
oder b) was man selbst war; e) was man selbst sein möchte, oder 
d) die Person, die ein Teil des eigenen Selbst war (Kind). Die 
narzißtische Objektwahl ist in der Pathologie von Bedeutung, so 
z. B. bei gewissen Formen der Melancholie, der Homosexualität. 
Auf die Bedeutung des Narzißmus im Liebesleben der Gesunden, 
in der Liebe zum Kind \m& im Fortpflanzungstrieb weist Reik 
(41, 42) hin. 

Als Ersatz für den verlorenen Narzißmus der Kindheit kann der 
Menech ein Ichideal aufrichten, dem nun die Selbstliebe gilt. Dianes 
Ideal besitzt dann alle wertvollen Vollkommenheiten d«js narzißtischen 
infantilen Ich. Ihm zuliebe wird Nicht-ich-gerechtes verdrängt. 
Unser Gewissen ist die psychische Instanz, die das 1 aktuelle Ich 
unausgesetzt beobachtet und am Ideal mißt, die narzißtische Befrie- 
digung aus dem Ichideal sichert. Es ist dieselbe Instanz, die im Be- 
obachtungswahn den Kranken beobachtend und kritisch beauf- 
sichtigend, durah Stimmen beeinflußt. Dem Ichideal und den dy- 
namischen Äußerungen des Gewissens entspricht auch die Traum- 



Triehlehre. 47 

Zensur (18). Das Selbstgefühl ist. zum Teil primär, der Best 
kindlichen Narzißmus ; ein anderer Teil stammt aus der durch 
Erfahrung bestätigten Allmacht, der Erfüllung des Ichideals, ein 
drittel' aus der Befriedigung- der Objektlibido. Der Nachweis des 
"kindlichen Narzißmus ist zugleich die best© "Widerlegung von 
A I 1'riMl Adlers Annahme primärer Minderwertigkeit* 
lühle des Kindes. Den stärksten Beitrag zu den Minder- 
wertigkeit sgefühlen der Neuxotiker liefert die Beeinträchtigung des 
gelbstgufflhls durch infantilen Liebesverlust, Enttäuschung, „Ver- 
sah mähung" (Marcinowski 33«, Freud 22). Die Psychoanalyse 
linL Existenz und Bedeutung des „männlichen Protestes" zwar an- 
frknnnt, aber seine narzißtische Natur und Herkunft aus dem 
Kfi^trationtskoniples: vertreten. Dieser wichtige Komplex der 
Ichent wicklung beinhaltet die bedeutsamste Störung des ursprüng- 
lichen Narzißmus und steht in engstem Zusammenhang mit dem 
Kinflnß der frühzeitigen. Sexualeinsohüohterung. Freud hat als 
.infii wichtigen, noch zu erledigenden Arbeitsstoff, die Störungen 
des Narzißmus, seine Reaktionen darauf und die Bahnen, in die 
.t dabei gedrängt wird, aufgezeigt (18). 

Der Kastrationskomplex bedeutet für den Knaben Stolz auf den 
Penis oder Angst um den Penis aus Schuldgefühl und durch Ein- 
schüchterung usw.; für das Mädchen Penis-Neid, Überzeugung von 
infantiler Schädigung, Verkürzung, Zurüeksetzungs- oder Erbitte- 
rungsgefühl. Der Wunsch, ein Knabe zu. Bein, führt bei Mädchen 
zu Nachahmen und Gleichtun, zum Männlichkeitskomplex (38). Viele 
Knaben und Mädchen gehen aus von der infantilen Theorie, l»eide 
Geschlechter hätten ursprünglich einen Penis. Der Kaatrationskom- 
plex. der im Unbewußten und daher in Träumen eine große Rolle 
jtpielt, acheint auch aus phylogenetischer Quelle gespeist zu sein; 
er ist für die Üharakterentwickhmg wie für die Neurose von großer 
Bedeutung. 

In dem neuen Beitrag zur Psychologie des Liobes- 
lubeas „Das Tabu der Virginität" (20) bespricht Freud 
'He nicht seltene Frigidät der Frau au Beginn der Ehe und die 
gelegentlich damit verbundene feindselige psychische Einstellung 
gegen den Mann, der sie defloriert hat. Die n a r zi ß t i s c h e Kran- 
it ung über die Zerstörung eines den sexuellen Wert bedeutenden 



4^ Dr. E. HitscUmaim. 

Organs, die Enttäuschung über das Niehtzusammenstinimen von Er- 
wartung- und Erfüllung beim ersten (Pflieht-)Koitus, die libidinöse 
Fixiertheit an den Vater (Bruder), der alte, dem Kastrationskcinplex 
angehörige Penis- Neid aus der Kindheit der Mädchen — alle diese 
seelischen Regungen bestimmen die Neuvermählte zur Frigidität und 
manchmal zur feindseligen Reaktion. Zur sexuellen Anästhesie des 
Weibes hat Satiger (44) dahin berichtet, «laß in reinen lallen 
regelmäßig -verdrängte Inzestwünsche die Ursache seien. Derselbe 
Autor behandelte die Bedeutung des Vaters für das Schicksal der 
Tochter (13) sowie, den Kastrationskomplex (45). Wie vollkommen 
die Objektwahl in der Liebe beeinflußt ist durch infantile Eindrücke 
zeigen Ulüher "(!)), Mari inowski (."13) und Marcus (M). 

Prägenitale Organisationen. 

Organisationen des Sexuallebens, in denen die Genitalzone noch 
nicht in ihre vorherrschende Rolle eingetreten ist, nennen wir prä- 
genitale Organisationen (15); nur in pathologischen Fallen 
werden sie nicht glatt durchlaufen. Eine erste solche prägenitale 
Organisation ist die orale oder kannibalische. Das Sexual- 
ziel besteht in der Einverleibung oder dem Pressen des 
Objektes (dem Vorbild dessen, was später als Identifikation eine 
psychische Rolle spielt). Als Rest dieser fiktiven, uns durch die 
Pathologie aufgenötigten Phase kann das Lutschen angesehen 
werden s in dem die Sexualtätigkeit, von der Ernährungstätigkeit 
abgelöst, das fremde Objekt gegen eines am eigenen Körper ver- 
tauscht. 

Eine zweite prägenitale Phase ist die sadistisch anale 
Organisation. Hier gibt es bereits eine Gegensätzlichkeit, welche 
aber noch nicht männlich und weiblich, sondern akti und passiv 
benannt werden kann. Die Aktivität wird durch den Bemächtigungs- 
trieb der Körpermuskulatur hergestellt. Als Organ mit meist pas- 
sivem Sexualziel macht sich die erogene Darmschleimhaut geltend. 
Daneben betätigen sich andere Partial triebe in autoerotischer Weise 
(z. B. die TFrethralerotik). 

Die psyehopathologischen Erscheinungen, neurotischen Etiatörun 
gen usw-i die in Zusammenhang mit der oralen Organisation 
stehen, hat Abraham näher an zahlreichen Fällen beschrieben (2), 



Trieblehre. 49 

F r e ti d bei einer inf antuen Neurose (21). Pur die immer wieder 

i-.iiL gegnerischer Seite angezweifelte sexuelle Natur des Lut- 
sch r-n-* ergibt sich ein eklatanter Beweis aus der charakteristischen 
Aufzeichnung eines gesunden Mädchens (23). Auf die anal-sadistische 
Organisation regrediert bekanntlich die Zwangsneurose. 

Trieb Schicksale. 

Freud (16) unterzieht den Inhalt des noch nicht definierbaren 
tirundbegriffes des Triebes einer theoretischen Betrachtung 
Von physiologischem, biologischem und psychologischem Standpunkt. 
Die Schicksale der Sexualtriebe können folgende sein: 
iii.' Verkehrung ins Gegenteil ; die "Wendung gegen die eigene Person ; 
die Verdrängung; die Sublimierung. Die Verkehrung ins Ge- 
genteil betrifft das Ziel des Triebes ; es handelt sich um die 
Wendung von der Aktivität zur Passivität (Sadismus zu Masochismus, 
Schaulust zu Exhibition). Eine iuhaltliche Verkehrung findet sieh 
in dem einen Fall der Verwandlung des Liebons ins Hassen. Die 
Wendung gegen die eigene Person ist Wechsel des Objektes 
bei ungeändertem Ziel. Mit der Wendung gegen die eigene Person 
ist auch die Verwandlung des aktiven Triebzieles in ein passives voll- 
zogen: so wird bei der Zwangsneurose aus dem Sadismus Selbst- 
quälerei, Selbstbestraf nng. — Das Mitleid ist keine Trieb Verwand- 
lung, sondern eine Reaktionsbildung auf Sadismus. — Die Tatsache, 
dttß zu jeder späteren Zeit der Entwicklung neben einer Triebregung 
ihr (passiver) Gegensatz zu beobachten ist, verdient die Hervorhebung 
durch den Namen Ambivalenz. Die Triebschicksale der Wen- 
dung gegen das eigene Ich und der Verkehrung von Aktivität zur 
Passivität sind von der narzißtischen Organisation des Ichs abhängig 
und tragen den Stempel dieser Phase. 

TriebumseiziMgen der Analerotik. Analcharakter. Urethralcharakter. 

Die anaderotischen Triebrcgun »&* fit) verlieren durch 
fixe Herstellung der endgültigen Goni talorganibd,tion einen wech- 
selnd großen Teil ihrer Bedeutung für das Sexualleben, und zwar 
durch Verdrängung, Sublimierung und Umsetzung in Charakter- 
eigenschaften. Anderseits finden sie Aufnahme in die neue Orga- 
nisation. 

F»joho*a«Jyw r Befiehl 1914—1919. 4 



50 Dr> E. Hitschmann. 

Kot (Geld, Geschenk), Kind und Penis werden im Unbe- 
wußten als äquivalent und begrifflich ersetzend behandelt. Bei 
neurotischen Frauen läßt sich manchmal erweisen, daß ihr Kind 
heitswunsch nach einem Penis (Penis-Neid, Kastrationskomplex) 
später sich in den "Wunsch nach einem Kind verwandelt. Aus dem- 
selben Wunsch nach einem Penis kann auch normalerweise der Wunsch 
nach dem Mann werden — , wobei sich günstigerweise narzißtische 
Selbstliebe in Objektliebe verwandelt, und ein Stück Männlichkeit 
in "Weiblichkeit. 

Das Kind wird in infantilen Sexualtheorien auch als etwas be- 
trachtet, was sich durch den Darm vom Körper löst, daher von 
der Analerotik libidinös besetzt. Der Kot ist das erste Geschenk 
des Kindes an die geliebten Erzieher, ein Opfer; wird er zur auto- 
erotischen Befriedigung, später zur "Willensbehauptung narzißtisch 
verweigert, so konstituiert sich der Trotz. 

Das Kotinteresse geht über das Geschenk zum Interesse, für 
Gold — Geld über. Ursprünglich genital konzipierte Phantasien 
(Penis in Vagina) können ins Anale übersetzt werden (der Penis wird 
zur Kotstange, die Scheide zum Darm). 

Eine organische Analogie zwischen Penis und Kind drückt sich 
durch den Besitz eines beiden gemeinsamen Symbols aus („das Kleine", 
z. B. im Traum). 

"Wenn die Sexualforschung des Knaben das Fehlen des Penis 
beim "Weibe konstatiert hat, — den Penis also als etwas vom Körper 
Ablösbares, wie der Kot — , tritt der alte Analtro tz in die Kon- 
stitution des Kastrationskomplexes ein. 

"Über anal erotische Charakterzüge berichtete ausführ- 
lichst Jones (25). Das Geldinteresse in seinem Zusammenhang 
mit der Analerotik behandelte Ferenczi (12); derselbe wies auch 
in Mischgebilden von erotischen und Oharakterzügen auf anale und 
urethrale Quellen hin (13). Jones (26) versucht eine Erklärung 
der Beziehung des Ehrgeizes zur TIrethralerotik. 

Schaulast. Bewegungslust. Mannlichkeitskomplex. Phantasien. 

Die Schaulust und ihre Einschränkungen und Umwandlungen 
bei den Psychoneurotikern behandelte unter reichlicher Beweisführung 
Abraham (1), der auch analoge Erscheinungen aus der Völker- 



Trieblehre. 51 

psycliologie anführt. Rank (40) untersuchte unter den einheitlichen 
Gesichtspunkten der Schau- und Zeigelust das Motiv der Nacktheit 
lind seiner Verdrängungsfonnen. 

Die infantile Bewegungslust, Lust an der Fortbewegung 
(Muskelerotik) gibt eine Disposition oder konstitutionelle Grund- 
lage (3) der lokomotorischen Angst (Platzangst). 

Über früheste sadistische und masoehistische Phan- 
tasien, in denen „ein Kind geschlagen wird", berichtend, bringt 
Freud (22) Erkenntnisse zur Entstehung der entsprechenden Per- 
versionen. Sie lassen sich aus dem. Ödipuskomplex ableiten, was 
vermutlieh auch für die anderen Perversionen durchführbar ist. 
Als Nebenprodukt ergibt sich eine Ablehnung der A. A dl ersehen 
Theorie vom „männlichen Protest" für die Neurosen- und Perver- 
sionenbildung. 

Der „Männlichkeitskomplex" gewisser Frauen (38) 
ist auf den Kastrationskomplex zurückzuführen; ül>erdies scheinen 
Zusammenhänge mit der infantilen Klitorismasturbation und der 
Hamerotik zu bestehen (Ophuijsen). Analog den Verhältnissen 
bei der frigiden Frau, wo die Glans elitoridis sozusagen alle Erreg- 
barkeit an sich gerissen hat, findet Abraham (5) bei Fällen von 
Ejeculatio praecox des Mannes die Glans penis unerregbar, die genitale 
Empfindlichkeit vielmehr am Damm. Diese Gegend entspricht ent- 
wicklungsgeschiehtlich dem Introitus vagina. Das Verhältnis zwi- 
schen Ejaculatio praecox und weiblicher Frigidität wäre so zu for- 
mulieren: Die dem Geschlecht entsprechende Leitzone 
hat die ihr zukommende Bedeutung an diejenige Körperpartie abge- 
geben, welche das Äquivalent der Leitzone des anderen Geschlechtes 
darstellt (5). 

Die Lehre von der infantilen Sexualforschung und dem kindlichen 
Sexualwissen wird ergänzt durch die Annahme von allgemein mensch- 
lichen Urphantasien (19) phylogenetischen Ursprungs, betreffend 
die Kinderverführung, die Entzündung der Sexualerregung an der Be- 
obachtung des elterlichen Geschleehtsverkehres und die Kastrations- 
drohung. Es ist darnach auch auf dem Gebiete der Kindersexualität 
auf die Bedeutung der Phylogenese, des Niederschlages der mensch- 
lichen Kulturgeschichte auf den Einzelnen (21) hingewiesen. 

4» 



Sexuelle Perversionen. 1 ) 

Referent Dr. Felix Boehnij Berlin, 



Literatur: I. Adler A.: Das Problem der Homosexualität. München 
1917. - 2. Blüher H. : DiR Rolle dar Erotik in der männlichen Gesellschaft. 
Jena 1917/19. — 3. Dcrs.: Zur Theorie der Inversion. Z. II. S. 223. — 

4. Ders.: Die drei Grundformen der sexuellen Inversion. Jahrb. f. Sex. Zw. 
XIII. 1913. — 5. Ders. : Studien über den perversen Charakter. Zbl. IV. 

5. 10. — 6. Federn P.: Beiträge zur Analyse des Masochismus und Sadismus. 
IL Die libidinosen Quellen des Masochismus. Z. II. S. 105. — 7. FerencziS.: 
Hysterie und Fathoneurosen. Intern. Fsychoan. Bibliothek Nr. 2. Leipzig und 
Wien 1919. — 8. Dera.: Zur Nosologie der männlichen Homosexualität. Z.H. 
S. 131. — 9. Frank L.: Sexuelle Anomalien. Berlin 1914. 10. Freud S.: 
Drei Abhandinngen zur Sexual theorie. Dritte, vermehrte Auflage. Leipzig u. 
Wien 1915. — 11. Ders.: Line Kindheitserinnerung dea Leonardo da Vinci. 
Zweite, vermehrte Auflag«. Leipzig und Wien 1919. — 12. Ders.: Ein Kind 
wird geschlagen. Z. V. S. 161. — 13. Ders.: Vorlesungen zur Einführung in 
die Psychoanalyse. Leipzig und Wien 1918. — 11. Friedjung: Schamliaftigkeit 
als Maske der Homosexualität. Z. III. S. 155. ■ 15. Hattingberg IT. v.: 
Analerotik, Angstlust und Eigensinn. Z. Et. S. 244. 16. Hug-BTellmuth BT. v. : 
Ein Fall von weiblichem Fuß-, richtiger Stiefelfetischismus. Z. III. S. 111. 
— 17. Marcinowski J.: Die Kindheit als Quellgebiet perverser Neigungen. 
üeachl. u. Gesellsch. VIII. 1913. S; 31. — 18. Biklin F.: Zur psychoanaly- 
tischen Auffassung des Sadismus. Verein Schweiz. Irrenarzt». Zur 50. Jahres- 
vereamml. 1914. — 19. Sadger J,: Ketzergedanken über Homosexualität. Groll' 
Arohiv Bd. 59. — 20. Ders.: Neue Forschungen zur Homosexualität. Berliner 
Klinik. Februar 1916. Heft 315. — 21. Dera.: Allerlei Gedanken zur Fsycho- 
pathia sexualis. Neue ärztliche Zentralzeitung. Jahrg. 1919. Neu-' Folge 6 
(15. Mai). — 22. Senf R.: Psychosexuolle Intuition. Zeitschr. f. Sex.-Wiss. VI. 
S. 81. — 23. Stekel W.: Ein Fall von Analerotik (Priapismus). Zeitschr. f. 
Sexualwissensch. V. S. 271. — 24. Ders.: Störungen des Trieb- und Affokt- 
lebens. IL Onanie nnd Homosexualität. (Die homosexuelle Neurose.) Wien 
und Berlin 1917. 26. Dcrs.: Zur Psychologie und Therapie des Fetischismus. 
Zbl. IV. S. 113. 26. Stöcker H.: Homosexualität und Geschlechtsbewertnng. 

x ) Da viele Autoren sich Psychoanalytiker, ihre Arbeitsmethode Psycho- 
analyse nennen, scheint es mir notwendig zu sein, die Arbeiten all« dieser 
Autoren zu berücksichtigen, um ihre nähere oder fernere Verwandtschaft mit 
der Psychoanalyse festzustellen, auch wenn, sie uns keinen Fortschritt in der 
Erkenntnis der P«rveraionen bringen. 



Sexuelle Perversionen. 53 

Gesehl. u. GesellBch. IX. 1914. - 27. Straßer Ch.: Zur forensischen Begut- 
achtung des Exhibitionismus. Zeitschr. f. Individualpgychologie. I. Bd. 2. II. 
— 28. Beobachtung eines Falles von erotischer Perversion mit Neurose (von 
einem Arzt in Sidney mitgeteilt), Z. II. S. 265. 



Frank (9) stützt sich auf Freuds Forschungen, im wesent- 
lichen soweit das Trauma bzw. Traumata in der Jugend für die 
Entstehung der Neurosen und der Perversionen in Betracht kommen. 
Es wird eine Reihe von Behandlungen Neurotischer und Perverser 
im Halbschlaf zustande geschildert, aus denen hervorgeht, daß die 
Erinnerungen an Ereignisse, welche die seelische Entwicklung in 
der Kindheit und in der Pubertät geschädigt haben, in der Hypnose 
mühelos und schnell wieder erweckt werden können, auffallend 
schnell für Psychotherapeuten der Freud scheu Schule; nicht aber 
scheinen die durch äußeTe Ereignisse, gelegentliehe Beobachtungen 
in der Umgebung hervorgerufenen halb- und unbewußten Phan- 
tasien und Fragen, Sexualtheorien der frühesten Kindheit usw. be- 
wußt gemacht werden zu können; infolgedessen bleibt in den be- 
schriebenen Fällen die Erforschung des Seelenlebens der Patienten 
an der Oberfläche stecken. Am Schlüsse der Broschüre tritt der 
Autor energisch für die Aufhebung der geltenden Straf bestim mungen 
gegen. Homosexuelle ein. 

In der „Beobachtung eines Falles von erotischer Perversion 
mit Neurose" (28) wird die Krankheit eines; hysterischen jungen 
Mädchens beschrieben, welches eine Reihe perverser Züge zeigte. 
Der Vater war Trinker; sie war sehr infantil geblieben, war patho- 
logische Lügnerin; sie wurde mit 18 Jahren zu einem einmaligen 
Verkehr überredet, welchem eine Gravidität folgte; von da ab ent- 
wickelte sieh ein direkter Ekel gegen jede sexuelle Annäherung 
von seiten eines Mannes und eine ausgesprochene Prüderie in bezug 
auf Entblößungen irgendwelcher Körperteile, welche herkömmlicher- 
weise in ihren Gesellschaftskreisen gezeigt werden durften, wie 
z. B. Hals und Arme. Diese Prüderie wurde gelegentlich in Augen- 
blicken sexueller Erregung von ausgesprochenem Exhibitionismus ab- 
gelöst. Die Schaulust in der Jugend war groß, ist aber später 
vollkommen verdrängt worden. Im Zusammenhang mit dem Exhi- 
bitionismus steht eine starke Haut- und Muskelerotik, während die 
vaginale Schleimhaut vollkommen anästhetisch geblieben ist; außer- 



54 Dr- Felix Boehm. 

dem verrät die Patientin ausgesprochen, majsochistische Züge. Männer 
unter 40 Jahren, haben absolut keine Anziehungskraft für sie. — 
Zwei Jahre nach der Geburt des Kindes ergab si& sich, offenbar 
dem Beispiele des Vaters folgend, dem Alkoholismus; den Vater 
hatte aie als einzige Tochter sehr geliebt. Die krankhaften Er- 
scheinungen werden vom Autor auf eine Reihe von schädigenden 
Eindrücken in der Kindheit zurückgeführt. — Eine eingehende 
Analyse ist leider nicht durchgeführt worden. Der Fall ist theo- 
retisch interessant durch seine enge Mischung von neurotischen und 
perversen Zügen. 

In seinen Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" 
(13) kommt F eud in einer Reihe von Bemerkungen auf die Per- 
versionen zu sprechen, sowohl in seinen Ausführungen über den 
Traum (S. 232) als auch insbesondere in seinen Vorlesungen über 
die allgemeine Neurosenlehre (s. S. 346, 354, 360, 370, 389, 396, 
402, 409, 415). "Wenngleich Freud uns hier nichts prinzipiell 
Neues sagt, was er nicht schon an anderer Stelle gesagt hätte, so 
sind diese Bemerkungen über die Perversionen doch von großem 
"Wert für jedermann ler sich mit seinen Forschungsergebnissen be- 
kannt machen will. Gerade dadurch, daß er bald bei diesem, bald 
bei jenem Problem der Neurosenkhre eine Bemerkung über die 
Perversionen einflicht und in seinen Vorlesungen eine längere, aus- 
führliche systematische Darstellung der Perversionen vermeidet, er- 
leichtert er dem Anfänger das Verständnis seiner Ansichten außer- 
ordentlich und zeigt aber auch dem mit seinen Schriften Vertrauten 
die Perversionen immer wieder von neuem mit anderen Schlag- 
lichtern versehen innerhalb des großen Neurosenproblems. 

Von größter Bedeutung für die Frage der therapeutischen Be- 
einflussung der Perversionen scheint mir Freuds folgende Be- 
merkung in der III. Auflage der „Drei Abhandlungen" (10, S. 91) 
zu sein: „Diese letzteren (= Perversionen) sind also nicht bloß 
auf die Fixierung der infantilen Neigungen zurückzuführen, son- 
dern auch auf die Regression zu denselben infolge Verlegung an- 
derer Bahnen der Sexualströmung. Darum sind auch die positiven 
Perversionen der psychoanalytischen Therapie zugänglich." 

Ich verlasse jetzt die Arbeiten, welche sich mit den Perversionen 
im allgemeinen beschäftigen und gehe zur Besprechung von Arbeiten 






Sexuelle Perversionen. 55 

über das Gegensatzpaar Masoehismus und Sadismus über 
uiiil bespreche im Anschluß daran die Mitteilungen Iiber Analerotik. 

Riklins Arbeit ..Zur psychoanalytischen Auffassung des Sa- 
dismus" (18) hat außer dem irreführenden Titel nichts mit Psycho- 
analyse zu tun. Der „kausalen" Betrachtungsweise wird die „finale" 
entgegengestellt. 

Federn untersucht im zweiten Teil seiner Arbeit (6 1 ) die 
libidincsen Quellen des Masochismus. Er hält vor allem die Be- 
griffe „weiblich" und „masochistisch" ebenso wie „passiv" und 
„masochistisch" auseinander. Von Masochismus könne man — im 
Gegensatz zu der passiven Sexualkomponente — nur sprechen, wenn 
sexuelle Lust aus einem nicht sexuellen Erleiden geschöpft werde. 
In analoger Weise unterscheide sich der Sadismus von der aktiven 
Sexualkomponente dadurch, daß die Quelle der sexuellen Lust vom 
sexuellen Betätigungsgebiete auf das Gebiet der Agression ver- 
schoben werde. Der Sadist finde die sexuelle Endlust nicht darin, 
daß er Gewalt oder Schmerzzufügung bei einer sexuellen Besitz- 
ergreifung ausführe, sondern behufs Besitzergreifung oder Schmerz- 
erregung als Eigenzweck. Der Autor vermeidet es, den Masochis- 
mus einfach als persistierende infantile Sexualregung aufzufassen 
und sich damit zu begnügen, die Erogeneität der einzelnen Zonen 
und die perversen Partialtriebe, welche zum Masochismus führen, 
in der Kindheit nachzuweisen. Auch nach seiner Ansicht werden 
bestimmte infantile Partialtriebe im Masochismus fixiert, doch ver- 
sucht er es, die Ursache ihrer Fixierung und die Bedingungen, unter 
welchen sie den masochistischen Charakter annehmen, genauer fest- 
zustellen. Diese infantilen Komponenten wurden nämlich vom Maso- 
chismus ebenso wie vom Sadismus neu erweckt. Der Masoehismus 
reaktiviere zum Teil die gleichen, infantilen Triebe wie der Sadis- 
mus, aber mit entgegengesetzter Tendenz. Beim Sadismus seien es 
aktive Komponenten der normalen Sexualität, welche erotische und 
andere infantile Partialtriebe wiedererwecken. In analoger "Weise 
seien passive Komponenten zur Entstehung des MasochismuB nötig. 
Beide Tendenzen gingen auf Ursachen zurück, welche trotz ihrer 

*) Der erste Teil wurde von S adger im letzten Bericht, Jahrb. VI., 
S. 305 ff., -wohl etwas au. abfallig beurteilt. 



56 Dr. Felix Boehm, 

Gegensätzlichkeit nebeneinander gleichzeitig 1 bestündeu und sich 
summieren könnten. 

Eine wesentliche Feststellung des Autors ist nun die, daß zum 
sadistischen Sexualgefühl eine aktive, zum masoehistischen Sexual- 
gefühl eine passive Sexualempfindung gehört. In vielen seiner Fälle 
war nicht nur die Enipfindmigsqualität verschieden, sondern auch 
die somatische Lokalisation am. männlichen Genitale bei den beiden 
Einstellungen eine andere. Beim extremen Masoehisten ist die Ober- 
fläche des Penis sexuell völlig anästhetisch ; die masoehistisehe Er- 
regung ist prävalierend am Perineum lokalisiert, beim Sadisten und 
Normalen dagegen gegen die Glans zu. Doch muß zur Bildung 
des Masochismus ein weiterer Mechanismus in Wirkung treten. Er 
tritt erst dann auf, wenn die passive Sexualempfindung den ihr 
eigenen Charakter der passiven Lust dem ganzen Ich mitteilt und 
dieses sich mit seinem Organ, in bezug auf die lustvolle Passivität 
identisch fühlt. Der Masochismus ist Erfüllung und Beherrschung 
der ganzen Persönlichkeit durch die passiv gerichtete Libido. So- 
mit hat der Masochist nicht mir mit dem Geschlechtsorgan, son- 
dern auch als Ganzes und auch mit anderen Organen und auf an- 
deren Gebieten passiv sexuelle Erlebnisse. 

Um nun die libidinösen Quellen des Masochismus aufzuzeigen, 
unterscheidet der Autor den verschiedenen Zielen der libidinösen 
Strebungen entsprechend, zwischen Aktions- resp. Passions- 
libido. Von allen jenen Organen, deren sexuelle Befriedigung mit 
einem passiven Vorgang verbunden ist, geht Libido aus, die auf 
ein passives Ziel gerichtet ist. Diese Partialtriebe liefern demnach 
Pasßionslibido. Von diesem fruchtbaren Gesichtspunkte aus wird die 
Bolle der in Betracht kommenden Organe und crogenen Zonen ein- 
gehend gewürdigt, insbesondere die überragende Bedeutung der geni- 
talen Strebungen, welche in der feinsten "Weise analysiert werden. 
Doch, werden, wie gesagt, auch die von den übrigen Partialtrieben 
zum Masochismus resultierenden Beiträge entsprechend berück- 
sichtigt, nicht weniger diejenige aus den effektiven Erregungen, wie 
Schmerz, Scham und Angst. ' 

So kommt der Autor zum Ergebnis, daß der Masochismus als 
Folge und Ausdruck des Primates passiver Partialtriebe zu be- 
trachten ist. "Wenn nämlich die Gesamtgröße der letzteren stark 



Sexuelle Fcrveieionen. 57 

Kernig- ist, so sind sie im stände, die sonstige Aktivität des Indi- 
viduums? zu überwinden und entladen sieh, auf dem "Wege unbe- 
wußter Mechanismen in passive Situationen auf sexuellem Gebiet, 
wobei das Individuum passive Sexualgefühlo erlebt. Dadurch aber, 
,|;,IA die aktive Gesaniteinstcllung durch analog© Mechanismen mit 
iU?r Penislibido (Genital libido) verknüpft ist, äußert sich die Stö- 
ruiur der Aktivität, welche der Masoehismus herbeiführt, beim 
Manne auch in einer Hemmung der libidinösen Penisempfindungen, 
und so treten die der weiblichen Sexualität entsprechenden passiven 
Empfindungen an den erogenen Zonen beim Masochisten in den 
Vordergrund, während das männliche Organ sexuell anästhetisch 

wird. 

Der einzige Mangel vielleicht von Federns Arbeit ist das 
Fehlen des Gesichtspunktes oder nur der Terminologie der prä- 
genitalen Organisationsstufen der Libidoentwicklung. Sonst enthält 
sie den Kern oder doch wenigstens die Vorstufen der heute sich 
ermöglichenden Einsichten, Nach Freud ist der Schauplatz der 
masochistischen Betätigung, mag sie später noch so komplizierte 
und sublimierte Formen annehmen, ursprünglich immer die Haut- 
decke des Körpers. Und Ferenezi vermutet, daß beim Maso- 
chismus ein sekundärer, nunmehr neurotischer Vorgang zur Ver- 
drängung der normalen Genitaltriebe und zur regredienten, aller- 
dings bereits genitalisierten "Wiederbelebung dieses ursprünglichen 
Hautmasochismus. das heißt des Urmaso chismus, führt 1 ). 

In bezug auf Masochismus und Sadismus finden sich in Freuds 
„Drei Abhandlungen" (10, S. 23) folgende neue Bemerkungen 2 ): 
Streng genommen verdienen nur die extremen Einstellungen den 
Namen einer Perversion, bei welchen die Befriedigung ausschließ- 
lich an das Erleiden bzw. Zufügung von körperlichen und see- 
lischen Schmerzen gebunden ist. — Der Masochismus scheint sich 
vom normalen Sexualziel weiter zu entfernen als sein Gegenstück 
und nicht primär, sondern durch Umbildung aus dem Sadismus 
zu entstehen, wobei er eine Fortsetzung des Sadismus in Wendung 
gegen die eigene Person ist, welche die Stelle des Sexualobjektes 
vertritt. Die Analyse führt auf eine große Beihe die ursprüngliche 

!) S. Ferenezi, Hysterie und Pathoneurosen. 1919, S. 15. (An anderer 
Stelle, S. 121 u. 14Glf. umgehend besprochen.) 
*) Hioht ganz wörtlich zitiert. 



58 D*. Felix Boehm. 

passive Einstellung übertreibender und fixierender Momente (Kastra- 
tionakomplex, Schuldbewußtsein). 

Einen viele Ausblicke eröffnenden Beitrag zur Kenntnis der 
Entstehung des Masochismus und Sadismus liefert uns Freud in 
seiner Studie: „Ein Kind wird gesehlagen" (12 i). Diese Phantasie- 
vorstellung -wird mit überraschender Häufigkeit von Personen ein- 
gestanden, die wegen einer Hysterie oder einer Zwangsneurose die 
analytische Behandlung aufgesucht haben. An diese Phantasie sind 
Lustgefühle geknüpft, eine onanistische Befriedigung setzt sich fast 
regelmäßig auf der Höhe der vorgestellten Situation durch. Das 
Eingeständnis dieser Phantasie erfolgt nur zögernd, die Erinnerung 
an ihr erstes Auftreten ist unsicher. Die ersten Phantasien dieser 
Art sind schon frühzeitig gepflegt worden, schon im fünften und 
sechsten Jahre. Der Einfluß der Schule war so deutlich, daß die 
betreffenden Patienten versucht, waren, ihre Schlagephantasien aus- 
schließlich auf diese Eindrücke der Schulzeit zurückzuführen, allein 
sie waren schon vorher vorhanden gewesen. In den höheren Schul- 
klassen erhielten diese Phantasien neue Anregungen durch die Lek- 
türe von Onkel Toms Hütte u. dgl. Das Zuschauen, wie ein Kind 
in der Schule gesehlagen wurde, war nie eine Quelle ähnlichen 
Genusses wie die Phantasievorstellungen; auch in den raffinierten 
Phantasien späterer Jahre wurde an der Bedingung festgehalten, 
daß den gezüchtigten Kindern kein ernsthafter Schaden zugefügt 
werde. Die Personen, welche den Stoff für diese Analysen her- 
geben, waren nicht mit Hilfe von Prügeln erzogen worden. Auf 
verschiedene Prägen nach dem näheren Inhalt dieser Phantasien 
kam immer nur die eine scheue Antwort: Ich weiß nichts mehr 
darüber: ein Kind wird geschlagen. ~ Unter diesen Umständen 
könnte man vorerst nicht einmal entscheiden, ob die an der 
Sehlagephantasie haftende Lust als eine sadistische oder als eine 
masochistische zu bezeichnen sei. 

Eine solche, im frühen Kindesalter auftauchende, zur auto- 
erotischen Befriedigung festgehaltene Phantasie kann nur als ein 
primärer Zug von Perversion aufgefaßt werden. Eine der Kom- 

*) Ich referiere fast ausschließlich mit Freuda eigenen Worten, welche 
ich nur gelegentlich umgestellt habe, ohne sie jedesmal besonders in Anfüh- 
rungszeichen gesetzt zu haben. 



Sexuelle Perversionen. 59 

inerten der Sexualfunktion sei den anderen in der Entwicklung 
vorausgeeilt, habe sieh vorzeitig selbständig gemacht, sich fixiert 
und damit ein Zeugnis für eine besondere anomale Konstitution 
&er Person gegeben. Wo wir beim Erwachsenen eine sexuelle Ab- 
in-un.T vorfinden, da erwarten wir mit Becht ein solches fixierendes 
Ereignis der Kinderzeit durch anamnestisehe Erforschung aufzu- 
decken. Die Bedeutung der fixierenden Eindrücke konnte man darin 
suchen, daß sie der voreiligen und sprungbereiten Sexualkomponente 
den wenn auch zufälligen Anlaß zur Anheftemg geboten hatten. 
Gerade die mitgebrachte Konstitution schien allen Anforderungen 
an einen solchen Haltepunkt zu entsprachen. Eine frühzeitig los- 
gerissene sadistische Sexualkomponente läßt eine Disposition zur 
Zwangsneurose erwarten. Dieser Erwartung wird durch das Er- 
gebnis der Untersuchung von sechs Fällen nicht widersprochen. 

Eine bis in die frühe Kindheit durchgeführte Analyse zeigt, 
daß diese Phantasie, welche erst nach dem fünften Lebensjahre auf- 
tritt, eine komplizierte Vorgeschichte hat. in deren Verlauf sich 
ihre Beziehung zur phantasierenden Person, ihr Objekt, Inhalt und 
ihre Bedeutung mehr als einmal ändert. Der allmählich aufgedeckte 
Inhalt einer ersten, sehr frühen Phase der Schlagphantasien weib- 
licher Personen lautet: Der Vater schlägt das Kind, bzw. 
der Vater schlägt das mir verhaßte Kind. Die Phantasie ist 
eicher keine masochistische. aber auch keine ausgesprochen sadis- 
tische, da das phantasierende Kind ja nicht selbst schlägt. Die 
zweite Phase ist nie bewußt geworden, sie ist eine notwendige 
Konstruktion der Analyse ; zwischen ihr und der ersten Phase haben 
sich große Umwandlungen vollzogen. Der "Wortlaut der aweiten 
Phase lautet: Ich werde vom Vater geschlagen. Sie hat 
unzweifelhaft masochistischen Charakter. Die dritte Phase ähnelt 
der ersten, nur tritt das phantasierende Kind zurück, statt des 
Vaters schlägt ein Vatervertreter f Lehrer), anstatt eines Kindes 
werden (in den Phantasien der Mädchen) viele Buben geschlagen. 
Der wesentliche Charakter der Phantasie ist folgender: die Phan- 
tasie ist jetzt Träger einer starken, unzweideutig sexuellen Erregung 
und vermittelt als solcher die onanistische Befriedigung ; auf welchem 
"Wege ist die nunmehr sadistische Phantasie, daß fremde und un- 






6(] Dr. Felix Rcwhm. 

bekannte Buben geschlagen werdenj zu dem von da, an dauernden 

Besitz der libidinüsen Strebung des kleinen Mädchens gekommen? 
Eine in jene frühen Zeiten geführte Analyse zeigt das kleine 
Mädchen in die Erregungen seines Elternkomplcxes verstrickt; es 
ist zärtlich an den Vater fixiert. Aber es gibt noch andere Kinder 
in der Kinderstube, mit denen das Kind die Liebe der Eltern teilen 
soll und die es darum von sich stößt. Ist ein jüngeres Geschwister- 
eben, so haßt und verachtet man es zugleich; da man bald versteht, 
daß Geschlagenwerden eine Absage in der Liebe und eine Demü- 
tigung bedeutet, ist es eine behagliehe Vorstellung, daß der Vater 
dieses verhaßte Kind schlägt. Inhalt und Bedeutung der Schlage- 
phantasien in ihrer ersten Phase ist also: der Vater Hebt dieses 
andere Kind nicht, er liebt mir mich. Es ist zweifelhaft, ob sie 
eine rein ..sadistische", eine rein ..sexuelle" genannt werden darf; 
vielleicht nicht sicher sexuell, nicht selbst sadistisch, aber doch der 
Stoff, aus dem beides werden soll. Keinesfalls aber braucht eine 
mit Phantasien verknüpfte, zu einem onanistischen Akt führende 
Erregung angenommen 2U werden. In dieser vorzeitigen Objektwahl 
der inzestuösen Liebe erreicht das Sexualleben des Kindes offenbar 
die Stufe der genitalen Organisation. Diese inzestuösen Verliebt- 
heiten verfallen der Verdrängung, weil es ihnen bestimmt ist unter- 
zugehen, wahischeinlich weil ihre Zeit um ist, weil die Kinder in 
eine neue Entwicklungsphase eintreten, in welcher sie genötigt sind, 
die Verdrängung der inzestuösen Objektwahl aus der Menschheits- 
geschichte zu wiederholen, wie sie vorher gedrängt waren, solche 
Objektwahl vorzunehmen. Gleichzeitig mit diesem Verdrängungs- 
vorgang erscheint ein Schuldbewußtsein. Die Phantasie der inzes- 
tuösen Liebeszeit hatte gesagt: Er (der Vater) liebt nur mich, nicht 
das andere Kind, denn dieses schlägt er ja. Das Schuldbewußtsein 
weiß keine härtere Strafe zu finden, als die Umkehrung dieses 
Triumphes: „Nein, er liebt dich nicht, denn er schlägt dich." So 
würde die Phantasie der zweiten Phase, selbst vom Vater geschlagen 
zu werden, zum direkten Ausdruck des Schuldbewußtseins, dem nun 
die Liebe zum Vater unterliegt.. Sie ist also masouhistisch geworden; 
meines "Wissens ist es immer so, jedesmal ist das Schuldbewußtsein 
das Moment, welches den Sadismus zum Masocliismus umwandelt. 
Dies ist aber gewiß nicht der ganze Inhalt des Masochismus. Das 






Sexuelle FerveiBionen. 61 

Schuldbewußtsein kann nicht allein, das Feld behauptet haben; Jer 

JLiebesregung muß auch ihr Anteil werden. Da es sich um Kinder 
handelt, bei denen die sadistische Komponente aus konstitutionellen 
Gründen vorzeitig und isoliert hervortreten konnte, ist hei eben 
Sieden Kindern ein Rückgreifen auf die prägenitale, sadistisch-anale 
Organisation des Sexuallebens besonders erleichtert. Wenn die kaum 
erreichte genitale Organisation von der Verdrängung betroffen wird, 
so tritt nicht nur die eine Folge auf, daß jegliche psychische Ver- 
tretung der inzestuösen Liebe unbewußt wird oder bleibt, sondern 
ob kommt noch als andere Folge hinzu, daß die Genitalorganisation 
ttftlbat eine regressive Erniedrigung erfährt. Das: Der Vater liebt 
im<di, war im genitalen Sinne gemeint; durch die Regression ver- 
wandelt es sich in: Der Vater schlägt mich (ich werde vom Vater 
geschlagen). Dies Geschlagenwerden ist nun ein Zusammentreffen 
von Schuldbewußtsein und Erotik; es ist nicht nur die Strafe 
für die verpönte genitale Beziehung, sondern auch 
der regressive Ersatz für sie, und aus dieser letzteren 
Quelle bezieht es die libidinöse Erregimg, die ihm von nun anhaften 
und in onanis tischen Akten Abfulir finden wird. Dies ist aber erst 
daä Wesen des Masochismus. Die zweite Phase der Schlagephaatasien 
bleibt in der Hegel unbewußt, infolgedessen kann eine während 
dieser Zeit aufgetretene Onanie unter der Herrschaft unbewußter 
Phantasien stehen, welche durch die bekannten Schlagephantasien 
der dritten Phase ersetzt werden. 

Als solchen Ersatz fassen wir dann die bekannte Schlage - 
Phantasie der dritten Phase auf, die endgültige Gestaltung derselben, 
in der das phantasierende Kind höchstens noch als Zuschauer vor- 
kommt, der Vater in der Person eines Lehrers oder sonstigen Vor- 
gesetzten erhalten ist. Die Phantasie, die nun jener ersten Phase 
ähnlich ist, scheint sich wieder in das Sadistische gewendet zu haben. 
Das macht den Eindruck, als wäre in dem Satze : Der Vater schlägt 
das andere Kind, er liebt nur mich, der Akzent auf den ersten 
Teil zurückgewichen, nachdem der zweite der Verdrängung erlegen 
ist. Allein nur die Form der Phantasie ist sadistisch, die Befrie- 
digung, die aus ihr gewonnen wird, ist eine masochistische, ihre 
Bedeutung liegt darin, daß sie die libidinöse Besetzung des ver- 
drängten Anteiles übernommen hat und mit dieser auch das am 



£2 Dr. Felix Boehm- 

Inhalt haftende Schuldbewußtsein. Alle die vielen unbestimmten 

Kinder, die vom Lehrer geschlagen werden, sind doch nur Er- 
setzungen der eigenen Person. 

Diese Beobachtungen können verwertet werden zur Aufklärung 
über die Genese der Perversionen überhaupt, im besonderen des 
Masochismus. An der Auffassung, die bei Perversionen die konsti- 
tutionelle Verstärkung oder Voreiligkeit einer Sexualkomponente in 
den Vordergrund rückt, wird zwar nicht gerüttelt, aber damit ist 
nicht alles gesagt. Die Perversion steht nicht mehr isoliert im 
Sexualleben des Kindes, sondern sie wird in den Zusammenhang 
der uns bekannten typischen Entwioklungsvorgänge aufgenommen. 
Sie wird in Beziehung zur inzestuösen Objektliebe de$ Kindes, äuui 
Ödipuskomplex desselben, gebracht, tritt auf dem Boden dieses Kom- 
plexes zuerst hervor, und nachdem er zusammengebrochen ist, bleibt 
sie, oft allein, von ihm übrig, als Erbe seiner libidinösen Ladung 
und belastet mit dem an ihm haftenden Schuldbewußtsein. Es er- 
scheint nicht unmöglich zu sein, daß man die Entstehung der in- 
fantilen Perversionen ganz allgemein aus dem Ödipuskomplex be- 
haupten darf. Das „erste Erlebnis" wird von den Perversen immer 
in eine Zeit verlegt, um welche die Herrschaft des Ödipuskomplexes 
bereits abgelaufen war; das erinnerte, in so rätselhafter "Weise 
wirksame Erlebnis konnte sehr wohl die Erbschaft desselben ver- 
treten haben. In analoger Weise, wie der Ödipuskomplex der eigent- 
liche Kern der Neurose ist, wären die Schlagephantasien und andere 
analoge perverse Fixierungen auch nur Niederschläge des Ödipus- 
komplexes, gleichsam Narben nach dem abgelaufenen Prozeß, ge- 
rade so wie die berüchtigte „Minderwertigkeit" einer solchen nar- 
zißtischen Narbe entspricht. (Vgl. Marcinowski: „Die erotischen 
Quellen der Minderwertigkeitsgefühle", Zeitschrift für Sexualwissen- 
schaft IV, 1918.) 

Zur Genese des Masochismus liefert die Diskussion der Sclüage- 
phantasien nur spärliche Beiträge. Es scheint sich zunächst zu be- 
stätigen, daß der Masochismus keine primäre Triebäußerung ist, 
sondern aus einer Rückwendung des Sadismus gegen die eigene 
Person, also durch Regression vom Objekt aufs Ich entsteht. Triebe 
mit passivem Ziele sind zumal beim "Weibe, von Anfang zuzugeben, 
aber die Passivität ist noch nicht da 1 ? Ganze des Masochismus; 



Sexuelle Ferveiaionen. 63 

as gehört noch der Unlustcharakter dazu, der bei einer Trieb- 

t >r£'iilluim- so befremdlich ist. Die Umwandlung des Sadismus in 
Masochismus seheint durch den Einfluß des am Verdrängungaakt 
beteiligten Schuldbewußtseins zu geschehen. Die Verdrängung äußert 
sich also hier in dreierlei Wirkungen; sie macht die Erfolge der 
Genitalorganisation unbewußt, nötigt diese selbst zur Eegression auf 
die frühere sadistisch-anale Stufe und verwandelt deren Sadismus 
in den passiven, in gewissem Sinne wiederum narzißtischen Maso- 
cliismus'. Der mittlere dieser drei Erfolge wird durch die in diesen 
Fällen anzunehmende Schwäche der Genitalorganisation ermöglicht; 
der dritte wird notwendig, weil das Schuldbewußtsein am Sadismus 
ähnlichen Anstoß nimmt, wie an der genital gefaßten inzestuösen 
Objektwahl, 

Die zweite, unbewußte und maso eh istische Phase, die Phantasie, 
selbst vom Vater geschlagen zu werden, ist die ungleich wichtigere; 
es sind "Wirkungen auf den Charakter nachzuweisen, welche sich 
unmittelbar von ilirer unbewußten Fassung ableiten. Menschen, die 
eine solche Phantasie bei sich tragen, entwickeln eine besondere 
Empfindlichkeit und Heizbarkeit gegen Personen, die sie in die 
Vaterreihe einführen könnten. 

Um das Bild, das Ereud uns hier über die Zusammenhänge 
zwischen Perversionen und Ödipuskomplex gegeben hat, nicht zu 
komplizieren, versage ich es mir, über den zweiten Teil der Arbeit, 
welcher die entsprechenden Verhältnisse bei Knaben schildert, zu 
referieren; den ersten Teil der Arbeit habe ich so ausführlich be- 
sprochen, weil die Arbeit uns im Gegensatz zu einer großen Anzahl 
von Veröffentlichungen, welche immer wieder in sterotyper Weise 
den pathogenen Eindruck, das fixierende Ereignis der Kindheit (ge- 
wöhnlich der späteren Kindheit) schildern, in die Uranfänge der 
Perversionen führt und berufen erscheint, der Ausgangspunkt einer 
neuen Forschertätigkeit auf diesem Gebiete zu werden. 

Von Hattingberg sucht sich in seinem Aufsatz : „Analerotik, 
Angstlust und Eigensinn" (15) zögernd und widerstrebend mit 
Freuds Ansichten über das Zusammentreffen der drei Charakter- 
eigenschaften: Ordentlichkeit, Sparsamkeit und Eigensinn mit Anal- 
erotik in der Kindheit 1 ) auseinanderzusetzen; teils infolge mangel- 
l ) JPreud: Charakter und Analerotik. Netirosonlehre. IJ. ITolgp. 



ß4 Dr- Felix Boehm. 

haftcr eigener Erfahrungen, teils auf Grund einiger nicht sehr be- 
weisender, anseheinend nicht analysierter Beispiele zweifelt er 
Freuds Aufstellungen an; hinter der vom Autor als Beispiel an- 
geführten „großzügigen L argesse" versteckt sich nach meinen Er- 
fahrungen, manchmal anseheinend recht gut, ein ausgesprochener 
Geiz. Das gleichzeitige Vorkommen von Eigensinn in Verbindung 
mit Analerotik, besonders aber nur im Kindesalter, scheint seiner 
Ansieht nach häufiger zu sein. Es wird versucht, den Eigensinn 
als Folge der „Angstlust" zu verstehen: „dagegen kann die Anget- 
lust leicht zum Eigensinn führen, zunächst so, daß das Kind ßich 
einfach passiv verhält. Während die normale Angst ein Antrieb 
wäre, aus der Situation herauszutreten) ist hier eine Lustkomponente 
beigemischt, die eine Tendenz erzeugt, sie zu verlängern. Viel öfter 
bleibt das Kind nicht passiv, es kommt noch die Trotzeinstellung 
dazu (Woher? der Ref.), eine echte Aggressionstendenz. Dadurch 
verschärf! das Kind die Situation — es wird härter angefaßt und 
damit steigert sich seine Angst, und ..seine Lust'." Unter ,.Angst- 
lust", einem „gemischten" — „angenehm-unangenehmem" Gefühl, 
versteht der Autor die sexuelle Lust, welche durch Angst erzeugt 
wird; er betont, wie wichtig es ist, auf die Verschiedenheit jier 
Angst lusl vom Masochismus hinzuweisen, auch weil der Masochist 
meist nicht eigensinnig, sondern die Tendenz zur Unterwürfigkeit 
hat. (Welch letztere häufig eine ausgeprägte Herrschsucht eachiert. 
Der Ref.) Die Entstehung der „Angstlust 11 sucht v. Hatting- 
b e r g auf somatische Weise zu erklären. Ausgehend von einem 
eingehend beschriebenen, sehr hübschen Fall von ,.Angstlust" bei 
einem ungefähr fünf Jahre alten Knaben mit ausgesprochener Anal- 
und Urethralerotik, — welcher, wenn er Angst hatte, sofort das Ge- 
fühl bekam, als ob er groß und Lulu machen müsse, also ein Stuhl- 
und Urindrang und dabei ein „Gefühl" im Penis, eine Erektion — , 
kommt der Autor zu folgenden Erwägungen: „müssen wir uns zu- 
nächst daran erinnern, daß bekanntlich zwischen der Innervation 
der Blase und des Mastdarms und der Genif alsphäre nicht nur ana- 
tomisch, sondern auch physiologisch sehr nahe Beziehungen be- 
stehen". - „Danach ruft auch beim Weibe analog der bekannten 
,Wassersteife' des Mannes die Füllung der Blase eine reflektorische 
Steigerung der sexuellen Erregung und Genußfähigkeit hervor.' — 



Sexuelle Pervereionen. £5 

.Der Zusammenhang ist in allen diesen JFällen wollt sicher ein ver- 
hältnismäßig einfacher, also rein physiologisch begründeter, was bei 
,lt-r Wassersteife des Mannes kaum jemand bezweifeln dürfte." (Was 
mir höchst unwahrscheinlich erscheint. Der Ref. 1 ) — „Zu den so- 
genannten somatischen 1 Begleiterscheinungen des Angstaffektes ge- 
hören normalerweise, wenigstens bei höheren Graden des Affektes, 
Stuhl- und Urindrang.'- — „Wir haben jetzt nur anzunehmen, daß 
hei ,nervÖsen [ Kindern wirklich eine allgemein gesteigerte Erregbar- 
keit des gesamten Nervensystems vorliegt, um zu verstehen, daß 
hei ihnen ehen schon ein geringerer Druck in der Blase oder im 
Rektum, im stände ist, einen Erregungszustand in der Genitalsphäre 
(vielleicht, auf dem Wege einer .Irradiation' des fleizes) hervorzu- 
rufen. Die bei solchen Kindern ebenfalls und meist besonders ge- 
steigerte Erregbarkeit des Sympathikus bedingt zudem, daß die er- 
wähnten somatischen' Begleiterscheinungen — man spricht oft von 
Ausdruckserscheinungen« — der Affekte ganz allgemein intensivere 
sind. Und damit ist meines Erachtens eine zureichende Erklärung 
dafür gewonnen, wie die Angst zur Angstlust wird; ebenso 
warum nur bei besonders disponierten Individuen dieser ,Miseh- 
at'fekt' entsteht." 

Der Autor fügt hinzu: „Für philosophische' Psychologen keine 
Erklärung." Ich muß gestehen: auch für mich ist das keine aus- 
reichende Erklärung, — sondern diese Vorgänge erfordern eine ein- 
gehende psychoanalytische Erklärung. 

St ekel beschreibt unter dem nicht sehr glücklich gewählten 
Titel „Ein Fall von Analerotik (Priapismus)' : (23) einen Ö4jährigeu 
Mann, welcher seit Jahren an nächtlichen Erektionen gelitten hatte, 
die allen therapeutischen Bemühungen getrotzt hatten; die Erek- 
tionen wurden durch eine spezifische Phantasie hervorgerufen: „das* 
Weib kniet auf ihm, ao daß es ihm follatio macht und ihm den 
Hinterteil zuwendet. Er vollzieht zugleich den Cunmlingus in 
annm". Eine Erklärung der Entstehung der Phantasien ist nicht 
gegeben worden. 

Der Exhibitionismus hat nach wie vor wenig Beachtung 
gefunden. Mir ist nur eine Broschüre bekannt geworden: Straßer 

*) Siehe Hanks Arbeit: „Die Symbolschichtung im AVwktraum." 'Jalir- 
buoh IV. S. 51. 

Pijcboaniljte, Bericht i$U~ leiB. r. 






61» Dt. Felix Boehm. 

bringt in dem Aufsätze „Zur forensischen Begutachtung des Ex- 
hibitionismus'" (27) in groben Umrissen die Krankengeschichte zweier 
Exhibitionisten, in welchen die Geschichte der frühen Kindheit fehlt; 
die mitgeteilten Beobachtungen werden mit Adlers Anschauungen 
über die Entstehung der Neurosen in Einklang zu bringen versucht; 
infolgedessen findet diese Perversion durch die Arbeit Straßers 
keine Erklärung. Der Autor tritt für eine Exkulpierung derartiger 
Kranker bei Konflikten mit der herrschenden Gesetzgebung und für 
eine zwangsweise Behandlung derselben ein. 

In bezug auf den Fetischismus verdient folgende Mittei- 
lung Beachtung: 

H. von Hug--Hellmuth besehreibt (IG) eine Dame, welche 
im normalen sexuellen Verkehr keine Befriedigung findet und für 
keinen Mann Interesse empfindet, sondern deren ganzes bewußtes 
sexuelles Empfinden sieh auf Stiefel, besonders auf hohe Reitstiefel 
von Männern und die darin befindliehen Füße, insbesondere die Zehen, 
richtet. Der Vater war Offizier; die Dame interessierte sich von 
früher Jugend an intensiv für die Reitstiefel des Vaters, für alles 
militärische Leben, verlobte sich später mit einem 30 Jahre älteren 
Offizier, „weil er so entzückende Füße hatte". Später verliebte 
sie sieh in einen auffallend häßlichen älteren Offizier: „Ich bin 
sterblich verliebt in die entzückendsten Reitstiefel, die ich je ge- 
sehen." Es kam zu einer unglücklichen Ehe. Nackte Füße empfand 
sie als ekelhaft: „"Wenn ich mir nur die große Zehe vorstelle, 
graust es mir schon; und die Nägel, die immer verkrüppelt sind, 
und die kleine Zehe, die nie wachsen kann! Das ist ein greulicher 
Anblick." Einem jungen Offizier, den sie um des genannten Reizes 
willen bevorzugte, gab sie als Zwanzigjährige plötzlich den Ab- 
schied, weil sie, als er neben ihr saß, bemerkte, wie er die Zehen 
im Schuh bewegte. Die Bewerbung eines anderen lehnte sie ab, 
weil er ,, durchgedrückte Zohcnballen" hatte. Es wird eine Er- 
klärung des leider nicht analysierten • Falles auf Grund des mit- 
geteilten Materials zu geben versucht, welche äußerst wahrschein- 
lich klingt: als zehnjähriges Kind wünscht sie sich auch hohe 
Schaftstiefel; offensichtlich weit mehr aus der Identifikation mit 
dem geliebten Vater und dem heftigen Wunsche, ein Knabe zu sein 
(symbolische Natur des Fußes = Penis), als aus Sclbstverliebtheit. 



Sexuelle Perversionen. 57 

Die hohen Reitstiefel sind für die Erwachsene geradezu Gegenstand 
erotischer Gefühle; sie verziehtet nicht bloß auf das normale Sexual- 
xit'l, sondern sie nimmt zu der Vorstellung: ihres Fetisches Zu- 
i'Iuctii. um sieh die ehelichen Pflichten erträglich zu machen. Bas 
Verhallen der Dame gegen den nackten Fuß scheint von besonderer 
Bedeutung zu sein. Ekel ging immer einer besonderen Libido voran; 
,1er Fuß bildet Symbol und Ersatz für den Penis: irgendeinmaJ. 
muß die Aufmerksamkeit des Kindes auf das männliche, das heißt 
,Lis väterliche Genitale, gerichtet gewesen und dann durch die 
Sexualeinschüchterung der Erziehung verdrängt worden sein auf 
einen nicht minder anstößigen Körperteil, den Fuß. In seiner Rolle 
als Penisersatz muß er aber verhüllt sein, und an diese Hülle 
werden im Interesse der Idealisierung des Objektes besondere An- 
forderungen, wie glänzende Neuheit (was vielleicht so viel als Un- 
berührtheit heißen soll), Faltenlosigkeit usw. gestellt. Daher die 
Bezeichnung „entzückend dezent" für Reitstiefel; zufolge einer sol- 
chen Verdrängung die Reaktion des Mädchens mit einem solchen 
Ekel auf ein Bewegen der Zehen. Vielleicht spielen bei ihrem Ab- 
scheu vor verkrüppelten Zehen und Nägeln Kastrationsvorstellungen 
mit. Das masochistische Moment ist klar ausgesprochen: „Vor Reit- 
stiefeln kajm man zittern und man muß sie lieben zugleich." 

Von Freud sind neu zwei Bemerkungen in bezug auf den 
Fetischismus in seinen „Drei Abhandlungen" (10, S. 19, 21): „Diese 
Schwäche entspräche der konstitutionellen Voraussetzung. Die Psycho- 
analyse hat als akzidentelle Bedingung die frühzeitige Sexual- 
einsehücuterung nachgewiesen, welche vom normalen Sexualziel ab- 
drängt und zum Ersatz desselben anregt." — „In manchen Fällen 
von Fußfetischismus ließ sich zeigen, daß der ursprünglich auf 
das Genitale gerichtete Seh au trieb, der seinem Objekt von unten 
her nahe kommen wollte, durch Verbot und Verdrängung auf dem 
Wege aufgehalten wurde, und darum Fuß oder Schuh als Fetisch 
festhielt. Das weibliche Genitale wurde dabei, der infantilen Er- 
wartung entsprechend, als ein männliches vorgestellt." 

In seiner Arbeit „Zur Psychologie und Therapie des Fetischis- 
mus» (25) bringt St ekel uns die „Analysen" zweier Fetischisten. 
Seme Arbeitsmethode charakterisiert der Autor selbst folgender- 
maßen: „Nun lasse ich einen der vielen Träume dieses Kranken fol- 

5* 



j}K Dr. Felis Boehm. 

gen. Er gewährt uns einen tiefen Einblick in die Struktur der Ncuroue 
und in die Motive seines Fetischismus. Ich bemerke, daß ich die 
Analyse erst ohne die Einfälle des Analysierten durchführte und 
daß er allerdings dann durch seine von mir gelenkten (vom 
Ret. gesperrt) Einfälle das dazu gehörige Material in überreichem 
Maße brachte. Gerade diese Traumanalyse ist eiu glänzender Be- 
weis, daß man in den meisten Träumen mit der Methode Freuds 
nicht weiter kommt und unbedingt nach meiner Methode arbeiten 
nraß, wenn man zu neuen Erkenntnissen kommen will- Freilich 
es ist bequemer, aut den Einfall des Träumers zu warten, als durch 
eigene Einfälle auf die richtige Deutung zu kommen. Es ist auch 
nieht jedermann für diese Art der Traumdeutung begabt..." In 
der ausführlichen „Analyse' - eines langen Traumes ist keine Assozia- 
tion des Patienten enthalten, ^o daß dem mitgeteilten Material keine 
Beweiskraft zukommt, es ist nirgends ersichtlich, ob es sich um Ein- 
fälle des Patienten oder um „Deutungen" Stekels handelt. Der 
Autor kommt zu dem Schluß, daß es sich in beiden Fällen um eine 
„Christusneurose'' handelt, für deren Heilung es nur einen "Weg gibt, 
die Ehe. ,,weil hier ilrst Kongressus keine Sünde mehr war". Er 
kommt zu folgenden Feststellungen: „Der Fetischismus ist eine Er- 
satzreligion. Er bietet seinem Träger in Form einer Perversion eine 
neue Religion, in der er seinem Bedürfnis nach Glauben gerecht 
werden kann. Er entspringt aus einem Kompromiß zwischen einer 
übermächtigen Sexualität und einer starken Frömmigkeit. Er ge- 
währleistet seinem Träger die Möglichkeit einer mehr oder minder 
vollkommenen Askese. Unter dem Bilde des Satanismus und der 
Liberlinago verbirgt sieh eine Frömmigkeit, deren Ziele weit über 
diese "Welt hinausgehen. Der Fetischist ist im offenen Kampfe mit 
jeder Autorität, besonders aber mit Gott, dem er sich im geheimen 
unterwirft und dem er durch besondere Entbehrungen zu dienen 
glaubt." — Ich meine, daß es auch schon den Nervenärzten der vor- 
ireudscheu Epoche bekannt war, daß Nervöse sich mit sie quälenden, 
manifesten religiösen Problemen beschäftigen. Was hat das Durch- 
sprechen solcher Probleme mit Psychoanalyse zu tun? Stekels 
Arbeitsmethode wird ausgezeichnet durch die Art und "Weise charak- 
terisier!, in der er die stenographischen Notizen eines Schülers 
Freuds bespricht (S. 243): So lautet ein Traum: „Ich liege auf 



70 Dr. Felix Boehm. 

gestellt! So hört auch diese „Analyse" dort auf. wo die analytische 
Arbeit erst heginnen sollte. Trotzdem ich in diesem Referat die 
Fortschritte der Psychoanalyse besprechen sollte, konnte ich an 
dieser Arbeit Stekels nicht vorübergehen) da sie wie in einem 
Bilderbogen solch eine Menge von verschiedenen Fällen aus einer 
großen psychotherapeutischen Praxis schildern, in -welchen sich Onanie 
und Homosexualität versteckt in den verschiedensten Bildern zeigen, 
daß das "Werk Kollegen, welche, ihre Kenntnisse infolge Mangels 
eigener größerer Erfahrungen erweitern, aber nicht vertiefen wollen, 
empfohlen werden kann, insbesondere da die Fälle doch von einem 
Autor gesehen und geschildert worden sind, der einmal eine psycho- 
analytische Schule durchgemacht hat. Auf die einzelnen Fälle und 
theoretischen Ansichten einzugehen kann ich mir nach den oben mit- 
geteilten Proben versagen. 

Außer in Stekel hat die Inversion noch eine ganze Reihe 
von Bearbeitern gefunden, von denen ich folgende Arbeiten be- 
spreche : 

Adlers „Das Problem der Homosexualität" (1) ist bereits 
von Federn eingehend besprochen worden (Z. V. S. 220); ieh kann 
mich den Ausführungen von Federn nur anschließen. Alles in 
allem: eine einfache "Übertragung von Adlers Gedanken aus seinem 
„Nervösen Charakter", auf das Problem der Homosexualität, auf 
alle Perversionen, aber vom speziellen Problem der Homosexualität 
kein Wort. 

Fried] ung beschreibt in seinem Aufsatz: „Sehamhaftigkeit 
als Maske der Homosexualität" (14) einen 39jährigen Mann, welcher 
sieh infolge seiner Homosexualität weigerte, sich vor einem Arzte 
zu entkleiden: „Das Peinliche liegt daxin, daß der Arzt bei der 
Untersuchung angekleidet bleibt; wäre er auch nackt, so fiele da^ 
Peinliehe der Situation weg." 

lt. Senf wiederholt in seinem Aufsatz „Psychosexuelle In- 
tuition" (22) seine bereits in früheren Arbeiten (Ursprung der Homo- 
sexualität, Groß 1 Archiv, Bd. 52 u. a,) aufgestellte Theorie von 
der Herkunft der Homosexualität, um daran seine Methode der 
„psychosexuellen Intuition" aufzuzeigen, Perversionen entstehen durch 
„Auflösung" des sexuellen Aktes in die „Einzeleindrücke", aus denen 
er sich zusammensetzt. „So habe ich aus der Beobachtung, daß 



Sexuelle Perversionen. 69 

ileiu Sofa. Hinter mir sitzt Dr. X- und träufelt fortwähren«! warmes 
Wasser über mein Haupt. Ich denke, so lange mein Helm fest an- 
liegt, kann das Wasser ruhig plätschern." Die stenographischen No- 
tizen zeigen, daß dieser Traum als Zeichen der „Urinerotik" aufge- 
faßt "Kurde. Als ein infantiler Wunsch, den analysierenden Arzt mit 
l T nii zu heträufeln! Einfach unglaublich und doch wahr! Und der 
Traum heißt: „Ich liege hei dir am Sofa und das warme Wasser 
deiner Rede ergießt sieh über mein Haupt. Ich habe aber meine 
Neurose (Holm!) in guter Hut und höre nicht auf dein Gerede." 
Also eine Deutung des manifesten Trauminhalts ohne eine ein- 
zige Assoziation des Patienten! Überhaupt muß mau eich, um Ste- 
ll e 1 6 Arbeiten zu verstehen, seine eigenen Worte vorhalten aus seiner 
Arbeit „Onanie und Homosexualität" (24) (S. 384 *}; „Einerseits 
haben die maßlosen Übertreibungen (vom Ref. gesperrt) des 
Meislers und seiner Anhänger viele Arzt« kopfsehen gemacht... 
Wie fest war ich von allen Freu dachen Mechanismen überzeugt, 
so lange die Nähe des großen Entdeckers meinen klaren Blick ver- 
wirrte! "Wieviel mußte ich umlernen, korrigieren, besänftigen, unter- 
streichen, überwinden, vergessen, mit anderen Augen ansehen . . ." 
Meines Bracht ens ist zum Verständnis des "Werkes der Nachdruck 
auf das Wort vergessen zu legen. Durch eine Fülle von instruktiv 
geschilderten Fällen sucht S ■: e k e 1 seine Ansichten zu beweisen, jedoch 
findet sieh in der ganzen mitgeteilten Menge von ..Analysen" (besser 
gesagt- Anamnesen) keine auch nur einigermaßen in die Tiefe getrie- 
bene, oder gar beendete „Analyse", f>o daß der von Freud in die 
Wissenschaft eingeführte lerminus techniens von Stckel mit Un- 
recht für seine Art von Psychotherapie benutzt wird. Auf die aus- 
führliche Mitteilung einer auch an anderer Stelle 3 ) publizierten 
„Analyse" legt St ekel großen Wert, es ist eine sechswöchige (!) 
„Analyse" eines Homosexuellen; diese „Analyse" benutzt Stekel 
als Beweis für folgende Feststellung: „Die homosexuelle Neurose 
ist. eine durch die sadistische Einstellung zum entgegengesetzten Ge- 
schlecht motivierte Flucht in das eigene Geschlecht." ."Welcher 
Schüler Freuds hätte nicht bei der Analyse eines Homosexuellen 
sehr bald den Haß gegen das andere Geschlecht als Nebenbefund fest- 



l ) Woinifc ich in die Besprechung- der Arbeiten über die Inversion eintrete. 
*) Groß' Archiv f. Krimin.-Antlirop i. Bd. G6. 1910. 



Sexuelle Perveraionen. 71 

s;ich die Einzeleindrücke, welche ursprünglich den Individuen un- 
bewußt zu der komplexen Lust der Besitzergreifung im Akte zu- 
sammenklingen, nämlich die Gewaltanwendung, die Wahrnehmung 
il 6t" eigenen Erregung und der des anderen Teiles, die Wahrnehmung 
des Leidens des Gegners — als seihständige Grundlage des innersten 
Charakters einzelner Gruppen von Perversitäten wiederfinden, darauf 
geschlossen, daß diese entstanden sein müssen infolge der Auf- 
lösung des Aktes als sexuelles Erlebnis in jene Ein- 
zel eindrücke." Die (männliche) Homosexualität leitet sieh ab 
von „dem Einzeleindruek der Erregung". Von hier geht der Ent- 
wicklungsgang über die Steigerung der eigenen Erregung durch die 
Einfühlung in fremde Erregung (zwei Studenten, die gleichzeitig 
mit zwei Mädchen verkehren, „weil jeden das Anschauen der Bei- 
^chJafhewegungen des anderen stark erregte") zu dem Zustand, wo 
die bloße Vorstellung des erregten Mannes in den Vordergrund des 
Interesses geschoben wird. „Wir sehen, wie infolgedessen die Person 
des Mannes zum erstenmal selbständiger als Objekt des sexuellen 
Wunsches hervortritt, wie es dann auf diesem Wege nicht aus- 
bleiben kann, daß die Eigenschaften, die ursprünglich als Symbol 
der Fähigkeiten, das Weib zu erregen, erfunden worden sind, in 
natura interessieren, und wie schließlich die Entspannung im Be- 
sitze eines derartigen Afannes, und zwar bezeichnender weise gerade 
eines heterosexuellen oder im Besitze der männlichen Erregung in 
ihrem Wirkenlassen axtf den eigenen Körper, also in der Hingabe, 
erstrebt und erlangt wird." 

Verfasser polemisiert gegen Hirschfelds Auffassung der 
Homosexualität als einer biologischen Variante, sie sei statt dessen 
ein Entwiekhuigsprodukt, das freilich, „weil derartige Entwick- 
lungen sich niemals innerhalb eines Menschenlebens abzuspielen 
vermögen, als angeborene .Disposition', als .fertige Anlage' auftrete". 
Sie ist ebensowenig eine biologische Variante wie etwa der typische 
Lustmörder. Sie ist keine „von Ursprung an neben der Hetero- 
sexualität vorhanden gewesene ^Naturerscheinung", sondern „durch 
eine Abwandlung des heterosexuellen Fühlens nach der Dissolatiou 
des Aktes als komplexes Erlebnis in seine Einzeleindrücke infolge 
der Alleinherrschaft des Einzelcindruekes der Erregung entstanden". 



72 l>r. Felix Boehin. 

Die „psychosexuelle Intuition" gründet sich auf die : ,innove 
Erfahrung*'. „Chemische oder biologische Foivrfnuig.siesultate eat- 
.stammen einer "Welt, welche mit der Sphäre innerer Erfahrung 
schlechterdings nichts zu tun hat". Psychische Vorgänge können 
nur , .intuitiv" erfaßt werden, dazu bedarf es einer ., Anlage, psy- 
chische Möglichkeiten an sich, zu entdecken, in ihnen aufzugehen, 
zu ihnen Distanz zu gewinnen, ihr Ineinandergleiten zu merken, da- 
mit ihre Beziehungen untereinander zu überschauen und sie schließ- 
lich in: allen verwandten und denkbaren Nuaneierungen wiederzu- 
finden". Es handelt sich um eine Art „Empfindungsmathematik - 
das bewußte Erleben psychischer Resultate und deren verständi- 
gem» ße Verarbeitung". 

Verfasser hat in seiner streng psychologischen Methode Be- 
rührungspunkte mit der Psychoanalyse, doch macht sich das Fehlen 
der experimentellen Grundlage der Fi eud sehen praktischen Analyse 
und dadurch die Vernachlässigung des Unbewußten und der infan- 
tilen Sexualität stark bemerkbar. Bewußtseinsanalyee und ratio 
nalis tische Differenzierungen herrschen vor. 

Bei aUer Bcachtlichke.it der mit ihr entrollten, psychologischen 
Zusammenhänge liegt in dm* Ableitung der Homosexualität von der 
Einfühlung in die sexuelle Erregung eines anderen Mannes ein 
Circulus vitiosus, weil diese Einfühlung ihrerseits erst als eine 
Auswirkung der latenten homosexuellen Komponente der Libido be- 
greiflich erscheint. 

Blühers viele Affekte verratende Arbeit „Die Bolle der 
Erotik in der männlichen Gesellschaft" (2) ist bereits von Eis ler 
unter Hervorhebung der Vorzüge und Schwächen der Schrift ein- 
gehend besprochen worden. (Z. VI. S. 180.) Sie dient im wesentlichen 
zur eingehenden Begründung der in seinen früher erschienenen Ar- 
beiten entwickelten Ansichten über die Inversion („Zur Theorie der 
Inversion" [8]; „Studien über den perversen Charakter" [5], und 
„Die drei Grundformen der sexuellen Inversion" [4]). Indem ich 
mich den Anschauungen Eislers im allgemeinen anschließe und 
noch besonders den großen Nutzen hervorhebe; welchen jeder Psycho- 
analytiker aus der Lektüre zur Erweiterung seiner Kenntnisse über 
den Umfang verdrängter homosexueller Neigungen in vielen Gesell- 
schaftskreisen ziehen kann, kann ich doch nicht umhin, Eisler 



Sexuelle Perveraionen. 7!j 

,luriu zu widersprechen, daß dieses "Werk ,,der erste Versuch sein 
iurfte, d»c Anschauungen Freuds zur Grundlage einer neuen Gc- 
sellscka i'tslehre zu machen". Ich. finde, daß Blüher sich in vielen 
Punkten zu weit von den Ansichten. Freuds und seiner Schüler ent- 
lernt, als daß das möglich sein dürfte. Da, Blühe r in bezug auf 
-ein« von ihm geschilderten psychotherapeutischen Bemühungen immer 
wieder die Worte „Analyse" und „analysieren"' anwendet, seheinI 
ts nur unhedingt geboten, festzustellen, daß Freud unter Psycho- 
analyse etwas ganz anderes versteht. B 1 ü h e r wendet Homosexuellen 
gegenüber eine Therapie au, welche der von Magnus Hirschfeld 
beschriebenen Adaptionstherapie sehr ähnlich ist, und hört dort auf 
xu „analysieren", wo wir damit beginnen. Ich glaube nicht, daß 
jemand in die Lage kommen kann, sich ein objektives Bild über di'' 
Homosexualität zu macheu, wenn er, sobald er in seinen therapeu- 
tischen Bemühungen auf eine ausgesprochene Homosexualität stößt, 
-i i> respektvoll, wie vor etwas „bedingungslos Heiligem und Unan- 
tastbarem" zurückzieht (.S. 136/137), sieh dann auf die Seite der 
männlichen Gesellschaft stellt, gegen die bürgerliche Norm spricht 
(S. 177), „sich unbedingt und ohne jeden Zweifel auf die Seite des 
Erkrankten stellt, und zwar auf die seines Triebes und seines Eros" 
t> 171). Ein Forseher müßte vor allen Dingen objektiv bleiben 
können. In vielen Funkten sieht das Buch sehr stark den rationali- 
sierten Widerständen eines intelligenten Patienten ähnlich, welcher 
M.-int» Analyse nur bis zu einem gewissen Punkte machen will und 
seinen Abbruch immer wieder mit Hilfe seiner überlegenen Intelli- 
genz und großen Kenntnisse zu verteidigen sucht, aber seine unbe- 
wußten Motive übersieht. Ausführliche Belege für meine* Behaup- 
tung zu bringen, muß ich mir im Rahmen dieses Referates versagen. 
Aussprüche, wie: «Aber es ist nicht wahr, daß er 1 ) deshalb unglück- 
lieh und minderwertig sein müsse. Menschen dieser Art gehen fast 
gleichgültig an den lebenden Objekten vorüber und verkehren im 
Stillen mit Götterbildern. Sexuell reichbegabte Naturen mit weiter 
Phantasie werden nur schwer ohne diese Art von Onanie auskommen. 
mögen sie im übrigen mit vielen Frauen oder Jünglingen orgastische 
Gemeinschaft haben. Denn es gibt eben Objekte, die durchaus nur 
in der Phantasie bestehen. — Es kann kein Zweifel sein, daß die 



l ) (= eiu OnailiBb. Der Ref.) 



u 



Dr. Felis Boehm. 



Onanie die großartigste Erfindung des Menschen auf sexuellem Ge- 
biete ist" (S. 112), vertiefen wohl die Trennungslinien zwischen dem 
Atitor imd denjenigen, welche die Psychoanalyse zu Heilzwecken 
verwenden. 

■ In seinem Aufsatz „Ketzergedanken über Homosexualität" (19) 
wendet sich Sadger 1 ) gegen die Beschönigung homosexueller Be- 
tätigungen durch die "Wortführer der Homosexuellen, wendet sich 
gegen Magnus Hirschfelds „Zwischonstufentheorie", gegen die 
Üherbetonung und Unterstreichung der „angeborenen Triebrichtung" ; 
er betont den von Freud und von ihm vertretenen Standpunkt, daß 
jene „angeborene Triebrichtung" überhaupt nicht bestehe, nur der 
Trieb sei angeboren, nicht aber das Objekt; es ergibt .sich ganz 
regelmäßig ein Schwanken der Libido zwischen beiden Geschleck- 
tem ; die Homosexualität ist demnach erst ein späteres Entwicklungs- 
stadium, sie kann durch Psychoanalyse geheilt werden. - Sadger 
wendet eich gegen eine Vernachlässigung seiner Forschungsresultale 
in Hirse hfelds „Die Homosexualität des Mannes und des Woi 
bcs". Betont wird ferner die organische Disposition zur Homosexua- 
lität, welche aber nicht zu einer solchen zu führen braucht. — 
Autor wendet sich gegen Hirschfei du „Digitationes" (in Wiener 
homosexuellen Kreisen „FJngerin" genannt) und „Adaptionstherapie'S 
welch letztere keine ärztliche Behandlung ist, ebenso gegen Hirsch 
felds Standpunkt von der „pädagogischen und nutzbringenden Seite 
der Homosexualität zum Besten dos Staates"; er betont die Gefahren 
der Verführung Minderjähriger durch Urninge und verlangt eine 
Erhöhung des Schutzalters für Knaben bis zum 18. Lebensjahre. 

Sauger faßt seine neuen Erf abrangen über männliche .In- 
version in seinem Aufsatz: „Neue Forschungen zur Homosexualität" 
(20) folgendermaßen in einem Schlußwort zusammen: 

1. Der Urning verhält sich weiblichen Sexualobjekten gegen- 
über genau wie der psychisch Impotente, der nicht leistungsfähig 
ist, weil er an die Multer, selten an die Schwester verlötet ist. 

2. Ein Stück seiner spezifischen Konstitution läßt sieh dahin 
definieren, daß einerseits seine Muskelerotik von Haus aus herab- 
gesetzt, anderseits die genitale Libido und die sexuelle Schaulust 

') Stabe auch Sadgera Referat über Magnun Hirachfelds ,,Die H'müo- 
Sexualität des Hanno« uod dos Weibes". Z, II. S. 392. 



Sexuelle Perrcrsiont-n. 75 

dies« letztere vornelmilich auf die Geschlechtsorgane — erheb- 
li.-li gesteigert ist. Es besteht ferner 

3. sehr häufig eine besondere Verstärkung jener ohnehin er- 
lii.lilnn genitalen Libido durch Reizungen von seilen des Vaters, 
der seinen Sprößling übertrieben liebt; 

4. eine Überschätzung des männlichen Gliedes, welches man- 
chen Urning wie ein Dämon verfolgt.; 

5. endlich aus dem nämlichen Grunde eine besondere Lust zum 
Eingreifen ad membrum. Die typischen „Verderber'' sind meistens 
„absolut" homosexuell. 

6. Die Oberbetonung der genitalen Libido führt ausnahmslos 
zu früher Verliebtheit in das andere Geschlecht, vor allem in die 
Mutter (oder deren frühere Vertreterin), auf welche der Urning 
grobsinn liehe Gelüste nährt. 

7. Deren scharfe Zurückweisung bedingt dann seine erste Ent- 
täuschung, die zweite das Fehlen des Penis bei der Mutter, die 
er weit stärker und schwerer empfindet als der normale Junge. 

8. "Wenn dann in der Reifung wieder durch die Mutter eine 
Enttäuschung in sexualibus erfolgt, kommt es zur Fixierung ans 
eigene Geschlecht auf dem Wege der Regression zur urgeliebten 
Mutter mit dem Penis und der steten Überschreibung vom Weib 
auf den Mann, 

9. Diese Regression ermöglicht es ihm, die beiden stärksten 
Liebeso nipfindimgen jegliches Menschen zur Mutter und Ich gleich- 
zeitig zu gehen und zu empfangen, daher die Hartnäckigkeit, mit 
der die Fixierung an den Mann vom Urning festgehalten wird. 

Er stützt seine Erfahrungen auf zahlreiche Beobachtungen, von 
denen er verschiedene überzeugend klingende Einzelheiten mitteilt; 
für die fortwährende Transkription vom Weibe auf dem Mann, für 
den ■unausrottbaren Glauben an den Penis der Mutter bzw. jedes 
Weibes, werden etwas ausführlichere Beispiele ans der Praxis ge- 
bracht. Der Aufsatz enthält in gedrängter Kürze auf nur 32 Seiten 
so viel Lesenswertes, daß ein ausführlicheres Referat fast den 
ganzen Aufsatz wiederholen müßte. Wer sich intensiver für das 
Ptobh-ui der Inversion interessiert, sei auf das Original verwiesen. 

Von Sadgcrs Aufsatz „Allerlei Gedanken zur Psychopathiä 
sesualis" (21) ist es mir nicht möglich gewesen, den ganzen Aufsatz 



76 Dr. Felix Boehm. 

zu erhalten) sondern nur die beiden ersten Teile; ich referiere da- 
her nur über diese. Man kann mit Magnus Hirsch fei d drei 
Gruppen von Homosexuellen unterscheiden: solche mit einer Vor- 
liebe für Gleichaltrige, solche mit einer Vorliebe für bedeutend 
Jüngere und solche mit einer vorstechenden Neigung für reife 
Leute bis zum Greisenalter. I^adger sucht die Gründe für diese 
Verhalten durch das Studium eines Fünfundzwanzigjährigen au 
„Dementia paranoides" leidenden Kranken, welcher sich durch hohe 
Intelligenz und schärfstes Verstehen hervortat und sein Unbewußtes 
vollständig durelieehatite, zu verstehen. Der Patient vereinigte alle 
drei "Neigungen in sich; den älteren Männern gegenüber, welche 
den Vater vertraten, verhielt er sich passiv, wollte von ihnen un; 
iirmt, geküßt, eventuell auch koitiert werden, wie er es oft vom 
Vater der Mutter gegenüber gesehen hatte; für die Leute von glei- 
chem Alter, welche ihrem Äußeren nach durchsichtig die Mutter 
repräsentierten, empfand er aktiv, wollte sie koitieren gleich dem 
Vater und damit seinen alten Kinderwunseh erfüllen; die jüngeren 
endlich, welche ihn selbst in früheren Jahren vorstellten, pflegte 
er zu bemuttern. Dieses Schema ist typisch. Da es ja keinen wirk- 
lichen Koitus zwischen Männern gibt, wird von Homosexuellen 
irgend eine andere sexuelle Befriedigung als Koitus bezeichnet, die 
Wünsche bleiben unbestimmt, JEine Erklärung könnte darin ge- 
sucht werden, daß der Knabe den elterlichen Koitus in der Hegel 
nicht genau beobachtet hat; ein tieferer Grund Hegt darin, daß 
der Homosexuelle nicht den Mann begehrt, sondern das Weib, noch 
deutlicher die Mutter mit dem Penis. Woher dieses Festhalten an 
diesem uukorrigierbarem Irrtum des Unbewußten? „Die ersten Lust- 
empfindungen empfängt das neugeborene Kind, indem es die Mutter 
an ihren Brüsten saugen läßt. Und zwar' sind es zweierlei Lust- 
gefühle. Stillung des Hungers und Heizung «üner wichtigen ero- 
geneu Zone, des Mundes nämlich," - „Viele Neurotiker, und vor 
allem die Uranier, fassen jedes Hineinstecken als einen Geschlechts- 
akt mit der Mutter auf. In ihrer Kindheit besaß die Mutter eben 
einen Brust-Penis, mit dem sie den kleinen Knaben koitierte." — 
„Von diesem Ur-Koitus mit der Mutter strahlt eine Reihe Aufklä- 
rungen aus." Sa dg er führt auf Grund von Äußerungen von Pa- 
tienten in den Analysen, insbesondere des oben erwähnten Geistes- 



Sexuelle Perversionen. 77 

kranken, auf diesen. „Ur-Koitus" die Neigung Homosexueller zu- 
rück, Männer au ihrem Gliede saugen zu lassen, oder aber, in der 
Rolle der Mutter, an dem Gliedt anderer zu saugen, sich, in den 
.Mund ejakulieren zu lassen. Das Trinken von Harn wird in Ana- 
logie gebracht zum Schlucken von Milch. Auf diese Vorstellung 
vom „Ur-Koitus" führt Sadger den "Wunsch vieler Männer zu- 
lilck. das eigene Glied, die eigenen Brustwarzen in den Mund zu 
nehmen, sich selbst in den Mund zu urinieren, also Mutter und 
Sohn zugleich zu sein. Eine Verlegung von oben nach nuten kann 
zum Kunnüingus, zum sog. „69-Spielen" führen. Klitoris und 
Schamlippen können die Bolle des gesuchten Penis übernehmen. — 
Soweit der mir zugänglich gewesene Aufsatz. 

Da man das Wort Homosexualität heutzutage auf allzu Un- 
gleichartige und im Wesen nicht zusammenhängende psychische Ab- 
normitäten anwendet, macht es sich Perenczi in seinem Aufsatz 
„Zur Nosologie der männlichen Homosexualität (Homoerotik)" (8) 
zur Aufgabe, aus jenem Sammelnamen zwei verschiedene Typen der 
Homosexualität klar herauszuarbeiten, die passive und die aktive, 
also zwei im Wesen verschiedene Krankheitszustände. Statt „Homo- 
sexualität" gebraucht Fcrenezi den von I". Karsch-Haack 
stammenden Ausdruck „Homoerotik", um mehr die psychische Seite 
des Triebes hervorzuheben; der „leidende" Homoerotiker verdient 
ein „Invertierter" genannt zu werden, nur bei ihm sieht man die 
wirkliche Umkehr ung normaler psychischer, eventuell auch körper- 
lichen Charaktere, nur er ist eine echte , .Zwischenstufe" (im Sinne 
von Magnus Hirse hfeld und seinen Anhängern), seine Krankheit 
eine, „reine Entwicklungsanomalie": welche weder durch Psycho- 
;uialysc, noch durch eine andere Psychotherapie zu beeinflussen £st. 
Ein Mann, der sich im Verkehr mit Männern als Weib fühlt, ist 
in beziig auf sein eigenes Ich invertiert (Homoerotik durch Sübjekt- 
inversion oder kürzer „Subj ekt- Homoerotik"); der .,aktive 
Homosexuelle" fühlt sich in jeder Beziehung als Mann, einzig das 
Objekt seiner Neigung ist vertauscht, so daß man ihn als einen 
Homoerotiker durch Vertauschung des Liebesobjek- 
tes oder kurzer einen ObjektHonioerotiker nennen könnte. 
Die Objekt-Homoerotik ist eine Neurose, und zwar eine Zwangs- 
neurose. 



78 Dr. Felix Boehm. 

In der Vorgeschichte des Subjekt- Homoerotikere finden wir schon 
sehr früh Anzeichen von Inversion, nämlich sein abnorm weibliches 
"Wesen; schon als kleines Kind phantasiert er sieh in die Situation 
der Mutter und nicht in die des Vaters hinein, bringt einen inver- 
tierten Ödipuskomplex zu stände, wünscht den Tod der 
Mutter herbei und zeigt früh verschiedene mädchenhafte Züge. 

Die Objekthomoerotiker erweisen eich als typische 
Zwangsneurotiker; es wimmeln in ihnen Zwangsideen, davor 
schützende Zwangsmaßregeln und Zeremonien; man findet die für 
Zwangsneurotiker charakteristische Unausgeglichenheit des Hebens 
und Hassens. Die Objekthomoerotik ist ein echt neurotischer 
Zwang mit nicht reversibler Substitution normaler Sexualziele 
und Sexualhandlungen durch abnorme. Aus ihrer Vorgeschichte er- 
gibt sich: frühzeitige heterosexuelle Aggression, „normale" Odipus- 
phantasien, harte Strafe wegen eines hetero-erotischen Ver- 
gehens in der frühesten Kindheit. In der Analyse zeigt sieh, daß 
ein Objekthomoerotiker im Manne unbewußt das Weih zu lieben ver- 
steht; der aktiv-homoerotische Akt erscheint einerseits als nachträg- 
licher (falscher) Gehorsam: der Verkehr mit Weibern wird gemieden, 
in unbewußten Phantasien aber wird den verbotenen heteroerotischen 
Gelüsten gefrönt; anderseits steht der päderastische Akt im Dienste 
der ursprünglichen Üdipusphantasien und bedeutet die Verletzung und 
Beschmutzung des Mannes. 

Per enezi kommt, indem er die Objekthomoerotik als ein neuro- 
tisches Symptom bezeichnet, in Gegensatz zu Freud, der in seiner 
„SexuaLtheorie" die Homosexualität als eine Perversion, die Neurose 
dagegen als Negativ der Perversion beschreibt. Der Widerspruch 
ist aber nach Perenczi mir scheinbar. „Per Versionen", d. h- Ver- 
weilungen an primitiven oder vorläufigen Sexualziclen, können sehr 
gut auch in den Dienst neurotischer Verdrängungstendenzen gestellt 
werden, wobei ein Stück echte (positive) Perversion, neurotisch über- 
trieben, gleichzeitig das Negativ einer anderen Porversion darstellt. 
Das ist nun bei der „Objekthomoerotik" der Pall. Die auch normaler- 
weise nie fehlende homoerotische Komponente wird hier durch Affekt- 
mengen übersetzt, die im Unbewußten einer anderen, verdrängten 
Per version, nämlich einer Heteroerotik von bewußtseiiisunfähiger 
Stärke, gelten. In rein theoretischer Hinsicht scheint mir gerade 



Sexuelle Perversrionen. 79 

dieser Standpunkt Fcrenczis ein wesentlich uener Gesichtspunkt 
in der Beurteilung der Perveraionen zu sein. 

In entschiedener "Weise spricht sich Freud in einer neuen Fuß- 
note 1 ) in seinen „Drei Abhandlungen" (10. S. 12/13) gegen die Ab- 
grenzung der Homosexuellen als einer besonderen Gruppe von Men- 
schen aus. Alle Menschen sind der gleichgeschlechtlichen Objekt- 
wiihl fähig und haben dieselbe auch im Unbewußten vollzogen. Die 
Unabhängigkeit der Objektwahl vom Geschlecht des Objektes erscheint 
als das Ursprüngliches aus dem sich durch Einschränkung der nor- 
male wie der Inversionstypus entwickelt. Das ausschließliche Inter- 
esse des Mannes für das "Weib ist auch ein der Aufklärung bedürf- 
tiges Problem. Die Entscheidung über das endgültige Sexualverhalten 
fällt erst nach der Pubertät und ist das Ergebnis einer noch nicht 
übersehbaren Reihe von Faktoren. Bei den Inversionstypen ist durch- 
wegs das Vorherrschen archaischer Konstitutionen und primitiver 
psychischer Mechanismen zu bestätigen. Die Geltung der narziß- 
tischen Objekt wähl und die Fcsthaltung der erotischen Bedeutung 
der Analzone erscheinen als deren wesentlichste Charaktere. Was 
sieh bei den extremsten Inversionslypen als anscheinend zureichende 
Begründung findet, läßt sich ebenso, nur in geringerer Stärke, in 
der Konstitution von Übergangstypen und beim manifest Normalen 
nachweisen. Unter den akzidentellen Beeinflussungen der Objekt- 
wahl ist die Versagung (die frühzeitige Sexualeinschüchterung) be- 
merkenswert. Der "Wegfall eines starken Vaters in der Kindheit be- 
günstigt nicht selten die Inversion. Die Inversion des Sexualobjektes 
ist streng von der Mischung der Geschlechtscharaktere im Subjekt 
zu sondern. 

Den größten Beitrag zu unserem Verständnis der Homosexualität 
hatte seinerzeit Freuds Analyse: „Eine Kindheitserinnerung des 
Leonardo da Vinci" geliefert. Im Texte der zweiten Auflage (11) 
ist nichts verändert worden. Von Interesse scheinen mir zwei Fuß- 
noten zu sein, welche Reproduktionen zur Erhärtung der früher aus- 
gesprochenen Ansichten bringen, erstens eine Reproduktion einer 
Zeichnung von Leonardo, welche Reit ler (Z, IV. S. 205) entdeckt 
und im Sinne der von Freud gegebenen Charakteristik Leonardos 
besprochen hat, — und zweitens eine kleine Reproduktion des be- 

l ) Unter Benützung von 1' reu da Worten, aber nickt ganz wörtlich zitiert. 



80 



Dr. Felix Boehm. 



kannten Bildes: „Heilige Anna Selbdritt", in welchem Pfister ein 
unbewußtes Vexierbild entdeckt hat (Kryptolalio, Kryptographie 
und unbewußtes Vexierbild bei Normalen. Jahrb. V. S. 146), welches 
den Geier, das Symbol der Mütterlichkeit, darstellt. 

Am Inhalt selbst hat Freud, wie obtfn gesagt, nichts geändert; 
die von ihm schon im Jahre 1910 ausgesprochenen Ansichten ,be 
stehen somit noch heute unverändert als eine der wichtigsten Grund- 
lagen unserer Erkenntnis über die Inversion. 



m 



Allgemeine Neuroaenlelire. 

Referent: Dr. S. Ferenczt. 



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gung. Z. IIL 129. — 21. Ders.: Das UnbewuBte. Z. III. 189, 257. — 25. Ders.: 
Metapsychologische Ergänzung zur Traumluhre. Z. IV. 277. — 2ß. Dera.: Trauoi 
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Die Arbeiten von 19 bis 29 auch in der „Sammlung kl. Schriften zur Neurosen- 
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schlagen. Beitrag zur Kenntnis der Entstehung sexueller Perversionen. Z. V. 
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Pljohoinnljie, Bericht lBli— 1MJ. ß 



82 Dr. S. Ferenczi. 

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J. H,: Freuds Sexualpeychoanalyse. Krit. Einführung für Geriohtsärzte mit 
Vorwort von Prof. Binswanger. Berlin 1917. — 73. Schreckes Paul: Die Tndi- 
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Sexualwissenschaft. III. 233. — 76. Strasscr Chnrlot: Nervöser Charakter. 



. 



Allgemeine Nenxosenleoie. 33 

Disposition zur Trunksucht und Erziehung. Zeitschrift für ratuopaychol. Org. 
Bd. I. 1914. S. 24—16. — 77. Tamk V.: Entwertunjr des Verdrängungsinal.iTB 

durch Rekompens*. 2. I. 230. ~ 78. Weißleid M.: Ereuds Pönologie als 
ofee TraMformationstheorie. Jahr!». V. 621. - 79. Dow.: Uie Umwandlungen 
des Affekfclebens. Z. II. 41G. — 80. Wexberg: Dia Überschätzung der Sexualität. 
Zeitschrift für Sexualwissenschaft. I. 450. — 81. Dere.: Kritische UMuerkungtn 
■n Freud: Über neurotische Erkrankungstypen. Ztschr. f. Psychotherapie. V/6. 
— 82. Vix: Die Breuer-Ereudsche Betrachtungsweise der Hysterie und an- 
derer neurot. Symptome. Eortschr. d. Med. 31. Jahrg. Nr. 2!). 17. Juli 1913. 

Die bisher ausführlichste Darstellung der psychoanalytischen 
Neurosenlehre bringt uns der dritte Teil der „Vorlesungen zur 
Einführung in die Psychoanalyse" von Freud, der den 
Titel „Allgemeine Neurosenlehre" führt (18). Das Be- 
dürfnis nach Abrundung nnd Zusammenfassung des Stoffes nötigte 
den Verfasser, in einzelnen Abschnitten auch bisher zurückgehaltenes 
Material heranzuziehen. 

Der Vortrag über „Psychoanalyse und Psychiatrie" 
gipfele in der Peststellung, daß die Psychiatrie, die in der Ätiologie 
der funktionellen Psychosen fast ausschließlich das hereditäre Mo- 
ment berücksichtigt, und die Psychoanalyse, die nebstdem auch die 
Bedeutung des Erlebnisses hervorhebt, einander in keiner Weise wider- 
sprechen, sondern in wirksamster Art ergänzen. Was sieh gegen das 
"Wesen der psychoanalytischen Forschung sträubt, ist nicht die Psy- 
chiatrie als Wissenschaft, sondern nur der Widerstand der Psychiater. 
Voraussichtlich bringt uns eine nicht allzu ferne Zeit die Einsicht, 
daß eine wissenschaftlich vertiefte Psychiatrie ohne Kenntnis der 
unbewußten Vorgänge im Seelenleben überhaupt nicht möglich ist. 
Der Sinn der Symptome liegt in einer Beziehung zum Er- 
leben des Kranken, muß also historisch erwiesen werden. Aufgabe 
der Psychoanalyse ist also: „für eine sinnlose Idee und eine zweck- 
lose Handlung jene vergangene Situation aufzufinden, in welcher 
die Idee gerechtfertigt und die Handlung zweckentsprechend war". 
Dies gilt von den „individuellen« Symptomen. Es gibt aber 
auch „typische" Krankheitssymptome, die in allen Fällen ungefähr 
gleich oder doch so ähnlich sind, daß es nicht angeht, sie auf einzelne 
persönliche Erlebnisse oder Situationen zu beziehen; die persönlich- 
historische Deutung allein ist in solchen Fällen unzureichend. Alle 
Zwangskranke z. B. haben dieselbe Neigung zu wiederholen, Ver- 
richtungen zu rhythmieren und von anderen zu isolieren. Bei Angst- 

G* 



84 Dr. S. Ferenczi. 

hysterikern kehren mit ermüdender Monotonie dieselben Krankheits- 
züge wieder: Furcht vor geschlossenen Räumen, großen Plätzen, 
langen Straßen. Es ist auch auffällig, daß die Analyse für das- 
selbe hysterische Symptom in verschiedenen Fällen eine ganz an- 
dersartige Reihe von angeblich wirksamen Erlebnissen aufdeckt. Nur 
der Sinn der individuellen Symptome läßt sich durch Beziehung 
zum Erleben befriedigend aufklaren, für die weit häufigeren typi- 
schen Symptome läßt uns unsere Kunst zunächst im Stiche. Als 
Auskunftsmittel drängt sich hier die Überlegung auf, daß die typi- 
schen Symptome auf Erlebnisse aus der Menschheitsgeschichte zu 
beziehen sein werden das heißt auf ein Erleben, das allen Menschen 
gemeinsam ist. Andere in der Neurose regelmäßig wiederkehrende 
Züge sind vielleicht allgemeine- durch die Natur der krankhaften 
Veränderung aufgezwungene Reaktionen. 

Die folgende Vorlesung beschreibt ilie Fixierung als ein 
Hängenbleiben an einem bestimmten Stück der Vergangenheit, als 
Unfähigkeit, davon freizukommen, die dann Entfremdung der Ge- 
genwart und der Zukunft zur Folge haben. Es ist dies ein allge- 
meiner, praktisch sehr bedeutsamer Zug einer jeden Neurose. Bei 
jedem Kranken können wir analytisch nachweisen, daß er sich in 
meinen Krankheitssymptomen und durch die Folgerungen aus ihnen 
in eine gewisse Periode seiner Vergangenheit zurückversetzt hat, 
meist in eine Zeit der Kindheit, ja selbst der Säuglingsexistenz. 
Über das "Wesen der Fixierung geben uns die traumatischen 
Neurosen Aufschluß; sie zeigen uns, daß die Patienten am Mo- 
ment des erschütternden Unfalles hängen bleiben. Es ist, als ob 
diese Kranken mit der traumatischen Situation „nicht fertig" ge- 
worden wären, so daß sie als noch unerledigte aktuelle Auf- 
gabe vor ihnen steht. So bekommt das Wort „traumatisch" einen 
ökonomischen Sinn. Wir nennen traumatisch „ein Erlebnis, 
welches dem Seelenleben innerhalb kurzer Zeit einen so starken Reiz- 
Zuwachs bringt, daß <!ie Erledigung oder Aufarbeitung derselben in 
normal gewohnter Weise mißglückt, woraus dauernde Störungen im 
Bnergiebetrieb resultieren müssen". Was sich, bei der traumatisch™ 
Neurose in den Vordergrund stellt, das traumatische Momentj ist in 
jeder Neurose analytisch nachweisbar. Doch sind die erschüt- 
ternden Ereignisse oft von so banaler, geringfügiger Art, daß hier 






Allgemeine Neurosen'.ehre. g5 

das Wort „Trauma" allen Gehalt verliert und die Zuhilfenahme 
konstitutioneller Momente unerläßlich erscheint. (Es gibt keine Neu- 
rose ohne Fixierung an die Vergangenheit, aber nicht jede Fixierung 
ist Neurose.) 

Daß die Fixierung an ein Trauma neurosogen wirken könne, ist 
unmöglich ohne die Bedingung des Unbewuß twordenseins des 
Traumas als Krankheitsmotiv; anderseits ist die Möglichkeit, den 
neurotischen Symptomen durch analytische Deutung einen Sinn zu 
geben, ein unerschütterlicher Beweis für die Existenz — oder die 
Notwendigkeit, der Annahme — unbewußter seelischer Vorgänge und 
die Grundlage der psychoanalytischen Therapie. Doch die einfachö 
Mitteilung des Sinnes eines Symptoms hat in den seltensten Fällen 
den Erfolg, es zum Schwinden zu bringen; das neue Wissen muß 
sich der Kranke durch eigenes Erleben während der Kur selber 
holen, was mit der Dynamik der Symptombildung zusammenhängt. 
Die Unbewußtheit des Sinnes der neurotischen Symptome wird 
entweder durch die Amnesie gewährleistet (Hysterie) oder durch 
die Zerstörung der Zusammenhänge zwischen den als solche 
erhalten bleibenden Erinnerungen (Zwangsneurose). Das „Woher" 
des Symptoms verschwindet im orsteren, bleibt bewußt im letzteren 
Falle; doch das „Wozu" des Symptoms, seine Tendenz, die Absichten, 
denen es dient, bleiben in beiden Neurosen gleicherweise unbewußt. 

Der Widerstand der Kranken gegen das Geaundwerden 
ist eine unerwartete, unwahrscheinliche, aber in den psychoanalyti- 
schen Kuren sicher erwiesene Tatsache. Der Patient wendet sich 
zunächst unter den nichtigsten und unlogischesten Vorwänden gegen 
die pünktliche Befolgung der „psychoanalytischen Grundregel" (der 
freien Assoziation) oder äußert sich im Mißbrauche dieser Asso- 
ziationsfreiheit Gern bedient sich der Widerstand der unvermeid- 
lichen „Übertragung auf den Arzt" als Mittel zur Errei- 
chung der eigenen Zwecke. Er wird als Äußerung des Charak- 
ters, des Ichs des Kranken, gegen die angestrebte Veränderung 
(die Heilung) mobilisiert. Diese Widerstände verraten uns einen Teil 
der Struktur der Neurose, sie zeigen uns, daß diese Charaktereigen- 
schaften als Beaktionsbildungen des Ichs gegen die unbewußten Ten- 
denzen der Neurose gebildet worden sind. Die Überwindung dieser 
Widerstände ist die wesentliche therapeutische Leistung der Analyse. 



86 Dr. S. Ferenczi. 

Seit dem Verzicht auf die Hypnose in der psychoanalytischen 
Technik, der die "Widerstände, die bislang verdeckt waren, klar zu 
Tage legte, huldigt die Psychoanalyse der dynamischen Auffas- 
sung der neurotischen Syiaptombildung. Als Beweis i'ür die- Rich- 
tigkeit dieser Auffassung kann gelten, daß der "Widerstand in der 
Kur eine Fluktuation zeigt, die dem Auftauchen resp. der Erledigung 
neuer Probleme parallel läuft; am auffälligsten zeigt sich dies am 
Schwanken der intellektuellen Mitarbeit des Kranken; die Kritik, 
die auch hier nur Handlanger der Affekte ist, greift beim Ansteigen 
des "Widerstandes auch das bereits Akzeptierte immer wieder von 
neuem an. 

Der "Widerstand des Kranken, das Sträuben gegen die Heilung, 
das heißt gegen die Anerkennung von gewissen Strebungen, ist der 
Beweis für die "Wirklichkeit jenes pathogenen Vorganges, den .die 
Psychoanalyse als Vorbedingung der Symptombildung ansieht, das 
heißt: der Verdrängung. 

Theoretische Klarheit über den Begriff der Verdrängung ver- 
schaffen wir uns nur, wenn wir vom rein deskriptiven Sinne 
des "Wortes „unbewußt" zum systematischen (topischen) des 
, r Uhw" fortschreiten. Eine Vorstellung bleibt dann „verdrängt", 
wenn ihr von der Zensur die Progression aus dem System Ubw in 
das System Vbw verwehrt wird. Diese Zensur ist identisch mit 
jener Macht, die als Widerstand das Fortschreiten der Heilung ver- 
hindern möchte. Diese Zensur funktioniert natürlich nicht nur im 
Traume und unter pathologischen Verhältnissen, sondern sie ist es, 
die auch im "Wachen und beim Gesunden die Verläßlichkeit, die 
Realitätsanpassung unseres seelischen Apparats garantiert. 

Das neurotische Symptom ist ein Ersatz für etwas, was durch 
die Verdrängung verhindert wurde- Dieses etwas ist in jedem ein- 
zelnen Falle — wie unzählige Analysen zeigen — die Soxual- 
befriedigung; das heißt: die Symptome sind Ersatzbefrie- 
digungen der Sexualität, entstellte sexuelle "Wunscherfüllungen. 
Alle (an einer „tfbertragunggneurose", das heißt Hysterie oder 
Zwangsneurose) Leidenden erkranken an der Versagung, indem 
ihnen die Realität die Befriedigung ihrer sexuellen "Wünsche vor- 
enthält. Ein Teil der Symptome steht allerdings im Dienste der 
Abwehr dieser Sexualstrebungen, so zwar, daß bei der Hysterie 






Allgemeine Neurosenlebxe. 87 

der positive, wunscherfüllende, bei der Zwangsneurose der negative, 
asketische Charakter im ganzen vorherrscht- Ein anderer Teil der 
Symptomo ist ein Kompromißergebnis, aus der Interferenz 
zweier gegensätzlicher Strebungen hervorgegangen; solche Sym- 
ptome sind bei der Hysterie häufig; bei der Zwangsneurose fallen 
beide Teile auseinander, das Symptom wird zweizeitig produziert, 
als positive und negative Aktion. 

Die folgende Vorlesung über „das men schliche Sexual- 
leben" vermittelt den Hörern die Kenntnis der F r e u d sehen Sexual - 
theorie, u. a. das Verständnis der sogenannten Perversionen, 
und setzt die Gründe auseinander, aus denen die psychoanalytische 
Neurosenlehre sich gezwungen sah, anzunehmen, daß unter den se- 
xuellen Befriedigungsarten, als deren Ersatzprodukte die neurotischen 
Symptome gelten, die Perversionen eine hervorragende Stelle ein- 
nehmen. Die Paranoia geht regelmäßig aus der Abwehr überstarker 
homosexueller Regungen hervor. In der Hysterie kommen alle per- 
versen Regungen zur Äußerung, welche das Genitale durch andere 
Organe ersetzen wollen; diese Organe benehmen sich dann wie Er- 
eatzgenitalien, besonders die Organe der Nahrungsaufnahme und dor 
Exkretionen. Die zwangsneurotischen Symptome sind zielgehemmte 
sadistische Befriedigungsarten, die sich allerdings oft gegen die eigene 
Person wenden (Selbstquälerei), oder sie sexualisieren überstark ge- 
wisse, als Vorlustbetätigungen normal zu nennende Tätigkeiten (Sehen 
— Berührenwollen und Forschen resp. Masturbation). 

Bei der realen Versagung wirft sieh das Sexualbedürfnis auf die 
abnormen Wege der Erregung ; diese „kollaterale" Ilückstauung läßt 
die (negative) Perversion der Neurotiker stärker erscheinen, als sie 
ohne diese Stauung ausgefallen wäre. Die Bedeutsamkeit der Per- 
versionen in der Neurose wird erklärlich, wenn wir erfahren, daß 
sie nur die "Wiederkehr infantiler Sexualbefriedigungsarten sind, 
deren Erinnerung bei den meisten Personen von dem Schleier der 
Amnesie verhüllt wird. 

Das folgende Kapitel schließt die sexualtheorctischen Ausführun- 
gen ab und macht uns mit dem Begriff der Sexualorganisatio- 
nen bekannt, die sich aus der zunächst ganz anarchischen frühinfan- 
tilen Sexualität, dem Organerotismus (Autoerotismus) konsolidieren, 
nämlich mit dem der oralen und der sadistisch-analen prä- 



*te 



Dr. S. Ferenda. 



genitalen Organisationen, dann mit den Prozessen der Objektfindung 
und dem „Ödipuskomplexe" der Kinder, dieser wichtigsten Quelle des 
Schuldbewußtseins der Neurotiker. Hier wird auch auf die Studie 
„Totem und Tabu" hingewiesen, in der F r e u d uns seine Vermutung 
mitteilte, daß der Ödipuskomplex nicht nur als „Kern komplex der 
Neuroaen" von "Bedeutung ist, sondern daß vielleicht di*- Menscliheit 
ula Ganzes ihr Schuldbewußtsein, die letzte Quelle von Religion und 
Sittlichkeit, zu Beginn ihrer Geschichte am Ödipuskomplex erworben 
hat. Der Versuch, die durch Analyst nachweisbaren Haßregung<m 
gegen den gleichgeschlechtlichen und die Inzestregungen gegen den 
undersgeschlechtHchen. Ellürateil einfach durch Bück phanta- 
sieren in die Kindheit zu erklären, weist übrigens Freud mit 
Berufung auf direkte Kinderbeobachtungen entschiedenst zurück, ohne 
zu leugnen, daß die Tendenz zu solcher Rückveraetzung in vielen 
Fällen eine gewisse Holle spielt. 

Die infantile Objektwahl ist nun das Vorspiel der endgültigen 
Objektwahl in der P u b er t ä t, wo die Ablösung von den Eltern statt- 
finden soll. Den Neurotikern gelingt diese Lösung nicht: der Sohn 
bleibt sein lebelang unter der Autorität des Vaters gebeugt und 
ist nicht im stände, seine Libido von der Mutter auf ein fremdes 
Sexualobjekt zu übertragen. 

Schließlich wird hier auf die nicht seltenen grundfesten Inzest- 
träume von Gesunden hingewiesen, und dargelegt, daJl die Neurotiker 
um* mir vergrößert und vergröbert zeigen, was im Unbewußten auch 
des Gesunden nachweisbar ist. 

Neue Gesichtepunkte der Entwicklung und Re- 
gression eröffnet uns der nun folgende Vortrag. "Wir erfuhren 
aus den vorangehenden Untersuchungen Freuds, welche Entwick- 
lungen die Libidofunktion durchmacht. Nun wird uns die Bedeutung 
dieser Tatsache auf die Verursachung der Neurosen vorge- 
führt : wir wollen diese Ausführungen etwas eingehender wiedergeben. 

Auf dem langen Entwicklungsweg der Libido lauern zwei Ge- 
fahren: die der Hemmung und die der Regression. Die Ent- 
wicklungshemmung ist oft nur die Folge der im Organischen 
überall nachweisbaren Variationstendenz; es finden sich überall 
Einzelwesen, die nicht alle vorbereitenden Pha*;n gleich gut durch- 
laufen und vollständig überwinden; Anteile der Funktion werden 



Allgemeine Neuro Benlehre. 89 

dauernd auf dieser frühen Stuf« zurückgehalten, was ein gewisses 
Maß von Entwicklungshemmung zur Folge haben muß. Das Ver- 
bleiben einer Partialstrebung der Sexualität auf einer früheren Stufe 
irit das, was in der psychoanalytischen. Nöurosenlehre Fixierung 
(des Triehes) genannt wird. Die zweite Gefahr einer so stufenweisen 
Entwicklung liegt darin, daß auch di< 1 Anteile, die es weiter gebracht 
haben, leicht in rückläufiger Bewegung auf eine dieser früheren 
Stufen zurückkehren können: dies die Gefahr der Regression 
Je stärker die Fixierungen auf dem Entwicklungswege, desto eher 
weicht die Funktion vor äußeren Schwierigkeiten bis zu j^nen Fi- 
xierungsstellen zurück; starke Fixierung bedeutet also ein geringeres 
Maß von Anpassungsfähigkeit der ausgebildeten Funktion. Dieser 
Satz gibt uns einen sicheren Halt in der Frage der Neurosenätiologic. 

Im Entwicklungsgang der Sexualfunktion gibt, es awei Arten der 
Regression: Wiederbese tzung der ersten (inzestuösen) 
Objekte mit Libido und Wiederkehr der gesamten Se- 
xualorganisation zu früheren Stufen. Prinzipiell wichtig ist 
dabei, die Begriffe der Regression und der Verdrängung 
nicht zu verwechseln. Der Begriff der Verdrängung ist ein rein 
psychologischer, topisch-dynamischer, von der Sexualität im Prinzip 
unabhängiger; der der Regression ist hingegen ein biologisch-de- 
skriptiver. 

Von den Uhcrtragungsueurosen zeigt uns die Hysterie dit» 
Regression der Libido zu den primären inzestuösen Sexualobjekten. 
aber fast gar keine Regression zu früheren Sexualorganisationen; 
um so "bedeutsamer ist in ihrem Mechanismus die Rolle der Verdrän- 
gung. Mit anderen "Worten: die Sexualorganisation des Hysterischen 
vollzieht sich ungestört zum vollen Primat der Genitalzone; 
diese letztere Funktionsart wird aber verdrängt (vom vorbewußten 
System abgelehnt), was den Anschein erweckt, als sei die Geni- 
tal ität diescT Kranken unvollkommen entwickelt. Bei der Zwangs- 
neurose ist demgegenüber die Regression der Libido auf die sa- 
distisch-anale Organisation das Auffälligste; zugleich findet eine 
Objektregression statt: die sadistisch-analen Impulse sind auch in- 
zestuös. Selbstverständlich verleiht diesen Impulsen auch hier nur 
die Verdrängung den neurotischen Charakter; Libidoregression ohne 
Verdrängung wäre ja nur Perversion und keine Neurose. 






90 



Dr. S. FerenczL 



Na eh diesen theoretischen Vorbereitungen und begriff liehen Schei- 
dungen tritt Freud an die Lösung des Problems der Neurosen. 
ätiologie heran. Er knüpft zunächst an das von der Versagung 
als neurosogenem Momente bereits Gesagte an und erinnert daran, 
daß an der Versagung nicht alle Menschen erkranken, daß den Ge- 
sunden mehrere Wege zu ihrer Ertragung offenstehen (Unglück und 
Sehnsucht erdulden, Ersatzbefriedigungen, Sublimierungen). Aller- 
dings hat das Maß von unbefriedigter Libido, das der Mensch er- 
tragen kann, seine Grenzen; je unvollkommener die Festigkeit der 
normalen Sexualorganisation, je stärker und zahlreicher die Libido- 
fixierungen an frühere Organisation- oder Objektstufen : um so eher 
wird sich dasselbe Maß von Libidoversagung als pathogen erweisen. 
Die Libidof ixierung repräsentiert den disponieren- 
den, internen, die Versagung den akzidentellen, exter- 
nen Faktor der Neuroscnätiologie. Nur die Berücksich- 
tigung des endogenen und des exogenen Momentes erschöpft die 
Lehre von der Verursachung der Neurosen, und zwar bilden die ver- 
schiedenen Möglichkeiten der Sexualkonstitution und des ErlebeDh. 
oder: der Libidofixicrung und der Versagung, quantitativ genommen 
eine „Ergänzungsreihe", an deren Gliedern die beiden Mo- 
mente in reziproker Weise zu- resp. abnehmen, wobei für die dispo- 
nierenden Momente ein gewisses Übergewicht zugestanden wird. Als 
dritten, quantitativ unbestimmbaren Faktor nennt Freud die Kleb- 
rigkeit der Libido, die Schwierigkeit, mit der eine irgendwo oder 
irgendwie angewöhnte Befriedigungsart aufgegeben und mit anderen 
viu tauscht wird; doch ist dieser Faktor nicht spezifisch für die 
Neurose, sie spielt auch in der Normalität und bei der Perversion 
eine entsprechende Rolle. 

Eine weitere Komplikation des Problems der Neurosenätiologic 
erwächst au* der Berücksichtigung des die Krankhoit auslösenden 
psychischen Konflikte.-, des Widerstreiten von Wunschregun- 
gon. Ohne solchen Konflikt gibt es keine Neurose. Der Konflikt 
wird durch die Versagung heraufbeschworen, wodurch die Libido 
auf andere Objekte oder Ziele angewiesen ist; erst wenn diese neuen 
Objekte und Wege von einem Teile der Persönlichkeit abgelehnt 
werden, kommt es — unter Umständen — zur Symptombildung; 
die Symptome sind nichts anderes, als die Wiederkehr dieser abgc- 



Allgemeine Neurosen lehre. 91 

\vicsenen Befriedigungsarten, die Sich in entstellter Form auf Um- 
wegen durchsetzen. Der psychische Konflikt repräsentiert die in- 

ri'-rö Vcrsagung; erst wenn diese sieh der äußeren Versagung 
Iii ii zu gesellt, wird letztere pathogen. Freud hält es für wahrschein- 
lich, daß auch die inneren Versagungen in den Vorzeiten mensch- 
licher Entwicklung aus realen äußeren Hindernissen hervorgingsn. 

Die Mächte, die die innere Anlehnung veranlassen, sind die nicht- 
sexuellen Triebkräfte, die Freud als „Ichtriebe" zusammenfaßt; 
zwischen diesen und den Sexualtrieben spielt sieh also der pathogene 
Konflikt, ah. 

Mit besonderem Nachdruck wird hier auf die Bedeutung hinge- 
wiesen, die die Psychoanalyse den nicht-sexuellen Tendenzen 
in der Neurosenätiologie beilegt, obzwar zugegeben wird, 
daß die Psychoanalyse die Entwicklungsstufen des Ichs bisher viel 
weniger genau untersuchen konnte als die der Libido. Das "Wenige, 
was wir darüber wissen, verdanken wir gewissen Einsichten in den 
Mechanismus der sogenannten narzißtischen Neurosen (Paranoia, 
Schizophrenie), außerdem liegt ein — allerdings theoretischer — Re- 
konstruktionsversueh der Ich-Entwicklung (vom Ref.) vor. Nor- 
malerweise besteht ein gewisser Parallelismus zwischen den Entwick- 
lungsphasen von Ich und Libido; die Störung dieser Entsprechung 
könnte ein pathogenes Moment ergeben, in diesem Falle wird nämlich 
das Ich auf die Fixierung au die, ihm nicht entsprechende 
Libidoart oder Organisation mit Verdrängung reagieren. Der 
dritte Faktor der Neurosenätiologie, die Konfliktsneigung, ist 
also vom Ich ebenso abhängig, wie von der Libido. 

Die vollständige Formel der Neurosenätiologie lautet nunmehr 
wie folgt: Allgemeinste Bedingung der Nourosenentwicklung ist die 
V c r s a g u n g, sie entzieht der Libido die befriedigenden Ziele und 
Objekte; die Fixierung zieht die freiflottierend gewordene Li- 
bido in gewisse primitive Schichten herab; die aus der Ichentwick- 
lung folgende Konfliktsneigung lehnt diese archaischen Ten- 
denzen ab, so daß sie nur zu Symptomen entstellt in Erschei- 
nung treten können. Bei niedrigerem Kulturzustande, wo sich das 
Ich gegen die Regression zu den Fixierungsstellen nicht sträubt 
oder wo es mit ihnen von jeher befreundet blieb, ist auch beim 



92 



Dr. S. Ferenczi. 



gleichen Maße der äußeren Vereagung die Gefahr der Erkrankung an 
Neurosen viel geringer. 

Die Versaguug, die Not des Lebens, die'Ava'paj,i;;t in letzter Linie 
der Motor jeder, auch der normalen phylo- und ontogenetischen Ent- 
wicklung, sie ist die strenge Erzieherin der Menschheit, sowohl als 
auch des Einzelwesens; die Neurotiker sind gleichsam Kinder, hei 
denen diese strenge Erziehung ühle Polgen gehraoht hat. Allerdings 
sind die Sexualtriebe, auf deren falscher Verwendung die Neurosen 
beruhen, überhaupt schwerer erziehbar. als die Ich-Triebe: erstere 
dienen nur dem .Lustprinzip (dem Lusterwerb), letztere — von 
einer bestimmten Phase ihrer Entwicklung — auch dem Realitäts- 
prinzip (der Verhütung von Unlust). Andeutungsweise wird 
schließlieh darauf hingewiesen, daß bei der Neurosenbildung nebst 
der Libidoregression es auch eine Tchregression gibt, die Rückkehr 
des Ichs zu früheren Entwicklungsphasen. 

Die Wege der Symptombildung lassen sich aus dem 
Gesagten erraten. Infolge äußerer und innerer Versagung gerät die 
Libido in die Regression; das Widerstreben des Ichs gegen diese 
Regression benimmt ihr jede Möglichkeit realer Befriedigung, macht 
sie unbotmäßig und läßt sie zu. den Fixierungsstellen aus früheren, 
besseren Zeiten zurückströmen. Die Erinnerungsspuren dieser fixier- 
ten primitiven Befriedigungsarten gehören dem System des Unbe- 
wußten an und unterliegen der dort herrschenden psychischen Be- 
arbeitung (Verschiebung, Verdichtung); doch der Widerspruch, der 
siejh gegen die Repräsentanz dieser Libidobetätigungen im Ich erhoben 
hatte, geht ihr als „Gegenbesetzung" ins Unbewußte nach, 
und nötigt sie, einen Ausdruck zu wählen, der Libidovertretung und 
zugleich doch ichgerecht ist: „So entsteht das Symptom als vielfach 
entstellter Abkömmling der unbewußten libidinösen Wunscherfül- 
lung, eine kunstvoll ausgewählte Zweideutigkeit mit zwei einander 
voll widersprechenden Bedeutungen." Die Zensurierung der Wunsch- 
erfüllungen ist in der Neurose viel strenger als im Traum, der ja 
nur die Punktion hat, den Schlaf zu hüten, während vor dem wach- 
denkenden Neurotiker der Weg zur Realität und Motilität offen 
steht. Die Regression zu den Pixierungsstellen, zu den infantilen 
ßexualbelätigungen und Objekten, ermöglicht die Umgehung der 
Verdrängungszensur. Die Bedeutung der Kinderzeit ist hier eine 



Allgemeine Nourosenlehre. 98 

zweifache; einerseits zeigen sich an ihr zuerst die in der ange- 
borenen Anlage vorhandenen Triebrichtungen, anderseits ist sie 
die Zeit der frühesten, und darum folgenschwersten Erleb- 
nisse. Die vollständige ätiologische Gleichung der Neurosen läßt 
sich nunmehr in folgendes Schema bringen: 

Verursachung der Neurose = Disposition durch . Akzidentelles 

Libidofixierung "* (traumatisches) 
Erleben 



Sexuelle Konstitution Infantiles Erleben 

(Prähistorisches Erleben) 

Die Faktoren: Sexuelle Konstitution und infantiles Erleben bil- 
den dabei untereinander gleichfalls eine „Ergänzungsreihe" (s. o.). 
Da aber die Infantilerlebnisse in der Neurose regressiv besetzt wer- 
den, könnte man zur Vermutung gelangen, daß sie zu ihrer Zeit über- 
haupt keine reale Bedeutung hatten. Dies ist imrichtig. Das direkte 
Studium der Neurosen der Kinderzeit, der „infantilen Neuro- 
sen" zeigt uns diese Erlebnisse in voller 'Wirksamkeit. Solche in- 
fantile Neurosen fehlen in der Lebensgeschichte der wenigsten er- 
wachsenen Neurotiker; sie spielten sich meist in der Form einer 
Angsthysterie ab und setzten sich unmerklich in die spätere „große 
Neurose" fort oder waren von ihr durch eine Periode seelischer 
Gesundheit getrennt. 

Es ist anzunehmen, daß- bei der Fixierung ein gewisser Hbidi- 
nüser Energiebetrag bestehen bleibt, der dann anziehend auf spätere 
Erkrankungsanlässe wirkt. Zwischen frühinfantilen und späteren 
Erlebnissen besteht übrigens gleichfalls ein Ergänzungsverhältnis, 
dessen extreme Fälle die reine „Entwicklungshemmung" und die reine 
„Regression" wären. Die früheren analytischen Annahmen, die sich 
fast ausschließlieh mit der erstcren Eventualität beschäftigten, über- 
schätzten die Bedeutsamkeit frühinfantiler Erlebnisse für die Neu- 
rosenverursachung und deren pädagogischer Prophylaxe. 

Die Symptome sind — wie gesagt -— Ersatzbefriedigungen, „atä 
wiederholen irgendwie eine frühinfantile Art der Befriedigung, ent- 
stellt durch die aus dem Konflikt hervorgehende Zensur, in der 
Hegel zur Empfindung des Leidens gewendet und mib Elementen 
aus dem Anlaß der Erkrankung vermengt". Sie sehen meist vom 



94 Dr. S. Ferenczi. 



Objekt ab und geben damit die Beziehung zur äußeren Realität auf; 
sie kehren zugleich au einer Art erweitertem Autoerotismus zurück 
und regredieren dabei gleichsam auf eine phylogenetisch frühere 
Stufe, indem sie an die Stelle der Veränderung der Außenwelt ßine 
Anpassung, die Veränderung des eigenen Körpers setzen; schließ- 
lich unterliegt die Libidorepräsentanz bei der Symptombildung auch 
den Verschiebunga- und Verdichtungsprozessen des Unbewußten. Kein 
Wunder, daß seine libidinöse Natur nach all den Entstellungen 
schwer erkennbar ist. 

Die von den Kranken in der Analyse gelieferten sexuellen In- 
fantilerlebnisse sind zum Teil nur erfundene Phantasien; in 
der neurotischen "Währung sind aber Realität und Phantasie gleich- 
wertig, nur die psychische Realität hat hier Geltung. Einige dieser 
Sexualphantasien kehren unter den in der Analyse auftauchenden 
Konstruktionen mit überraschender Häufigkeit auf, so Phantasien 
von der Beobachtung des elterlichen Koitus, solche von einer Kastra- 
tionsbedrohung und Verführungsphantasien. In sehr vielen Fällen 
läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit ausschließen, daß diesen Er- 
innerungen Realität zukommt, was für die Pathogeneitat der Phan- 
tasien gleichgültig ist. Solche Ürphantasien sind phylogene- 
tischer Besitz; das phantasierende Kind füllt die Lücken der indi- 
viduellen Wahrheit mit prähistorischer Wahrheit aus; in der Ur- 
geschichte der Menschheit waren eben diese Ereignisse (Kastration, 
Koituabeobachtung, Verführung) Realität. Wirkliche und phanta- 
sierte Erlebnisse bilden übrigens eine der uns schon geläufigen Er- 
gänzungsreihen. 

-Die unbewußten Phantasien und Tagträume sind 
die Quelle sowohl der nächtlichen Träume, als auch der neurotischen 
Symptome. In der Welt der Phantasie, diesem „reservation-park" 
der Seele dürfen nämlich die bereits überholten Objekte und Arten der 
Libido ein gewisses, beschränktes Dasein fristen. Die Libido braucht 
sich also nur auf die Phantasien zurückzuziehen, um von ihnen aus 
den Weg zu den verdrängten Fixierungen zu finden. In den Phan- 
tasien ist das Ich viel duldsamer als der Realität gegenüber, und 
erträgt auch sonst verpönte Sexualqualitäten, wenn sie nur quan- 
titativ nicht überhandnehmen. Beim Rückfluten der Libido auf die 
Phantasien (infolge der Versagung) werden aber die Phantasien an- 



Allgemeine Neurosenlehre. 95 

spruchsvoller, drängen zur Realisierung und müssen, der Verdrängung 
ins Unbewußte überliefert werden. Die Überbesetzung der Phan- 
tasiewelt durch Libidoquantitäten ist das, was Introversion 
(Jung) der Libido genannt zu werden verdient; sie ist eine Vorstufe 
der Symptorabildung. Die von ihr Befallenen wenden ihre Libido 
von der Realität ab und beschäftigen sich ausschließlich mit den vom 
Tch ob ihrer „Harmlosigkeit" geduldeten Phantasien. 

Eine bloß dynamische (qualitative) Auffassung der Seelen- 
vorgänge bei der Symptombildung ist ungenügend; sie bedarf der 
Ergänzung durch die Einführung des Faktors der Quantität der in 
Betracht kommenden Energien, das heißt des ökonomischen Ge- 
sichtspunktes. „Es kommt darauf an, welchen Betrag der unver- 
wendeten Libido eine Person in Schwebe erhalten kann und einen 
wie großen Bruchteil ihrer Libido sie vom Sexuellen weg auf 
die Ziele der Sublimierung zu lenken vermag." 

Der Unterschied zwischen dem Neurotiker und dem Künst- 
ler ist folgender: Auch der Künstler ist ein Introvertierter, der eB 
nicht weit zur Neurose hat. Er besitzt aber die rätselhafte Fähig- 
keit, ein Material äu formen, bis es zum Ebenbilde seiner 
Phantasievorstellung wird; so findet er den Rückweg zur Realität 
und wird — zum Teile wenigstens — von der Neurose verschont. 

Vom ökonomischen Standpunkt betrachtet erweist sich die neuroti- 
sche Symptombildung als ein Spezialfall der im Seelischen überall 
herrschenden Strebung, Erregungsgrößen (Reizmengen) so zu bewäl- 
tigen, daß deren unlust-schaffende Stauung hintangehalten wird. 

Der Vortrag über „Die gemeine Nervosität" setzt sich 
mit der Theorie Adlers auseinander, nach der der „nervöse Cha- 
rakter" die Ursache und nicht die Folge der Neurose sei. Die Vor- 
anstellung des G-ehabens der Nervösen beim Verstehenwollen der 
Neurosenbildung hatte bei Adler die Folge, daß er die große Be- 
deutung der Libido übersehen und die Verhältnisse so beurteilen 
mußte, wie sie dem Ich der Nervösen erscheinen. Da das Ich die 
die Sexualität verdrängende, das Unbewußte leugnende Macht ist, 
mußten die Auskünfte hierüber negativ ausfallen, wenn man diese 
eine, dazu noch siegreiche Partei zum Richter über den Streit ein- 
setzte. Die tatsächliche Beteiligung des „Ichs" aus der Symptom- 
bildung wird uns nicht das Studium des „nervösen Charakters", 



96 



Dr. S, Feiend!. 



sondern das der ..narzißtischen- Neurosen enthüllen. Aber auch die 
Beobachtung von Fällen der traumatischen Neurose zeigt uns pin 
selbstsüchtiges, nach Schutz und Nutzem strebendes Ich-Motiv an 
der Arbeit; dies Motiv schafft zwar die Krankheit nicht, gibt aber 
zu ihr seine Zustimmung und erhält sie, wenn sie einmal zu stande- 
gekommen ist, Aber auch jedes nicht traumatische Neurosensymptom 
wird, wie wir sahen, auch vom Ich gehalten, weil es eine Seite hat, 
mit welcher es der verdrängenden Ich-Tendenz Befriedigung bietet; 
überdies ist ja die Symptombildung, als sehmerzsparender Vorgang, 
dem Egoismus nur zu genehm. Dies sind Beispiele für den „inne- 
ren Krankheitegewinn" des Ichs aus der Neurose. Es gibt 
auch Fälle, in denen die Flucht in die* Krankheit die mil- 
deste Erledigungsart des Konfliktes bedeutet, so daß auch der Arzt 
an ihr nicht gern rüttelt. Doch in den meisten Fällen ist der soge- 
nannte „äußere Kr ankhei ts gewinn", die realen Vorteile, die 
sich der Kranke durch seine Krankheit verschafft, viel zu gering, 
wenn man sie mit den Leidensempfindungen vergleicht, die an den 
Symptomen haften, und mit den vielen Nachteilen, die mit ihnen 
verknüpft ist; allerdings wenn eine Neurose lange bestanden hat, 
erwirbt sie gleichsam eino Sekundär funktion, die ihren Be- 
stand kräftigt und der diese Funktion mißachtenden Heilung noch 
stärkere Widerstände entgegenstellt. 

In den nun folgenden Auseinandersetzungen finden wir die kurze 
Zusammenfassung alles dessen, was Freud zur Kenntnis der AI« 
tuahf iiroscn (Neurasthenie, Angstneurose, Hypochondrie) bei- 
getragen hat ; diese werden als direkte somatische Folgen der Sexual- 
Ktörungen beschrieben und an ihrer Analogie mit Vergiftung resp. 
Gifthunger festgehalten. Es wird dabei zum wiederholten Male fest- 
gestellt , daß „das Lehrgebäude der Psychoanalyse ... in Wirklichkeit 
ein überbau ist, der irgend einmal auf sein organisches Fundament 
aufgesetzt, werden soll'*. Das Symptom der Aktualneurose ist häufig 
der Kern und die Vorstufe des psyehoneurotischen Symptoms, und 
zwar liegt der Augsthysterie meist eine Angstneurose, der Konver- 
sionshysterie eine Neurasthenie, der Paraphrenie eine Hypochondrie 
als Aktualneurose zu Grunde. Die ursprünglich vielleicht reale, 
sexualtoxische Sensation ist das Sandkorn, welches das Muscheltier 
(die Psychoneurose) mit den Schichten der Perlniuttarsubstanz um- 



Allgemeine Nenroaen'.etire, 97 

hüllt hat; sie wirkt dem aus der Hysterie bekannten „körperlichen 

Entgegenkommen" analog. 

Die Vorlesung' über die Angst bringt eine ganze ii-iihe neuer, 
für die allgemeine Neurosenlehre höchst bedeutsam« Erklärungen. 
(Die bisherigen anatomisch-physiologischen Erklärungsversuche der 
Angst, sind bekanntlich alle gescheitert.) Die Psychoanalyse unter- 
scheidet zwischen Real angst, die uns als etwas Rationelles er- 
scheint, als Reaktion auf die Wahrnehmung einer äußeren Gefahr, 
als Äußerung des Selbsterhaltungstriebes (Fluchtreflex) und der 
neurotischen Angst, die unmotiviert oder ungenügend moti- 
viert erscheint, Bei weiterer Überlegung mußte das Urteil über die 
Zweckmäßigkeit der „Realangst" revidiert werden. Nur die moto- 
rische Aktion, die Flucht vor der Gefahr, ist rationoll, der Angst- 
zustand selbst, besonders wenn er - lähmend wirkt, ist höchst un- 
zweckmäßig. Zweckmäßig ist der Angstzustand nur, solange er sich 
auf einen bloßen Ansatz, ein Signal, auf die „Angstbercit- 
schaf t" beschränkt: jede Angstentwieklung tat eo ipso zweck- 
widrig. Dieser zweckwidrige Affekt ist nach Freuds Annahme 
(wie übrigens alle „typischen" Symptome, s. o.) die "Wiederholung 
eines traumatisch bedeutsamen, phylogenetisch fixierten Erlebnisses. 
Der Geburtsakt zeitigt jene Gruppierung von Uulustempfin- 
dungen, Abfuhrregungen und Körpersensationen, die das Vorbild für 
die Wirkung einer Lebensgefahr geworden ist und als Angstzustand 
wiederholt wird. (Anknüpfend an diese Erklärung weist Freud 
auf die bedeutsame Analogie zwischen Affekt und Konversions- 
hysterie hin. Der hysterische Anfall ist individuell neugebildeter 
Affekt, der normale Affekt der Ausdruck einer generellen, zur Erb- 
schaft gewordenen Hysterie ; beide beruhen auf Reminiszenzen.) 

Die neurotische Angst kommt in drei Formen vor: als allgemeine 
nervöse Ängstlichkeit (Erwartungsangst, Angstneurose), als Phobie 
und als Angst an fall. 

Die Erwartungsängstlichkeit ist die Folge frustraner sexu- 
eller Erregung oder sonstwie verhinderter Sexualbefriedigung; sie 
tritt bei Anhäufung von Libido auf. Bei der Analyse von Hysterie- 
fällen erfahren wir dann, daß jeder im normalen Ablauf behinderter 
(verdrängter) Affekt durch Angst ersetzt wird. „Die Angst ist die 
allgemein gangbare Münze, gegen welche alle Affektregungen cin- 

Piyobuanaljuo, Kerlehl 1914 — IBIS. 7 



98 Ot. S. Ferenczi. 

getauscht ■werden oder werden können, wenn der dazu gehörige Vor- 
stellungsinhalt der Verdrängung unterlegen ist." Die Symptome der 
Zwangsneurose dienen, ebenso wie die hysterischen Phobien, dazu, 
um mit ihrer Hilfe der sonst unvermeidlichen Angstentwicklung zu 
entgehen. „Durch diese Auffassung wird die Angst gleichsam in 
den Mittelpunkt unseres Interesses für die Neurosenprobleme ge- 
rückt." Jeder neurotischen Angst entspricht abnorm verwendete 
physiologische Sexualregung (Angstneurose) oder Verdrängung 
psychosexueller Regungen (Angsthysterie). 

Sehr schwierig war es, das Verhältnis der neurotischen zur 
Eealangst aufzudecken. Es drängte sich zunächst die Auffassung 
auf, daß bei der neurotischen Angst das Ich einen ebensolchen Flucht- 
versuch vor seiner Libido unternimmt, wie bei der Realangst vor 
der äußeren Gefahr. Während nach der Adlerschen „Minder- 
wertigkeits"-Theorie jenes Kind nervös wird, das ein höheres Maß 
von hüfsloser Ängstlichkeit vor äußeren Gefahren mit auf die Welt 
bringt, besagt die Libidotheorie der Angst, daß diese Kinder an- 
geborenerweise- ein höheres Maß von libidinüaem Anspruch erheben, 
oder infolge von Verzärtelung zuviel unverwertbare und in Angst 
konvertierbare Libido produzieren. Bei den Phobien wird dann 
eine winzige äußere Gefahr zur Vertretung der Libidoansprüche 
eingesetzt. Zur Angstentwicklung ist in jedem Falle notwendig, daß 
der Libido anspruch verdrängt (unbewußt) sei; unbefriedigte, frei- 
flottierende Libido, deren Repräsentanz bewußt bleibt, wird nicht 
in Angst verwandelt. 

Die Beziehung der Realangst zur neurotischen konnte Freud 
erst in der folgenden Vorlesung geben. Auch in der Realangst unter- 
scheidet er prinzipiell die rationelle Aktion (den Fluchtversuch) von 
der irrationellen Angstempfindung; nur die erstere ist dem Icherhal- 
tungstriebc zuzuschreiben, der affektive Teil ist: unverwendbar ge- 
wordene, in Angst verwandelte Ichlibido. So lassen sich schließ- 
lich alle Arten von Angst mit Hilfe der Libidotheorie einheitlich ins 
Auge fassen. 

Die „Libidotheorie des Narzißmus" wendet sich zu- 
nächst gegen die im Jungschen Libidobegriff enthaltene Verallge- 
meinerung des "Wortes Libido, die dieser Autor mit dem Begriffe 
„Energie 1 " gleichsetzt. Freud berücksichtigt nach wie vor die bio- 






Allgemeine Neurosen lehre. 99 

logische Doppelrolle der Lebewesen und sondert, streng die Ichtriebe 
von den Sexualtrieben (der Libido). Die Uncnthohrlichkeit dieser 
Kl assif ikation der Triebe in der Neurosenlehre hat sich bei den 
Übertragungsneurosen erwiesen. Die Untersuchungen von Freud 
und Abraham über die Psychologie der Dementia praecox, dann 
die Paranoiaun tersuehungen Freuds ermöglichten psychoanalytische 
Aufstellungen zu einer Ichpsychologie, während dio Über- 
tragungsneurosen nur zur Analyse der Libidopsychologie Gelegen- 
heit boten. — Man gelangte zur Annahme, daß die spätere Objekt- 
liebe bei jedem Menschen eine Vorstufe hat, den Narzißmus, auf 
der noch alle Libido dem eigenen Ich (Körper und Persönlichkeit) 
gehört, wo also das Ich sich selbst 2mm Objekte nimmt. Bei kör- 
perlicher Erkrankung und im Schlafe (das nur die allnächtliche 
Reproduktion des Intrauterinzustandes ist) kehrt dieses narzißtische 
Stadium wieder ; die Objektbesetzungen werden wie die Pseudopodien 
einer Amöbe ins Ich zurückgezogen. Bei der Verliebtheit hingegen 
besetzt fast die ganze verfügbare Libido irgend ein Objekt, wobei 
das Ich vom Libido sozusagen entblößt wird. Das Ich kann von 
libidinöser Besetzung frei werden, ohne daß dessen Nützlich- 
keit s funktion verloren ginge. Narzißmus ist die libidinöse Ergän- 
zung des Egoismus, gleichwie Objektliebe der sexuelle Pendant des 
Altruismus ist. Zur Objektbesetzung kommt es, wenn das Ich seine 
(narzißtische) Libido ausschickt, um nicht an ihrer Stauung zu er- 
kranken. Der Prozeß der Zurückziehung der Libido von den Objek- 
ten aufs Ich, bei der Hypochondrie und den Paraphrenien unter Ver- 
sperrung ihrer Rückwege, steht dem Verdrängungsprozeß nahe; die 
Fixierungsstellen, auf die die narzißtischen Neurosen bei dieser Art 
„Verdrängung" zurückgreifen, sind weit frühere Phasen der Libido- 
entwicklung als bei der Hysterie und Zwangsneurose. Ein Teil der 
Symptome bei der Dementia praecox, und zwar die lärmenderen, ent- 
sprechen dem Bemühen, wieder zu den Objekten, das heißt den Ob- 
jektvorstellungen zu gelangen. Doch nur die "Wiederbesetzung der 
(unbewußten) "Wortvorstellungen mit Libido gelingt ihnen, während 
die zugehörigen unbewußten Dingvorstellungen von Libido entleert 
bleiben. — Bei den narzißtischen Neurosen ist der Widerstand gegen 
die Heilnngstendenz wegen der mangelnden oder als gefährlich sofort 
abgewehrten Übertragung unüberwindlich. Trotzdem sind ihre Sym- 

7* 



1X0 Dr. S. Ferenczi. 

ptomß auf Grund der bei den Übertrag ungsneurosen gewonnenen 
psychoanalytischen Erfahrungen zu enträtseln. Solange sich aber die 
Psychiatrie vor der Psychoanalyse verschließt, werden ihr diese Itätsel 
nur als sinnlose Kuriosa erseheinen. 

Die kurze Darstelhmg der psychoanalytischen Theorie der 
Paranoia und der Melancholie boschließt den klinischen Teil dieses 
besonders inhaltreichen Vortrages, der in der Feststellung gipfelt, 
daß alle neurotischen Erkrankungen, von den einfachsten Aktual- 
neurosen bis zur schwersten psychischen Entfremdung des Indivi- 
duums, auf eine Störung durch den libidinösen Faktor des Seekn- 
iebens zurückzuführen sind. 

Die Vorlesung über die „Übertragung" setzt sieh zunächst mit 
den „wilden Psychoanalytikern" auseinander, die fälschlicherweise 
das „freie Ausleben" als die Konsequenz der psychoanalytischen Er- 
fahrungen hinstellen oder gar empfehlen. Diese vergessen, daß der 
pathogene Konflikt der Neurotiker zwischen Regungen stattfindet, 
die nicht auf dieselbe (psychische) Ebene zu lokalisieren sind; ein 
Ausgleich unter ihnen, also die Verbindung des vernünftigen Han- 
delns, ist ohne vorausgehende Bewußtmachung des Verdrängten un- 
möglich; die Entscheidung über die Lebensführung eines neurotisch 
Kranken kann also niemals vor, sondern erst nach der durchge- 
führten Psychoanalyse erfolgen und ergibt sich bei der Analyse 
von selbst, ohne besondere Katschläge des Arztes; natürlich muß 
sie nicht gerade im Sinne des „Auslebens" ausfallen, der Patient 
kann sich ebensowohl zur Sublimierung oder zu einer möglichen Er- 
satzbefriedigung entscheiden. 

Es wird des weiteren gezeigt, wie die psychoanalytische „Wider- 
standstechnik" die Verdrängungen rückgängig zu machen bestrebt 
ist und werden die Erklärungen für die therapeutische "Wirksamkeit 
der Analyse bei den Neurosen und für ihre Unwirksamkeit bei den 
meisten Psychosen gegeben. 

Die übrigen Ausführungen dieses Vortrags wie auch die Vor- 
lesung über „analytische Therapie" gehören in den therapeutischen 
Teil dieses Jahresberichtes. 

Die Vorlesungen Ereuds über „allgemeine Neurosenlehre" 
muß sich jeder, der die Psychoanalyse verstehen oder sie versuchen 
will, mit größter Genauigkeit zu eigen machen; dieses Referat ist, 






Allgemeine Neurosen lehre. \Q\ 

trotz seiner Ausführlichkeit, nur ein schwaches Abbild ihres Keieh- 
tums an neuen Erkenntnissen. 

* 

Auch einer anderen, in mancher Hinsicht lehrreichen Schrift 
.Freuds, seiner „Geschichte der psychoanalytischen Bewegung" (19) 
müssen wir einige . die JSTeurosenlehre berührende Einzelheiten ent- 
nehmen. Die Frage, was Psychoanalyse ist und was diesen 
Namen mit Unrecht führtj wird hier präzise und unmißver- 
ständlich beantwortet: „Jede Forschungsriehtung, welche dio beiden 
Tataachen der Übertragung und des "Widerstandes anerkennt und sie 
zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit nimmt, darf sich Psychoanalyse 
heißen." Von diesem Standpunkte betrachtet, läßt sich ein Urteil 
über die beiden Abfallsbewegungen fällen, die sich innerhalb der 
Anhängerschaft der Psychoanalyse vollzogen haben. 

Während die Psychoanalyse nur als Ergänzung und Korrektur an- 
derswie erworbener Erkenntnisse gelten will, erhebt Alfr. Adler den 
Anspruch, eine vollständige Theorie des menschlichen Seelenlebens über- 
haupt zu geben; er will mit demselben Griff die Neurose, den Charakter 
und das Benehmen der Menschen verständlich machen. Diese Theorie 
war von Anfang an ein fertiges „System", was zu sein die Psychoanalyse 
sorgfältig vormied. Ad Iura Theorie besteht aus drei ungluichwertigen 
Elementen: guten Beiträgen zur Ich-Psychologie, Übersetzungen der ana- 
lytischen Tatsachen iu einen neuen Jargon und Entstellungen und Ver- 
drehungen der letzteren. Die guten Beiträge geben den egoistischen 
Zusatz zu den von der Psychoanalyse gewürdigten libidinösen TrieTj- 
regungen. Während aber die Psychoanalyse die Tatsächlichkeit und Be- 
deutsamkeit egoistischer Regungen im Prinzip stets anerkannt und ihnen 
— soweit es ihr möglich war — auch im einzelnen Rechnung getragen hat, 
verleugnet Adler, wenn irgend möglich, den libidinösen zu Gunsten des 
Ichtriebes, dies so weit, daß er schließlich als stärkste Triebfeder des 
Sexualaktes das Obensein-wollen hinstellt und behauptet, daß die leicht- 
gläubigen Psychoanalytiker der Irreführung der Neurotiker „aufgesessen" 
aeien, als sie ihre Sexualphautasien für bare Münze nahmen. Das Adler- 
seh© System, das ganz auf den Aggressionstrieb gegründet ist, läßt keinen 
Raum für die Liebe. Auf das, von der Psychoanalyse doch gebührend ge- 
würdigte Moment des Krankheitsgewinnes fällt in seiner Neuroserdehre 
der Hauptakzent. 

Ein anderer Teil dieser Lehre ist nichts anderes als eine Art „se- 
kundäre Bearbeitung" von rein psychoanalytischen Erkenntnissen. Statt 
Schutzmaßregeln wird hier das Wort „Sicherung" eingesetzt, statt Phan- 






iqo Dr. S. Ferenczi, 

tasie „Fiktion". Der Adlersche „männliche Protest" ist nichts anderes, 
als die von ihrem psychologischen Mechanismus losgelöste Verdrän- 
gung, die — in merkwürdigem Gegensatz zur sonstigen Asexualität der 
Lehre — sexualisiert gedacht ist. Dabei wird die mit dem Aggressions- 
trieb allerdings nicht mehr erklärbare weibliche und passive Triebbetäti- 
gung gar nicht berücksichtigt und der biologische, soziale und psycho- 
logische Sinn des Wortes „männlich" vermengt. So entsteht infolge der 
Umdeutungen und Entstellungen der psychoanalytischen Tatsachen (dem 
d litten Bestandteil der Lehre) eine heillose Begriffsverwirrung. — Im 
Lichte der Adler sehen Auffassung ist die Neurose nur ein Nebenerfolg der 
allgemeinen Verkümmerung, der Organminderwertigkeit, obzwar die täg- 
liche Beobachtung lehrt, daß Mißgestal taug sich mit voller psychischer 
Gesundheit zumeist verträgt. Das Unbewußte spielt bei Adler eine 
untergeordnete Holle, es hat keine Beziehung zum System und tritt als 
psychologische Besonderheit des „nervösen Charakters" auf. Das Mo- 
ment des Infantilismus, dieses bedeutsame Stück der psychoanalytischen 
Lehre, kehrt hier als Minderwertigkeitsgefühl des Kindes wieder. Die 
Detailmechanismen der Symptome und Phänomene, . die Begründung der 
Mannigfaltigkeit der Symptome finden überhaupt keine Berücksichtigung. 
— Aus alldem ist klar ersichtlich, daß diese Lehre mit der Psychoanalyse 
nichts zu schaffen hat. Sie nennt sich auch folgerichtig nicht mehr 
Psychoanalyse, sondern „Tndividualpsychologie". 

Die Adlersche Lehre ist, obzwar radikal falsch, doch konsequent, 
kohärent, und gründet sich immerhin auf eine Trieblehre. Die Jung- 
aclie Modifikation hingegen hat den Zusammenhang deT Phänomene mit 
dem Triebleben gelockert. Auch Jung und seine Anhänger knüpften den 
Kampf gegen die Psychoanalyse an eine Neuerwerbung an. Sie wiesen 
im einzelnen nach, daß das Material der sexuellen Vorstellungen zur 
Darstellung der höchsten religiösen und ethischen Interessen verwendet 
werden kann, mit anderen Worten, sie beschrieben spezielle Fälle der 
Sublimierung. Sie sagen aber nicht mehr, daß sexuelle Triebkräfte 
in asexuelle umgewandelt wurden, sondern, daß diese Komplexe von vorn- 
herein etwas „Höheres" waren, einen „anagogischen" Sinn hatten; hier 
fügten sich dann leicht abstrakte Gedankengänge ein, die eher Ethik und 
religiöse Mystik, als Naturwissenschaft sind. Sogar der Ödipuskomplex 
ist nicht real, sondern von vornherein tau „symbolisch" zu nehmen; die 
Mutter darin bedeutet „das Lnerreichbare", auf welches man im Interesse 
der Kulturentwicklung verzichten muß; der im Mythos getötete Vater ist 
der „innere Vater", von dem man sich frei zu machen hat, um selbständig 
zu werden. An Stelle des Konfliktes zwischen Ich und Libido tritt bei 
Jung der zwischen der „Lebensaufgabe" und der „psychischen Trägheit". 
Die Individualforschung wurde von der Jungschen Technik zurückge- 



Allgemeine NeuroBenlehre. 103 

drängt; Bie achreibt vor, bei der Vergangenheit so kurz als möglich tm. 
verweilen und den Hauptakzent auf den aktuellen Konflikt zu verlegen. 

Dieser Abwendung von der Vergangenheit ist es wohl zuzuschreiben, 
daß Jung und seine Anliänger in den sexuellen Darstellungen dea Trau- 
mes und der Neurose nur archaische Ausdrucksweisen höherer Gedanken 
gehen, die nicht mehr Träger von Libidoquantifcäten sind. 

So erscheint denn die Jung sehe Modifikation als eine solche Ent- 
stellung der Freu dachen Lehre, daß sie, wenn sie sich dennoch Psycho- 
analyse nennt, eich einer Art Mimikry schuldig macht. 

Die Tatsache, daß Adler und Jung, die sich so lange und so in- 
tensiv für Freud eingesetzt haben, von ihm abfallen konnten, findet 
in analogen Erscheinungen bei Analysen ihre Erklärung. Die Erfahrung 
neigt, daß die Totalreflexion der analytischen Erkenntnisse nicht nur 
von der Oberfläche, sondern auch von jeder tieferen Schichte her er- 
folgen kann, an welcher sich ein besonders starker Widerstand vorfindet 1 ). 

* 

Eine psychiatrisch-klinische Mitteilung Freuds (21) führt uns 
die für die Neurosenlehre wichtige- Tatsache vor Augen, daß sich 
die Libidoentwicklung auch auf dem Boden einer bereits erfolgten 
pathologischen Fixierung in der normalen Richtung fortsetzen kann. 
Eine Paranoische, deren Gefühlsbeziehungen dem eigenen Geschlechte 
gelten und deren Wahnideen sich zuerst auf weibliche Personen be- 
zogen; kann mit dem gesund gebliebenen resp. entwickelten (un- 
fixierlem) Teile ihrer Libido den. Weg zum Manne suchen und finden, 
so daß ihre Wahnideen nunmehr auf einen Mann projiziert werden. 
Auch der sogenannte Neurastheniker wird durch seine unbewußte 
Bindungen inzestuöser Liebesobjekte davon abgehalten, ein fremdes 
Weib zum Objekt zu nehmen und in seiner Sexualbetätignng auf 
die Phantasie eingeschränkt. Auf dem Boden der Phantasie 
bringt er aber den ihm sonst versagten Fortschritt zu stände 

und kann Mutter und Schwester durch fremde Objekte ersetzen. 

* 

Aus der Beike von „metapsychologischen" Aufsätzen 

Freuds heben wir als für die Ncurosenlehre bedeutsam zunächst 

die Arbeit über die Verdrängung (23) hervor. Wir erfahren 

daraus, daß dieser Prozeß aus zwei chronologisch gesonderten Akten 

!) Obzwar ich mich in diesem Referate auf positive Fortschritte der Neu- 
rosenlehre beschränkt«, hielt ich es für angebracht, (las "Wesen der zwei be- 
kannten Abfallbcstrebungen in der Darstellung Freuds dem Leserkreise des 
„Jahresberichtes" mitzuteilen. lief. 






104 Dr. S. Ferencri. 

besteht. Vorbedingung eines Verdrängungsvorganges ist, daß irgend- 
cinmal eine Urverdrängang stattgefunden habe, die darin be- 
stand, daß der Vorsieliungsrepräsentanz eines Triebes die Über- 
nahme ins Bewußte versagt wurde. Damit ist eine Fixierung 
gegeben. Die zweite Phase ist die eigentliche Verdrängung; 
eigentlich ist sie eine N&ohdrängung, die ins Bewußtsein ge- 
laugte Abkömmlinge der verdrängten Repräsentanz betrifft, oder 
solche Gedankcnzügt!, die — wenn auch anderswoher kommend — 
in assoziative Verbindung zu ihr geraten sind und wegen dieser 
Beziehung dasselbe Schicksal, wie das TJrverdrängte erfahren. Es 
handelt es sich dabei nicht nur um. Abstoßuiig vom Bewußten her, son- 
dern auch um Anziehung seitens des Urverdrängten. Der Verdrän- 
gungsprozeß vernichtet nur die Bewußtheit der Vorstellungen; diese 
können sieh aber weiter organisieren, neue Verbindungen anknüpfen, 
ja : sie entwickeln sich reichhaltiger in der Verdrängung, das heißt 
der Aufsicht des Bewußtseins entzogen. Diese Oberwuchcrung der 
uii bewußten Vorstellungen täuscht in der Analyse der Neurotiker 
Triebe von gefährlicher Stärke vor, ohzwar es sich nur um die in- 
folge gestauter Triebansprüche gesteigerte Phantasietätigkeit handelt. 
Sind die Assoziationen weit genug vom Urverdräiigten entfernt, 
so können sie. trotz ihrer Beziehung zu ihr, bewußt werden. Solche 
Abkömmlinge des Verdrängten läßt die Psychoanalyse durch freie 
Assoziation produzieren; als solche entstellte und entfernte Ab- 
kömmlinge des Verdrängten sind aber auch die neurotischen Sym- 
ptome aufzufassen. 

Das Verdrängte übt einen kontinuierlichen Druck in der Rich- 
tung zum Bewußten Mn aus, dem durch unausgesetzten Gegen- 
druck das Gleichgewicht gehalten werden muß, dies setzt bestän- 
dige Kraftausgabe voraus; deren Aufhebung aber l>edeutet ökono- 
misch eine Ersparung. Die Verdrängung betrifft die Triebreprä- 
sentanz, die Vorstellung, der ihr entsprechende Affektbetrag 
wird entweder ganz unterdrückt oder in Angst verwandelt 
Im letzteren Falle ist die Verdrängung mißglückt. Die neuro 
tischen Symptome schafft nicht die Verdrängung, sondern die Wie 
derkehr des Verdrängten, wobei das Motiv der Verdrän 
gung, die Unlustersparung, vereitelt wird. Bei der Angsthysterie 
z. B. der Tierphobie, erfolgt die Ersatzbildung auf dem Wege der 



Allgemeine Neurosenl&hro. 105 

Verschiebung (Vater — Tier), aber erst eine weitere Leistung 
der Verdrängung, eine Vermeidung (Phobie') verhütet, die Unlust. 
Bei der K on v ersionshy st. rie ist der VoxatelluBgsinitalt äst 
TrieDrepräscntanz dem Bewußtsein gänzlich, entzogen; als Symptom 
findet sich eine rein somatische Innervation) eine tibirstarke Er- 
regung oder Hemmung, die wie durch Verdichtung die gesamte 
Besetzung auf sich gezogen hat. Mit dieser Leistung ist der Ver- 
drängungsvorgang bei der Hysterie abgeschlossen : einer zweiten 
Phase (wie bei der Phobie) bedarf es hier nicht. Bei der Zwangs- 
neurose wird die Verdrängung (wie überall) durch Libidoentzie- 
hung, und zwar von den sadistisch-analerotischen Triebvorstcllungsn 
bewerkstelligt ; die Ersatzbildung besteht in einer Beaktions- 
bildung, der Steigerung der Gewissenhaftigkeit, das heißt der 
Verschiebung des Interesses auf die Gegensätze der bisherigen Zielo 
der Libido. Auch diese Verdrängung mißlingt aber; es bilden sich 
Symptome; soziale Angst, Gewissensangst, Vorwurf, in denen der 
zeitweilig unterdrückte Affekt betrag restlos wiederkehrt; auch die 
abgewiesene Vorstellung kehrt in einem Verschiebungsersatz 
(oft als Verschiebung auf ein Kleinstes) wieder. Schließlich kommt 
es zum selben Spiel von Flucht durch Vermeidungen und Verbote, 
wie bei der hysterischen Phobie, zu einem erfolglosen und unab- 
sch ließbaren Bingen. 

Das Gemeinsame jeder Verdrängungsleistung ist aber, wie ge- 
sagt, die Abweisung der Vorstellung vom Bewußten, wodurch oben 
die motorische Fesselung des Impulses, die Unmöglichkeit, 
sie in Handlungen umzusetzen, gewährleistet ist. 

* 

Die topische, dynamische und ökonomische Beschreibung de» 
Verdrängungsvorganges bringt uns Freuds Abhandlung über das 
Unbewußte (24). Die Frage, wann und wie ein Affekt un- 
bewußt werden kann, beantwortet Freud dahin, daß dies nur mög- 
lich ist durch wirksame Hemmung seiner Abfuhr. Unbewußtwerden 
einer Vorstellung und Abfuhrhemmung des mit ihr verknüpften 
Affektes erschöpfen also alle der Verdrängung zu Gebote stehenden 
Mittel. Bei der Verdrängung findet ein© Trennung des Affekts 
von seiner Vorstellung statt, worauf beide ihren gesonderten Schick- 
salen entgegengehen; so lautet deskriptiv die Formel der Verdrän- 



106 Ür. S. Feruncri. 

gung. In Wirklichkeit kommt der Affekt überhaupt nicht zu stände. 
bis nicht der Durchbrach zu einer neuen Vertretung im System 
Bw — zur Ersatzvorstellung — gelungen ist. Zum Gelingen einer 
Verdrängung ist eine Gegenbesetzung seitens des Vorbe wußten 
nötig, die dieses System gegen da* Andrängen der unbewußten Vor- 
stellung schützt. Die Urverdrängung ist nichts als Gegenbesetzung; 
bei der eigentlichen Verdrängung (dem Nachdrängen") kommt die 
Entziehung der vbw. Besetzung hinzu. 

Bei der Angsthysterie verlangt eine ubw. Liebesregung 
nach Umsetzung ins System Vbw. doch die vbw. Besetzung zieht 
eich von ihr fluchtartig zurück, worauf die unbewußt bleibende 
Libido als Angst abgeführt, wird. Bei Wiederholung der Angst- 
entwicklung knüpft sich die fliehende Besetzung au den Verschie- 
bungsersatz (s. o.), die die Rolle der Gcgenbosctzung ülrerniiumt. 
Von nun an kommt die Angst nur mehr von der Ersatz Vorstellung 
aus zur Entwicklung, von hier aus aber um so heftiger. Die weitere 
Aufgabe der Hemmung der Angstentwieklung fallt einem Vorbau 
von an die Ersatz Vorstellung assoziierten Vorstellungen zu, der mit 
besonderer Intensität besetzt wird und eine, hohe Empfindlichkeit 
gegen Erregung bezeigt; die Erregung auch des entferntesten Teiles 
in diesem Vorbau wirkt als Angstsignal, der das weitere Vordringen 
der Besetzung gegen die Ersatzvorstellung zu hemmt. So wird diese 
Vorstellung nach Art einer Enklave vom übrigen ubw. Vorstellungs- 
inhalt möglichst isoliert. Je stärker der vom Ubw her andrän- 
gende Trieb, ein um so größerer Kreis von Angstsignal vors bellungen 
muß die ErsatzvorstcHung umgehen, die den Anlaß zu den pho- 
bischen Vermeidungen, Verzichten und Verboten geben. Die Ersatz- 
vorstellung wirkt als Gegenhcsotzung gegenüber der (zu verdrän- 
genden) unbewußten Vorstellung, der phobische Vorbau als Gegen- 
besetzung gegenüber der Ersatz Vorstellung. Dieser Abwehrmecha- 
nismus projiziert die innere Triebgefahr nach außen, indem er sie 
in eine äußere, von der Wahrnehmung her drohende verwandelt. 

Bei der Konversionshysterie verdichtet sieh die ganze 
Triebbesetzung aus dem Ubw im somatischen Symptom, das aber 
zugleich als Gegenbesetzung auch dem Abwehr- oder Strafbestreben 
des Systems Bw dient. 



Allgemeine Neacosenlehro. 107 

Bei der Zwangsneurose tritt dia Gegenbesetzung am sinn- 
fälligsten in den Vordergrund, und zwar an den Reaktionsbildungen. 

Am besten gelang die Verdrängung bei der Hysterie, wahr- 
scheinlich weil hier das Abwehrsymptom auch Abfuhrvorgänge ge- 
stattet, während bei der Angsthysterie und der Zwangsneurose die 
Abwehr nur aus Gegenbesetzungen besteht, die keine Abfuhrmög- 
lichkeiten schaffen und vor Angstentwicklung minder gut schützt. 

Viel besser als den Ubertragungsneurosen gelingt aber die 
Abziehung der bewußten Besetzung, der Fluchtversuch des Ichs, 
bei der sogenannten narzißtischen Neurose (Dem. praecox, 
Paranoia), wo die Triebbesetzung von den Stellen, die die unbe- 
wußte Objektvorstellung repräsentieren, überhaupt eingezogen wird. 

Die in diesen Ausführungen versuchte Betrachtungsweise, die 
den Gesichtspunkten der Topik und der Dynamik, auch die der 
Ökonomie der psychischen Energiequantitäten an die Seite stellt, 
ist es, die auf F r e u d s Vorschlag den Namen Me-tapsychologie 

erhalten hat. 

* 

B* der „Metapsychologischen Ergänzung zur Traumlehre" (25) 
teilt uns Freud wesentliche Neuigkeiten über das für die Neurosen- 
Ichxe so gewichtige Problem der Genese der Halluzinationen 
mit. "Was wir hierüber aus dem allgemeinen Teile seiner „Traum- 
deutung" erfuhren, war, daß, wenn der normalerweise vom Ubw 
gegen das Bw progrediente "Weg der psychischen Erregung infolge 
einer Störung verlegt ist und die Erregung zurückstauen, regre- 
dieren muß, es zur TViederbesetzfcng des Rohmaterials der ubw. 
Erinncrungsspuren im "Wahraehmungs-(W-)Systeni kommen kann 
das wäre die Halluzination. Da es aber auch andere Arten der 
Wiederbelebung dieser E-Spuren gibt (z. B. das „Erinnern"), mußte 
Freud zur Annahme kommenj daß zum Zustandekommen der 
Halluzination außer der Regression eine spezifische Störung der 
Fähigkeit zur Realitätsprüfung notwendig ist. Das Organ 
diesur Prüfung ist im Bw("VV-)System selbst; es hat die Funktion, 
Auskunft darüber zu geben, ob eine psychische Erregung von innen 
(den psychischen E-Systemen) oder von außen (von der "Wahrneh- 
mung her) kommt. Unser ganzes Verhältnis zur Außenwelt hängt 
von dieser Fähigkeit ab. Die Halluzination besteht also in einer 



Dr. S. Ferenczi. 

Basetzung des Systems Bw(W), aber nicht, wie normal, von 
uußenj sondern von innen, wobei die Tt-ugrestiion sicli über die 
Itealitätsprüfung hinwegsetzt. -Zur Bealitätsprüfung muß das Bw 
über eine motorische Innervation verfügen, bei deren Ingangsetzung 
ein Signal darüber erhalten wird, ob man sich der Erregung aktiv 
überhaupt entziehen kann (Außenreiz) oder nicht (Innenreiz, Trieb). 
Bei der halluzinatorischen Wunsehpsychosc (Amentia) bricht das 
Ich die Beziehung zur schmerzlichen Realität ab; damit ist der 
Weg der Wunschphantasien über die Bealitätsprüfung hinweg ge- 
öffnet. Bei der halluzinatorischen Psychose in der Dementia praecox 
zerfällt das Ich des K Tanken so weit, daß die Bealitätsprüfung 
nicht mehr die Halluzination verhindert. Übrigens sind die Hallu- 
zinationen bei dieser Psychose sekundäre, meist später einsetzende 
Symptome, die beim Versuch der Wiederbesetzung der Objekt- 
erinnerungsspuren mit Libido entstehen. Ähnliche ..Bestitutions- 
vnrsuclie" im Dienste der Selbstheilungstendenz sind die Verbi- 
gerationen der Schizophrenen (Besetzung der Worterinncxungs- 
reste) und die Projektknisymptome der Paranoia (Verfolgungswahn). 
Auch im letzteren Falle handelt es sich um eine Störung der 
Healitätsprüfung. der Paranoische bestrebt sieh, beschwerlieh wer- 
dende Jimenreize nach außen zu verlegen. Zum Schlüsse wird ein 
Blick auf die Bedeutung geworfen, welche eine T o p i k des Ver- 
drängungsorganes für unsere Einsicht in den Mechanismus der see- 
lischen Störungen gewinnt. Beim Traum betrifft die Entziehung 
der Besetzung (Libido, Interene) alle Systeme gleichmäßig, bei den 
Ubertragungsneurosen wird die »bw Besetzung zurückgezogen, bei 

der Schizophrenie die des Ubw, bei der Amentia die des Bw. 

* 

Freuds Arbeit über „Trauer und Melancholie" (26) 
beschließt die Reihe seiner metapsy oho logischen Abhandlungen. 
Wir erfahren daraus, daß die Disposition zur melancholischen Er- 
krankung in die Vorherrschaft des narzißtischen Typus der Objekt- 
wahl verlegt werden muß und daß die für diese Krankheit charak- 
teristische Nahrungsverweigerung auf eine. Regression von der Objekt- 
besetzung auf die orale Libidophase (Abraham) zurückzuführen 
ist. Die Selbstanklagcn der Melancholiker sind eigentlich Anklagen 
gegen Personen, mit denen sieh der Patient nach dem Typus der 



Allgemeine Neurosenlehre. 109 

narzißtischen Liebeswahl identifizierte. Die unzweifelhaft genuß- 
reiche Selbstquälerei der Melancholie bedeutet, ganz wie das ent- 
sprechende Phänomen der Zwangsneurose die Befriedigung von sadi- 
stischen und Haßtendenzen, die einem Objekt gelten und eine "Wen- 
dung gegen die eigene Person erfahren haben. 

Dieser Sadismus löst uns auch das für die Psychopathologie 
so wichtige Rätsel der Selbstmordneigung. "Wir wußten längst, 
daß kein Neurotiker Selbstmordabsichten verspürt, der solche nicht 
von einem Mordimpuls g<--go,n ander* 1 auf sich zurückwendet. Nun 
lehrt uns die Analyse der Melancholie, daß das Ich sich nur dann 
töten kann, wenn es durch die Ilückkehr der Objektbesetzung ^ich 
selbst wie ein Objekt behandeln kann. Bei der Verliebtheit wie bei 
dem Selbstmord wird das Ich, wenn auch auf gänzlich verschiedenen 
Wegen, vom Objekt überwältigt. Das Ich wird bei diesem Vorgang 
vollkommen entleert, und die Selbstwahrnehmung dieses üustandes 
erklärt uns die Verarmungswahnidecn der Melancholiker. Der ge- 
dankenreiche, im Original nachzulesende Schlußteil dieser Arbeit 
beschäftigt sich mit der Psychoanalyse der Zyklothymien, besonders 

der Manie. 

* 

Preuds Aufsatz „über einige Charaktertypen aus der psycho- 
analytischen Arbeit" (27) beschäftigt sich mit den ,,Aus nahmen", 
von denen die Analyse feststellt, daß sie eine frühzeitige narziß- 
tische Kränkung mit ■iliren übergroßen Ansprüchen wieder gut 
machen wollen (z. B. Verunstaltung, Krankheit im frühesten Kindes- 
alter), dann mit denen, „die am Erfolg scheitern", deren emp- 
findliches Gewissen sie am Erfolg erkranken läßt, anstatt an der 
Versagung, wenn der Erfolg den "Triumph des Ödipuskomplexes be- 
deuten würde. Der „Verbrecher am Schuldbewußtsein" 
gibt die psychische Motivierung dieser psychopathologisch wie krimi- 
nologisch bisher unaufgeklärten Besonderheit. 

Freuds „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse" 
(28) versucht uns die psychologische Erklärung des sich gegen die 
psychoanalytischen Lehren allseits erhebenden "Widerstandes au geben. 

Der Narzißmus der Menschheit — heißt es hier — hat bis 
jetzt zwei schwere Kränkungen von Seiten der wissenschaftliehen 



HO Dr. S. Ferenczi. 

Forschung erfahren; 1. Di«? Zerstörung' der narzißtischen Illusion, 
daß sich sein Wohnsitz, die Erde, ruhend im Mittelpunkte des 
Weltalls befindet, um den sich alle Gestirne drehen (K o p e r n i k u s). 
Dies war die kosmologischc Kränkung. 2. Die biologische 
Kränkung durch den Darwinismus, der dem Menschen die ver- 
meintliche Sonderstellung unter den Geschöpfen der Erde raubte. 
Hiezu kommt nun 3. die Feststellung der Psychoanalyse, die. Idee, 
daß das Ich ., nicht Herr im eigenen Hause" ist: die Lehre von der 
Unbewußtheit im Seelenleben. Damit und mit der Behauptung von 
der psychischen Bedeutung der Sexualität lenkt die Psychoanalyse 
Abneigung und Widerstände auf sich. 

Aus der umfangreichen Arbeit von Freud: „Geschichte 
einer infantilen Neurose" (29) wollen wir hier nur das 
für die allgemeine Neurosenlehre verwertbare hervorheben. 

Analysen von kindliehen Neurosen können ein besonders hohes 
theoretisches Interesse beanspruchen. Sie erweisen die volle Un- 
zulänglichkeit der seichten oder gewaltsamen Umdeutungsversuehe, 
die mit dem analytischen Tatsachenmaterial vorgenommen wurden. 
Die Kinderanalysen zeigen in flagranti den überragenden Anteil 
der so gern verleugneten libidinösen Triebkräfte an der Gestaltung 
der Neurose auf und lassen die Abwesenheit fernliegender kultureller 
Zielstrebungen erkennen, von denen das Kind nichts weiß und die 
ihm darum nichts bedeuten können. Die tief reichende Analyse des 
beschriebenen Falles liefert den Beweis, daß ein Kind im zarten 
Alter von l 1 ^ Jahren wirklieh im stände ist, einen so komplizierten 
Vorgang, wie die Beobachtung des elterlichen Koitus in sich auf- 
zunehmen, getreu im Unbewußten zu bewahren, dieses Material 
nachträglich (hier im vierten Lebensjahr) zu überarbeiten, und daß 
die Psychoanalyse tatsächlich ein Verfahren ist, dem es gelingen 
kann, Einzelheiten einer solchen Szene auch Jahrzehnte nach ihrem 
Vorfall in zusammenhängender und überzeugender Weise bewußt 
zu machen. Analysen, wie die vorliegende, sind auch ein beredtes 
Argument gegen die Geringschätzung der frühinfantilen Eindrücke ; 
(bekanntlich wollen ja manche die Verursachung der Neurosen fast 
ausschließlich in den ernsthaften Konflikten des späteren Lebens 
suchen; diese behaupten, daß die Bedeutsamkeit der Kindheit uns 






Allgemeine Nenroaenkhr©, 111 

in der Analyse nur durch diu Neigung der Neurntiker vorgespiegelt 
wird, ihre gegenwärtigen. Interessen in Reminiszenzen und Symbolen 
der früheren Vergangenheit auszudrücken). Der Fall beweist auch 
von neuem, wie notwendig es ist, alle unbewußten Gedankengänge, 
ohne Rücksicht darauf, ob sie nur Phantasien sind oder Erinnerungen 
an reale Vorkommnisse entsprechen, in der Analyse aufzudecken. 
Ein „abgekürztes Verfahren" hätte die zum Verständnis des Falles 
nötigen Zusammenhänge niemals aufklären können. Es wer dm 
Szenen aus so früher Zeit in der Regel nicht als Er- 
innerungen reproduziert, sondern müssen schrittweise 
und mühselitc aus einer Summe von Andeutungen erraten — kon- 
struiert — > werden. Nun behaupten die Gegner, diese Kon- 
struktionen mache der Analytiker und dränge sie den Patienten auf. 
Die Entscheidung über diesen Streitpunkt ist nicht möglich, so- 
lange die Gegner es nicht versuchen, solche. „Konstruktionen" 
streng nach der Methode Freuds selber zu machen; vielleicht be- 
kämen sie auf die Art einen Eindruck davon, wie sich die ein- 
zelnen Tatsachen in der Analyse ohne und oft gegen den Willen 
des Analytikers zu solchen Annahmen gruppieren, wie sich eine 
falsche Annahme bald refaktär erweist usw. Im Gegensatz zu 
Jung, der die aktuellen Konflikte auf Kosten des Infantilen in 
den: Vordergrund stellt, behauptet Freud, daß der Kindheit s- 
einfluß sich bereits in der Anfangssituation der 
Neurosenbildung fühlbar macht, indem er in entscheiden- 
der Weise mitbestimmt, ob und an weleher Stelle das Individuum 
in der Bewältigung der realen Probleme des Lebens versagt. 

Schon die Tatsache einer neurotischen Erkrankung im vierten 
und fünften Jahr der Kindheit beweist, daß infantile Erlebnisse 
für sich allein im stände sind, eine Neurose zu produzieren. Hier 
findet man als Ursache das Scheitern an solchen „Lebensaufgaben", 
die mit höheren Ideen nichts zu tun haben und nur im geforderten 
Verzicht auf primitive Triebregungen bestehen. 

Die in der Analyse konstruierte „Urszene" aus der frühesten 
Kindheit (Beobachtung des elterlichen Koitus, Kastrationsbedrohung, 
Verführung) kann wirklich erlebt oder phylogenetische Erbschaft 
sein. Das Kind greift zum phylogenetischen Erleben, wo sein eigenes 
Erleben nicht zureicht ; es ist aber methodisch unrichtig, zur Er- 



112 Dr - s - Ferenczi, 

klärung aus der Phylogenese zu greifen, ehe man alle Möglich- 
keiten der Ontogenese erschöpft hat. (In diesen Fehler verfallt 
eben Jung.) 

Die phylogenetisch mitgebrachten Schemata, besorgen, wie die 
philosophischen „Kategorien", die Unterbringung der Lebenseindrücke. 
Freud vertritt die Anschauung, sie seien Niederschläge der mensch- 
lichen Kulturgeschichte. Das Schema kann aueh über das indi- 
viduelle Erleben siegen, sich an seine Stelle setzen. Ein instink- 
tives "Wissen, eine Ahnung noch kommender Erlebnisse, den 
tierischen Instinkten entsprechend, wirkt bei der Reaktion auf die 
allerfrühesten Sexualeindrücke mit. Dieses Instinktive wäre der 
Kern des Unbewußten, eine primitive Geistestätigkeit, die tpäter 
durch die zu erwerbende Mensehhcitsvernunft überlagert wird, da- 
bei aber die Kraft behält, höhere seelische Vorgänge zu sich herab- 
zuziehen. Die Verdrängung wäre die Rückkehr zu dieser instink- 
tiven Stufe und der Mensch würde so mit seiner Fähigkeit zur 
Neurose seine große Neuerwerbung bezahlen und durch die Mög- 
lichkeit der Neurosen die Existenz der früheren instinktaxtigen 
Vorstufe bezeugen. Die Bedeutung der frühen Kindheitstraumen 
läge aber darin, daß sie diesem Unbewußten einen Stoff zuführen, 
der es gegen die Aufzehrung durch die nachfolgende Entwicklung 
schützt. 

Von dieser Perspektive betrachtet, erscheint dem Referenten 
die psychoanalytische Neurosenlehre Freuds als der Ausgangs- 
punkt unseres besseren "Wissens über den Aufbau der Menschen- 
seele, über deren Entwicklungsgang von einfachen Triebregungen 
bis zu einem zu höchsten Kulturleistungen befähigten, komplizierten 
Mechanismus und über das Spiel und der Ökonomie der Energien, 
die sich auf diesem Apparat betätigen. Auch hat Freuds Neu- 
i'osenlehre uns den "Weg gezeigt, auf dem Probleme einer weiteren 
Klärung zugeführt werden können, bei denen die philosophische 
und erkenntnistheoretisehe Spekulation bisher versagt hat. 

Die ungeheure Fülle des zu referierenden Materials brachte 
es mit sich, daß ein Referat über Freuds neuere neurosenpsycho- 
logische Werke, obzwar die wichtigsten Stellen wortwörtlich zitiert 



Allgemeine Nenrosenlehre. 113 

wurden, den Eindruck, den man sich, davon in den Originalen holt, 
nicht im entferntesten wiedergeben kann 1 ). 

* 

Einen Beitrag zur Kenntnis der Entstehung sexueller Perver- 
sionen liefert uns Freuds Arbeit „Ein Kind wird geschla- 
gen" f30). Nachdem Freud in einer eingehenden Untersuchung 
die Herkunft der masochistischen Perversion aus dem 
Ödipuskomplex festgestellt hat, nimmt er die Gelegenheit wahr, 
neuerlich darauf hinzuweisen, daß die Motive der Verdrän- 
gung nicht sexualisiert werden dürfen, wie das Adler 
in seiner Aufstellung vom „männlichen Proteste" tut. „Den Kern 
des seelisch Unbewußten bildet die archaische Erb- 
schaft des Menschen, und dem Verdrängungsprozeß 
verfällt, was immer davon beim Fortschritt zu spä- 
teren Entwicklungsphasen als unbrauchbar, als mit 
dem Neuen unvereinbar und ihm schädlich zurück- 
gelassen werden soll. Diese Auswahl gelingt bei 
einer Gruppe von Trieben b-sser, als bei anderen. 
Letztere, die Sexualtriebe, vermögen es, kraft be- 
sonderer Verhältnisse, die Absieht der Verdrängung 
zu vereiteln und sich die Vertretung durch störende 
Ersatzbildungen zu erzwingen. Daher ist die der 
Verdrängung unterliegende infantile Sexualität 
die Haupttriebkraft der Symptombildung und das 
wesentliche Stück ihres Inhalts, dir Ödipuskomplex 
der Kernkomplex der Neurose." FTeud vermutet, daß 
auch die sexuellen Abirrungen des kindlichen wie 



!) Nachzutragen wäre noch einiges aus der tetztieferierten Arbeit. Die 
"YY'iedergebiirts phanbasic, auf die Jung seinerzeit die Aufmerksamkeit 
gelenkt hatte, erwies sich im besohrielwnen Falle als intimster Ausdruck der 
Homosexualität des Patienten in verstümmelter Wiedergabe. Dem A dl ersehen 
„männlichen Protest" wird u. a. entgegengehalten, daß die Verdrängung 
keineswegs immer die Partei der Männlichkeit nimmt, und die Weiblichkeit be- 
trifft. — Die Grenzen der Heilbarkeit der Neurosen betrifft eine Äußerung 
Ireuds über die „psychische Entropie", die Unmöglichkeit, eine stärkere 
Libidofixierungsstelle von. der Besetzung vollständig zu befreien. Dies hängt 
mit der Klebrigkeit der Libido, ihrem Pesthalten an alten Objekten und Zielen 
zusammen. In höherem Alter erstarren, die Libidobesetzungen überhaupt und 
dio psychische Beeinflußbarkeit hört auf. 

PsjchointiljBe. Bericht 1[>U— 1919. 8 






U4: Dr - S. Ferenczü 

des reifen Alters von dem männlichen Komplex ab- 
zweige n. 

In diesen Sätzen finden wir das Wichtigste, waa die Freud- 
schen Forschungen der letzten Jahre zur Ergänzung unseres Wissens 
über die psychoanalytische Neurosenlehre beitrugen, auf das ge- 
drängteste zusammengefaßt. 

* 

Der uns leider durch, den Tod entrissene Professor Put na. in 
stellt in einer seiner von tiefernster Überzeugung getragenen Ar- 
beiten (66) die allgemeinen Gesichtspunkte der psycho- 
analytischen Bewegung fest. Wir geben die wichtigsten 
Sätze seiner Ausführungen in extenso wieder: 

Heute, wo man, dank der Psychoanalyse, den kausalen Mecha- 
nismus der Neurosen um so viel besser versteht, dürften die Arzte 
nicht einfach fortfahren, den Hauptnachdnick bei der Diagnose 
immer noch auf Erkrankung eines einzelnen Organes, eine Stolf- 
wechselstörung, zu legen und als Therapie auch weiterhin nur auf 
andauernde Ruhe, Suggestion oder Überredung hinzuweisen. Die 
Psychoanalyse ist mehr als ein neues Linderungsmittel; sie beweist 
die Herkunft dieser Krankheit von Gefühlskonflikten, die ohne 
fremde Hilfe nicht zu lösen sind. Die Psychoanalyse liefert die 
vollständigste Anamnese; sie. ist dabei ein Erziehungsmittel zur 
Vernunft, Moral und Sittlichkeit. Zur Erlangung dieses Zustandes 
ist aber die schonungslose Entlarvung aller „unmoralischen" ver- 
drängten Strebungen notwendig und das Verantwortungsgefühl auch 
auf diese auszudehnen. Das Verdrängte ist unerziehbar und schafft 
faule Kompromißbildungen. Mißerfolge der Kur sind oft von 
Eigenheiten des Arztes verursacht ; Selbstanalyse der Ärzte ist 
also Vorbedingung der Beschäftigung mit Psychoanalyse. Die 
psychoanalytische Forschung bringt außer einer neuen Therapie der 
Neurosen eine neuartige pädagogische Prophylaxe, die sich auf die 
bessere Kenntnis des Seelenlebens des Kindes stützt. Die Psycho- 
analyse trägt zur Lösung der großen äußeren Lebensprobleme da- 
durch bei, daß sia jedem einzelnen Mensehen hilft, die Rätsel seines 
eigenen Innenlebens zu lösen. 



Allgemeine Nenrosenlehre, 115 

Abrahams „ Untersuchungen über die früheste prä- 
genitale Entwicklungsstufe der Libido" (,l) wenden 
sich nach kursorischem Überblick über die Freud sehen prägeni- 
talen Organisationen übarhaupt, dem Studium der kannibalisti- 
schen Hegungen, bei einem Schizophrenen zu. Bei diesem Kranken 
überwiegt die orale Zone an Bedeutung über die anderen erogenen 
Zonen. Die Sexualfunktion und Ernährungsfunktion sind im Saugakt 
miteinander verknüpft, dem Sexualohjekt gegenüber besteht das Ver- 
langen nach Einverleibung. Dann folgt eine allgemeine Charak- 
terisierung ähnlicher Gelüste bei Normalen und Neurotikern; An- 
fälle von Heißhunger sind oft die ÄußerUngsform libidinöser Re- 
gungen; in vielen dieser Fülle gewann die im- erwachsenen Alter 
persistierende Saugelust einen beherrschenden Einfluß, wirkte be- 
stimmend auf das Verhalten und störend auf die sonstige Funktion 
der oralen Zone (Essen, Sprechen). Alle Neurot iker werden von 
Verstimmungen befallen, wenn sie einer ungewöhnten oralen 
Befriedigung entsagen müssen; anderseits verscheucht bei vielen 
die lustvolle orale Befriedigung die bestandene Verstimmung. Bei 
der Melancholie scheint eine unbewußte sadistische 'Wunsoh- 
tendenz zu herrschen, die Vernichtung des Liebesobjektes durch Auf- 
fressen zu vollziehen. Ein Teil der schweren Selbst anklagen der 
Melancholiker weist auf diese Triebregungen hin, noch deutlicher 
tun das die sogenannten „lykanthropischen" "Wahnvorstellungen, die 
das Auffressen der Menschen zum Inhalte haben; dieselben Be- 
gangen werden in negativer Form durch die Nahrungsverweigerung 
der Geisteskranken dargestellt; die Angst vor Verhungern dagegen 
ist eine infolge der Verdrängung auftretende Angstverwandlung der 
kannibalistischen Triebe. Das Sagenmotiv der „Zerstücklung" und 
die mythologischen Erzählungen vom Gott, der seine eigenen Kinder 
vertilgt, sind völkerpsyehologische Parallelen zur kannibalistischen 
Periode des Einzelmenschen, zu der — ■ wie wir sehen — auch die 
Neurosen so gerne regredieren. 

Dieser gedankenreiche Aufsatz Abrahams trug den 1919 
zum erstenmal zur Verteilung gelangten psych oanalytisch-liter ari- 
schen Preis davon. 



8* 



1 16 Dr. S. Ferenczi. 

A brahams Arbeit über ,.n c u r o t i s c h e Exogamic" (2) 
beschäftigt sich mit der Tatsache, daß manche Neurotiker, einer 
inneren Nötigung folgend, ihn? Neigung lediglich solchen Personen 
zuwenden, welche einum anderen Stamme angehören. Die innere 
Nötigung hat bei diesen Individuen den gleichen Effekt, wie der 
äußere, gesetzliche Zwang bei den primitiven Völkern. Die ge- 
meinsame "Wurzel der neurosenpsychologischen wie der ethnologi- 
schen Tatsache ist die Inzestscheu. 

* 

V. Tausk, ein allzufrüh dahingegangener Schüler Freuds, 
förderte, unsere Einsicht in die Ökonomie des psychischen Geschehens 
(77). Die "Überwindung des "Widerstandes in der psychoanalytischen 
Kur ist einer relativen Entwertung dieses Motivs zuzuschreiben. 
Der Gewinn an psychischer Leistungsfähigkeit, der sich aus der 
Verfügung über eine nicht entbehrliehe (und doch verdrängte) Vor- 
stellung ergibt, ist die Lustprämie für die "Überwindung des "Wider- 
standes. Die Unlust, deren Verhütung der "Widerstand siehern 
wollte, wird ein Mittel zum Lusterwerb. Die Verteilung der Be- 
wußtseinsfähigkeit an die Vorstellungen geschieht nach jener Lust- 
oder Unlustqualität, die ihnen infolge der individuellen psychischen 
Entwicklung zukommt. Unmittelbar vor der Reproduktion einer 
erogenen Vorstellung pflegt nach Tausk eine Reihe lustvoller Ge- 
danken aufzutauchen, mit denen sich das Subjekt gleichsam Re- 
kompense leistet für die das Selbstbewußtsein herabsetzende Tat- 
sache. Diese Rekompense entwerten das Verdrängungsraotiv. 

* 

Nach Paul Eedern (13) besteht die vollkommene Analyse darin, 
die libidinösen Anpassungen auf ihre ersten libidinösen Quellen zu- 
rückzuführen, die ursprünglichen infantilen, ungeeigneten Hem- 
mungen und Fixierungen bewußt zu machen und durch normale 
Beherrschung zu ersetzen. Dies geschieht vorwiegend im Wege der 
Übertragung (nach dem Lustprinzip), bei deren schrittweiser 
Auflösung das Individuum an der Überwindung der Widerstände 
verspätet das Realität sprizip anzuwenden lernen muß. 

* 

Kaplan (41) versuchte in seinen „Grundzügen der Psycho- 
analyse" die Preudschen Lehren zusammenhängend darzustellen, 



Allgemeine Neurosenlehre. H7 

wählt aber hiezu — statt der pragmatischen — die umständlichere 
kasuistische Methode. Ein späteres Werk (42) desselben Autors ent- 
hält eine Sammlung wichtiger Kapitel der allgemeinen Psychologie 
im Lichte der Psychoanalyse. „Die Verdrängung und die psychische 
Polarität" bringt den Ambivalenzbegriff mit der von Pikier pro- 
pagierten Idee in Verbindung, nach der keine Vorstellung ohne 
das gleichzeitige Dasein ihres Gegensatzes denkbar ist und nur 
mit Hilfe der Abstraktion vom Gegensätzlichen repräsentierbar wird. 

* 

Luise von Karpinska (45) versuchte in einer lesenswerten 
Arbeit „die Grundlinie der psychologischen Konzeptionen Freuds 
hervorzuheben, um eine erste allgemeine Orientierung in denselben 
zu ermöglichen". Gute Einführung besonders für Fachpsychologen. 

* 

Eine vergleichende Studie zwischen Freuds Libido theorie und 
der Eroslehre Pia tos führte Xachmansohn (58) zur Konsta- 
tierung der "Wesensgleichheit beider. „Plato sieht ebenso wie 
Freud im Arterlialtungstrieb und den damit verbundenen psychi- 
schen Funktionen das Wesen der Liebe. Auch der griechische Denker 
dehnt den Eros auf das Kind aus und sieht in der elterlichen Liebe 
zu den Kindern und umgekehrt denselben Eros, der zwischen .zwei 
reifen Personen verschiedenen Geschlechtes waltet. Die Sublimierungs- 
theorie Freuds findet sich noch ausführlicher bei Plato . . . ., 
beide leiten die höchsten kulturellen Leistungen vom Arterhaltungs- 
trieb ab." „So sehen wir, daß die so angefeindete Libidolehre 
Freuds im grüßten griechischen Denker und Ethiker einen Vor- 
läufer gefunden." 

Ein erster und mutiger Versuch, die Freudsehe Lehre in 
der organischen Medizin anzuwenden, verdanken wir Groddeck 
(32). Es soll dem Verfasser gelungen sein, rein organische Krank- 
heiten — Entzündungen, Geschwulste usw. — als körperliche Iteak- 
tionen auf psychische Konflikte zu erkennen und psychoanalytisch 
zu teilen. So unerwartet, ja unwahrscheinlich solche Behauptungen 
klingen, sind sie doch nicht a priori abzuweisen ; unmöglich wird 
sie sicherlich niemand finden, der sieh von der gegenseitigen Beeiu- 
flußbarkeit *des Psychischen und Physiologischen in der Psycho- 



118 Dr. S. Ferenczi. 

analyse überzeugt hat. Natürlich bedarf eine solche Behauptung 
noch weiterer und viel stringenterer Beweise, als sie hier geliefert 
werden. 

In seiner bedeutsamen Arbeit über „Physisch und Psychisch 
in der Pathologie" will Bleuler (6) das Physische durch den 
Begriff des „Organischen", das Psychische durch den des „Funktio- 
nalen" ersetzen, und weist in einer ganzen Reihe normaler wie 
pathologischer Zustände das Zusammenwirken beider nach, ohne 
die Existenz rein psychogener und rein organischer Zustände in 
Abrede zu stellen. Mit Hilfe der Kenntnis der Freud sehen Lehre 
vom Unbewußten vermochte der Autor „psychische Schaltungen" 
auch in Prozessen nachzuweisen, die früher für rein organische 
galten. Man bekommt beim Lesen dieser Arbeit den Vorgeschmack 
einer glücklicheren Zeit, wo Psychiater und Pathologen mit ver- 
einten Kräften an Problemen arbeiten werden, die weder von der 
psychischen, noch von der organischen Seite her restlos zu lösen sind. 



Ürtvay weist in einer kurzen Mitteilung (61) auf die be- 
merkenswerte Ähnlichkeit zwischen den Vererbungsgesetzen 
nach Mendel, und den Freud sehen. Verdrängungsmecha- 
nismen hin. Die Unterdrückung eines erblichen Merkmals (fie- 
zessivität) ist der Verdrängung formal analog. Hier wie dort wird 
ein Merkmal in einen latenten Zustand versetzt, in dem es sich 
manchmal gar nicht, andere Male nur in kleinen charakteristischen 
Zügen äußert. Hier wie dort kann es statt „Dominenz" und „ßo- 
zessivität" zu Kompromißbildungen kommen; die latente Anlage 
kann die dominierende überwältigen (Analogie mit der Psychose). 
Es scheint, daß die Erbeinheiten in ganz demselben Verhältnis zu- 
einander stehen wie die affektbetonten Komplexe. Die Ähnlichkeit 
des Verhaltens weist auf einen tieferen Zusammenhang hin. Ort- 
va.y glaubt überall, wo ein tieferer psychischer Konflikt und Ver- 
drängung zu finden sei, als tiefste Schicht neben dem eventuell 
rezenion Anlaß und infantilen Eindruck einen Konflikt ver- 
schiedener Erbeinheiten vermuten zu können. Er fordert 
die Mitarbeit der Psychoanalytiker an den Vererbungsproblemen. 



Allgemeine Nenrosenlahre. 119 

Unter den Erbeinheiten (Genen) müssen auch die psychischen Cha- 
rakterzüge berücksichtigt werden. 

* 

In 0. Groß 1 Aufsätzen über den „ inneren Konflikt'' (33) wird 
versucht, die der Freudschen Neurosenlehre zu Grunde liegende 
Sexualtheorie dadurch zu verharmlosen, daß die infantile Sexualität 
auf ein „Kontaktbedürfnis" des Kindes reduziert wird. Auf die 
Versagung dieses Kontaktes, die „Vereinsamung" führt Groß fast 
alle Perversionen, Neurosen und Charakteranomalien zurück. Mehr 
eine Reihe aphoristischer Aufstellungen als überzeugende Folgerungen. 

Eitingon (7) weist im einzelnen nach, daß bei Jung an 
Stelle der Psychologie eine biologisch-ethische Kulturphilosophie ge- 
treten sei. 

Auch Dr. "Weißfeld (78) wendet sich gegen Jung, der bio- 
logische mit psychologischen Gesichtspunkten vermenge, während 
Freud für möglichst- strenge Scheidung beider eintritt. "Weiß- 
feld beschäftigt sich in seiner Arbeit mit dem Grenzgebiet zwi- 
schen Affektivität und vegetativen Erscheinungen. Jungs An- 
sichten heben eigentlich die unumstößliche Tatsache der Affekt- 
verwandlungen auf, anstatt sie zu erklären; seine „Libido ;t oder 
„"Wille" vermag den Transformationen nicht gerecht zu werden. 
Verfasser setzt die Prinzipien einer Affektverwandlungstheorie an 
ihre Stelle, 

Adolf F. Meijer (54) schenkte uns die trefflichste der bisher 
erschienenen Kritiken über die Irrtümer dar Jung sehen Schule, 
die um so bemerkenswerter ist, als derselbe Autor vor Erscheinen 
der letzten Jungschen Publikation noch keinen wesentlichen Un- 
terschied zwischen den Meinungen Freuds und Jungs sah. Jetzt 
sagt er von Jung, daß ihm die Einsieht in den Begriff der Ver- 
drängung fehle und er vom Unl>ewußten nur verschwommene Vor- 
stellungen habe; es fehle ihm auch der Sinn für die dynamischen und 
ökonomischen Verhältnisse. 



120 Dr. S. Ferenczi. 

P f i s t e r (63) wendet sich in einer mit Beispielen belegten 
Abhandlung' gegen die Jung sehe und Ad 1 ersehe „Dehisiorisie- 
rung" der Psychoanalyse, die die sexuellen Phantasien und ihre 
pathologischen Rückwirkungen als rein symbolischen Ausdruck 
asexueller Strebungen, als bloßes „Als ob" ru deuten oder, besser 
gesagt, zu überdeuten versucht. Pfisters Krankengeschichten (wie 
wohl jedes Analytikers) zeigen uns, daß die Patienten nicht mit 
dem Begriffe „Autorität", sondern mit einem wirklichen Vater in 
Konflikt geraten und nicht an einem „Widerstand gegen die inner- 
lich gebotene Anpassungsleistung", sondern an Störungen der Libido- 
entwicklung erkranken. 

In einer anderen kritischen Arbeit tritt Pf ist er (64) der 
ungeheuerlichen Behauptung eines J u n g - Schülers entgegen, daß 
antisoziale Explosionen von der Art der Brandstiftung als „archaische 
Sublimierungsversuche' 1 gedeutet werden können. Die logische Un- 
möglichkeit und psychologische Haltlosigkeit dieser Annahme wird 
hier trefflich demonstriert. 

Bleuler (4) gab uns eine „Kritik der Freud sehen Theorien". 
Eine komplementäre (negative) Kritik der Psychoanalyse, angeb- 
lich die notwendige Ergänzung einer früheren, positiven Stellung- 
nahme. 

* 

Emest Jones, London (38): „Prof. Jan et über die Psycho- 
analyse." Prof. J an et (Paris) gab vor dem internationalen Kongreß 
in London in einem Vortrag eine Kritik der Psychoanalyse und Jones 
weist die zum Teil auf Unkenntnis, zum Teil auf "Widerstand und 
Tendenz beruhenden Irrtümer und Entstellungen in dieser Kritik 
nach. Insbesondere wird auf die Fortschritte, die die Psychoanalyse 
gegenüber den an sich sehr wertvollen Untersuchungen Janets 
bedeutet, hingewiesen, die aber Letzterer herabzusetzen oder nur 
als Umdeutungen seiner Ansichten hinzustellen bemüht war, wobei 
er sich dazu hinreißen ließ, einen groben Mangel an Objektivität 
zu verraten. 

Zum Schlüsse einige Autoreferate: 

Ausgehend von der Krankheitsgeschichte eines Mannes, der 
nach operativer Kastration paranoid dement wurde, beschäftigte 



Allgemeine Nenrosenlehre. ]21 

sieh Referent mit der Frage, ob eine narzißtisch« Neurose trau- 
matogen sein könne, und beantwortet sie positiv. Körperliche 
Erkrankung oder Verletzung kann eine traumatische Regression 
zum Narzißmus resp. eine narzißtische Neurose verursachen; dies 
sind die „Pathoneurosen" (14). Infolge der von der Krankheit 
gesetzten Reize kann eine Körperstelle Genitalqualitäten annehmen,, 
genitalisiert werden. Hiefür sprechen Beobachtungen bei den ver- 
schiedensten Organerkrankungen, wo nicht nur Einziehung allen. 
Interesses und aller Libido, sondern eine lustvolle Reizbarkeit des. 
erkrankten Organs zu stände kommt. Am empfindlichsten in dieser 
Beziehung sind die erogenen Zonen, doch keine Körperstelle ist 
ganz frei von Erogeneität, überall lh>gt also die Möglichkeit patho- 
neurotischer Erkrankung vor. Von den erogenen Zonen werden die 
Haut, der Mund, der Anus und das Genitale in dieser Hinsicht ein- 
zeln in Betracht gezogen, besonders letzteres. Die Puerperalpsy- 
ehosen z. B. werden auf pathoneurotische Störungen infolge des- 
Genitaltraumaa beim Gebärakt zurückgeführt; vom Genitale wird 
die Libido, infolge der pathologischen Steigerung zum Teil a,ufa 
Kind übertragen (wie auch vom Dann auf seine Kontenturen). Die 
Neigung der Dementen zur Selbstkastration ist ein brutaler Selbst- 
heilungsversueh von der lokalen Libidoanhäufung. "Wahrscheinlich 
kommt diese Libidosteigerung beim organischen Heilungsvorgang 
eine nützliehe Rolle zu. Das Problem des Masochismus ist ohne 
Zuhilfenahme de? pathonetirotischen „Schmerzlust'' nicht zu lösen. 
Von hier aus winkt uns auch das Verständnis für die weiblichen 
(passiven) Sextial ziele und die weibliche Genitalität. Die ursprüng- 
lich nur schmerzliche Körperverletzung bei der Defloration wird 
infolge der pathoneurotischen Libidosteigerung sekundär, lustvoll f 
diese Verletzung überträgt die Erogeneität von der Klitoris auf 
die Vagina, aufs Instrument, das die Wunde gesetzt hat, und auf 
den Träger dieser "Waffe. 

Mit dem Namen Materialisationsphänomene (14) be- 
zeichnet Ref. psycho analytische Zustände, bei denen ein Wunsch wie 
magisch aus den im Körper verfügbaren Materien plastisch dargestellt 
wird; sie ist das Grundphänomen der Konversionshysterie und be- 
deutet die Regression zur „Protopsyehe", der Reflexstufe der psy- 



122 Dr - s - Ferenczi. 

chischen Phänomene. Die die Materialisation erregende Kraft stammt 
bei der Hysterie aus der Genitalsexualität. Die normale Scheidung 
der Funktionen des Eealitätsorgans von denen des erotischen Zentral- 
organs (Genitale), wird bei der Hysterie aufgehoben, und infolge 
dieser Vermengung sind die Hysterischen zu „Mehrleistungen" be- 
fähigt, zum Sprung aus dem Psychischen ins Physische. Es kommt 
dabei auch ein Stück der organischen Grundlage, auf die die Sym- 
bolik im Psychischen aufgebaut ist, zum Vorschein. Das hyste- 
rische Symptom ist „hetcrotope Gcnitalfunktion". Die Materiali- 
sationsphänomene werfen auch ein Licht auf das physiologische 
Korrelat der künstlerischen Begabung. 

* 

Bei einem ersten Versuche der „aktiven Technik' - (16) in der 
Psychoanalyse vermochte Beferent nachzuweisen, daß es gleichsam 
experimentell gelingen kann, zum freien Flottieren gebrachte Affekte 
zur "Wiedervereinigung mit den ihnen historisch entsprechenden 
Repräsentanzen zu bringen. Das Absperren unbewußter Abfluß- 
wege der Erregung z. B. erzielt oft mittels „Druekerhöhung" der 
Energie die Überwindung des Zensurwiderstandes. Diese Art Ex- 
perimentalpsychologie ist wie nichts geeignet, uns von der Stich- 
haltigkeit der Freudsehen Neurosenlehre zu überzeugen. 

Aus einem Aufsatz über „hysterische Hypochondrie" mag ein 
Satz zitiert werden: „Es hat den Anschein, als ob dieselbe Organ- 
libidostauung je nach der Sexualkonstitution des Kranken einen rein 
hypochondrischen oder aber einen konversionshysterischen ,Überbau' 

bekommen könnte," 

* 

Auf Grund der Analyse eines „passageren" Konversionssymptoms 
(15) kam Referent zur Vermutung, daß die Erklärung jedes psycho- 
genen Körpersymptoms und jeder Konversionserscheinung die An- 
nahme eines tertium comporationis zwischen dem in Frage stehen- 
den seelischen und körperlichen Vorgang erfordere, als welches die 
Identität des feineren Mechanismus angesehen werden 
■müsse. 



Allgemeine Nenrosenlehre, 123 

In einer Abhandlung über die wissenschaftliche Bedeutung der 
Freudschen 'Sexualtheorien (17) kommt Referent zur Schlußfol- 
gerung, daß Freud die Anleihe, die er bei den biologischen "Wissen- 
schaften machte, mit reichlichen Zinsen zurückzahle, indem er auf 
diese befruchtend rückwirke und das erste Beispiel dafür statuiere, 
daß biologische Probleme von der psychologischen Analyse her zu- 
gänglich sein können. 



Psychoanalytische Therapie. 

Referent: J. H. W. van Ophuijsen. 



Literatur: 1, Abraham: Ober eine besonders Form, des neurotischen 
Widerstandes gegen die psychoanalytische Methodik. Z. V. S. 173. — 2. 
Ders. : Zur Prognose psychoanalytischer Behandlungen in vorgeschrittenem Le- 
bensalter. Z. VI. S. 114. — *3. Bieling : Über Psychotherapie. Zeitschr. f. Balneo- 
logie. 6. — *4. Elsenhaus : Zur Psychologie der Einwirkung auf andere Mensohen. 
Deutsche Psychologie. 1918. H. 1. — 6. Forenczi: Schwindelempfindung nach 
Schluß der Analysenstunde. Z. It. S. 272. — '6. Ders.: Einschlafen des Pa- 
tienten während der Analyse. Z. II. S. 271. — 7. Ders.: Diskontinuierliche 
AnalyBen. Z. II. S. ölt. — 8. Ders.: Technische Schwierigkeiten einer Hysterie- 
analyse. Z. V. S. 3f. — 9. Ders.: Zur Frage der Beeinflussung des Patienten 
in der Psychoanalyse. Z. V. S. 140. — 10. Dors.: Zur psychoanalytischen 
Technik. Z. V. S. 181. — 11. Freud : Über fausse reconnaissanca („dyja raconte") 
während der psychoanalytischen Arbeit. Z. II. S. 1. 12. Ders. : Weitere Rat- 
schläge zur Technik der Psychoanalyse (2). Z. II. S. 185. — 13. Ders.: Weitere 
Batschläge zur Technik der Psychoanalyse (3). Z. III. S. 1. — 14. Dera.; 
Wege der psychoanalytischen Therapie. Z. V. S. 01. — 15. Dera.: „Ein Kind 
wird geschlagen." Z. V. S. 151. — IC. Dors.: Vorlesungen zur Einführung in 
die Psychoanalyse. Leipzig 1917. — 17. Gfltt: Psychotherapie in der Kinder- 
heilkunde. Münch. Med. Wschr. 1914. Nr. 25. — *18. v. Härtungen: Die Be- 
deutung der Psychoanalyse für die modernen Sanatorion. Klin.-Ther. Wsclir. 
Bd. 19. S. 651. — 19. Horney: Die Technik der psychoanalytischen Therapie. 
Ztschr. f. Sexualwissensch. IV. S. 185. — *20. Juliusburger: Seelische Kranken- 
pflege. Das neue Deutschland 1918, — 21. Jung: Die Psychologiß der unbe- 
wußten Prozesse. Schweizer Sehr, f. allgemeines Wissen. H. 1. 22. Kaplan: 
Gmndzügö der Psychoanalyse. Leipzig 1914. — *23. Lang: Zur Bestimmung des 
psychoanalytischen Widerstandes. Psychologische Abhandlungen, herausg. von 
Jung. Bd, 1. S. 1. — *24. Loy: Psyohotherapeu tische Zoitfragen. Leipzig 1911. 
— 25. Haeder: Heilung und Entwicklung im Seelenleben. Schweizer Schriften 
f. allgemeines Wissen. H. 7. Zürich 1918. — 26. Mareinowski: Glossen zur 
Psychoanalyse. Ztschr. f. Psychother. 1914. S. 162. — *27. Ders.: Ärztliche 
ErziehungHkunst und Charakterbildung, München 1916. — *28. Ders.: Neue 
Bahnen zur Heilung nervöser Zustände. Berlin 191G. — *29. Pflster: Wahrheit 
und Schönheit in der Psychanalyse. Schweizer Sehr. f. allgem. Wissen. Zürich 
1918. — 30. Heile; Einige Bemerkungen zur Lehre vom Widerstände. Z. HI. 
S. 12. — *31. Schmid: Die neuesten Enfcwicklungsstadien der Psychoanalyse 
und ihre therapeutische Bedeutung. Deutsche Med. Wschr. 1914. S. 518. — 
32. Schultz: Die seelische Krankenhebandlung (Psychotherapie). Jena 1919. — 



Psychoanalytische Therapie. 125 

*3S. Schnitz: Zur Psychologie der psychoanalytischen Tra^io. Ztschr. f. Psycho- 
therapie n. med, Psychologie, 1919. H. 5. — 31. Simmel: Krieganeurosen und 
psychisches Trauma, Leipzig 1911?. — ■ *35. v. Stnuff enbcrg : Der heutige Stand 
der Psychotherapie. Münoh. Med, Wsohr. 61. II. 23/24, — 31». Stekel: Die ver- 
schiedenen Formen dea Widerstandes in der psychoanalytischen Kur. Zbl. I~V". 
S. G10. — *37. Dcrs. : Die Ausgänge der psychoanalytischen Kuren. Osterr. 
Arzfreztg. 1914. H. 10/11. — *38. Dera.: Der Wille, zum Schlaf. Wiesbaden 1915. 
— *39. Stern: Die psychoaualy tische Behandlung der Hysterie im. Lazarett. 
Psychiatr. Neurol. Wsohr. 1916. Nr. 1/2. — *10. Vernguth: Der gegenwärtige 
Stand der Psychotherapie. — 41. VoILrath: Polikliniken für Psychotherapie an 
den Irrenanstalten. Psychiatr. Neurol. Wsohr. 1919. Nr. 25/26. 

Bemerkung: Die mit einem * versehenen Arbeiten werden nur im 
Literaturverzeichnis erwähnt (zum Teil waren ste Rftf. nicht zugänglich). 



Die Behauptung' Jungs und seiner Anhänger, sie seien zu 
ihren neuen Auffassungen durch die Anwendung derselben Methode 
gelaugt, welche von Freud gelehrt wird, hat viele dazu verführt, 
von einer Jungschen Schule der Psychoanalyse zu reden. Daß 
dio theoretischen Anschauungen Jungs nicht übereinstimmen mit 
denen, welche Freud als charakteristisch für die Psychoanalyse 
erklärt hat, wurde wiederholt, zuletzt von Meijer in seinem Auf- 
satz über Dr. C. G. Jungs Psychologie der unbewußten Prozesse 
(Z. V, S. 302), nachgewiesen. Diese letzte Arbeit Jungs (21) 
bringt nun auch die Bestätigung der Vermutung, welche im vorigen 
Jahrbuch von Jones ausgesprochen wurde, daß die Ausführung 
der strengen Hegeln der psychoanalytischen Technik bei der Be- 
handlung durch die Jungsche Schule ebenso mit halbem Herzen 
vorgenommen worden ist, wie es sich für ihre Annahme der psycho- 
analytischen Theorie jetzt herausgestellt hat, und daß in der Zu- 
kunft die Verleugnung der einen mit der Abkehr von der anderen 
gleichen Schritt halten wird. Dies gibt der Autor zu und erläutert 
an dem Beispiel einer Traumdeutung, daß er eine andere Unter- 
suchungsmethode anwendet. Leider hat dasjenige, was er für eine 
„Deutung" erklärt, kaum eine Ähnlichkeit damit, so daß der große 
Unterschied, welcher zwischen der Freudsehen Technik und der 
seinigen besteht, noch lange nicht genügend hervortritt. Da auch 
Mae der (25) sich inzwischen zu einer neuen „Psyehogogis" be- 
kannt hat, scheint es angezeigt, sich gegen den Gebrauch des Aus- 
druckes: Jungsche Schule der Psychoanalyse, energisch zu wehren. 

Für Freud und seine Schüler hat es — mit einer Ausnahme 
— keine Veranlassung gegeben, der sogenannten psychoanalytischen 



126 J- H. W. Tan Ophnüsen, 

Grundregel — und der daraus resultierenden Technik — untreu 
zu werden, da sich, diese nach wie vor als die einzig fruchtbare 
Methode erwiesen hat, in die Tiefen des Unbewußten einzudringen. 
Horney (19) hat ihr ein sehr übersichtliches Referat gewidmet, 
in welchem sie auch die üblichen Erscheinungsformen des Wider- 
standes und der Übertragung einer Betrachtung unterzieht. Daß 
die Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse Freuds (lö) 
die große Bedeutung dieser Grundregel immer wieder betonen uud 
sie in verschiedenen Zusammenhängen hervorheben, ist begreiflich. 
Man findet sie in den Vorlesungen über die Auflösung von Symptom- 
handlungen usw., über den Traum und die Traumdeutung, und zu- 
letzt über die {psychoanalytische Therapie wieder. Die Kritik hat 
sich hie und da über diese Wiederholung aufgehalten. Wer sich 
aber praktisch mit der Psychoanalyse befaßt, wird aus eigener Er- 
fahrung wissen, daß die größte Schwierigkeit dieser Arbeit gerade 
in dem konsequenten Festhalten an der Grundregel liegt, und nichts 
ist wertvoller, als daran erinnert zu werden, besonders in den Mo- 
menten, in welchen der therapeutische Ehrgeiz dazu verlocken 
könnte, zu heilen ohne verstanden zu haben 1 

Eine strenge, auch äußere theoretische Kenntnisse fördernde 
Analyse wird aber (15) nicht früher als korrekt beendet be- 
zeichnet werden können, ehe nicht die Amnesie behoben ist, welche 
dem Erwachsenen die Kenntnis seines frühen Kindeslebens, vom 
zweiten bis zum fünften Jahre etwa, verhüllt. 

Kaplans Arbeit (22) ist nicht in dem Maße, in welchem 
man es ihrem Titel nach erwartet hättej geeignet, dem Lernenden 
die Überzeugung beizubringen, daß nur von einer konsequenten An- 
wendung des Prinzips der freien Assoziation gute Erfolge sowolü 
in therapeutischer wie in wissenschaftlicher Hinsieht zu erwarten 
sind. Auch die Art, in' welcher der Autor dasjenige darstellt, worauf 
seiner Meinung nach die therapeutische Wirkung der Psychoanalyse 
beruhe, ist nicht recht befriedigend. Die Nebeneinanderstellung der 
in Betracht kommenden Faktoren: das Abreagieren, die Auflösung 
der falschen Verknüpfung, die psychoanalytische Absolution, die 
Erleichterung der Sublimierung, die Übertragung, erschwert es, deren 
relative Bedeutung richtig einzuschätzen und bereitet den Studie- 






Psychoanalytische Therapie. 127 

renden nickt auf deren Erscheinungsformen in der psychoanalytischen 
Praxis vor. 

Das Kapitel, welches Schultz (39) in seinem Buche übnr 
die Psychotherapie der Psychoanalyse widmet, weist so viele TJn- 
gen&uigkeiten auf : daß es als vollständig ungenügend zurückgewiesen 
werden muß. 

Eine Wohltat sind dem Analytiker in bczug auf die Schwierig- 
keiten der Praxis die Formulierungen Freuds, durch, welche er im 
Laufe seiner Auseinandersetzungen wiederholt daran erinnert,, welches 
Ziel man sich bei der Behandlung zu setzen habe und wie man sich 
vorstellen soll, es zu erreichen. Es verdienen deshalb die Katschläge 
zur Technik der Psychoanalyse in den Mittelpunkt dieser Betrach- 
tungen gestellt zu werden. So heißt es z. B. (12): „Zuerst, in der 
Phase der Breuersehen Katharsis, gab es die direkte Einstellung 
des Moments der Symptombildung und das konsequent festgehaltene 
Bemühen, die psychischen Vorgänge jener Situation reproduzieren zu 
lassen, um sie zu einem Ablauf durch bewußte Tätigkeit zu leiten. 
Erinnern und Abreagieren waren damals die mit Hilfe des hypno- 
tischen Zustandes zu erreichenden Ziele. Sodann, nach dem Ver- 
zicht auf die Hypnose, drängte sich die Aufgabe vor, aus den 
freien Einfällen des Analysierten zu erraten, was er zu erinnern 
versagte. Durch die Deutungsarbeit und die Mitteilung ihrer Er- 
gebnisse an den Kranken sollte der Widerstand umgangen werden; 
die Einstellung auf die Situationen der Symptombildung und jene 
anderen, die sich hinter dem Moment der Erkrankung ergaben, blieb 
erhalten, das Abreagieren trat zurück und schien durch den Arbeits- 
aufwand ersetzt, den der Analysierte bei d«r ihm aufgedrängten 
Überwindung der Kritik gegen seine Einfälle (bei der Befolgung 
der psychoanalytischen Grundregel) zu leisten hatte. Endlich 
hat sich die konsequente heutige Technik herausge- 
bildet, bei welcher der Arzt aufdie Einstellung eines 
bestimmten Moments oder Problems verzichtet, sich 
damit begnügt, die jeweilige psychische Oberfläche 
des Analysierten zu studieren und die Deutungs- 
kunst wesentlich dazu benützt, um die an dieser her- 
vortretenden Widerstände zu erkennen und dem 
Kranken bewußt zu machen. Es stellt sich dann eine neue 



128 J> H- W- ™ Ophnijsaa. 

Art von Arbeitsteilung her: der Arzt deckt die dem Kranken un- 
bekannten Widerstände auf; sind diese erst bewältigt, so erzählt 
der Kranke oft ohne alle Mühe die vergessenen Situationen und Zu- 
sammenhänge. Das Ziel dieser Techniken ist natürlich unverändert 
geblieben. Deskriptiv: die Ausfüllung der Lücken der Erinnerung, 
dynamisch: die Überwindung der Verdrängungswiderstände." Und 
in Anschluß daran: ,,Der Analysierte erinnert überhaupt nichts von 
dem Vergessenen und Verdrängten, sondern er agiert es. Er repro- 
duziert es nicht als Erinnerung, sondern als Tat, er wiederholt 
es, ohne zu wissen natürlich, daß er es wiederholt." Es hätte nicht 
klarer gesagt werden können, was wir unter den Erscheinungen 
der Übertragung zu verstehen haben und wie wir ihnen gegenüber- 
stehen sollten. Auch die nachfolgende Ausführung verdient, in 
diesem Zusammenhang wörtlich wiedergegeben zu werden: „Wir 
haben nun gehört, der Analysierte wiederholt, anstatt, zu erinnern, 
er wiederholt unter den Bedingungen des "Widerstandes, wir dürfen 
nun fragen, was wiederholt oder agiert er eigentlich? Die Antwort 
lautet, er wiederholt alles, was sich aus den Quellen seines Ver- 
drängten bereits in seinem offenkundigen Wesen durchgesetzt hat, 
seine Hemmungen und unbrauchbaren Einstellungen, seine patho- 
logischen Gharakterzüge. Er wiederholt ja auch während der Be- 
handlung alle seine Symptome. Und nun können wir merken, daß 
wir mit der Hervorhebung des Zwanges zur Wiederholung keine 
neue Tatsache, sondern nur eine einheitlichere Auffassung gewonnen 
haben. Wir machen uns nur klar, daß dieses Kranksein des Ana- 
lysierten nicht mit dem Beginn seiner Analyse aufhören kann, daß 
wir seine. Krankheit nicht als eine historische Angelegenheit, son- 
dern als eine aktuelle Macht zu behandeln haben. Stück für Stück 
dieses Krankseins wird nun in den Horizont und in den Wirkungs- 
bereich der Kur gerückt, und während der Kranke es als etwas 
Beales und Aktuelles erlebt, haben wir daran die therapeutische 
Arbeit zu leisten, die zum guten Teil in der Zurückführung auf 
die Vergangenheit besteht. Das Erinnernlassen in der Hypnose 
mußte den Eindruck eines Experiments im Laboratorium machen. 
Das Wiederholenlassen während der analytischen Behandlung nach 
der neueren Teelmik heißt ein Stück realen Lebens heraufbe- 
schwören. ..." 



Psychoanalytische Therapie. 129 

Bevor wir uns, geführt von diesen Retrachtungen, weiter mit 
den Publikationen üher die besonderen Schwierigkeiten der regel- 
rechten Handhabung der psychoanalytischen Technik befassen, 
scheint es angezeigt, auf den Aufsatz Ferenczis (8) einzugehen, 
welcher vorhin als Ausnahme in bezug auf das Festhalten an der 
psychoanalytischen Grundregel angedeutet wurde. Verfasser be- 
schreibt darin den Fall einer hysterischen Patientin, welche in der 
Kur, die mit mehreren Unterbrechungen stattfand, immer nur bis 
zu einem gewissen Punkt vorwärts kam und dann nicht weiter 
rückte. „Im Laufe ihrer unermüdlich wiederholten Liebesphantasien, 
die sich immer mit dem Arzte beschäftigen, machte sie öfters, wie 
beiläufig, die Bemerkung, daß sie dabei ,unten fühlt', das heißt 
erotische Genitalempfindungen hat. Doch erst nach so langer Zeit 
überzeugte mich ein zufälliger Bliek auf die Art, in der sie auf 
dem Sofa liegt, daß sie die ganze Stunde über die Beine gekreuzt 
hält. Dies führte uns — nicht zum erstenmal — zum Thema der 
Onanie, die ja von Mädchen und Frauen mit Vorliebe in der Weise 
ausgeführt wird, daß sie die Beine aneinanderpressen. Sie negierte, 
wie auch schon früher, aufs entschiedenste, jemals derartige Prak- 
tiken getrieben zu haben." „Ich muß gestehen .... daß es noch 
längere Zeit dauerte, bis ich auf den Einfall kam, der Patientin 
diese Körperhaltung zu verbieten. Ich erklärte ihr, daß es. sich da- 
bei um eine larvierte Art der Onanie handelt, die die unbewußten 
Regungen unbemerkt abführt und nur unbrauchbare Brocken ine 
Ma-terial der Einfälle gelangen läßt. Den Effekt dieser Maßnahme 
kann ich nicht anders als foudroyant bezeichnen. Die Patientin, 
der die gewohnte Abfuhr zur Genitalität verwehrt blieb, war in 
den Stunden von einer fast unerträglichen körperlichen und psy- 
chischen Rastlosigkeit geplagt; sie konnte nicht mehr ruhig da- 
liegen, sondern mußte die Lage fortwährend wechseln. Ihre Phan- 
tasien glichen Fieberdelirien, in denen längst vergrabene Erinnerungs- 
brocken auftauchten, die sich allmählich um gewisse Ereignisse der 
Kindheit gruppierten und die wichtigsten traumatischen Anlässe der 
Erkrankung erraten ließen." Nachdem der Autor seiner Patientin 
außerdem die unbewußte Onanie außerhalb der Behandlungsstunde 
untersagt hatte und darauf hatte feststellen können, daß die ver- 
schiedensten Symptomhandlungen zu Onanieäquivalenten wurden, 

Ssjchoaualj'iB, Bericht l«U— 1D1». 9 



130 J. H. W. TM OphDJjsen. 

nachdem er auch einen nach dem Verbot sich einstellenden Harndrang 
nachzugehen verboten hatte und Patientin während einiger Zeit zur 
wirklichen Masturbation griff, um sich Erleichterung zu verschaffen, 
gelang es, ihr ein normales Sexualleben zu verschaffen, welches 
ihr bis daliin versagt geblieben war. Der befriedigende Erfolg, den 
der Autor mit seinem Verbot erreicht hat in einem Fall, in dem 
sonst nichts Bleibendes erreicht worden wäre, läßt ihn die folgende 
neue Regel aufstellen: Man muß während der Kur auch an die 
Möglichkeit der larvierten Onanie und der Onanieäquivalent« denken, 
und wo man deren Anzeichen bemerkt, sie abstellen. Nach weiteren 
Ausführungen über die larvierte Onanie und ihren Unterschied von 
der bewußt geübten Masturbation, sagt er ferner: „Das Vorbild 
dieser .aktiven Technik' verdanken wir Freud selbst. In der Ana- 
lyse von Angsthysterien griff er — wenn es zu ähnlicher Stagnation 
kam — zum Auskunftsmittel, die Patienten aufzufordern, gerade 
jene kritischen Situationen aufzusuchen, die bei ihnen Angst aus- 
zulösen geeignet sind, nicht etwa, um sie an die ängstlichen Dinge 
zu ,gewöhnen f , sondern um falsch verankerte Affekte aus ihren 
Verbindungen zu lösen. "Wir erwarten dabei, daß die zunächst un- 
gesättigten Valenzen dieser zum freien Flottieren gebrachten Affekte 
vor allem die ihnen adäquaten und historisch entsprechenden Vor- 
stellungen an sieh reißen werden. Auch hier also, wie in unserem 
Falle das Unterbinden angewöhnter, unbewußter Ablaufswege der 
Erregung, und das Erzwingen der vorbewußten Besetzung und be- 
wußten Übersetzung des Verdrängten." Es möge hier die vom Autor 
gemeinte Stelle aus einem Aufsatz Freuds (14) wiedergegeben 
werden: „Unsere Technik ist an der Behandlung der Hysterie er- 
wachsen und noch immer auf diese Affektion eingerichtet. Aber 
schon die Phobien nötigen uns, über unser bisheriges Verhalten 
hinauszugehen. Man wird kaum einer Phobie Herr, wenn man ab- 
wartet, bis sich der Kranke durch die Analyse bewegen läßt, sie 
aufzugeben. Er bringt dann niemals jenes Material in die Analyse, 
das zur überzeugenden Lösung der Phobie unentbehrlich ist. Man 
muß anders vorgehen. Nehmen wir das Beispiel eines Agoraphoben; 
es gibt zwei Klassen von solchen, eine leichtere und eine schwerere. 
Die ersteren haben jedesmal unter der Angst zu leiden, wenn sie 
allein auf die Straße gehen, aber sie haben darum das Alleingehen 



Psychoanalytische Therapie. 131 

noch nicht aufgegeben; die anderen schützen sich vor der Angst, 
indem sie auf das Allcingchen verzichten. Bei diesen letzteren hat 
man nur dann Erfolg, wenn man sie durch den Einfluß der Analyse 
bewegen kann, sich wieder wie Phobiker des ersten Grades zu be- 
nehmen, also auf die Straße zu gehen und während dieses Versuches 
mit der Angst zu kämpfen. Man bringt es also zunächst dahin, 
die Phobie soweit zu ermäßigen, und erst wenn dies durch die For- 
derung des Arztes erreicht ist, wird der Kranke jener Einfälle 
habhaft, welche die Lösung der Phobie ermöglichen." Daß sich 
Ferenczi mit Recht auf das Vorbild Freuds berufen kann, 
geht aus dem Angeführten klar hervor. Seine Mitteilung hätte 
vielleicht an "Wert gewonnen, wenn er ausdrücklich hervorgehoben 
hätte, daß die Widerstandssituation, welche ihn gezwungen hat, ein- 
zugreifen, auch als Wiederholungs- oder Übertragungserscheinung 
aufgefaßt worden, war — was von ihm natürlich nicht übersehen 
wurde - und wenn er seiner neuen Regel etwa die Einschränkung 
hinzugefügt hätte, daß man zum Abstellen der larvierten Onanie 
erst übergehe, wenn dieselbe sich als Quelle des vorhandenen Wider- 
standes zeigt. Daß es sich bei diesen Maßnahmen um eine prinzi- 
pielle — wenn auch nur zeitweise und unter ganz genau umschrie- 
benen Bedingungen angewandten — Änderung der psychoanalyti- 
schen Technik handelt, indem der Arzt die Übertragung des Pa- 
tienten ausnützt, anstatt sie sofort zu analysieren, muß aber, wie 
es dem Referenten scheint, ausdrücklich betont werden. 

Auch im Falle der Zwangsneurose schlägt Freud (14) eine 
aktive Therapie vor, indem er sagt: „Es seheint mir wenig zweifel- 
haft, daß die richtige Technik hier nur darin bestehen kann, ab- 
zuwarten, bis die Kur selbst zum Zwange geworden ist, und dann 
mit diesem Gegenzwang den Krankheitszwang gewaltsam zu unter- 
drücken." 

Fr>ud (14) hebt als wichtigen Grundsatz der Aktivität 
des analytisch behandelnden Arztes hervor, daß er fordern muß, 
daß die Kur, soweit es möglich ist, in der Entbehrung — -Abstinenz 
— durchgeführt wird. Gegen die voreiligen Ersatzbefriedigungen 
muß eingesehritten werden. Der Kranke soll, was sein Verhältnis 
zum Arzt betrifft, unerfüllte Wünsche reichlich übrig behalten. 



132 J. H. V. van Ophuijsen. 

In seinem schon genannten Aufsatz (12) geht Freud weiter 
auf die Gefahren ein, welche das „Wiederholen" mit sich bringen 
könnte. Für den Arzt bleibt das Erinnern, das Reproduzieren auf 
psychischem Gebiete das Ziel. Er richtet sich auf einen bestän- 
digen Kampf mit dem Patienten ein, um alle Impulse auf psy- 
chischem Gebiete zurückzuhalten; welche dieser ins Motorische len- 
ken möchte, und feiert es als einen Triumph der Kur, wenn es 
gelingt, etwas durch die Erinnerungsarbeit zu erledigen, was der 
Patient durch eine Aktion abführen mochte. . . . Vor der Schädigung 
durch die Ausführung seiner Impulse behütet man den Kranken 
am besten, wenn man ihn dazu verpflichtet, während der Dauer 
der Kur keine lebenswichtigen Entscheidungen zu treffen, etwa 
keinen Beruf, kein definitives Liebesobjekt zu wählen, sondern für 
alle diese Absichten den Zeitpunkt der Genesung abzuwarten. . . . 
Das Hauptmittel aber, den Wiederholungszwang des Patienten zu 
bändigen und ihm zu einem Motiv für's Erinnern umzusehaffen, 
liegt in der Handhabung der Übertragung. Wir machen ihn un- 
schädlich, ja vielmehr nutzbar, indem wir ihm sein Eecht einräu- 
men, ihn auf einem bestimmten Gebiete gewähren lassen. Wir er- 
öffnen ihm die Übertragung als den Tummelplatz, auf dem ihm 
gestattet wird, sich in fast völliger Freiheit zu entfalten, und auf- 
erlegt ist, uns alles vorzuführen, was sich an pathogenen Trieben 
im Seelenleben des Kranken verborgen hat. Wenn der Patient nur 
soviel Entgegenkommen zeigt, daß er die Existenzbedingungen der 
Behandlung respektiert, gelingt <:s uns regelmäßig, allen Symptomen 
der Krankheit eine neue Übertragungsbedingung zu geben, seine 
gemeine Neurose durch eine Übertragungsneurose zu ersetzen, von 
der er durch die therapeutische Arbeit geheilt werden kann. Die 
Übertragung schafft so ein Zwischenreich zwischen der Krankheit 
und dem Leben, durch welches sich der Übergang von der ersteren 
zum letzteren vollzieht. Der neue Zustand hat alle Charaktere der 
Krankheit übernommen, aber er stellt eine artifiziclle Krankheit 
dar, die überall unseren Eingriffen zugänglich ist. Er ist gleich- 
zeitig ein Stück des realen Erlebens, aber durch besonders günstige 
Bedingungen ermöglicht und von der Natur eines Provisoriums. Von 
den Wiederholungsaktionen, die sich in der Übertragung zeigen, 



Psychoanalytische Therapie. 133 

führen dann die bekannten Wege zur Erweckung der Erinnerungen, 
die sich nach Überwindung der AYiderstände wio mühelos* einstellen." 

Es scMen dem. Referenten notwendig, dies« so außerordentlich 
wichtigen Betrachtungen wortlich wiederzugeben, da sie, wie sou^t 
keine Formulierungen, geeignet sind, über den heutigen Stand der 
psychoanalytischen 'Wissenschaft aufzuklären und dem psychoana- 
lytischen Praktiker eine Führung zu sein. Zum Schlüsse mögen 
noch folgende Sätze einen Platz in diesem Abschnitt des Referates 
finden (12): „Die Überwindung der Widerstände wird bekanntlich 
dadurch eingeleitet, daß der Arzt den vom Analysierten niem-ils 
erkannten Widerstand aufdeckt und ihn dem Patienten mitteilt. 
Es scheint nun, daß Anfänger in der Analyse geneigt sind, diese 
Einleitung für die ganze Arbeit zu halten. . . . Man muß dem Kran- 
ken die Zeit lassen, sieh in dem ihm nun bekannten Widerstand 
zu vertiefen, ihn durchzuarbeiten, ihn zu überwinden, indem er ihm 
zum Trotze die Arbeit nach der psychoanalytischen Grundregel fort- 
setzt. Erst auf der Höhe desselben findet man dann in gemeinsamer 
Arbeit mit dem Analysierten die verdrängten Triebregungen auf, 
welche den Widerstand speisen, und von deren Existenz und Mäch- 
tigkeit sieh der Patient durch solches Erleben überzeugt. Der Arzt 
hat dabei nichts anderes zu tun als zuzuwarten, einen Ablauf zu- 
zulassen, der nicht vermieden, auch nicht immer beschleunigt wer- 
den kann. Hält er an dieser Einsieht fest, so wird er sich oftmals 
die Täuschung, gescheitert zu sein, ersparen, wo er doch die Be- 
handlung längs der richtigen Linie fortführt." 

Nachdem der erste Abselmitt dieses Referates sich hauptsäch- 
lich mit den allgemeinen Gesichtspunkten befaßt hat, welche sich 
aus der psychoanalytischen Praxis in bezug auf die Technik der 
Behandlung ergeben haben, mögen jetzt die Publikationen zur Be- 
sprechung gelangen, welche sich mit den verschiedenen Erscheinungs- 
formen des Übertragungsphänomens beschäftigen. In erster Linie 
kommen hier in Betracht Freuds Bemerkungen über die Über- 
tragungsliebe (13). Der Autor greift den Fall heraus, daß eine Pa- 
tientin sich in den Arzt verliebt und setzt ausführlich auseinander, 
wie dieser sich demgegenüber zu verhalten habe. Daß sein Ver- 
halten anders sein wird als es der Laie etwa von ihm erwarten 
würde, ist selbstverständlich, da er die Liebe der Patientin aus 



134 ■>• H. W. van Ophnijsen. 

mehreren Gründen als eine "Wiederholungserseheinung aufzufassen 
geneigt ist, welche ihr Auftreten den besonderen Bedingungen der 
Kur zu verdanken hat und welche, wenn sie auch die größte ■Über- 
einstimmung mit der echten Verliebtheit hat, daneben mehrere Eigen- 
tümlichkeiten aufzeigt, welche ihr eine eigene Bedeutung zukommen 
lassen. Die Patientin selbst überzeugt man mit diesen Gründen 
nicht, aber es ist möglich, sie durch den Nachweis, daß die Ver- 
liebtheit den Charakter eines "Widerstandes trägt, daß sie sich in so 
wenigen Punkten von anderen Verliebtheiten unterscheidet usw., da- 
zu zu bringen, daß sie sich die Analyse ihrer Licbesgefühle gefallen 
läßt. In keinem Falle, brächte es eine therapeutische Notwendigkeit 
mit sich, den Wünschen der Patientin nachzugeben, im Gegenteil 
würde ein solches Nachgeben den Erfolg der Behandlung vollständig 
ausschließen. Auf psychischem Gebiete läßt man jedoch die Pa- 
tientin gewähren und gewinnt dadurch die Gelegenheit, ihre "Wunsch- 
regungen auf infantile Vorbilder zurückzuführen. 

Abraham (1) beschreibt eine besondere Form des neurotischen 
Widerstandes gegen die psychoanalytische Technik, welche darin 
besteht, daß der Patient nicht zeitweise, wie es in jeder Behandlung 
passiert, sondern während der ganzen Behandlungsdauer ohne Unter- 
brechung die psychoanalytische Grundregel, das freie Assozieren ab- 
lehnt. „Die Patienten, von denen hier die Bede sein soll, erklären 
kaum jemals spontan, daß ihnen nichts einfalle. Sie sprechen viel- 
mehr in zusammenhängender, selten unterbrochener Bede, ja ein- 
zelne von ihnen sträuben sich dagegen, auch nur durch eine Be- 
merkung des Arztes in ihrem Bedefluß unterbrochen zu werden. 
Aber sie geben sieh nicht dem freien Assoziieren hin. Sie sprechen 
programmatisch, bringen ihr Material nicht zwanglos vor. .... Dem 
Arzt, dessen Blick für die Form des "Widerstandes dieser Patienten 
noch nicht geschärft ist, täuschen sie eine außerordentliche und nie 
ermüdende Bereitwilligkeit zur Psychoanalyse vor. Ihr "Widerstand 
verbirgt sieh hinter scheinbarer Gefügigkeit." Abraham hat 
feststellen können, daß bei allen diesen Patienten eine Identifikation 
mit dem Arzt, nach der Vorlage einer Identifikation mit dem Vater, 
und zwar auf dem Boden eines außerordentlich stark entwickelten 
Narzißmus das Motiv für diese Form des Widerstandes bildet. 
Die Patienten zeigen ein ungewöhnliches Maß von Trotz; sie miß- 



Psychoanalytische Therapie. 135 

Rönnen dem Arzt die Vaterrolle, unterwerfen sich, ungern oder gar 
nicht, wollen alles besser wissen. Der Arzt soll keinen Beitrag 
zur Behandlung geliefert haben, sie wollen vielmehr alles selbst 
und allein machen. Ein Zug von Neid ist in ihrem Benehmen nicht 
zu verkennen. In samt Honen zur Untersuchung und Behandlung 
gelangten Fällen konnten ausgeprägte sadistisch-anale Züge fest- 
gestellt werden. In scheinbarem "Widerspruch zur bekannten anal- 
erotischen Sparsamkeit steht der Umstand, daß die Patienten für 
ihre Behandlung, welche begreiflicherweise viel Zeit in Anspruch 
nimmt, bereitwillig materielle Opfer bringen. Dies ließe sich so 
erklären, daß die Patienten ihrem Narzißmus gerne Opfer bringen. 
Die Sparsamkeit- findet man auf psychischem Gebiete wieder in 
der Art, wie sie das unbewußte Material an sich halten, Abraham 
legi, das größte Gewicht auf eine erschöpfende Inalyse des Nar- 
zißmus der Patienten in allen seinen Äußerungen, besonders in 
seinen Beziehungen zum Yaterkontplex. Gelingt es, die narzißtische 
Verschlossenheit des Patienten zu überwinden und eine positive 
Übertrugung zu bewerkstelligen, so kommen eines Tages zu seiner 
Überraschung freie Assoziationen auch in Gegenwart des Arztes 
zu stände. 

Forenczi bespricht eine Anzahl von Arten, wie der Patient 
im Widerstand sich gegen die genaue Befolgung der psychoana- 
lytischen Grundregel wehrt (10). Es gibt Zwangsneurotiker, welche 
die Aufforderung des Arztes wie absichtlich mißverstehend, nur 
sinnloses Zeug assoziieren. Unter Umständen gehen sie noch weiter 
lind fragen den Arzt, was sie tun sollen, wenn ihnen sogar nicht 
mehr Wörter, sondern unartikulierte Laute, Tierlaute oder Melodien 
einfallen sollten. Es gelingt manchmal auch aus den sinnlosen 
Assoziationen herauszudest-illieren, was der Patient uns zu ver- 
bergen versucht, aber auf jeden Fall kann man daraus anf die 
böse Absicht schließen, welche den Patient zu seinem Benehmen 
vcrfülirt. Eine andere Äußerungsform des „Assoziationswiderstan- 
des" ist die bekannte Behauptung, daß dem Patienten gar nichts 
einfällt, Sehr oft geschieht es, daß die Kranken die psychoanalytische 
Grundregel nicht buchstäblich genug nehmen. In allen diesen Fällen 
stellt sich heraus, daß sie etwas verschweigen möchten. Nützen 
weitere Aufklärungen nicht, dann ist es manchmal angezeigt, das 



IQQ J, H. W. van Ophaijsen. 

Schweigen der Patienten, mit Schweigen zu beantworten. Es kann 
unter solchen Umständen ein Teil der Stunde vergehen, ohne daß 
etwas gesagt wird, aber das Schweigen des Arztes verträgt der Pa- 
tient schlecht, so daß er schließlich doch sein Benehmen ändert. 
Auch die Drohung mancher Kranken, während der Stunde einzu- 
schlafen, braucht uns nicht zu beunruhigen. Audi wenn es wirk- 
lich dazu kommen sollte, dauert der Schlaf meistens nur sehr kurze 
Zeit. Es wird der Arzt hie und da gefragt, was geschehen soll, 
wenn es dem Patienten einfiele, plötzlich zu einer Handlung über- 
zugehen: wegzulaufen, den Arzt zu mißhandeln, etwas zu zertrüm- 
mern. Die. Antwort auf diese Frage lautet selbstverständlich, daß 
er den Auftrag bekommen habe, alles zu sagfn, nicht zu tun, was 
ihin einfallen sollte. Seine Befürchtung- der Gedanke kann* ihm. zu 
mächtig werden, wäre auf die infantilen Verhältnisse zurückzu- 
führen. In vereinzelten Fällen kommt es tatsächlich zu Handlungen 
verschiedener Axt. Auch dann ist es die beste Technik, die Patienten 
gewähren zu lassen; bei geduldigem Abwarten seitens des Arztss 
vergeht der Tatendrang der Patienten meistens schnell. An der 
Forderung, daß man den Patienten die Mühe der Überwindung des 
Widerstandes gegen, das Aussprechen gewisser (obszöner) "Wörter 
nicht ersparen darf, muß unter allen Umständen festgehalten werden. 
Auch Reik (30) und St ekel (36) befassen sich mil dem Pro- 
blem des Widerstandes, hauptsächlich insofern dieser seinen Ursprung 
in Gefühlen negativen Charakters findet. Beide Autoren geben eine 
Anzahl von Beispielen aus der psychoanalytischen Praxis, die sehr 
geeignet sind, dem Lernenden einen Eindruck zu verschaffen von 
den Schwierigkeiten , welche die psychoanalytische Arbeit bieten 
kann. Der kurze und flüchtig andeutende Aufsatz Stckels bietet 
ihm demgegenüber gar keine Stütze. Reik hat versucht, die Wider- 
st andserscheinungen zu zerlegen und kommt dazu, anzunehmen, daß 
zur Konstituierung des Widerstandes insbesondere drei Komponenten 
zusammenwirken: narzißtische, feindselige (und mit ihnen eng ver- 
knüpfte homosexuelle) Strömungen und analerotische Tendenzen, Es 
würde zu weit führen, seine Ausführungen hier in extenso wieder- 
zugeben. Jedoch möge dem Referenten gestattet sein, daran zu er- 
innern, daß auch eine sogenannte positive Übertragung zu Wider- 
standserecheinungeu Anlaß geben kann, so daß abzuraten ist von 



Psychoanalytische Therapie. 137 

der Gewohnheit, Übertragung mit positiver Übertragung und Wider- 
stand mit Übertragung negativer Gefühle gleichzusetzen. 

Marcinowski (2ti) widmet dem Begriffe des „Krankheits- 
willens'* eine strhr interessante und ausfülirÜche Besprechung, worin 
er die Berechtigung, diesen Ausdruck zu gebrauchen, einer Unter- 
suchung unterwirft. Er räumt die Einwandt) gegen diesen Gebrauch 
aus dem Wege, indem er den Lmstcharakter des neurotischen Sym- 
ptoms feststellt und an einigen Beispielen klarlegt. Auch die Über- 
tragungserscheinungen sind besonders geeignet, den Analytiker von 
der "Wirksamkeit des "Willens zur Krankheit zu überzeugen. Der 
Autor gibt den "Weg an, wie man dem Patienten diesen Begriff 
beibringen soll, ohne unnötige "Widerstände wachzurufen. 

Das interessante Thema der Übertragung des Arztes auf seine 
Patienten, der sogen. „Gegenüber! ragung c: , wird von Freud (13), 
Fercnczi (10) und lleik (30) besprochen. Der Inhalt der Bemer- 
kungen Freuds ist enthalten in demjenigen, was aus seinem Auf- 
satz über die positive Übertragung mitgeteilt wurde. Die Vorbe- 
dingung zur Beherrschung der Gegenübertragung ist natürlich das 
Analysiertsein des Arztes selbst, aber auch der Analysierte ist 
von Eigenheiten des Charakters und aktuellen Stimmungsschwan- 
kungen nicht so unabhängig, daß die Beaufsichtigung der Gegen- 
übertragung überflüssig wäre. Erst allmählich erlernt man die 
Fähigkeit, weder zuviel noch zu wenig Interesse zu zeigen, weder 
die Interessen der Patienten sich zu eigen zu machen, noch sie ab- 
lehnend und schroff zu behandeln oder ungeduldig zu werden (Ge- 
genwiderstand Beiks). Diese Fähigkeit erlaubt dem Analytiker 
schließlich das Gewalt renlassen des eigenen Unbewußten, welches 
uns ermöglicht, die im manifesten Rede- und Gebärdenmaterial ver- 
steckten Äußerungen des Unbewußten des Patienten intuitiv zu 
erfassen. 

Diese letzte Formulierung der Aufgabe des Analytikers durch 
Ferenczi ist einer von Freud aufgestellten technischen Kegel 
entliehen, welche sich mit dem Behalten des in der Analyse mit- 
geteilten Materials beschäftigt. „Die Technik besteht einfach darin, 
sich nichts besonders merken zu wollen und allem, was man zu 
hören bekommt, die nämliche ,glciclischwebende Aufmerksamkeit' 
entgegenzubringen. . . . Die Vorschrift (ist) das notwendige Gegen- ' 



13g J. H. VV. van Ophuijsen. 

stück an den Analysierten; ohne Kritik und Auswahl alles zu 
erzählen, was ihm einfällt. . . . Die Kegel für den Arzt läßt sich 
so aussprechen: Man halte alle bewußten Einwirkungen von seiner 
Merkfähigkeit ferne und überlasse sich völlig seinem .unbewußten 
Gedächtnis', oder rein technisch ausgedrückt: Man höre zu und 
kümmere sieh nicht darum, ob man sich etwas merke." In diesem 
Zusammenhang ist es angezeigt, den Fall zu erwähnen, welchen 
Freud (11) als „fausse reconnaissance'' während der psychoanaly- 
tischen Arbeit beschreibt. „Es ereignet sich nicht selten . . .. daß 
der Patient die Mitteilung eines von ihm erinnerten Faktums mit 
der Bemerkung begleitet: ,Das habe ich Ihnen aber schon erzählt', 
während man selbst sicher zu sein glaubt, diese Erzählung von 
ilun noch niemals vernommen zu haben. Äußert man diesen "Wider- 
spruch gegen den Patienten, so wird er häufig energisch versichern, 
er wisse es ganz gewiß, er sei bereit, es zu beschwören usw.; in 
demselben Maße wird aber die eigene Überzeugung von der Neu- 
heit des Gehörten stärker. Es wäre nun ganz unpsychologisch, einen 
solchen Streit durch "überschreien oder tiberbieten mit Beteuerungen 
entscheiden zu wollen. Ein solches Überzeugungsgefühl von der 
Treue seines Gedächtnisses hat bekanntlich keinen objektiven "Wert 
und da einer von beiden sich notwendigerweise irren muß, kann 
es ebensogut der Arzt wie der Analysierte sein, welcher der Pa- 
ramnesie verfallen ist. Man gesteht dies dem Patienten zu, bricht 
den Streit ab und verschiebt dessen Erledigung auf eine spätere 
Gelegenheit. 

In einer Minderzahl von Fällen erinnert man sich dann selbst, 
die fragliche Mitteilung bereits gehört zu haben, und findet gleich- 
zeitig "das subjektive, oft weit hergeholte Motiv für deren zeit- 
weilige Beseitigung. In der großen Mehrzahl aber ist es der Ana- 
lysierte, der geirrt hat und auch dazu bewogen werden kann, es 
einzusehen. Die Erklärung für dieses häufige Vorkommnis scheint 
zu sein, daß er bereits wirklich die Absicht gehabt hat, diese Mit- 
teilung zu machen, daß er eine vorbereitende Äußerung wirklich 
ein- oder mehreremal getan hat, dann aber durch den "Widerstand 
abgehalten wurde, seine Absicht auszuführen, und nun die Er- 
innerung an die Intention mit der an die Ausführung derselben ver- 
wechselt." 



Psychoanalytische Therapie. 139 

DaJi die Einführung' der sogenannten aktiven Therapie die Indi- 
kation für die Anwendung der Psychoanalyse erweitert, ist klar. 
Freud meint dazu: „Vir können es nicht vermeiden, auch Pa- 
tienten anzunehmen, die so haltlos und ex Lstenzun fähig sind, daß 
man hei ihnen die analytische Beeinflußung mit der erzieherischen 
vereinigen muß, und auch hei den meisten anderen wird sieh hie 
und da eine Gelegenheit ergehen, wo der Arzt als Erzieher und 
Ratgeher aufzutreten genötigt ist. Aher dies soll jedesmal mit 
großer Schonung geschehen, und der Kranke soll nicht zur Ähn- 
lichkeit mit uns, sondern zur Befreiung und Vollendung seines 
eigenen "Wesens erzogen werden." 

In diesem Znsammenhang möge erwähnt werden, daß Freud 
auch in Aussicht stellt, daß für weitere und unbemittelte Volks- 
kreise Ordinationsinstitute werden errichtet werden: in denen psycho- 
analytisch behandelt werden wird, wahrscheinlich, indem man das 
reine Gold der Analyse reichlich mit dorn Kupfer der Suggestion 
legieren müssen und die Hypnose heranziehen wird. 

Hinweisend auf die Poliklinik der Berliner Psychoanalytischen 
Vereinigung, welche auf obengenannte Anregung Freuds hin ( ge- 
stiftet wurde, hält Vollrath (41) ein begeistertes Plädoyer für 
die Errichtung von Polikliniken für Psychotherapie in den Irren- 
anstalten. 

Die Modifikationen der psychoanalytischen Technik, die z. B. 
von amerikanischen Autoren versucht wurde, haben die Absicht, die 
Indikation des Verfahrens zu erweitern. Man muß aber gestehen, daß 
auch zur Indikation der imveränderten Psychoanalyse noch nicht das 
letzte "Wort gesagt worden ist. Abraham (2) zeigt z. B., daß man 
die psychoanalytische Behandlung von älteren Patienten nicht mehr 
einfach ablehnen soll. Er hat nämlich die Erfahrung gemacht, 
daß man auch bei Patienten, die das Alter von vierzig, sogar von 
fünfzig Jahren überschritten hahen, bisweilen einen recht guten 
Erfolg hahen kann. „Prognostisch günstig sind auch noch in vor- 
geschrittenem Alter diejenigen Fälle, in welchen die Neurose mit 
voller Schwere erst eingesetzt hat, nachdem der Kranke sich schon 
längere Zeit jenseits der Pubertät hefand und sich mindestens etliche 
Jahre hindurch eine annähernd normale, sexuelle Einstellung und 
soziale Brauchbarkeit erfreut hat." : ,I)as Lebensalter, in welchem 



140 J- H. W. van Ophuijsen. 

die Neurose ausgebrochen ist, fällt für den Ausgang der Psycho- 
analyse mehr ins Go wicht als das Lehensalter zur Zeit der "Be- 
handlung." 

Ol wohl Gott (17) sich der Psychoanalyse gegenüber nicht 
ganz ablehnend verhält, möchte er sie noch nicht zur Behandlung 
von neurotischen Kindern angewandt sehen. Offenhai' sind ihm die 
schönen Erfolge unbekannt, welche die. natürlich für diesen Zweck 
abgeänderte Psychoanalyse in der Kinderpraxis bereits eingetragen 
haben. 

Zum Schluß sei in diesem lief erat eins Arbeit erwähnt, welche 
in bezug auf die darin beschriebene Technik eigentlich nicht einen 
Fortschritt bedeutet, nämlich Simmeis: Kriegsneurosen und psy- 
chisches Trauma (34). Die angewandte Behandlung ist der kathar- 
tisehen Methode gleichzusetzen, bedient sich wie diese der Hypnose. 
Es bestätigen die Erfahrungen Simmeis jedoch vollständig die 
analytische Neurosenlehre, und deshalb hat seine Broschüre für den 
Analv'ciker einen besonderen "W r ert. 



Spezielle Pathologie und Therapie der Neurosen 
und Psychosen. 

Referenten: Dr. Karl Abraham und Dr. J. Hilrnik. 

Literatur: 1. Abraham K. : Über eine konstitutionelle Grundlage der 
lokomotcrischen Angst. Z. II. S. 143. — 2. Ders.: Das G-oldausgeben im Angst- 
Kusumd. Z. IV. S. 252. — 3. Ders.: Ober Ejaculatio praecox. Z. IV S. 171. 
4. Ders.: Bemerkungen zu Fcrenczis Mitteilung über „Sonntaganeurosen". Z.V. 
S.203. — 5. Bleuler E.: Lehrbuch der Psychiatrie. Berlin 1916. — 6. Bleuler 
und 3Iaier: Kas. Beitrag zum psychol. Inhalt schizoplirener Symptome. Jahrb. 
f. d. ges. Neurol. 43. 1918. — 7. Deutsch Helene: Bin kasuistischer Beitrag 
üur Kenntnis des Mechanismus der Eegrcssion bei Schizophrenie. Z. V. tä. 41. 

— Ö. Eisler J.: Ein Fall von krankhafter Sehamsucht. Z. V. S. 193. — 0. 
Ferenczi S. : Einige klinische Beobachtungen bei der Paranoia, und Paraphrenie 
Z. II. S. 11. — 10. Dore.: Psychogene Anomalien der Stimmlage. Z. III. S, 25, 

— 11. Ders. : Über zwei Typen der Kriegsneurose. Z. IV, S. 131, — ■ 12. Ders.: 
Sonntagsneurosen. Z. V. S. 46. — 13. Ders.: Nonum prämatur in annum. 
Zschr. III. S. 229. — 14. Ders.: Pecunia ölet. Z. IV. S. 327. — IIa. Ders. : 
Die psychischen Folgen einer Kastration im Kindpsalter. Z. IV. S. 263. 

— 15. Ders.: Von Krankheita- oder Pathoneurosen. Z. IV. S, 219. — 16. Ders.: 
Symmetrischer Berührungsawang. Z. IV. S. 26G. — 17. Derfl.: Hysterie und 
Pathoneurosen. Intern. Paa. Bibl. Kr. 2. 1319. I, Über Pathoneurosen (s. Nr. 15); 
IL Hysterische Materialiaationaphänomene ; III. Erklärungsversuche einiger hy- 
sterischer Stigmata; IV. Technische Schwierigkeiten einer Hysterieanalyse (vgl. 
das Beferat über die Therapie S. 12'J); V. Die Psychoanalyse eines Falles von 
hysterischer Hypochondrie; VI. Über awei Typen der Kriegshysterie (s. Nr. 11). 

— 18. Freud S.: Mitteilung eines der psychoanalytischen Theorie widersprechen- 
den Falles von Paranoia. Z. III, S. 321. — 19. Ders.: Trauer und Melancholie. 
Z. IV. S. 288. — 20. Ders. : Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. Sammig. 
kl. Schrift. IV. Folge. 1919. S. 678 ff. — 21. Freud, Ferenczi, Abraham, Simmel 
und Jones: Zur Psychoanalyse der Kriögsneurosen. Diskussion am 5. Internat. 
Psychoaualyt. Kongreß, Budapest 1918. Leipzig und "Wien 191«. — 22. Friedjung 
J. K.: Über die sog. rezidivierenden Nabelkoliken der Kinder. Berl. Klin. 
Wochensclir. 51. Jahrg. H.8. — 23, Golouschew S. S.: Zur Kasuistik der Psa. 
Zbl. IV. S. 478. — 21. Hollös L.: Psychoanalytische Beleuchtung eines Falles 
von Dementia praecox. Z. II. S. 3G7. — 25. Jnliusburger 0. : Alkoholismus und 
Sexualität. Ztschr. f. Sex.-Wiss. IL S. 357. — 26. Kaplan M.: Der Beginn eines 
Verfolgungswaho.es. Z. IV. S. 330. — 27. Lang: Über Assoziationsversuche bei 
Schizophrenen. Jahrb. V. S. 705. - 28. Landauer K.: Spontanheilung einer 
Katatonie. Z. II. S. 411. — 29. Dera.: Zur Psychologie der Kriegshysterie und 



142 



Dr. Karl Abraham and Dt. J. Härnik. 



ihrer Heilung. Zschr. f. d. ges. Neurol. 23. Juni 1910. — 30. Obcrholzer: Über 
Shockwirkung infolge Aspiration und psychischen Shock bei Katatonie. Ztschr. 
f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie. Bd. XXU. H. 2. 1014. 30a. Ders.: 

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Psychiatr.-neurolog. Woohenachr. Nr. 10/1911. — 31. PÄstcr: Die verschieden- 
artige Pflychogenität der Kriegsneuroaen. Ztschr. V. S. 288. — 32. Pötzl: Über 
einige Wechselwirkungen hyt*lerieformer und organisch-zerebraler Störungsmecha- 
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Z. IV. S. 48. — 11. Ders.: Deutung lind Heilung paronoider Zustände bei 
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43. Simmel B.: Kriegsneurosen und psychische Trauma. Ihre gegenseitigen 
Beziehungen, dargestellt auf Grund psychoanalytischer, hypnotischer Stadien. 
München u. Leipzig 1918. — 44. Starckc A.: Rechts und links in der Wahn- 
idee. Z. II. S. 431. — 45. Ders.: Ein einfacher Lach- und WeinkrampE. Z.V. 
3. 199. — 46. Dura.: Die Umkehrung dos Libidovorzeichens beim Verfolgungs- 
wahn. Ztschr. V. S. 285. — 47. Steiner Maxim. : Die Störungen der männlichen 
Potenz. Zweite, unveränderte Aufl. 1917. (lief, im Jahrb. VI.) — 18. Stroh- 
mayei* W.: Über die Bolle der Sexualität bei der Genese gewisser Zwangs- 
neurosen. Ztschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. 1919. 45. Bd. 1. u. 2. H. — 
49. Tausk V.: Zur Psychologie des alkoholischen Bcschäftigungsdelirs. Z. III. 
g. 204. — 50. Ders.: Ober eine besondere Form von Zwangsphantasien. Z. IV. 
S. 52. 51. Ders.: Bemerkungen zu Abrahams Aufsatz „Ober Ejacula*io 
praecox". Z. IV. S. 315. — 52. Ders.: Ober die Entstehung des Beeinflusaunga- 
apparates in der Schizophrenie. Z. V. S. 1. — 53. Ders.: Diagnostische Er- 
örterungen auf Grund der Zustandsbilder der sog. Kriegspsychosen. Wr. med. 
Woch. 191G. Nr. 37—38. — 54. Wanke G.: Ober Jugendirresem. Halle 1919. 
JurisL-psychiatr. Grenzfragen. X 7/8. — 55. Wulff M.: Simulation oder Hy- 
sterie? Z. II. S. 259. 



.4. Konvcrsions- und Angsthysterie. 

Stäreke (45) weist in sehr instruktiver Art das Zusammen- 
wirken entgegengesetzter verdrängter Triebregiingen in den Sym- 
ptomen eines hysterischen Ausnahmszustandes nach und erörtert be- 
sonders die Beziehungen der Symptome zum Narzißmus und zu 
verschiedenen erogenen Zonen. 

"Wulff (Ö5) weist nach, daß simulierte Krankheitssymptome 
bei einem Hysterischen ebenso durch unbewußte Faktoren deter- 



Spezielle Pathologie und Therapie dar Neurosen und Psychosen. 143 

minier l waren, wie uns dies für die echten Krankheitserscheinungen 
geläufig ist. 

Sadgers Buch (37) bietet einen ersten Versuch, den j,o be- 
fremdenden Phänomenen des Sehlafwandelns und der Mondsucht von 
psychoanalytischen Gesichtspunkten her neue Aufklärungen zuzu- 
führen. Seine Resultate lassen sieh folgendermaßen zusammenfassen ; 

Das Nachtwandeln stellt einen motorischen Durchbrach des Un- 
bewußten dar und dient wie der Traum der Erfüllung heimlicher, 
verpönter Wünsche zunächst der Gegenwart, hinter denen sich aber 
ganz regelmäßig kindliche bergeo. Beide sind von sexuell-erotischer 
Art. Als Hauptwunsch dürfte anzusprechen sein, daß der Nacht- 
wandler zur geliebten Person ins Bett steigen will, wie in der 
Kindheit. Oft kommt es beim Nachtwandeln zur Identifikation mit 
dem geliebten Objekt. Als infantiles Vorbild des Nachtwandeins 
kann oft das Sichschlaf enst eilen des Kindes betrachtet werden, in- 
dem dabei allerlei Verpöntes, namentlich sexueller Art, straflos be- 
gangen werden kann. Das gleiche Motiv der Straflosigkeit regiert 
auch den erwachsenen Nachtwandler. Der motorische Durchbrach 
des Schlafes und der Bettruhe geht darauf zurück, daß sämtliche 
Nachtwandler eine erhöhte Muskelerregbarkeit und Muskelerotik 
aufzuweisen haben, deren endogene Reizung das Aufgeben der Bett- 
ruhe wettmachen kann. Der Weg aber, der sich vom Wunsche zum 
motorischen Durchbruch erschließt, wird vom Autor nicht einge- 
hender verfolgt. Ein genaueres Eingehen auf den von Freud in 
der Traumdeutung skizzierten Bau des seelischen Apparates wäre, 
wie lieik in seiner Kritik des Sadger sehen Werkes hervorgehoben 
hat, dabei unumgänglich notwendig gewesen. 

Nachtwandeln und Mondsucht finden sich häufig mit Hysterie 
vereint. Der Einfluß des Mondes auf den Lunatismus ist nur zum 
geringsten Teil bekannt, vornehmlieh in seiner psychischen Cber- 
determinierung. So ist es wohl zweifellos, daß das himmlische Licht 
an das Licht in der Hand eines geliebten Elternteiles erinnert, 
der nächtlich in besorgter Liebe den Schlaf des Kindes kontrollierte. 
Mit dem Angerufenwerden durch diesen hängt wohl auch zusammen, 
daß nichts so prompt den Wandelnden weckt als die Nennung seines 
Namens. Auch das Fixieren des Nachtgestirns hat möglicherweise 
erotische Färbung, sowie das Anstarren des Hypnotiseurs zur Er- 



j44 Dr. Karl Abraham und Dr. J. Härnik. 

zielung der Hypnose. Andere psychische 'Cberdeterniinierungen 
seheinen nur individuell zu gelten. Eine besondere Anziehungskraft 
des Mondes endlich, die den Mondsüchtigen förmlich aus dem Bette 
zwingen und zu größeren Spaziergängen verlocken soll, kann mög 
lieherweise tatsächlich bestehen, doch haben wir über diesen Punkt 
nicht einmal wissenschaftliche Hypothesen. Hingegen scheint die 
Möglichkeit vorhanden, durch die psychoanalytische Methode Schlaf- 
wandeln und Mondsucht dauernd zu heilen. 

Nachtwandeln und Mondsucht ließen sich noch in einem fall 
Sadgers (30) auf das Verlangen des Sohnes nach der Mutter 
zurückführen, deren Verkehr mit dem Vater der Patient als Kind 
vielfach beobachtet hatte. (Der Mond dient als Muttersymbol, ahn- 
lich wie die Sonne den Vater zu vertreten pflegt.) 

Ferenczi (10) beschreibt einen bei zwei jungen Männern beob- 
achteten "Wechsel zwischen hoher und tiefer Stimmlage je naoh 
homosexueller (weiblicher) oder heterosexueller Triebeinstellung. 

Ferenczi (12) beobachtete kurzdauernde Neurosen oder 
Exacerbationen bestehender nervöser Leiden, die sich regelmäßig an 
Sonntagen und sonstigen arbeitsfreien Tagen einstellen. Er führt 
die Erscheinung auf das Nachlassen des vom Alltag ausgeübten 
Druckes zurück. Die auf diese "Weise periodisch (brunstaxtig) frei- 
werdende Libidomenge, welche eines der Motive für die Veranstal- 
tung von „Pesten" abgibt, kann der Neurotiker nicht bewältigen. 
Es kommt zur Verdrängung und Konversion in nervöse Symptome. 

Ferenczis Ausführungen ergänzt Abraham (4) durch Hin- 
weis auf die häufigen Pälle, in welchen neurotisch Disponierte oder 
Neurotiker sieh nur an ihrer täglicher Arbeit aufrecht, erhalten, 
die ihnen eine Ersatzbefriedigung bedeutet. Sobald diese Tätigkeit 
unterbrochen wird, sind sie der Neurose preisgegeben. 

Eis ler (8) weist den Zusammenhang des krankhaften Errötens 
mit der Onanie nach. Er erblickt in dem Erröten ein Konversions- 
symptom, welches einer „Verlegung nach oben" seine Lokalisation 
verdankt. Ursprünglich lag eine mit der Masturbation verknüpfte 
Exhibitionsncigung vor. die vom Genitale nach demjenigen Körper- 
teil abwanderte, der dauernd unverhüllt getragen wird. 

Zur Erklärung der Angst vor aktiver und passiver Portbe- 
wegung reichen die bekannten Momente (Fixierung an bestimmte 



Spezielle Pathologie und Therapie der Neurosen und Psychosen. 145 

Personen, Ausweichen vor Versuchungen usw.) nicht aus. Abra- 
ham (1) weist nach, daß eine besondere sexuelle Konstitution an- 
zunehmen ist, welche eine abnorm starke Lust an aktiver und 
passiver Bewegung mit sich bringt. Diese Lust muß wegen in- 
zestuöser Verknüpfungen der Verdrängung anheim fallen und liefert 
nun Angst, Während der Behandlung kann man die Bückverwand- 
hing der Angst in Lust beobachten. Hervorgehoben wird ferner 
die Neigung der Patienten zu psychischen Spannungszuständen und 
zu dem der Vorlust entsprechenden „Vorangst". 

Zu ähnlichen Ergebnissen gelangt Reik (34), der besonders 
auf die Bedeutung der Gcniialerschütterung bei passiven Bewe- 
gungen hinweist. 

In seiner Abhandlung über die Ejaculatio praecox gibt Abra- 
ham (3) eine gedrängte Übersicht der vielfachen "Wurzeln des 
Symptoms. Bei den an Ejaculatio praecox Leidenden ist nicht die 
Clans penis die leitende erogene Zone. Die Urethra, richtig gesagt 
ihr perinealer Teil, hat eine abnorm starke erogene Bedeutung. Die 
Ejaculatio praecox erweist sich als ein teils lustbetontes, teils un- 
lustvolles Fließenlassen des Spenna, und damit als direkter Ab- 
kömmling der infantilen Form der Ürinentleerung. Die Anamnese 
der Patienten enthält stets reichliche Tatsachen urethralerotisehen 
Charakters. Die Sexualität dieser Männer hat den männlich-aktiven 
Charakter eingebüßt. Die Ejaculatio praecox hat beim weiblichen 
Geschlecht ihr vollkommenes Analogon in der Frigidität. Bei 
Männern mit Ejaculatio praecox ist neben der Urethra noch die 
entwicklungsgesehichtlich dein Seheideneingang entsprechende Damm- 
partie stark erogen. 

Männer mit Ejaculatio praecox sind entweder schlaff, energie- 
los oder hastig, überaktiv. Beide Extreme lassen uns auf Wider- 
stände gegen die spezifisch männlichen Funktionen schließen. Die 
Psychoanalyse erweist bei den Patienten ein hohes Maß von ver- 
drängtem Sadismus. Der Vorgang der Ejaculatio praecox macht 
sie für das Weib ungef filirliiih. ; der Penis hat seine IMie als 
Waffe des Sadismus eingebüßt. Stets sind die Patienten mit star- 
ker Kastrationsangst behaftet; die Angst vor dem Verlust des 
Gliedes ist eines der Momente, welche sie zum Koitus unfähig 
machen. 

PiTChoaniiljae, Bericht 1QH— IBID. iq 



146 



Lt. Karl Abraham und Dr. .1. Härnik. 



Ein. großer Teil der Sexualwiderslände dieser Männer erklärt 
sich aus dem Narzißmus. Mit der Tendenz zur Herabsetzung, Ent- 
täuschung und Besudelung des Weibes treffen exhibitionistische Re- 
gungen zusammen. 

In einer ausführlichen kritischen Arbeit sucht Tausk (51) 
zu erweisen, daß Abraham die Bedeutung der Onanie und der 
verdrängten Homosexualität für die Ätiologie der Ejaculatio praecox 
unterschätzt, ferner die- Analogie von Ejaculatio praecox und weib- 
licher Frigidität nicht genügend bewiesen habe. 

Referent möchte an dieser Stelle den Einwänden Tausks in 
gewissem Umfange Recht geben, jedoch aueh darauf hinweisen, daß 
die Gesichtspunkte der Homosexualität und Onanie in dem von 
ihm hervorgehobenen Narzißmus aufgehen. Eine spätere gründliche 
Bearbeitung des Gegenstandes wird den verschiedenen Ursachen der 
Ejaculatio praecox besser gerecht werden. 

Eerenczis Buch (17) enthält bedeutungsvolle und aufschluß- 
reiche Abhandlungen, die, soweit öä in diesen Abschnitt gehören, 
der Reihenfolge nach besprochen werden sollen. 

Nr. H bringt „Gedanken zur Auffassung der hysterischen Kon- 
version und Symbolik". Es gibt sehr viele hysterische Symptome, 
■leren Erzeugung eine entschiedene Mehrleistung an Innervation 
erfordert, Leistungen, zu denen der normale neuropsychische Apparat 
unfähig ist. Verfasser weist auf ähnliche Mehrlcistungsfähigkeit 
unter hypnotischer, suggestiver und autosuggestiver Beeinflussung, 
unter dem Druck der Erziehungsarbeit, beim Kinde und in der 
Affektentladung hin. Er wählt zur genaueren Untersuchung die 
hysterischen Symptome am Magendarmtrakt: den globus hystericus 
(unbewußter Eellationswunsch), das Erbrechen bei der wirklieh oder 
eingebildet schwangeren Hysterica, die hysterogene Rolle des Mast- 
darmes und dea Anus (Kotstange als männliches Glied). Diese Art 
der körperlichen Darstellung von unbewußten sexuellen Wünschen 
unterscheidet sieh wesentlich von Halluzinationen und Illusionen 
und verdient eine besondere Namensgebung. Man kann es ein 
Matr:rialisationsphänomcu nennen, da sein Wesen darin 
besteht, daß aich in ihm ein Wunsch, gleichsam magisch, aus der 
im Körper verfügbaren Materie realisiert und — wenn auch in 
primitiver Weise — plastisch dargestellt wird. 



Spezielle Pathologie und Therapie der Neurosen und Psychosen. J4 7 

Diesen .rätselhaften Sprung aus dorn Seelischen ins Körper- 
liehe" (Ercud) werden wir leichter verstehen, wenn wir uns daran 
erinnern, daß dasselbe psycho-physische Phänomen d« Grundlage 
für die meisten der sogenannten Ausdrucks- oder Gemütsbewegungen 
abgibt. Eine Vergleichung mit der halluzinatorischen Wunscherfül- 
lung im Traume führi zur Einsieht, daß der unbewußte Wunsch beim 
Materialisationsphänomen auf die unbewußte Motilität überspringt. 
Dies bedeutet eine tupischo Regression bis zu einer Tiefe des 
psychischen Apparates, in der Erregungszustand e nicht mehr mittels 
- wenn auch nur halluzinatorischer - psychischer Besetzung, son- 
dern einfach durch motorische Abfuhr erledigt werden. Zeitlich i 
entspricht dieser Topik eine sehr primitive onto- und phylogenetische 
Entwicklungsstufe, auf der das Psychische auch formal bis zum 
physiologischen Eeflexvorgang vereinfacht erscheint. Das reflek, 
torisch wunscherfüllende Material isationsphanomen ist also die Re- 
gression zur „Protopsyche". Diese Erscheinungen von der 
energetischen Seite her betrachtet, entstammt bekanntlich die bei 
der Konversion sich betätigende Kraft der genitalen Trieb- 
quelle. Die Hysterie bedeutet einen Einbruch genitaler Trieb- 
regungen in die Denkspkare, resp. die Abwehrreaktion auf diesen 
Einbruch. Die mißglückte Verdrängung bewirkt ein Zusammen- 
drängen der störenden Triebanwandlungen aufs psychische Sinnes- 
organ (Halluzination) oder in die unwillkürliche Motilität im wei- 
testen Sinne (Materialisation). Es kommt zur Produktion eines 
hysterischen Idioms, einer aus Halluzinationen und Mate- 
rialisationen zusammengesetzten symbolischen Sondersprache. Eine 
Vergleichung dieser genitalen Symbolik mit der wohlbekannten 
Traumsymbolik führt zur Vermutung, daß in der Hysterie ein 
Stück der organischen Grundlage, auf die die Symbolik im Psychi- 
schen überhaupt aufgebaut ist, zum Vorschein kommt. Die Organe. 
m die die Sexualität der Genitalien symbolisch verlegt wird, sind 
die hauptsächlichen Lokalisationsstellen der Vorstufen der Genia- 
lität, das heißt die erogenen Zonen des Körpers. Also handelt 
es sich um eine Genit alisierung der erogenen Zonen und Par- 
txaltnebe, bei der jene Vorstufen nur als Leitzonen der Erregung 
dienen, diese Erregung selbst aber in ihrer Art und Intensität den 

10» 



i jg Dr. Karl Abraham und. Dr. J. Hirnifc. 

Genitalcharakter auch nach der Verlegung beibehält. Kurz gesagt: 
daß hysterische Symptom ist eine hetcro tope Gonitalf unktion 
Verwandte Gesichtspunkte beherrschen den Gedankengang der 
darauffolgenden Arbeit Nr. III in Ferenczis Buch. Die ver- 
gleichende Gegenüberstellung der traumatischen Hemianästhesie 
mit dem hemianästhetischen Stigma führt zu dem Ergebnis, daß 
in beiden Fällen eine libidinöse Verwendung der verdrängten be- 
wußtseinsunfähigen Berührungsempfindungen anzunehmen ist. Der 
Unterschied zwischen den beiden wird durch das Fehlen eines spe- 
zifischen körperlichen Entgegenkommens beim Trauma resp. das 
Bestehen eines solchen beim Stigma abgegeben, also einer physio- 
logischen Disposition der behafteten Körperstellen zur Auflassung 
der bewußten Besetzung und zur Überlassung ihrer Empfindungs- 
reize an die unbewußten libidinösen Regungen. Die Tatsache, daß 
die Halbseitcnanästhesie häufiger an der einer schwächeren 
Aufmerksamkeitsbesetzung bedachten linken Körper- 
hälftc zu finden ist, führt weiterhin zum Verständnis der konzen- 
trischen Einengung des Gesichtsfeldes. Ist doch die 
Peripherie des Sehfeldes dem Bewußtsein entrückter und der Schau- 
platz undeutlicher Sensationen, welche sehr leicht zum. Rohmaterial 
unbewußter lihidinöser Phantasien werden können. Dieselbe Ver- 
drängung optischer Sensationen und an das Sehorgan assoziierter 
Gefühlsregungen dürfte die Empfindungslosigkeit der 
Binde- und Hornhaut bei Hysterischen erklären. Die hyste- 
rische Anästhesie des Rachens dient der Darstellung von 
Genitalphantasien durch den Schluckprozeß. Bei der Rachen- 
hyperästhesie handelt es sieh um die Reaktionsbildung gegen 
dieselben perversen Phantasien; der globus hystericus als 
„Materiaüsierung" solcher Wünsche samt ihrer Abwehrtendenz hat 
uns schon oben beschäftigt. Zusammenfassend sagt der Autor: Die 
hysterischen Stigmata bedeuten die Lokalisation konvertierter Er- 
regungsmengen an Körperstellen, die infolge ihrer besonderen Eig- 
nung zum körperlichen Entgegenkommen sich unbewußten Trieb- 
regungen leicht zur Verfügung stellen, so daß sie zu „banalen" 
Begleiterscheinungen anderer (ideogener) hysterischer Symptome 
werden. 



Spezielle Pathologie und Therapie der Neurosen nnd Psychosen. 149 

Ein formal "und inhaltlich sehr abwechslungsreiches lind inter- 
essantes Krankheitsbild bot der Fall dar, dessen Behandlungs- 
geschichtc Ferenczi weiterhin folgen läßt (Nr. V). Es handelt 
sich da um ein Gemenge von rein hypochondrischen und von hyste- 
rischen Symptomen, sowie Anwandlungen in der Richtung der Para- 
phrenie, deren Analyse — außer dem. sehr raseh erzielten Heilerfolg 

— bedeutsame theoretische und prognostische Ausblicke gewährte. 
Zu besserem Verständnis derselben sei hier ein von Freud über 
das Wesen der Hypochondrie entwickelter Gedankengang 1 ) kurz 
rekapituliert, 

Freud stellt die Hypochondrie als dritte Aktualueurose neben 
die Neurasthenie und die Angstneurose hin. Er vermutet, daß die 
Hypochondrie von der Ichlibido abhängt, wie die anderen von der 
Objcktlibido. Der von peinlichen und schmerzhaften Körperempfin- 
dungen geplagte Hypochondrische zieht Interesse wie Libido von 
den Objekten der Außenwelt zurück und konzentriert beides auf 
das ihn beschäftigende Organ, wobei nachweisbare Veränderungen 
gar nicht vorliegen. Die peinlichen Sensationen dürften jedoch in 
Organveränderungen begründet sein, und zwar in Veränderungen 
— i hauptsächlich wohl Steigerungen ■ — der Erogeneität in den Or- 
ganen, welchen dann eine Veränderung der Libidobesetzung im Ich 

— eine Stauung der Ichlibido — parallel geht. 

Auch Fercnczi gelingt es in seinem Falle nachzuweisen, 
daß die hypochondrischen Parästhesicn ursprünglich auf der nar- 
zißtischen Bevorzugung des. eigenen Körpers beruhten, dann aber 

— etwa nach Art des „körperlichen" Entgegenkommens — zu Aus- 
drueksmitteln hysterischer (ideogener) Vorgänge wurden. So kommt 
er zur Vermutung, daß dieselbe Organlibidostauung — je nach der 
Sexualkonstitution der Kranken — einen rein hypochondrischen oder 
aber einen konversionshysterischen „Überbau" bekommen kann. In 
dem beschriebenen Falle handelte es sich anscheinend um die Kom- 
bination beider Möglichkeiten und die hysterische Seite der Neurose 
ermöglicht die Übertragung der hypochondrischen Sensationen. Eine 
reine Hypochondrie aber, bei der diese Abfuhrraöglichkeit nicht 
besteht, ist unheilbar. 



i) Zur Einführung des Narzißmus. Jahrb. VI. Bd. S. 9. 



J50 > r - ^ nr ' Abraham und Dr. J. Härnü 

Anhang. Die genuine Epilepsie scheint im allgemeinen dem 
Gesichtskreis des Analytikers etwas entrückt zii sein. In einer 
kasuistischen Mitteilung weist Oberholz er (30) psychische Moti- 
vierung der epileptischen Amnesie nach. 

JB. ZwangszustiLnde. 

Manche Neurotiker unlerliegen dem Zwang, ein einzelnes, schein- 
bar sinnloses "Wart vor eich hin zu sprechen. Tausk (50) weist 
in diesen Zwangswörtern lh'.sio. vorwurfsbi-setz i er Gedankengänge 
nach. 

: Den Zwang zur Berührung Aynunetrischi'i' Körperteile entlarvt 
jp ereil czi (16) als die Überkompensation des Zweifels, ob es 
nicht hesser wäre, eine bestimmte Körpjrstelta in der Medianebene 
(das Genitale) zu berühren. 

Sadger (f>8), der dem gleichen Thema schon früher eine Ar- 
beit gewidmet hat» erweist wiederum, daß der Tic der Abwehr 
verpönter Triebregungen dient. Daß es bei gewissen Neurotikern 
gerade zur Ausbildimg eines Tic, das heißt eines motorischen 
Symptoms kommt, leitet Verfasser von verdrängter „Muskelerotik" 
her. 

Ferenezi (17, Nr. IV) macht die Bemerkung, seine Erwartung 
gehe dahin, daß sieh bei der Analyse viele Tics ab stereotypisierte 
Oiianieäquivalente entpuppen werden. Die merkwürdige Verknüpfung 
der Tics mit der Koprolalie (z. B. bei Unterdrückung dir moto- 
rischen Äußerungen) wäre dann nichts anderes, als der Einbruch 
der von den Tics symbolisierten erotischen — meist sadistisch- 
analen — Phantasien ins Vorbewußte mit krampfhafter Besetzung 
der ihnen adäquaten Worfcerinnerungsreste. 

Abraham (2) erkennt in dem zwanghafton Geldaasgeben, zu 
welchem manche Neurotiker besonders in Angstzuständen neigen, 
ein Äquivalent für die ihnen unmögliche Verausgabung ihrer 
Libido auf normalem "W&g&. (Regression auf die Analzone.) 

Ereud (20) brachte uns wieder eins} jener grundlegenden 
Krankengeschichten, welche auf die ungeahnten Möglichkeiten der 
psychoanalytischen Erforschung und Behandlung ein neues Licht 
werfen. Ihr Gegenstand ist eine infantile Neurose, die als Angst- 
hysteric (Tierphobie) begann und sich dann in eine Zwangsneurose 



Spezielle Pathologie und Therapie der Neurosen und Psychuaen, 151 

(Zv angsfrümmigkeit) umsetzte, die aber nicht -während ihres Be- 
standes, sondern erst 15 Jahre nach ihrem Ahlauf analysiert wor- 
den ist. nachdem der Patient im jugendlichen MannesaHer einer 
neuerlichen schweren neurotischen Erkrankung (Zwangsneurose) er- 
legen war. 

Die Entstellung dieser infantilen Zwangsneurose auf dem Boden 
der sadistisch-anal cn Sexualorganisation bestätigte im ganzen, was 
Freud früher „über die Disposition zur Zwangsneurose" 1 ) ausge- 
führt hatte. Es bestand aber vorher eine starke Hysterie, der 
neben Angstsyniptoinen auch Konvcrsionsersehcinungcn in der Form 
vr.n Darmstörungcn zukamen. Diese Darmsymptomatik hatte sich 
wenig verändert aus der Kindemeurosc in die spätere fortgesetzt 
und vermochte bei Beendigung der sich über mehrere Jahre er- 
streckenden Behandlung gute Dienste zu leisten. Schließlich mußt'- 1 
noch in der Analyse für eine Eßstörmig. die sich eine geraume Zeit 
vor der Tierphobie beim Kinde gezeigt hatte, die Bedeutung einer 
allerersten neurut Liehen Erkrankung in Anspruch genommen werden, 
so daß Eßatcjrung, Tierphobie. Zwangsfiömmigkeit die vollständige 
Reihe der infantilen Erkrankungen ergeben, welche die Disposition 
für den neurotischen Zusammenbruch, in den Jahren nach der Pu- 
bertät mit sich brachten. Naheliegend seheint die theoretisch so 
bedeutsame Aufstellung, daß jede Neurose eines Erwachsenen sich 
über seiner Kinderneurose aufbaut, die aber nicht immer intensiv 
genug ist, um aufzufallen und als solche erkannt zu werden. 

Ohne die Einzelheiten der Deutungsarbeit wiederzugeben, soll 
nun eine übereicht der Sexualentwicklung des Patienten skizziert 
werden, wie sie sieh aus der synthetischen Betrachtung der ge- 
wonnenen Aufschlüsse ergab. Als frühestes Zeichen der Neurose 
muß die Störung der Eßlust (um das zweite Lebensjahr) gelten, 
welche als Erfolg eines Vorganges auf sexuellem Gebiete aufzu- 
fassen ist. Als die erste kenntliche Soxualorganisation ist ja von 
Freud die sogenannte kannibale oder orale beschrieben wor- 
den, in welcher die ursprüngliche Anlehnung der Sexualerregung 
an den Eßtrieb noch die Szene beherrscht. "Wenn auch direkte 
Äußerungen dieser Plinse nicht zu erwarten sein werden, zeigt doch 
manchmal die Beeinträchtigung des Eßtriebes, daß eine Bewältigung 

') Sammlung kl. Sehr. III. Vgl. das Referat im Jahrb. VI. S. 332. 



152 Dr. Karl Abraham and Dr. J. Hdrnik. 

sexueller Erregung dem Organismus nicht gelungen ist. Das Sexual- 
ziel dieser Phase kannte nur der Kannibalismus, das Fressen, sein; 
«s kam beim Patienten später durch Regression, von einer höheren 
(genitalen) Stufe hör in der Angst zum Vorsehein: vom Wolf ge- 
fressen .zu werden. Die Übersetzung dieser Angst lautet: vom Vater 
koitiert zu werden (s. weiter unten). Es seheint, daß zu dieser 
oralen Phase im Falle der Störung auch eine Angst gehört, die 
als Lebensangst auftritt und sieh an alles heften kann, was dem 
Kinde geeignet scheint. Bei dem Patienten wurde sie von der Um 
gebung dazu benützt, um ihn zur Überwindung seiner Eßunlust, 
ja zur Uberkompensation derselben anzuleiten. Auf die mögliche 
Quelle seiner Eßstörung führt aber die grundlegende Annahme, 
daß die Prozesse der Sexualreifung durch einen ganz besonderen 
Umstand beschleunigt worden sind. 

Es mußte nämlich angenommen werden daß dieses Kind im 
Alter von IV3 Jahren (also noch vor der Zeit der Eßschwierig- 
keiten) Zeuge des von hinten ausgeübten Gesehleehtsverkehres zwi- 
schen seinen Eltern wurde und hierauf mit einer Kotentleerung rea- 
gierte, das heißt seine sexuelle Erregung in analer "Weise zum Aus- 
druck gebracht hatte. Diese „Urszene" der Koitusbeobachtung 
die auch sonst als Urphantasie zum ererbten, phylogenetischen 
Besitz gehört — übte die nachhaltigsten Wirkungen iu der Ent- 
stehung der Neurose aus, entfaltete aber in der Eßstörung auch 
direkte, wenngleich unscheinbar« Wirkungen. 

Mit 2V a Jahren sehen wir dieses Kind im Beginne einer Ent- 
wicklung, welche als normale anerkannt zu werden verdient, viel- 
leicht bis auf ihre Vorzeitigkeit: Identifizierung mit dem Vater, 
Ilamerotik in Vertretung der Männlichkeit. Mit Rücksicht auf den 
Inhalt der Urszene kann mau sagen, daß diese Valcridentifiziürung 
bereits der Stufe der Genitalorganisation — mit dem Sexuaiziel 
des urethral aufgefaßten Koitus — entspricht. 

Das männliche Glied spielte dann seine Rolle unter dem Einfluß 

einer Verführung durch die älter© Schwester weiter, welche einmal 

nach dem Glied des nun 37 4 ;jährigen Kindes gegriffen und damit 

gespielt hatte 1 ). Diese Verführung hat aber nicht bloß die Eni 

i) Wieder die Tatsache, daß in. diesem Bolle etwas als unbestreitbare 
Realität gelten muH, was sonst eine auf Grand phylogenetischer Erbschaft ent- 
stehende Phantasie sein mag. 



Spezielle Pathologie und Therapie der Neurosen und Psychosen. 153 

wicklung' gefördert, sondern sie noch in höherem Grade gestört 
und abgelenkt. Sie gab ein passives Sexualziel, welches mit der 
Aktion des männlichen Genitale im Grunde unverträglich ist. Beim 
ersten äußeren Hindernis, hei einer Kastrationsandrohung, brach 
(mit 3?/ Ä Jahren) die noch zaghafte genitale Organisation zusammen 
und regredierte auf die ihr vorhergehende Stufe der sadistisch- 
analen Organisation. Doch setzte die Verführung ihren Einfluß 
fort, indem sie die Passivität des Sexualziels aufrechthielt. Sie 
verwandelte jetzt den Sadismus zu einem großen Teil in sein 
passives Gegenstück, den Masochismus. Es ist fraglichj ob man 
den Charakter der Passivität ganz auf ihre Rechnung setzen darf, 
denn die Reaktion des IVaJährigen Kindes auf die Koitusbeobachtung 
war bereits vorwiegend eine passive. Neben dem Masochismus, der 
die Sexualstrebung des Kindes beherrschte und sieh in Phantasien 
äußerte, blieb auch der Sadismus bestehen und betätigte sieh gegen 
kleine Tiere. 

Eine entscheidende Wendung führt nun der vierte Geburtstag 
des Kindes herbei. Zu diesem Zeitpunkt nämlich bringt ein in 
der Analyse zu überragender Bedeutung gelangter Angsttraum die 
Koitusbeobachtung von l 1 / s Jaliren zur nachträglichen "Wirkung 
\ind zeigt den Ausbruch der eigentlichen Neurose, der Tierphobie, an. 
Die abgebrochene genitale Organisation wird im Traume mit einem 
Schlage, aber im Sinne der "Weiblichkeit, wieder eingesetzt, der 
"Wunsch, vom Vater so wie damals die Mutter geschlechtlich be- 
friedigt zu werden, halluzinatorisch erfüllt. Doch kann der im 
Traum vollzogene Fortschritt nicht festgehalten werden. Es kommt 
zur Verdrängung, zur Ablehnung des Neuen und dessen Ersetzung 
durch eine Phobie. Die Analyse des Angsttraumes zeigt, daß die 
Verdrängung sich an die Erkenntnis der Kastration anschließt. 
Das Neue wird — unter dem Einfluß der narzißtischen Männlich- 
keit des Genitales — verworfen, weil seine Annahme den Penis 
kosten würde. Das Verdrängte ist also die homosexuelle Einstellung 
im genitalen Sinne, die sich unter dem Einfluß der neuen Erkenntnis 
gebildet hatte. Sie* bleibt nun aber fürs Unbewußte erhalten, als 
eine abgesperrte tiefere Schichtung konstituiert. Das Ich schützt 
sich durch Angstentwicklung vor dem, was es als übermächtige 
Gefahr wertet, vor der homosexuellen Befriedigung. Aber es wird 



154 &*■ Kari Abraham und Dr. J. Härmk. 

infolge des Yerdrängungs Vorganges nicht die Aug^t vor dem. Vater, 
«mdern die vor dem "Wolf bewußt. Ein Anteil der homosexuellen 
liegung wird dabei in dem hei ihr beteiligten Organ festgehalten; 
der Barm benimmt sich von da an und ebenso in der Spätzeit 
wie ein hysterisch, affiziertes Organ. 

Der Zustand nach dem Traume kann in folgender Art be- 
selirieben werden : Die Sexualstrebungen sind zerspalten worden, im 
Unbewußten ist die Stufe der genitalen Organisation erreicht und 
eine sehr intcusive Homosexualität konstituiert, darüber besteht 
aucli weiterhin die irüherc sadistische und überwiegend maso- 
chistische Sex.ua lstromung, nur sind ihr die Angsterseh einungen 
beigemengt. Da* Ich hat seine Stellung zur Sexualität im ganzen 
geändert, es befindet sich in hysterischer Sexualablehnung und weist 
dir» herrschenden masochistischen Ziele mit Angst ab, wie es auf 
die tieferen homosexuellen mit der "Bildung einer Phobie reagiert 
hfitte. Das Kind zeigt jine der Umgebung stark auffallende Oha- 
rakterverändenmg (Reizbarkeit, Ängstlichkeit, „Schlimmheit - '). 

Die Verwandlung dieses Zustande* in den der (mit 4 1 / 2 Jahivn 
einsetzenden) Zwaugsneurose geschieht nicht spontan, sondern durch 
fremden Kinfluß von außsu, indem dem Kinde absichtlich die- Be- 
kanntschaft mit den Lehren der Religion und mit der heiligen Ge- 
schichte vermittelt wird. Das Ergebnis wird das von der Erziehung 
gewünschte das wilde, verängstigte Kind wird sozial, gesittet und 
erziehbar. Der sadistisch-masochistisohen Sexualorganisation wird 
ein langsames Ende bereitet, das im Vordergrund stellende Verhältnis 
zum Vater, welches bisher in der Wolfsphobie Ausdruck gefunden 
hatte, äußert sich nun in Zwangsfrömmigkeit, während die "Wolfs- 
phobie rasch verschwindet. An Stelle der Angstablehnung der 
Sexualität tritt eine höhere Form der Unterdrückung derselben. 
Allein diese Überwindungen gehen nicht ohne Kämpfe vor sich, 
als derpn Zeichen blasphemische Gedanken erseheinen, und als deren 
Folge eine zwanghafte Übertreibung des religiösen Zeremoniells sieh 
festsetzt, deren Zeichen dann bis über das achte Lebensjahr hin aus- 
reichen. "Wenn so die tiefste, bereits als unbewußte Homosex aalität 
niedergeschlagene Sexualströmung noch drainiert werden konnte, so 
fand die oberflächlichere masochistisohe Strebung eine unvergleich- 
liche Süblimierung ohne viel Verzicht in der Leidensgeschichte 



Spezielle Pathologie und Therapie der Neurosen und Psychosen. 155 

Christi, der sich, im Auftrage und zu Ehren des göttlichen Vaters 
hatte mißhandeln und opfern lassen. Diu Iialigion hatte also gesiegt ; 
doch erwies sich ihre triebhalte Fundierung unvergleichlich stärker 
als die Haftbarkeit ihrer Sublimierungsprodukte. Sowie das Laben 
in der Person eines Lehrers einen neuen Vafrrersatz brachte, dessen 
Einfluß sich gegen die Religion richtete, wurde sie fallen gelassen 
und durch anderes (durch die dem sublimierten Sadismus entspre- 
chenden militärischen Interessen) ersetzt. 

Es kann an dieser Stelle nicht an die für die allgemeine Neu- 
rosenlehre hochwichtigen Folgerungen, die sich Freud aus dieser 
Analyse ergaben, eingegangen werden 1 ). Vielmehr werfen wir noch 
einen Blick auf den Anlaß der späteren Erkrankung des Pa- 
tienten. Er brach zusammen, als eine organische Affektion des 
Genitales seine Kastrationsangst aufleben machte und so seinem Nar- 
zißmus Abbruch tat. Er erkrankte also an einer narzißtischen 
„Versagung". Diese Überstärke seines Narzißmus stand in vollem 
Einklang mit den anderen Anzeichen einer gehemmten Sexual- 
entwicklung, daß seine heterosexuelle Liebeswahl bei aller Energie 
sehr wenig psychische Strebungen in sieh konzentrierte, und daß 
die homosexuelle Einstellung, die dem Narzißmus um so vieles näher 
liegt, sich als unbewußte Macht bei ihm mit großör Zähigkeit be- 
hauptet hatte. 

0. Kriegsneurosen. 

Aus der verwirrenden Vielseitigkeit der Erscheinungen bei den 
sogenannten Kriegsneurosen sucht Ferenozi (11) zwei Typen her- 
auszuheben. Die eine ist durch das Bestehen einer peripheren Läh- 
mung, Kontraktur oder anderer lokaler Erscheinungen gekennzeichnet 
und entspricht durchaus der Breuer-Freud sehen Konversions- 
hysterie. Der andere bietet als wichtigste Äußerung den Affekt 
der Angst, zu welcher sich verschiedenartige körperliche Begleit- 
symptome hinzugesellen. Verfasser weist auf den Zusammenhang 
der Symptome mit den verdrängten Erinnerungen an eine bestimmte 
Ausgangssituation. Andere wichtige Gesichtspunkte zur Kriegs- 
aeurosenfrage werden in der späteren Publikation des Autors aus- 



i) Vgl. das Keferat dortseJbet S. JlOff. 



]F,g Dr. Karl Abraham und Dr. J. Häicik. 

i'ührlicher behandelt, (Vgl. die Kriegsneurosendebatte auf dem Buda- 
pests.* Kongreß, 1918.") 

Die erste wählend des Weltkrieges erschienene Veröffentlichung 
über therapeutische Ergebnisse der Psychoanalyse bei den Kriegs- 
neurosen ist diejenige Simmeis (43). Simmel hat nach dem 
kathart ischen Verfahren von Breuer und Freucl gearbeitet und 
berichtet von den unbewußten "Wurzeln der neurotischen Symptome 
und von beachtenswerten Heilerfolgen. Teils infolge der ange- 
wandten Methodik, teils infolge der äußeren Verhältnisse sind die 
Analysen großenteils unvollständig. Dem Autor gebührt aber das 
große Verdienst, nachdrücklich auf die Bedeutung der Psycho- 
analyse für Verständnis und Heilung der Kriegsneurosen hinge- 
wiesen zu haben. 

Der erste Band der Internationalen Psychoanalytischen Biblio- 
thek (21) enthält die Beferate über die Kriegsneurosen vom Buda- 
pestcr Kongreß (1918), außerdem einen Beitrag von Jones und 
eine Einleitung von Freud. Freuds Einleitung gibt einige der 
leiten Im Gesichtspunkte , für die psychoanalytische Betrachtung 
der Kriegsnexvrosen. hebt die Bedeutung des Unbewußten, des Nar- 
zißmus usw. hervor und konstatiert ausdrücklich, daß die Libido- 
theorie der Neurosen durch die Kriegserfahrungen keineswegs wider- 
legt sei. 

Perenczi weist eingehend nach, wie sieh die SclvuLncurologie 
in der Auffassung der Kriegsneurosen dem psychoanalytischen 
Standpunkt in manchen Hinsichten genähert habe, was u. a. in 
der teilweisen Übernahme der Freud sehen Nomenklatur zum A.us- 
druck komme. Man sei dazu gelangt, die neurotischen Symptome 
als Ausdrucksmittel psychischer Tendenzen anzusehen, wobei manche 
Autoren sogar mit dem „Unbewußten" operieren. 

Der instruktiven und erschöpfenden Übersicht der Kricgsneu- 
rosenlileratur läßt Ferenczi noch eine kurze Darstellung seiner 
eigenen Anschauung folgen. Er betont die gesteigerte „Ich-Empfind- 
lichkeit*' der Kriegsncurotiker und legt der weitgehenden Eegression 
ihrer Libido zum Narzißmus große Bedeutung bei. Die Kranken 
benehmen sich wie kleine, hilflose Kinder, die nichts Eigenes leisten 
können, sondern völlig auf die Pflege und Fürsorge der anderen 
angewiesen sind. 



Spezielle Pathologie and Therapie der Neurosen nnd Psychosen. 157 

Abraham nimmt in seinem Korreferat den Gesichtspunkt des 
Narzißmus auf und weist ihn schon in der Vorgeschichte vieler 
Männer nach, die jetzt an einer Kriegsneurose erkrankt sind. Bei 
vielen solchen „Disponierten" wirkt ein psychisches Trauma un- 
heilvoll, wenn es die (narzißtische) Vorstellung von der eigenen 
Unverlctzlichkeit und Unsterblichkeit erschüttert. Daß schwere 
organische Schädigungen, wie VerJust eines Auges oder einer Extre- 
mität, verhältnismäßig gut, ja mit Euphorie überwunden werden, 
erklärt sich u. a. aus einer Steigerung der Selbstliebe. Ebenfalls 
für den Verlust der soldatischen Hingabefähigkeit und für das 
Überwuchern analer Charakterzüge (Rentenkampf!) bildet der Rück- 
fall in den Narzißmus eine wesentliche Ursache. Das Gefühl, 
schwer und unheilbar geschädigt zu sein, erklärt sich bei objektiv 
geringfügiger Schädigung aus der inneren Wahrnehmung eines 
psyehoseaniellen Umschwunges. Dem Kranken ist ein erheblicher 
Teil seiner Objektliebe verloren gegangen, und hierin liegt für 
ihn allerdings ein schwerer Verlust. Bezüglich der Aussichten der 
psychoanalytischen Therapie der Kriegsneurosen, wenn sie in grö- 
ßerem Umfange ermöglicht werde, gibt Abraham sich günstigen 
Erwartungen hin. 

S i m m e 1, der bereits in seiner oben zitierten Monographie 
für die analytische Therapie der Kriegsneurosen eingetreten ist, 
begründet in seinem Eudapester Korreferat nochmals seinen Stand- 
punkt über kathaxtisch wirkendes Abreagieren. Simmel legt großen 
Wert auf das Abreagieren in der Hypnose, betont aber außerdem 
besonders den Wert der Traumdeutung und benützt auch die Hypnose 
dazu, die Patienten in seinem Beisein träumen zu lassen. Unter 
seinen vielfältigen therapeutischen Erfahrungen erörtert Simmel 
namentlich die hysterischen Anfälle. In ihnen gelangen verdrängte 
Affekte, die sich unter der militärischen Disziplin nicht hatten 
äußern können, zur Abfuhr. 

In therapeutischer Hinsicht berichtet Simmel außerordentlich 
Günstiges. Zum Schlüsse hebt er den Unterschied in der Wirkungs- 
weise seines und der sonst geübten Verfahren hervor. Während 
diese im wesentlichen auf einer Anwendung von Zwang und Ein- 
schüchterung beruhen, nimmt die Psychoanalyse dem Patienten die 
Fesseln der Krankheit ab. 



158 Dr. Karl Abraham und Dr. J. Hdmifc 

Der Beitrag 1 von Jones, der als Vortrag in englischer Sprache 
erschienen ist und daher in diesem Literaturbericht unter den eng- 
lischen Arbeiten besprochen wird, erörtert die Frage, inwieweit die 
Kriegserfahrungen Freuds Theorie widerlegen oder unterstützen. 
Jones findet in den Kriegsneurosen das llotiv der Flucht in die 
Krankheit, die Erfüllung verdrängter Wünsche usw. Er kommt 
ebenfalls zu dem Ergebnis, daß die Kriegsneurose eine Reaktion 
gug&n. die sich verdrängende Ich-Libido, also gegen den Narziß- 
mus sei. 

Ff ist er (31) weist darauf hin, daß es Kriegsneurosen gibt, 
bei denen es sich nicht um eine narzißtische Libidostauung, 
sondern um eine regelrechte Übertragungsneurose handelt. 
Sie hatten vollen Anspruch auf den Namen Kriegsneurosen und 
böten klinisch denselben Anblick dar, und doch liege ihre Ursache 
in einer Liebesversagung. Man fände sie häufig in den Gefangenen- 
und Interniert enlagern, welche die Gefahr der Rückkehr an die 
Front von vornherein ausschlößen. Wobei doch der Autor dem fch- 
Konflikt eine ihm nicht zugestandene entscheidende Eolle in der 
Genese dieser traumatischen Neurosen unterschiebt. Daß den Kriegäj- 
neuiMsen fast immer übertragungsneurotische Anzeichen beigemengt 
sind, ist am Kongreß ausgesprochen und auch vom Autor richtig 
erkannt worden. 

D. Geistesstörungen. 

Bleulers Lehrbuch der Psychiatrie (5) verdient hier der Er- 
wähnung in erster Linie, weil es- geeignet ist, die psychoanalytische 
Betrachtungsweise der Geistesstörungen in weiten Kreisen der Ärzte 
zu propagieren. 

"Wanke (54) gibt eine Darstellung des Krankheitsbildes der 
Dementia praecox unter Anwendung psychoanalytischer Gesichts- 
punkte. 

Bähmis Dissertation (33) gibt interessante Belege für den 
praktischen "Wert eines verbesserten psychologischen Verstehens der 
Geisteskrankheiten. Der Nachweis wird erbracht, daß die Anstalts- 
bchandlung der Schizophrenen sich seit Anwendung der psycho- 
analytischen Auffassungen bedeutend verkürzt hat. 



Spezielle Pathologie and Therapie der Neniosen und Psychosen. 159 

Der von Freud (18) besprochene Fall von Paranoia ■wider- 
spricht der Theorie nur äußerlich. Der „Verfolger" der paranoi- 
schen Patientin ist ein Mann, während die Theorie der paranoischen 
Projektion uns erwarten läßt, daß die verfolgende Person dem 
gleichen Geschlecht wie die verfolgte angehört. Es wird aber nach- 
gewiesen, daß der Wahn sich ursprünglich gegen eine weibliche 
Person (Muttervertreterin) richtete, und daß die Patientin erst auf 
dem Boden der Paranoia den Fortschritt vom Weibe zum Manne 
vollzog. 

Kaplan (26) konnte bei einem jungen Manne einen Ver- 
folgungswahn in staüi nascendi beobachten. Der Ausbruch erfolgte 
auf das väterliche Verbot heterosexueller Betätigung, welches die 
Libido in narzißtisch-homosexuelle Bahn wies. 

Die uns vom Traum her geläufige Bedeutung von Rechts und 
Links fand Stärcke (44) auch in den Wahnbildungen eines Geistes- 
kranken. Er gibt u. a. die ansprechende Erklärung, daß Links 
die tiefer verdrängte, also weniger bewußtseinsfähige Tendenz ver- 
trete. In dem mitgeteilten Falle macht Stärcke es wahrschein- 
lich, daß ursprünglich Vorn und Hinten (Genital- und Analzone) 
die Bedeutung hatten, welche dann von Rechts und Links über- 
nommen wurde. 

Ferenczi (9) bringt Beobachtungen über die latente Homo- 
sexualität, über verdrängte Ihzestwünschc usw. bei Geisteskranken, 
ferner Bemerkungen über die paranoische Systembildung und über 
den Zusammenhang katatonischer Erscheinungen mit sexuellen 
Sensationen. 

Ein akut Geistesgestörter gab Hollos (24) gute Einblicke in 
dem Aufbau der Psychose. Bemerkenswert ist neben dem fast un- 
verhüllten Hervortreten der inzestuösen Regungen die Bedeutung 
verdrängter Riechlust. 

Bei Ausbruch der Psychose befand sieh die katatonische Pa- 
tientin Landauers (28) in homosexueller Einstellung gegenüber 
ihrer Stiefmutter, in feindseliger Einstellung gegenüber dem Vater, 
mit welchem sie sich unbewußt gleichzeitig identifizierte. Die 
Spontanheilung setzte mit einer Umkehrung dieser Einstellung ein, 
welche durch Libidoübertragung auf eine etwas virile Pflegerin 
in der Irren ajistalt ermöglicht war. Verfasser würdigt eingehend 



Igß Di, Karl Abraham und Dr. J. Hiraik. 

die Vorgänge der narzißtischen Objektwahl bei der Patientin sowie 

die mit dem Narzißmus zusammenhängende Neigung zur Identi- 
fizierung. 

Mit seiner Arbeit über den ..Beeinflussungsapparat" im "VTalui 
der Geisteskranken hat der unserer Wissenschaft so früh entrissene 
Tauak (32) einen letzten psychoanalytischen Beitrag geliefert, da- 
von glänzender psychologischer Begabung zeugt und das Problem 
erschöpfend behandelt, 

"VVic in den Maschinenträumen, so stellt auch in den Wahn- 
gebilden der Apparat zunächst das Genitale des Kranken dar. Ein 
Hinabsteigen zu den tieferen Schichten zeigt uns aber, daß der 
gesamte Körper vom Unbewußten als ein einziges Genitalorgan auf- 
gefaßt wird. Der Autor erörtert weiter den Vorgang der Projektion, 
durch welchen die Genital Veränderungen (Erektion usw.) auf eine 
äußere Einwirkung zurBckgeführt werden. Er bringt dieses Ver- 
halten in Zusammenhang mit dem Narzißmus. Im frühen narziß- 
tischen Alter ist das Kind noch nicht im stände, zwischen seinen 
eigenen körperliehen Impulsen (wie Stuhldrang usw.) und. den von 
anderen Personen an ihm vorgenommenen Eingriffen bestimmt zu 
unterscheiden. Der schizophrene Prozeß besteht in einer Regression 
auf dieses frühe Stadium der Libidoentwicklung. 

Stäreke (46) weist nach, daß der Inhalt des Verfolgungs- 
wahnes sehr oft die anale Verfolgung ist. Es sei wahrscheinlich, 
daß anfänglich eine unbewußte Identifizierung des geliebten Ob- 
jektes mit dem Skybalum vorhanden war und daß in dieser Iden- 
tifizierung der nähere Grund für die spezielle Ambivalenz in der 
paranoischen Wahnbildung gegeben ist. Das Skybalum ist der pri- 
märe (reelle) Verfolger, der anale Gewalttaten ausübt, welche zu 
gleicher Zeit Lusttaten sind. So wird die aus der Analerotik dem 
Narzißmus zufließende Komponente teils positiver, teils negativer 
Natur sein. Bei der Entstehung eines Wahnsystcms regrediert we- 
nigstens ein Teil der sublimierten Homosexualität zur narzißtisch sa 
Analerotik; diese wird, soweit sie positiv ist, zur Rekonstruktion 
(in der Form des Größenwahnes) verwendet, soweit sie negativ ist, 
als Verfolgungswahn in die Projektion abgeführt. 

Die von Deutsch (7) beobachtete Geisteskranke war mit zwei 
Jahren erblindet. Als sie im erwachsenen Alter geisteskrank wurde, 



Spezielle Pathologie nnd Therapie der Neurosen nnd Psychosen. 161 

traten bei ihr visuelle Träume auf. die sie vorher (wie andere Früh- 
Blinde) nicht gekannt hatte. Verfasser nimmt an, daß die Schizo- 
phrene im Traum auf tiefere seelische Sehächten regredierte, alf 
Normale es im Traum vermögen. 

Einen Vorstoß in das wenig erforschte Gebiet der Melancholien 
unternimmt Freud, indem er eine Form derselben behandelt. 

Von der Trauer, mit welcher sie viele Züge gemeinsam hat, 
unterscheidet sich diese Melancholie dadurch, daß sie sich auf einen 
dem Bewußtsein entzogenen Objektverlust bezieht. Freud (19) 
führt den Nachweis, daß die Selbstanklagen des Melancholischen 
eigentlich dem Liehesohjekt gelten, von dem er enttäuscht worden 
ist. Durch diese Enttäuschung wurde die Objektbesetzung erschüttert 
und damit eine narzißtische Besetzung des Ich herbeigeführt. Das 
letztere wird mit dem Objekt identifiziert. Das Objekt wird also 
aufgegeben, während die Liebe zu ihm sich in die narzißtische 
Identifizierung flüchtet. Die Selbstquälerei des Melancholischen 
und seine Selbstmordneigung werden aus der Ambivalenz der Ge- 
fühle verständlich. Haß und Rachsucht befriedigen sich am eige- 
nen Ich. 

Verlust des Objekts und Ambivalenz finden wir auch bei 
Zwangszuständen, die sich an einen TodesfaJl anschließen. Der 
Melancholie eigen ist eine Regression der Libido ins loh. 

Der Umschlag von der Depression zur Manie harrt noch der 
Erklärung. Sicher aber enthält die Manie ein Gefühl des Triumphes 
über die gelungene Überwindung des Objektverlustes. 

Durch Einführung des Begriffes der Pathoneurosen unternimmt 
es Eerenczi (19), die ätiologische Rolle der narzißtischen Re- 
gressionen von einer neuen Seite her zu beleuchten. 

Ausgehend von einem Falle von traumatischer (durch 
operative Kastration ausgelöster) Paranoia verweist er auf seine 
schon früher ausgesprochene Annahme, wonach das Liebesleben kör- 
perlich Kranker durch die Zurückziehung der Libido vom Objekt 
und die Konzentrierung alles egoistischen wie libidinösen Interesses 
im Ich gekennzeichnet wird (Krankheitsnarzißmus). Doch 
kann eine organische Krankheit, eine Verletzung oder Beschädigung, 
nicht nur eine narzißtische, sondern eventuell eine das libidinöse 
Objektverhältnis noch beibehaltende, „übertragungsneurotische" 

PvcJxMoUytt, Borloht lew— 1919. *., 



1(32 ])r - ^rH Abraham and Dr. J. Hnrnik. 

Libidostörung zur Folge haben, für welchen Zustand der Autor 
dfn Namen Krankheitshysterie (Pathohysterie) vorschlägt 
und seine Unterschiede von der Sexual neuro se Freuds 1 ) und 
von der Hypochondrie, der dritten Aktualneurose 2 ), abgrenzt. 
Zu einer weitergehenden Regression in den Narzißmus und zur Ent- 
wicklung eines Krankheitsnarzißmus oder echten narzißtischen Neu- 
rose kann es kommen, 1. wenn der konstitutionelle Narzißmus schon 
vor der Schädigung allzu stark war, so daß die kleinste Verletzung 
das ganze Ich trifft, 2. wenn, das Trauma lebensgefährlich ist oder 
für solches gehalten wird, das heißt die Existenz (das Ich) über- 
haupt bedroht (traximatisohe Neurose, Kriegsneurosen), 3. in- 
folge der Beschädigung eines besonders stark libidobesetzten Körper- 
teiles, mit dem sich das ganze Ich leicht identifiziert. 

Solche Kürperteile sind im allgemeinen die erogenen Zonen» 
besonders aber das Genitale (Paranoiaerkrankung nach Kastration!) 
und die „genitalisierten" Gesichtspartien. Diese Stellen sind eher 
als andere dazu geneigt, auf ihre Erkrankung oder Verletzung nar- 
zißtisch zu reagieren. Es hat aber den Anschein, daß überhaupt an 
verletzten oder erkrankten Körperstellen eine größere Libidomenge- 
aus den übrigen Organhesetzungen zusammenströmt. Wenn sich aber 
das Ich dieser lokalisierten Libidosteigerung mittels der Verdrängung 
erwehrt, so mag eine hysterische, wenn es sich mit ihr vollkommen 
identifiziert, eine narzißtische Pathoneurose, eventuell ein- 
facher Krankheitsnarzißmus erzeugt werden. 

Oberholz er (29) behandelt in beschreibender Form Erschei- 
nungen, die vielleicht durch Ferenezis eben dargelegte Gesichts- 
punkte eine tief ergehende Erklärung finden könnten. In zwei Fällen 
von Schizophrenie (Katatonie) haben Angst und Schrecken aus- 
lösende Schockwirkungen (Ich-Bedrohung) ein vorübergehendes 
Zurückfinden zur Realität ermöglicht 3 ). 

S. Alkoholismua. 

Tausk (49) zieht zum Verständnis des alkoholischen Beschäf- 
tigungsdelirs eine bei neurotischen Personen vorkommende Traum- 
form, den Beschäftigungstraum, heran. Dieser gleicht dem Delir 

*) Vgl. das Referat darüber im Jahrb. VI. S. 327. 

3) Vgl. das Hefcrat über Nr. 17. V. S. 149. 

s 5 Vgl, jetzt auch Freud: Jenseits des Luatprinzips, 1930, S. 31. 



Spezielle Pathologie und Therapie der Neuronen und Pijchosen. 163 

darin, daß der Träumer mit alltäglichen Verrichtungen eifrig be- 
schäftigt und dabei von der Angst des Nichtfertigwerdens geplagt 
ist. Der Beschäftigungstraum ist ein Koituswunschtraum, dazu 
bestimmt, die Impotenzangst oder andere Sexualhemmungen zu ver- 
decken. Mit dem Koituswunsch tritt der Trieb zur Onanie in 
Konflikt. Das Beschäftigungsdelir dient der Darstellung der glei- 
chen Tendenzen. Der Alkoholiker ist heterosexuell gehemmt. Er 
erwehrt sich der Homosexualität, ebenso der autoerotischen Betä- 
tigung, seine Libido verharrt also auf der Objektstufe. Von be- 
sonderem Interesse ist der eingehende Nachweis, daß „Arbeiten" 
in der Sprache des Traumes bzw. des Unbewußten überhaupt die 
Bedeutung der Sexualbetätigung hat. 

In einem für weitere ärztliche Kreise bestimmten Artikel 
illustriert Sadger (36) an einem gut gewählten Fall den Zusam- 
menhang zwischen unbefriedigten Liebesbedürfiiissen (verdrängter 
Homosexualität) und Trunksucht. 

Juliusburger (25) kommt in seiner kasuistischen Arbeit zu 
ähnlichen Resultaten. 



11« 



Ethnologie und Völkerpsychologie. 

Referent: Dr. Geza RÖheim (Budapest). 

Die mit einem * versehenen Arbeiten sind vom psychoanalytischen Standpunkt 

geschrieben *■). 



Literatur; 1. 'Abraham: Über Einschränkungen und Umwandlungen 
der Schaulust bei den Fsychoneurotikern. J'j. VI. 1914. 23— 89, -- 2. *Dcrs.: 
über neurotische Exogaroie. J. in. 1914. 499—591. — 3. Bcrnard Ankermaun: 
Verbreitung und Formen des Toteinismus in Afrika. Zeitschrift für Ethnologie. 
1915. Jahrgang XLVII. 114—180. — 1. Dora.: Totenkult und Seelenglaube bei 
afrikanischen Völkern. Ebenda. 191 8. 89—153. — 6. I. Larguir «loa Ranccls: 
Sur les Originos de la Notion dal' Arne a propos d'une Inberdiction de Pythagors. 
Archives de Psychologie. Tome XVII. 1918. 58. — 6. Hans Bftchtold: Zum 
Ritus der verhüllten Hände. Schweizerisches Archiv für Volkskunde. XX. (Fest- 
schrift für Hoffrnann-Krayer.) 191G. G. — 7. *Hans Bitther: Die Rolle der 
Erotik in der männlichen Gesellschaft. Jena 1919. 2 Bande. — 8. Franz Boll: 
Oknos. Archiv für Religionswissenschaft. 1918. 151. — 9. F. Bork: Tierkreis- 
forschungen. Anthropoa. 1911. Heft 12. — 10. *A. A. Drill: Die Psychopatho- 
logie der neuen Tänze. J. in, 1911 101. — 10a. llusclmn: Das Männerkindbett. 
Zeitschr. f. Sex.-Wissen. IL S. 203. — 11. *Robert Eialor: Der Fisch als Sexual- 
symbol. J. III. 1G5. — 12. *Paul Federn: Die vaterlose Gesellschaft. Wien 1919. 
(Der Aufstieg Nr. 12/13.) — 13. Engen Fehrle: Zum Verhüllen im deutschen 
Volksglauben. Schweizerisches Archiv- für Volkskunde. 1916. XX. 120. — 11. 
*B§l(v Felazegby: A pAn oomplexum (PaD-Komplex). Iluazadik Szäzad 1919. 
— 10. *S. Ferenczi: Zar Psychogenes« der Mechanik. J. V. 1919. 39i. — 15a. 
"VV. Foy: Über das indische Ioni-Synibol. I91G. — 16. ''S. Freud: Das 
Tabu der Virginität. Sammlung kleiner Schriften zur Neizrosonlehr-\ Vierte 
Folge. 11U8. 229. — 17. *Fritz Giese: Sexualvorbilder bei einfachen Erfin- 
dungen. J. III. 521. — 17a. Hall G. Stanley: Spiel, Erholung, Rückschlag. 

l ) Ich hielt es hie und da für angebracht, die Aufmerksamkeit der Psycho- 
analytiker auch auf Arbeiten zu lenken, die der Psychoanalyse feniB leheu, aber 
das Material doch so zusammenzufassen, daß eine psychoanalytische Fortführung 
der Arbeit für den Geschulten dabei unmittelbar auf der Hand Hegt, oder aber, 
die zu Schlußfolgerungen gelangen, die auf psychoanalytische Fragen Bezug 
haben. Hier ist die Auswahl eine rein subjektive, ich erkenne bereitwilligst 
an, auch ein Mehr oder ein Weniger wäre ebensogut möglich gewesen. Werke, 
wie z.B. Wund t a Völkerpsychologie, mit denen eine Auseinandersetzung vom 
Standpunkte der Psychoanalyse wohl den Rahmen eines Referates sehr über- 
schritten hätte, wurden nicht berücksichtigt. 



Ethnologie und Völkerpsychologie. 165 

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Ethnographia. 1917 und in Buchform 1917, — 48. *Ders:. A kazar es a 
magyar nagyfejedelem. (Der Großfürst der Cliasaren und der der Magyaren.) 
Ethnographia. 1918. 142. — 49. *Ders.: Payolioanalysis t>s ethnologia. (Psycho- 
analyse und Ethnologie.) I. Az ambivalentia, da a megforditds törvenye. (Die 
Ambivalenz und das Gesetz der Umkehrung.) Ethnographia. 1918. 19. IL Asym- 
bolumok tartalma £a a libidü fejlödestörtenete. (Die Bedeutung der Symbole 
und die Entwicklungsgeschichte der Libido.) Ebonda 206. — 50. *Ders.: Ne- 
fanda cormina. Ethnographia. 1918. Jahrg. XXIX. 271, — 51. »Dera.: Spiegel- 
lauber. Internationale Psychoanalytische Bibliothek. Nr. 6. 1919. (Kap. I— III 
auch J. V. 62.) — 32. *Ders.: Allerseelen im Volksbrauch und Volksglauben. 
Pester Lloyd. 1919. 4. XL — 53. *Ders.: Skfc Nikolaus im Volksbrauch und 



Dr. Gaza Büheim. 

Volksglauben. Pester Lloyd. 1919. 7. XII. (52 und 53 unter dem Pseudonym 
„Helios".) — 54. Paul Sartori: Diebstahl ala Zauber. Schweizerisches Archiv 
für Volkskunde. XX. 1916. 380. — 55. Pari! Schilder: Walui und Erkenntnis. 
Monographien aus deo± Gesamtgebiete der Neurologie und Psychiatrie. Heft 15. 
Berlin 1918. 57—112. Kap. III. Völkerpsychologie und Psychiatrie. — 56. H. Sil- 
berer: Buren Tod zum Leben. Baitr. z. Geschichte der neueren Mystik und 
Magik. 4, 1915. — 56a. SC, Soederblom: Das Werden des Gottesglaubens. 1916. 
— 56b. Heinz Werner: Die Ursprünge der Metapher. Arbeiten zur Entwick- 
lungspaychologie. Heft 3. 1919. — 57. Waldemar Znde: Der Kuckuck in der 
Sexualsymbolik. Zeitschrift für Sexualwissenschaft. IV. 1917/18. 88. 

Die Grundlegung der psychoanalytischen Völkerpsychologie ist 
unhestrittenerweise Freuds „Totem und Tabu", indem hier die 
phylogenetischen Parallelen des ontogenetischen Ödipuskomplexes auf- 
gedeckt wurden. Die hier gewonnenen Resultate wurden in den Ar- 
beiten von Reik bestätigt, denen wohl die bedeutendsten J?ort- 
Hchritte dieser Berichtsperiode zu verdanken sind. 

Reik geht von. der Beobachtung aus, daß ein gemein-iauior Grundzug der 
Männerweiheriten in der Tötung und Wiederbelebung der Jünglinge zu finden 
iat (41). Wir dürfen annehmen, daß das beutegierige Ungeheuer, welches, die 
Jungen angeblich vorschlingt, das To tendier darstellt, welches die Primitiven 
bekanntlich al3 ihren. Ahnherrn verehren. Um diese Riten zu verstehen, müssen, 
wir von der ambivalenten Bolle ausgehen, welche die Väter als Quäler und Be- 
schützer der Jugend gegenüber einnehmen. Es ist klar, daß wir in den Un- 
geheuern nur die projizierte Feindseligkeit der Väter zu erblicken haben. Die- 
selben Regungen sind im Ritus der Iiosehneidung am Werke. Dieser ist als 
Kastrationsäquivalent zu verstehen, welches das Inzestverbot aufs wirksamste 
unterstützt. Motiviert ist der Ritus durch die unbewußte Vcrgeltungsforcht 
des zum Vater gewordenen Mannes: er fürchtet die Realisierung seiner eigenen, 
gegen den Vater gerichteten Kastrations wünsche, deren geschädigtes Objekt er 
nun selbst sein konnte, vom eigenen Kinde (oder: sein Ubw. versteht die im 
Ubw. der Kinder latenten Triebe und rächt sich an diesen laut dem Prinzip des 
jus talionis); or identifiziert sich solchergestalt mit dem eigenen Vater, der im 
Ritus als Großvater-Ungeheuer erscheint. Tötung und Auferstehung verhalten 
sich zu einander wia die Elemente der zweizeitigen Zwangshandlungen der 
Nourotiker: in der einen Handlung kommt der Haß, in der zweiten die Liebe 
und Zärtlichkeit zum Ausdruck: dadurch deuten die Väter den Söhnen ihre 
Bereitschaft an, sie in den Kreis der Männer aufzunehmen, aber erst, wenn sie 
auf ihre Intantilismen verzichten. 

Der Verfasser sieht in den Pubertätsriten eine Wiederholung der Uraituit- 
tion, wie wir sie bei der Entstehung des Totemsyatems denken müssen. Hier 
wie dort folgt auf dio vehemente Durchsetzung der Feindseligkeit die reaktive 
Zärtlichkeit, die sich in der Identifikation mit dem Totem ausdrückt. (S. 192.) 

Daß der Jüngling vom Totemtier, also vom Vater, wiedergeboren wird, 
bedeutet die Loslosung aus der Inzesteinstellung, durch Rückgängigmachen der 
Grundursache des Iuzestbegekivns, der Geburt von der Mutter. In diesen 
Pubertätsriten stehen einander bereit« zwei Altersklassen gegenüber. Diese 
Altersklassen sind überall, bei den Primitiven schon von Schurfcz, als die 
Trägerinnen des Stammesgedankens aufgezeigt worden, in ihnen offenbart sich 
die gegenseitige Sympathie, das heißt die unbewußten homosexuellen Regungen. 



Ethnologie und Völkerpsychologie. 167 

liier findet sich also die Bestätigung der Freud sehen Vermutung, derzufolge 
die Brüder nach der Ursache des Vatermordes irgend eine Organisation gegründet 
haben müssen, die auf der homosexuellen Gefühlseinstellung' ruhte. 

Eine ähnliche Kompromißbildung' zwischen Ödipuseinstellung 
und Vergeltungsfurcht, Aggressivität und Zärtlichkeit ist auch das 
Männerkindbett der Primitiven (39). (Vgl. auch 39a, 10a.) 

Das Männerkindbett entsteht, indem das Gefühl der Zärtlich- 
keit für den Sohn die Vergeltungsfurcht unterdrückt, so daß diese 
sieh nur mehr in. Kompromißhandlungen, das heißt Riten, äußert. 

Inhaltlich verwandt ist die Arbeit über das Kainszeichen (43), 
welches von der Bibelkritik als Stammestätowierung der Keniter 
aufgefaßt wird. Auch hier handelt es sich um ödipuseinstellung 
und Vergeltungsfurcht. "Wir hätten also in der Marke Kains ur- 
sprünglich ein Kastrationsäquivalent, Talionsstrafe des begangenen 
Inzests. Der Versuch Levys (29), die Argumente des Verfassers 
zu widerlegen, scheint mir durchaus unzureichend und auf einem 
Verkennen der Mechanismen des Ubw. zu beruhen. In dem ersten 
Teil von 13.ei.ks „Probleme der Religionspsychologie" sind vier 
Arbeiten vereinigt, und zwar Nr. 39, 41, in erweiterter Fassung, 
ferne]- „Kolnidre" und „Der Schofar". 

Bei den Primitiven gilt als ein wesentlicher Teil des Eides eine Handlung, 
welche das Unglück symbolisiert, das den Meineidigen treffen soll, z. B. das 
Gefressenwerden durch ein wildes Tier. Eine alttestamentliche Analogie findet 
sich zu diesen Formen des Eides im „Brith", dem Bunde zwischen Jahve und 
Abraham. Laut dem Verfasser ist die Brith die Vorstufe des Opfersakramentes, 
eine Zwischonform, die sich aus dem Urbild der Totemmahlzeib entwickelt hat. 
Die Selbstverfluchung muß als Reaktion auf eine vorausgegangene Gewalttat 
betrachtet werden, deren Natur der Ritus der Tierteilung andeutet, wenn man 
ihn mit der Freu dachen Erklärung des Totomismus vergleicht. Ursprünglich 
handelt es sich um eine Selbst bes trafung für unbewußte Mordimpulse. Die 
Zerteilung des Tieres sei eine symbolische Wiederholung des Tatermordes; 
daran schließt sich die in Aussicht gestellte fürchterliche Strafandrohung im 
Falle einer Wiederholung. „Die Brith stellt uns den ersten, feierlichen Ver- 
söhnungsversuch mit dem toten Vatergott vor Augen" (S. 155). In der Kolnidre- 
formel handelt es sich, so meint der Verfasser, eben um die Auflösung der durch 
die Brith übernommenen Verpflichtungen, gegen deren Einhaltung im Gläubigen 
unbewußte Gegenströmungen bestehen. 

Wir liätten also im Kolnidre nichts Geringeres als das öffentliche Be- 
kenntnis, das Geständnis, die Beichte „gewünschten Vater- und Gottesmordes". 

Gerade die Sühnehandlung, die Opferung eines Sündenbockes (Totemtier), 
stellt die Erneuerung des Verbrechens dar, und ist somit dem Durchbrach der 
verpönten Regungen im Kolnidre analog. Hietauf folgt eine Untersuchung 
über einen anderen Situs des Versöhnungstages, über das Schofar blasen. Ur- 
sprünglich ist es Jahve selbst, der am Sinai das Widderhorn ertönen läßt, oder 
eigentlich als Widder brüllt. Iteik lädt das Material über Stiere und Widder 



168 Dr. Gera Bdheim. 

als Götter im alten Orient folgen: die Schlußfolgerung, dafl auch Jahve ein&t 
als Stier oder Widder verehrt -wurde, liegt auf der Hand. Besonder» geeignet zur 
Symbolisierang der -väterlichen Gottheiten sind die Homer, die überall als Sym- 
bole der Kraft gelten. Der Priester, der das Schofar bläst und so die göttliche 
Stimme nachahmt, identifiziert sich also mit Gott wie jene Söhne der Urhorde, 
die den Vater ermordeten, allmählich das Wesen und die Äußerung« formen des 
"Vaters nachahmten. 

Das Schof arblasen ist nach Überlieferung einer Erinnerung an die Opfe- 
rung Isaalks. Die Sinaioffenbarung entspricht also den Riten, welche un« die 
Forscher von der Pubertätsfeier der Primitiven berichten. Wie bei der Opferung 
IsaakB wird auch bei den Männerweiheriten die Tötung der Söhne angedeutet, 
und wie der Befehl zur Opferung des Sohnes, Abraham entgegen von Jahve aus- 
geht, so ist auch der Schwirrholzgeist, ein Ungeheuer, demgegenüber die Väter 
ihre einzuweihenden Söhne in Schutz nehmen. Mit Recht hat die späte Tra- 
dition das Sohofarblasen mit jenem Bericht von Isaaks Opferung verbunden: 
lebt doch auch in ihm, wenngleich verhüllt genug, die Erinnerung an die alte 
Blutschuld. Der Verfasser zählt in vollkommen überzeugender Weise die ge- 
meinsamen Züge auf (Heiligkeit, Absonderung, Stimme des Urvaters usw.), 
die dem Schofar und dem Schwirrholzgeist der Pubertätsriten eignen. Die 
Stimme des Schofars wird mit dem Brüllen eines Stieres verglichen, das Schwirr- 
holz heißt im Englischen bull-roarer. 

Die Stimme Jahres also, die nach dem biblischen Bericht vom Sinai tönt 
und die Juden erschreckt, ist ihrem Wesen nach mit der Stimme des Schwirr- 
holzes, welche die Jünglinge bei der Männerweihe erschüttert, identisch. „Der 
großartige Apparat, der in der Sinaiperikope aufgeboten wird, darf nicht irre 
machen: hier wie dort werden die Mitglieder eines primitiven Klans, die jetzt 
die ehernen Grundgesetze der Stammesreligion kennen, lernen sollten, durch 
geheimniavoUe und unheimliche Töne erschreckt, in welchen sie die Stimme 
ihres schrecklichen Gottes erkennen." 

Schlagend wirä dies durch das australische Material erwiesen, hier finden 
wir die Schwirrholzgeister als Söhne des Gottvaters, die von ihm als Strafe 
ihrer Auflehnung getötet wurden, deren Stimme im Schwirrhola weiterlebt. 
(S. 247.) Mit dem Ursprung der Musik ist auch der des Tanzes verwoben, die 
Juden, die das goldene Kalb -umtanzen, identifizieren sich mit der Gottheit. 
Der Hymnus der griechischen Tragödie ist eine Nachahmung des Schreiens 
des Dionysios, die Laut© des Bocks sowie der Chorreigen die Nachahmung 
seiner Sprünge und Bewegungen. In einem Anhang geht der Verfasser vom 
Moses des Michelangelo aus und setzt seine Deutung der Sinaivorgänge fort. 
Dio Hörner und der ganze. Gceichtsausdruok deuten eine Identifikation mit 
Jahve an. „Die Erkenntnis von der psychologischen Identität JahVes und 
des goldenen Stierbildes liefert den Schlüssel zum Verständnis der ganzen Er- 
zählung." (S. 271.) Das Kalb wird aber in Pulverform auch vom Volke verzehrt 
und hier haben wir das sakramentale Essen, das Totemopfer. 

In, den zwei letzten Arbeiten (Kolnidre und Schofar) werden 
einzelne Züge eines Jahresfestes (Versöhnungstag) aus den Männer- 
weiheriten gedeutet: daran knüpft sich eine kleine Arbeit des 
Referenten (53). 

Die verschiedenen kinderschreckenden Masken der Winterfeste 
im europäischen Volksglauben sind herabgesunkene Vertreter der 



Ethnologie und Völkerpsychologie. ]@9 

Maskengestalten der Naturvölker, die im Ritus der Männer weihe 
auftreten. 

Die kleineren Beitrag? Reiks können als eine Fortsetzung 
der Richtung angesehen werden, die im „Kolnidre" und „Schofar" 
angebahnt wurde. Die Erzählung vom nächtlichen Ringkampf 
Jakobs mit Jahve zu Penuel wurde von Roseher als ein Ringen 
mit dem Alp gedeutet. (W. H. R. Röscher: Ephialtes, 1900, 
38 — 41.) An diesen Alpträumen aber hat das sexuelle Schuldbewußt- 
sein mit der Furcht vor der drohenden Straie (Kastration) einen 
bedeutenden Anteil. Im Sohar findet sich die Meinung vertreten, 
die Spannader, die Gott dem Jakob verletzt, sei eigentlich der 
Pkallcs. In der Arbeit über Pubertätsriten wurde schon der Nach- 
weis geführt, daß das Hinken eine symbolische Kastration ist. 
„Wenn wir die Sage nun noch einmal lesen, fällt uns in der neuen 
Beleuchtung auf, daß diese ganze Situation, der Überfall, das 
Ringen mit einem geheimnisvollen Wesen, der neue Name und end- 
lich die Verstümmelung des Penis .... Ähnlichkeit mit anschei- 
nend weit abliegenden Vorgängen aufweist: mit den Pübertätsriten 
primitiver Völker." (S. 333.) 

Die zweite Abhandlung, „Die Türhüter', ist eine Erklärung 
von Jeremias 35, 4. Bei Zephanja wird das Hüpfen über die 
Schwelle erwähnt. Das Treten auf der Schwelle ißt ein Symbol 
für das Zerstören des Hauses, eine Symptomhandlung, welche die 
ubw. feindlichen Absichten gegen den Besitzer des Hauses (Jahve) 
verrät. Abschnitt III versucht, die Sünde der Volkszählung daraus 
zu erklären, daß sie gerade die ubw. feindliche Absicht der Ver- 
treter der Vaterimago (Gott-Vater, König-Vater) gegen das Volk 
(Söhne) verrät. Abschnitt IV, Die Bedeutung des Schweigens, geht 
von der bei den Propheten beliebten Metapher eines Strafgerichtes 
als eines Opfere aus. Aus dem Opferritual der alten Araber wissen 
wir, daß sie nach vollzogener Schlachtung eine Zeitlang stumm 
den Altar umgeben. Dieses plötzliche Verstummen ist nur eine 
Selbstbestrafung, ein symbolisches Totsein nach dem Tode des Vaters, 
welches als Urbild aller Opfer aufgefaßt werden muß. Daß damit 
nur eine der Wurzeln des rituellen Schweigens erklärt ist, gibt 
Reik natürlich zu. 



170 



Dr. Ge'za Köheim. 



Ausgehend von dem modernen und mittelalterlichen Geheim- 
bundwesen. versucht Silber er (56) eine Deutung der "Wieder- 
geburtsidee in den Manncrweiheriten der Naturvölker. Daa Ma- 
terial wird vorwiegend in, Anlehnung an Fr az er behandelt. Manche 
Einzelheiten der Symbolik der Mäiinerwcihebräuche, wie Feuerreiben, 
Baum (S. 39, 40), werden ins richtige Licht gerückt, im ganzen 
kommt es aber bloß zur „aaagogisehen" Deutung der Wiedergeburt 
als einer „radikalen Umwälzung im Leben" und als Symbol der 
„Beziehung zum Göttlichen" (S. 50). Erklärungen, die eben das 
zu Erklärende unerklärt lassen, zumal aber seit den Arbeiten lloiks 
über denselben Gegenstand als vollkommen überholt gelten müssen. 

Die nächste Arbeit führt uns vom Totemismus zur nächsthöheren 
Erscheinungsform derselben Komplexe zum. Sakralkönigtum. 1 ). Re- 
ferent versucht (69 t, die zerstreuten Angaben über Sakralkönigtum 
bei den TJralaltaicrn in den Fraz er sehen Zusammenhang einzu- 
fügen und auch darüber hinausgehende Schlußfolgerungen zur psy- 
chologischen Erklärung dieser Kiten, zu ziehen. 

Der erste Abschnitt handelt über das doppelte Königtum. Bei den alten 
Ungarn, Chasaren und anderen uralataischen Völkern findet man die Institution 
des doppelten Königtums, d. h. die Oberherrschaft ist in eine sakrale und welt- 
liche Hälfte gespalten (Mikado und Shogun). Die Herrscher de3 Mikadotypus 
sind die Projektionen der unbewu8ten Vorstellung des alternden Vatora, während 
der Shogun dem erwachsenen Sohne, dem Führer des Männerbundes, entspricht, 
als solcher aber augleich eine Abspaltung, Verdoppelung des Vaters ist. Laut 
der Überlieferung in Tonga gab ein Königsmord die Ursache zur Errichtung des 
Doppclkönigtums: der Sohn rächt den Vater und teilt seine Würde mit seinem 
Bruder. Das „Rächen" verdankt seinen Ursprung einer sekundären Bearbei- 
tung, ursprünglich war eben der Sohn der Mörder seines Vaters. Bei den Moithei 
erscheint ein zweiter Herrscher, d&ssen Funktion darin besteht, daß er alle 
Sünden und bösen Geistor (d. h. die unbewuflten Triebregungen) vom Radscha 
und Volke abwendet und auf sich nimmt. Ein ähnlicher Doppelgänger de» 
Königs findet sich bei den Ewhe: er trägt des Königs unverwundbar machenden 
Mantel, muH sich aber vor dem Weibe und vor dem Urinieren hüten (L'nFerwond- 
borkeit alB Cberkompensiening der Kastrationsangst). Gehorsam wird bloß den 
Vertretern des Shogiuxtypus gezollt: der Mikado ist eine Entthronung und zu- 
gleich eine Apotheose des Vaters. Der aweite Abschnitt unterzieht die Riten 
des Königsmordes und der Krönung einer Analyse. Bei den Shilluk wird der 
König getötet, wenn er seine zahlreichen Weiber nicht mehr befriedigen kann. 
Seine Hauptaufgalxs besteht darin, Regen zu zaubern oder von üyakang zn er- 
flehen. Dieser Nyakang ist ein kegelförmiger Gegenstand, menschenähnlich 
geschnitzt, das Abbild des ersten Königs. (Das Wort bedeutet zugleioh Familie, 
Groflvater und Schlange.) Somit scheint die rogenzaubernde Tätigkeit des 

i) Das Referat ist bei den Arbeiten in ungarischer Sprache, da das Original 
der Mehrzahl der Analytiker nicht zugänglich ist, etwas ausführlicher »ehalten. 



Ethnologie und Völkerpsychologie. 171 

Königs eine Projektion seiner Geschlcchtskrait zu sein, während Nyakang und 
die entsprechenden Gottheiten wiederum übernatürlich« Projektionen des Vaters 
und des Phalloa sind. Ebenso wird Etzola Tod in der Brautnacht der sexuellen 
Impotenz und dem darauf folgenden Königsmord zugeschrieben, und dag Nasen- 
bluten als Ursache seines Todes ist eine Verschiebung doa Knstratioiiskomplexcs 
nach oben. Nun wird der Sakralkönig der Ohasaxen getötet, und zwar vom 
Shogun, der Wut des Volkes ausgeliefert, wenn der Itcgcnfall ausbleibt, da* 
Land in irgend ein Unglück gerät, oder nach anderen Quellen, nach dem Ablauf 
von 40 Jahron. Ig&takhri und Ibn llaukal haben jedoch eino andere Variante 
aufgezeichnet. Bei seiner feierlichen Inthronisation wird dem Großkönig ein 
Scid^nstriok um die Kehle gelegt und er wird so lanpre gewürgt, bia er beinahe 
erstickt. Nun fragt man ihn, wie langt; or noch herrschen will, und wenn er 
innerhalb der von ihm angegebenen Periode stirbt, gesohieht ihm nichts, über- 
tritt er aber diese, so wird er getötet. Analoge Brauche der Tukiu, Mpongwe usw. 
werden herangezogen. Verfasser sieht in ihnen eine ambivalente Handlung, eine 
Wiederkehr des Verdrängten, indem die Absicht des Kynigsmordes gerade zur 
Zeit der Unterwerfung zum Durchbruch gelangt. Im Huldigungsakt steckt eine 
bloßo Prolongation seines Leben» und dabei wird die Verantwortlichkeit für seinen 
Tod auf ihn seibat abgewälzt. Diese aggressiven Huldigungsriten sind den An- 
pfiffen der Nacliburn auf den eben Vater Gewordenen tCelebes, Karaiben) zu 
vergleichen und von ihnen abzuleiten. Diu Todcsan der K<Hig.\ das Iläügeti- 
iat durch den Wunsch des Vormi'idena des Blutvergießens determiniert, indem 
wieder die zärtliche Seite der Gefühle gegenüber dem Vater zum Ausdruck 
kommt. Angaben über den Brauch, daß Söhne „aus Pietät" ihre Väter er- 
hangen, werden aus Fidschi usw. herangezogen. 

Historisch ist es nicht belanglos, daß der große Sprung dar Magyaren am 
Anfang des elften Jahrhundert» vom asiatischen Nomadenleben in das euro- 
päische Mittelalter, ebenso durch eine regressive Neubelebung der sakralen 
Macht des Großkönigs (Stephan der Heilige) durchgeführt wird, wie der Mikado 
es ist, unter dessen Ägide es möglich wird, das mittelalterliche Japan in einen 
hochmodernen Staat zu verwandeln, Abschnitt III behandelt das Verhältnis 
zwischen dem Herrscher und dem Himmlischen, Die Himmelaprojektion der 
Vatcrgewult ist eine weitergehende Verdrängung der unbewußten Komplexe, 
was aber natürlich keiner historischen Reihenfolge entspricht. Der Herrscher 
ist der Vater der Untertanen, aber der Sohn des nimmeis, Dia solare Sym- 
bolik, die himmlischen Lanzen und Schwerter als Königssymbole bei Oslasiaten 
und UralalUiitm werden behandelt. „Das Grab des Herrschers" heißt der 
TV. Abschnitt. Wie Etzel und Alanen findet auch der Chosarcmkönig sein 
Grab im Flusse und kehrt somit in den Mutterleib zurück. (Rein Grab heißt 
„Paradies".) Die zwanzig Gräber, die ihm zur Täuschung der bösen Dämone 
errichtet werden, Bollen den Mord zwanzigmal wiederholen (Zusatz im Referat) 
und zugleich die Dämone der Reue irreführen. Die Totengräber werden ge- 
opfert, um die Spuren der Freveltaten zu verdecken, aber auch, um die Schuld 
des Vatcrmordea auf ihre Schultern abzuwälzen und die Tolionatrofe an den 
Totengräbern zu vollziehen. Im Flußbett beendet also der König seine irdische 
Laufbahn und im Wasaerstrom betritt er säe wieder. (Zweitor Teil: Die Turul- 
s;ige; Abschnitt i: Eineses Traum.) Eraiac, die Mutter des geopferten Almoa, 
träumt nämlich einen Traum, wie Mandane „ab eventu divine nominatus eat 
Almoa (d. h. der Geträumte) quia matri eins pregnanti per sompnium apparuit 
divina visio in forma nstaris, que quasi veniens oain gravidavifc. Et innotuib 
ei, quod de utero eius egrederetur torrens et de lumbo oius reges gloriosi propa- 



172 Dr - Geza R<5heim. 

garf-ntur, sed non in sua multiplicarentur terra''. Die symbolische Bedeutung- 
des Wassers ist als 'Fruchtwasser und auch als Ejakulation aufzufassen. Ural- 
altaische Sagen werden herangezogen, in denen diu Ahnen des Stammes „Flull" 
oder ähnlich heißen. Nun haben wir ein© Variante des Traumes der .Mandant», 
in der eine Weinrebe die Stelle des Flusses einTiimnif, und dasselbe Symbol 
mit derselben Deutung der zukünftigen Größe der Nachkommen findet eich im 
Traume des Gründers der osnmiiischen Dynastie, der Er-Togrul, der männliche 
Turul (Adler oder Falke) heißt, also mit dem befruchtenden Vogel im Traume 
der Emese (Astur) zusammenfällt. Almos ist nämlich „de genere Turul" und 
der Vogel Turul war das Abziehen der Magyaren. Adler und Falke als 
Stammesabzeiehen, d. h. Totem,«, innerhalb des uraial falschen Völkerkreises wer- 
den angeführt. Die Gold schreiben die Geburt magischen Vögeln zu, die 
vom Weltbaum (vergleiche die Bedeutung der Bäume in den vorigen Träumen) 
di* Seelen in den Leib der Frauen hineinbringen. Bei den Jakuten träumt 
nun die Frau, die berufen ist, einen zukünftigen Schamanen zu gebären, einen 
Traum, der dem Traume der Eniese- völlig analog ist. Der Adler ist die Seele 
des ungeborenen Kindes und fliegt dauirt in die mythischen Regionen, wo ein 
mystischer Mond und eine mystische Sonne Feld und Tal beleuchten, und 
der Adler ein Ei legt, es ausbrütet und mit dem 'Schnabel öffnet. Das heraus- 
kriechende Kind wird dann von der Tiermutter (ijä-köl) erzogen, die also wie 
die säugenden Tiere der HoldenRage ein Symbol der Mutter ist. Die. Eigeburt 
entspricht den infantilen Geburtstheorien, das Ei ist natürlich die Gebärmutter. 
Die phallische Bedeutung des Adlers, der somit als Reduplikation des Weltbaumes 
erscheint, erhellt aus dem Umstand, daß nur derjenige Schamane fähig ist, eine 
Hautkrankheit (sexuellen Ursprungs) mit der Zeremonie des Feuerschiagens zu 
heilen, der vom Adler stammt. Die .Strafe für die Übertretung der Verbote des 

v Adlerfctisches ist das Aussterben des Stamme?, und die Jakuten nennen den Adler 
„Schöpf er-Großvatur". Deshalb eben mufl der Sakralkönig und Nationalheld, der 
Sohn der Emese, von einem Adler, als Symbol der Väter- und der Zeugungskraft, 
abstammen. Die ständige Verbindung des königlichen Geschlechtes mit irgend 
einer Tierart wird im letzten Abschnitt (königliche Totems) untersucht. Welcher 

.psychische Zusammenhang verbindet also den gewaltsamen Tod des Almos mit 
seiner magischen Geburt und tierischen Abstammung? Aufler den uraial taischen 
Stämmen sind die spezifischen Totems der Könige in Afrika häufig. Gegenüber 
dem Totem und dem König ist die ambivalente Einstellung der Menschen die 
gleiche: Verbot des Tötens und Gebot des Opfertodes. Bei den Haussa -wird 
das Totemtier von den Obersten des Klans jährlieh bei der Ernte getötet, mit 
seinem Blut schmieren sie ihre Stirn ein und sein getrockneter Schädel wird 
bis zum nächsten Jahr in der Hütte dos Häuptlings aufbewahrt. Der Priester- 
könig des Löwenstammcs heißt „Der Löwe der Stadt" und seines Amtes ist es, 
den Löwen zu töten, wenn dessen Kraft im Abnehmen begriffen ist, d. h. wenn 
es den Mitgliedern des Löwenstammea schlecht geht. Nach zwei Jahren will 
man aber einen neuen Priesterkönig haben und verklagt daher den „Löwen der 
Stadt" bei dem wirklichen Löwen, der ihn zuerst als seinen Bruder verteidigt, 
dann aber, um nicht als mitschuldig zu erscheinen, den Priester-Löwen tötet. 
Diese gegensätzliche Spaltung der Vaterimago in ein« tierische und menschliche 
Hypostase enthält den Schlüssel der Entwicklung in sich : die königlichen Totems 
bezeichnen einen Übergangspunkt von der zoomorphen zur antliromorphen Pro- 
jektion der Va'njrimago. 

"Wie die Funktion, des Totems, von. dem die Inkarnation der 
Kinderseelen abhängt) eine Symtolisierung der väterlichen Zcugungs- 



Ethnologie und Völkerpsychologie. 173 

kraft ist, so zieht die Introjektion stets weitere Kreise, bis die 
Sakralkönige in ihrer Allmaelitsphantasie nicht nur die Mutter, 
nicht nur alle menschlichen Mütter, sondern die ganze Welt be- 
fruchten : von ihrer Zauberkraft (das heißt Potenz) hängt der Regen- 
fall, die Fruchtbarkeit der Tiere und Pflanzen ah. 

Nr. 40 ist ein Nachtrag zur vorigen Arbeit und zugleich eine 
Beantwortung der Einwürfe, die von historischer Seite gemacht 
wurden. 

Das doppelte Königtum entspricht ontogenetisch dem Gegensatzpaar Vitsr- 
Sohn, funktional don psychischen Typen der Intro- (Mikado) und Extraversion 
(Sehogun). Die Häuptlinge in der eigentlich totemistischen Phase werden eben 
darum nicht getötet, weil an ihrer und des Vaters Stelle dieses Schicksal das 
Totem licr trifft, bo daß wir die mythische Ermordung des Almos in der Kultur- 
en f wioklung etwa auf dem Übergangspunkt zwischen Totemismus und Sakral - 
königtuni ansetzen können. Zwei weitere Beispiele des sakralen Künigsmordea 
(Magyaren und Heraler) werden angeführt. 

Die hochinteressante Arbeit L oe wen t hals (31) bedeutet den 
Anschluß eines Fachmannes auf dem Gebiete der Amerikanistik an 
die Psychoanalyse. In der Arbeit des Referenten geht der "Weg 
vom Totemismus zum Sakralkönigtum; hier sehen wir die Zusam- 
menhänge zwischen Totemismus, Vegatationskulten und Kultur- 
heroen. 

Die altmexikanische Mythologie berichtet, wie der Gott, „der junge Kürst", 
mit der Göttin, „die aufgerichtete Blume", in einer Höhle den Maisgott er- 
zeugten, aus dessen Körper dann die verschiedenen Erachte und Pflanzen ent- 
stehen. Dieser „junge Fürst" ist aber identisch mit Tezcatlipoca („Spiegel- 
jüngling"). Laut einer Variante stiehlt dieser Tezcatlipoca die Göttin dem 
Eegengott Tlaloc. Mythologisch ist aber der „Maisgott" und „der junge Fürst" 
ein und dieselbe Peräon, somit Sohn und Gatte der Blumengöttin. Der Maisgott 
ist zugleich der junge Sonnengott, der Blumonfürst und der Morgenstern. Als 
Morgenstern ist er der Feucrbringer, der Eeuerbringer aber ist wiederum Tez- 
catlipoca, diesem entspricht Loki in der skandinavischen Mythologie. Axel 
Olrik und andere halten Loki für einen Menschen, auch der Erauenraub und 
Ecuerfund des Tezcatlipoca wird sich also auf eine menschliche Tat beziehen. 
Die Gestalt der Blumengöttin wird auch einer mythologisch vergleichenden Be- 
trachtung unterzogen. Sie ist die Erdgöttin und auch Itzpapalotl, „Obsiadian- 
schmetterling", d. h. die Seele einer im Kindbett verstorbenen Frau. Als Frau 
des Blumenfürsten, des Sohnes des ersten Menschen, ist sie auch die erste der 
im Kindljett gestorbenen Frauen, und aus ihrem Körper entsteht die Tabaks- 
sfcaude. Ale Obsidianschmetterling ist sie auch die Meersclmeeke; diese wiederum 
ist ein Attribut des Mondes, „gleich wie die Schnecke aus dem Gehäuse hervor- 
kommt, so kommt der Mensch aus dem Bauche seiner Mutter hervor", heißt es 
im Kommentar. Der Verfasser kommt zur selir richtigen Schluß folgorung, daß 
die Liebesgeschichte des „jungen Fürsten" und der Blumengöttin ursprünglich 
einen anderen Sinn hatte und erat nachträglich auf die Natur bezogen wurde. 
Um diesen Sinn zu ergründen, zieht Löwenthal die mexikanische Sage vom 



174 Dr. Citixa Räheim. 

SündenfäU heran. In Tamoanchan, d. h. im Uauso des Heiabkommeus, des Ge- 
borenwerdens, „wo die Blumen stehen", versündigen sich die Götter, indem sie 
Hosen und Zweige von den Bäumen schneiden. Dbshalb werden ,,dix Herr 
unseres Fleisches" und „die Herrin unseren Fleisches" erzürnt und vertreiben die 
Götter aus dem Paradies. Nun hat aber der Ausdruck Blumenbrechen bei d<?n 
Mexikanern und Com einen ganz bestimmten Sinn, und zwar bedeutet es „Ge- 
schlechtsverkehr mit einer Frau haben". Die Sage will also andeuten, daß die 
Söhne des Urelternpaaree den Eltern in das Gehege kommen, d. h. mit Frauen 
Geschlcchlsverkelir haben und deshalb von den Eltern verfcrieboa werden. Dicso 
Frauen müssen die Töchter des Urelternpaares sein, denn unter den wider die 
TJreltern verbündeten Göttern wird ja auch Itzpapalotl, die Gebärende, aufgezählt, 
„und weshalb wäre die Geschichte vom Sündenfall der Götter für den Erzähler 
sonst so wenig bewiifitieinpfabig, daß er au der Einkleidung mit dem Blumen- 
garten seine Zuflucht nehmen mußte?" (S. 50.) Der Frauenraub war die Ur- 
sache des ersten Krieges im Himmel, von dem der Krieg herkommt, und erst 
nach dem Sündenfall wird Tezcatlipoca mit einem Schlangenfuß (d. h. mit einem 
phallischen Symbol [Ref.]) abgebildet. Verfasser reduziert also die Geschichte vom 
Sonderfall der Götter auf folgenden Kern: „In der allen Zeit drangen die Söhnet 
die einen Bund wider den Vater hatten, dem Vater in das Gehege, taten ihm 
Gewalt an, nahmen ihm seine Weiber weg, machten sieh mit ihrem Itaube da- 
von", und beruft sich dabei auf Freud: Totem und Tabu. 131. (S. 51). Unter 
den aufrührerischen Göttern ist nun Tezcatlipoca der König, der Vater, 
Huitzilopochtli, der Jüngling, der Krieger. „Manche Anspielungen der Codices 
scheinen anzudeuten, daß zwisohen diesen beiden ein homosexuelles Verhältnis 
besteht. Nun ist aber Tezcatlipoca ,der mit dem abgerissenen- Fuß'. Die Spa- 
nier haben diese Darstellungen dea Gottes unterdrückt, als hätten sie darin 
etwas Ungehöriges erblickt." „In der Tat [«deutet nun, wie ich des öfteren und 
längeren ausgeführt habe, in der Sprache des Traumes und der NeurotikeT: 
das männliche Glied verlieren, soviel wie zum Weibe werden; wer aber ein 
passiver Homosexueller ist, wird seinem „Freunde" gegenüber Weib, d. h. 
hat kein männliches Glied mehr, der eine Fuß ist ihm weggenommen worden". 
(ä. 62, 53.) Für die Homosexualität der Heilbringer-Feuergötter werden sodann 
skandinavische (Loki) Fox- und Chauk-Tarallelen herangezogen, der Feuerbringer 
wird mit dem unteren Feuerbrett in Gedankenverbindung gebracht und liegt 
daher unten beim Geschlechtsakt (Feucrquirlen). Der Verfasser stellt nun die 
Frage, ob die passive Homosexualität zu dem Eigenschaften des Franenräubers 
oder des Feuerbringers gerechnet werden soll, und fügt eine Erörterung des 
Kultbrauches arn Feste der „Fahnenauf rieh tung" (3. Dezember) Ein Dar- 

atelier des Quetzalcouatl tötet mit einem Pfeilselmü die Teigfigur des Huitzilo- 
pochtli, sein Leib wird nun verteilt und gegessen, und zwar verehrt man sein 
„Herz" dem König, seine Knochen den Großhansalten, während die Jünglinge, 
die „Gotteshütor", seinen I/eib essen. Nun ist aber Quetzalcouatl ebenso wio 
Tezcatlipoca ein Morgensternheros und auch ihm werden geschlechtliche Be- 
ziehungen zur Blumcngöttin zugeschrieben. Einer seiner Abspaltungen erscheint 
als Bruder und Gefährte des Huitzilopochtli. 

Somit rekonstruiert der Verfasser die Urgeschichte der mensch- 
lichen Familie wie folgt: „Nach dem Fall des Urvaters hat der 
Führer der Söhne versucht, die "Weiber und die Maehtfülle des Er- 
mordeten an sich zu reißen, da ist ihm sein bisheriger Liebling 
an der Spitze der Brüder entgegengetreten und hat ihm getan wie 






Ethnologie und Völkerpsychologie, 175 

er dem Vater. Des Weiteren wird man sich denken dürfen, daß 
die Brüder sich über die "Weiber mit Ausheiratebestimmungen' 
einigten, und immer, wenn der Tag der Tat sich jährte und ihnen 
die Reue kommen wollte, durch Töten und Auffressen eines ,der 
ihren Bruder bzw. ihren Vater vorstellte — mochte er gleich 
ein ganz Fremder, ein Tier oder ein Teigmann sein', ihren 
Bund und ihre Schuld erneuten." (S. 56.) 

„Die Geschichte des jungen Helden und seiner Geliebten ist 
zugleich . . . auch die Entstehungsgeschichte von Totemismus und 
Exogamie." (S. 58.) Die bekannte arabische Opferung eines jungen 
Knaben oder eines weißen Kamels an den Morgenstern wird nach 
Robertson-Smith (Narratio des heiligen Mlus) herangezogen 
und dem Kampfe zwischen Tezeatlipoca und Huitzilopochtli (Tod 
des Morgensterns) gleichgesetzt. Hieran schließt sich Germanisches: 
insbesondere das weihnachtliche Eberessen zu Oxford und der 
Kuchen in Ebergestalt in Schweden. Der Eber ist Ingvi oder Freyr 
Stammvater der Angeln und Schweden. „Ißt man also aus heid- 
nischer Zeit in England und in Schweden den Eber, so ißt man 
den Stammvater." Der totemistische Eber wird später, da er die 
Felder verwüstet, zum Korndämon umgedeutet. Die ganz hervor- 
ragende Arbeit verdient eingehend studiert zu werden, sie gehört 
zu denen, die Probleme lösen und Fragestellungen anregen. 

Hieran schließen sich ein paar kleinere Arbeiten zum Tote- 
mismus und dessen Grenzfragen. Zunächst die rein ethnologischen, 
insoferne sie hier zu erwähnen sind 1 ). Bork (9), der den Tote- 
misinus vom Zodiak ableiten will, sei nur als Beispiel des Absurden 
erwähnt. Eine gute Zusammenfassung des afrikanischen Materials 
gibt Anker mann (3). Die Sagen, die den Totemismus auf eine 
Blutsbrüderschaft zurückführen, die zwischen den menschlichen 
Ahnen der Sippe und dem Totemtier in der Urzeit geschlossen wurde, 
sind im Lichte der R e i k sehen Auffassung von dem Ursprung der 
Brith von großem Interesse. (Vgl. Nr. 42.) Totemlegenden kommen 
auch vor, m denen das Totemtier ein Muttersymbol ist. (Romulus- 
Remus und die "Wölfin.) In manchen Fang-Sagen handelt es sieh 

*) Die Diskussion über den Totemismus im Antliropos und P. Boas „Tha 
Origin ob Totemism. American Anthropologist 1916" aollen Beparat referiert 
■werden. 



176 Dr - Gern RiSheim. 

um ein Tier, welches zuerst bei der Beerdigung des Stammvaters 
geopfert und verbrannt wurde, eine schlagends Bestätigung der 
Freud sehen Auffassung vom Ursprung des Totemopfers, indem 
wir dieses Opfern bei dem Begräbnis als symbolische Wiederholung 
des Vatermordes auffassen. (Vgl. dazu über .Zweimal töten" in 
den Begräbnisriten „Spiegelzauber", 1919, 197.) Auch das Material 
über überwiegend patrilineare Vererbung des Totem* und über Tote- 
mismus und Exogamic ist für den Psychoanalytiker beachtenswert. 
Die nächste Arbeit vom Referenten (45) bewegt sieh auf einem 
Grenzgebiete, und zwar handelt es sich hier nicht um Totemismus, 
sondern um die Projektion der Vaterimago auf eine Tierart — ein 
Unterschied, der, wie wir sehen werden, von den Psychoanalytikern 
vernachlässigt wird. 

Bei Lappen und Wogulen findet sich der Glaube, daß nur zwei Brüder 

den Büren besiegen können. Genauer zugesehen, handelt e« sich aber nicht 
um zwei beliebige Brüder, sondern um Zwillinge. Bei verschiedenen .Natur- 
völkern findet aich die Anschauung, daß die Zwillinge, da, es ihrer eben zwei 
sind, auch zwei Väter haben müssen, und der nicht irdische Vater ist dann 
regelmäßig irgend ein Tier. Die übernatürliche Kraft der Zwillinge ist also 
ein Erbteil ihrer übernatürlichen Geburt, daher die Sagen von den Dioskuren, 
von denen nur der starke Bruder göttlicher, d?r schwache jedoch irdischer Ab- 
stammung ist. Die Zwillinge töten demnach den Bärea, weil einer von ihnen, 
oder beide, Bärensöhne sind. Die Zweizahl der Brüder hat, wie ich jetzt glaube, 
allgemeinere Bedeutung; im Anschluß an Bank dürfen wir in ihnen die Ver- 
treter des Brüderklans Reben. 

"Wie wir bereits angedeutet haben, liegt im Totemismusproblem 
die Gefahr der Begriffsverallgemeinerung und Verwirrung verborgen. 
Der übrigens vorzüglichen und aufschlußreichen Arbeit von Abra- 
ham (1) ist es nicht ganz gelungen, diese Klippen zu vermeiden. 
Die Analyse der neurotischen Lichtscheu ergibt, daß der Sonne in 
erster Seihe die Bedeutung eines Vatersymbols, in minder ausge- 
prägter "Weise auch die eines Huttersymbols zukommt. Im Zusam- 
menhang mit den „Mutterleibsphantasien 41 gelingt es dem Verfasser, 
neben der negativen auch die positive Bedeutung der Dunkelheit 
aufzudecken: die Keurotiker, welche der Dunkelheit einen Lust- 
wert zuschreiben (Schlafzeremoniell usw.), vollführen dabei eine 
Begression in den Mutterleib, in das Reich der Geburt und des 
Todes. Die Gespenster sind Ersatzgegenstände der eigentlich be- 
gehrten Eltern, auf die Kehrseite des. Voyeurtums wird dann das 
biblische Verbot, eich ein Bildnis der väterlichen Gottheit zu machen, 






Ethnologie und Völkerpsychologie. J77 

gedeutet. (Vgl. eine andere Deutung Kr, 42.) Kapitel V trägt die 
Überschrift „Die Herkunft der Sonnen- und Gespensterphobie aus 
dem infantilen Totemisinus", und es ist eigentlich nur dieser Ab- 
schnitt, der durch unsere Bemerkung über die Gefahren der un 
genügenden ethnologischen Orientierung de» Psychoanalytikers ge- 
troffen ist. Abraham begnügt eich nicht mit der gelungenen Ab- 
leitung der Sonnen- und Gespensterphobie gewisser Neurotiker aus 
ihr Vaterbedeutung dieser Symbole; er glaubt vielmehr von hier 
aus bis zum Totemismus der Primitiven vordringen zu können. 
Nun ist das vor allem ein logischer Fehlschluß. Ein Totem ist 
allerdings, wie wir seit Freud wissen, ein Vatersymbol, aber ist 
darum jedes Vatersymbol auch gleich ein Totem? Keinesfalls, son- 
dern es kommen gewisse weitere Kennzeichen hinzu, um aus dem 
■allgemeinereu Begriff „Vatersymbol*' den spezifischen „Totem" zu 
sfewinnen. Namentlich handelt es sich um eine magisch-mystische 
Beziehung zwischen einer menschlichen Gruppe einerseits und 
"iner (meist tierischen) Spezies anderseits. Man mag sich allen- 
falls mit. einer für die Psychoanalyse erweiterten Passung des Totem- 
liegriffes zufriedengeben und alle Fälle hinzurechnen, in denen 
irgend eine tierische Art für ein Kind oder einen Neurotiker aJs 
Vater- (oder auch Mutter-, Bruder-, Schwester-)Symbol auftritt, ob- 
zwar auch das nicht streng gerechtfertigt ist, da auch diu nicht tote- 
mietischen Fälle der Zoolatrie bei den Primitiven ebensogut Be- 
ziehungen zum Vaterkomplex aufweisen können wie der eigentliche 
(das heißl auch soziologisch fest umschriebene) Totcmismus und 
diese eigentlich den europäisch-individuellen Fällen näher stehen. 
Die Sonnen- und die Gespensterphobie aber aus dem ganz verschie- 
denen, wenn auch im Punkte des Ursprunges (Vatersymbol) über- 
einstimmenden Totemismus zu erklären, scheint mir überflüssig und 
unzutreffend: diese sind Vatersymbole, die man zur Erläuterung 
des primitiven Gespensterglaubens und Sonnenkultes (diese sind 
ethnologisch nicht jünger als der Totemismus) sehr wohl heranziehen 
kann, aber in keine nähere Beziehungen zum Totemismus, recte und 
eigentlich, Klantotemismus bringen soll. In einem kurzen Aufsatz 
(2) macht derselbe Verfasser die richtige Bemerkung, daß die neu- 
rotische Exogamie, das heißt die Fixierung der Liebesfähigkeit des 
Neurotikers an einen dem mütterlichen genau entgegengesetzten 

Pi.iclioanaljHS. Bericht ISH— 1819. 19 



178 



Dr. G<&a Roheim. 



Typus von Weiblichkeit (fremde Rasse usw.), diese Inzestflucht 
des Neurotikers, sein Gegenstück in der Exogamie der primitiven 
Völker habe. Mit der ieligio:nswissenschaftlicheu Seite der Tote- 
mismusfrage hängt auch die Hypothese des Urmonotheismus (an- 
thropo- und zoomorphe Projektion der Vaterimago) zusammen, wor- 
über vorläufig Soederhlom (56 a) naclizulesen ist. 

Das Buch von Gasquoine Hartley (20) interessiert den Psycho- 
analytiker, insoferne es in die Gruppe von Arbeiten gehört, welche 
die soziologischen Zustände der Primitiven von der Atkinson- 
schen Urhordentheorie ausgehend zu verstehen suchen. Eigentüm- 
lich und wohl aus persönlichen Komplexen der Verfasserin (Frauen- 
rechtlerin) zu verstehen ist es, daß sie die Empörung gegen den 
väterlichen Tyrannen von den Töchtern, die sich gegen seine Agres- 
sivität sträuben, ausgehen läßt. Die Ableitung der mamlinearen 
Verwandtschaftsorganisation aus dem Umstand, daß der Vater in 
der Urhorde wohl für sich abseits lebt, während die unreifen Indi- 
viduen (weiblieh und männlich) sich den Müttern anschließen, dürfte 
der gelungenste Teil des Buches sein. 

Um einstweilen noch bei dem Gegenstand der primitiven Endo- 
und Exogamie zu bleiben, erwähnen wir die Arbeit von Marcus« 
über den Inzest (32). Verfasser schließt sieh Ereud an, indem 
er für die Ursprünglichkeit des Inzestes in der Phylogenese eintritt 
und die Abneigung dagegen als ein Kulturprodukt bezeichnet, wo- 
lK3i er sich aber nur auf die bösen Erfahrungen beruft, die man 
bei inzestuösen Verbindungen gemacht haben soll (S. 5) und die 
Atkinson-Freudsche Auffassung nicht heranzieht. Das jus 
primae noctis wird richtig als Überlebsel der väterlichen -Rechte 
gedeutet. Auf die ontogenetische Seite der Frage übergehend, 
schwankt er fortwährend zwischen Anerkennung und Abweisung der 
Ereud sehen Ergebnisse; im ganzen herrscht aber die Auffassung 
der Vulgärpsychologie vor. 

Die gemeinsamen Urquellen von Religion und Ethik sind dem 
Psychoanalytiker längst bekannt, in der Ethnologie jedoch vielfach 
noch bestritten. Darum leistet Parsons (34) eine nützliche Arbeit, 
indem sie das einschlägige Material zusammenstellt und sichtet. 
Die zweite Arbeit der Verfasserin geht schon auf das Spezialgebiet 
der Sexualpsyehologie über und gelangt auch zu psychologischen, 



Ethnologie und Völkerpsychologie. I70 

allerdings nur zu funktionalen Deutungen (35). Di« Erklärung der 
verschiedenen Anzeichen der Schani und der Vcigerun.- bei der 
Hochzeit als überlebsel der Bauche M sc 1 l0 n darum als vollständig 
veraltet zu betrachten, weil wir ja ähnliches nicht nur bei der 
Braut, sondern auch beim Bräutigam antreffen. Diese Riten sind 
der Ansicht der Verfasserin zufolge Reaktionsarten auf die zu er- 
wartende Veränderung im sozialen Milieu der Verlobten, denn dem 
Primitiven ist jede Neuerung im höchsten Grade zuwider Die Ver- 
fasserin folgt Crawl ey und nähert sich im gewissen Maße hier 
schon der psychoanalytischen Auffassung. Wir würden sagen: bei 
der Hochzeit entsteht ein Konflikt zwischen Narzißmus und Objekt- 
Izbido, so daß ein Teil der narzißtischen Libido in Angst umge- 
wandelt und in diesen Riten abreagiert wird. Bezeichnend für den 
narzißtischen Identifikationsmechanismus der Riten M der Bericht 
Plutarchs, wonach die Braut dem Bräutigam zuerst in männ- 
licher Kleidung- mit kurzgeschorenen Haaren vorgestellt wird. 

Auf diesem Gebiete bewegt sich auch die Arbeit von Freud 
(16), wobei wieder helles Licht auf ein bisher unanalysiertes Gebiet 
der Ethnologie fällt. 

Gorade dio Tatsache, daß dio Defloration als feierlich,! Akt betrachtet 
wd widerlegt ^Ansicht, da* dio Primitiven keinen «-* auf flJLS*£ 

die Entjungferung als eme bedeutsame Leistung betrachtet wird, der aber der 
spatere Ehegatte des Mädchens ansieht. Die vermiedenen und in der über- 
determmienmg teUwexse neben und üi^in^der zu lleeht stehenden Erk!ä- 
rung amo g hchkc i ten wcrden aun von Vrnd fc ^ ^ M* 

cheu, SeophoWe, Tabu dea Weib« überhaupt »sw Alle diese Insichten 
treffen zwar einen Teil der Wahrheit bleiben uns aber L *ÄÄÄSS 
schuldxg, warum gerate der spätere Ehemann die Entjungfern* vermeiden unl 
emem anderen anvertrauen soll. Der erst« Stift« im da. Weib häufig „rT 

ba sich bei di«cm dxe Befriedigung auch für da. Weib einstellt. Ein analysierter 
Fall gab i reud Gelegenheit, in die Natur dieses Zuwies ein.n tieferen Ein- 

SKft ' 6S ,»r 6 ft ' lndli0h ° ltL,akÜOn ' ™ lohe die SHWWiW» nicht zur 
Geltung kommen hUJt. Di. Gefahr, welche so durch dio Defloration *, Weib" 

5 Sfi?*.?*? ^ ** di ° *•***»* Selben Z£Z£ 

L t 5S I er '" dCn diC JuDSfam bei der Defloration verspürt, findet 

seme unbewußte Portsetzung im nautischen Gefühl der Kränkung, die au der 
Zerstörung emes Organes erwacht. Dies **,*, vielleicht eine Be^ründun^ Z 
manuellen Deflonttion geben, damit bliebe aber noch der von eLn ändert 
als dem Ehemann naeH der Defloration vollzogene erste Koitus unerklärt We2 
* aber die Tatsache in Betrübt ziehen, daü der erste Koitus geS fn ich Z 



■i qq Dr. Geza Rdheim. 

einem Vaterersatz (Priester, Ältester. Gottheit) vollzogen wild, so acheint der 
Schlüssel des Ilitus die Inzesteins bellung der Libido zu sinn. Der Sohn erhalt 
«lue Frau, die der Vator vor ihm. basaß, die alsa eine getfigößta Stellvertretend 
der Mutter ist: an der Trau wird die Defloration von jemandem vollzogen, der 
ihr als Vaterersat.z erscheinen touStt. Ahnlich werden auch das Jus pküM noctis 
und die Tobiasehe als Anerkennung der älteren Rechte des Patriarchen gedeutet. 
Durch den ersUn Koitus wird auch beim Weil» der Penisneid aktiviert. Sir 
will die an ihr vollzogene Kastration mit gleicher Münze vergelten. Fe- 
ronezi meine, diese Feindseligkeit des Weibes könne ans der Epoche vor der 
Differenzierung des Geschlechtes stammen. 

„Es ist also die noch -unfertige Sexualität des Weibes, die sich 
in den paradoxen Reaktionen an dem entladen soll, der sie zuerst 
den Sexualakt kennen lehrt. Dann ist aber das Tabu der Virginität 
sinnreich genug, und wir verstehen die Vorschrift, welche gerade 
den Mann solche Gefahren vermeiden heißt, d^r in ein dauerndes 
Zusammenleben mit dieser Frau eintreten soll." (S. 247.) 

Eine verhältnismäßig geringe Zahl von Arbeiten bewegl sich auf 
dem Gebiete des Animismuy, der in den ethnologischen Büchern 
und auch im Leben der Primitiven doch einen so breiten Hamm 
einnimmt. Bas Wichtigste ist hier von Kank (38) geleistet worden. 

Ausgehend von einem Filmdrama von Hains Heinz Ewers „Der Student 
von Prag" unterzieht Ö. ttanfc die Gestalt des Doppelgängers in der Literatur, 
dann aber auch in Mythologie uud Volksglauben einer eingehenden Analyse. 
Überall ist der Doppelgänger deutlich als eine narzißtische Projektion der eigenen 
Persönlichkeit, des Unbewußten oder genauer als Abspaltung: der narziEiischen 
Komplexe im Unbewußten zu erkennen. Insbesondere findet diB Holle des 
Porträts, Schattens, Spiegels usw. ihre Erklärung in der Neulwlebung der ana- 
logen völkerpsychologischen Elemente. Wie alle tabuierten Dinge, so zeigt aunh 
der Schatten das Merkmal der Ambivalenz: noben der Todesbedeutung entsteht 
diejenige vom Schatten als Schutzgeist, vom befruchtenden Schatten. Jeden- 
falls aber bedeutet, wie dies ethnologisch längst feststeht, der Schatten bei den 
meisten Primitiven ganz bewußterwelsc die Seele, und zwar die Seele als Ab- 
bild, als schwächeren Doppelgänger des Körpers. Die abergläubischen Amchau- 
ungen, die sieh auf das Spiegelbild beziehen, gehen, wie beim Schatten, von der 
Unheils- und Todosbedeutung aus. Wie beim Schalten läßt sich auch beim 
Spiegelbild die achöpferisch-ero tische Bedeutung nachweisen. 

Sucht man nun auf Grund der FrazerBchen Annahme nach einer Erklar 
rung, warum in der Narkissossage die an den Anblick de* Doppelgängers ge- 
knüpfte Todesvorstellung durch das Motiv der Solbstliebe verdeokt worden iat, 
so wird man an die allgemeine Tendenz der unbewußten Mechanismen nach Ver- 
drängung der peinlichen Vorstellungen denken müsst-n. Insbesondere neigt die 
Todesbedeutung zur Cberkompensation durch dio Liebesbedeutung (Parzen usw.j, 
worauf auch das Erscheinen des Geliebten im Spiegel der Mädchen zurückzu- 
führen ist. Nun geht der Verfasser daran, die neurotische Todesangst, die sich 
im Schatten-, Seelen- und Spiegelglauben manifestiert, zu analysieren, und 
findet ihre Erklärung in dem sich von der Todes Vorstellung bedroht fühlenden 
Narzißmus des Individuums. Somit ist die Seelenvorslellung überhaupt eigentlich 
als Wun^chabwchr des gefurchte ten ewigen Unterganges ects fanden. 



Ethnologie und Völkerpsychologie. 18] 

„Wie hei der Bedrohung des Narzißmus durch die Geschlechts- 
liebe, so kehrt auch hei der Todesbedrohung die ursprünglich mit 
dein Doppelgänger abgewehrte Todesvorstellung in ihm selbst wie- 
der, der ja nach allgemeinem .Aberglauben den Tod seilst ankündigt 
oder dessen Verletzung das Individuum schädigt." (S. 163.) Die 
Gleichung Narzißmus = Animismus ist somit das Ergebnis dieser 
Abhandlung. 

Die Arbeit des Referenten über die magische Bedeutung des 
Spiegels (51) ist gewissermaßen eine Fortsetzung der Rank sehen. 
Die Kindheit als narzißtisches Lebensalter weist auch die meisten 
Spiegelverbote auf, in denen wir Reaktionsbildungen gegen die nar- 
zißtische lohliebe erblicken. 

In dem .Fingernagel Bin Stellvertreter des Spiegels ist ein Zeichen, der 
narzißtischen ÜI>t-rwertigkeit des eigenen Körpers au erblicken, während die 
Keuschheit als Vorbedingung der narziß tischen Visionen im Sinne der nicht 
erreichten narzißtischen Objektwahl zn deuten ist. Neben dieser Keuschheit 
finden -wir bei Seh^r und Seherin oft auch übernatürliche Ehegemahle, nämlich 
ihre eigenen heterosexuellen Abspaltungen. (S. 25.) Der Spiegel kommt vielfach 
in Bräuchen vor, in Jenen die Roinkamation des Vaters im Ki;l,le angestrebt 
wird, hier deutet sie oben das naraiü tische Wiederauffinden des geliebten Ichs 
im Kinde an. (S. 10«.) D;.s Zerbrechen des Spiegels (Kap, VI) geht von der 
unbewußten Determiniertheit der Fehlhaudlungen aus. Wenn ein Mädchea den 
Spiegel zerbricht, so heißt <m im Volksglauben, dann wird sie keinen Mann be- 
kummen, das hcilit sie will oben keinen bekommen, sie vernichtet gleichsam das 
zukünftige (narzißtische) LibidoobjeU. Das Zerbrechen des Spiegels kündet auch 
häufig den Tod an, weil er ein« Ersatzhandhmg für diö Tötung einer Person 
ist. Wenn man nach einem Todesfall das Geschirr zerbricht, so tötet man 
gleichsam zum zweitenmal den Toten. Die Primitiven vernichten in solchen 
Fällen Hab und Gut des Toten, verwüsten Gärten, reißen Häuser nieder usw. 
Die Furcht vor dem Toten entsteht nach F r o u d aus einer Projektion, der eigenen 
unbewußten Feindseligkeit, hier lermn wir einen anderen Kunstgriff des Unbe- 
wußten zur Verhüllung der eigenen Feindseligkeit gegen den Toten kennen, 
indem das Objekt des WnUiusbruches vom Toten auf den feindlichen Zauberer, 
der seinen Tod verursacht haben soll, verschiebt. Das Verdrängte entladet sich 
aber auf motorischem Wege, indem man zwar den unbekannten Zauberer be- 
schimpft, aber das Haus des Tuten verwüstet. Kapital Vit handelt vom ver- 
iiängten Spiegel bei Todesfällen. Kap. VIII : Dia Himmelskörper und der Spiegel. 
Bei vielen primitiven Völkern findet sich die Angabe, die Seele folge der Sonne. 
Die Seele folgt eben dem VTeg des ersten Toten, dos Urvaters der Menschheit, 
dessen Tod jedem folgenden Tod als Urbild und Begründung gedient hat. Viele 
Völker behaupten, die Sonne sei ein Vatersymbol. Bulgaren und Australier 
(Viktoria) glauben, der Anblick des Ebenbildes in der Sonne künde den Tod 
an; der Doppelgänger iBfc mit dem verstorbenen Vater identisch geworden. 
„Das Spiegelbild ist die Seele des Individuums, die Sonne die Spiegelung des 
Vaters am Himmelfgewülbe." (S. 231.) Bei den Finsternissen ist es verboten: 
der Sonne ins Angesicht zu schauen, diese gelten ja entweder als Tod (Todes- 
kampf) oder als Koitus des Himmelskörpers. Das- ursprüngliche Verbot gilt 



182 Dr. Geza. Rüheim. 

der Schaulust des Kindes; von der Beobachtung des elterlichen Sexualverkehres 
■wird daa Verbot auf den Himmel projiziert, und daher heißt es auch, daß die 
Finsternisae (dus heißt der Tod der Eltern) die Folgen der Sünden dos Menschen- 
geschlechtes sind. Das Durchbrechen dieses Schauvcrbotes iat das Prototyp der 
Auflehnung, wer dies durchzuführen vermag, ist eben ein Zauberer. 

Daa inlialtliehe dieser Auflehnung verstehen wir, wenn wir daran, erinnern, 
<taü man in Vürösvär bei Finsternis den Mond erblickt, wie er von einem Kinde 
gefressen wird. In den Riten der Festtage läDt sich eben wie in der Psycho- 
logie des Zauberers ein Durchbrach des Verdrängten beobachten, liieher gehört 
z. B, daa Beobachten der tanzenden Sonne am Ostersonntag im Wasserspiegel. 
In diesen Riten soll die belebende Wärme des Sonnen valers auf die Krde her- 
abgezaubert werden. 

Theoretisch Neues, -wenn auch, noch nicht vollkommen. Gesi- 
chertes auf diesem Gebiete bringt die Arbeit von Jones (19), in- 
dem sie die Iiauchseele aus dem Matuskomplex erklärt (eine Kritik 
dieser Ansicht, aber eine unzutreffende, ist 5), während Anker- 
mann wieder eine gute ethnologische Materialsammlung gibt (4). 
lieferen,!, versucht in einer kleinen Arbeit, die Begräbnisbräuche 
aus einer mechanischen Wiederholung der Handlungen der Lebens- 
gemeinschaft, und das Allerseelenfest aus einer Jahresperiodizität 
der Begräbnisbräuche (52) zu erklären, 

Koch weniger ist über primitive Magie gesehrieben wor- 
den. Neu ist die vom Referenten herrührende Unterscheidung 
des Aktiv- und Passivmagischen, Befereni geht vom Spiegel im 
Liebeszauber aus (51, Kap. IV) und gelangt dabei zu einer allge- 
meinen Theorie des Liebeszaubers und der Liebesorakel. Die Riten 
des Liebeszaubers sind Koitusnachahmungen, symbolische Abbilder 
des Koitus, die aus dem Konflikt von Libido und Verdrängung ent- 
stehen, einen dem Koitus analogen Vorzustand hervorrufen und 
somit auch wunscherfüllend wirken. (S. 13fi.) Nr. 6, 13 und 54 
sind für den Analytiker aufschlußreiche Materialsammlungcn ein- 
zelner magischer Zwangshandlungen. Den Fluohzauber behandelt 
Referent als eine Art Probehandlung, der Glaube an die ma- 
gische "Wirksamkeit ist die endopsyohische Wahrnehmung einer 
Handlungsreihe, die vom Spruch über dem Ritus zur Realhandlung 
anwächst (50). Die Psychologie des Zauberers wurde oben schon 
gestreift: was speziell den Seher betrifft, scheint die narzißtische 
Konstitution nachweisbar zu sein (51). Hieran schließt sich die 
Arbeit von Schilder, da der Psychotikcr den verschiedenen Typen 
des Zauberers beim Primitiven entspricht. Der größte Teil des 



Ethnologie nni Välkarpsychologia 138 

Buches von Schilder ist einer ziemlich umgehenden Erörterung 
der Frage gewidmet, wie sieh bei den. voneinander hckeinbar so weit 
abgelegenen "Wissensgebiete der Völkerpsychologie (das heißt die 
psychologische Interpretation der ethnologischen Befunde! lind der 
Psychiatrie zueinander verhalten. Schilder vergleicht die Zau- 
ber Vorstellungen der Kranken mit denen der Primitiven. Dem 
Mada und Orcnda entsprechen ganz analoge Vorstellungen der 
Pai anoiker. Schilder macht auch auf wichtige Unterschiede zwi- 
schen dem Zauberglauben der Primitiven und der Geisteskranken 
aufmerksam. Bei dem. Geisteskranken wird die zauberische Wirkung 
erlitten und nicht ausgeübt. In Ausdrücken, die hie und da, an 
Jung erinnern, schildert der Verfasser die Bedeutung des Sexuellen 
für die Zauber Vorstellungen. Er meint, es wäre wahrscheinlich, daß 
animistische Vorstellungen erst durch sekundäre Bindungen von 
Zaubermacht an bestimmte Persönlichkeiten zu stände kämen. (S. 106.) 
Natürlich findet sich die Symbolik als Hauptthema bei 
einer Anzahl von Arbeiten. "Wichtig ist die Arbeit von Werner 
(56 b), der eine eingehende und ethnologisch gut durchgeführte Be- 
handlung der Metapher als einer Art bewußten Symbolbildung 
gibt. Indem er in der Metaphorik eine Folgeerscheinung der „tabu- 
istischen Einstellung" sieht, nähert er sich auffallend psychoana- 
lytischen Anschauungen (Bedingtheit des Symbols von der Ver- 
drängung), obwohl er diese nicht, zu kennen scheint. Hieher gehören 
drei der in Buchform vereinigten Abhandlungen von Rank (Nr. 38 h, 
Kap. 11, VI, VII), die erweiterte Fassungen schon erschienener .Ar- 
beiten sind. Die schöne und umsichtige Arbeit von Jones handelt 
besonders eingehend über die symbolischen Abzweigungen des 
FlatuskomplexcM (19). 

Die Könige sind die Vertreter des donncriulun Zeus, sie sind auch die 
typischen YaterrepräsonUttivo der Gesellschaft. Anderseits ist die Verbindung 
zwischen Donner und Flatus ein« in obszönon Witzen feststehende Assoziation. 
Daher die BecinfluBlnirkeit der Geister durch das donnerätmUche GetOse: man 
ver treib b Geister durch den Lärm, den Teufel durch den Flatus (Luther); 
auch der llyincngesang und Musikinstrumente, das Schwirrholz usw. gehören 
laut dem. Verfasser in diesen Zusammenhang. Stumuiheit als Mythenmotiv 
bedeutet Tod und Impotenz, Itcdon und Lachen bedeutet Lieba und Leben, 
daher die Empfängnis durch das "Wort. 

lief crent versucht in einer ungarischen Arbeit (49) die aus- 
führliche ethnologische Begründung und Bestätigung der Haupt- 






184; ^ r - Weza Rüheün. 

thesen der Psychoanalyse. Bisher ist nur der erste Teil und die 
Hälfte des zweiten Teiles von dieser Arbeit erschienen. Tra ersten 
Teil soll auf das Verhältnis der Schichten Bw. und Ubw. sowie 
auf die funktionalen Phänomene einiges Lieht fallen, der zweite 
ist der völkerpsyehologischen Bestätigung der psychoanalytisch!: n 
Auffassung der Symbolik und der Entwicklungsgeschichte der Li 
bido gewidmet, während eine Arbeit über die Endogamie (Ödipus- 
komplex) den Abschluß bilden soll. 

Die «rate Arbeit „Ambivalenz und das Gesetz der Uinkehrung" nimmt jene 
Riten zum Ausgangspunkt, in denen eino vom. zwei entgegengesetzten psychischen 
Strömungen in. der Realität, die andere bloß in symbolischer "Weise zum Aus- 
druck gelangt. (Vgl. die Märchen von der ,.Meistermagd": „bin gekommen und 
auch nicht", und die Libationsopfer, die den Gaistern als den Besitzern der Ge- 
wässer dargebracht werden.) Die Entsagung, das Opfern des ersten Schluck 
Wassers, ist eine- partielle, das heißt symbolische Entladungsform, und die 
Götter, denen diese Opfer gebracht werden, sind Projizierungen der negativen 
Komponenten der ambivalenten psychischen Einstellung. Die ursprünglichste 
Form dieser rrimilialopfcr ist in den totemiatischen Intichiumariten der Zentrtl- 
australicr nachweisbar. Die Australier entsagen dem ersten Bissen zu Gunsten 
der ältesten Tolommitglieder, genau wie andere Primitive den ersten Schluck 
oder Bissen den Totengeiatern oder Göttern opfern. Die Vermutung ist nii-lii 
abzuweisen, daß hinler dem funktionalen auch eine Ontogenetische Deutung dw 
Brauches notwendig ist, in welcher dann die Kinder die Rolle der Opferer, be- 
ziehungsweise der Totem 'nitglieder, dir; Eltern die Kollo der Götter, beziehungs- 
weise der Totemältesfaen spielen. Die Mutter kostet die> Speise und gibt sie erst 
dann dem Kleinen: dies könnte zur Fixierung der Handlung und zur Bildung 
solcher fiktiver „Vorkoster" in den mythischen Wesen führen. Genau so ver- 
fährt der Primitive auch, wenn er sich von irgend einem Gegenstand trennen 
muß: das Haften an dem Gewohnten, das unl>ewußte „Nicht-hergeben-wollen'", 
äußert sich auch in der Zurückbehaltung eines kleinen Teile» (Darstellung 
durch ein Kleinstes). Der Ritus dient zur Beschwichtigung der unbewußten 
Widerstände: sie tun so, „als ob" sie mit dem kleinen Haarbüschel das cmiz# 
Tier zurückgenommen, ihre vorige Handlung rückgängig gemacht hätten. An 
der Behrings traßo schneiden die Eskimos ganz kleine Stückchen von allen Ge- 
genständen, die sie weggeben, ab, in der Meinung, damit das Wesen, die Seele 
des Gegenstandes zu behalten. In den bisher behandelten "Fällen finden wir 
die zwei Strömungen der ambivalenten Einstellung, von denen die stärkere sich 
in der Realität durchsetzt, während die schwächere sich mit einem Symbol l>e- 
gnügen muß. In anderen Fällen wird die Gleichgewichtlage der beiden Strö- 
mungen durch die Antithese zweier gleichwertiger Handlungen ausgedrückt. D«r 
erste Hieb des Helden tötet den Riesen, doch den zweiten soll er unterlassen, 
sonst erwacht sein Gegner zu neuem Leben. Durch die 'Entladung der einen 
Komponente der ambivalenten Strömungen wird es den bisher verdrängten ent- 
gegengesetzten Gefühlen erst möglich, ins Bewußtsein zu gelangen. Erst töten 
die Ostjaken den Bären, dann beweinen sie ihn und veranstalten Bin Fest ihm 
zu Ehren. In anderen Fällen ist die Reihenfolge eine umgekehrte, .zuerst 
Apotheose und dann Tod des Opfers, %. B. beim Bärenopfür der Giljaken und 
Aino in Mexiko usw. Die psychische Einstellung, die wir im Tabu und ähnlich'.» 



Ethnologie und Völkerpsychologie. Jg5 

Ausdrücken vorfinden, muß aus der Überlagerung der entgegengesetzten Strö- 
mungen erklärt werden. Der zweite Abschnitt handelt von der ümkehrung und 
der funktionalen SymMik. Eine' Läufige Art der Symbolbilduug in der Mytho- 
logie ist die Ümkehrung, deren Bedeutung, allerdin-s nicht in der psychologisch 
richtigen Weise, schon von Frobenius (Gesetz der Umkehrung) erkannt 
wurde. Im mexikanischen Opferkult wird dio Göttin verjüngt, indem ihr der 
Kopf abgeschlagen wird, und «n anderer Darsteller die Bolle der Göttin über- 
nimmt. Die ambivalente psychische Einstellung macht es verstündlich, rLiJJ 
«ach dem „Töten" sofort die entgegengesetzte Strömung Oberhand gewinnt und 
man durch eine Wiedergeburt die vorige Handlung rückgängig macht. Märclicn- 
moli^e können also deshalb dag Gegenteil ihrer sehuinbaren Bedeutung dar- 
«teilen, weil alle unsere Torstellungen ui)d Strebungen mehr oder minder auch 
negative Elemente enthalten, die dann von der Zensur da benutzt werden, um 
die unbewußten Komplexe "nur in der Umkehrungsform bewußt werden zu lassru. 
Nach der Ermordung eines Feindes hielten die Dakota «in Freudenfest und 
«igen Trauerkleider an. Auf Grundlage F r n, z e t- sehen Materials ist es Freud 
wäfc Leichtigkeit gelungen nacliMtweisen, daß der Primitive dem Stammesfremden 
oder Feind gegenüber ambivalent eingestellt iat. Dw ambivalente Einstellung 
d«fl heidnischen Propheten Bileam zu Israel erklärt diu ümkehrung des Fluches 
in einen Segen. Laut Denterononiium 23. ß. war es Jahvc, das heiflt das Unbe- 
wußte, das die Wörter in ihr Gegenteil umkehrte. Die Wörter für „Fluchen" 
und „Segnen" sind im Hebräischen von demselben Stamm abgeleitet. Im Egba- 
land (Westafrika) verehrt man den Gott Obalufen, der alle Wünsche seiner An- 
hänger in umgekehrter Weise erfüllt. Die wahre Bedeutung dieser Vorstellungen 
wird uns noch deutlicher, wenn wir jene Gruppe der Umkehrungen in Betracht 
ziehen, die zugleich autosymbolisch als Darstellungen der funktionalen Kategorie 
zu verstehen sind. So bedeutet in der „Grundsprache" Schrebers alles das 
Umgekehrte, und im Jenseits (das heißt im Unbewußten) der Dajaz bedeutet 
bitter: süü, liegen: stehen, und umgekehrt, und die Sprache der Geister 13t eine 
„umgekehrte Sprache". Ähnliches wird in manchen -/um Saturnalientypus ge- 
hörigen Festen in Nordamerika und Europa nachgewiesen, z. B. dem Träumtest 
der Huronen: tobende Leute gehen von Haus zu Haus, den Inhalt ihrer Träume 
mit Gebärden andeutend, und lassen so lauge nicht von ihrem Basen, bis man 
ihnen nicht das Gewünschte gibt. Wessen Träume nicht erraten, wurden, der starb 
bis zum nächsten Fest; wem aber sein Traumwunsch in Erfüllung ging, der er- 
freute sich eines langen Lebens und blieb gesund. In diesen Angaben ist ein» 
Bettle der Freudschen Anschauungen enthalten. Bratens die Tatsache, dail 
unsere Träume im Dienste der halluzinatorischen Wunscherfüllung steheu, zwei- 
tens, daü wir den Traumgedanken vom manifesten Trauminhalt unterscheiden 
müssen, drittens daß das Erraten des Traumgedankens die (Psychoanalyse 1) patho- 
gnen Komplexe verschwinden läßt, und endlich, daß wir die umgekehrten Hand- 
lungen als zensurierte Wunscherfüllungen aufzufassen haben. Nach den autosym- 
bolischen Beweisen der ümkehrung versucht der Verfasser, die in Umkehrungs- 
form erscheinenden Beispiele der autosymbolischen oder funktionalen Kategorie 
xa analysieren: das heißt Fälle, in denen der Mythos die psychischen Tendenzen, 
denen er entsprungen ist, selbst bezeichnet, nur daß sie dabei die Relation 
zwischen Ursache und Wirkung uingekehrtcrweise darstellen. (Vgl. Kaplan: 
Psychoanalytische Probleme. 1016. 55.) Die Kayan erzählen von Urwcsen, die 
ihre Hände und Füße noch nicht zu benützen wußten, und sagen „The way 
■ihildren crawl about is a survival of thin awkwardness", was natürlich umge- 
kehrt richlig ist: der Zustand der Frwesen ist eine Projektion des entogene- 
'ischen Urzustandes. Das Gesetz der autosymbolischen Umkehrung im Mythos 



Jgß Dt. Geza Rühe im. 

besagt daß der Mythos seine Scheinrealität-, seine Scheinunabhängigkcit vom 
Innenleben nur dann bewahren kann, wenn er seiiien eigenen Ursprung bloß 
in der Umkelirongsforni verrät. l>ie Augenblick- und SoAdergÖtter (ITecuor). 
die Tätigkeitsgötter (Preuss), aber auch alle jene Bestandteile des Mythos und 
der Religion gehören Melier, die vom Einfluß- der Götter auf den Menschen han- 
deln ; wir haben ea mit einer psychologischen Begründung ner bekannten Mi'aliT- 
heit zu tun, doli der Mansch seine Götter nach seinem eigenen Ebenbild erschafft. 
Die autosymtolisclic Umkehrung gibt der Fat» Morgans, des Mythos den Schein 
eines übernatürlichen Seins. Der zweite Teil der Arbeit handelt von dem Inhalt 
der Symbole und der Entwicklungsgeschichte der Libido; bisher ist jedoch nur 
der erste Abschnitt („Inhalt der Symbole") erschienen. Bei den Huichol ist 
eine Art Sesualisierung de» Alls zu finden; der Penis ist iu ihrer Auffassung 
eine Schlange und folglich sehen sie Schlangen in den meisten, Naturerschei- 
nungen und kultisch bedeutsamen Objekten, und ihre- Götter erscheinen in 
Schlangcnform. Dii> Schlange verursacht Schwangerscltaft und der schlae^en- 
gestaltigo Bräutigam im Maronen typus „Amor und Psyche'" ist eigentlich der 
Penis, die Libido. Diese libidinöae Bedeutung fülirt uns herab zu den Urformen 
der Libido, indem manche Sagen hinter dem Sehlangenbräutigam, iu mehr minder 
deutlicher Weise die beiden Urformen der weiblichen Objektwahl erkennen 
lassen, den Vater und den Sohn. Pannus nimmt allerlei Gestalten na, lü^ c? 
ihm in Schlangcngestalt gelingt, seiner Tochter Bona. Den. beizuwohnen, und 
Zeus als Schlange pflegt Geschlechts verkehr mit seiner Mutter Rhea und mit 
seiner Tochter Fersephonc. Die von den anthropoiden Urahnea ererbte SeWsageu- 
fnreht wird vom Manne durch den Vorgang der Libidinisiorung verdrängt, er 
introiiziert die Schlange, indem er sie mit dem eigenen Glied ideatifüert. Bot 
der Frau entsteht dieses Symbol auf anderem Wege: sie verdlchtot ihre beiden 
gefährlichen Feinde, die Schlange, vor der aie sich (iin Siune des Realitätprinzips) 
einfach fürchtet, mit dam Penis, den sie in ambivalenter Weise fürchtet und 
herbeiwünscht. Das zweite Beispiel der Sexualsymbolik ist die rituelle Bedeu- 
tung des Cberspringens und Überschreitens. (Siehe Zeitschrift VI, 11120, S. 212.) 
Das Zerbrechen des Glases als lloohzeitsritus deutet auf eine glückliche, kinder- 
reiche Ehe. Die Doflorationssyinholik ist besonder.-* deutlich in Marokko, wo 
die Männer eine Plagge, welche die Braut in der Hand hält, zerstückeln, damit 
das ZerrctBen dos Hymens dem jungen Ehemann gelingen soll. Der Ritus der 
zerbrochenen Eier bildet den t'lK>rgang zu den Sagen vun der Eigeburt. Es 
liegt nahe, das Osterei, welches von den Mädchen als Lohn für eins Peitschen 
ihren Geliebten gesclrcnkl wird, auf die Gebärmutter zu deuten. Nach der Sym- 
bolik- des Koitus, der Defloration und des weiblichen Genitale behandelt der 
Verfasser die symbolische Bedeutung der Ejakulation, im Ritus. Bei den Ruanda 
spuckt der Mann Milch auf den Busen des Mädchens und sagt: „Gib mir den 
Ereudenruf, ich habe geheiratet." Daneben kommt als paralleler llochzoils- 
brauch das schon von Winternita richtig gedeutete Bewerten mit Reis, 
Körnern oder kleinen Kü ^eichen, welches bewuütcrweiso als Bofruehtungszauber 
aufgefaßt wird, eben/all» als eine nach oben verschobene Ejakulation in Betracht'. 
Der letzte Abschnitt handelt von der Symbolik des Exkrementellon. Im Assy- 
rischen lieillt das Gold „Exkrement der Hölle". Boi den Primitiven, wo kein 
Gold vorhanden int, kommt anderen, besonders reinen und glitzernden Gegen- 
ständen, wie z, B. dem Bergkristall, den Korallen und Perlen dieselbe oxkrcmeii- 
telle Bedeutung zu, nur mit dem Unterschiede, daß die analerotisehe Bewertung 
der Exkremente, welche auf der bisher höchsten Entwicklungsstufe als ökonomi- 
scher Wert des Goldes erscheint, bei den Allerprimitivston in der magischen 
Kraft der Bergkristalle vertreten ist. Von hier aus geht dann die Entwicklung 



Ethnologie und Völkerpsychologie. 187 

durch Zwischenglieder ästhetischer Bewirtung fSchmuck) in. die okoaomischc 
Bewertung, als Geld, über. Die Schätze, das Gold der Geister, Terwaudelt sich 
bei Tageslicht in Fäzes. A, h. die libidobesetzten Kmnplcse de» Unbewußten 

verlieren ihre Bedeutung, wenn sie ans Tageslicht rf,-s Bewußtseins gezogen 
worden. Umgekehrt Terwandeit sich daß Exkrementelle, ans dem Unbewußten 
ins« BnwaUtc dringend, in Gold: so die Kohle das Krdmanns oder das Kehricht 
dPr Geister. Wie weitgehend die Auffassung Freuds sich in dieser Fragt} 
vülkerpsychologisch als treffend erweist, zeigt eine Anciabe aus Nordindien, in 
wok'hcr der Zusammenhang zwischen AnakuWilj und Aoalcharakter ausgesprochen 
ist: „Somo -whitches are belioved to learn the soerets of thoir craft by eating 
fllth. Such a woinan in populär l«Iief ia aJways very lovely and scrupnlosly 
iioiit in her personal appeaiance." 

Eine allgemeine Arbeit zur Symbolik gibt auch L&vj (2S), 
eigentlich mehr Materialsammlung. (Essen, Apfel, Ei, Brot, Keleh, 
Fisch, Garten, Brunnen, Quelle, Wasser, Regen, Tiir, Haus.) Vgl. 
auch I. Nacht: Euphemismes sur la Femme dans 1« Litterature 
Babbiniquc, Revue dos Etudes Juives LFX. 1010, 86, (Mühle, Brot, 
Fisch.) Die biß in die kleinsten Einzelheiten durchgeführte Anaiyse 
der biblischen Paradiesgeschiehte von demselben Verfasser ist ein 
lehrreiches Beispiel der Leistungsfähigkeit der psychoanalytischen 
Methode, 

Von den Arbeiten über einzelne Symbole (vgl. auch 26 a, 26?*, 
]">«) ist besonders Eis ler hervorzuheben (11. Fisch als Penis und 
als Vagina, in Hochzeitebräucheu usw.). Über Schubsymbolik sind 
18 und 28 zu vergleichen. 57 ist in keiner Hinsicht auf der Höhe 
der wissenschaftlichen Forschung. Die schöne Arbeit von Felszi 1 - 
ghy ist inzwischen in deutscher Sprache erschienen (14). Die Ar- 
beilen Kr eich gauers (24, 25) sind vom Standpunkt der Mond- 
mythologie geschrieben, enthalten aber wichtiges Material zur psycho- 
analytischen Deutung der Symbolik. 

Die zweite Arheit ist ein Beitrag zu den Motiven dar Symplegaüen und 
der zuklappenden Tür und Felsen im Märchen. In Mexiko heißt es, der Tote 
Wümso zwischen zwei Bergen durchgehen, die eich berühren. Wenn wir in di;n 
Symplegaden alt Buche der Unterwelt schon eine Andeutung finden, daß der 
Ausgangspunkt des ganzen Vorstellnngskreises am menschlichen Kürper zu suchen 
ist, so finden wir auch den eigentlichen Ursprung des Mythos, wenn wir hören, 
dafl der Neugeborene als ein aus dem Wohnorte „der alten Götter", aus dem 
höchsten Himmel Herabgekomnicner begrüßt wurde. Dies» „Alten Götter" sind 
nämlich die eigentlichen S.'lmtzgottheiten der Symplosaden. Die öymplegadwi 
sind oben die Öffnung, durch welche der Neugeborene das Licht der Welt er- 
blickt, wohin der Tote wieder zurückkehrt. Verfasser sieht nun in der ganzen 
mexikanischen Mythologie überall „Symplegadea^ymbolc", manches dnvon dürfte 
in Anbetracht der unbewußten Bedeutung der Symplegaden richtig sein, z. 15. 
das Vikariieren von Symplegaden und Auge in der Ornamentik, das meiste jedoch 
Bthr übertrieben. 



Igg 1». G6za IWheim. 

Mogk (33) versucht, die Zauberkraft des Eies aus der Tat- 
sacht 1 , zu erklären, daß es eine Quelle des Lebens ist, daß aus ihm 
ehr neues "Wesen geboren wird. Die Eier, die in Grälwrn gefunden 
werden, sollen den Toten neue Lebenskraft zuführen. Aus diesem 
Vorstellungsjkreise erklärt sieh auch die Vorstellung der kleim-u 
Seelen als Eier, die sieh im Kopfe der großen Seelen befinden 
und sieh nach dem Tode des Menschen in die großen Seelen ver- 
wandeln (Giljaken). Die kleine Seele im Ei ist der Embryo, 
der erst nach dem Tode aus dem Ei schlüpft und zu vollem Leben 
erwacht. „Nun versteht man auch die weitverbreiteten Märchen 
vom Lebensei, wonach das Leben eines Menschen oder mythischen 
Wesens in einem Ei verborgen ist. so daß man dem Betreffenden 
das Leben raubt, wenn man sich in den Besitz dieses Eies setzt." 
(S. 217, 218.) Die Vorstellung vom Lebensfaden erklärt lieferen t 
in einer ungarischen Arbeit (46). Wenn man den Faden abschneidet, 
heißt es in Celebes, wird das Kind geboren, woraus ganz deutlich 
ist, daß das Abschneiden des Lebcnsfadens beim Tode bloß eine 
Umkehrung dessen ist, daß die Nabelschnur des Kindes bei der 
Geburt abgeschnitten wird. Der magisch-mystische Zusammenhang 
zwischen dem Menschen und seiner Nabelschnur (oder Plaeenta), 
die sympathetische Einheit mit dem Baum, unter welchem die Nach- 
geburt vergraben wurde, „die Außenseele" in dieser Nachgeburt, 
sind bloß Ausdrucksformen der Bindung an die Mutter. Einen 
Beitrag zur funktionalen Symbolik gibt Parsons (36), indem 
die Dämonen der Menstruation, der Hochzeit, der Geburt, des 
Todes usw. als Ausdrucksformen der von der Notwendigkeit der 
sozialen Neuanpassung entbundenen TJnlustgefülüe gedeutet werden. 
Es ist auffallend, daß die Verfasserin A. van Genneps ,,Les 
rites de passage" (1919) nicht erwähnt. In der interessanten Arbeit 
von 1 Kaplan findet sich so manches Völkerpsy ökologische. Aus- 
drucksbewegungen dienen ursprünglich bloß der Abreagier ung der 
gestauten Affekte und werden erst später dazu verwendet, um dem 
andern etwas mitzuteilen, Gottesurteile sind primitive Beaktions- 
experimente: durch eine Pehlhandlung verrät sich das Schuld- 
bewußtsein des Sünders (55). In der Anwendung auf völkerpsycho- 
logische Erscheinungen unterliegt die analytische Methode einer not- 
wendigen Modifikation; die Varianten eines Themas werden wie 



Ethnologie und 'VölkBrpsychologlo. Jgy 

die einzelnen Einfälle der Kranken gesammelt und dienen zur gegen- 
seitigen Erhellung. Der Spuk der Rügener Sage, der mit dem 
"Wanderer gleichen Schritt hält, wird aus der Auseinanderlegimg 
und Projektion, der Persönlichkeit des Wanderers, die Sagen vom 
Wechselbalg ebenso treffend als eine Äußeruiigsform verdrängter 
Feindseligkeit gegenüber dem Kinde gedeutet. (S. 75, 96.) Der Aus- 
druck des Widerstandes der Realität ist die Zeit und das Unbewußte, 
das Kind und der Primitive rechnen nicht mit dein Zeitfaktor. 
Die ödipuseinstellung des weiblichen Gesohlechtes wird an einigen 
Beispielen verdeutlicht (Lots Töchter, Adonis). Die Verfolgung 
durch den Vater ist die Erfüllung des sexuellen Wunsches der 
Tochter. Hier handelt es sich um einen Verfolgungswahn auf hyste- 
rischer Grundlage, während die Hexe (Stiefmutter) als Verfolgerin 
zu den paranoiden Gebilden gerechnet werden muß. (S. 118.) Die 
Riesen stellt man sich gewöhnlich als ein früheres Geschlecht der 
Erdbewohner vor, wohlverständlich sind sie die mythischen Ab- 
bilder der Eltern, welche die Menschen an Körpergröße ähnlieh 
überragen wie die Erwachsenen die Kinder ^uid die natürlich den 
Mensehen auf Erden vorangegangen sind. Die Dummheit des Riesen 
entspringt der Tendenz infantiler Helden, die Eltern zu hintergehen. 
(S. 124.) Die Arbeit von B o 1 1 ist ein Beitrag zur Traummythologie 
im eigentlichen Sinne des Wortes (8). 

Ohne Kenntnisse von der rnyehuunal}>e zu verraten, kommt Boll (Ö) 
doch zu. SchluMolgerrmgen, die auch psychoanalytisch richtig, wenn auch nicht 
ausreichend sind. Neben den mythischen Figuren des Sisyphoa, Tantalos, clor 
Danaidon lind anderen großen Büßern in der Unterwelt, finden wir dun Dknos 
(den Zauderer), einen alten Mann, der entweder hilflos vor einiseo Hölzern auf 
dem Boden Bitzt, während sein EseL den ein Ephobe aitt Schwänze packt, in 
diu Knie bricht, oder mich einer anderen Variante flicht er ein Seil, während 
die nelx-n ihm stehende Eselin auf der anderen Seite das Seil wieder wegfrißt. 
Aua seinen eigenen subjektiven Eindrücken und aus dem Vergleich mit einer 
Stolle bei Jereraias Gottheit kommt der Verlader zur Schlußfolgerung-, daß es 
eich um die Phantasie eines Traumes handelt, den er in. Anlehnung an Scherner 
als Behinderungstraum kennzeichnet. Eine schlagende Bestätigung dieser Ver- 
mutung ist es, daß derselbe Seilflechter in den Yatakas als dn.i siebente Traum- 
bild des Königs Kocala vorkomm!, nur datl hior statt einer Eselin ein hungriger 
weiblicher Schakal das Seil frißt. Die ionische Deutung von Oknos als dem 
vergeblich fleißigen Mann einea liederlichen Weibes, trifft nach unserer Auf- 
fassung so ziemlich das nichtige. Eselin und Schakal sind im Traum als die 
Frau, das Seilflechten u !s Sexualnkl. die vergebliche Mühe bekanntlich als die 
Onunio (vgl. die Beziehungen der Onanie zur Unentschlossenheit) zu deuten. 



]Q() Dr. Gi'za Röheiin, 

Pfeifer liefert die erst© Anwendung der psychoanalytischen 
Methode auf das Spiel. (Vgl. auch 17a.) Nach der .Analyse von 
individuellen Spielen geht der Verfasser auf das lolkloris tische Ma- 
terial über, und zwar indem er das bekannte Spiel „Fachs ins Loch" 

zum Ausgangspunkt nimmt. 

Das Loch ist. ein Symbol defi Mutterleibes, die „Müro Garucho", die 
Mutier mit der Peitsche-, da» hpiSt Penis (Frau Holle mit dem eisernen Zahn, 
das heißt kastrierter Fuchs, männliches Symbol). Also bedeutet daa Spiel, daß 
der väterliche Penis sich in der mütterlichen Vagina befindet, gleichzeitig aber 
auch, daß die Mutter einen ebensolchen Penis hat wie der Knabe, bzw. ihn 
froher gehabt, aber durch Kastration verloren hat. Der hinkende TIeld des 
Spieles wird mit Hilfe dor hinkenden Mythenges taltcn analysiert. Mythen- 
beiden bütfen oft ilu: Glied beim Kiadringen in ein Mutterleibssymbol ein. In 
die Kategorie der gegensätzlichen Determinierung gehört der Wechsel in der 
Person des Fuchses. Das Kind aus der Spielar(BrüdeT-)sohar v auf welches der 
Vater die Macht, ecino feindlieh gesinnten Kinder (Brüder) zu bf?3 trafen und 
den Inzest eu begehen, durch einen Feitscuecschlag manisch überträgt, über- 
nimmt diese Bolle nicht nur aus äußerem Zwang, sondern auch infolge 1 einer 
affektiven Einfühlung in die Vaterrolle. "Während die Fachsrolle im Spiel als 
eine Art Strafe erscheint, stellt sie also in der Wirklichkeit eine Wnunclwrfül- 
lung dar. Der Wechsel in der Fuchsroüe entspricht dem fortlaufenden Woe-isel 
der Generationen. Hier berühren wir die im Spiele auffällige Erscheinung der 
Beihenbildungcn nnd Douhlettiorungen, welche sich sowohl auf die Symbole 
wie auf die Motive und Personen erstreckt. Von hier aus entwickelt der Ver- 
fasser eine interessante Theorie über die Bedeutung der Reihen'ütiung im psy- 
chischen Leben: das Minus in der pjefriedigung am Ersatzobjekt und die dadurch 
erzeugt« seelische Spannung bildet einen Anlaß zur Vermehrung der Objekte. 
Eine andere Gattuag psychischer Reihen spiegelt die wechselnden Klüftever- 
hältnisse zwischen dem Ich und der Libido, insbesondere handelt es Meli um 
Symbole, deren Angstcharakter die Kolle der Verdrängung in ihrem Ursprung 
beweist. Der Märchenheld hat anstatt direkt gegen diesen feindlichen Vater- 
imago gegen dessen unzählige Kinder. Diener, Tiere zn kämpfen, die abgeschla- 
genen Köpf* 1 des Drachen wachsen wieder nach usw. Man gelangt zur Einsicht, 
daß das Unbewußte mit dieser Spaltung ein Ziel verfolgt, und zwar die Aogst- 
cntwicklung der überschüssigen Inzestlibido durch diese Verdünnung des Ab- 
reagicrens in Hauen und Zeit vermeiden. 

Der Mechanismus der Reihenhildung gehört eben auch wie 
Verdichtung-, Verschiebung usw. zu den wichtigsten Mitteln der 
Verdrängung und hat eine besondere Bedeutung im Spiele, da er 
die 'Übertragung auf die Mitspieler, später auch auf die Außenwelt 
überhaupt, ermöglicht. Andere Beispiele werden zur Erhärtung 
der Rolle des Inzcglkomplexcs beim Spiele angeführt, Die Vorlust- 
rolle, die angenehme Triebbetätigung, besteht darin, die psychische 
Stimmung so zu verändern, daß ein Umkippen der seelischen Be- 
reitschaft zur Kealitätsanpassung auf die Seite der Lustprinzips- 
herrschaft erfolgt. (S. 267.) „Das Auftreten des Spieles mit ver- 



Etlmolopio und Völkerpaycholojjip. ]91 

drängten* Inhalt füllt mit dem Anfang des großen Verdrängun/rs- 
sckubes der Kindheit zusammen, und besonders die typischen Spiele 
mit »mythologischem' Inhalt füllen ungefähr die Zeit vom dritten 
Lehensjahr bis zur Pubertät aus, wo eine starke Abnahme der 
Spiel tat igkeit eintritt. Es liegt auf der Hand anzunehmen, daß 
in diesem Zeitraum, den Freud ,die Latenzzeit 1 benannt hat und 
der auf den ersten Blick ein Vakuum im sexuellen Leben des 
Menschen zu bilden scheint, die vorher so mächtige und lust bringende 
infantile Sexualität nicht verschwindet, sondern nur in das Spiel 
überströmt." (S. 281.) 

Diese Berichtsperiode hat uns auch die Anwendung der 
Psychoanalyse auf die Erscheinungen der Soziologie 
(abgesehen von der Soziologie der Primitiven) gebracht 1 ). El über 
verficht zwei Hauptthesen (7). 1. Die Rolle der homoerotischen 
Strömungen des Gefühlslebens im Aufbau der menschlichen Gesell- 
schaft und des Staates sind zu erweisen (der Verfasser meint, daß 
diese ganz eigentlich das Soziale sind im Gegensatz zur Familie 
und zu den ökonomischen Erklärungsversuchen). 2. Diese Strö- 
mungen selbst aus einer „nichtpathographischen" „natürlichen" 
Theorie der Inversion zu erklären. Die psychoanalytische Theorie 
von dem Ursprung der Homosexualität aus der Inzestflueht, sucht 
or durch die Behauptung zu widerlegen, daß der Analytiker eben 
nur neurotische Vertreter des Typus inversus zu Gesicht Ijekomint. 
Gerade auf ethnologischem Gebiet stellt sieh aber das Sekundäre 
der Inversion gegenüber dem Ödipuskomplex deutlich heraus, um 
zum Männerbund zu gehören, muß mau die Pubertätsfeier mit- 
gemacht haben, diese aber ist eine symbolische "Wiederholung des 
Urkampfcs zwischen den Vätern und Sühnen der Horde. Die Homo- 
erotik, die nach der Auffassung Freuds zuerst als einigenden 
Band der Brüderhorde auftrat, war bloß ein „Ersatzgefühl" des 
Mutterinzestes; „der 3S r ot gehorchend nicht dem eigenen Trieb", das 
heißt, der einstigen Not, die in der Gestalt des eifersüchtigen Vaters 
auftrat, wehren die Mitglieder des Männerbundes dem weiblichen 
Gesehleehte den Eingang ins Männerhaus: und wo sie dies den- 
noch gestatten, ist es nicht eine Verfallerseheinung, wie Blüh er 
will, sondern eine "Wiederkehr des Verdrängten. 
*) Vgl. dazu den betreffenden Abschnitt, S. 193 ff. 



jgf l>r. Geza Rüheim. 

Von der Gcsellschaftslehre zur Psy rh ologie der politi- 
schen Bewegungen leitet die schöne Arbeit von Federn (12'. 
auf das Gebiet- der Massenpsyehologie greift die Arbeit von 
Brill (10) über, der die Mu<kelerotik zur Erklärung der neuesten 
Tanzepidemien heranzieht. 

Das letzte Anwendungsgebiet, mit dem wir es innerhalb der 
Ethnologie zu tun haben, ist die materielle Kultur. Manches 
Einschlägige ist schon aus den Arbeiten über Symbolik herauszxi- 
pehälen (vgl. 18, 28). Ausschließlich diesem Gegenstand sind aber 
um- zwei Arbeiten gewidmet (15, 17). Die Arbeit von Gicse (17) 
geht von richtigen Grundgedanken aus, ist aber leider sozusagen 
vollkommen spekulativ gcha-Hen. Giese unterscheidet die männ- 
lichen und weiblichen Scxualvorbüder und drittens die Darstellungen 
der beiden Organe in Kongressus, dann aber auch Nachahmungen 
der Ejakulation, Erektion, der sekundären Geschlechtsmerkmale tisv.-. 
Diese Vergleiche anzustellen, ist nicht schwer, alles kommt auf die 
eingehende Beweisführung an. Fercuezi (15) unterscheidet zwi- 
schen Projektion«- und Introjektionsmasohinen und schafft somit 
eine brauchbare Grundlage einer eingehenden ethnologischen Unter- 
suchung, da die Frage nach der Psychogencse der Mechanik letzten 
Endes doch nur mit ethnologischem Material lösbar sein wird. Im 
Spiegelzauber des Referenten (51) wird der Versuch gemacht, 
einen wichtigen Teil der materiellen Kultur, nämlich die Domesti- 
kation der Tiere, aus libidinösen Triebkräften (Saugenlassen) zu er- 
klären und die Riten bei der Einführung neuer Haustiere in die 
Hausgemeinschaft als jedesmalige Eegression auf die Urstufe zu 
deuten. (S. 156.) 

"Wenn wir nun eine Zusammenfassung der Fortechritte, die in 
der Anwendung der Psychoanalyse in den letzten fünf Jahren auf 
ethnologischem und völkerpsychologischem Gebiete zu verziohnen 
ist, versuchen, so müssen wir innerhalb der uns gesteckten Grenzen 
drei Hauptanwenrlungsgebiete unterscheiden. Diese wären a) die 
geistige Kultur und Soziologie der Na-turvölker samt ihren Über- 
lebseln in höheren Kulturkreisen, b) die Anfänge der materiellen 
und wirtschaftlichen Kultur, e) eine Differentialpsychologie der 
Völker. Sowohl an Zahl der Arbeiten wie an 'Wichtigkeit der Er- 
gebnisse ist die erste Gruppe bei weitem überwiegend. Auf dem 



Ethnologie und Völkerpsychologie. 193 

Gebiete der geistigen Kultur lassen sich zwei Hauptthemata unter- 
scheiden: der Ödipuskomplex und was damit unmittelbar verbunden 
ist einerseits, und die Lihidotheorie, wie sie in den „Drei Abhand- 
lungen zur Sexualtheorie" niedergelegt ist, anderseits. Als phylo- 
genetische Parallele des Ödipuskomplexes wurde der Totemismus 
schon früher von Freud in seiner bahnbrechenden Arbeit beleuchtet ; 
jetzt ist es Bei k, dem der zweite Schritt auf diesem Pfade gelang, 
indem er den Beflex des Kampfes zwischen Vater und Sohn in 
der TJrhorde (Atkinson) in den Männerweiheriten aufzeigt. Die 
Bedeutung dieser Feststellung ist vorläufig noch gar nicht richtig 
abzusehätzen; es scheint, daß wir es hier mit einer der wichtigsten 
Wurzeln der Festbräuche überhaupt zu tun haben. 

Was die Anwendung der Lihidotheorie betrifft, sind haupt- 
sächlich die engen Beziehungen zwischen dem Narzißmus und den 
Seelenvorstellungen hervorzuheben. Hier wurde die Arbeit Ranks 
vom Referenten fortgesetzt und soll noch weiter ausgebaut wer- 
den, Die völkerpsyehologisehe Beleuchtung des weiblichen Liebes- 
lebens wurde erst in dieser Berichtsperiode von Freud in einer 
glänzenden Arbeit in Angriff genommen. Mehr minderwichtige Bei- 
träge zur Symbolik enthalten natürlich beinahe alle Arbeiten. Re- 
ferent versucht auch eine Behandlung der funktionalen Phänomene 
in der Mythenbildung, auf diesem Gebiete ist sonst wenig geleistet 
worden und eine eingehende Darstellung des Verhältnisses zwischen 
Inhalt und Funktion der Symbole wäre sehr erwünscht. Pfeifers 
Theorie der Reihenbildung ist ein Schritt in dieser Richtung. Neu 
ist die Anwendung der Psychoanalyse auf das Spiel, auf Staaten- 
und Gesellsehaftsbildung. 

Es ist kaum notwendig zu betonen, daß noch unendlich viel 
Arbeit auf diesem Gebiete zu leisten sein wird; wichtige Kapitel 
der Völkerpsychologie sind von der Psychoanalyse noch ganz un- 
berührt: so die Gottesvorstellungen, Magie, Hochzeits- und Toten- 
gebräuche der Primitiven. Meistens wird von den Psychoanalytikern 
primitives Material hauptsächlich nach Frazer herangezogen, wäh- 
rend die ebenfalls sehr lehrreiche europäische Volkskunde weniger 
Berücksichtigung findet. Nach der ersten Periode der Grundlegung 
im „Totem und Tabu" haben wir in der zweiten Phase die Ansätze 
des systematischen Aufbaues einer psychoanaly tischen Völkerpsyoho- 

i>«}-eliD»n»Ijl», Barlobt 1»U— mo, , .. 



194 



Dr. Gfen Röheim. 



logie zu verzeichnen. Ea ist wahrscheinlich, daß die Zeit einmal 
kommen wird, da man auf psychoanalytischer und folklorißtiecher 
Grundlage etwas wie eine Dif ferentialpsychologie der 
Völker wird schreiben können, denn was sich bisher auf diesem 
Gebiete als Völkerpsychologie gebärdet, kann man höchstens als 
eine Art „Vorwissenschaft" gelten lassen; dem Referenten acheint 
es, als ob diese Differentialpsychologie der Zukunft einzig eine quan- 
titative sein könnte, die sich im Kräftespiel zwischen der Verdrän- 
gung und der Libido ausdruckt. 






Soziologie. 

Referent; Aurel Kolnai. 



Literatur : 1. Adler A. : Bolschewismus und Seelenkunde. Intern. 
Rundschau. IV. Jahrg. H. 15. u. 16. Zürich 1918. — 2. Bernfeld S.: Die Psycho- 
analyse in der Jugendbewegung. J. V. S. 283. - 3. Blflher H.: Die Rolle der 
Erotik in der männlichen Gesellschaft. Eine Theorie der menschlichen Staats- 
bildung nach Wfesen und Wert. 2 Bde. Jena 1917. — 4. Ders.: Familie und 
Männerbund. (Der neue G«ist.) Leipzig 1918. — 5. Ders.: Staat und Eros. 
Die Neue Generation. 1917. Nr. 9. — 6. Federn P.: Zur Psychologie der Re- 
volution. Die vaterlose Gesellschaft. Wien-Leipzig 1919. — 7. Ferenczi S.: 
Zur Ontogenie des Geldinteresses. Z. IL S. 606. — 8. Ders, : Zur Psychogenese 
der Mechanik. Kritische Bemerk, über eine Studie von Ernst Mach. J. V. 
S. 394. — 9. Frank, K. : Die Parteilichkeit der Volks- und RasseabeTgläubisohen. 
Wien-Leipzig 1919. — 10. Frend 8.: Zeitgemäßes über Krieg und Tod. J. IV. 
s - J - — 11- Jekels L.: Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. J. III. 313. 

— 12. Jones E.: Krieg und Sublimierung. Internat. Revue, Zürich 1916. — 
13. Kaplan L.: Der tragische Held und der Verbrecher. J. IV. S. 96. — 14. 
Kolnai A.: Gnade und Gerechtigkeit. Neue Gemeinschaft. 1919. — 15. Lorenz 
E.: Zur Psychologie der Politik. Klagenfurfc 1919. — 16. Pflster 0.: Zur 
Psyohologie des Krieges und Friedens. Wissen, und Leben. Zürich 1914. — 
1" Rappaport M. : Sozialismus, Revolution und Judenfrage. Leipzig-Wien 1919. 

— 18. Reik Th.: Die Couvade. J. III. 407. — 19. Ders.: Dia Pubertätsriten 
der Wilden. J. IV. 125, 189. — 20. Rose A. H.: Die arbeitslose Frau. Psycho- 
analytische Skizze. Die Tfmsohau. XIX. Nr. 15. 1915. — 31. Schulhof BT.: 
Individoaipsychologie und Frauenfrage. München 1914. -— 22. Strasser V.: 
Massenpsychologie und Individualiisvchologie. Ztschr. f. Individiialpsyoholoeie. 
I. S. 166. 

Die Psychoanalyse hat keine Tätigkeit auf soziologischem Felde 
in. dem Sinne entfaltet, wie beispielsweise auf mythologischem. Unser 
Material ist demnach aus völlig heterogenen Bruchstücken zusam- 
mengeballt, und es läßt sich nur mit Mühe irgendwie gliedern. Vom 
rein theoretischen Gesichtspunkt aus wären natürlich noch zahlreiche 
andere Arbeiten in Betracht gekommen, die jedoch in andere Ru- 
briken als die der eigentlichen Soziologie eingeteilt wurden, obwohl 
sie auch für diese von Interesse sind; anderseits entb alten auch 

13* 



IQ/. Anrel Kolnfti. 

die Mar berücksichtigten Schriften viel Nicht-Soziologisches und 
nicht minder auch Nicht-Psychoanalytisches. Doch soll die Reihen- 
folge ihrer Behandlung durch ihren Gegenstandskreis bestimmt 

werden. 

Die methodologische Frage wird von Strasser (22) 
berührt. Ihre Ausführungen bezeugen, wie tief der Gegensatz zwi- 
schen der Psychoanalyse und der Ad 1 ersehen „Individualpsycho- 
logie", die der Artikel zur Grundlage hat, verankert ist. Die Ver- 
fasserin wül „das Leben nicht aufs Tote zurückführen«, und an 
Stelle der Analyse eine „Psychosynthetik" aufbauen, wobei die 
„Oberfiktionen" die Hauptrolle spielten; das Individuum wäre im 
Einklang damit eine von vornherein abgeschlossene Einheit, die 
zwar mit den Auöeninstanzen verwoben, aber in keiner Weise aus 
ihnen erklärbar sei. Das unseres Erachtens wichtigste soziologische 
Ergebnis der Freu dachen Lehre, die Ermittlung der individuum- 
bildenden Funktion der Gemeinschaft, hat zu Adler» System gar 
keinen Zugang; diese einseitige. „Ichpsychologie" muß eine ent- 
sprechend einseitige „Massenpsychologie" zeitigen, die allein den 
„Maohttrieb" der Einzelnen als Grundstein des Gemeinwesens ken- 
nen will. 

Die Anfänge der Kulturentwicklung gehören nur 
mittelbar hieher. Wir müssen diesbezüglich Beiks Totemismus- 
forschungen (18, 19) anführen, die die Behauptungen von „Totem 
und Tabu" sehr beträchtlich erweitern und vertiefen. Unter anderen 
wird jene Frage, die dieses grundlegende Werk Freuds noch 
durchaus offen ließ: was eigentlich den Brüderolan nach der Er- 
mordung des Vaters zur Beue und Sühne bewegt hatte, von Eeik 
der Lösung bedeutend näher gebracht. Er macht es annehmbar, daß 
die Mitglieder der Bmderhorde in ihren 'eigenen Söhnen den zurück- 
kehrenden Vater vermutet haben mögen, was sich in den Bestimmun- 
gen der Gouvade, wonach der Mann vom neugeborenen Kinde fern 
gehalten werde, ausdrückt. Wir fragen, ob diese Erkenntnis nicht 
für die Psychologie späterer — revolutionärer — gesellschaftlichen 
Bewegungen bzw. ihrer Schwankungen ausgebeutet werden könnte. 
Die „Pubertätsriten" sind ein wichtiger Abschnitt im Mechanismus 
der Abwendung von dem Inzest, der Familie, der Frau, also in 
der Gründling der „männlichen Gesellschaft" (Blüher). Der 



Soziologie. 197 

Bruderclan ist in bestimmtem Maße erotischer Selbstzweck gewor- 
den, er ist als Männerbund keine Zusammenrottung von ödipen 
mehr, sondern ein mit der Familie in Antagonismus stehendes, in 
sich gefestigtes und dasernsbereohtigtes Gebilde, woraus die Ge- 
sellschaft selbst stammt. 

Denselben Gegenstand behandelt Ulühers (3) Hauptwerk, das 
sieh psychoanalytischer Erkenntnisse und Gedankenwege reichlich 
bedient. Allerdings müssen wir uns dem Kritiker E. Lorenz 
(Image 1920) anscliließen, welcher betont, daß der Inhalt des Buchen 
seinem anspruchsvollen Untertitel gar nicht Gentige tut: der Leser 
vernimmt nichts über Staat oder Nation, sondern lediglich über 
typische „männliche Gesellschaften", wie "Wandervogel, Studenten- 
verbindungen, Ritterorden. Dessenungeachtet fällt diese Arbeit voll- 
auf in unseren Kreis, da sie sich mit den psychologischen Grund- 
lagen der heut« bestehenden Gesellschaft befaßt. Nun bemerken 
wir noch im voraus, daß die wichtigsten Anschauungen des Autors 
mit den bereits erwähnten und auch anderen Sätzen der Psycho- 
analyse in scharfem Widerspruch stehen. Das Band zwischen den 
Freud -Reik sehen und den Blüh ersehen Männerbundtheorien 
ist in der Tat ein sehr loses. Wird die Homoerotik der Bruderhorde 
und ihrer Nachbildungen in der psychoanalytischen Totemismus- 
koazeption aus dem ursprünglichen Inzest-Ecgressionswunsehe abge- 
leitet, wird dabei das ganze Maiuierbundwesen als ein bereits sekun- 
däres, im weiteren Sinne neurotisches Phänomen betrachtet (im 
Massenleben kann das „Pathologische" noch viel weniger scharf um- 
grenzt werden als beim Individuum), so ist Blüh er daran, die 
Inversion als eine der heterosexuellen Anlage psychologisch, und 
nebenbei gesagt, ethisch ebenbürtige Urform damitun. 

Die Inversion ist seinem System nach keine Perversion. Un- 
geachtet derjenigen Erklärungsversuche, die mit „Degeneration" und 
ähnlichen Hilfsbegriffen hantieren, ist sie auch psychologisch nicht 
auf Ursprünglicheres zurüokführbar. Es gibt sogar ungleich mehr 
Männer mit vorwiegend invertierter Geschlechtsneigung, als es ge- 
meinhin angenommen wird ; und darunter sind weder „Effeminierte" 
noch „Inzestflüchtige" zu verstehen. Neurotische Typen sind sehr 
häufig, und zwar insbesondere träumerische, sentimentale Phantasten 
einerseits, Sittliehkeitsfanatiker anderseits; diese verdrängen aber 






^gg Anrel Kobiai. 

nicht den Urlrieb des Inzests und seiner Abbilder, sondern den der 
Inversion. Diese Verdrängung wird in der ..bürgerlichen Gesellschafts- 
ordnung" durchaus begünstigt, da der Inversionstrieb die darin so 
sorgsam behütete Familie gefährdet. Im übrigen ist die In- 
version sogar geistiger als die Hcteroerotik. Eine „Heilung" davon 
könne es nicht geben ; überhaupt seien im Sexualleben keine anderen 
Möglichkeiten da, als entweder ein „Faun" oder ein „Mucker" zu 
sein. Der erstere Weg bezeichnet nicht das ganz rohe Ausleben: 
jede Kultur verdanke ihr Zustandekommen einem Ausmali von Ver- 
drängung. Und nicht die Verdrängung werde von der Kultur wach- 
gerufen. 

All diese Erörterungen sind durch, verschiedentliche, mitunter 
ganz besonders feine Detaüskizzen umwoben, aus welchen wir nur 
wenige herausgreifen können. Eine interessante Parallele wird zwi- 
schen der Galanterie des Frauenhelden und der Freundschaft des 
Mannerhelden gezogen. Der mystische und der polemische Typus 
des invertierten Neurotikers könnten die Wurzeln mancher politi- 
schen Einstellung entdecken helfen. Es wird überzeugenderweise a,us- 
einandergesetzt, wie man ,,junge Leute zur Bede zu bringen" ver- 
mag: wie die Pose des Psychiaters gleich hoffnungslos ist wie die 
des Moralpredigers 1 ). Tag für Tag sehen wir die alle Frauen aus 
ihrem Schoß verbannende Männergesellschaft in dem Trinkgelage, 
dem Tabakekolleg. Auch bei Entdeckern kann man etlichemal eine 
ausschließliche Betonung der mannmännlichen Erotik nachweisen. 
Die Wandervogelbewegung ist in erster Linie eine Verneinung des 
unserer Schule eigenen Systems der Altersklassen, das die Entfal- 
tung der Homoerotik in der Jugend zu hemmen bestimmt ist. Sehr 
anregend sind die Lehrertypen unserer Zeit geschildert: die „Ju- 
gendfreunde", die „dem Weib und der Familie verfallenen" usw. 

In dem zweiten Band entwickelt der Verfasser zuerst seine 
Auffassung über mannweibliehe Erotik und Gattenwahl; in bezug 
auf die letztere bekennt er sich zu der psychoanalytischen Inzest- 
theorie. Er erklärt, der Mann sei grundsätzlich bigam: er bedarf 
der Ehefrau und der Hetäre; diese ist nichts anderes als die Frau 
mit einem Stich ins Männliche oder Invertierte, die ihrer Weib- 
lichkeit ebendeshalb bewußter ist. 

*) Im Zusammenhang liiemib siehe Burnfeld (2). 



r 



Soziologie. 199 

Hiernach werden H. Schur f. z' bekannte Ausführungen im 
Dienste der Inversionstheorie gedeutet; diese Behauptungen B lühers 
sind auch durchaus plausibel. In den primitiven Männerbünden sind 
Absperrung' gegen das Weib, esoterische Erotik und Vorherrschaft 
des Typus inversus die Leitmotive. Die Wanlervogelbewegung ist 
nunmehr etwas ganz Ähnliches. Ihr Niedergang wurde dadurch her- 
vorgerufen, daß in ihr infolge des äußeren Druckes allmählich der 
Mucker die Oberhand gewann und die .,geistjge ,( , selbstwertige, ge- 
dämpft-erotische Vereinigung in einen touristisch-hygienisch-patrio- 
tischen Zweckverband umgestaltete. Auch wurde der Versuch einer 
Mädcheninvasion in den Wandervogel unternommen; an der Hand 
dieser Regung spricht sich der Verfasser über die Chancen einer 
„weiblichen Gesellschaft" ziemlich skeptisch aus. Bin anderer Män- 
nerbund ist das Ireimaurertum ; hierin soll ein kräftigerer Durch- 
bruch der Erotik dadurch verhindert worden sein, daß sich bei 
der Gründung des Bundes die betreffenden englischen Intellektuellen 
— zufällig in bereits ältere Maurergesellen verliebt hatten! 1 ) 
In den militärischen Kameraderien tun sich streng festgesetzte Ver- 
hältnisse kund: eine männliche Gesellschaft, die sich in dem auf- 
erzwungenen Zusammenleben notwendigerweise ausbildet. (Sparta.) 
Die Katastrophe des Templerordens bedeutet einen Zerfall, der dem 
des Wandervogels entgegengesetzten Charakters ist: die Auflösung 
wird nicht durch die Hypertrophie der Zweckverbände der „Mc- 
töken", sondern durch die unzureichend gehemmte manifeste Sexua- 
lität gezeitigt, die mit einer unüberwindlichen Trägheit ver- 
quickt ist. In den studentischen Verbindungen schlagen die Liebes- 
konflikte, die im Kreise gleichfalls ständiger Verhältnisse auf- 
blitzen, oft ins Politische um. Der hereinbrechende Liberalismus 
lockerte natürlich die Korpstraditionen überaus, doch wird bereits 
das Bedürfnis eines neuen geistigen Baues empfunden. 

Staat, Bund und Adel wären die vornehmsten Typen der männ- 
lichen Gesellschaft. Der Staat ist von der Herde, die ein Fämilien- 
erzeugnis war, grundverschieden. Der Bund ist insbesondere ein 
moralisches Beservoir: „im Bund wird nicht gesunken". Der Adel 
sei nicht mit dem heutigen Geburtsadel verwechselt; er sollte tat- 
sächlich etwas Edles sein. Die kleine Arbeit Blühers (4), die 

i) Ein krasses Beispiel der Boziologiefremdcn Denkweise B lühers. 



200 Auwl Kolnai. 

das oben Referierte zusammenfaßt, enthält noch die Bemerkung, 
daß wahre Kraft und Geistigkeit weder in einem, von der Frau 
beeinflußten, noch in einem zweck verbändlerischeu, aktiengesell- 
schaftsmäßigen Gemeinwesen, sondern lediglich in dem Machtstaat 
der mannmännliehen Erotik gedeihen kann. 

Ohne zu einer umfassenden Kritik ausholen zu wollen) lenken 
wir die Aufmerksamkeit bloß darauf, daß Blühers Theorie eines- 
teils der biologischen Grundlage entbehrt und gleichsam in der 
Luft schwebt, andernteils im Soziologischen selbst versagt. Die ein- 
fache und sich aufdrängende Frage: "Weshalb breitet der Staat, vor- 
geblieh selbst eine männliche Gesellschaft, seine schützende Hand 
über die doch seinem "Wesen so unverwandte Familie und hemmt 
er gleichzeitig in strengerer oder nachsichtigerer Weise die eigent- 
lichen Männerbünde? — kann von dieser Theorie nicht beantwortet 
werden und bringt sie in ärgste Verlegenheit. Aber eben jener Ein- 
wirkung wird von seiten Blühers keine Beachtung zu teil, die 
die Gesellschaft auf ihre Mitglieder ausübt. Er sieht nichts als 
das Götzenbild der „ex machina'' entsprungenen Homoerotik, leitet 
die ganze menschliche Kollektivität aus ihr ab und hat wiederum 
für diese, sobald er ihrem anti-homoerotischen Betragens gerecht 
werden muß, nur die wegweisende Geste: „bürgerliche Gesellschaft" 
übrig. Nur flüchtig sei erwähnt, daß Blüher die Kenntnis der 
Linie „Verdrängung — Verurteilung", die in der Psychoanalyse 60 
ungemein bedeutsam ist, augenscheinlich abgeht; deshalb vielleicht 
vermag er sich den Geist bloß in dem Ausleben und der Macht 
vorzustellen. Doch birgt Blühers Werk unleugbar zahlreiche 
fruchtbare Ansätze in sich. Die Erhellung der psychologischen Ein- 
heit von Macht und Erotik, des Gegensatzes von Maoht- 
gesellschaft und Zweckgesellschaft sind wertvolle Er- 
gebnisse; ebenso die Erschließung der Holle der Altersklassen und 
die energische psychologische Unterminierung des in der Tat un- 
geistigen und den theoretischen wie den praktischen Anforderungen 
unterlegenen Bourgeois-Pseudoliberalismus. Und besonders in einem 
Punkte ist dieser Versuch — > zugegeben, gerade nur ex contrario — - 
lehrreich: er strebt dahin, die Staatsbildung zu erklären und würdigt 
die Erde, den Grund und Boden keines Wortes Seine Einseitigkeit 
soll uns zum positiven Nutzen werden. Bedenken wir die ander- 






Soziologie. 201 

weitig erwiesene Bolle der Verbindung Fürst- Erde in der Staat* 
bildung- welche Verbindung allerdings patriarchalischer sein mag 
als die Männerbundserotik, hingegen aber sehr stark demokratisch 
subliffiierbar ist (französische Revolution l), so wird uns idnes klar; 
Wäre B 1 ü h e r dessen je gewahr geworden, so hätte er keineswegs 
die Behauptung gewagt, daß 1 . Macht und Geist einander zugeordnet 
seien 2, der Liberalismus — di;r wirkliche, den er eben nicht 
kennt — keines Eroskapitals habhaft sei. — "Wir glaube», hieraus 
wird ernst auf die Probleme der verschiedentlichen Reaktionen und 
Reformationen, in betreff des Katholizismus und Protestantismus, 
des „lateinischen und germanischen Geistes" usw. ein Licht geworfen 
werden. 

Über soziologisch belangreiche individuelle Interessen bzw. 
Tätigkeiten handeln zwei Beiträge Ferenozis. In dem einen (7) 
unterzieht er den „kapitalistischen Trieb" des Vermögensammeins 
einer genetischen Analyse und findet dessen libidinöse Wurzel in 
der infantilen Analerotik, der Ökonomie mit dem Lustgefühl der 
Kotentleerung. Der lustbezeiehuete Kotbegriff wird stufenweise bis 
zur Geldvorstellung — peeunia non ölet — sublüniert. Die maß- 
volle und unanfechtbare Schlußfolgerung Ferenczis, wonach 
sich die kapitalistische Neigung aus einer egoistischen und einer 
Ubidinösen Quelle nährt, ist durchaus dazu geeignet, in der sozio- 
logischen Fundierung des liberalen Sozialismus ausgewertet zu wer- 
den. Wir behaupten schlechthin, die mammonistische Erotik ist 
noch zu wenig sublimiert — Verwechslung der Erde mit den Waren- 
artikeln — und das egoistische, besser rationale Moment im Ka- 
pitalismus noch gehemmt durch die allzu grobe, dicke libidinöse 
Komponente. Die höchste Entwicklungsstufe des Analcharakters : die 
Gerechtigkeit und der vernunftgemäße Individualismus, sind im 
Kapitalismus noch nicht erreicht. 

Der andere Aufsatz Ferenozis (8) legt klar, daß E. Mach 
in. seinen Betrachtungen über die Genese der Mechanik mehr- 
fach beinahe psychoanalytische Gedankenpfade einschlug. Er ward 
der Rolle des Irrationalen, Affektiven gerecht, wagte es aber nir- 
gendwo, diesem inhaltlich nahezutreten. Er erkennt das Wirken 
einer „gewissen Wonneempfindung" in vielen Fällen, so bei den 
Feuer- und Wasserwerkzeugen, wie auch die introjektive Natur der 



202 Aurel Kolnai. 

primitiven Maschinen, sträubt pich jedoch bereits dagegen, in der 
Maschine auch die Projektion zu erblicken, obwohl diese sicherlich 
das Wesen der komplizierteren. Werkzeuge ausmacht. Wir be- 
merken, hiezu, daß wir darin einen Beitrag zum Komplex ..Projektion - 
Systembildung-Paranoia " sehen x ). 

Die ethischen und kriminologischen Beziehungen der sozialeu 
Organisation versucht Kaplan (13) ju einem Punkt zu beleuchten. 
Der Richter ist eine Art Gott-Vater, auch der „innere Richter". 
Der tragische Held aber ist die nach außen projizierte Verbrecher- 
individualität des Richters. Diese feine, nicht etwa vulgär analytische 
Formulierung drückt in der Sprache der Soziologie aus: der tra- 
gische Held ist kein asoziales Wesen (wie naive Schulästhetiker 
es glauben), sondern in innigster Verflechtung mit seiner Gesell- 
schaft, und sein Gegensatz zu der aktuellen Forderung dieser ver- 
anschaulicht den inneren Konflikt der Gesellschaft, der sich natür- 
licherweise in gewissen Fällen zwangslos darstellen läßt als innerer 
Konflikt eines Individuums. - Die Erinnyen sind die Staats- 
anwaltschaft. — Raskolnjkows Tat ist inzestuös gefärbt. Seine 
darauffolgende Erkrankung logt einen Rückfall in den Infantil- 
zustand an den Tag. Porphyrhis Petrowitsch, der Untersuch ungß' 
richter, ist sein „innerer Richter", Sonja wieder eine mütterliche 
Autorität. - Bei den Primitiven ist die Bestrafung ein festlicher 
Anlaß. Der Kampf mit dem Verbrecher entspricht der Tragödie. 
Gewiß sind diese anregenden Einfälle höchst unvollständig und 
vermögen die grundlegenden Probleme nur anzudeuten, nicht eigent- 
lich zu stellen. Sie sind aber ebenso bemerkenswert wie unzul anglich. 

Die Frauenfrage im Lichte des Ad ler sehen Systems tritt in 
Schulhofs (21) Heft zu Tage. Die Verfasserin setzt, sich zum 
Zweck, die Gleichberechtigung der Frauen gemäß dem „männlichen 
Proteste*' als universalen Leitsatz zu begründen. Der bisherige 
Vorrang des männlichen Geschlechtes war die Ursache schwerer 
Konflikte; der weibliche Individualismus (gezeichnet bei Ibsen) 
ist der Protest dagegen. Eine Polemik würde hier zu weit 

führen und wird von unserem Gegenstand nicht erfordert. 

*) In seinem „Nachtrag zur Psychogenem der Mechanik" (Imago 1920) 
teilt der Verfasser Interessantes über die Stellung Machs zur Psychoanalyse 
aril. Sobald der sexuologische Einschlag- dieser offenkundig wnrde, verdrängte 
er seine einst geäußerte Billigung der Breuer -Fr eu tischen Methode. 






Soziologe. 203 

Nun gelangen wir zu der Psychologie des Kriege«. Freud (10) 
dringt mit der Analyse bewaffnet in die Mentalität des Kriegs 
publikums und stellt die Präge, wie diese große Enttäuschung in 
betreff des Kulturniveaus der Gegenwart möglich wurde. Der Krieg 
ist natürlicherweise nicht als ein äußerer Faktor zu begreifen, 
dessen unheilvolle Einwirkung die allgemeine Entsittlichung her- 
beiführte, sondern der Zivilisationsoptimist hat siuh eben getäuscht 
und die oberflächliche Gesittung der Völker weitaus überschätzt. 
Die Kriegsentartung wurde nicht durch den Krieg gezüchtet, son- 
dern ihre Triebkräfte waren jederzeit aufgestapelt, ihr Ausbruch 
verdankt, dem Kriegszustand die formale Möglichkeit. Wir können 
nun getrost feststellen, daß» diese tiefenpsychologische Auffassung 
des Krieges nicht weniger einen tiefenpsychologisch orientierten 
Pazifismus bedingt. Es entgeht dem Blicke Freuds nicht, daß 
die individuelle. Entsittlichung im Gefolge des Krieges ein Aus- 
fluß der sozialen ist, daß die Bestien des Krieges nichts tun, als 
daß sie die großen Kollektivbestien nachahmen. Die Lockerung der 
Bande zwischen den Völkern, bei aller partiellen Kohäsionsfestigimg 
innerhalb der einzelnen Nation, lockert auch vielfach die Gewalt 
der sozialen Sittengebote über den Einzelnen in jeglicher Hinsicht. 
Wir können nur hinzusetzen, daß der Bolschewismus verwandterweise 
auf den Krieg zurückführbar ist. Die Triebbefreiung des Krieges 
wiederholt sich, unter entsprechend abweichenden Formen, in der 
roten Libidoexplosion. 

Ahnliches läßt sich von unserem Verhältnis zum Tode sagen. 
Das Tabu, das diesen Begriff deckt, unterlag einer Wandlung im 
Sinne der Primitivität. An unseren Tod können wir in gestei- 
gertem Maße nicht glauben, dem Tod des Feindes hingegen wird 
der Gefühlsnaehdruck entrissen: man sucht ihn ohne jedwede Rück- 
sicht zu töten. Die feinere Beinlichkeitsbetontheit des Todes, die 
im Kulturmenschen obwaltet, die stillschweigende Annahme des un- 
entrinnbaren Todes nebst der womöglich aufrechterhaltenen leichten 
Verbannung dieses Themas aus unserem Leben: weicht der primitiv- 
heroischen Unterscheidung zwischen „meinem Clan", der fortleben 
muß und dem feindlichen, der auszurotten ist. 

Pf ist er (16) knüpft an die Betrachtung des Krieges ver- 
sobiedentliche Auseinandersetzungen über den Stamm und die zwei 



204 Aurel Kolnoj. 

dkeidenten Schulen der Psychoanalyse an. Er erblickt im Krieg 
gleichfalls Regression und hebt den Zwiespalt hervor, der anläßlich 
des Krieges im Einzelnen auftritt. Das Individuum identifiziert 
eich mit seiner nationalen Einheit; und auf Erscheinungen, wie 
Großmachtatellung und Imperialismus kann man die Ad 1 ersehen 
Schemen unzweifelhaft anwenden. Kommt die Anbahnung des "Welt- 
friedens in Frage, so darf mau auch die neuen Möglichkeiten nicht 
aus dem Auge verlieren, die der Kriegsregression zu verdanken 
sind. Eine Kräfteweckung hat hiebei unleugbar stattgefunden, 
wenngleich sich nacl Friedensschluß regelmäßig ein ethischer Rück- 
fall bemerkbar macht. Um die vorteilhafte Seite der Regression 
auswirken zu labten, muß man sich den sittlichen Kräften der 
Kindheit zuwenden \ind eine allgemeine Kanalisienrng der aufge- 
rüttelten Kräfte durchführen. .Tones *(H) berührt an der 'Hand 
der Kriegspeychologie die tiefen Probleme des Zusammenhanges von 
Triebinterferenz und Entwicklung, sowie des Gegensatzes von wahrer 
und äußerer Veredelung. 

Man begreift, daß der wissenschaftlich-aktive Pazifismus von 
der Psychoanalyse manches erhoffen mag. 

Die soziale Frage der Gegenwart kann ebenfalls psychoana 
Iy tische Annäherung aufweisen. Vielleicht darf Jekels' (12) 
Napoleon- Analyse hierher gerechnet werden. Die Wendimg des 
jungen Korsen ist sein Abfall vom Volkshelden Paoli („il babbo") 
nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. und Kriegserklärung der 
Republik an England. Die geheimen Unterhandlungen Paolis mit 
den Engländern rufen in Napoleon die Abscheu gegen die Vorstellung 
„attaquer la patrie avec les etrangers" und ..Zusammenbringen der 
Mutter mit Fremden" wach. Der Tod Ludwigs bedeutet die Frei- 
werdung der Mutter „Frankreich", die nun die engere Mutter 
„Korsika" von ihrer Stelle verdrängt; dieser Vorgang aber nahm 
seinen weiteren Verlauf im Versuch Napoleons zur Gründung einer 
Weltherrschaft. Unterschiedliche Motive aus dem .Eigenleben Na- 
poleons bekräftigen diese Annahme. Mithin scheint der eigentüm- 
liche Umstand, daß der weitaus größte Erobererfürst Frankreichs 
(und einer der größten der Welt) von Geburt ein Nichtfranzose, 
ja in seiner Jugend ein leidenschaftlicher Gegner der französischen 
Reichsgewalt gewesen ist, auf psychoanalytischer Grundlage zu- 






Soziologie. 20f) 

mindest in betreif des Individuellen vielfach geklärt zu sein. Ge- 
sinnungswechsel mag demnach, Symbolwechsel darstellen und dieser 
mit sozialen Gärungen in einer "Weise zusammentreffen, die noch 
eingehende Forschung erfordert) aber auch verdient. Frank (9) 
ist bemüht, die Kassenvoreingenonimenheit mit Hilfe der Minder 
wertigkeitslehre durchsichtiger zu machen. Er bringt aber auch 
sexuelle Momente in Erwähnung, die in der Volksseele in der 
Richtung des Kassenhasses wirken können. Federn (6) leitet die 
kommunistische Bewegung aus dein Vatermordswunsche des Bruder- 
clans ab; vielleicht dürfte es nunmehr glücken, die vaterlose Ge- 
sellschaft zu verwirklichen, das Vater-Sohn-Motiv endgültig zu 
beseitigen. Da der Vaterglaube im Umsturz seiner Autorität größ- 
tenteils verlustig wurde, stellen die Betriebsräte, die Träger der 
brüderlichen Vereinigung, die auszubauende Kohäsion dar. Inmitten 
dieser Erörterungen verweist der Verfasser auf das Kräftespiel der 
„konservativen" und der „oppositionellen" Einstellung in der Kinder- 
seele 1 ). Kolnai (14) geht in der Schilderung des kommunistischen 
Gnadenprinzips auf den psychoanalytisch gefärbten Begriff des 
„embryonalen GlückseligkeitaidcaJs^ zurück. B-appaport (17) er- 
kennt Freude Verdienst an, nennt ihn einen „Gipfelpunkt jüdischen 
Denkens", hält ihm jedoch ahnungslosen Materialismus und Monis- 
mus vor, die die Kehrseiten des jüdischen Genies seien. Man 
wäre versucht, Rappaport, der seines weiland Freundes 0. "Wei- 
ninger Metaphysik anscheinend ohne dessen Schöpferkraft teilt, 
für einen Hyperjungianer zu halten. 

Es mag aus all dem erhellen, daß die Berührungen zwischen 
Psychoanalyse und Soziologie, wenn auch nicht selten recht schüch- 
tern und im Dunkeln herumtastend, keineswegs unfruchtbar ge- 
blieben sind und xu weitgehenden Erwartungen berechtigen. 

*) Zur Kritik der Federn schon Stützung des Kommunismus a. A. Kol- 
nai: Psychoanalyse und Soziologie. I. P. Y. 1930. (Fällt zeitlich schon außer- 
halb dieser Berichtsperiode.) 



Mythologie und Märchen künde. 

Beferent: Dr. Theodor Reik. 



Literatur: 1. John T. Mac Curdy: Die Allmacht der Gedanken und 
die MutterleibBphaatasi& in den. Mythen von Hephäatos und einem Roman von 
Bulwer Lytton, J. IIL 4. — % Freud Sigm.: Mythologische Parallele zu einer 
plastischen Zwangsvorstellung. Z. IV. S. 110. — 3. Grooa Karl: Zur Psycho- 
logie des Mythos. Intern. Moöafcsschr. f. Wiss., Kunst und Technik. Juli 1914. 
— 4. Kaplan Leo: Grundzüge der Psychoanalyse. Leipzig und Wien 1914. ~ 
5. Ders.: Psychoanalytische Probleme. Leipzig und Wien 1916. — G. Lorenz 
Emil: Odipua auf Koloaos. J. IV. 22. — 7. Bank Otto: Psyoho&naly tische 
Beitrage zur Mythenforschung. Internat. Psychoanalyt. Bibliothek. Bd. 4, 1919 
(inabes. Kapitel XI— XIII). — 8. Silberer Herbert: Der Homuaculus. -T. III. 
37. — 9. Ders.: Das Zerstückelungsmotiv im Mythos. Ebda. 8. G02. 10. 

Spieß Karl: Da« deutsche Volksmärchen, (Aus Natur und Geiateawelt. Xr. 587.) 
Leipzig 1917. 



Die analytische Mythenforschung hat in dem hier zu besprechen- 
den Zeitraum einen quantitativ geringen Literaturzuwachs laufzu- 
"weieen. Die Kriegs- und Nachkriegszeit hielt manchen ihrer Ver- 
treter von der gewohnten wissenschaftlichen Beschäftigung ab. Aber 
auch innere Momente mögen mitgewirkt haben, um die auf die Mytho- 
logie angewandte analytische Produktion zu langsamerem and bedäch- 
tigeren Schritt zu veranlassen. So berechtigt die erste Entdecker- 
freude war, die darauf hinweisen konnte, wieviel die Analyse zum 
Verständnis der Mythen geleistet hatte, so untrüglich blieb doch 
das Bewußtsein, wieviel es noch zu leisten gab und wie viel Schwie- 
rigkeiten sieh der jungen Wissenschaft noch in den Weg stellen 
würden. Es war eine neue Methode zur Erkenntnis des psycho- 
logischen Gehaltes der Mythen gewonnen, aber gerade jetzt tauchten 
neue Prägen auf, gelöste Probleme ließen hinter sich plötzlich neue 
erstehen und Fortschritte der analytischen Arbeit auf ihrem ur- 
sprünglichen Gebiete eröffneten neue Aussichten, forderten gebie- 






Mythologie und Mtrchenkunde. 20" 

terisch Berücksichtigung auch auf diesem geisteswissenschaftlichem 
Felde, Ditzu kam das Bedürfnis., sich Rechenschaft über die Ver- 
bindungen zu geben, die sich zwischen mythologischen Erscheinungen 
und solchen auf ethnologischen und religionsgesohichtlichen Gebieten 
ergaben: umfassendere Fragestellungen rückten die spezielleren in 
den Hintergrund und die gewonnenen Erkenntnisse entfachten neuen 
Wissensdurst. Diese neue Periode der analytiaehen Mythenforschung 
kündigte sich durch allerlei Anzeichen an, als deren bedeutsamst* 1 
mir die letzten Arbeiten Ranks erscheinen. 

In seiner Sammlung der Arbeiten zur Mythenforschung, di« 
Rank (7) so entscheidende Fortschritte verdankt, läßt sich selbst 
ein immer deutlicheres In-den-Vordergrund-rücken bestimmter Gc- 
Sichtspunkte und neben der methodischen Vertiefung auch das Auf- 
tauchen piinzipieller neuer I- ragen erkennen. Wie bereits in früheren 
Arbeiten erwies sich besonders im „Doppelgänger" der Vergleich 
literarischer Gestaltung, mythischer Bildungen und völkerpsycho- 
logischer Erscheinungen als fruchtbar; gestattete er doch eine 
Loslösung von der persönlichen Auffassung eines Motivs und zeigte 
gerade durch das Nebeneinanderstellen, durch Ähnlichkeiten und Dif- 
ferenzen die in den seelischen Tendenzen wurzelnde Allgemeingültig- 
keit bestimmter Motive. So wird gerade hier die enge Verknüpfung 
und tiefe Beziehung der Todes- und Liebesbedeutung der Doppel - 
gäDgergestalt klar. Freud hatte hinter den Personen Shake- 
speareschen Dramen die Urbilder mythischer Gestalten auftauchen 
gesehen („Das Motiv der Kästchenwahl", J. II, 1914) und zugleich 
mit dei latenten Bedeutung jener auch den verborgenen Sinn des 
alten Mythos aufgedeckt; ähnlich ließ sich die geheime Bedeutung 
der Narkissossage und der Doppelgängergratalten auf demselben Wsge 
der durch Analyse geführten Vergleichung erkennen. Der metho- 
dische Fortschritt, der sich so in der Kombinicrung der vergleichenden 
und der analytischen Methoden äußert, stellt eine Erweiterung und 
Vertiefung der Mythenforschung dar, deren Fruchtbarkeit Rank 
selbst ausspricht, indem er die Zerlegung des Mytheninhalts in ein- 
zelne, zunächst selbständig zu behandelnde Elemente befürwortet, 
„zu denen uns die vergleichende Forschung quasi die Einfälle liefert, 
welche die mythenbildende Gesamtheit zu den einzelnen Themen im 
Laufe ihrer Ausgestaltung beigesteuert hat". (S. 360.) Die Analyst». 



208 



Dr. Theodor Beik. 



des „Brüdermärchens" in der gleichen Sammlung zeigt so die analy- 
tische Mythenforschung auf einem Höhepunkt, indem es ihr gelingt, 
alle Entstellungen, Komplikationen, Ersatz- und Reaktionsbildungeu, 
Verdichtungen und Verschiebungen nachzuweisen und die verschieden 
deutliche Einkleidung der Motive, ihre Übereinstimmungen und Ab- 
weichungen durch unbewußte Prozesse zu. erklären. Die mythisch- 
Verschiebung von ursprünglich dem Vater geltenden eifersüchtigen 
Kegungen auf den älteren bevorzugten Bruder, die im ägyptischen 
Brüdermärchen und im Osirismythos hervortritt, wird als ein Stück 
primitiver Kulturleistung erkannt und mit anderen durch die- säkular«- 
Verdrängung bedingten Milderungen und Verhüllungen zusammen- 
gestellt. In der Aufzeigung des Stammbaumes dieses Märchens ge- 
lingt es Rank auch, die jeweiligen Gestaltungen der Motive als 
Spiegelungen von bestimmten Kulturstufen zu erkennen und dip 
Schichtenbildung der Mythen und Märchen mit Portschritten in der 
sozialen Gliederung in Zusammenhang zu stellen. Er verfolgt die 
Mythenbildung bis in ihre Anfänge, die erst dem partiellen Verzicht 
auf reale Durchsetzung sexueller und egoistischer Regungen zu ver- 
danken sind. Die Mythen- \md Märchenbildung erscheint so als 
Negativ der Kulturentwicklung, als Ablagerungsstelle der in der 
Realität unverwertbar gewordenen "Wunschregungen und unerreich- 
baren Befriedigungen. Hatte man früher in der Analyse das Haupt- 
gewicht darauf gelegt, das Verständnis dpr Märchen und Mythen 
durch Aufdeckung der darin verwendeten Symbolik und durch Her- 
anziehung der seelischen Mechanismen zU fördern, so waren hier die 
ersten Schritte unternommen, um das psychologische Verhältnis des 
Märchens zum Mythos zu bestimmen. 

Auf die Resultate dieser Forschungen gestützt, konnte man 
dahin streben, eine Art psychologischer Entwicklungsgeschichte derf 
Märchens zu gewinnen. Diesen Versuch unternahm Rank in der 
„Mythus und Märchen" betitelten Arbeit. Man wird nicht behaupten 
können, daß er dem Autor restlos geglückt ist; allein man muß be- 
rücksichtigen, wie groß die entgegenstehenden Schwierigkeiten, wie 
gering und schwach die zur Verfügung stehenden Hilfsmittel sind. 
Nur die psychoanalytische Erforschung der uxzeitlichen Verhältnisse, 
wie sie von Preu.d in „Totem und Tabu" angebahnt wurde, sowie 
das Verständnis der psychischen Eigenheiten des Märchens konnte 






Mythologie und Märchenfcnndo. 



209 



diesen kühnen Versuch überhaupt ermöglichen. Spiegelt der Mythos 
die Abwehrversuche des Vaters gegen die rebellischen Söhne, so re- 
präsentieren die Heldenmärchcn nach Rank die vorgeschrittene Ent- 
wicklungsstufe des Bruderelans. Der erste synthetische Versuch 
stützt sieh auf die Vergleichung der Motive mit den zu Grunde 
liegenden, aus der Urgeschichte erschlossenen realen Situationen (es 
soll nicht verhehlt werden, daß die besondere Betonung der Form- 
gebung, welche den Gegenstand der Untersuchung bildet, dem Re- 
ferenten zu solcher Bestimmung nicht ausreichend au sein scheint). 
Es handelt sich also um die letzten und eigentlichen Probleme der 
Märchenforschung; um nichts Geringeres als um ein Aufzeigen der 
äußeren, kulturellen und der inneren, psychologischen Situationen, 
aus der die Märchengebilde notwendig geworden sind. Rank be- 
schränkt sich nun darauf, die Lösung dieser Aufgabe an einem ein- 
zigen, allerdings tragenden Motiv zu versuchen, dem des Kampfes 
der jungen mit der alten Generation (Motive der Aussetzung, der 
Aufgabe, der Austreibung der Söhne usw.). Die Analyse vieler 
Mythen ergibt, daß der Mythos im allgemeinen bestrebt ist, die 
ursprünglichen Objekte zu ersetzen und die Beziehungen zu 
ihnen in kulturell wertvollen Taten zu sublimieren (die Beseitigung 
des Vaters in der Tötung schädigender Ungeheuer). Die besondere 
und charakteristische Märchengestaltung strebt die Verleugnung 
der Tendenzen an, die im Mythos noch klar zu erkennen sind; oft 
werden sogar diese Tendenzen direkt ins Gegenteil verkehrt. Aus 
dem Hervorwachsen des Mythos aus der patriarchalen Zeit und der 
Entstehung des Märchens auf dem Boden des Bruderclans erklären 
sich manche der einschneidenden Differenzen zwischen den beiden 
Phantasiegebilden. Im Mythos hindern äußere Widerstände den Hel- 
den an der Erreichung der wertvollen Aufgabe; im Märchen wider- 
setzen sich innere Hemmungen der Durchsetzung der verpönten Ten- 
denzen. Der Mythos ist polygam, das Märchen monogam, was mit 
der verschiedenen Realitätsbewertung und -bedeutung zusammen- 
hängt. Der Mythos ist patriarchal, das Märchen sozial; dieses ist 
ethisch, jener amoralisch. Besonders wichtig aber scheint Rank 
die Betonung des materiellen Moments — und zwar der besonderen 
Not des Familienlebens — im Märchen, während der Heroenmythos 
aller irdischen Not entrückt ist. Aus diesem Zug, der als ein Hin- 

PtTClioanalrie, Botloht 19U— 1MB. ., . 

14 



210 



Dr. Theodor Reik. 



weis auf die äußere Situation der Märchenentstehung zu betrachten 
ist, erklären sich viele Charakteristika: seine naive "Wunscherfüllung, 
das Schwelgen im Überreichen, Übergroßen usw. Besonders inter- 
essant ist es, wenn Rank die in relativ später Zeit erfolgende 
Märchengestaltung sich an ein „Urmärchen" anlehnen läßt, das die 
Überwindung einer ersten großen Not mit Hilfe der Phantasie er- 
möglichte. Verschiedene Momente, wie die in. der "Wiederkehr der 
alten Nöte im Brüderclan begründete Enttäuschung am Erfolg, 
Schuldgefühl und Vergeltungsfurcht wirken zusammen, um im Mär- 
chen eben jenes Stück Realität verleugnen zu lassen, das der Mythos 
in rechtfertigender Weise zeigt. Gerade darin zeigt sich der Selbst- 
trost als Antrieb der Märchenbildung ; das Hauptmotiv seiner Er- 
zählung aber liegt darin, die jüngere Generation zu warnen und ab- 
zuschrecken. Ist der Mythos vom Sohne geschaffen, so das Märchen 
von dem zum Vater avancierten, von Vergeltungsfurehfc .beseelten 
Sohn der zweiten Generation. Spiegeln die Mythen die Auflehnung 
des Sohnes wieder, so haben im Märchen die Eltern wieder die Ober- 
hand gewonnen und suchen die ihnen drohende Auflehnung der neuen 
Generation zu verhindern. Der Glaube an den Mythos und der Un- 
glaube an das Märchen stammen eben daher, daß jener die Realität 
ersetzen soll, dieses von der Realisierung der Urwünsche abschrecken 
will. 

Ist in Ranks Arbeiten die analytische Mythenforschung bis 
an die Grenzen des ihr eigenen Gebietes gelangt und strebt sie 
hier erfolgreich den Anschluß an die Naehbarwissenschaften an T 
so verfolgen die Anhänger Jungs den umgekehrten Weg. Nun 
ist nichts dagegen zu sagen, wenn man gelegentlich die Frosch- 
perspektive mit der Vogelperspektive vertauscht, aber es hat sich 
als unmöglich erwiesen, die Aussichten, die sich von so verschie- 
denen Standpunkten aus eröffnen, zu gleicher Zeit zu sehen. 
Auch bei Silberer (8, 9) und bei Lorenz (6) wird dies teil- 
weise angestrebt. Das Resultat solcher Bemühung ist nun interessant 
genug: solange die Autoren auf psychoanalytischem Boden bleiben, 
liefern sie beachtenswerte Arbeit und scharfsinnige Resultate; auch 
ihre auf die höheren Seelentätigkeiten bezüglichen Ausführungen 
mögen manches Wertvolle enthalten (die Analyse ist nicht berufen,, 
darüber zu urteilen) ; der Versuch aber, das Primitiv-Triebhafte der 



Mythologie nnd Märchenktmäa. 211 

Mythen in „anagogischcr* Form als das ursprünglich Moralische 
und von vornherein auf Koke Ideale Gerichtete zu deuten, mißlingt. 
So kommt es, daß Silber er in der Analyse der Homunkulusidee 
(8) nur zur Hälft« — gewiß wertvolle — analytische Arbeit liefert, 
so daß er außer interessanten Fragestellungen nur Material zu 
dem von Bank analysierten Zerstüekclungsmotiv im Mythos (5) 
beizubringen weiß, ohne neue Anschauungen und Resultate, die man 
gerade von ihm erwartet hätte. Silber er hat die Fehler seiner 
großen Vorzüge, wie gerade seine Bedenken gegenüber der ana- 
lytischen Mythenforschimg zeigen. Beschränken wir uns nur auf 
die in seinem Aufsatz (9) geäußerten, so wäre zu sagen, daß man 
gewiß nicht behaupten kann, die psychologische Schichtung, die 
Verhüllungen und Abschwächungen der Mythen entsprechen immer 
historischen Veränderungen der Mythen, zeigen ein Früher oder 
Später an. Aber die Aufgabe der zeitlichen Bestimmungen 
der Mythengestaltung und ihrer psychologischen Schichten scheint 
mir überhaupt eine sekundäre und nicht durchaus von der Analyse 
lösbare. Auch verliert- die Analyse keineswegs aus den Augen, wo- 
vor Silberer sie zu wamen sich bemüssigt fühlt, daß nicht nur 
Milderungen, sondern auch Vergröberungen des Mytheninhaltes in 
späterer Zeit vorkommen; ja sie trägt diesen Vorgängen teilweise 
Reclmung, indem sie sie durch die Mechanismen der "Wiederkehr 
des Verdrängten zu erklären sucht. A r un wäre die Silberersche 
Mahnung zur Vorsicht sehr am Platze, wenn man nur nicht bei 
Lektüre seiner Arbeiten den Gedanken verscheuchen müßte, als 
gelte auch ihm solche Vorsicht als der Tapferkeit besseres Teil. 
Indessen ist die anagogische Umbiegung seiner Ansichten unver- 
kennbar. Weniger deutlich und tiefgehend erscheint die Beeinflussung 
durch Jungsche Anschauungen bei Lorenz, dessen schöne, Ödipu« 
auf Kolonos geltende Arbeit (6) ihr besonderes Augenmerk auf 
den späten Segen, den der greise Held dem ihn beherbergenden 
Lande bringt, und auf seine mystische Vereinigung mit der Erde 
richtet. Mac Curdys (1) untersucht den Hephästosmythos und 
strebt den Nachweis für die innige Verbindung zwischen der vor- 
gestellten „Allmacht der Gedanken" und der Idee vom Leben in 
einem Aufenthaltsort unter der Erde (= Mutterleib) an, die er in 
ilim gefunden hat. 









«in Dr- Theodor R>-ik. 

Eine singulare Stellung nimmt eine kurze Arbeit Freuds (2) 
ein, die in der griechischen Baubosage eine mythologische Analogie 
zu einer plastischen Zwangsvorstellung, einer merkwürdigen Kari- 
katur des Vaters eines Kranken, aufzeigt. Ähnliche, bis in die 
Details geführte Vergleiche zwischen neurotischen Symptomen- 
bildungen und Mythenmotiven stehen noch aus. In den Aufsätzen 
Kaplans (4, 5) sind viele von Scharfsinn geführte Mythendeu- 
tungen (Wasscnnythen, Ödipus-, Narzißus-, Riosenkanipf-, Tristan- 
sage usw.) enthalten, welche sowohl andere seelische Bildungen wie 
Traum und Ncurosensymptome zum Vergleich heranziehen, als auch 
die typische Mythen- und Märchensymbolik berücksichtigen. Dieser 
Autor ergänzt die analytisch-vergleichende Betrachtung durch die 
"Würdigung sozialer und ökonomischer Momente, die in der Ent- 
stehung und Entwicklung der Mythen und Märchen wirksam werden. 

Von außerhalb der Analyse stehenden Autoren seien nur Karl 
Groos erwähnt, dessen Aufsatz (3) Mythos und Traum vergleicht 
und sich um die psychologische Erklärung der Mischwesen in den 
Sagen bemüht, und Karl Spieß, der in seinen dem deutschen Volks- 
märchen geltenden Untersuchungen die Psychoanalyse anerkennend 

erwähnt (10). 

Hier wurden nur die analytischen Arbeiten der letzten fünf 
Jahre behandelt, die sich aus- und nachdrücklich mit Mythologie 
beschäftigen. Bei Besprechung der letzten Untersuchungen Ranks 
wurde bemerkt, welchen entscheidenden Impuls auch die Mythen- 
forschung durch die in Freuds „Totem und Tabu" niedergelegten 
Erkenntnisse empfangen hat. Manche Momente deuten darauf hm, 
daß gerade diese Einwirkung für den jungen Wissenszweig von be- 
sonderer Bedeutung sein wird. 



Religionswissenschaft. 

Referent: Dr. Theodor Reih. 

Literatur von 1909 bis Ende 1919. 1 ) 

I, Abraham: Traum und Mythus. Sehr. 4. 1914. — 2. Dens.: Einige Be- 
merkungen über den Mutterktdtus und seine Symbolik iß der Individual- und 
"Völkerpsychologie. Zbl. I. 1911. — 3. Dcrs. : Über einige Einschränkungen, und 
Umwandlungen der Schaulust bei den Psychoseurotikcro, nebst Bemerkungen 
über analoge Erscheinungen in der Völkerpsychologie. Jahrb. Tl. — 4. Ders. : 
Amenbotep IV. J. I. 1912. — 5. B 19 her: Die Theorie der Religionen und ihres 
Unterganges. Berlin 1912. — 6. Eisler: Der Fisch als Sernalsyrnbol. J. 111, 
1914. — 7. Eitingon: Gott und Tater. J. III. 1914. — B. Fercnczi: Zwangs- 
neurose und Frömmigkeit. Z. II, 1914. — 9. Frank: Die PartDilichkeit der 
Volks- und Rassenabergläu bischen. Leipzig und Wien 1919, — 10. Freud: Be- 
merkungen fihor einen Fall von Zwangsneurose. Jahrb. I. 1919, — '1. Ders. : 
Psychoanalytische Bemerkungen über einen aubobiogmphisch beschriebenen Fall 
von Paranoia. Ebenda HI. 1911. — 12. Ders.: Nachtrag zu dem autobiographisch 
beschriebenen FaU von Paranoia. Ebenda. — 13. Dera.: Aus der Geschichte 
einer infantilen Neurose. Samml. kl. Sehr. IV. 1918. S. 589 ff., 646 ff. 1 — 
14. Dera.: Eine Kindhcitserinnerung des Leonardo da Vinci. Sehr. 17. 1910. 

— 15. Ders,: Das Interesse an der Psychoanalyse. Scientia. Bd. XIV. 1913. 
Nr. XXXII. 6. — 16. Dcrs.: Totem und Tabu. 1913. — 17. Dera.: Das Un- 
heimliche. J. V. — 18. Heiler: Das Gebet. 2. Aufl. München 1919. — 19. 
ffitscUniann: Religiöse Ekstase und Sexualität. Zbl. III. 1912. — 20. Jones: 
Der Gottmensch-Komplex. Z. I. 1913. — 21. Ders.: Der Alptraum in Beziehung 
zu gewissen Formen, mittelalterlichen Aberglaubens. Sehr. 14. 1914. — 22. 
Ders.: Die Empfüncnis clor Jungfrau Maria durch das Öhr. JaJirb. VT, 1914. 

— 23. Jung: 'Wandlungen und Symbole der Libido. Jahrb. HL und IV. 1911 
und 1912. — 24. Kaplau: Psychoanalytische 1'roUemr». 1916. Abschn. L, IV., 
XII. — 2E, Keller: Wandlungen der Psychoanalyse und ihre Bedeutung für die 
Religionspsychologie. Arch. f. Beligionspsy. IL 1914. — 2S. Ders.: „Psycho- 
analyse" in der Enzyklopädie „Religion in Geschichte und Gegenwarb." JIgb. 
von Schiele. Tübingen 1913. Bd. IV. — 27. Kielholz: Jakob Böhme. Sehr. 17. 
1919. — 28. Leyy: Die Sexualsymbolik der Bibel und des Talmuds. Zeitschr. 

*) Zur Ergänzung der Bibliographie der auf relSgionswissenschaftliciie Fra- 
gen bezüglichen analytischen Literatur (in deutscher Sprache) seien die Titel 
zweier Arbeiten angeführt, die vor 1909 erschienen sind: Freud: Zwangshand- 
lungen und Religionsübung. Ztschr, f. Religionspsvch, 1907. I. und Mutii- 
iurinn: Psychiatrifoh-thcologiflche Grenzfragen. Halle 1907. 



214 



Dr. Theodor Eeik. 



f. Sexualwiss. I. 1914. — 29. Ders.: Die Sexualsymbolik des Ackerbaues in Bibel 
und Talmud. Ebenda. II. 19X5. — 30. Dera.: Sexualsymbolik.in der Simsoa- 
sage. Ebenda. III. 1916/1917. — 31. Ders.: Soxualsymbolik in der biblischen 
Paradiesesgeschichte. J. 1917. — 32. Ders.: Ist das Kainszeichen die Beschnei- 
dung. J. V. 1919. — 33. Ders.: Die Sohuhsymbolik im jüdischen Ritus. Monats- 
schrift f. Gesch. und Wissenschaft dea Judentums. 62. Jg. II. 7—12. — 3t. 
Lorenz: Das Titanenmotiv in der allgemeinen Mythologie. J. II. 1913. — 35. 
Morel: Essai sur l'Introversion mystique. Genevel918. — 36. Nohl: Die Frucht- 
barkeit der Psychoanalyse für Ethik und Religion. Schweizerland 1916. H. 6. 

37. Österreich: Einführung in die Religionspsychologie und Religions- 

geschichte. Berlin 1917. — 38. Pfister: Psychoanalytische Seelsorge und ex- 
perimentelle Methode. Protestantische Monatshefte. 1909. H. 1. — 39. Dera.: 
Ein Fall von psychoanalytischer .Seelsorge und Seelenheilung. Evangelische 
Freiheit. 1909. H. 3. — 40. Dera.: Die Psychoanalyse als wissenschaftliches 
Prinzip und seelsorgcriache Methode. Evangelische Freiheit. 1910. H. 2 ff. — 
41. Dera.: Zur Psychologie des hysterischen Madonnenkultus. Zbl. I. 1910. 

42. Ders.: Hysterie und Mystik bei Margaxeta Ebner. Zbl. I. 1910. — 43. 

Ders.: Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. Sehr. 8. 1910. — 
44. Ders.: Hat Zinzendorf die Frömmigkeit sexualisiert? Zeitschr. f. Religions- 
psych. Bd. V. 1911. — 45. Dera.: Zinzendorfs Frömmigkeit im Liohte Gerhard 
Reiohels und der Psychoanalyse. Schweiz. Theol. Zeitschr. 1911. H. 5 und 6. 

— 46. Ders.: Anwendungen der Psychoanalyse in der Pädagogik und Seelsorge. 
J. I. 1912. — 47, Ders.: Die psychologische Enträtselung der religiösen Glosso- 
lalie und der automatischen Kryptographie. Jahrb. III. 1911. — 48. Dera.: Die 
psychoanalytische Methode. Pädagogium. I. Leipzig 1913. — 49. Ders.: Psycho- 
analyse und Theologie. Theologische Literaturzeitung. 5. Juni 1914. — 50. 
Ders.: Ein neuer Zugang zum alten Evangelium. Gütersloh 1918. — 51. Rank: 
Der Mythus von der Geburt des Helden. Sehr, 5. 1909. — 52. Ders.: Das 
Inzestmotiv in Dichtung und Sage. 1912 (Kap. IX., X. und XIX). — 53. 
Rank und Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissen- 
schaften. (Kap. III.) Wiesbaden 1913. — 54. Ders.: Der Künstler. Wien und 
Leipzig 1918. 2. Aufl. S. 66 ff. — 55. Ders.: Psychoanalytische Beiträge zur 
Mythenforschung. Intern. Fsychoanalyw Bibl. Bd. IV. 1919. (Kap. VI und XIII.) 

— 56. Rappaport M.: Sozialismus, Revolution und Judenfrage. Wien 1919. 

— 67. Reik: Flaubert und seine „Versuchung des heiligen Antonius". Minden 
1912. — 58. Ders.: Bio kindliche Gottesvorstellung. J. III. 1914. — G9. Ders.: 
Das Kainszeichen. J. V. 1917. — tiO. Ders.: Fflychoanaly tische Studien zur Bibel- 
exegese. J. V. 1919. — 61. Ders.: Probleme der Religionspsychologia. I. Teil. 
Das Ritual. Intern. Psychoanalyt. Bibl. Bd. V. 1919. — 62. Riklin: Betrachtungen 
zur christlichen Passionsgeschichte. Wissen und Leben. 1913. — 63, Ders.: 
Franz von Aasisi. Ebenda. 1914. II. Vit. — 64. Andreas-Salonie : Vom frühen 
Gottesdienst. J. IL 1913. — 65. Schröder: Der sexuelle Anteil an der Theologie 
der Mormonen. J. III. 1914. — 66. Ders.: Der gekreuzigte Heilige von Wildis- 
bruch. Zbl. IV. 1914. — 67. Ders.: Zum Thema Religion und Sinnlichkeit. 
Sex. Probl. März 1914. — 68. Silberer: Probleme der Mystik und ihrer Symbolik, 
Wien und Leipzig 1914. — 69. Ders.: Vom Tod zum Leben. Leipzig 1915. — 
70, Sombart: Die Juden und das Wirtschaftsleben. München und Leipzig 1913. 
S. 280. — 71. Smith: Luthers early development in the light of Psychoanalysis. 
(Amcr.Journ.ofPsyohology. Vol. 24. 1913.) — 72. Stekel: Dichtung und NeuToso. 
Wiesbaden* 1909. Abschn. VII. — 73. Ders. : Religion und Medizin. Zbl. II, 1912. 

— 74. Ders.: Die Masken der Religiosität. Zbl. III. 1913. — 75. Ders.: Die 
Träume der Dichter. Wiesbaden 1912, Abschn. XVIII. — 76. Dera.: Onanie 






Religionswissenschaft. 215 

and Homosexualität. Wien. 1917. V. Abschn. — 77. Storfer: Marias jungfräu- 
liche Mutterschaft. Berlin 1914, — 78. Trebitsch: Geist und Judentum. Wien 
und Leipzig l9fo. — 79. Winterstein: Psychoanalytische Anmerkungen zur Ge- 
schichte der Philosophie. J. II. 1913. — 80. , * , Der Moses des Michelangelo. 
J. III. 1914. 

Nachtrag; Eine Artikelreihe der Berliner Zeitschrift „Jeschuran", die 
Freuds „Totem und Tabu" kritisch behandeln soll, war dem Keferenten. leider 
nicht zugänglich. 



Das folgende Referat, das die analytischen. Arbeiten auf reli- 
gionswissenschaitlichein Gebiete in den letzten zehn Jahren behan- 
deln soll, wird mit Rücksicht auf die große Anzahl der zu bespre- 
chenden Beiträge und auf die Knappheit des Raumes das Prinzi- 
pielle in den Vordergrund rücken und jedes Eingehen auf Details 
vermeiden. 

Die Bedeutung der analytischen Forschung für die Religions- 
wissenschaft wird sich am besten so darstellen lassen, daß wir uns 
in die Lage eines vorurteilslosen Religionsforschers zu versetzen 
versuchen, der nach Verlauf einer längeren Zeit — etwa nach einem 
Jahrhundert — die wissenschaftlichen Bemühungen unserer Zeit 
auf diesem Gebiete verfolgen will. Beim Vergleich der Situation 
auf dem i^eligionswissenschaftlichen Arbeitsgebiete vor der Beschäf- 
tigung der Analyse mit religiösen Problemen mit der jetzigen wird 
einem solchen Betrachter nicht nur die Bereicherung an positivem 
Wissen und die Erweiterung unseres Verständnisses religiöser Vor- 
gänge deutlich werden, sondern auch und insbesondere der metho- 
dische Unterschied und Portechritt, der durch die analytische Reli- 
gionspsychologie gekennzeichnet wird. Aus solchem Vergleich ergibt 
sich eine vorläufige Auskunft über die charakteristischen Merkmale 
gerade der psychoanalytischen Forschung, Prägen der Religions- 
wissenschaft zu behandeln ; zugleich aber wird dadurch klar, daß 
die Psychoanalyse durch ihre Anschauungen Schwierigkeiten zu 
überwinden vermag, die für andere Methoden bestehen und die zwi- 
schen ihnen klaffenden Gegensätze zu überbrücken versucht. 

Unserem Betrachter wird eich also die Situation am Anfang 
de* 20. Jahrhunderte etwa folgendermaßen darstellen: Die religions- 
wissenschaftliche Forschung wird durch zwei Richtungen beherrscht, 
als deren repräsentative Vertreter William James und Wilhelm 
Wundt erscheinen. Der Gegensatz dieser Richtungen geht von 



216 Dr. Theodor ReDc. 

der Differenz ihrer Anschauungen über das "Wesen der Religion 
and. Verstellt man darunter die Summe von bestimmten Riten,. 
Normen, Lehren "und Gesetzen, welche innerhalb einer Gemeinschaft 
Geltung und Befolgung beanspruchen dürfen, so erscheint sie als 
soziale Institution. Anderseits kann man Eeligion auch als ein 
bestimmtes Verhalten oder eine bestimmte Einstellung Einzelner zu 
Gott beschreiben! ihre Religiosität, Frömmigkeit und ilir religiöses 
Erleben damit bezeichnen. Nimmt man nun die Religion zum Ob- 
jekt psychologischer Arbeit, so ergibt sich durch die Differenz 
dieser beiden Anschauungen der Gegensatz der sozial- und individual- 
psychologischen Methode, als deren repräsentative Vertreter eben 
"Wundt und James unbestritten anerkannt werden. 

Die Möglichkeit, die Methode der angewandten Seelenkunde 
sowohl auf individualpsychologischem Gebiet als auch auf dem der 
Völker- und Massenpsychologie zu verwenden,, ergab sich frühzeitig 
aus bestimmten theoretischen Annahmen, zu denen die psycho- 
analytische Erforschung des Seelenlebens des Nervösen genötigt 
hatte. Und so fanden die Analytiker keinen Anlaß, dem angeblich 
so tiefgehenden Gegensatze zwischen individualpsychologischen und 
völkerpsychologischen Methoden ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden, 
da sich ihre Methode auf beiden Gebieten bereits als fruchtbar er- 
wiesen hatte, sahen nur die zahlreichen Probleme und Schwierig- 
keiten und versuchten bald hier, bald dort eine Frage der Religions- 
wissenschaft mit den Mitteln ihrer Disziplin zu lösen, ohne zuvor- 
derst Rücksicht auf methodologische Erscheinungen zu nehmen, die 
es anscheinend verboten, das individuelle und kollektive Seelenleben 
in prinzipiell gleichmäßiger Art zu behandeln. 

Einer ihrer nichtärztlichen Vertreter O. Pfister machte eine 
bestimmte religiöse Persönlichkeit, den Grafen von Zinzendorf, 
zum Gegenstand einer Analyse (43—45) und bemühte sich, die 
Charaktere der Frömmigkeit dieses Schwärmers aus der Eigenart 
seiner Erotik zu erklären; ähnliche Arbeiten beschäftigen sich mit 
der Analyse ekstatischer Frommen (41, 42). Derselbe Autor sam- 
melte Zeugnisse religiöser Glossolalie und verwendete zu ihrer 
Enträtselung Erkenntnisse der psychoanalytischen Praxis und der 
Triebtheorie, die sich aus dieser ergeben hatten (47). (Österreich 
würdigt die Bedeutung der Pf ist er sehen Glossolalieerforschung 






Religionswissenschaft. 217 

(37), wahrend Heiler in der bisher umfassendsten -wissenschaft- 
lichen Arbeit über da* Gebet (IS) nur di»; erotische Bedingtheit. 
der Ekstase in der Mystik anerkennt, ohne die anderen Resultate 
der Analyse, die sich auf die Vorstufen des Gebetes und die Ent- 
wicklung des Rituals beziehen, zu berücksichtigen.) Iu diesen und 
anderen Arbeiten zeigte die Psychoanalyse, daß sie fähig war, die 
religiösen Phänomene einzelner Persönlichkeiten und die Vorgänge 
der Religion, welche sich pathologischen Symptomen annähern, durch 
die Anwendung der Aufklärungen, welche sie auf ihrem ursprüng- 
lichen Arbeitsfelde erhalten hatten, verständlich zu machen. 

Aber schon früh ergab sich durch die Beziehungen von Traum 
und Mythus, auf die Freud zuerst nachdrücklich hinwies, die 
Möglichkeit, Schöpfungen des kollektiven Seelenlebens durch die 
Psychoanalyse ihrem psychischen Material, iliren Mechanismus und 
ihren Erscheinungsformen nach psychologisch zu erfassen. Durch 
die Leistungen Ranks, Abrahams, Riklins, Jones', Sil- 
ber er s und anderer wurde die psychoanalytische Mythenforschung 
immer weiter ausgebaut. Der religiöse Mythus erwies sich der 
Deutung ebenso zugänglich wie der Mythus, dessen religiöse Betont- 
heit nicht von vornherein zu erkennen war: namentlich die Sym- 
bolik und die Wunscherfüllung, deren Bedeutung die Traumanalyse 
gezeigt hatte, erwies sich als hervorragendes Mittel der DeuLungs- 
technik. A. J. Storfer gelang es durch Vergleichung und Deu- 
tung des reichen sexualsymbolischen Materials einen beachtenswerten 
Beitrag zum Verständnis der Marialegende zu liefern (77). Einem 
bestimmten Zug dieser religiösen Symbolik wandt« Jones seine 
Aufmerksamkeit zu, der die Empfängnis Marias durch das Ohr 
zum Gegenstand seiner Analyse machte und diese so befremdende 
Erzählung durch die Heranziehung infantiler Theorien und An- 
schauungen zu deuten wußte (20). So war durch die psychologisch- 
pathologische Erforschung einzelner Persönlichkeiten das Gebiet der 
subjektiven Religion, durch die Mythenforschung jenes der sozialen 
Religion von seiten der Analyse betreten worden, noch ehe es zu 
einer theoretischen Auseinandersetzung über die subjektiven und ob- 
jektiven Paktoren in der Religionsentwicklung gekommen wäre. 

Hatten die ersten analytischen Untersuchungen über das reli- 
giöse Gefühlsleben bestimmter Persönlichkeiten (namentlich Pfi- 






oi j Dr. Theodor Reik. 

Sters, 41—45) besonderen Akzent auf das Pathologische der Fälle 
gelegt, und GS mir durch die sexuellen Momente und die Mechir 
niemen des unbewußten Seelenlebens dem Verständnis nähergerückl, 
waren also hier noch deutlich Spuren der Einwirkung der Anschau- 
ungen James (aber auch der religionspsychologischen Richtung 
Flournoys, Delacroix, Murisiers. Kurt Oeaterreichsj 
deutlich, so trat diese Beeinflußung später immer mehr zurück. Ff i- 
elers spätere psychologische Arbeiten berücksichtigen, auch wenn sie 
religiöse. Phänomene eines Einzelnen untersuchen, doch auch die insti- 
tutionelle Eeligion, in deren Rahmen sich das Individuum auswirkt; 
die Tradition auf Grund deren oder im Protest gegen die eine 
Persönlichkeit ihre Tätigkeit entfaltet *). Abrahams Analyse der 
Gestalt Amenhoteps IV und seiner monotheistischen Bestrebungen 
zeigt in musterhafter Art, wie sich das Überkommene und das 
Selbsterlebte im religiösen Wirken vereinigen (4). Die institutionelle 
Eeligion mußte in dem Maße in den Vordergrund des analytischen 
Interesses treten, als man die Aufmerksamkeit von den religiösen 
Gefühlen einzelner Persönlichkeiten ablenkte und die Gemeinschaft 
in ihrem religiösen Leben ins Auge faßte. Unter den Tatsachen, 
die sich hier dem Analytiker aufdrängten, waren es besonders die 
des Ritus, des Zeremoniells und die Einzelheiten des religiösen 
Kultus, die eine Aufklärung durch die analytische Methode ver- 
sprachen. An Stelle der individuellen und nuancierten Phänomene, 
deren Material Bekcnnrnisschriften, Gebete, lyrische Gestaltungen 
usw. lieferten und die namentlich die Schweizer Analytiker inter- 
essierte, traten objektive Gegebenheiten (Dogmen, Riten, Kulte), 
deren psychologische Motivation und Mechanismen erst zu erfor- 
schen waren. Schon 1907 hatte Freud 2 ) hier den ersten Schritt 
getan, indem er das religiöse Zeremoniell in Vergleich mit dem 
neurotischen zog. Mit dem bedeutungsvollen Ergebnis des Auf- 
satzes „Zwangshandlung und Religionsübung" war der Weg zum 
analytischen Verständnis der sozialen religiösen Erscheinungen ge- 
wiesen. 

i) Besonders die eben erschienene Arbeit Ff is ters über Paulus inlmago VI, 
die bereits außerhalb dieses Referates fällt. 

i)7r6ud hat in seiner ..Geschichte der psychoanalytischen Bewegung" 
<Jahrb. VI, S. 233) irrtümlicherweise 1910 als Erscheinungsjahr dieser Arbeit 
angegeben. 



Religionswissenschaft. 219 

Von den objektiven Tatsachen des sozialen und religiösen Le- 
bens der 'Wilden und der frühen Antike ausgehend, konnte Freud 
in „Totem und Tabu" (16) ein in großen Zügen entworfenes Bild 
der Entstehung und Entwicklung der Religion, ihrer tiefsten Vor- 
aussetzungen und letzten Ziele geben. Freud geht von den Tabu- 
verboten und -geboten der "Wilden aus, deren Analyse sie als Äuße- 
rungen einer durch die Ambivalenz bestimmten seelischen Spannung 
erkennen läßt. Von dem ältesten und am strengsten beobachteten 
Tabuverbote der Primitiven, das Leben des Totem zu schonen, aus 
verfolgt Ereud den Totemismus als die erste Stufe der Religion 
und gesellschaftliehen Organisation bis in seine Anfange. Es kann 
hier nicht der Gang der Freudschen Untersuchung, die in kom- 
primiertester Eorm viele Jahrhunderttausende der Kulturentwicklnng 
darstellt, verfolgt werden; es sei nur hervorgehoben, daß sie Ent- 
stehung und Entwicklung der Religion als Reaktion auf das große 
Verbrechen des Vatermordes der L T rzeit verstehen läßt, das Tier- 
opfer aus dem Totemismus erklärt und das "Wirken von Schuld- 
bewußtsein, Sehnsucht und Trotz gegenüber dem Vater als schöpfe- 
rische Faktoren in den Religionen zeigt. Es war hier zum ersten- 
mal gelungen, mit den Mitteln der Psychoanalyse zu den Ursprüngen 
der großen sozialen Institutionen vorzudringen, ihr AVerden, ihre 
Veränderungen und ihre Entwicklungen durch die Wirkung seeli- 
scher Mächte zu verstehen. Die Bedeutung der Ereudschen Kon- 
zeption für die Religionswissenschaft ist — um dies einmal auf- 
richtig zu sagen — noch nicht zu überblicken; erst die Zukunft 
kann und wird zeigen, bis zu welchen Tiefen sie führt und zu 
welchen Folgerungen die Forschung, von ihr angeregt und in ihrer 
Fortsetzung, gelangen wird. 

Freud hat in seiner Theorie der Entstehung und Entwicklung 
der Religion gewaltige Steine zu einem Bau gefügt, dessen VoUen- 
dung noch Generationen von Forschern Stoff zur Arbeit gibt. Unter 
den ersten, die sich zu solcher ausführenden und ausfüllenden Ar- 
beit anschickten, befanden sich Abraham und der Referent. 
Abrahams ausgezeichnete Arbeit (3), welche hauptsächlich die 
Aufklärung bestimmter Einschränkungen und Umwandlungen der 
Schaulust geben, will, findet überraschende Analogien der neuro- 
tischen Symptome seiner Patienten in religiösen Gebeten und Ver- 






220 



Dr. Theodor Beik. 



boten sowie Anschauungen antiker und primitiver Religionen. Als 
besondere -wesentlich erscheint seine Ableitung der Sonnen- und 
Gespensterphobie aus dem infantilen Totemismus, die Bestätigung 
und Fortführung der Freud sehen Totemtheorie zugleich bedeute! 
Die Beseitigung des Zweifels in der religiösen Sphäre, das Verbot 
des Abbildes Gottes, die Entstehung der Grübelfragen im Talmud 
usw. finden auf diesem analytisch-vergleichenden Wege ihre erste, 
vielleicht nicht immer ausreichende Aufklärung. Die religions- 
psychologischen Beiträge des Referenten bemühen sich, die psy- 
chische Bedeutung sowie die psychologisch© Entstehung und Ver- 
änderung gewisser Riten und mythischer Bildungen verständlich zu 
machen. Referent verfolgt dabei den von Freud gewiesenen "Weg, 
der den Vergleich jetziger Gebräuche der Wilden mit den uns be- 
kannten Biten der frühen Antike als außerordentlich fruchtbar er- 
scheinen ließ. So glaubt er in der Couvade und in den Pubertäts- 
riten der "Wilden Veranstaltungen zu sehen, deren Vorbilder in lang- 
samer Umformung und Verwandlung zu eminent wichtigen sozialen 
und religiösen Institutionen wurden (61) und in deren Analyse die 
verdrängten und verdrängenden Tendenzen, die für diese primitiven 
Zeremonien bestimmend waren, erkennbar werden. Die Vergeltungs- 
furcht des Vater gewordenen Sohnes, die in der Couvade eine be- 
deutsame Rolle spielt, wird als ein wichtiger Faktor in der Seelen- 
wanderungslehre erkannt. Die Pubertätsriten der wilden Stämme 
stellen Veranstaltungen dar, die der herangewachsenen Generation 
bei der Überwindung ihrer unbewußten Inzest- und Mordgelüste 
helfen sollen. Mit der Einführung in die totemistische Religion 
in diesen Riten wird die junge Generation in die Gesellschaft und 
den Kult der Männer aufgenommen. Die vielfachen Martern und 
Prüfungen der Novizen werden den Leiden der Sohnesgottheiten 
in den antiken Religionen verglichen; der Passionsweg Christi 
erscheint in diesem Lichte als eine Art Pubertätsritus. Der ar- 
chaische und konservative Charakter der jüdischen Religion läßt 
den Vergleich bestimmter Zeremonien mit zwangsneurotischen Sym- 
ptomen einerseits und mit Riten primitiver Völkerschaften ander- 
seits als heuristisch vorteilhaft erscheinen'. Referent glaubt an zwei 
bedeutsamen Beispielen aus der j'üdischen Liturgie, dem Kolnidre 
und dem Schofar, gezeigt zu haben, daß sich diese anscheinend 









Religionswissenschaft. 221 

vereinzelt dastehenden Gebräuche aus der Wirkung unbewußter Vor- 
gänge verstehen und sieh in das Gefüge anderer religiöser Zere- 
monien einreihen lassen. Hier und in der Analyse der Mosessagen 
ergab sich auch durch die Ergebnisse der analytischen Arbeit Gele- 
genheit, kurze Seitenblicke auf die psychische Entwicklung des Ju- 
dentums zu werfen, dessen Besonderheit und Absonderung Referent 
aus dem Zusammenwirken bestimmter psychischer Dispositionen und 
der Schicksale dieser Gemeinschaft zu verstehen sucht. Die Ana- 
lyse des Schofarbrauches und die der Sinaiperikope führten zu An- 
schauungen über die religiöse und kulturelle Entwicklung des frühen 
Israel, die von denen der herrsehenden Beligionswissenschaft sehr 
abweichen; davon sind besonders die Wirkung der totemistischen 
Periode und die der revolutionären Tendenzen gegen Jahve und 
deren Unterdrückung zu erwähnen. In Beiträgen zur Bibelexegese 
(59, 60) sucht Referent die Fruchtbarkeit der Psychoanalyse auch 
für dieses schwierige und eifersüchtig bewachte Gebiet zu erweisen 
indem er zeigt, wie durch Anwendung analytischer Methoden Pro 
bleme der Lösung näher gebracht werden, die sich allen anders 
artigen Bemühungen gegenüber bisher resistent verhalten haben 
Verdienstvolle Arbeiten Levys, die Vertrautheit mit der Sexual 
Symbolik und philologische Kenntnisse glücklich zu vereinen wissen 
geben Aufschlüsse über die auch den Kirchenvätern bekannte 
Sexualsymbolik in der Paradiessage (31) und verfolgen dieselbe 
Symbolik in Bibel und Talmud, wo sie in den verschiedenar- 
tigsten Eormen und schwerer erkennbaren Gestalten auftritt (28, 
29, 30, 33). Mit Recht, wenn auch mit unzureichenden Gründen 
mahnt Levy zur Vorsicht in der analytischen Exegese der Kains- 
sago (32). Die Sexualsymbolik steht auch im Mittelpunkt der ana- 
lytischen Aufklärung, die Jones in seiner Studie über den Alp- 
traum und seiner Beziehung zu mittelalterlichen Formen des Aber- 
glaubens liefern kann (21). In der Analyse des Teufels- und Hexen- 
glaubens scheinen mir die historischen und religionsgeschichtlichen 
Faktoren zu wenig berücksichtigt. 

Desselben Autors Arbeit über den Gottmenschkomplex wirft 
ein Lieht auf die psychischen Voraussetzungen und seelischen Deter- 
minanten des Glaubens, ein Gott zu sein, der sieh in manchen see- 
lischen Besonderheiten der betreffenden Personen äußert (20). 



222 



Dr. Theodor Reifc. 



Das Fischsymbol als sexuelles Zeichen verfolgt Eis ler in den 
Religionen und Mythologien aller Völker (6). 

Ein© göttliche Mission meinte der von Freud gewürdigte 
Sehreber zu fühlen, dessen Phantasien und Wahnsystem heuri: 
stisch wertvolle Analogien zu gewissen Vorstellungen höherer und 
primitiverer Religionen bieten (11, 12). "Weniger aufschlußreich er- 
weisen sich die religiösdiehterischen Erzeugnisse der Miß Miller, 
die Jung zum Ausgangspunkt seiner interessanten und weitaus- 
greifenden Theorien macht (23). Die Jung sehe Arbeit ist so aus- 
gezeichnet referiert und kritisiert worden, daß eine ausführliche 
Besprechung an dieser Stelle füglich entfallen kann. Was die Pro- 
bleme der Religion anlangt, nähern sich die Jungschen Betrach- 
tungen den psychologischen Arbeiten gewisser theologischer Schulen : 
sie stellen trotz der religiösen „Ungcbundenheit" ihres Autors eher 
eine religiös-ethisierende Erweiterung der Analyse als eine Analyse 
der Religion und Ethik dar. Die Ubcrdehnung des Libidobegriffes 
und die übergroße Bedeutung, die Jung dieser mystisch gewor- 
denen und verschwommenen Kraft zuschreibt, zeigt sich gerade in 
der Seligionspsychologie als unzulänglich und den Phänomenen un- 
angemessen. Auch Jung wollte wie Freud die neurotischen, reli- 
giösen und mythologischen Phantasien zueinander in Verbindung 
setzen, der gewiß interessante und manchmal fruchtbringende Ver- 
such aber, individuelle Erscheinungen durch völkerpsyehologische zu 
erklären, schlägt in diesem Falle fehl. Wie in der praktischen 
Analyse des Einzelnen läßt Jung auch in der analytischen For- 
schung religiöser Probleme das Zurückgehen auf die frühesten Ent- 
wicklungsvorgänge vermissen und unterliegt so oft der Gefahr, 
bereits hochkultivierte Formen für das seelisch Primäre und Wirk- 
same zu halten. Referent glaubt in der Deutung der Wiedergeburtsr 
Phantasien, die in den Pubertätsriten eine so große Rolle spielen, 
gezeigt zu haben, daß Jung, der diese als Abbilder hochsublimierter, 
ethischer und religiöser Bestrebungen ansieht, nur die bewußte Ober- 
fläche der psychischen Dynamik enthüllt — oder besser gesagt — 
die tiefer liegenden und primär wirksamen Tendenzen in so ideal ge- 
richtete umdeutet. Ahnliches gilt für Silber er, der in den Tod- 
und Wiederauferstehungsriten der Männerweihe „anagogische" Sym- 
bole sieht (69). Gewiß werden die sexuellen grausamen und egoisti- 



Religionswissenschaft. 223 

echen Triebkräfte der Menschheit im Laufe einer langen und wech- 
BelvoIIen Entwicklung sublimiert, aber sie zeigen ihre Herkunft 
und eigentliche Natur noch dort, wo sie als das Treibende in den 
höchsten moralischen und religiösen Ideen zu Tage treten. Die 
Analyse hat gerade ein Interesse daran, das triebhaft-animalische 
Erbgut als wirksam in dem sozialen Zwecken dienenden Aufbau der 
Kultur nachzuweisen; sie zeigt regressiv, aus welchen seelischen 
Kräften diese Kultur erwachsen ist und auf welcher psychischen 
Grundlage sie letzten Endes ruht. Jung und seine Schule glaubte 
nun, da Ethik und Religion unleugbar jenen tiefliegenden Wurzeln 
entspringen, daß es eben die ursprüngliche Natur jener Wurzel sei, 
nach aufwärts zu streben, daß also — unbildlich gesprochen — 
schon jene egoistischen und sexuellen Komplexe von Haus aus eine 
höhere anagogische Bedeutung besitzen. Die partielle Berechtigung 
der anagogischen Theorie ist von der Analyse niemals bezweifelt 
worden; was an ihr stichhältig ist, ist der Hauptsache nach be- 
reits früher in der Theorie der Süblimierungsvorgänge erkannt und 
beschrieben worden. Der Grad der Rüekläufigkeit indessen, den die 
religionswissenschaftlichen Arbeiten der Jungsehülex erreichen, wird 
durch die für sie zentrale Bedeutung und den Gebrauch des Be- 
griffes „Introversion" in ihren analytischen Forschungen erwiesen 
(Morel, Jung, Riklin, auch Silberer). Ein Vergleich der 
Opfertheorie Freuds mit jener Jungs zeigt, daß die Jung sehe 
Auffassung, die übrigens das heterosexuelle Moment merkwürdiger- 
weise gerade hier überwertet, die oberste psychische Schicht als 
das Letzte auffaßt und die primären Tendenzen nur als symbolische 
Ausdrucksweise gelten läßt; das Opfer erscheint als Verzicht auf 
das Tierische im Menschen das sagt auch* die Theologie, „wenn 
auch mit ein bißchen andern Worten". Man sieht hier die Tendenz, 
das Religiös-Ethische die Analyse durchdringen zu lassen statt um- 
gekehrt. Zu welchen reaktionären und pseudowissenschaftlichen 
Folgerungen eine solche theologisierende Anschauung führt, mag die 
Riklinsche Erklärung (62) der Erbsünde zeigen: diese ist ihm 
„das im Inzestmotive und seiner Symbolik dargestellte rückwärts 
gerichtete Prinzip. Und wenn die Strafe der Erbsünde die Arbeit 
ist,, zeigt sich darin auch der Grund der Erbsünde : die Scheu vor 
intentioneller Leistung und Kulturarbeit". Wie man sieht, hat 



224 Dr. Theodor Beik, 

solche Deutung nichts Analytisches mehr, sondern stellt sich als 
moderne Wiederkehr der Scholastik und ilirer symbolisierenden Deu- 
tungen mit Benützung der Psychologie dar. Die Prozesse der 
Sublimierung und Umdeutung sexueller und grobegoistiseher Trieb- 
kräfte treten nirgends plastischer zu Tage als in der Weltanschauung 
der Mystiker und der großen Frommen des Mittelalters. Das starke 
Interesse, das einzelne Schweizer Analytiker und die von ihren 
Ansichten beeinfhißten Forscher an den Mystikern nahmen, mag 
zu einem großen Teile daher stammen; Morel, Riklin, Sil- 
berer, Pfister, Kielholz haben, deshalb interessante Persön- 
lichkeiten und Erscheinungen der mystischen Sphäre des Religiösen 
in den Mittelpunkt ihrer Analyse gestellt (35, 63, 60, 43, 27). 

Es wurde berichtet, daß die analytische Religionspsychologie 
als eines der jüngsten Anwendungsgebiete der Analyse auf kultur- 
geschichtliche Probleme sich von Anfang an auch an die Mythen- 
forsohung anschloß, in der schon eine völkerpsychologisehe Er- 
scheinung mit analytischen Methoden untersucht worden war. In 
den 1 Arbeiten von Abraham (1, Prometheussage) und Hank (51, 
Geburtsmythus) hatten die beiden "Wissenschaften sich stellenweise 
schon berührt, bei Jones und Storf er waren weitere Berührungs- 
flächen zu Tage getreten und in Freuds „Totem und Tabu" fan- 
den endlich Mythus und Religion ihre psychologische Einreihung 
in die seelische Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Es sind 
demnach Ansätze genug vorhanden, welche die Klarstellung des 
Verhältnisses dieser beiden Bildungen der Massenpsyche zueinander 
fördern. Dennoch muß man sagen, daß dieses Problem im wesent- 
lichen noch der Lösung harrt. Indessen ist es bereits klar, daß 
der Mythus auf dem* Boden des Animiamus erwachsen, also prä- 
religiös, frühzeitig eine religiöse Verarbeitung gefunden hat und 
daß auch in ihm Reaktionen auf das große Verbrechen der Urherde 
deutlich erkennbar sind, welche für die Entwicklung der Religion 
so bedeutsam werden sollten. 

Die Stellung der Religion innerhalb der Kulturgeschichte 
hat Freud zu bestimmen gesucht (16); Rank und Sachs (53) 
sowie Kaplan (24) haben ihre Ansichten über die Bedeutung der 
Religion in der Entwicklung der Menschheit kurz dargestellt. Daß 
die animistische Denkweise, die in den Religionen eine so große 



Religionswissenschaft. 225 

Rolle spielt, auch im Kulturmenschen unterirdisch weiter lebt, zeigt 
Freud, indem er die Gefühlsreaktion des Unheimlichen analytisch 

untersucht (17). 

Die religiöse Kunst ist nur vereinzelt Gegenstand der ana- 
lytischen Untersuchung geworden: Freuds Analyse der Madonncn- 
bilder Leonardo da Vincis (14) darf bisher als das einzige bedeut- 
samere Werk dieser Richtung bezeichnet werden. Die anonym er- 
schienene Arbeit über den Moses des „Michelangelo" (30) zeigte in 
Methode und Art der Anschauung soviel analytische Züge, daß 
sie als Muster analytischer Beobachtung gewertet werden kann. 
Ihre Resultate erhielten durch Reik eine nachträgliehe, aus der 
Analyse der Sinaiperikope geschöpfte Verifizierung und Vertiefung. 
In der analytischen Ableitung und Würdigung der Rolle von Tanz 
und Musik im religiösen Kult schließt sich Reiks Artikel über 
das Schofar hier an. in dem die Bedeutung des Totemismus auch 
für die späten Stadien der Religionsentwicklung hervortritt (61). 
Eine Dichtung, in der eine Heiligengestalt, die des Antonius, im 
Mittelpunkt steht, hat Reik (57) zum Objekt einer Analyse ge- 
wählt. 

Einzelne Bemerkungen Ranks (54) bieten eine kurze Charak- 
teristik des Religionsstifters und des Künstlers nach ihrem verschie- 
denen seelischen Verhalten und dessen Determiniertheiten. 

Kaplans Bemerkungen (über Spinozas Gottesbegriff, über 
die Sünde usw.) zeigen auch die Möglichkeit, die analytischen Ge- 
sichtspunkte auf religionsphilosophischem Gebiete zu ver- 
werten, eine Möglichkeit, die Win t erste in in seiner rerheißungs- 
vollcn philosophischen Arbeit noch näher gerückt hat (79). 

Der Entwicklung des kindlichen Gottesglaubcns und 
der religiösen Anschauungen des Kindes ist leider von der Analyse 
noch nicht die gebülirende Aufmerksamkeit geschenkt worden. Freud 
hatte in der Wiederkehr des infantilen Totemismus die Bedeutsam- 
keit kindlicher Ajaschauungen für die vergleichende Religions- 
geschichte gezeigt. Vereinzelte, für die spätere Entwicklung des 
Individuums wichtige Züge finden sieh auch in Freuds Artikel 
,Aus der Geschichte einer infantilen Neurose" (13). In den seelsor- 
gerischen Arbeiten Pf isters erscheinen sporadische und aufschluß- 
reiche Bemerkungen über das religiöse Leben der Kinder. Eitin- 

J»jcliü«B»lyin, Bericht 19H— lom. ., 



oog Dr. Theodor Beik. 

gon und Reik lieferten kleinere Beitrag« zum Verständnis kind- 
lichen Gottesglaubens (7, 58). Die einzige größere, in Konzeption 
und Inhalt gleich reizvolle Arbeit über dieses Thema ist von Lou 
Andrea*Salnme (69). die feinsinnig, analytische Psychologie 
mit intuitiver verbindend, vom „frühen Gottesdienst" berichtet, Es 
ist- zu hoffen, daß weitere Arbeiten bald die Lücke ausfüllen werden. 
Der Anwendung der Psychoanalyse in der Seelsorge hat 
sich Pf ist er gewidmet und dabei ansehnliche Erfolge erzielt (38, 
39, 40, 46, 48, 50). Gewiß stellt solche Anwendung ein Kompromiß 
zwischen seelsorgerischer und analytischer Bemühung dar, bei dem 
unentschieden bleibt, welche Rolle die Person des Priesters und 
welche die des Analytikers spielt. Das außerhalb der Analyse 
stehende religiöse Element vermengt sich, wie ich meine, in dieser 
gewiß fruchtbaren und verdienstvollen Tätigkeit mit den therapeu- 
tischen Interessen der Analyse, die es bisher und gewiß für immer 
ablehnt, sich in den Dienst einer bestimmten moralischen oder reli- 
giösen Ansicht zu stellen. Nach der persönlichen Anschauung des 
Referenten — und nur die kann an dieser Stelle zum Ausdruck 
kommen — ist die Analyse berufen, einmal die Seelsorge zu einem 
großen Teile zu ersetzen. 

Den vielfachen Verhüllungen der Religiosität des modernen 
Menschen geht Stekel nach (74); dieser Autor behauptet übrigens, 
daß in den Neurosen allgemein der religiöse Komplex eine große 
Rolle spiele; er konstatiert auch eine besondere Form der „Christus- 
neurose". "Wieweit sich diese Konstruktion sowie ähnliche Auf- 
stellungen Adlers auf die Wirkungen und Reaktionen einer homo- 
sexuell-femininen Einstellung gegenüber dem Vater (= Gott) zu- 
rückführen lassen, hat Freud (13) gezeigt. Schröder berichtet 
über den sexuellen Anteil an der Theologie der Mormonen (65). 

Um die theoretische Klarung der Voraussetzungen, Me- 
thoden und Ziele der analytischen Religionspsychologie haben sich 
Rankund Sachs in einem gehaltvollen Abschnitt ihrer gemein- 
samen Schrift (53) erfolgreich bemüht, die freilich, 1913 erschienen, 
durch die Arbeiten der letzten Jahre mancher Modifikationen und 
Erweiterungen bedarf. Freud erörtert kurz Gesichtspunkte der auf 
die Religionswissenschaft gerichteten Analyse innerhalb der kultur- 
historischen Interessen (15). Kellers Artikel in einer Enzyklopädie 






Mystik und Okkultismus. 



227 



(26) sowie seine (25) und Nohls Ausführung«» (36) tragen nicht 
immer einwandfreien informativen Charakter. Beik würdigt die 
Bedeutung des Rituals für das analytische Verständnis der Religion 
in der Einleitung seines Buches (61). 

Mit aktuellen Problemen, insbesondere mit der Judenfrage, 
beschäftigen sich unter gelegentlicher, nicht immer wissenschaftlicher 
Heranziehung der Analyse Sombart (70), Frank (9), Rappa- 
port (56) und Trebitsch (78). 

Die Kürze der Zeit — es sind kaum 13 Jahre, seit die Analyse 
anfing, sich auch mit Problemen der Religionswissenschaft zu be- 
schäftigen — die Größe der entgegenstehenden Schwierigkeiten und 
die geringe Anzahl der Forscher machen es erklärlich, daß die 
meisten analytischen Arbeiten auf diesem Gebiete eher Ansätze als 
Vollendetes und Ausgeführtes bringen konnten. Die Zukunft wird 
zeigen, wie weit die Religionswissenschaft die ihr von der Analyse 
gebotenen Anregungen zu nützen weiß und wie weit die von der 
Analyse gefundenen Resultate auf diesem Gebiete verifiziert werden 
können. Sie wird auch sicher der Analyse den ihr gebührenden 
Platz innerhalb der Religionspsychologie einräumen. 



Anhang: Mystik und Okkultismus. 

Literatur: 1. Demole V.: Conviction spontanee. Archives de Psycho- 
logie. 191 i. Nr. 50 und 51. _ 2. Dessoir Max: Vom Jenseil« der Bede. 3 . Aufl 
Stuttgart 1919. _ 3. Flournoy Theodore: Die Seherin von Genf. (II Heft der 
E*r*nm e ntahmter s achungen zur Migiou.-, Untobe-wuUteeins- und Spraohpsycho- 
log,e.) Le lpMg 1914. _ 4. Freimark Hans: Mediamistischo Kunst. Leipzig 1914 
~" t t! ™'; „ Dle ÜTOliache Bodeutung der spiritistischen Personifikation. Z. III 
~ S ;. F ™a Sigmund: Das Unheimliche. J. V. 297. - 7. Jones Erncst: Wm 
Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. Jahrb. VI. S 135 — 8 Kielholz - 
Jakob Böhme. Ein pathogr. Beitrag z. Fsycuol. d. Mystik. Sehr. XVU 1919* 

— 9. Morel Ferdinand: Essai sur l'Introversion mystiqae. Genöve 1918 - 
10. Moser Eugen: Psychoanalyse und Mystik. Wissen und Leben. Zürich 1912 

— 11. Petersen Margarete: Ein telepathischer Traum zbl IV — 12' 

V.?,- ,** 01 ^" Doppel ^ n 8 tr - J " 19u - ~ &• ßeik Theodor: Ein Fall von 
,4.otzhcher Überzeugung". Z. II. 8 . 151. _ 14. Xtikli« Franz: Betrachtangen 

*ur christlichen Passionsgeschichte. Wissen und Leben. Zürich 1913 _ 
15 Der*.: Frans von Aasisi, Ebda. 1914. - 16 . Schroeder Theodore: Die 
geigte Heilige von Wildisbueh. Zbl. IV. S. IG*. _ 17. Den,.: Der sexuelle 
Aateü an dar Theolog« der Mormonen. J. III. S . 197. - 18. Ders.: Zum Thema 
Sil™ f S ™ Ü ^^U Se S . Probl. Man 1914. - 19. Silberer Herbert: 
ablerne der Mystik und ihrer Symbolik. Wien 1ÜH. - 20. Dera.: Der 

15* 



noo Dr. Theodor Reik, 

Homunc-ulus. 3. III. S. 37. - 31. Dcra.: Durch Tod zum Leben. Leipzig 1915. 
~ 22. Storfcr A. J.: Marias jungfräuliche Jungfernschaft. Berlin 1914. — -3. 
VorbrodtS.: Flournoys Seherin von Gen? und Keligionspsychologie. Leipzig 191-1. 

Aid dem Gebiete der auf Probleme der Mystik angewandten. 
Psychoanalyse sind in dem hier in Betracht kommenden Zeitraum 
nur wenige Werke zu verzeichnen, die einen Fortschritt bedeuten. 
Silberers (19) aufschlußreiches Buch, das analytische Methoden 
mit andersartigen verbindet, ist im vorigen Jahresbericht (Jahrb. VI, 
S. 424) bereits erwähnt. Dem dort Berichteten darf vielleicht nur 
hinzugefügt werden, daß des Autors interessanter Versuch, „Züricher 
und Wiener Anschauungen in Harmonie zu bringen" (S. 424), als 
mißglückt angesehen werden muß. Aussichtsreicher, wenngleich viel- 
leicht verfrüht, erscheinen Silberers Bemühungen, eine voll- 
ständige Synthese analytischer und anderer Betrachtungsweisen her- 
zustellen und die Probleme der Mystik von allen Seiten her zu 
erforschen. Wir meinen nämlich, daß der Weg zu einer solchen 
Synthese, die sicherlich zu den größten wissenschaftlichen Aufgaben 
der Zukunft gehört, mit den uns heute zur Verfügung stehenden 
Mitteln noch nicht gefunden wurde und sich so leicht die Gefahr 
einstellt, das analytische Moment zu sehr zu unterschätzen, das 
heißt also die Wirkung und Bedeutsamkeit verdrängter Triebkräfte 
neben anderen Faktoren nicht genügend zu würdigen. Über des- 
selben Autors Homunculusarbeit (20) wurde im Abschnitt über 
Mythologie bereits gesprochen (s. S. 211). 

In Silberers Buch über Mystik wurde die Bedeutung der 
Opferidee besonders hervorgehoben und das anagogische Moment, 
wie ich meine, weit überschätzt. Ei kl ins (14), dem christlichen 
Passionsmysterium geltender Aufsatz zeigt das Opfer einfach als 
Verzicht auf das Tierische, die Erbsünde als das „im Inzestmotiv 
und seiner Symbolik dargestellte rückwärts gerichtete Prinzip- und 
sieht in dem religiösen Mysterium ein „blutig^rnstes Aktualproblcm", 
das er sittlich-tätig in die Seele gelegt wissen will. Die Jungsche 
Auffassung und Umdeufcung der Triebvorgänge, die bei Eiklm 
hervortritt, hat hier den vielleicht heimlich gewünschten Anschluß 
an die ethische oder religiöse Predigt in psychologischer Ausdrucks- 
weise fast restlos gefunden. Das Symbol von Tod und Wiedergeburt. 



Mystik nnd Okkultismus. 229 

das Silber er (21) von. seinen Urformen bis zu seinen Gestaltungen 
in der modeinen Theosophie verfolgt, wird von diesem Autor als 
Abbildung eines ethischen, mehr minder wertvollen Strebens er- 
kannt, als Bild der Verwandlung in etwas Besseres, Vollkommeneres. 
Neben den anagogi=;chen Gesichtspunkten läßt Silber er übrigens 
auch die analytischen galten. Silberers Symbolstudien haben 
durch ihre Unterscheidung von materieller und funktioneller Sym- 
bolik auch Morels (9) Anschauungen tiefgehend beeinflußt. Be- 
deutungsvoller noch wurde für den Schweizer Forscher der Begriff 
der Introversion, die er als gemeinsamen Zug bei allen Mystikern 
findet. Er unterscheidet innerhalb der „mystischen Introversion" 
eine speziellere Form der „Introversion franche" als die reinste und 
unpersönlichste von anderen gemischteren Typen. Die Natur der 
Introversion und ihrer individuellen Differenzierungen untersucht 
Morel, der in seiner Einleitung die psychologischen Erkenntnisse 
von Charcot, Jauet, Bleuler, Freud und Jung in prin- 
zipiell gleichem Ausmaße heranzieht, hauptsächlich bei Pseado- 
Dionysius, dessen Bildersprache, Visionen, Riten und metaphysische 
Anschauungen er deutet, sowie bei Bernhard von Clairvaux, Hein- 
rich Seuse, Madame Guyon und anderen großen Persönlichkeiten 
der Mystik. Die zentrale Stellung, die Morel der Introversion 
zusehreibt- — eine Achse, um die sich alles dreht — , hat es von 
vornherein verhindert, daß wir aus seinem Werke die Aufschlüsse 
erhalten, die wir über die seelischen Vorgänge bei den Mystikern 
durch Anwendung der Psychoanalyse erwarten dürfen. "Wie wäre 
dies auch möglich, da Morel z. B. die Liturgie der Mönchs- 
weihe und der Taufe nur gelten lassen will als „le drame tout 
entier de l'introversion qui se joue liturgiguement" ? Immerhin ent- 
hält sein Buch manche bemerkenswert« und interessante Beitrage 
zur Psychologie der Mystiker. Dahin rechne ich z. B. die Wür- 
digung der Bedeutung des Narzißmus in ihrem Seelenleben, die Un- 
terscheidung der weitergehenden Regression bei den männlichen 
Mystikern von einer minder radikalen bei den weiblichen, deren 
Sexualität nicht bis zum exklusiven Narzißmus zurückkehre, manche 
Ansätze analytischer Durchdringung und Deutung, wie z. B. die 
Rückfülirung der Seuse sehen Trinitätsphantasien auf "Wirkungen 
des Schwankens zwischen Homo- und Heterosexualität usw. In 






230 Dr - Theodor Beik. 

diesem Sinne darf Morels Buch, trotz manchen Schwächen zwei- 
fellos als Gewinn bezeichnet werden. 

Die Tatsache, daß Morel die Holle der Sexualität bei d<m 
Mystikern — wenn auch mit Einschränkungen. — erkennt und 
ihre Bedeutung anerkennt, mag ihm den herben Tadel zugezogen 
haben, den Moser (10) ausspricht. Dieser beruft sich auf die 
Lehren Jungs und Maeders als den Born, aus dem die rechte 
"Wissenschaft quille, meint, die Psychoanalyse werde die Introversion 
als den einzigen Zugang zur geistigen "Welt erkennen und sich 
von dem Freudschen Pansexualismus loslösen. 

Die Vorwürfe, die Moser gegen Morel hier erhebt und die 
sich in ihrer Mischung von wissenschaftlicher Naivität und Ver- 
stiegenheit selbst richten, können Itiklins (15) Arbeit, die eben- 
falls einem der größten Frommen der Mystik gilt, nicht gemacht 
werden. Von der symbolischen Deutung eines Mosaiks von G i a c o- 
metti, Franz von Assisi darstellend, geht ßiklin aus, um den 
Vorgang der Vergeistigung bei diesem Heiligen zu verfolgen. Be- 
sonderer "Wert wird dabei darauf gelegt, daß die „niedrigen" Ur- 
kräfte durch diesen Prozeß „göttlich, astral oder ätherisch" werden. 
Die daran geknüpften erbauliehen Betrachtungen können freilich 
das Bedauern nicht verhindern, das der Leser empfindet, der sich 
darauf vorbereitet hat, zu erfahren, durch welche seelischen Kräfte 
und auf welchen psychischen "Wegen aus dem prunkliebenden Ritter 
der ekstatische Asket, der Poverello wurde, der den Schwalben pre- 
digt und sich nach dem Wiedererleben des Schicksals Christi sehnt. 
Das Verständnis einer solchen "Wandlung hat uns Kielholz (8) 
erschlossen, indem er zeigt«, wie aus dem wenig gebildeten Schuster 
Jakob Böhme ein theosophisch-mystischer Schriftsteller wird, der 
sich als von Gott inspirierter Prophet fühlt und ein tiefsinnig- 
verworrenes System baut. Es lassen sich innerhalb des pathologischen 
Prozesses bei Böhme drei Phasen deutlich unterscheiden, deren erste 
sich eine depressive, durch Selbstvorwürfe vorwiegend sexueller Na- 
tur, durch Todesängste, Traurigkeit und Furcht charakterisierte, ein« 
"Übergangsphase, durch Versenkung in die Tiefen der eigenen Per- 
sönlichkeit gekennzeichnet, und endlich eine euphorische mit visu- 
ellen Sensationen und mit Glücksgefühlen, deren erotische Natur 
nicht zweifelhaft ist. Als eigentlich mystisches Erlebnis tritt die 



Mystik und Okkultismus. 231 

göttliche Beschaulichkeit, der Blick ins Zentrum der Natur in den 
Mittelpunkt des Prozesses, Kielholz deutet das Centrum nalurae 
als eine zusammenfassende Projektion der psychischen Erlebnisse 
Böhmes in der Schöpfung und als das Abbild des Geschlechtsaktes 
im Kosmos. Er läßt erkennen, daß das Werk des Görlitzer Schusters. 
zu einem großen Teil als Sublimation des infantilen Schautriebes 
zu verstehen ist, welchen Trieb er in der Form des Erkenntnis- 
dranges in der Mystik überhaupt als Hauptfaktor wertet. Di;; 
wichtigsten, für Böhme eigentümlichen Personifikationen und Modi- 
fikationen biblischer und legendärer Vorgänge werden in ihren psy- 
chischen Bedingtheiten erkannt, wobei die infantilen und sexuellen 
Momente gewürdigt werden (Jungfrau Sophie als mütterlicher Teil 
der Gottheit, die Unio mystica, der androgyne Adam, Christus, die 
Naturspraehe usw.). Die Studie Kielholz', die. auch pathologische 
Prozesse als Parallele heranzieht, unterläßt es nicht, auf die 
positiven Züge in der Mystik Böhmes und auf ihre Bedeutung für 
die Kirchen- und Kulturgeschichte hinzuweisen. 

Die 1794 geborene Margarete Peter, deren religiös-mystische 
Schwärmereien die unheilvollsten Folgen nach sieh zogen, stellt 
Theodor Schroeder (16) in den Mittelpunkt einer psychologischen 
Analyse. Zahlreiche Fäden laufen von den von A. J. Storfer (22) 
und E. Jones (7) analytisch gedeuteten Geburtsmythen Marias 
zu der christlichen Marienmystik. Beide Arbeiten, namentlich aber 
die von Jones, werden für spatere, auf dieses Gebiet bezügliche 
Untersuchungen als unentbehrlich gelten müssen. Weiter zurück 
noch führt Reik an einzelnen Stellen seiner das Schophar be- 
handelnden Arbeit, da er sich auf die Umdeutungen der Liturgie 
durch die Kabbala stützt. Derselbe Autor erblickt in den Pubertäts- 
riten und der mit diesen verbundenen Einführung der Novizen 
in den totemistischen Kult gleichsam die Keimzelle der Mysterien 
der antiken Religionen, mit denen er sie vergleicht. Im Ge- 
gensatz zu Silberer (21) legt er besonderes Gewicht auf die 
triebhafte, von verdrängten Tendenzen bedingte Grundlage dieser 
Ers cheinungen. 

Wollen wir endlich auch den Okkultismus und die von den 
okkulten Wissenschaften behaupteten Tatsachen hier in ihren wenigen 
Beziehungen zur Analyse heranziehen, so werden auch diese vor 



ogo Dr. Theotljr Reik. 

allem als Gegenstand analytischer Untersuchung in Betracht kom- 
men. Was ihre auf das Seelenleben bezüglichen Theorien anlangt, 
kann der Analytiker diesen nur jene aufmerksame und nachprü- 
fende Skepsis entgegenbringen, die er als Begleiterin seiner ersten 
wissenschaftlichen Bemühungen gewünscht hätte. Wenn sieh die 
Analyse so von der starren und a, priori ablehnenden Haltung jener 
Schulweisheit fernhält, die früher auch nichts von den Dingen zwi- 
schen Himmel und Erde, von denen sie sieh nur träumen ließ, wissen 
wollte, so hegt sie anderseits keine Erwartungsvorstellungen in 
bezug auf einen etwaigen Einfluß dieser Forschungen auf ihre 
Lehren. Anders ausgedrückt: sie weigert sich keineswegs, durch 
das Fernrohr zu sehen, hat aber bisher nichts erblicken können, 
was eine Veränderung ihres Weltbildes bedeuten würde. Wir haben 
bisher keinen Anlaß gefunden, von der Forschung des Spiritismus, 
Olikultismus und der Theosophie Entdeckungen zu erwarten, welche 
die von der Analyse aufgezeigten seelischen Mächt« und Gesetze 
in verändertem Lichte erscheinen ließen oder zu irgend welchen 
Modifikationen der analytischen Annahmen drängen könnten. Ver- 
scMcdene Versuche, sowohl von Spiritisten als auch von einzelnen der 
Analyse nahestehenden Psychologen unternommen, um die Konsta- 
tierung der Wirksamkeit psychischer Tiefenmächte durch eine solche 
übernatürlicher Kräfte zu ergänzen, haben der Realitätsprüfung 
nicht stand gehalten. Die von St ekel und Petersen (11) sowie 
anderen Autoren vertretene Anschauung einer telepathischen Funk- 
tion des Traumes, der Existenz von Vorahnungen usw. konnte von 
der Analyse nicht geteilt werden, weil jeder objektive Beweis fehlt 
und sie, außerdem in den Wirkungen, Reaktions- und Ersatzleistungen 
verdrängter Tendenzen eine ausreichende Erklärung für dergleichen 
befremdende Erscheinungen gefunden hat. Der bedeutsamste Schritt 
in dieser Bichtung, seit Freud in seiner „Psychopathologie des 
Alltagslebens" die Schöpfung einer Metapsychologie als wissen- 
schaftliches Postulat aufstellte, ist die Theorie von der Allmacht 
der Gedanken, die eine analytische Aufklärung des Aberglaubens, 
des Animißmus und der Magie ermöglichte. Als Fortsetzung der 
hier eingeschlagenen Richtung darf man seine Arbeit über das 
Unheimliche anführen, die zeigt, wie manches okkult Erscheinende 
sich im Lichte der Analyse als natürliches, wenngleich kompli- 



Mystik und Okkultismus. 233 

ziertes psychische Gebilde erscheint (6). Die ..Doppel länger"- Arbeit 
Ranks (12) ist hier aus dem gleichem Grunde zu erwähnen. Ein 
wn Dr. Demole (1) zur Diskussion gestellter fall „plötzlicher 

Überzeugung'' gestattete eine vollständige Analyse, welche das 
seelische Zustandekommen einer merkwürdig anmutenden Ers-chei- 
li'jng mit allen ihren Details ausreichend aufklären konnte (13). 
Anderseits bezeugen verschiedene Äußerungen ernsthafter Forscher, 
die okkultistische Neigungen hegen, daß die Analyse bei ihnen 
Gegenstand intensiven Studiums geworden ist. Professor F 1 o u r n o y 
(3) zieht zui' Beleuchtung mancher dunkler Zusammenhänge Auf- 
klärungen aus Preuds Schriften heran, und Vorbrodt (23) 
betont den Wert der Psychoanalyse für die Religionsforschung. 
Aueh Dessoir (2) muß ihre Bedeutung für die Untersuchung 
okkulter Phänomene anerkennen. Hans Freimark (4) nähert sich 
der analytischen Auffassung in der psychologischen Beleuchtung 
mediumistischer Kunst und berichtet über Zusammenhänge, zwischen 
der Art der spiritistischen Personifikationen und der Sexualität der 
Medien (6). 



Kimstlerpaychologie und Ästhetik. 

Referent: Dr. Hanna Sachs, 



Literatur- 1. Andceas-Sftlomfe h.l Des Dichter* Erlern, N«M Rund- 
schau, 1919, Mutz. — 2. BardaS Willy: Zur Problematik der Musik, J V. 36i. — 
2a BoruMd: Zur JNvIi.iioyie der Lektüre Z. III. 109. — 3. Coriot: P*ycho- 
nnalvse der Lady Maclwtli. Zbl, IV. K. 384. — -i. Freud S.: Eine Kindueits- 
ermneruntc des Lionardo da Vinoi. 2. Aufl. Sehr. Nr. 1. 1919. - 3. Dere.: 
Einige tharaktcrtypen au» der psychoanalyt. Arbeit. J. IV. 31t, und Sammlg. 
kl. Sehr. z. Ncur. IV. Folge. 521. — 6. Uers.: Das unheimliche. J. V. £37, — 
6a. Ders.: Eiac Kindheits<.rinnerung aus Dichtung und Wahrheit. J. V 49 u. 
Bamnilg. kl. Sehr. ?.. Near. IV. Folge. 564. — 7. FurtmÜller C: Schnitzlers 
Tr^ibomödio „Das weite Land". Zbl. IV. 28. - 7a. Heinitz: Eine Psycho- 
analytische BctrachmuE der Kirnet und Katur. Lit, Ges. 1910. — 8. Hitschmann 
E.: Ein Dichter und sein Vater. J. IV. 337. - 9. Der».: Gottfried Keller. Intern. 
7m, BiM. Nr. 7, 1011»- — lf>. Pers.: Franz Schuborts. Schmera und Liebe. 
%, TIf. 2R7. — 11. Jckels U: Sliakesjwarcs Macbeth. J. V. 170. — 12. Jllliusburger : 
0.: Shakespeares Hamlet ein .Sexualproblem. Die neue Generation. IX, 1913. 

- 13. Kaplan L.: Der tragische Held und aer Verbrecher. J. IV. 96. — 1 i. Kollai'ift : 
Zur Psychologie dea Spaße*. Journ. 1 Psych, n. Ncurol. XXI. IL 5— 6. — 
15 Körner J.: Die Psychoanalyse des .Stils. Lit. Echo. 1919. — IS. Lorenz E.: 
Pio '.reschicUtc de« Iiergmaane* von Falun. ,T. III. 250. - 17. Der«.: Odipus auEKo- 
k.anos. J.IV. 22. — 17a-, Major Erich: Die Quellen des künstlerischen Schaffens. 
Leipzig 1913. — 1». MacCurdy: Die Allmacht der Gedanken und die Mutterieibs- 
phancasie. J. III. 382. — 19. Malinckrodt Frieda: Zur Psychoanalyse der Lady 
Macbeth. Z. IV. G12. — 20. Protze: Der Baum als totemis tisch es Symbol 
in der Dichtung. J. V. 58. — 21. Rank Otto: Der Künstler. 2.Attfl. 1918. — 
22. Ders.: Der Doppelgänger. J. III. 97 (auch in „Psychoanalytische Beitr. z. 
Mytheuforschung", Intern. Psa. BibL Kr. 4, 1919). — 23. Der*.: Das Schauspiel 
iia „Hamlet". J. IV. 11. — 23a. Dera.: Homer. Das Volksepos (II). J,V. 132, 372.— 
24. Reik Th.: Artur Suhnitzler als Psychologe. Minden 1913. — 25, Ders.: 
Pa« Werk Richard Beer lloffmanns. Wien 1919. — 25a. Reitler: Eine wut- 
tuidisclt-kunstlerischo Fehlleistung Leonardo da Vincis. X. IV. 205. • 26. 
Sachs II.: Homers jüngster Enkel. J. III. 80. — 27. De«.: Schillers „Geister- 
seher". .1. IV. 69, 145. — 2«, Ders.: Zum Thema „Tod". J. III. 456. — 29. Der».: 
Der „Sturm". ,T. V, 203. — 30. Sperber Alice: Von Dantes unbewußtem Seelen- 
le'wn! J. 111. 205. — 31. Sperber H. und Spitzer L,: Motiv und Wort. Leipzig 
191$, _ 32, StrQmckc Heinr.: Scxuatproblorae in der dramatischen Literatur 
München 1916. — 33, Teilet' Frieda: Mu»ikgenuB und Phantasie. J, V. S*. 

— 34. Anonym; -Der Moses des Michel Angeld. J. III. 15. 






Kanstlarpsychologie und Ästhetik. 235 

Als die Psychoanalyse über ihr ursprüngliche.« Gebiet, die Er/or- 
schung der Psychoneurosen. hinauszuwachsen begann, war das erst« 
Thema, auf das sie stieß, die psychologische Analyse des Kunst- 
werkes und der schöpferischen Phantasie. Dieses Zusammentreffen 
war um so unvermeidlicher, als die ,, Traumdeutung" auf die Über- 
gänge zwischen den Traumbildern des Schlafenden und den Phantasie- 
bildern des "Wachenden, den Tagiräumon, hingewiesen hatte. Auch 
war durch das bekannte Schlagwort von „Genie und Irrsinn", durch 
die Häufigkeit der Neurose bei bedeutenden Künstlern eine der- 
artige Anwendung der Freudschen Lehre auch solchen, die sonst 
mit ihren Auffassungen nicht innerhalb der Psychoanalyse standen, 
nahegelegt worden. Als dann Freuds „Witz und seine Beziehung 
zum Unbewußten" die psychoanalytisch fundierte Lösung für eines 
der dunkelsten Probleme der Ästhetik gebracht und Banks groß- 
angelegtes "Work über: „Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage", das, 
was vorher Vermutung gewesen war. durch eine Fülle von Material 
zur Gewißheit erhoben hatte — da schien es sicher, daß die Mis- 
sion der Psychoanalyse, neben der eigentlichen psychologischen und 
psychopathologischen Forschung, vor allem in der Lösung ästhe- 
tischer und literarhistorischer Rätsel bestehen werde. 

Eh ist anders gekommen. Schon die beiden genannten "Werke, 
ja schon die „Traumdeutung" wiesen über die Phantasieleistungen 
des Individuums hinaus auf die „Säkular-Phantasien" der Mensch- 
heit. Diese Bewegung hat an Umfang \md Tiefe ständig gewonnen 
und heute steht es wohl für alle Mitarbeiter an der psychoanaly- 
tischen Bewegung fest, daß die Beschäftigung mit den Fragen der 
Ästhetik und Künstlerpsychologie nur ein kleiner Ausschnitt der 
Gesamtaufgabc ist; diese selbst umfaßt die ganze Entwicklung des 
Seelischen, also die menschliche Kulturgeschichte im weitesten und 
vollständigsten Sinne, und vielleicht hat sie auch damit ihre end- 
gültigen Grenzen noch nicht erreicht. 

Diese veränderte Stellung zur psychoanalytischen Forschung 
Überhaupt wirkt auf die Methode und Problemstellung der kunst- 
psychologischen Untersuchungen auf mannigfaltige "Weise ein. An 
das erste Ziel, im Kunstwerk oder in einer künstlerischen Entwick- 
lung den Kern der unbewußten Phantasiclätigkeit, also vor allem 
den Ödipuskomplex, nachzuweisen, daneben auf die gemeinsamen 



23ij Dr Hanns Sachs. 

Därstellungsmittel von Traum und Kunstwerk (sogenannte Freu ti- 
sche Mechanismen) hinzuweisen, reihte sieh ganz von selbst eine 
Kette von neuen und weiter ausgreifenden Prägen. Die Abhängig- 
keit der künstlerischen, wie der mythischen und religiösen Phan- 
tasien von den Urschicksalen der Menschheit trat in den Vorder- 
grund des Interesses, 

Die ersten Schritte in der neuen Bahn hat Rank mit seinem 
„Künstler", allen anderen weit voraus, getan. In diesem Buch (21), 
das inzwischen in neuer Auflage vorliegt, ist die Wendung ins All- 
gemeine und Entwicklungsgeschichtliche nicht etwa nur durch An- 
deutungen vorweggenommen, sondern schon in methodischer Porm 
ausgebaut, längst ehe das völkerpsychologische Material als neue 
Grundlage zur Verwertung kam. Es stellt deshalb auch heute noch 
in vielen Punkten die beste Formulierung unseres Wissens dar und 
bleibt eigentlich nur in einem einzigen hinter dem. jetzt erreichten 
Standpunkt zurück: Den Ausgangspunkt des komplizierten Kräfte- 
spiels, das wir mit dem Schlagwort „Verdrängung" zusammenzu- 
fassen gewohnt sind, sucht- Rank nooh ausschließlieh in endo- 
psychischen Momenten, wodurch die Seele in seiner Darstellung zu 
sehr Ähnlichkeit mit einem durch sich selbst bewegten Perpetuum 
mobile gewinnt. Inzwischen haben wir durch Freud erfahren, daß 
es eigentlich nur einer weiteren konsequenten Anwendung der psycho- 
analytischen Methode bedarf, um den von außen kommenden An- 
stoß zu erraten, d. li. von der psychischen Realität auf die histo- 
rische Realität des Ödipuskomplexes zurückzuschließen. 

Als eine feinsinnige Durcharbeitung der seelischen Grundbedin- 
gungen künstlerischen Schaffens ist ein Aufsatz aus der Feder von 
Lou Andreas-Salome (1) hervorzuheben. Er hat mit den 
übrigen Werken derselben Autorin den Reiz und die Schwierigkeit 
exaktester Formulierung gemeinsam, einer Formulierung, die sieh 
nie mit der geraden Linie allgemeiner Sätze begnügt, aber auch 
auf krausen und vielfach verschlungenen Pfaden das Ziel nicht 
einen Moment aus den Augen verliert. 

Ein Stück grundlegender Künstlerpsychologie aus einem, aller- 
dings überragenden, Einzelfall herauszulesen, das ist die Aufgabe, 
die Freud mit seinem Buche über Leonardo da Vinci (4) gelöst 
hat. Die zweite Auflage ist durch zwei Funde bereichert, die 






KlinBtlerpaycbDlogie und Ästhetik. 237 

Freuds Hypothesen schlagend bestätigen. Der eine, eine Fehl- 
handlung — oder eigentlich eine Summa tion von Fehlhandlnngen 

— Lionardos bei dem Versuch einer schematischen Darstellung des 
Geschlechtsaktes, ist von dem verstorbenen Analytiker Dr. Reit ler 
entdeckt und beschrieben worden, der andere, die „kryptographische" 
Darstellung des Geiers auf dem Bilde der „heiligen Anna selbstdritt", 
ist das Verdienst des Pfarrers Dr. Pf ist er. 

Einen Einblick in die Kindheit eines großen Künstlers ver- 
schafft uns auch Freuds Arbeit über eine am Eingang zu 
Goethes Selbstbiographie stehende Episode, durch die zugleich 
unser Verständnis für den Mechanismus der sogenannten „Deck- 
Erinnerungen" erheblieh vertieft wird. Durch den Vergleich mit 
dem von ihm und anderen Analytikern gesammelten Material weiß 
der Autor aus der scheinbar so gleichgültigen Anekdote den ver- 
borgenen Kern herauszuschälen: die zu großen Leistungen und 
Erfolgen anspannende Erinnerung, daß die anderen, als willkom- 
mene Rivalen empfundenen Geschwister bald wieder aus der Kinder- 
stube verschwunden sind, während es dem Dichter selbst bestimmt 
war, zurückzubleiben und mit der geliebten Schwester zusammen 
aufzuwachsen. Der unbewußte Affektinhalt der Erinnerung wußte 
ihr trotz der bedeutungslosen Verkleidung den richtigen Platz an 
der Spitze der Biographie zu erobern. 

In einer kleinen Arbeit über den Dichter Dauthendey (8) hat 
Eduard Hitschmann dessen Vaterbindung nicht nur als bedeu- 
tungsvoll für das dichterische Schaffen, sondern als Quelle eines 
von dem Dichter als „telepathisch" betrachteten Phänomens und 
seiner religiösen Wandlung nachweisen künnen. Eingehender hat 
sich Hits c h m a n n mit Gottfried K o Her besehn Ptigt :ß) und durch 
die vergleichende Untersuchung der typischen Motive des Dichters 
und seines Verhaltens im Leben gegen Mutter und Schwester, im 
geselligen Verkehr und bei der Arbeit, ein ausgezeichnetes Bild 
seiner unbewußten Seelentätigkeit entworfen. Als wichtigste Re- 
sultate wären zu nennen: Die in erster Linie auf den weiblichen 
Busen gerichtete Schaulust und ihre Verdrängung, die dem großen 
Mensehenschilderer in der Malerei nur die Landschaft freigab; das 
Motiv der „halben Familie", der Sohn mit der Mutter, die Tochter 
mit dem Vater allein lebend, als Reminiszenz an die Kindheitsepoche 



238 ■ Dr- Hanne Sachs. 

nach dem frühen Tod des Vaters, nach der sich der Knabe spater 
zurücksehnte, als ein — noch dazu mit der Mutter in unfriedlichex 
Ehe lebender — Stiefvater ins Haus kam ; die, gehemmte Agression 
dem "Weihe gegenüber und ihre- Umkekrung zu masochistischen Phan- 
tasien und schließlich der Nachweis der Mutterimago bei der inter- 
essantesten Frauenfigur des Dichters, der Judith. 

Eine wertvolle und fesselnde Motivuntersuchung bietet auch 
Reiks Buch über Schnitzler (24). Das Hauptgewicht wird auf 
das feine psychologische Verständnis des Dichters gelegt, das der 
Vertrautheit mit dem eigenen Unbewußten — obgleich oiner Ver- 
trautheit ganz besonderer Art — entspringt. Besonders interessant 
sind die Analysen der Träume, die Seh nit zier an bedeutungsvollen 
Stellen seiner Werke verwendet. Die Deutung zeigt, daß der Auf- 
bau dieser Träume durchaus den von Freud dargelegten Gesetzen 
gemäß ist. 

Daß die Beziehung zwischen Unbewußtem und poetischer 
Schöpferkraft nicht etwa eine Errungenschaft unserer Generation 
sei, beweist die Arbeit von Dr. Alice Sperber, die sich mit Dantes 
unbewußtem Seelenleben beschäftigt (25). Von besonderem Interesse 
ist die durch reichliches und gut gewähltes Material fundierte An- 
schauung, daß Vergil und Beatrice als "Wiederkehr der Eltern- 
imagines anzusehen seien. 

Auf die Kindheitserinnerungen Spittelers (26) und die auf- 
fällige Übereinstimmung mit den Aufstellungen Freuds hinsieht 
lieh des "Wesens lind der Wichtigkeit der Kindheitscrlebnisse wurde 
vom Referenten hingewiesen. 

Die Untersuchung von E. Lorenz über „Die Geschichte des 
Bergmannes von Falun (16) zeigt in sehr anschaulicher Weise, wie 
aus einer einfachen Anekdote, wenn sie den geeigneten Keim dazu 
enthält, immer neue Fhantasiebildungen hervorwachsen. ,Lm Fort- 
schreiten der dichterischen Bearbeitung offenbart sieh der unbewußte 
Komplex immer deutlicher, durch dessen Berührung die Phantasie 
erweckt wurde, bis er sich in der letzten — Hof fmannsthalschen 
— Bearbeitung fast mit klaren Worten ausspricht — etwa, wie die 
Träume einer Nacht denselben unbewußten Inhalt mit fortschrei- 
tender Deutlichkeit variieren. 



Künstlerpsychologie und Ästhetik. 239 

Tu einer anderen Arbeit zeigt derselbe Autor (17), daß dov Schluß 
der ödipustragödie ganz in dem Sinne der Erfüllung der im Unbe- 
wußten erregten Erwartungsvorsiellungcn — Vereinigung mit der 
Mutter Erde — verläuft. 

Haben die beiden eben genannten Essays den Mutterleibs- 
komplax gestreift, so zeigt uns Mac Curdy (18) einen Roman von 
Bulwer, der ganz und gar darauf aufgebaut ist. Die Beziehungen 
zwischen der Mutterleibsphantasie und der „Allmacht dnt Gedanken" 
werden durch die Analyse di«es Romans in interessanter Weise be- 
leuchtet. 

Die Idee, die sich durch alle diese Untersuchungen wie ein roter 
Faden hindurchzieht, nämlich die Rückkehr zu primitiven Denk- 
formen auf dem Wege der scheinbar nüuschöpferisehen Phantasie, 
ist vielleicht durch kein besseres Beispiel zu belegen, wie durch das 
von Dr. Protze gefundene (20), in welchem ein Baum alle jene 
Funktionen ausübt, die von den „Wilden" in typischer Weise ihrem 
Totem zugeschrieben werden. Jene gemeinsame Rtee liegt auch der 
Arbeit Ranks (22) au Grunde, wird hier aber in ganz anderer, voll- 
ständigerer und systematischer Weise ausgeführt. Von einem in der 
modernen Literatur noch sehr lelwndigen Motiv — dem des „Doppel- 
gängers" ausgehend, schreitet der Autor rückwärts, zu dem Spiegel- 
und Schattenaberglauben, von da zu dem an Spiegelbild und Schatten 
geknüpften Scelenglauben der Primitiven, um zuletzt die psycho- 
logische Auflösung dieser Phänomene im Narzißmus und dem gegen 
seine, die Objcktliebe hemmende Ausstrahlungen geführten Ver- 
drängungskampf zu finden. Die Arbeit enthält eine Fülle literar- 
historischen und volkskundlichen Materials und dürfte durch ihre 
Methodik, die sich nirgends mit aphoristisch Hingeworfenem begnügt, 
sondern überall den Zusammenhang herzustellen sucht, vorbildlich 
werden. 

Eine ganze Reihe von Arbeiten beschäftigen sieh mit den zwei 
großen tragischen Figuren Shakespeares. Hamlet und Macbeth. 
Die Hamletarbeiten (12 und 23) knüpfen selbstverständlich an das 
von Freud in der „Traumdeutung" Ausgeführte an, wobei das, 
was Rank über das „Schauspiel" und seine Stellung im Stück zu 
sagen weiß, als letzte Abrundung der Freud sehen Auffassung gel- 
ten darf. Noch stärker hat sich das Interesse der bisher nur in einer 



a ,,-. Dr. Hanns Sachs. 



Anmerkung der „Traumdeutung" gestreiften Figur der Lady Mac- 
beth, zugewendet, der die Publikationen 3. 11, 19 gelten. Die umfas- 
sendste dieser Untersuchungen ist die von J ekel s (11), die mehr als 
ein wertvolles Resultat zu Tage fördert. Von diesen sollen nur zwei 
angeführt werden: Die Auffassung der Verteilung des ursprünglich 
zusammengehörigen Schuldgefühles vor und nach der Tat auf zwei 
Personen und die Entdeckung des Selbstvorwurfas Shakespeares, 
der Frau und Kinder verlassen und den einzigen Sohn verloren hatte, 
als tiefsten Kern der Figur des Macduff. An diesen Fund knüpft 
Freud (5) an und zeigt- wie das Problem der Kinderlosigkeit unter- 
irdisch das ganze Drama durchzieht. In diesem „Komplex" trifft 
der in dem Stück verkörperte uralte Natur-Mythus, die Besiegung 
des unfruchtbaren Winters durch den unter grünen Zweigen heran- 
rückenden Frühling, mit dein aktuellen Anlaß, der Thronbesteigung 
Jakobs I. als Nachfolger der unfruchtbaren Elisabeth, die seine 
Mutter hatte hinrichten lassen, zusammen. Freud macht es auch 
wahrscheinlich, daß der Nachtwandel der Lady direkt auf die in 
schlafloser Unruhe verbrachten letzten Wochen der maiden queen - 
die sich selbst einst schmerzhaft als „unfruchtbarer Stamm" be- 
zeichnet hat - zurückgeht. Noch eine andere Figur Shakespeares 
wird von Freud an derselben Stelle untersucht" Richard IIU dessen 
Persönlichkeit aus dem ersten Monolog mit klarer Folgerichtigkeit 
entwickelt wird. Er gehört zu jenen, die ein besonderes Anrecht auf 
die Durchsetzung ihrer Wünsche zu haben glauben, da sie schon bei 
der Geburt von der Natur geschädigt worden sind. Unter den Typus 
derer, die am Erfolge scheitern, reiht Freud eine, schon von Rank 
untersuchte tragische Figur ein, Rebekka West aus Ibsens Rosmers- 
holm. Er zeigt, daß die aktuelle Situation der Rebekka das Resultat 
einer typischen Phantasie ist, in welcher sich die Haushälterin an 
die Stelle der Hausfrau setzt. Die unbewußte Wurzel dieser Phan- 
tasie ist natürlich der Wunsch, die Mutter beim Vater zu ersetzen. 
Als Rebekka erfährt, daß diese verpönte Phantasie für sie Realität 
war, d. h. daß sie ohne es zu wissen, die Geliebte des eigenen Vaters 
war, wird sie unfähig, ihren Erfolg zu genießen und wählt statt 
der Ehe mit Rosraer den gemeinsamen Tod. 

Die Erörterung Furtmüllers (7) über Schnitzlers „Das 
weile Land" stellen im Sinne der Voreingenommenheit des Ver- 



Künaterpsychologie nnd Ästhetik. 241 

fassera für die A dl ersehe Auffassung den Kampf um die Macht 
in die Mitte des Geschehens. Eine unglücklichere Wahl als die 
fines Sehnitzl ersehen Stückes zum Beweis derartiger Thesen 
konnte nicht getroffen werden. Die späteren Werke Schnitzlers 
(insbesonders „Casanovas Heimkehr") haben den Versuch, das ero 
lasche Problem durch ein egoistisches zu ersetzen, ad absurdum 
geführt. , 

In den Arbeiten des. Afferenten (27 und 29) wird der Versuch 
gemacht, die Entstehung zweier, der Weltliteratur angehöriger 
Werke auf die psychische Situation des Verfassers zurückzuführen. 
Beidemale wird das Problem der Produktionshemmung (bei Schil- 
ler der zeitweiligen, bei Shakespeare der endgültigen) gestreift. 
An der Erzählung Th. Manns (28) wird die Übereinstimmung 
mit der Traumsymbolik das Verständnis für die Grundlagen der 
Homosexualität hervorgehoben. 

Eine Sonderstellung nimmt die Arbeit ül«r den Moses Michel- 
angelos (34) eines anonymen Verfassers ein. Weder der Aus- 
gangspunkt noch das Resultat fallen eigentlich in das Gebiet der 
Psychoanalyse. Der Gang der Untersuchung aber, der aus dem 
Gegenwärtigen das Vergangene, aus kleinen Anzeichen Wichtiges 
und aus dem Kunstwerk die Seelenströmungen des Schöpfers zu 
erraten weiß, entspricht ganz und gar der psychoanalytischen Me- 
thodik in ihrer reinsten und besten Form. 

Unter den auf allgemeine Probleme gerichteten ästhetischen 
Untersuchungen gründen sich die meisten auf das von Freud an 
einer oder der anderen Stelle Ausgeführte; das Verdienst liegt in 
der übersichtlichen Darstellung und der Ausarbeitung ins Einzelne 
(14, 32). Die von Kaplan aufgestellte Parallele zwischen tragi- 
schem Held und Verbrecher (13) ist psychoanalytisch gut begründet 
und beweist das richtige Gefühl des Verfassers für die neue Rich- 
tung unserer Problemstellung. Durch Freuds „Totem und Tabu" 
wissen wir, daß es sich um mehr als eine Analogie, um die Ab- 
spiegelung desselben Urverbreehens in verschiedenen Formen handelt. 

Eine ganz eigenartige Untersuchung, die sieh stellenweise sehr 
eng mit der Psychoanalyse berührt, ist die von Sperber und 
Spitzer (31) über den Zusammenhang zwischen Motiv und Wort 
angestellte. Spitzer weist an den Werken des grotesken Poeten 

Pirchoiualyie, Bericht 1914—1919. Hl 



242 D 1 - Hanns Sache. 

Christian Morgenstern nach, wie das Wort bei ihm der Sache 
vorausgeht, ja wie das Wort die Phantasie zur schöpferischen Tä- 
tigkeit anregt. „Wörter wie Sachen zu behandeln" ist nach Freud 
eine typische Eigenschaft der Kindheit und Morgensterns Hu- 
mor gründet sich zu gutem Teil auf der Beibehaltung dieser Eigen- 
schaft. Noch weiter an die Psychoanalyse heran führt die scharf 
sinnige und reizvolle Untersuchung Sperbers über G. Mo, yrink. 
Sperber weist nach, daß dieselben Vorstellungen, die bei Mey- 
rink inhaltlieh, als dichterisches Motiv verwendet, vorherrschen, 
auch seiner Sprache den Stempel aufdrücken und je nachdem, als 
abgegriffene Wendung oder als origineller Vergleich sieh in auf- 
fälliger Weise in seine Ausdrucks weise einzudrängen wissen. Wenn 
Sperber den Einfluß der Affektladung bestimmter Komplexe in 
ihrer Bedeutung für Stil und Sprache würdigt, so liegt uns nahe, die 
Untersuchung in der entgegengesetzten Richtung zu vervollstän- 
digen, das heißt statt von den „Komplexen" zur Sprache in die 
Richtung nach außen, von dort nach innen, zu den unbewußten 
Affektquellen den Weg zu finden. Der von Sperber bei Mey- 
rink gefundene „Komplex der körperlichen Hemmungen" (msbe- 
sondere Lähmung, Erblindung und Erstickung) gibt dem psycho- 
analytisch Geschulten mancherlei zu denken. Der Aufsatz von 
Körner (15) ist eine Würdigung der beiden eben genannten 
Arbeiten. 

Die beiden Untersuchungen über die Musik (2, 33) geben uns 
die Hoffnung, daß auch dieses schwierige, von der psychoanaly- 
tischen Forschung am weitesten entlegene Gebiet in den Kreis un- 
seres Verständnisses einbeziehbar sein werde. Die Möglichkeit, durch 
Tonfolgen bestimmte Affekte auszulösen, läßt sich am ehesten durch 
die Auslösung ans dem Unbewußten erklären. Hitsehmann (10) 
behandelt das Seelenleben des jungen Schubert und seinen Fa- 
milienkonflikt in Zusammenhang mit einem Traum. 

Die Untersuchung von Freud über das Unheimliche (6) führt 
das früher in einer Anmerkung zu den „Drei Abhandlungen" 
Gesagte näher aus. Es wird hervorgehoben, daß „heimlich" eines 
jener Ambivalenzworte ist, die in sich zwei Gegensätze vereinigen, 
hier etwa den Sinn von „vertraut" und „verborgen, gefährlich". 
Von besonderem Werte sind dann die näheren Bestimmungen, unter 



Kftnatlerpaychologie und Ästhetik. 243 

welchen Bedingungen die Wiedererweckung der „Allmacht der Ge- 
danken" einen unangenehmen Eindruck auslöst, weshalb sie eben 
als „unheimlich" charakterisiert wird. Die volle "Wiederbelebung 
dieser kindliehen Allmacht, wie etwa im Märchen, ruft diesen Ein 
druck nicht hervor; stellt sich die Dichtung aber mit ihren Prä- 
missen in die Wirklichkeit, so wirkt ein plötzliches Zurückgreifen 
auf die Allmacht unheimlich, ganz ebenso, wie in der Wirklichkeit 
selbst, wenn 'ein Zufall uns einen Augenblick an diese Möglichkeit 
wieder glauben läßt. Die andere Wurzel des Unheimlichen ruht 
in der Wiederkehr des Verdrängten, insbesondere aber fällt dem 
Kastrationskomplex eine bedeutende Rolle zu. 



ifi* 






Kinderpsychologie und Pädagogik. 

Referentin: Dr. H. Hug-Hellmuth. 



Literatui: 1. Abraham K.: Untersuchungen über diu frühste prä- 
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J IV S. 249. — 5. Dies.: Drei Briefe au einen Knaben. Leipzig 1917. — 6. 
Asnaonrow: Sadismus und Masochisnms in Kultur und Erziehung. München 
1913 — *T Bnrtz A.: Kindliche Pornographien. Ztschr. f. Kinderforschung 
Band 20. Heft "iß. 1915. - 8. Bernleid S.: Zur Psychologie des Unmusikalischen. 
Nebst Bemerkungen über Psychologie und l'aychoanalyse. Arch. f. d. ges. Faycli. 
Bd. 34/2. 191S. — 9. Ders.: Die Psychanalyse in der .Tugendbeweguni?. J. \- 
S 283 — 10 Birstein: Mitteilungen aus der Kinderpsychologie. Zbl. IV. S. 81. 
-In Blüher H.: Gattenwahl und Ehe. J.III. S.177. - 12. Brahn I».: Psycho- 
analyse und Kind. Arch. f. Päd. I. Teil. Die päd. Praxis. II/3. 1915. — *13. 
Binfele Kurt: Das Geschlecbtaverhältnis d.r Kinder bei den durch den Tod 
eines. Gatten gelösten Ehen. Erlangen 1914. - *1-1. Czerny A.: Die Entatehung 
und Bedeutung der Angst im Leben des Kindes. Ztschr. f. Kioderforschung. 
20. Bd. 1914. Heft 1. — *16. DiettricU A.: Was können wir aus der Psycno- 
thempio der ß. Freudschen Schule für die Therapie unserer Seelaorge lernen! 
Monatsschrift f. Pastoialthool. 1916. Febr. 17. KrieusheCt. - 16. Eulenburg A.: 
Daa sexuelle Motiv bei den „Schülerstlbatmorden". Ztschr. f. Sex.-Wias. März 
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Bl. f. Schweizer Arzte. 1919. Nr. 19. - 18. Freud S.: Drei Abhandlungen zur 
Sexualtheorie. III. Aufl. 1915. - 19. Ders.: Vorlesungen zur Einfuhrung m die 
Paychoanalyae. Wien 1917. - 20. Dera. : Aus der Geschichte einer infantilen 
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Leipzig 1918. — 21. Ders. : Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahr- 
heif- mit zwei Beobachtungen von Hug-Hellmuth : „Zum Hinauswerfen von 
Gegenständen aus dem Fenster von kleinen Kindern." .1. V. 3. 49. ~ 22, Ders-: 
Ein Kind wird geschlagen." Beitrag zur Kenntnis der Entstehung der Per- 
Versionen. Z.V. S. 151. — 23. Friedjung Joaef K.: Die Erziehung der Eltern. 
Wien 1916 — 24 Dera.: Die Sonderstellung der Kinderheilkunde. Grund- 
* sätzliches zum pädiatr. Unterricht. Med. Klin. 1917. II. 5. - 25. Dera.: Arzt- 
liche Winke für die Überwachung der kindl. Sexualität. Med. Klin. 1913. H. 14. 
— 26 Ders. : Die Pathologie dea einzigen Kindea. Ergebn. d. inneren Med. und 
Kinderheilkunde. Bd. XVI. 1919. — 27. Dera.: Erlebte Kinderheilkunde. Wies- 
baden 1919. — 2ß. Dera.: Über die sexuelle Aufklärung unserer Schuljugend. 
Mitteilungen des d.-ö. Volksgesundheitaamtes. Mai 1920. - 29. Furtraüller K.: 
Alltägliches aus dem Kinderleben. Ztschr. f. Indiv.-Psyehol. 1/2. 1914. — 



Kinderpsychologie und Vfldagogik. 245 

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1919. — *3i. Glane-Bulß Helene: Das Schwärmen der jüngerem Mädchen. 
Die Entwicklungsjahre. Heft 10. Leipzig 1914. — *32. Gaßmann: Praktische 
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Ders. : Psychoanalyse und Erziehung. Ztschr. f. Pathopsychologie. Erg.-Band I, 
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sien. Schweizer Kindergarten. II/S. — 38. r. Hattingberg H.: Aaalerotik, Angst- 
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St. Gallen 1919. — 44. Hng-HeUmnth H.: Vom wahren Wesen der Kinderseele; 

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Hellmuth, „Im Zwischenland" von L. Andreas-Salom6 (S. 85), Beik, Kindl. 
Gottesvorstellung (S. 93), Vaterkomplex (S. 94), Kind und Tod (S. 94); — 
J. III. Hug-Hcllmuth, Kinderbriefe (B. 462); — .T. V, Hug-Hellmuth. Vom 
frühen Hassen und Lieben (,S, 121); Mutter— Sohn, Vater—Tochter (S. 129) 

— Mulfciretuli, Eine Kinderbeobiichtung (S. 123); . — Sachs H„ Eine Kinderszeno 
(S. 124) ■ Härnik E., Anatole France über die Seele des Kindes (S. 126) ; — Beik 
Th., Eine KindhoitSeri:merung von Alex. Dumas (S. 128); — J, V, Abraham K., 
Dreikäsehoch (S. 29 t); Beik Th., Infantile Wortbrücken (S. 295j; — Ein durch- 
sichtiges Kinderversprechen (R, 295) ; — Gegensinn der Kinderworte (S. 295). 

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246 Hr. H. Hug-Hellrmith. 

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Die Aufgaben der Sexualpädagogik, Leipzig und Berlin 1916. — 75. Verwahrung, 
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dung in der Pädagogik. Wiestnik Jfomtcnja. 1914. Heft 4. — 78. Materialien 
über kindliche Keimformen sexueller Gefühle. Ztschr. f. angew, Psychologie. 
15. Band. Heft 1 XL 2. Mai 1919. — *79. Zimmermann 0,: Das Geschwister- 
prohlem. Sexuatreform. 1914. — 80. Kleinere Beiträge finden ach ferner in 
den Mitteilungen Z. It : Blüher H.r Der sogenannte natürliche HcsohälÜ^uaga- 
trieb (S. 29), Ferenczi S.: Zur Ontogenese de* Geldinteresses (S. 507), Spiel- 
rein S.: Tiersymbolik und Phobie bei einem Knaben <S. 375); — III: Fried jung 
J. K.: Typiache Eifersucht auf jüngere Geschwister und Ähnliches (S. 151), 
Weiß Ed.: Beobachtungen infantiler Sesualäu Berungen (S. 106): — IV: Abra- 
ham K.: Einige Belege zur GefühlseinsteUung weiblicher Kinder gegenüber 
den Eltern (S. 164), Ferenczi S.: Symmetr. Berühruagszwang (S, 266), RcikTh.: 
Ans deo> Seelenleben eines zweijährigen Knabco. (S. 329), Spielrein -S. : Die 
Äußerungen des Ödipuskomplexes im Kindesalter. S. 44 ; — im Abschnitte 
„Aub dem infantilen Seelenleben" : Z. V. : von B . . : Zur infantilen Sexualität 
(S. 116), Dera.: Zur Idiosynkrasie gegen Speisen (S. 117), Deutsch IL: Der 
erete Liebeskummer eines zweijährigen Knaben (S. 111), Frost: Aus dem Kinder- 
leben (S. 109), Ferenczi S.: Ekel vor dem Frühstück (S. 116), Hitschmann E.: 
über einen sporad. Bückfall ins Bettnässen bei einem vierjährigen Kinde (S. IIB), 
v. Baalte Fr. : Äußerungen von Sexualität bei Kindern (S. 103) ; — im Abschnitt 
„Beiträge zur Tmumdentung": Z. II: Spielrein S.: Zwei Merutesträume (S. 32). 

Die mit * bezeichneten Arbeiben waren der Referentin nicht zugänglich. 



Unbekümmert um die Entrüstungs- und Warnungsrufe, die 
Psychoanalyse „entharrolose" und gefährde das Kind, welche die 
Gegner der Freudsehen Schule seit dem Erscheinen von Freuds 
,AnaLyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben" 
und der Broschüre „Aus dem Seelenleben des Kindes" 
(Hug-Hellmuth) unablässig ertönen lassen, hat die psycho- 
analytische Forschung auf dem Gebiete der Kinderpsychologie 
weiter gearbeitet und die hier gewonnenen Erkenntnisse für das 
Erziehungswerk gewertet. Gerade auf diesem Arbeitsfelde der 



KinderpsTchologie und Pädagogik. 247 

Psychoanalyse tritt die enge Beziehung zwischen Theorie und 
Praxis hervor: In jeder der theorel lachen Untersuchungen, die alle 
entweder auf der Beobachtung des Wirklichkeitsleban« des Kindes 
oder der Erinnerung des Erwachsenen odor der Wertung dichterischer 
Werke aufgebaut sind, liegt ein Stück ErzWiungswoisheit, ein 
Fingerzeig, wie die kindliche Seele di« Eindrucke der Umwelt be- 
wältigt oder an ihnen erkrankt und wie sie zu schützen, zu kräftigen 
ist im Kampfe, den die Kultur ihr auferlegt. Und darum 1 rißt sich 
keine sehr scharfe Grenze ziehen zwischen den Arbeits, die der 
..Kinderpsychologie" und die der Erzichungslehre im engeren Sinuc 
angehören. Heide handeln vom Kinde und sind für den Er- 
wachsenen geschrieben und deshalb trifft sie der Vorwurf 
W. Sterns (71), „sie verderben die Kinder", nicht. Sie schöpfen aus 
der Erfahrung und suchen und zeigen Wege auf, auf denen das Men- 
schenkind in Vertrauen und Liebe seine Entfaltung erlebe, anstatt 
unberaten und verwirrt durch ungeahnte Sensationen in schweren 
seelischen Kämpfen zu erliegen. Nur mißverständliche Auffassung 
kann Autoren wie Bra.hu (12) und v. Müller (35) zu einer so 
schroff ablehnenden Haltung veranlassen. 

In den Untersuchungen, die in erster Linie auf den Gewinn neuer 
psychologischer Erkenntnisse und der Vertiefung der früheren ab- 
zielen, für welche die erzieherischen Folgesätze im Hintergrund stehen, 
tritt die oben angedeutete Dreiteilung hinsichtlich der Materialquelle 
immer deutlicher zu Tage: Wir schöpfen aus den Analysen der er- 
wachsenen Patienten wichtige Erkenntnis«} über das seelische Ge- 
schehen in der Kindheit und seine Folgen für das spätere Leben; 
die unmittelbare Beobachtung der Kinder ermöglicht neben der Be- 
stätigung jener erschlossenen Tatsachen den Einblick in den Mecha- 
nismus der seelischen Phänomene in deu ersten Kinder und den Ju- 
gendjahren, in die Vorbereitung und Entstehung der Neurosen im 
infantilen Alter, in die Oharakterentwieklung in ihrer Abhängigkeit 
vom Erlebnis. Endlich bildet die psychoanalytische Wertung von 
Aufzeichnungen nicht psychoanalytischer Autoren, wie Jugenderinne- 
ruhgen, Selbstbekenntnissen von DichüTii. Tagebüchern und Briefen 
Jugendlicher, Tagebüchern von Müttern über die seelische Entwick- 
lung ihrer Kinder eine wertvolle Ergänzung zu den beiden genannten 
Forschungswegen. 



tjjg Dr. H, Hng-Hellmutli. 

In die erste Gruppe zählen zunächst die Arbeiten Freuds 
(18, 19), in welchen vom neuen die Rolle der Sexualität des Kindes 
1>etont und (18) die orale Phase als die früheste Entwicklungsstufe 
der Libido aufgezeigt, wird; ferner Abrahams preisgekrönte "Un- 
tersuchung über die zwei prägenitalen Stufen der LiMdoentwicklunä 
(1), wie sie sich der Erkenntnis aus den Analysen der Erwachsenen 
erschlossen und durch die Beobachtung des Kindes bestätigten. 
Abraham leitet daraus wichtige Folgerungen über den Ursprung 
gewisser Neuroäensymptome ab, so des nervösen Heißhungers, der 
Verweigerung der Nahrungsaufnahme, speziell des Milchgenusses, 
oder des krankhaften Verlangens nach bloß flüssiger Nahrung, nach 
Süßigkeiten; die Beziehung Essen = Liebhaben führt Abraham 
an der Analyse eines an Dementia praecox Erkrankten bis zu den 
tiefsten 'Wurzeln der oralen oder kannibalischen Phase der kind- 
lichen Libido. 

Von der größten Tragweite für das Verständnis der Entstehung 
der Perversionen, insbesondere des Masochismus, ist Freuds Unter- 
suchung „Ein Kind wird geschlagen" (22). Er deckt in ihr drei For- 
men von Phantasien Neurotischer auf: die früheste, „der Vater 
schlägt ein Kind", bezeichnet er als „nicht masoehistisch", denn das 
geschlagene Kind ist nicht das phantasierende, sondern ein diesem 
verhaßtes; die zweite Phantasie, die im Gegeusatz zur ersten und 
zur dem Titel der Abhandlung entsprechenden dritten, nie erinnert 
wird, also unbewußt bleibt und von der Analyse rekonstruiert wird, 
ist ausgesprochen masochistisch, denn sie lautet: „Ich werde vom 
Vater geschlagen"; die dritte hat die verallgemeinernde unbestimmt« 
Form: „Ein Kind wird geschlagen*' — vom Vater oder von einem 
Vaterersatz — und ist Trägerin einer stark sexuellen Erregung, 
die. auf dem Höhepunkt zu genitaler Onanie führt; sie ist scheinbar 
sadistisch. Diesen Phantasien liegen die frühe inzestuöse Objektwahl, 
deren Verdrängung und ein Schuldgefühl unbekannter Herkunft zu 
Grunde. Die an sechs Fällen gemachten Beobachtungen verwertet 
Freud zur Aufklärung über die Genese der Perversionen, speziell 
des Masochismus, und zur "Würdigung der Rolle, die der Geschlechts- 
unterschied in der Dynamik der Neurosen spielt. Dia Beziehung der 
Perversionen zum Ödipuskomplex besteht nach Freud darin, daß 
der Ödipuskomplex bei seinem Zusammenbruch die Ferversion zum 



Kinderpsyciwlogie und Pädagogik. 249 

alleinigen Erben seiner libidiuösen Ladung und des ihm anhaftenden 
Schuldbewußtseins mache. Er spricht die Vermutung aus, „daß auch 
die sexuellen Abirrungen des kindlichen ■wie des reifen Alters von 
dem nämlichen Komplex abzweigen", der als Kernknmplex der Neurose 
anzusprechen ist. 

Von ebenso grundlegender Bedeutung wie die besprochene Unter- 
suchung ist die Abhandlung „Aus der Geschichte einer infantilen 
Neurose" (20). In. dieser Arbeit hat sich Freud - um seine eigenen 
Worte zu gebrauchen — eine Aufgabe gestellt. .,die noch, niemals zu- 
vor in Angriff genommen wurde, iu die Beschreibung so früh« Phasen 
und so tiefe Schichten des Seelenlebens einzuführen". Die Ergebnisse, 
mit der Freud eigenen Bescheidenheit und Vorsicht formuliert, sind 
nicht nur für den Ausbau der Neurosenlehre, für die Sinn Fälligkeit 
der Übereinstimmung der psychoanalytischen Forschung mit der bio- 
logiechen, sondern auch für die Pädagogik von außerordentlichem 
Werte. An einem konkreten Falle wird die nachhaltiga Wirkung 
der frühesten Kindheitseindrücke, der „Urszenen", mögen sie wirklich 
erlebt oder phantasiert sein, nachgewiesen und gezeigt, wie jede 
Neurose des Erwachsenen sich aufbaut auf einer infantilen; wie 
Eßstörungen des Kindes neben anderer Verursachung im Psychischen 
begründet, sind, welche Bedeutung dem Umschlagen von „Schlimm- 
heit" des Kindes in Angst zukommt, was hinter religiösen Grübeleien 
und Frömmigkeitszeremoniellen der Kinder zw suchen ist. Von der 
größten Wichtigkeit für die Ausübung der heilpädagogischen Psycho- 
analyse erscheint mir der Hinweis auf die Verschiedenheit von be- 
wußt und unbewußt beim Erwachsenen und beim Kinde: denn 
die Wahrnehmung dieser Verschiedenheit ist einer der Faktoren, 
welche beim Kinde eine zum Teil andere Technik der Analyse not- 
wendig machen als beim reifen Menschen, in der Problemstellung, 
die den Schluß dieser klassischen Arbeit, bildet, spricht. Freud diu 
Hypothesen aus von „den mitgebrachten Schemata" und einer „Art 
von schwer bestimmbarem Wissen, das etwas wie eine Vorbereitung 
zum Verständnis beim Kinde mitwirkt" und das dem „instruktiven 
Wissen der Tiere" vergleichbar ist. „Dieses Instinktive", das natür- 
lich auch das Sexuelle beträfe, „wäre der Kern des Unbewußten, eine 

primitive Geistestätigkeit, die vielleicht bei allen die Kraft 

behält, höhere seelische Vorgänge au sich herabzuziehen." Unter 



25(1 Dr. H. Hug-Hellnmth. 

dieser Annahm« sieht Freud in der Verdrängung die Hünkkehr zu 
dieser instinktiven Stufe; „der Mensch würde so mit seiner Fähig- 
keit zur Neurose seine große Neuerwerbung bezahlen unti durch die 
Möglichkeit der Neurosen die Existenz der früheren iuslinkt artigen 
Vorstufe bezeugen" . Den frühen Kindheitstraumen käme dann die 
Bedeutung zu, „daß sie diesem Unbewußten einen Stoff zuführen, 
der es gegen die Aufzehrung durch die nachfolgende Entwicklung 
schützt". 

Eine Arbeit, die eine gute Zusammen lassung und Übersicht der 
auf dem Gebiete der psychoanalytischen Kinderforsehung gewonnenen 
Erkenntnisse gib!, rührt von unserem kürzlich verstorbenen Mit- 
gliedc J'rof. Putnam (00) her. Zur Verbreitung der Ergebnisse 
in nicht psychoanalytischen Zeitschriften tragen Fried jung (23 
bis 28), Hug- Hellmuth (44 r 45) und Sadger (G7, 6*5) bei. 
Fried jung, der kluge Mittler zwischen Psychoanalyse und der 
Ärzte- und Laienwelt, die den Namen Freuds und »einer Schule 
noch immer mit einer gewissen Scheu und Abwehr nennen hört, ver- 
steht es in seiner vorsichtigen Art trefflich, die für das körperliche 
und seelische Wohl des Kindes so notwendigen Kenntnisse über die 
kindliche Sexualität und deren Äußerungen, über das Verhältnis des 
Kindes zu Eltern und Geschwistern (80) weiten Kreisen zu ver- 
mitteln. Mit pädagogischem Geschick klärt er die Kitern über ihre 
erziehlichen Pflichten auf (23). Sadger bespricht in seinem Artikel 
„Vom ungeliebten Kinde" (67) die Bedeutung des Mango!» an Liebe 
im frühen Alter für die spätere Entwicklung des Individuums und 
kommt zu demselben Schlüsse, wie ihn Beferentin schon 1913 be- 
tonte, daß das ungeliebte Kind sich im reifen Alter am schwersten 
zurechtfindet, eben weil es nie lieben gelehrt wurde. 

Einen ausgezeichneten Beitrag zum Zusammenhang der infantilen 
Sexualität und der Charakterentwicklung gibt v. Hattingberg 
(SS, 39). Er geht in diesen Untersuchungen der Beziehung zwischen 
Analerotik und Eigensinn nach; der kindliche Eigensinn entspringt 
nach seinen Beobachtungen der „Angstlust" und aus dieser kausalen 
Verknüpfung zieht er beachtenswerte erziehliche Konsequenzen. 

Auch Marcinowski (ö0, 52) und Blüher (11) weisen in ihren 
Arbeiten auf die ungeheure Bedeutung der Erlebnisse und Gefühls- 
einstellungen im frühkindlichen Alter hin, „die so machtvolle Ein- 



Kinderppychnlo^ip utvl Fartagogik 2f>l 

drii<ke schaffen, daß sie für das ganze übrig« Loben maßgebend wei- 
den und auch den gesamten Charakter des Menschen formen, ein 

schließlich seines GesehkeUsthuraklevs". lu leider Untersuchungen 
wird nachdrückliehst, der Einfluß der erotischen Gefühle des Kiudca 
zu Vater und Mutter auf die spätere Lkbes- und Gattenwahl betont, 
Erkenntnisse, die dem psychoanalytischen Laien nicht nft genug wie- 
derholt werden können. 

Von eigenartigem Interesse sind die Arbeiten Berufe] des (8, 
!)J ; sie zeigen in der Entwicklung des Autors die Macht der psycho- 
analytischen Erkenntnisse auf einen hochbegabten, um geistige Güter 
strebenden Menschen, Während gt in seiner kleinen Abhandlung „Zur 
Psychologie des Unmusikalischen", in der er den scheinbaren Mangel 
musikalischer Begabung durch starke Gefühlsmotive erklärt, seino 
noch ambivalente Einstellung zur Psychoanalyse selbst durch die 
Stelle: „der Psychoanalytiker würde hier von Todeswünschen gegen 
die Schwester sprechen, wir wollen vorsichtiger sein", ehrlich zugibt, 
steht er in seiner Arbeit „Die Psychoanalyse in der Jugendbewegung" 
ganz eindeutig auf psychoanalytischem Boden. Inhaltlich sucht er 
in dieser Schrift die Bedenken der Pädagogen zu zerstreuen, daß die 
Geistigen und „Ethischen" unter der Jugend durch die Kenntnis der 
Psychoanalyse ungeistig und „unethisch" werden könnten, daß viel- 
mehr ein Teil der Jugend die Psychoanalyse „aus einem instinktiven 
Selbstschutz gegen gefährliche Erkenntnisse" ablehne, für einen an- 
deren die jetzt so häufige Form der „Vergeistigung" maßgebend sei, 
ein dritter, der Kreis um Plüher, seine Weltanschauung und Le- 
bensführung auf das von der Psychoanalyse scharf determinierte Wesen 
der Homosexualität gründe und im „Kulturbund der Männer, das 
ist der mannmännlich gerichteten Jugend" sein erotisches Genügen 
finde, eine Richtung, für die die Psychoanalyse nicht verantwort- 
lich ist. 

Die beiden wichtigen Arbeiten Pfeifers (59) und Pfisters 
1,62) wenden sieh der Bedeutung des Kinderspieles für das reife Leben 
zu, Pfeifer unterzieht in seiner Abhandlung einzelne Fangspiele 
einer Analyse und sucht in ihnen die Bolle infantil-erotischer Triebe 
nachzuweisen: sadomasochistische Gelüste, analerotische Interessen, 
Mutterleibs- und Geburtsphantasion, der Wunsch nach Allmacht setzen 
»ich im Spiele durch. Die Wiederholung der Spielperioden bei ge- 



g^2 Dr. II. Hug-Hellmath. 

wissen hang- und Versteckspielen faßt Pfeifer al* Bild eines Ge- 
nerationswechsels der Machtstellung des Vaters zum Kinde, gewisser- 
maßen einer Verteilung des Inzests auf- üb Verdrängungsprodukte 
der infantil-erotischen Teiltriebe und deren Objekte erscheinen ihm 
für den Spielcharakter bestimmend. Entstehungsursache und Form 
des Spiele* liegt nach Pfeifer im Bestreben der unterdrückten 
sexuellen Triebkoinponente nach Betätigung und Lustgewinn. End- 
lich unternimmt er es, die Spieltheorien von Spencer- Schiller 
und Groos vom psychoanalytischen Standpunkt au erörtern. 

Pf ist er zeigt an einer seelsorgerischen Analyse, wie die kind- 
lichen Spielneigungen wertvolle Schlüsse auf die seelische Entwick- 
lung gestatten, wie sie krankhafte Anlagen verraten und wie durch 
ihre sorgfältige Beobachtung der Mensch vor manchem künftige« 
Schaden der Seele bewahrt werden könnte; dazu sei aber notwendig, 
daß man insbesondere auf die bedenklichen Züge des Kinderspieles 
achten lerne. Der Ausblick, der sich P fister aus den gewonnenen 
Erkenntnissen für die Psychologie der Wissenschaften ergibt, wird 
gewiß auch andore zum Beschreiten dieses neuen Weges anregfcu. 

Im Anschlüsse an diese beiden Arbeiten sei Blühers kleine 
Aufzeichnung über den sogenannten natürlichen Besi'häf- 
tigungs trieb (80) angefügt, wiewohl sie nicht aus Analysen- 
material, sondern der unmittelbaren Kinderbeobachtuug entstammt. 
In ihr tritt uns die dem Analytiker wohlbekannte, vom Laien freilieh 
noch immer geleugnete Tatsache entgegen, daß dem Kinderspiele 
sehr häufig grobsexuelle, insbesondere analerotische luteressn zu 
Grunde liegen- denen das Kind in seiner Unbefangenheit ohne Scheu 

Worte verleiht. 

LouAndreas-Salome leuchtet mit dichterischer Kraft in die 
dunklen Zusammenhänge zwischen kindlicher Sexualforschung, Anal 
erotik und den darauf lastenden Verboten (4). Sie sucht, tief in die 
Erinnerungen ihrer eigenen Kindertage tauchend (3), die Entwick- 
lung der Weih-Typen aus der frühinfantilen erotischen Einstel- 
lung zum Vater, aus den unsterblichen ersten Kindheiteindrücken, 
dem Ich-Kult des kleinen Menschenkinder zu erklären. Mit nicht ganz 
so glücklicher Hand hat dieselbe Autorin die „Drei Briefe an einen 
Knaben" (5) geschrieben. Am besten ist ihr das „Weihnachtsmärchen'- 
gelungen ; natürlich, denn die Dichterin findet den kindhaften 



KinderpSTchologie und Pädagogik. 2?>d> 

Ton, aber im „Geleitwort" stellt die Denker in, doch zu hohe An- 
forderungen an den jugendlichen Geist. Es wird einem am Anfang 
oder höchstens in der Mitte der Pubertät, stehenden Knaben gewiß 
nicht leicht sein, den oft dunklen philosophischen Erörterungen seiner 
mütterlichen Freundin zu folgen. Es scheint mir auch fraglich, ob 
sich die Briefform gerade besondere für die „sexuelle Aufklärung" 
eignet. Vielleicht aber gedachte Andreas-Salome, mit dem Büch- 
lein Eltern und Erziehern einen Wegweiser auf dem gefürchteten 
Gebiete zu geben, Doch auch da zweifle ich, ob sie das rechte Ver- 
ständnis findet. 

Andreas-Salnmes Schriften (3—5) mit dem reichen Erinne- 
rungsmaterial aus der Dichterin eigener und der Beobachtung fremder 
Kindheit, bilden gewissermaßen ein Bindeglied zwischen, den theore- 
tischen Arbeiten der Autoren, die aus ihrer psychoanalytischen Praxis 
an Erwachsenen schöpfen, und den ans der unmittelbaren Beobach- 
tung der kindlichen Meele rührenden. 

Auf letzterem Gebiete liegt eine ziemliche Anzahl kleinerer Auf- 
zeichnungen vor, die uns Belege über die Gefühlrfeinstellung des 
Kindes zu Vater und Mutter (Abraham [SO], Deutsch [80], Hug- 
Hellmuth [44J, Reik [44]), zu den Geschwistern (Friedjung 
[80]), über den kindliehen Gottesbegriff (Eitingon [44], Reik 
[44]), über infantile Sexuatäußemngen (v. Jlaalte [44], öpielrein 
[80], "Weiß [80], Frost [80], Blüher [80], Reik [80]), über 
Tiers yinbolik und -phobien bei Kindern (Spielr&in ißO]), über 
Affokteterojigen bei Kindern (Frank [17j| geben. Die psycho 
analytische Interpretation einer Kindheijserinnoruiig Goethes 
durch Freud (21) wird durch einige Belege aus dem Kinder- 
leben (Hug-Hellmuth [21]) bestätigt. Über die Entwicklung 
der "Wortbedeutung beim Kinde berichtet Reik (44), über den Ge- 
fühlswert, der die Kinderworte formen hilft, Abraham (44). 
Hitschmann (80) und Fereneai (80) liefern interessante Bei- 
träge über kindliche Anal- und Urethralerotik, über die mehr oder 
minder schwere Einfügung des Kindes in die Kultur ford er ongen und 
gelegentliche Rückfälle in frühinfantile Phasen. Die Kinderbriefe, 
mitgeteilt von Hug-Hellmuth (44), gewähren uns einen tiefen 
Einblick in die dem Erwachsenen gut verborgenen Interessenkreise 
der heranwachsenden Jugend. Über das kindliche Traumleben be- 



254 nr - H. Hag-Hellmuth. 

richtet bloß eme Mitteilung Spielreins (80). Wichtige Belege 
über die Rolle des Sadismus und Masochismus im Laben, des Kindes 
und des Jugendlichen enthält die Studie Asnaourows (6); Furt- 
müller beleuchtet die Bedeutung des Problems des Gesehlechts- 
imterschiedes für das Kind auf Grund einiger freier Sohüler- 
aufsätze (27); das sexuelle Motiv bei den „Sehülerselbstroorden" 
wird neuerlich von Eulenberg (16) untersucht. 

Das wichtigste Dokument über die seelische Entwicklung des 
erst noch kindhaften und dann allmählich reifenden Mädchens ist 
«las kürzlich erschienene „Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens" 
(74), da«: -uns wie keines zuvor Erend und Leid, harmlose uud mit 
Schuldgefühlen beladen» Lust der halbflüggeu Seele schauen laßt. 
Das von Liebe und Haß zugleich erfüllte Verhältnis zu den Ge- 
schwistern, die scheu Hbidinösen Gefühle zum Vater, das für die Vor- 
pubertät charakteristische Schwanken in der Objekt wähl zwischen 
Gleich- und Ander3geschlechtlichen. die angst- und lustvollen Schauer 
beim ersten Zusammenstoß mit der grobsinnlichen Realität, die tiefe 
"Wirkung von Krankheit und Tod der geliebten Mtitter. Seibatvor- 
würfe, religiöse Zweifel, die der jungen Seele daraus erwachsen — 
diese Erlebnisse sind so greifbar und kindlich natürlich aufgezeich- 
net, daß das Tagebuch für Eltern und Erzieher, die sich ihrer großen 
Aufgabe bewußt sind, und für jeden Psychologen eine Quelle reichster 
Anregung zur Vertiefung in das Rätsel der werdenden Seele bildet. 
Dieses Tagebuch dürfte in keiner pädagogischen Bücherei fehlen. 

Neben dieser vom Kinde selbst stammenden „praktischen Päda- 
gogik" haben in den letzten Jahren vornehmlich die Schweizer Ana- 
lytiker auf erziehlichem Gebiete treffliche Arbeiten geliefert. Ich 
nenne vor allem Pfisters „Gefährdete Kinder" (65) und „Was 
bietet die Psychanalyse dem Erzieher?" (63. 64). Seine .seelsorgerische 
Tätigkeit führt ihm ein außerordentlich reiches Material zu, dessen 
Meisterung ihn wohl berechtigt und verpflichtet, Lernbeflissenen Rat- 
schläge für die auf psychoanalytischer Grundlage aufgebaute Er- 
ziehung zu geben. Nur ein Bedenken, das ich a. a. O. ausgesprochen 
habe, kann ich. auch hier nicht unterdrücken. Mag ihm seine 
„Vater "Stellung als geistlicher Berater die psychoanalytische Ar- 
beit auch erleichtern, so tut er doch nicht gut, die Raschheit und 
Leichtigkeit, mit der ihm in so vielen Fällen schon Heilung der 



Ii.inde?y>M-i-hoJoL;ie and Pädagogik. 255 

Analysanden gelinge, so sehr hervorzuheben. Jeder praktische Ana- 
lytiker weiß, wie unendlich mühsam und langwierig die ärztliche und 
die heilpädagogische Analyse ist. Ich meine, Pf ist er schädigt sieh 
und die Methode durch die stete Betonung die**« so veränderlichen 
Faktors. Mensendieek gibt in seiner Abhandlung (54) sehr 
brauchbare Ratschläge, wie sich Unterricht und Erziehung während 
der psychoanalytischen Behandlung «Tugendlicher zu gestalten und 
ihr anzupassen haben. Die „Wiedererziehung" des Zöglinge zu 
Pflichterfüllung und Gehorsam und die „Selbstkenntnis' des Uhrere 
sind neben dein harmonischen Zusammenwirken vom analysierenden 
Arzt und erziehenden Lehrer die Hauptforderungen, von deren Er- 
füllung Mens en d i e c k den Erfolg der Behandlung abhängig macht, 
Häberlin (33—36), Pfister (63) und Dicttrich (15) ge- 
bührt das Verdienst, die erzieherischen Bestrebungen der Freud- 
schen Schule durch ihre pädagogischen Veröffentlichungen in nicht 
psychoanalytischen Zeitschriften weiteren Kreisen zum Veisländnia 
zu bringen. 

Die dritte Gruppe kinderpsychologischer Arbeiten befaßt sich 
mit der psychoanalytischen Wertung von Dichterwerken, und zwar 
Autobiographien, Selbstbekenntnissen, Novellen und Romanen, inso- 
weit eie von der Entwicklung der jugendlichen Seele handeln. Wir 
erfahren, wie. Autoren, deren Schaffen längst vergangenen Jahr- 
zehnten, ja Jahrhunderten angehört, wie Dumas, W. Humboldt, 
mit intuitiver Gabe die Zusammenhänge seelischen Geschehens 
schauten, die der psychoanalytischen Forschung geläufig sind (Reik 
[44J, Sachs [44]) und wir sind nicht überrascht, in den Werken zeit- 
genössischer Schriftsteller, z. B. LouAndreas-Salome, Meta 
Schoepp, Geijerstam, Anatole France, den bewußten oder 
unbewußten Einfluß psychoanalytischer Denkweise zu finden (Hug- 
Hellmuth [44], Harnik [U]). 

Natürlich ist die gewaltige Schöpfung Freuds, die Wurzel 
geschlagen hat auf allen Gebieten der Geisteswissenschaften, nicht 
ohne nachhaltigen Einfluß auf die offizielle Kinderpsychologie und 
Pädagogik geblieben. Mögen auch unbekekrbare Gegner, wie Stern, 
Müller, Brahn u. a., die freilich selbst der wackerste Streiter 
für die Psychoanalyse, Pfister (63), nicht von dem Irrtum ihrer 
Befürchtungen zu überzeugen vermag, nicht aufhören, vor der psycho- 



2gg Dr. H. Hng-Hellmutli. 

analytischen Betrachtungsweise der kindlichen Seele zu warnen, 
mögen andere in mehr oder weniger vorurteilsvoller Art die An- 
wendbarkeit der psychoanalytischen Methode auf die Erziehung in 
Zweifel ziehen, so zeigen diese Arbeiten doch alle, daß sich dpr 
moderne Kinderpsycholog mit den neuen Erkenntnissen lieschäftigt. 
Ein beredtes Zeugnis für diese Form der Wirksamkeit der Psycho- 
analyse legen schon die Titel einer ganzen Reihe von Artikeln ab. 
Daß sieh Forscher mit der Frage der Entstehung und Bedeutung der 
kindlichen Angst (Czerny [14]), des Sexuallebens im Säuglinge- 
alter (Galant [30]), der Bedeutung des Verlustes eines Eltern- 
teiles für das Kind (Bttrkle [13]), des Geschwisterproblems (Zim- 
mermann [79]) befassen, daß das Gefühlsleben des Kindes 
(Schmidt [70], X [78], Mayer [53]) wissenschaftlich gewürdigt 
wird, ist zum großen Teil auf die Anregung durch die ersten Ver- 
öffentlichungen Freuds und seiner Schüler auf diesem Gebiet« 
zurückzuführen. Ein wert-voller Beitrag über schwer erziehbare 
Kinder rührt von Lazar (49). Biese Arbeit ist ein schöner Beweis 
dafür, wie die Denkweise eines dem psychoanalytischen Kreise fern 
stehenden Forschers, sofern er nur guten Willens ist, von der Psycho- 
analyse beeinflußt und befruchtet wird. Mag auch ein Best von 
Widerstand die volle Annahme der Freudschen Lehre noch hin- 
dern, so anerkennt Lazar doch ihre tiefe Bedeutung für die Be- 
handlung des schwer erziehbaren Kindes, das unter dem Eltern- 
konflikt leidet, durch übergroße Zärtlichkeit oder Rauheit, durch 
schwere sexuelle Traumon seelisch krank, asozial, kriminell ge- 
worden ist. 

Durch die auf den genannten drei Wegen betriebene Erforschung 
der kindlichen Seele werden die Ergebnisse der unmittelbaren Beob- 
achtung theoretisch verwertet, die Theorie wird immer von neuem 
l>estätigt durch die Wirklichkeit, und endlich hören wir gern den 
Dichter, der dem realen Erlebnis, der theoretischen Erkenntnis die 
poetische Verklärung zur Seite stellt. Immer mehr vertieft sich 
uns die Erkenntnis, daß alles Erleben des Erwachsenen in dem des 
Kindes wurzelt, daß es ein mehr oder minder getreues Abbild des 
Denkens, Fühlens und Strebens der Kinder- und Jugendjahre ist. 
Diese Erkenntnis drängt den Psychoanalytiker nicht bloß zu \ui- 
ermüdlicher Beobachtung des Kindes, sondern auch zu ihrer Ver- 



Kinderpsychologie und Pädagogik. 257 

breitung unter die, in deren Hände Elternpflicht oder Beruf die 
Erziehung der Kinder legt. Und es wächst der Kreis einsichtiger 
Eltern, Lehrer und Erzieher von Jahr zu Jahr, die in ehrlichem 
Bemühen die große Lehre im Interesse der Werdenden verwerten 
wollen. 






Pcychoiniljfe, Bericht 181*— 1919. jj 



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schrieben lind an anderer Stelle erschienen sind, werden im folgenden einzeln an- 
geführt uud mit * bezeichnet.) — 165. *Ders.: The repression theory in its r<datiun 
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Den Anhängern der psychoanalytischen Lehre, die in Studium 
und Anwendung der Psychoanalyse eine direkte und indirekte Mög- 






Literatur in englischer Sprache. 269 

lichkeit zur Erleichterung des menschlichen Lebens erblicken, müssen 
die großen Fortschritte, die England und Amerika während der 
letzten sechs Jahre auf diesem Gebiete der Psychologie gemacht 
haben, gerechte Befriedigung gewähren. "Wahrscheinlich wegen seiner 
rascheren Aufnahmsfähigkeit für neue Ideen erscheint dieser Fort- 
schritt in Amerika besonders auffallend. ("Wie ein Blick auf die Biblio- 
graphie zeigt, wird die englische psychoanalytische Literatur von 
der amerikanischen weit an Umfang über troffen.) In Großbritannien 
aber hat das Studium der neurotischen Kriegserkranknngen die 
Arzte gezwungen, veraltete materialistische Ideen als unfruchtbar 
aufzugeben und psychologische Theorien zu einer rationelleren Er- 
klärung ihrer Pathologie anzunehmen. Dieser Fortschritt in der 
Medizin hat die Psychologen zu einer kritischeren Betrachtung ihrer 
Grundannahmen veranlaßt und bringt sie langsam aber sicher zu 
der Einsicht, daß sie in ihren Lehren bisher das menschliehe Ele- 
ment, das Freud so stark in den Vordergrund rückt, zu sehr 
vernachlässigt haben. Viele Neurologen, Psychiater und Psycho- 
logen beharren in ihrer ablehnenden Stellung gegen die Psycho- 
analyse. Es ist aber interessant zu bemerken, wie die gegnerische 
Literatur schon von psychoanalytischen Ausdrücken durchsetzt ist, 
deren Gebrauch die Autoren allerdings weitgehend rationalisieren 
würden. So ist der Begriff „Verdrängung" geläufig geworden und 
die Bedeutung des Traumlebens bei den Autoren, die sich mit den 
Angstneurosen des Krieges beschäftigt haben, ziemlich allgemein 
anerkannt. All das sind gute Vorzeichen für das weitere Durch- 
dringen der Psychoanalyse, ebenso wie der Umstand, daß sich her- 
vorragende Psychologen, wie Stanley Hall und Putnain, zu den 
Anhängern ihrer Lehren zählen. In Amerika haben viele aner- 
kannte Arzte und Psychologen ihre Kräfte in den Dienst der 
Verbreitung der Frcudschen Lehren gestellt. Die amerikani- 
schen Zeitschriften enthalten eine große Zahl von psychoana- 
lytischen Arbeiten. Die „Psychoanalytic Review", die ausschließ- 
lich solchen gewidmet ist, zählt Autoren von unbestrittenem wissen- 
schaftlichen Ansehen zu ihren Mitarbeitern. Ihr Interesse für 
den Leser wird noch durch die Auszüge aus „Imago" und der 
„Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" erhöht, die sie pu- 
bliziert. Ebenso bietet das „Journal of Abnormal Psychology" den 






270 Stanford Read. 

englischen, und amerikanischen Lesern Arbeiten aus der psycho- 
analytischen Theorie und Praxis; das von dem .National Comittee 
of Mental Hygiene herausgegebene „Journal of Mental Hygiene" 
steht jetzt auf psychoanalytischem Boden und behandelt häufig 
soziale Probleme vom Standpunkt der Psychoanalyse. In Amerika 
sind zahlreiche Übersetzungen kontinentaler Arbeiten entstanden, 
die von unschätzbarem "Werte für die Verbreitung der Freud- 
schen Theorien sind. Der hervorragendste Vertreter der Psycho- 
analyse in England ist Ernest Jones, der sich durch seinen Eifer 
und sein gründliches Wissen große Verdienste um die Psychoanalyse 
erworben hat. Spärlicher ist die psychoanalytische Literatur in den 
englischen Zeitschriften vertreten, von denen nur das „British 
Journal of Psychology" kürzlich eine interessante psychoanalytische 
Arbeit brachte. 

I. Reine Psychoanalyse. 

Es sind hier verhältnismäßig wenig Bücher von amerikanischen 
und englischen Autoren zu nennen; die hiehergehörige Literatur 
findet sich hauptsächlich in den zahlreichen amerikanischen Zeit- 
schriften. Die wichtigsten psychoanalytischen Erscheinungen in 
England sind: „Papers on Psychoanalysis'' von Ernest Jones (164), 
„Psychoanalysis and its place in life" von Bradby (10), „Dream 
Psychology" von Nico 11 (225) und Trotters „Tnstincts of the 
Herd in Peace and "War" (318). Viele amerikanische Autoren be- 
schäftigen sich, allerdings häufig nur indirekt, mit psychoanaly- 
tischen Grundsätzen. 

Allgemeine Theorie. 

Allgemeine psychoanalytische Grundsätze wer- 
den außer in Übersetzungen auch in mehreren Originalarbeiten be- 
handelt. Wir finden einfache Darlegungen des Themas bei Coriat 
(71) und bei Lay (196), einem erfahrenen Mittelschullehrer, der 
aus der Psychoanalyse Nutzen gezogen hat und ihre wichtigsten 
Lehren auch anderen vermitteln will. Seine Arbeit bietet Anfängern 
ein interessantes Lehrbuch. White aus "Washington gibt in seiner 
etwas populären Art eine gute Orientierung (327). Besonders glückt 
ihm das Kapitel über den „Familienroman", das den ödipus- und 



Literatur in englischer Sprache. 271 

den Elektrakcmplex behandelt. An anderer Stelle „The prineiplee 
S* mental hygiene" (328) versucht er die Anwendung: der psycho- 
analytischen Theorien auf Probleme des Schwachsinns, der Geistes- 
krankheiten und auf soziale Fragen. Brill publiziert eine zweite 
Auflage seines bekannten Buches „Fsychanalysis" (J4\ das, ob- 
wohl zweifellos wertvoll, doch in seiner kondensierten Form den 
Bedürfnissen des Anfängers nicht genügend entgegenkommt. Selbst- 
verständlich ist die Aufgabe, einem Lernenden die psychoanalyti- 
schen Grundbegriffe in gedrängter Kürze auseinanderzusetzen, keine 
leichte. Am besten hat sie, der Meinung des Referenten nach. Fr ink 
in seinen „Morbid fears and compulsions" (116) gelöst, einer klaren, 
nicht weitschweifigen Arbeit mit guten klinischen Darstellungen. 
Nur unterlaufen ihm einige arge Irrtümer bei seiner Auseinander- 
setzung der Bedeutung von ..Sexualität" im Freud sehen Sinne. 
Das kürzlich erschienene "Werk von Bradby über Psychoanalyse, 
(10) enthält Bezeichnungen und Ansichten, die dem wissenschaft- 
lichen Ansehen seiner Verfasserin schaden müssen, wenn auch 
ihr Eifer und ihre Darstellungsweise viel dazu beitragen können, 
die Vorurteile gegen die Psychoanalyse in einem gewissen Leser- 
kreis zu zerstreuen. Ethische und moralische Wertung hat nichts 
mit wissenschaftlicher Psychologie zu tun, so daß "Wendungen 
wie die folgenden beklagenswert erscheinen: „ ... Im Unbewußten 
sind geistige Werte . , ., jeder Mensch trägt Gott und Teufel in 
sich." Ihre Ansicht, daß jedem Menschen ein angeborener mora- 
lischer Impuls innewohnt, der unvollkommen entwickelt oder ver- 
drängt werden kann und dessen Vorhandensein sie in ihren Traum- 
analysen bestätigt findet, braucht hier nicht weiter kommentiert 
zu werden. Trotzdem ist ihre Arbeit, die auch das Verhältnis der 
Psychoanalyse zur Kunst, Beligion, Biographie und Individual- 
psyehologie behandelt, anerkennenswert. 

Eine Eeihe von wertvollen .Arbeiten, die bestimmte Freud- 
sche Begriffe oder verschiedene Themen auf psychoanalytischer 
Basis behandeln, ist hier zu erwähnen. Zu den letzteren gehört 
vor allem ein Buch von Holt „The Freudian wish and its place 
in ethics" (149). Holt, der jeder Mystik fern steht, begeistert 
sich l'ür die psychoanalytischen Lehren und meinr, daß Freud als 
erster „einen Schlüssel zur Erschließung der psychologischen Pro- 






272 



Stanford Read. 



blemc gefunden" und „die vollkommene Unfähigkeit wohlbestallter 
Professoren aufgezeigt hat". Für Holt ist ein "Wunsch „jeder 
Antrieb zu einer bestimmten Handlung, gleichgültig, ob sie Vorsatz 
bleibt oder tatsächlich ausgeführt wird". Der "Wunsch hängt von 
der physischen motorischen Einstellung ab, die bei seiner Aus- 
führung zur Handlung wird. Die Freudsche Psychologie ist- da- 
her vor allem dynamisch. Der Wunsch wird also — wofür er 
viele Freudsche Deutungen als interessante Beispiele anführt -- 
„der Grundbegriff der Psychologie an Stelle des alten Grund- 
begriffes, den man gewöhnlieh als Empfindung bezeichnete". Holt 
bedient sich aus irgendwelchen Gründen des Ausdruckes -,suppres- 
sion" (Unterdrückung) an Stelle von „repression" (Verdrängung); 
er nimmt die Probleme des menschlichen Seelenlebens in etwas 
oberflächlicher Weise in Angriff und unterschätzt die Bedeutung 
der emotionellen zu Gunsten der intellektuellen Faktoren, was nach 
dem Titel des Buches merkwürdig anmutet. Trotzdem sind seine 
Ausführungen anregend und seine ethischen Darstellungen von zwei- 
fellosem Wert. 

Putnam behandelt in einer kleinen Arbeit „Human Mo- 
tives" (246) die Motive des menschlichen Handelns, die die neueren 
psychoanalytischen Forschungen aufgedeckt haben. Er vermeidet es 
hier, die Freud sehen Lehren mit philosophischen Begriffen zu 
vermengen und zeigt in den Grundzügen seiner Ausführungen einige 
Ähnlichkeit mit Holt. Der Konflikt unserer rationellen und emo- 
tionollen Impulse löst sich seiner Meinung nach in dem Zusammen- 
wirken zweier Motive, des konstruktiven und adaptiven. Die Psycho- 
analyse zeigt das Vorhandensein unbewußter Tendenzen, die — bei 
unvollkommener Beherrschung und Kontrolle — hemmend auf die 
natürlichen Bestrebungen des Individuums einwirken und seine Ent- 
wicklungsmöglichkeiten einschränken können. 

Es ist nicht zu leugnen, daß bei dem Studium der Verdrängung 
bisher die sozialen und biologischen Verdrängungsmächte noch nicht 
genügend in Betracht gezogen wurden. Trott er beschäftigt sich 
in seiner ausgezeichneten Arbeit „Instinets of the herd in peace 
and war" (318) ausschließlich mit diesen Faktoren und ihren Be- 
ziehungen zur Entstehung der seelischen Konflikte. Er meint, daß 
die Freudsche Schule die biologischen Reaktionen, wie sie aus 



Literatur in englischer Sprache, 273 

dem Verhalten der Tiere zu entnehmen sind, noch zu wenig in 
ihren Beobachtungskreis gezogen hat. Er weist an Hand der durch 
soziale Einflüsse zu stände gekommenen Verdrängungen nach, daß 
die Macht dieser verdrängenden Kräfte sieh auf die leichte Beein- 
flußbarkeit des Mensehen dm-ch die Suggestion der Herde stützt. So 
entstehen Konflikte im allgemeinen zwischen egoistischen Impulsen 
einerseits und den Wirkungen der Herdensuggestion anderseits. Die 
Beeinflußbarkeit durch die Suggestion der Herde ist also diu Vor- 
bedingung für die Entstehung eines wirklichen Konflikts. Daraus 
ergibt sich die Folgerung, daß da» normale Seelenleben psychologisch 
nicht gesund ist und daß die Verdrängungen, durch die sozialen 
Hemmungen, die sie uns auferlegen, zu Zeiten wertvoll werden, 
wenn sie auch gleichzeitig der Boden sind, aus dem unsere Ängste, 
unsere Schwächen und unsere Unterordnung unter die Sitten der 
Gesellschaft erwachsen. Trotter behandelt diese Probleme in einer 
außerordentlich anregenden Weise, die für viele psychoanalytische 
Prinzipien unseren Gesichtskreis erweitert. 

Der Psychologe Lyman Wells beschäftigt sich in einem Buche 
„Mental adjustments' L (323) mit allgemeinen psychoanalytischen Be- 
griffen und Mechanismen. Er zieht ein weites Gebiet in den Kreis 
seiner Bearbeitung und zeigt in fesselnder Art manches Neue. Beson- 
ders wertvoll und für jeden Laden interessant ist das Kapitel über 
„Gleichgewichtsfaktoren". Er meint „erstens, daß die Menschen 
sich in dem Maße an das Leben anpassen, als sie Befriedigung 
darin finden; zweitens, daß diese Befriedigung durch den richtig 
bemessenen Energieaufwand zur Verwirklichung der Wunschreguu- 
gen zu stände kommt: und drittens, daß das verborgene Motiv 
jeder menschlichen Willenshandlung das Struben nach bewußter 
Befriedigung ist. Die Psychoanalyse hat auf die große Bedeutung 
der seelischen Regression für die Erklärung vieler Störungen des 
Seelenlebens hingewiesen" (p. 226). Wells (324, 325), der auf dem 
Boden der Psychoanalyse steht, liefert zu dieser Auffassung einen 
interessanten Beitrag, der allerdings nicht viel Neues bringt. Ex 
betont hauptsächlich den Umstand, daß jede Regression die Ver- 
weigerung einer Kraftanstrengung und die Rückkehr zum Infan- 
tilisinus, also zur Schutzbedürftigkeit und in eine Atmosphäre von 
Sicherheit bedeutet. White prägt hiefür den Namen „Sicherheits- 

Isjohoftoalyse, Bericht isi<~ ine. ho 



9- i Stanford Read. 



motiv" (328). Damit steht dann die Introversion, bei der die Hand- 
lung in mehr oder weniger befriedigender Weise in das Reich fes 
Gedanklichen verlegt wird- in innigem Zusammenhang, Auch White 
(334) beschäftigt eich mit diesem Thema, da* für die Psychopatho- 
logie von immer größerer Bedeutung wird. Die Extroversion, ein 
viel weniger feststehender Begriff, scheint die allgemeinste mensch- 
liche Einstellung zu verkörpern. Jung, der den Ausdruck ge- 
prägt hat, beschäftigt sich des längeren (Übers. 16) mit diesem Be- 
griff; amerikanische und englische Autoren berühren dieses Thema 
kaum. Jung gibt auch in englischer Sprache eine längere Ab- 
handlung über die psychoanalytischen Theorien (175). Seine Ab- 
weichungen vom Standpunkte Freuds können hier als bekannt 
vorausgesetzt werden und bedürfen keiner Erläuterung. 

Trotz eines gründliehen Studiums der psychoanalytischen Theorie- 
bleibt ihre prakt is ehe Anwendung noch immer sehr schwierig 
und es ist nur zu hoffen, daß Jellif fas Arbeit über die Technik 
der Psychoanalyse (135) andere, bessere, nach sich ziehen wird. Die 
Übertragung ist ein so heikles Kapitel und das Verhalten ihr gegen- 
über bereitet Anfängern so große Schwierigkeiten, daß man die 
Spärliehkeit der darüber erschienenen Arbeiten bedauern muß (154). 
Frink (116) widmet ihr in seinem Buche einen Abschnitt, vor 
allem aber hat Perenczi (Übers. 4) sich eingehend damit be- 
schäftigt und den Terminus „Introjektion" für den dabei in Be- 
tracht kommenden psychischen Mechanismus geprägt. 

Wie schon früher erwähnt, verdanken wir die meisten englischen 
Arbeiten von Bedeutung Ernest Jones, der in seinen in Buch- 
form erschienenen Artikeln (164) fast alle Gebiete der Psychoanalyse- 
behandelt, bei seinen Lesern aber schon gewisse Vorkenntnisse vor- 
aussetzt. Eine populäre Daxstellung finden wir bei Hart (13G) 
und bei S dornen, der in vielen Hinsichten von der ]?r einlochen 
Auffassung abweicht und versucht, den Gesichtskreis der Psycho- 
analyse zu erweitern (291). 

Neuere Untersuchungen haben den großen Einfluß der Anal- 
erotik als Peaktionsbildung oder in sublimierter Gestalt auf die 
Charakterentwicklung aufgedeckt. Zu diesem Thema liefert Jones 
wertvolle Beiträge (171). Ebenso haben die Psychologen seine An- 
sichten über den Einfluß der Verdrängungen auf das Gedächtnis 



Literatur in englischer Sprache. 275 

mit großem Interesse aufgenommen. Jones versucht nachzuweisen, 
fei alle Gedächtnisstörungen mit fehlerhafter Reproduktion (165), 
die durch den Einfluß des LusVUnlustpriiizips bedingt ist, zusammen- 
hangen (s. S. 104). über dieses Thema fand auf dem British Psycho- 
Iogical Oongress eine interessante Diskussion statt, in denn Verlauf 
eine Anzahl von Psychologen (205, 2! 9, 240, 343) ihre Ansichten 
darlegten. Auch hier sehen wir wieder, wie die psychoanalytischen 
Theorien langsam in die alte Fakultätspsyehologie eindringen und 
sie modifizieren. 

Die Erkenntnis befestigt sich immer mehr, daß der große 
Nutzen, den die Menschheit in der Zukunft aus der Psychoanalyse 
ziehen kann, vor allem in einer Behütung der frühen Kinder jähre 
vor schädlichen Einflüssen bestehen wird. Nach Freud wird der 
Charakter des Menschen in den ersten fünf Jahren der Kindheit 
in seinen Grundzügen bestimmt, so daß später auftretende Charakier- 
ziige nur mehr als Verstärkungen oder Umwandlungen der dyna- 
mischen Kräfte dieser Periode er.scheinan. Das unbewußte Seelen- 
leben des Kindes mit den der Entwicklung entsprechenden Kon- 
flikten ist in den Mittelpunkt des Interesses gerückt worden; Jones 
(170), Eder (93), Lay (197) und Stern (301) haben Beitrage 
zu seiner Erforschung geliefert. Es ist nicht zu leugnen, daß bis- 
her die Literatur über dieses Thema noch in keinem Verhältnis 
zu seiner Bedeutung gestanden hat, diesem Mangel ist aber in 
letzter Zeit durch zwei Neuerscheinungen von Lay (197) und von 
White ,.The mental hygiene of ehildhood" (338) abgeholfen wor- 
den. Lay ist für den Durchschnittsleser etwas zu weitschweifig 
und teilweise nur für den Fachmann bestimmt, aber "White trifft 
den richtigen Ton und bleibt immer lesenswert. 

In der Auffassung über den Begriff des „Unbewußten*' 
bestehen noch immer große individuelle Verschiedenheiten, die in 
einer interessanten Diskussion über das Thema „"Warum ist das 
,Unbewußte' unbewußt" erörtert wurden. Diese Diskussion, an der 
Jones (173), Rivers (271) und Nico 11 (224) teilnahmen, wurde 
später veröffentlicht. Nico 11 (224), der sich den Auffassungen 
Jungs zuneigt, betrachtet das „Unbewußte" als einen der Realität 
noch nicht vollkommen angepaßten Teil des Seelenlebens und meint,' 
daß es „entstehende Gedanken enthält — Gedanken, die noch keine 

18* 






276 



Stanford Read. 



dem Bewußtsein, entsprechende Form abgenommen haben". Seine 
Auffassung ist teilweise teleologisch und er sieht darin „sowohl 
Kräfte des Fortschrittes als der Regression". Sie erinnert in 
etwas an Myers „subliminal consoiousness". Nico 11 interpretiert 
übrigens auch Freud häufig falsch. 

Rivers, der in seiner Arbeit (271) mehr- auf dem Utilitäts- 
standpunkt steht, vertritt die Ansieht, daß das Unbewußte zwar 
in einer früheren Period» der Realität angepaJJt war, es aber nicht 
mehr ist. Er meint, daß eine Verdrängung stattgefunden hat, weil 
die Aktivität dieser Bewufltseinsvorgänge für den Organismus, der 
einer zugänglicheren Leitung bedurft hätte, von Nachteil war, und 
führt zur Unterstützung seiner Ansicht Dissoziationsprozesse bei 
niederen Tieren an, wie auch angeblich ähnliehe Erscheinungen bei 
den sensorischen Reaktionen, über die He ad und er Beobachtungen 
angestellt haben. Auch er betrachtet also das Problem vom Evo- 
iutionsstandpunkt aus. Ernest Jones möchte seine Auffassung als 
„hedonisch" bezeichnen und ist der Meinung, daß das Unbewußte 
der Realität manchmal besser und manchmal schlechter angepaßt 
ist als die bewußten Vorgänge. Er vertritt die Ansicht, daß das 
„Unbewußte" durch das Vorhandensein hemmender affektiver Fak- 
toren, die man unter dem Begriff „Verdrängung" zusammenfaßt, 
unbewußt bleibt. Er schildert die Vorgänge folgendermaßen: Zu- 
erst tritt, das Utilitätsprinzip in den Vordergrund und beschränkt 
das primitivere hedonische Lust-Unlustprinzip immer mehr in seiner 
Wirksamkeit, um es schließlich ganz zu ersetzen. Dann geht eine 
affektive Umwertung vor sich, in deren Verlauf das ursprünglich 
Lustbetönte, das diese Eigenschaft für das Unbewußte beibehält, 
für das sich rascher entwickelnde Bewußtseinssystem, das in en- 
gerem Kontakt mit der Realität steht, „unlustbetont" und abstoßend 
wird; zu diesem Zeitpunkt setzt der hedonische und nicht utili- 
tarischc Mechanismus der Verdrängung ein, durch den das Unbe- 
wußte im eigentlichen Sinne zu stände kommt. 

Der englische Psychologe Carveth Read (259) wurde durch 
die Psychoanalyse angeregt, sich mit dem Begriff des Unbewußten 
zu beschäftigen. Obwohl keineswegs ein Freudianer, hat er doch 
einige der Grundlehren in sich aufgenommen und erkannt, daß die 
alte Psychologie ihren Gesichtskreis erweitern und viele ihrer 



Literatur in englischer Sprache. 277 

Theorien nach den, Ergebnissen der modernen Forschung ummodeln 
muß. White definiert in seinen interessanten und wertvollen Ar- 
beiten zur Einführung der Psychoanalyse (327, 328) das Unbewußte 
in sehr allgemeiner Weise einfach als unsere historische Vergangen- 
heit. Obwohl seine Definition keineswegs zureichend ist und scharf 
kritisiert werden kann, gelingt es ilun doch, für noch Uneingeweihte 
den richtigen Ton anzuschlagen. Er behauptet, daß das Unbewußte 
der Teil des Seelenlebens ist, der während der Entwicklung auf- 
gebaut und organisiert wurde ; die Realität wirkt mit neuen Situa- 
tionen, auf die erst eine Reaktionsweise gefunden werden muß, auf 
ihn ein, und schlägt durch die Reibung an der Realität den Funken 
des Bewußtseins aus ihm. Die Auffassung von Morton Prinee kann 
nach seinen im Journal of Abnormal Psyehology erschienenen Ar- 
beiten, die später zu seinem Buch über „Das Unbewußte" (224) zu- 
sammengefaßt wurden, als bekannt vorausgesetzt werden. Wenn seine 
Ansichten auch großem Widerspruch begegnet sind, so kann der Wert 
seines Buches, der hauptsächlich in dem Reichtum der durch aus- 
gedehnte klinische Beobachtung gewonnenen Erfahrungen liegt, nicht 
angezweifelt werden. Er stützt sieh auf die Annahme, daß das 
„Feld der Bewußtseinszustände" a) ein inneres Gebiet der Auf- 
merksamkeit enthält, umgeben von b) einem Randgebiet der Auf- 
merksamkeit, außerhalb dessen c) das Gebiet der mitbewußten Ideen 
liegt, die „nicht bewußt gegenwärtig" sind und hinter denen sich 
wieder ä) die Hegion der unbewußten Vorgänge befindet, die 1. die 
ruhende Disposition des Nervensystems (die physiologische Basis 
des Gedächtnisses), und 2. aktive neurale (spinale) Vorgänge tun- 
faßt. In c und d sieht er Abteilungen des Unterbewußten. Diese 
Auffassung hat, wie man sieht, wenig mit der Psychoanalyse ge- 
meinsam, der sich Prinee in anderen Arbeiten häufig genähert 
hat. Die letzte Neuerscheinung über Psychoanalyse, eine Arbeit 
von Bradby (10), stellt — nach Jung — fest, daß die Psycho- 
analytiker wichtige Faktoren im Unbewußten außer acht gelassen 
haben. Bradbys Einwürfe sind keineswegs neu und ihre un- 
wissenschaftlichen Behauptungen beklagenswert, da sich philoso- 
phische und religiöse Elemente entschieden nicht in eine wissen- 
schaftliche Auffassung des Unbewußten einschleichen dürften. 



oijQ Stanford Read, 



Die Symbolik spielt in der Psychoanalyse eine so große 
Bolle., daß ihr volles Verständnis unumgänglich notwendig er- 
scheint. White behandelt dieses Thema, im allgemeinen in seinem 
Buch über Charakterbildung (327). Er weist auf das Verhältnis 
der Symbolik zum Unbewußten und zur Sexualität hin und be- 
spricht ihre Deutung, ihren phylogenetischen Sinn und ihren 
-dynamischen Wert. Nach ilun besteht die blondere Bedeutung des 
•Symbols für den Verlauf der Entwicklung- in seiner großen Ver- 
wendbarkeit als Energieträger und Übertrager und als Mittel, 
Energie von einer niedrigeren auf eine höhere Stufe überzuleiten 
(327= p. 112, 333). Wells (323), der sich mit Symbolassoziation 
befaßt, dringt, nicht tiefer in das Thema ein. So ist als die einzig 
bedeutungsvolle Arbeit über die Theorie der Symbolik ein Aufsatz 
von Jones (167) zu nennen, in dem das Thema mit wissenschaft- 
licher Gründlichkeit erörtert wird. Er unterscheidet zwischen den 
verschiedenen Bedeutungen, die das Wort „Symbol" haben kann, und 
erläutert ihre gemeinsamen Merkmale. Aus dem Studium der Ent- 
stehung der Symbole schließt er, daß nach der psychoanalytischen 
Symboltheorie ein Symbol mir Verdrängtes ersetzt; nur was ver- 
drängt ist, muß symbolisch dargestellt werden. Seine Bemerkungen 
über funktionelle Symbolik enthalten ein« abweisende Kritik der 
Theorien der von ihm post-psychoanalytisch genannten Schule: 
Adler, Jung, Silberer, Maeder, Stekel mit ihren eng- 
lischen Anhängern Eder und Nie oll. In seinen Schlußfolgerun- 
gen sagt, er, daß „jede Symbolik eine relative Unfähigkeit zur 
Aufnalune oder Darlegung, gewöhnlich aber ersteres bedeutet; der 
Ursprung dieser Unfähigkeit kann affektiv oder intellektuell sein. 
Von beiden Paktoren ist der affektive von weit größerer Bedeutung. 
Infolge dieser relativen Unfähigkeit wird auf einen einfacheren 
Typus von Seelentätigkeit zurückgegriffen, und zwar auf einen 
um so primitiveren Typus, je größer die Unfähigkeit ist. Aus dem- 
selben Grunde ist die Symbolik immer konkret da konkrete see- 
lische Vorgänge die leichtesten und primitivsten sind. Man kann 
daher die meisten Symbole als die automatische Einsetzung einer 
konkreten Idee, gewöhnlich in Gestalt ihres sensorischen Bildes, 
für eine andere auffassen, die schwerer zugänglich, versteckt oder 



Literatur in eDglischer Sprache. 279 

sogar ganz unbewußt ist und ein oder mehrere Merkmale mit dein 
Symbol gemeinsam hat". 

Die Farben sind uns Symbole für fast jedes Gefühl oder 
Streben geworden. Eva.Tts (107) liefert eine interessante Arbeit 
über dieses Thema mit einer vom psychoanalytischen Stund 
punkte sehr wertvollen Zusammenstellung dor symbolischen Bedeu- 
tung- der Farben in der Mythologie. Poesie : Kunst usw. bei ver- 
schiedenen Ländern und Völkern. Die Farbensymbolik hat so viele 
Wurzeln, daß es uns .seheint, daß jede Farbe alles darstellen könnte ; 
erst bei sorgfaltigem Studium zeigen sieh din sicheren Richtlinien 
dieser Symbolik. So Ist — kurz gesagt — Weiß die Farbe der 
Gottheit. Reinheit, Einigkeit und Unsterblichkeit; Schwarz die 
Farbe der Sünde: Rot die der Leidenschaft und der schöpferischen 
Kräfte; Blau die der Kälte, Passivität und Wahrheit; Grün die 
der Tätigkeit oder tätigen Nachahmung; Gelb des religiösen Stre- 
bens und der Wohltätigkeit: und Purpur die der bezähmten Leiden- 
schaft. Eine „Analyse von Farbensymbolik bei einem Patienten ver- 
vollständigt die Arbeit. 

Das Schlangensymbol zeigt sich in Träumen und abnormen 
seelischen Symptomen so häufig, daß seine Wahl keine zufällige 
sein kann. Hassal widmet diesem wichtigen Symbol eine Mono- 
graphie (139), in der er seine Bolle in den Religionen verfolgt, 
in denen der Schlange Weisheit und Beschützertum, Einfluß auf 
Vaterschaft und Seelenwanderung, auf Fruchtbarkeit und Feind- 
schaft zugesprochen und sie wegen dieser Eigenschaften verehrt 
wurde. Er zeigt uns dieses Symbol in mythologischer und folklo- 
ristischer Beleuchtung und beweist seine sexuelle Bedeutung an 
Analysen neurotischer und psychotischer Patienten. Bei der Deu- 
tung von Träumen sind tbcriomorphische Symbole besonders häufig 
und bedeutungsvoll. Jung schlägt vor, sie als Ausdrucksform der 
verdrängten inzestuösen Libido durch Über tragung auf tierische 
Gestalten aufzufassen. Jelliffe und Brink (157) behandeln die 
Rolle solcher Symbole im primitiven Denken, in Träumen, neuro- 
tischen Erkrankungen usw. Sanger Brown berichtet über Sym- 
bolik und Serualkult bei primitiven Völkern (30) und zieht Ver- 
gleiche zwischen- der Entwicklung des Sexualkults in der Völker- 
psyche und der Rolle der Sexualität im Leben des normalen Indi- 



Stanford Read, 

vidimms. Über das Wesen der Symbolik selbst gibt uns die Arbeit 
wenig Aufschlüsse. 

Die Traumliteratur ist keineswegs umfangreich, Jones 
(164), Frink (116) und Brill (14) behandeln in ihren Büchern 
die Mechanismen der Traum arbeit und die Traumdeutung. Coriat 
bringt in einem kleinen Band (75) über den Sinn der Träume 
wenig Neues und Nico 11 veröffentlicht eine kleine Arbeit, in der 
er — nach der Jungschen Deutungstheorie — den Traum als 
„konstruktives" und teleologisches Gebilde auffaßt. Eder verdan- 
ken wii eine Übersetzung von Freuds kleinem Buch ..Über den 
Traum" (Übers. 5). In Zeitschriften sind zahlreiche kleine Beiträge 
— meist nach Freudscher Auffassung — erschienen. Obwohl 
manche Autoren Einwendungen gegen Freud sehe Deutungen er- 
heben, ist keine ernst zu nehmende "Widerlegung der psychoana- 
lytischen Theorie formuliert worden (82, 83, 120, 239, 24S, 310). 
Solomon liefert einige Beiträge zur Traumliteratur, in denen er 
sich aber gegen die Annahme sexueller Faktoren wendet und andere 
Grundlagen zu finden bemüht ist (290, 291, 293, 294). Hyslopp 
(151) und Watson (320) bringen Analysen eigener Träume und 
Kimm ins einige interessante Beobachtungen über Kinderträume 
(189), die aber nur unsere schon bestehenden Anschauungen be- 
stätigen. 

Obwohl, wie schon früher erwähnt, die ärztlichen Erfahrungen 
der Kriegszeit und vor allem die von den Ärzten beobachteten 
Träume der Kriegsneurotiker viel zu einer Anerkennung 
der psychischen Krankheitsverursachung beigetragen haben, existieren 
nur wenig Arbeiten über die Rollo der Träume bei den Kriegs- 
neurosen. Culpin berührt das Thema kurz (83), wie auch Mac 
Curdy in seinen „AVar Neuroses" (207). Über die Traum- 
deutung bei primitiven Völkern ist — außer einem 
interessanten Artikel von Lind (201) über den Traum als Wunsch- 
erfüllung bei den Negern — noch wenig geschrieben worden. 
Coriat beschäftigt sich mit hermaphroditischen Träumen (80). 
Die psychoanalytischen Forschungen haben in Träumen mit bewußt 
oder unbewußt homosexuellem Inhalt den sichersten Beweis für 
die Bisexualität des menschlichen Seelenlebens gefunden. Coriat 
zitiert Träume, die ihrem ganzen Wesen nach bisexuell, eine Art 



Literatur in englischer Sprache. 2gl 

Traumkondensation in subliinicrter oder auch ursprünglicher Gestalt 
darstellen. Dieser Traumtypus ist an das Vorhandensein unbewußter 
homosexueller Regungen, wie bei gewissen 'Wahnzuständen, bei 
Angst- oder Zwangsneurosen gebunden. Coriat meint, daß die 
Psychoanalyse im stände wäre, die unbewußte bisexuelle Tendenz 
eines Menschen abzuändern, so wie sie unsere primitiven unbewußten 
Triebe zur Sublimierung bringen kann. Er betrachtet Träume dieses 
Typus als ein Übergangsprodukt im Unbewußten von Homo- 
sexuellen, obwohl sie ja den Beweis für die Bisexualität des ge- 
samten menschlichen Bewußtseins erbringen. Crenshaw hebt die 
„Vergeltungsträume" als? eine eigene Gruppe hervor (81), die er 
— - obwohl sie ihrer Funktion nach von Freud beschriebenen an 
die Seite zu stellen sind — als eine noch nicht genügend gewürdigte 
Abart betrachtet. Zur Unterstützung seiner Behauptungen führt er 
eine Reihe von Racheträumen an. Stern (298) beschäftigt sich als 
einziger eingehend mit dem Pavor nocturnus und weist nach, 
daß die übermüßige krankhafte Angst der Furcht vor <hm Bewußt- 
werden verborgener, dem Ich entfremdeter "Wunsche und Begierden 
entspringt. 

Bei der Analyse von Patienten, die keine spontanen Träume 
bringen, hat sieh nach einigen Autoren zur Aufdeckung verborgener 
Komplexe die Konstruktion künstlicher Träume bewährt. 
B r i 1 1 (13) zeigt, daß dabei die Arbeit des Unbewußten der Traum- 
arbeit gleicht, und zieht Parallelen mit dem Entstehungsmechanismus 
bei pathologischen Lügen. Eine ausgezeichnete Traumstudic von 
Rivers „Dreams and Primitive Culfcure" (272), die das Thema von 
einem weiteren Gesichtspunkte aus behandelt, darf hier nicht uner- 
wähnt bleiben. Er will einen Vergleich ziehen zwischen „dem psycho- 
logischen Mechanismus der Traumarbeit und den psychologischen 
Charakteren des sozialen Verhaltens bei den unkultivierten Völkern, 
die für uns am deutlichsten die frühesten Entwicklungsstufen der 
Menschheit repräsentieren". Nachdem Rivers sich des längeren 
mit dem Mechanismus der Traumarbeit beschäftigt hat, geht er 
daran, das Vorhandensein der gleichen Prozesse in den religiösen, 
magischen und sozialen Gebräuehen, in der dramatischen und dar- 
stellenden Kunst und in der allgemeinen Kultur verschiedener pri- 
mitiver Völker nachzuweisen. Die Arbeit ist durch die Parallelen 



ooiji Stanford Read, 



zwischen der Psychologe des Traumes und des primitiven Menschen 
von höchstem IntcrcsBC. 

Wie überall hat auch hier diu Disstaüanoa über die Stellung 
und Bedeutung de* S.s Qualität in der Psychoanalyse nicht ge- 
schwiegen und die Gegner der Psychoanalyse haben sich die weil 
verbreitete Ansicht, daß dem Selbsterhaltungstrieb die ätiologische 
B&deutung bei der Entstehung der Kriegsneurosen zufällt, au nutze 
gemacht. Trotzdem hat die ernsthafte wissenschaftliche Forschung, 
besonders durch analytische Studien abnormer Seclenzustände, i 
Unanfechtbarkeit der Freudschön Sexualtlieor» bestätigt. Have- 
lock Ellis scheint, wie seine letzte Veröffentlichung (98) deutlich 
zeigt, sich dem Standpunkte Freuds (97) immer mfit» zu nähern. 
Trotzdem wenden sich noch viele Autoren gegen den Gebrauch des 
Terminus „sexuell" (als Bezeichnung für die große Gruppe von 
Erscheinungen, die Freud darunter zusammenfaßt), Friuk (116) 
schlägt statt dessen den Ausdruck „holophiliß" von SXoc (ganz) und 
y.kiw (Liebe) vor, der alle Arten von sexuellen oder Liebe Erschei- 
nungen umfassen, ein entsprechendes Synonym für „fwxuell" im 
Freudscheu. Sinuc bieten und Mißverständnissen vorbeugen würde. 
Referent kann darin keinen besonderen Vorteil erblicken. 

Jones (164), Brill (14), Frink (116) und "White (327) 
geben allgemeine Darstellungen der psychoanalytischen Sexual- 
theorie, während Eobie, wie eine kleine Arbeit (278) zeigt, nur 
oberflächlich in sie eindringt. Jones (170), Lay (197), Eder 
(93) und White (338) beschäftigen sich eingehend mit den kind- 
lichen Sexualkonfiikten. Auch die ins Englische übersetzten Ar- 
beiten von Hug-Hcllmuth (Übers. 13) und Pfister (Obers. 
IS) sind in dieser Hinsicht beachtenswert. Besonders Pfisters 
Arbeit wird dadurch wertvoll, daß er sie von dem Stand- 
punkte eines Pastors und Pädagogen aus unternimmt und seine 
Patienten Schulkinder und Jugendliche sind. Er zeigt das Her- 
vorgehen der seelischen Störungen aus sexuellen Konflikten auf. 
Gegen die Freudschon Theorien über den Ödipus- und Elektro 
komplex sind keine ernst zu nehmenden Einwendungen erhoben, 
worden. Burrow versucht mittels einer keineswegs überzeugenden 
Beweisführung den Ursprung der Inzestfurcht (36) nachzuweisen. 
Er hofft, das Inzestproblem, das Fr az er und andere Autoren als 



Literatur in englischer Sprache. 283 

ein unzugängliches Geheimnis betrachtet haben, mit Hilfe der ge- 
wonnenen Erkenntnisse zu lösen. Er legt dar, daß c= keinen Inzest 
gibt, daß nur unser Denken ihn dazu ran cht. und betrachtet dia 
Inzestauflehnung als den Konflikt zwischen der Liebe als Vorwärts- 
streben und Leben einerseits, und der Sexualität als Begierde und 
Egoismus anderseits. Nach seiner Aus legung ist die „Inzestfurcht 1 ' 
die subjektive Beaktion auf eine Verletzung des angeborenen psy- 
chisch biologischen Einheitspriuzips, die Auflehnung, die einem, or- 
ganischen Widerspruch entspringt. Liese Phrasen mit ihren wort- 
reichen Beweisführungen haben nicht viel überzeugendes an sich. 
Fudern schreibt über die infantilen Wurzeln des Masoelüsmus (113) 
und Fcrenczi (Übers. 4) erweitert unsere Erkenntnisse über die 
hypno tische Suggestion, die w auf die masochistisehe Bexualkora- 
ponente zurückführt. Der Einfluß, den die frühen Fixierungen und 
die frühen Überbetonungen von »exu&lkomponenten auf die Cha- 
rakterbildung nehmen, ist eingehend behandelt worden und Jones 
(171) beschreibt die analerotischen Charakterzüge in einer höchst 
interessanten Arbeit. Er hat die Ansichten Freuds über dieses 
Thema vertieft und die deutlich erkennbare Trias von Eigenschaften 
— Sparsamkeit, Eigensinn und Ordnungsliebe — noch schärfer 
herausgearbeitet. 

Durch die aus Analysen gewonnenen Erkenntnisse der letzten 
Jahre ist man dazu gelangt, der Homosexualität eine uner- 
wartet große Holle im menschlichen Seelenleben zuzuschreiben. Ihr 
Einfluß auf die Gesellschaft im allgemeinen, auf die Armee, be- 
sonders in Kriegszeiteu (172, 260, 262, 2ü-i) — ganz abgesehen von 
ihrer ätiologischen Bolle bei der Entstehung abnormer Seelenzu- 
ständc — haben ihr Studium zu einer unbedingten Notwendigkeit 
gemacht. Das Erscheinen von Burrows Monographie (39) über 
die Genesis und Bedeutung der Homosexualität ist daher zu be- 
grüßen. Die Psychoanalyse erklärt die Entstehung der Homosexua- 
lität aus zwei Komponenten, dem Mutterkomplex und dem Nar- 
zißmus. Das Individuum gibt die Mutter als Objekt dadurch auf, 
daß es sich mit der Mutter identifiziert und ihre Person durch 
die eigene als Sexualobjekt ersetzt. Später dehnt sich die Objekt- 
wahl durch Assoziation nach der Ähnlichkeit auch auf andere 
gleichgeschlechtliche Personen aus. Man kann die Homosexualität 



2g4 Stanford Read. 

aber auch manchmal als Flucht zum gleichen Geschlecht nach Ab- 
lehnung des Gegengeschlechtes auffassen. Burrow verweilt mit 
Kachdruck bei der Lehre von der ursprünglichen Einheit oder Iden- 
tität des Sprößlings mit der Mutter und ihrer Bedeutung für die 
Entstehung von homosexuellen Strebungen in der spateren seelischen 
Entwicklung, Er meint, daß die Autoerotik der Muttererotik oder 
ursprünglichen Identifizierung mit der Mutter an die Seite zu 
stellen ist. Diese Autoerotik ist in ihrer Eigenschaft als Liebe 
zum eigenen Körper und eigenen Geschlecht .ausgesprochen homo- 
sexuell. Burrow wendet sieh daher gegen die Ansichten Sad- 
gers, der die Verdrängung der Liebe zur Mutter oder eine narziß- 
tische Zwischenstufe als Vorbedingung ansieht, und leugnet auch, 
daß der weiblichen Homosexualität eine Verdrängung des Vater- 
idea-ls vorangehen muß. Er betrachtet diese Mechanismen als sekun- 
däre Faktoren bei der Entstehung einer Neurose. Ferenczi 
schließt sich in einem Artikel „Zur Nosologie der männlichen Homo- 
sexualität" (Homoerotik). (Übers. 4) Freud und Sadger an, 
bringt aber gleichzeitig einiges Neue. Die Rolle der Homosexualität 
in den Neurosen und Psychosen wird an anderer Stelle behandelt 
werden. 

Hier muß noch einer dankenswerten Arbeit von M e n z i e s Er- 
wähnung getan werden (217), die sich mit dem oft mißverstandenen 
Problem der Onanie befaßt (der Autor betrachtet diesen Terminus 
als kein vollgültiges Synonym für Masturbation). Er gibt in seinem 
Buche „Auto-erotic phenomena in adolescence" eine kurze Einleitung 
über Psychoanalyse und seine Ausführungen über die Psychologie 
der Masturbation tragen viel zur Klärung dieses Themas bei. Die 
Uninformiertheit über eine so lebenswichtige Frage, die leider auch 
bei unseren Ärzten die Regel ist, ist beklagenswert, und ihr könnte 
durch diese kleine, jedem zugängliche Arbeit, die wertvolle Auf- 
klärungen vermittelt, abgeholfen werden. Menzies sagt in seiner 
Einleitung, daß er sich zum Ziel setzt, „die von den Führern der 
analytischen Schule gewonnenen und mitgeteilten Erkenntnisse zu 
sammeln und darzustellen, mit spezieller Berücksichtigung dieses 
für Jugendliche und ihre Erzieher und Führer wichtigen Themas". 



Literatur in englischer Spracht. 2^5 

IL Klinische Psychoanalyse. 
A, Pathologie. 

1. Allgemeine Theorie. 

Wie schon früher erwähnt, haben die im Krieg« gewonnenen 
Erfahrungen einen mächtigen Antrieb zum Studium der seelischen 
Störungen gegeben und. der Annahme einer psychischen Verursa- 
chung allgemeine Anerkennung verschafft. Es ist ein bedeutungs- 
voller Beweis für diese Umwälzung, daß der Präsident der Neuro- 
logischen Sektion der Eoyal Society of Medicinc in England, Aldren 
Turner, das Thema „The psychogenio factor in nervous disease" 
für seine Fräsidentenrede gewählt hat. "Während der letzten sechs 
Jahre hat eich keine der psychoanalytischen GrundlehTen als \mhalt- 
bar erwiesen und das Forschungsgebiet sich auf das normale Seelen- 
leben, die neurotischen und psychotischen Erkrankungen, auf die 
Biologie, Anthropologie und Mythologie ausgedehnt (15, 74, 85, 120, 
156, 202). Der Wert von irazers „Golden Bough" wird durch 
die Erkenntnisse der modernen Psychologie erst in das richtige Licht 
gerückt. 

In den Arbeiten von Brill (14), Frink (116) und Jones 
(164) finden wir eingehende Darstellungen der Theorien über die 
allgemeine Pathologie, Die Erfahrung lehrt, daß die Grenzlinien 
zwischen den einzelnen Krankheitsformen — wie z. B. bei den bio- 
genetischen Psychosen (164) — verschwimmen und wir uns keine 
scharf umrissenen klinischen Bilder erwarten dürfen. Es wurden 
neue Bestätigungen für die Lehren über die unbewußte Abwehr 
gefunden C286) und unsere schon bestehenden Ansichten über He- 
gression (226, 324) und Introversion (334) geklärt. Die an Erwach- 
senen gewonnenen Erkenntnisse haben neues Licht auf die Kon- 
flikte des kindlichen Seelenlebens geworfen (170, 338) und zu einem 
besseren Verständnis seiner abnormen seelischen Manifestationen ge- 
führt (42, 72, 301). Die Beobachtungen Preuds über die frühen 
Beziehungen des Kindes zu seinen Eltern und zur Pamilie haben 
sich immer wieder bestätigt, so daß der „Familienroman" (327) aus 
verschiedenen Ursachen als Nährboden für später auftretende see- 
lische Störungen erscheint (99, 193). Die Bedeutung des Großvaters 
(164, p. 652) und das Verhältnis des Neffen zum Onkel mütter- 



286 



Stanford Read. 



licherseits (322) wurden in den Kreis der Forschung gezogen. Die 
Psychoanalyse hat auch zu einer Vertiefung unseres Verständnisse« 
in der allgemeinen Psychiatrie geführt (43, U, 164, 209, 304) und 
Einblick in Sinn und Bedeutung der Walmbildungen und anderer 
Symptome gewährt (210, 316, 85). Homosexuelle Faktoren sind in 
ihrer Bedeutung für die Psychopathologie erkannt worden, da see- 
lische Konflikte aus dem starken Widerstand entstehen müssen, 
den die Mcnscliheit dem Bewußtweiden dieser Komplexe entgegen- 
setzt. Man hat die Erfahrung gewonnen, daß die Homosexualität 
keineswegs das einfache Problem ist, für das man sie früher hielt, 
sondern in engem Zusammenhang mit anderen pathologischen Fak- 
toren sieht, wie z. B. Alkohol ismus und Morphinismus, überbetonter 
Narzißmus, Introversion und Regression (39, 50). Hie Kriegsgesetz- 
gebung hat zwar die Alkoholfrage als soziales Problem in den Vor- 
dergrund der Aufmerksamkeit gerückt, über ihre Psychologie ist 
aber noch wenig gesagt worden. Die psychoanalytische Erforschung 
des Alkoholkmus läßt uns seine Bedeutung als psychische Abwehr- 
maßregel erkennen, zeigt uns die großen Kompensationen, die er 
gewahrt, wie er die Charakterentwicklung stört, seelischer Re- 
gression Vorschub leistet und die Subiimierung der Triebe verhin- 
dert, Obwohl sieh in vielen klinischen Arbeiten Hinweise auf dieses 
Thema finden, sei hier nur auf eine vom psychoanalytischen Stand- 
punkt aus geschriebene Monographie von Clark (67) hingewiesen. 
Er sagt sehr zutreffend: „Zu manchen Zeiten kann die Alkohol- 
wirkung sich den verdrängenden sozialen Mächten hemmend ent- 
gegenstellen und eine sonst schwierige soziale Anpassung leicht und 
natürlich gestalten, ein andermal einem Individuum, dem die Fä- 
higkeit; sich Befriedigung zu verschaffen, fehlt, zu einem sonst 
unerreichbaren Ziel helfen, wälirend sie wieder zu anderen Zeiten 
verborgenen, ungezügelten, unbewußten Motiven freie Bahn schafft. '- 
Er ist mit Ferenczi (Übers, i, p. 139) der Meinung, daß ein 
Alkoholverbot nur die Flucht in andere nervöse Erkrankungen zw 
Folge haben würde. Er weist nach, daß die bewußten, für die 
Trunksucht angegebenen Gründe nur Kationalisierungen sind und 
daß sie immer einer unbewußten Motivierung entspringt. Er be- 
schäftigt sich schließlich noch mit den Beziehungen des Alkokolis- 
mus zu den psychologischen Mechanismen von Projektion, Hohid- 



Literatur in englischer Sprache. 287 

Sexualität, Angst und Selbstmord und berührt atavistische Tendenzen 
und mythologische Faktoren. Der Wert dieser Arbeit ist unbe- 
streitbar. 

Man kann dieses Thema nickt abschließen, ohne auf die Lite- 
ratur über die Ad 1 ersehe Theorie der Organmind ^Wertigkeit mit 
ihren psychischen Kompensationen hinzuweisen. "White (336) be- 
merkt, daß die A dl ersehe Theorie' als erste den bisher unüber- 
liriickbaren Gegensatz zwischen der funktionellen und organischen 
Auffassung in sieh zum Ausgleich bringt. Eine Anzahl von kriti- 
schen Arbeiten beschäftigt sich mit der Adler sehen Theorie (37, 
125). Auch Kcmpf unternimmt in seiner Arbeit „The autonomic- 
firnetions and the personality" (1S8) einen Versuch, die Beziehung 
psychologischer Symptome zu bestimmten physiologischen und ana- 
tomischen Anzeichen aufzudecken, den White (336) kritisch be- 
leuchtet. Kempf stellt die Behauptung auf, daß das autonome 
System die Organbedürfnisse des Organismus, die psychologisch als 
Affekte erscheinen, registriert. 

Zur Psychopathologie des Alltagslebens sind in 
Bestätigung der Ansichten Freuds eine lieilie von Arbeiten er- 
schienen (117, 118, 218, 229). 

2. Spezielle Krankheitsf ormen. 

Wir finden bei Brill (14), trink (116) und Jones (164) 
ausführliehe Studien über die Psychoneurosen. Für Neulinge, denen 
das Verständnis der psychoanalytischen Mechanismen und Theorien 
Schwierigkeiten bereitet, ist Prink besonders zu empfehlen, da 
auch seine ausführlichen kasuistischen Beispiele mit Analysen eine 
gute Einführung geben. Die in seinem Buche enthaltene psycho- 
analytische Studie eines schweren Falles von Zwangsneurose ist vor- 
her in der „Psychoanalytic Revue" (119) erschienen. 

Die in Jones' Buch enthaltenen klinischen Studien umfassen 
fast das ganze Forschungsgebiet, Die psychoanalytische Literatur 
der letzten sechs Jahre bringt uns keine umwälzenden Neuerungen; 
die Einsicht in die psychologischen Mechanismen der psych oneu- 
rotischen Erkrankungen hat sieh aber im allgemeinen ver- 
tieft und geklärt. Jones' Artikel über krankhafte Angstzustände 
(164, p. 474) ist vom historischen wie auch vom pathologischen 



288 Stanford Read. 

Standpunkt aus wertvoll. Er ist der Ansicht, daß Angst nicht r.ur 
ein Ausdruck für unbefriedigte Sexualität ist, sondern faßt sie als 
Furcht vor Strebungen auf, die mit dem Ichideal unvereinbar sind; 
auf dieselbe "Weise erklärt er den Pavor nocturnus (298) und die 
Alpträume. Keine Angstneurosen sind — der allgemeinen Meinung 
nach ■ — nur sehr selten anzutreffen ; gewöhnlich erscheint die Angst- 
neurose als ein Symptom der ihr übergeordneten Angsthysterie (I6i, 
p. 507). Die Psyehogenese von Haß und Liebe — Affekte, die 
eine große Bolle bei der Entstehung der Zwangsneurose spielen — 
wurde beleuchtet, ebenso wie der bedeutsame Anteil der Analerotik 
an der Bildung dieser Krankheit (161, p. 450). Ein tieferer Ein- 
blick in seelische Erkrankungen des Kindes hat eine zweckmäßigere 
Behandlung mit sich gebracht (42, 2i)8, 302). Für psyehosexuelle 
Impotenz haben die modernen Erkenntnisse neue Heilungsmöglich- 
keilen eröffnet (168, Übers. 4, p. 9). Für Torticolli* (57, 62, 63), 
für Sprechhemmungen und Stottern hat man psychische Grundlagen 
aufgefunden (9, 73). Coriat betrachtet — mit Stekel — das 
Stottern als eüie der pioteusartigcn Formen von A ngstneur^se oder 
Angsthysterie und sieht in dem Bestreben, gewisse — meist sexu- 
elle — Gedankengänge oder Gefühle ins Unbewußte zu verdränge-n, 
ihren wichtigsten Entstehungsmechanismus. Clark (57, 62, 63) 
behauptet, daß sich ihm seelisch bedingte Torticollis immer als 
etnf Abwehrmaßregel erwiesen hat, als eine Abkehr von der für 
den Erwachsenen notwendigen Anpassung, die sich bei eingehender 
Analyse dynamisch wirksamer zeigte als die rein regressiven Mo- 
mente. Psychoanalytisch ausgedrückt, zeigten alle seine Fälle eine 
ausgeprägte Muskelautoerotik mit Regression zu einem Bewegungs- 
typus, der im infantilen Leben der am stärksten lustbetonte gewesen 
wax. Cla-rk weiß auch nicht zu sagen, warum dieser Typus von 
Patienten gerade zu einer Torticollis und nicht zu einem anderen 
infantilen Mechanismus regrediert. 

Auch der Tic hat häufig eine psychoneuro tische Grundlage; 
die Literatur über dieses Thema ist noch sehr spärlich, wie auch 
die Literatur über den als „Inf antilismus" bezeichneten Zu- 
stand, der gewöhnlich hysterischen Charakter zeigt. Clark (61) 
beschäftigt sich in einem Artikel mit diesem Thema und Stanford 
Read erwähnt mehrere Fälle aus seiner Kriegspraxis (260). Die 



Literatur in englischer Sprache. 



28<t 






übrige* Arbeiten über Psych oneurosen können liier nicht mehr Er- 
wähnung: finden mit Ausnahme einer Arbeit von Evans, der an 
einem fall von Psoriasis den Mechanismus einer hysteriachen Kon- 
versionssymbolisienmg nachweist (105). Die weitere Erwähnung 
der Psychoneurosen folgt im Abschnitt über KrißgsneuroseD. 

Die Studien über die Pathogenese d«r Epilepsie markieren 
einen besonderen Portschritt im Stande der psychoanalytischen For- 
schung. Unter den zahlreichen Psychopathologien Beiträgen, wie 
z. B. von An, es und MacRobcrt (1- 215), Ma.cCurdy (212, 
213), Jelüf j c (KJ2), Joneg (m p i5 ~ } ^ Stauford Read 

(216, 264), sind besonders die Arbeiten von Clark (51, »2, 53, 54, 
55, 56, 65, 66) hervorzuheben. Da« Studium der Epilepsie war 
bnmer fast ausschließlich auf den Anfall, der keineswegs der Haupt- 
faktor ist, beschränkt, während dem Seelenzustand der Patienten 
keinerlei Aufmerksamkeit zugewendet wurde. Clark erkennt als 
Resultat seiner Studien eine mehr oder weniger ausgesprochene kon- 
stitutionelle Veranlagung zur Epilepsie an, die sogenannte epilep- 
tische Prädisposition. Ihre Hauptdefekte sind Egozentrizität, Über 
cmpfindliehkeit, Gefühlsarmut und mangelnde Anpassungsfähigkeit 
an das normale Lebeu. Diese Veranlagung wird mit der fortschrei- 
tenden Krankheit deutlicher, wenn Anfälle auftreten, die aber mit 
dem seelischen Verfall des Epileptikers niohte zu tun haben. Der 
Epileptiker reagiert krankhaft auf Anstrengung und Unbehagen, 
die sein spontanes Interesse herabsetzen und eine auffällige Re- 
gression zu Tagträumen, Lethargien und Somnolenz zur Polge 
haben. Der Anfall, den die übergroße Spannung auslöst, ist 
psychologisch betrachtet eine Reaktion auf .die unerträglich wer- 
dende Gereiztheit, eine Regression zu einem primitiven Seelen- 
zustand, der dem infantilen oder embryonalen Leben entspricht 
Die Behandlung sollte also auf den Ausgleich der Instinktdefekte 
durch früh einsetzende Erziehungseinflüsse gerichtet sein, den stark 
individualistischen Wünschen des Patienten einen spontanen Aus- 
weg und ihm dadurch die Anpassungsmüglichkeit an eine gesunde 
Umgebung verschaffen. Clark zeigt, wie sieh auf solche Weise 
der seelische und geistige Verfall aufhalten, eine große Besserung 
der Anfälle erzielen und in vielen Fällen das Fortschreiten der 
Krankheit überhaupt verhindern läßt. Clarks Beobachtungen über 

ItycbOiui»].™, Bericht lBH—mg. 



290 



Stanford Bead. 



den seelischen Inhalt des Epileptikers im Dämmerzustand sind be- 
sondere wertvoll und seine Aufzeichnungen über den täglichen 
Seelenzustand des Patienten und seine epileptischen Reaktionen legen 
Zeugnis für die wissenschaftliche Gründlichkeit seiner beachtens- 
werten Untersuchungen ab. 

MacCurdy bewegt sich in seiner klinischen Studie über 
den epileptischen Anfall (212) in ähnlicher Richtung. Für ihn ist 
der grand mal Anfall als plötzliche Erscheinung dasselbe wie die 
chronischen Verfallserscheinungen, und er weist die Auslegungen 
von Clark und F er enezi zurück, die den Krampf anf all in An- 
lehnung an Freud als symbolischen Durchbrueh unbewußter Wün- 
sche ansehen. Stanford Read (261, 264) bringt einige Analysen 
epileptoider Fälle, in denen er den innigen Zusammenhang der An- 
fälle mit verdrängten Affekten nachweist. Jones (164, p. 455) 
liefert eine interessante Arbeit über die seelische Charakteristik der 
chronischen Epilepsie, in der er sich hauptsächlich mit der dabei 
auftretenden sexuellen Abnormität beschäftigt. Er behauptet, daß 
die sexuelle Betätigung chronischer Epileptiker oft stürmisch auf- 
tretend, pervers und stark infantil ist und daß die seelischen Züge 
verständlich werden, wenn man ihnen die verschiedenen sexuellen 
Vorgänge an die Seite stellt. 

Es sind noch Beiträge zu zwei anderen Themen von psycho- 
analytischem Interesse zu erwähnen. So weist Tannenbaum (308) 
in einer Studie über Pollutionen einen verdrängten Sexual- 
komplex als ätiologischen Faktor nach. Auf das interessante Pro- 
blem des Somnambulismus hat nur die psychoanalytische For- 
schung einiges Licht .geworfen, nachdem man ihn bisher einfach 
als einen krankhaften Zustand während des Schlafes, hervorgerufen 
durch eine unbekannte abnorme Gehirntätigkeit erklären konnte. 
Grünberg (130) gibt eineu kurzen Auszug aus der Kranken- 
geschichte und Deutung eines von Sadger beschriebenen Falles, 
in dem die Psychoanalyse als unbewußte Triebkraft den Wunsch 
nach sexueller Befriedigung durch die Mutter aufdeckte. Mit im- 
serer Einsicht in die Pathologie der Masturbation war es bis- 
her traurig bestellt. Menzies beschäftigt sich mit diesem Thema 
(217) und verfolgt vom psychogenetischen Standpunkt aus die 
Quellen der masturbatorisehen Impulse. 



Literatur in englischer Sprache. . 291 

Obwohl die psychoanalytische Schule ihre Aufmerksamkeit 
hauptsächlich den Problemen der Individualpsychologie zugewendet 
hat, hat doch die Psychiatrie durch einige allgemeine noso- 
logische Begriffe eine Bereicherung erfahren, wie aus Jones' Ar- 
beit „The inter-relations of the biogenetie psychoses" (164, p. 4Gö) 
zu ersehen ^ ist, die sich mit den Unterschieden und Ähnlich- 
keiten zwischen den einzelnen Psychosen und dem Verhältnis der 
Psychosen zu den Neurosen im allgemeinen beschäftigt. Er be- 
zieht sieh auf die unbewußten psychogenetischen Mechanismen bei 
der Dementia praecox und die Manifestationen, die eine Introversion 
des Interesses im Zusammenhang mit einer Regression zu einem 
infantilen Stadium darstellen - ■ den „Autismus" von Bleuler. 
Er zeigt- den engen Zusammenhang zwischen der reinen Paranoia, 
der Dementia paranoides und der Paraphrenie, von denen jede eine 
wachsende Regression zu einem immer primitiveren Stadium der 
ontogenetischen Entwicklung vorstellt. Den Hauptuntersehied zwi- 
schen den Neurosen und Psychosen sieht er darin, daß die Intro- 
version oder Abkehr von der Außenwelt, die der charakteristischste 
Zug von beiden ist, bei den Psychosen einen solchen Grad erreicht 
hat, daß das „Realitätsgefühl" ganz oder teilweise verloren geht. 
Allerdings ist dieser Unterseliied zwischen den beiden Gruppen we- 
niger scharf als man denken sollte, und ein gründliches psycho- 
logisches Studium der Fälle zeigt, daß die Differenzierung oft sehr 
schwer, ohne Analyse vielleicht ganz unmöglich wäre. Jones 
weist, außerdem auf das Auftreten psyehogenetischer epileptiformer 
Anfälle hin und auf die Tatsache, daß sich die Zwangsneurose oft 
nur sehr schwer von paranoiden Zuständen unterscheiden lasse. Er 
äußert Zweifel an dem Zustand des manisch-depressiven Irreseins 
und bespricht die Ansichten verschiedener Psychiater über dieses 
Thema. Brill (14) führt Fälle au, die sich klinisch nicht vom 
manisch-depressiven Irresein unterscheiden, sieh aber in der Analyse 
als Angsthysterien erweisen. So lehrt uns also die moderne Er- 
kenntnis durch die Psychoanalyse, daß wir es bei diesen verschie- 
denen Erkrankungen nur mit verschiedenen Reaktionsweisen auf 
im Grunde verwandte Schwierigkeiten zu tun haben — nämlich 
auf innerpsychisehe Konflikte biologischer Natur. 

19» 



„qo Stanford Read. 



Die Dementia praecox hat auß«r in den Büchern von 
Jones (164) und Brill (U) verhältnismäßig wenig Behandlung 
gefunden, Oenato (236), der die verschiedenen pathologischen 
Theorien über diese Krankheit kritisch zusammenstellt, neigt der 
psychoanalytischen Auffassung zu. Er weist die Ansichten Adlers 
zurück und hält die therapeutische Erprobung der psychoanalyti- 
schen Theorie für das einzig richtige. Evarts beschäftigt sich 
mit diesem Thema hauptsächlich in einem Artikel über die Psy- 
chosen bei den farbigen Bässen (106) und kommt zu dem Schluß, 
daß die unbewußten Produktionen der farbigen Geisteskranken 
nicht nur dtnxm den Umstand bestimmt sind, daß nur wenige Ge- 
nerationen zwischen den Patienten und einer primitiven Welt liegen,- 
sondern daß sie auch den Ausdruck ihrer alltäglichen Sitten und 
Gebräuche darstellen; daß sie also sowohl ontogenetisch wie phylo- 
genetisch in ihrem Ursprung sind. Karpas widmet der Dementia 
praecox einen Artikel (181) und Wholey schildert eine Psychose, 
die schizophrene und Freudsche Mechanismen mit. schematiseher 
Deutlichkeit aufweist (339). Green* er e gibt eine oberflächliche 
Schilderung (129) der schizophrenen Charakteristik u bei affektiven 
Störungen. Hassal behandelt die seit langem erkannte patho- 
logische Bedeutung des sexuellen Faktors für die Dementia praecox 
in einer interessanten Arbeit. Nach einer kurzen psychoanalytischen 
Abhandlung über das Problem der Sexualität bespricht er ihre 
Beziehungen zu den bei Dementia praecox-Fällen beobachteten Er- 
scheinungen und Symptomen, z. B. zur Sublimierung in religiöse 
Gefühle und Symbole, zur Onaiüe, zum Schuldbewußtsein, »u ver- 
zerrten inzestuösen Wahngebilden, Halluzinationen und Träumen, 
zu Homosexualität, Identifizierung, symbolischen Handlungen «sw. 
Kempf schildert die Analyse eines Falles von Dementia praecox 
(187) und bemerkt abschließend, daß jede funktionelle Psychose 
oder Psychoneurose eine biologische Anpassungs Unfähigkeit an den 
verdrängenden Einfluß der nächsten Umgebung des Individuums 
vorstellt, ein Einfluß, der gewöhnlich unwissentlich und unabsicht- 
lich in der Verfolgung selbstsüchtiger Interessen ausgeübt wird. 
Dem Referenten erscheint diese Behauptung als eine etwas kühne 
Verallgemeinerung des einen vorgelegten Falles; es ist «um min- 
desten zweifelhaft, daß die nächste Umgebung des Patienten, wann 






Literatur in englischer Sprache. 29M 

ihr Einfluß auch nieh! Übersehen werden darf, fons et nrigo der 
Verdrängung darstellen soll. Der Hauptteil der Arbeit beschäftigt 
sich mit der Therapie. i:nd wird nuch in dem entsprechenden Ka- 
pitel abgehandelt werden. 

Die spärliche Literatur über das manisch-depressive 
Irresein bestätigt voll die psyehoanaly tischen Theorien. Jones 
(164) und Brill erwähnen das Thema, und bei anderen Autoren 
finden sich einige interessante Analysen solcher Fälle, Reed (236) 
berichtet einen Fall, wo das manisch-depressive Irresein eine Flucht 
vor der Realität in den fnfantilismus vorstellt. Er behauptet, 
daß seine Patientin nach der Genesung normaler gewesen sei als 
jo vorher und schiebt diese Erscheinung auf den Umstand, daß 
ihre Psychose ihr Gelegenheit gab, die unl>ewußten oder verdrängten 
Wunsche und Impulse eines Lebensalters in "Worten oder Handlun- 
gen abzureagieren. In einem anderen Falle (265) weist der gleiche 
Autor die Bildung von WuiischerfülIungsph&ntaÄien nach. "Wäh- 
rend der Phase von Depression kehrten die Gedanken der Patientin 
zu einer seit 20 Jahren halb oder ganz vergessenen Liebesphantasie 
zurück. Um den Kern dieser Erinnerung bildete sie nun eine 
systematische Wunscherfüllungsphantasie von Veränderung ihrer 
äußeren Erscheinung. Reichtum, Wiederbelebung ihrer Eltern, Heirat 
ihrer Schwester, Versorgimg ihrer Xeffen in angesehenen Stellun- 
gen, eigener Heirat mit dem Objekte ihrer ersten Liebe, Erlanguag 
der Präsidentenwürde in den Vereinigten Staaten für den Geliebten, 
Reisen, hoher Stellung und Kindern. 

MacC urdy weist Freudsohe Mechanismen bei einem nianie- 
artigen Zustand nach (208) und Dooley zeigt in einer interessanten 
Analyse scharf ausgeprägte Regressionsstadien und zieht den Sehluß, 
daß manisch-depressiven Fällen die gleichen Komplpxe zu Grunde 
liegen können wie Dementia praecox- oder Hystcriei'ällen, nämlich 
Entwicklungshemmungen an verschiedenen Punkten der psycho - 
sexuellen Entwicklung. Hoch liefert in seiner Studie über die 
gutartigen Psychosen (148) einen Beitrag und Ohapman beschäftigt 
sich mit der Ätiologie der ängstlichen Depression (49). 

Ein bedeutender Fortschritt, den wir Freud verdanken, ist 
unsere in den letzten Jahren immer wieder bestätigte und vertiefte 
Auffassung der Paranoia und der paranoiden Zustände. Die 



294 



Stanford Read. 



besten Beiträge in englischer Sprache zu diesem Thema sind die 
von Piyne übersetzten Arbeiten fremdsprachiger Autoren (Übers. 
30); Hinweise darauf finden sich bei White und Jelliffe in 
ihrem Handbuch der Neurologie und Psychiatrie (153), wie auch 
in den Büchern von Jones (164) und Drill (14). Die von Jones 
übersetzten „Beiträge zur Psychoanalyse" von Fer«nczi pflichten 
Freuds Ansicht vom homosexuellen Ursprung der Paranoia bei 
(übers. 4). Shockley erörtert in einer historischen Übersicht 
über die Ausbreitung der Freudschcn Theorien besonders die 
Projektionsmechanismen (287). Der Anteil der latenten Homosexua- 
lität an der Entstehung neurotischer und psychotischer Erkrankun- 
gen tritt immer mehr in den Vordergrund, wie auch llead in 
seinen noch später zu erwähnenden kriegspsychiatrischen Studien 
(260, 262, 264) beweist. 

Die modernen Psychiater erkennen bei den Beziehungen zwischen 
Alkoholismus, seelischen Erkrankungen und paranoiden Zu- 
ständen die psychische Verursachung an und stimmen in der Ansieht 
überein, daß der Alkohol nur ein beitragender Faktor ist und — 
außer in Fällen, bei denen das toxische Element nachweisbar ist 
— keineswegs der Verursacher der seelischen Abnormität. Eine 
psychologische Studie von Clark über einige Alkoholiker (B7) 
wurde bereits in dem Abschnitt „Allgemeine Theorie" erwähnt, 
Wholey (340) führt die Analyse einer alkoholischen Psychose 
mit zu Grunde liegenden unbewußten Komplexen durch. Er sagt 
„Die Psychose stellt den Höhepunkt eines lebenslangen Konfliktss, 
in dem angeborene moralische oder ethische Kräfte um die Herr- 
schaft gerungen haben, vor und der Alkoholismus des Patienten 
war vielleicht nur das geeignete Mittel zur Aufrechterhaltung seiner 
Verdrängungen." Er ist auch der Ansicht, daß der Patient nach 
Überwindung der Psychose auf eine gesündere und ausgeglichenere 
Aktivitätsbasis gelangen wird. Wir können also in diesem Falle 
den Alkohol nicht als zerstörendes Element auffassen. Wholey 
läßt in seinen Artikel eine Bemerkung über die Beziehung des 
Alkoholismus zum Selbstmord einfließen, bei deren Verständnis ihm 
der Eeferent nicht folgen kann. Er sagt nämlich: „Die Regel- 
mäßigkeit, mit der wir bei Alkoholikern Selbstmordversuchen duieh 
Hahsabschneiden begegnen, bestätigt die Theorie, daß die Art di?s 



Literatur in englischer Sprache. 295 

Selbstmordes durch eine Geburtsphantasie determiniert wird. Dieser 
Beitrag zur Psychologie des Alkoholikers stimmt zur Auffassung 
seiner homosexuellen Fixierung." Da kein geringerer als "White 
'lieser kühnen Behauptung beipflichtet, ist es nur zu bedauern, 
daß nirgends eine Erklärung für sie zu finden ist. Weitere Hin- 
weise auf die Beziehungen zwischen Alkohoiismu* und seelischen 
Erkrankungen finden sich in der Kriegsliteratur. 

Levin widmet den sehr wenig behandelten psychogenen 
Delirien einen Artikel (199). Hiebei darf auch die wertvolle, 
noch an anderer Stelle zu würdigende Arbeit nicht vergessen wer- 
den, die Glueck im Sing Sing Prison in New York geleistet hat. 
In seinem Buche über Forensische Psychiatrie (124) behandelt er 
die Gefängnispsychosen und erklärt viele der in Gefängnissen auf- 
tretenden stuporösen Zustände als Abwehrreaktionen und psychische 
Negierungen der Situation und Umgebung. An anderer Stelle de- 
monstriert er die Abwehrreaktionen des Simulanten (123). 

ß. Behandlung. 
Eine eingehende Darstellung der psychoanalytischen Behand- 
lungsmethode findet sich bei Jones (164) und Brill (14) und 
bei Frink (116), der ausführliche Krankengeschichten und Ana- 
lysen einer Angsthysterie und einer Zwangsneurose als Beispiele 
bringt'. Eine Artikelserie über ..Die Technik der Psychoanalyse" 
von Jelliffe (155) ist leider inhaltlich vag und voll von Miß- 
verständnissen. J e 1 1 i f f e schreibt dem Geschlecht des Analytikers 
einen so großen Einfluß auf den Verlauf der Behandlung zu, daß 
er unter Umstanden einen Wechsel während der Analyse für not- 
wendig hält. So meint er, daß männliche Patienten wegen einer 
eventuellen homosexuellen Tendenz wenigstens anfangs lieber von 
einer Frau behandelt werden sollten; ebenso Zwangsneurotiker in 
gewissen Stadien wegen ihrer stark aggressiven Tendenzen. Auch 
bei leicht erregbaren Hysterikern und Manikern und in Fällen, wo 
Schüchternheit als bewußte Abwehrreaktion auftritt, ist ein Wech- 
sel im Geschlecht des Analytikers vorzuziehen. Goslin schreibt 
(128) keineswegs überzeugend über eine spezielle Art der klinischen 
Verwendung der Analyse und Taylor und Clark über eine modi- 
fizierte psychoanalytische Behandlungsmethode. Taylor (315) 



Stanford Read. 

meint, nach. Beschreibung einiger Hysteriefälle, daß sieh bei einar 
teilweisen Analyse die Technik so modifizieren ließe, daß wir 
„den Schlingen der Übertragung entgehen und die zeitraubende 
Assoziationsmethode vermeiden kannten". "Diese Idei-, die nichts vre- 
niger als ein volles Aulgeben der Analyse bedeutet, bezeichnet fc 
als „in viel weiterem Maße anwendbar und frei von den meisten 
Gefahren der vollständigen Analyse". Auch alles Geheimnisvolle 
wird dabei, wie er sagt, beiseite gelassen. Uns scheint es viel ge- 
fährlicher, ein solches Spiel mit den Seolenkräi'ton zu treiben und 
Verantwortlichkeiten wegen der sich ergebenden Schwierigkeiten ab- 
zulehnen. Ärzte, die so denken, sollten sich jedenfalls von der 
Psychoanalyse fem halten. Clark, der anderer Meinung ist. als 
Taylor (68), sagt nach einer Besprechung seiner Erfahrungen mit 
der Methode : „"Wer die Psychoanalyse bei der Behandlung von Grenz- 
fällen zwischen Neurosen und Psychosen anwendet, muß dab^i mit 
der grüßten Vorsicht vorgehen. Doch können die Ärzte sieh ihrer m 
im weitesten Maße bedienen, um sich über die Probleme, zu deren 
Lösung sie den Patienten verhelfen müssen, klar zu werden und 
sich dadurch über die Heilungsmögliehkeitcn zu orientieren." An 
anderer Stelle veröffentlicht er einen Bericht über einige seiner 
Fälle (60). White gibt eine Übersicht über das allgemeine Ver- 
hältnis der Psychoanalyse zur praktischen Medizin (337). 

An dieser Stelle kann noch die bei Ausbleiben von Träumen 
während der Behandlung von Brili eingeführte (13) Analyse 
künstlicher Träume Erwähnung finden. 

Brill weist nach, daß zwischen dem wirklichen und dem 
künstlichen Traum fast gar keine Unterschiede bestehen, daß seine 
Traum analysen immer auf die Komplexe des Patienten führten Und 
die Behandlung ebenso wie wirkliehe Traumanalysen förderten. 
Ähnliche Ansichten hat schon früher St ekel ausgesprochen. 

Die Literatur über den psychischen Ursprung vieler soge- 
nannter epileptischer Zustände hat, schon an anderer 
Stelle ihre Besprechung gefunden. Emerson (100) publiziert einen 
Bericht über seine psychoanalytische Behandlung einiger von ihm 
ab hystero-epiloptisch bezeichneter Fälle. Er betrachtet den epilepti- 
formen Anfall als eine Art Orgasmus, eine Ersatzbildung zur Lösung 
der sexuellen Spannung, eine Auffassung, die nach ihm der von 






Literatur in englischer Sprache. 297 

St ekel und Clark vertretenen nicht widerspricht, sondern sie 
ergänzt. Die therapeutische Wirkimg der Analyse hängt nach 
ihm von der STibIimierungsfalng-kc.it ab. Goriat bietet uns in 
seiner Schrift- über die psychoanalytische Behandlung der Psycho- 
neurosen (78) eine der noch sshr seltenen statistischen Aufstellungen. 
Kr entnimmt seine Ergebnisse einer Serie von 93 Fällen — darunter 
allerdings auch einige Psychosen — von verschiedener Schwöre, die 
meistens schon aui' andere Arten erfolglos behandelt worden waren. 
Von diesen 93 Patienten wurde bei 46 eine vollkommene Heilung, 
bei 27 eine große, bei U eine geringe und bei 9 gar keine .Besserung 
erzielt. Im weiteren Verlaufe der Arbeit bespricht der Autor noch 
die Eignung der Fälle .für die Psychoanalyse, die Dauer der Be- 
handlung, die Vorausbestimmung über den Krankheitsverlauf und 
schließt mit einer Erörterung der statistischen Resultate. 

Auf psychiatrischem Gebiete wurde die Psychoanalyse haupt- 
sächlich bei manisch-depressivem Irresein während der normalen 
Periode; bei Paranoia und paranoiden Zuständen, büi Dementia prae- 
cox, bei Grenzfällen zwischen Xcurosen und Psychosen und ab- 
normen Zuständen angewendet. Clark stellt in seiner Arbeit über 
die psychologische Behandlung von „retarded depressions" (58, 59) 
günstige Prognosen und meint, „daß jeder derartige geeignete Fall 
einer eingehenden Analyse unterzogen werden sollte, um eine gründ- 
liche Heilung und die Vermeidung von Rückfällen zu ermöglichen". 
Er erwähnt auch, daß er bei jedem seiner Fälle die in Hochs 
„Study of ihe benign Psychoses" (148) aufgestellten Grundlehren 
über die Mechanismen der „retarded depressions" bestätigt fand. 
Coriat publiziert einen vorläufigen Bericht über die psycho- 
analytische Behandlung der Dementia praecox (76), in dem er 
sich dafür ausspricht, daß wenigstens alle leichten Fälle oder 
die Patienten in Anfangsstadien einer psychoanalytischen Be- 
handlung zugeführt werden sollten. Er zitiert die drei Typen 
spontaner Heilung von Bertschinger, nämlich Korrektur der 
Wahnbildungen, Res> mbolisierung und Vermeidung der Komplex- 
berührung, fügt ihnen aber als wichtigste vierte die durch die 
Psychoanalyse zu stände kommende Rückkehr zur Realität hinzu. 
Anschließend berichtet er über eine Reihe von Fällen. Coriat 
sieht während der psychoanalytischen Behandlung der Dementia 



298 Stanford Fead. 

praecox das erste Zeichen von Besserung- in einer Veränderung der 
Träume, die langsam ihren primitiven und infantilen Charakter 
verlieren. Darauf folgt dann eine Abschwächung der autistischen 
und negativistischen Tendenzen des Patienten und damit eine "Ver- 
änderung seines sozialen Verhaltens. Bei Kempf (1S7) finden wir 
einen ausführlichen Bericht über die psychoanalytische Behandlung 
eines Falles von Dementia praecox mit einigen zutreffenden Be- 
merkungen über das Ubertragungsproblem. Jelliffe (159) be- 
merkt, daß sieh bei der Dementia praecox die Libido in einer 
Phantasiewelt verfängt und dort durch die in der ursprünglichen 
Koraplexsituation angehäufte Aktivität gebunden bleibt, so daß 
eine gewöhnliche Übertragung mir selten zu stände kommen kann. 
Er schlägt daher eine neue Zugangsmögliehkeit vor, die sich schon 
teilweise bewährt haben soll, und zwar die Herstellung einer trian- 
gulären Ubertragungssituation. Da sich einer Person gegenüber die 
Affektivität zu leicht defensiv einstellt, könnte es gelingen, bei 
Ausnützung des psycliischen Prinzips der dreifachen Familienbezie- 
kung (vgl. die Trinität in den Religionen) die Übertragung nicht 
auf eine, sondern auf zwei Personen zu stände zu bringen. Hart 
beschäftigt sich in einem psychotherapeutischen Artikel mit den 
Beziehungen zwischen Suggestion, Überredung und psychoanalytischer 
Behandlung (137). 

III. Kriegsliteratur. 

Trotzdem die Anerkennung des psychogenen .Faktors bei den 
Kriegsneurosen neue Antriebe zum Studium der psychoanalytischen 
Theorien geschaffen hat, ist in England und Amerika verhältnismäßig 
wenig über dieses Thema publiziert worden. Bird (7), Read (264) 
und Eivers (273) beschäftigen sicli von modernen Gesichtspunkten 
aus mit der Psychologie des Soldaten und den psychischen Wir- 
kungen, die Einrückung, Ausbildung und aktiver Dienst auf ihn 
ausüben. Read bringt die freiwillige Einrückung mit eventueller 
latenter Homosexualität in Zusammenhang, ebenso wie viele der 
häufigen Angstzustände mit einer Verdrängung solcher Neigungen. 
Rivers ist für eine Modifizierung der militärischen Ausbildung, 
die die Suggestibilität des Soldaten seiner Meinung nach zu sehr 
verstärkt, und will dadurch die Grundlagen für neurotische Stö- 



Literatur in englischer Sprache. 299 

rungen verringern. Er zieht die Bezeichnung „Suggestionsneurose" 
der „Konversiommysterie" vor, ebenso wie „Verdrängungsneurose" 
der „Angsthysterie". Er versucht auf solche Weise, von. der Freud- 
scheu Terminologie loszukommen (273). 

Jones behandelt mit gewohnter Gründlichkeit die Frage, 
ob den Kriegsneurosen Freudsche Mechanismen zu Grunde liegen 
(164, p. 564). Er gesteht zu. daß man noch nicht genügend darüber 
weiß, um dogmatische Behauptungen aufzustellen, daß man aber 
allen Grund hat, dieselben psychologischen Mechanismen wie bei 
den Zivilneurosen zu vermuten. Er sucht in dem narzißtischen, an 
das Ich gebundenen Anteil der Libido den Schlüssel zu den Angst- 
zuständen, deneu wir bei den Kriegsneurosen so häufig begegnet sind. 
Er bezweifelt, daß der Grund in der Todesfurcht, wörtlich genom- 
men, oder in einem Todeswunsch gelegen ist, da die Vorstellung 
von dem eigenen Tode für das Bewußtsein wie auch für das 
Unbewußte überhaupt unfaßbar ist. In seiner Schrift „Zeitge- 
mäße Gedanken über Krieg und Tod" (Übers. 2), in der Freud 
sich mit diesem Thema beschäftigt, erklärt er die Entstehung der 
Todesfurcht aus einem unbewußten Schuldgefühl. Als erster publi- 
zierte Eder (92, 94) eine Schrift über die Kriegsneurosen, in der 
er den Terminus „war shoek" an Stelle der abgebrauchten Phrase 
„Shell shock" einführte. Obwohl Eder ausschließlich hypnotisch 
behandelte, verschafft er sieh auf psychoanalytischem Wege einen 
oberflächlichen Einblick iu den Fall und die bei seinem Zustande- 
kommen beteiligten psychologischen Mechanismen. Forsyth (115) 
und Farrar (111) beschäftigen sieh mit den Kriegsneurosen, letz- 
terer in einer sehr beachtenswerten Arbeit, in der er die Holle 
des psychogenen Faktors behandelt und nachweist, daß der Er- 
schöpfung an sieh keine ätiologische Bedeutung zukommt. Der 
gleichen Ansicht ist auch Stanford Read (260), dem auf dem 
Gebiete der psychischen Kriegserkrankungen reiche Erfahrungen zu 
Gebote, stehen. Read wendet sich in seiner Übersieht über die 
Neuropsycliiatrie des "Krieges gegen den alles umfassenden, noso- 
logischen Terminus „Neurasthenie", bespricht kurz die verschiedenen 
neurotischen Störungen und bringt schließlich zwei Fälle von In- 
fantilismus, durch einen Kriegschock hervorgerufen, ein klinisches 
Bild, das wir sonst nirgends iu der englischen oder amerikanischen 



ort/» Stanford Read. 

Kriegsliteratur besobriebeu Bvfea. Brown (28) beschäftigt sich 
oberflächlich mit der Rolle der Verdrängung M den Neurosen, 
Pride aus (212) mit der psychischen Verursachung des Stottern* 
und Dil Ion (86) bringt die Analyse einer zusammengesetzten 

Neurose. 

Von allen Lehren der Psychoanalyse hat der V er dräng ungs- 
meehanismus infolge der klinischen Erfahrungen im Kriege die 
weiteste Anerkennung gefunden. Die Bezeichnung wird heute von 
vielen gebraucht, die keine recht* wissenschaftliche Vorstellung von 
dem Inhalt dieses Begriffes haben. Interessant ist die Arbeit von 
Kivers über die „Verdrängung von Kriegserfahrnng©«" (270), und 
ebenso seine etwas oberflächliche Analyse der psychischen Verur- 
sachung eine« Falles von Klaustrophobie (276). MacCurdy liefert 
die bei weitem beste deskriptive Arbeit über die Kriegsneurosen 
(207), in der er die stufenweise Entwicklung des individuellen see- 
lischen Konflikts des Soldaten verfolgt, den dann ein zufälliges 
Trauma, wie die Explosion einer Granate, plötzlich als voll entwik- 
kclten Angstzustand enthüllt. Der Referent bezweifelt zwar die 
Richtigkeit von MacCurdys Auffassung der Neurosen als miß- 
glückte Sublimierung, hat seine Kritik dieser Ansicht aber schon 
an anderer Stelle ausgesprochen (260, 264). Es wird uns aus 
verschiedenen Gründen verständlich, daß Offiziere meist mit 
einst Angsthysterie, gemeine Soldaten dagegen mit einer Konver- 
sionshysterie reagieren. Bemerkenswert sind noch die von Mac 
Curdy angeführten Fälle, wie seine Ausführungen über Herzkrank- 
heiten und sein Vergleich zwischen der Wirkung einer Gehirn- 
erschütterung nnd äußerlich ähnlichen, aber rein psychisch bedingten 
Fällen. Diese in weiten Kreisen gelesene Monographie hat viel 
dazu beigetragen, auch der materialistischen Schule der Neurologie 
die Freudsche Psychopathologie näher zu bringen. 

Über die Kriegspsychosen sind, besonders in englischer Sprache, 
sehr wenig Arbeiten erschienen. Stanford Read spricht in 
seiner Übersicht über die Neuropsychiatrie des Krieges (260) seine 
Ansichten über das Thema aus und kritisiert verschiedene Bei- 
träge. An anderer Stelle (261) publiziert er zwei epileptoide 
Fälle mit einer oberflächlichen psychologischen Analyse der wirk- 
samen psychischen Faktoren und bestätigt dadurch die Auffassun- 



Literatur in englischer Sprache. 301 

gen von. Jung, Clark und Stekel. Ein interessanter Fall von 
Pseudologia phantastica bei einem Soldaten zeigt, wie weit ein 
pathologischer Lügner zur Verherrlichung seines Ichs zu gehen 
im stände ist. In einer Arbeit „Military psychiatry in peace 
and war" (264) legt Read besonderen Nachdruck auf die psy- 
chische Verursachung der sogen? nnten funktionellen Psychosen. 
Er -wendet sich gegen die Annahme einer reinen Erschöpfungs- 
psychose, ein von den ärztlichen Autoritäten in der Armee ge- 
prägter Ausdruck. Am interessantesten ist. d;is Kapitel über die 
von ihm häufig behandelten epileptoiden Zustände und seine Auf- 
fassung ihrer Pathologie. Der Alkoholismus, den er nur als bei- 
tragenden Faktor auffaßt und seine • Beziehungen zu psychotischen 
Erkrankungen werden des längeren erörtert. Das Buch gewinnt noch 
an Interesse durch die Aufzeichnungen und Analysen von über 
3000 Fällen von seelischen Erkrankungen, die nach und nach unter 
seiner Beobachtung standen. Chambers (48), der anscheinend die 
Rolle des psychischen Faktors voll anerkennt, berichtet in einem 
kurzen Artikel über die Erfahrungen und Ansichten eines Psy- 
chiaters in Frankreich. 

IV. Angewandte Psychoanalyse. 

Die Fülle von Aulklärungen, die die psychoanalytischen Theorien 
über ihnen anfänglich fern liegende "Wissensgebiete gegeben haben, 
ißt der beste Beweis für die Richtigkeit ihrer Grundlagen. Der 
Fortschritt der Zivilisation, die Religion, Philosophie und Ethik, 
die Schöpfungen der Literatur und Kunst, die Bedeutung der Mär- 
chen, Sagen und der Folklore : sie alle sind in ein neues und lwsseres 
Licht gerückt worden. Im folgenden soll ein kurzes Referat über 
die reichhaltige Literatur, die diese Gebiete betrifft, erstattet werden. 

"Wir verweisen hier vor allem auf die den deutschen Lesern 
bekannte ausgezeichnete Arbeit von Rank und Sachs — von 
Payne ins Englische übertragen (übers. 20). 

Der Fortschritt in der Erziehung wird in der Zukunft 
zweifellos durch die Kenntnis der Psychoanalyse, große Förderung 
erfahren. Jones (164) behandelt dieses Thema in einigen inter- 
essanten Aufsätzen. Er lehrt uns, das Seelenleben dynamisch als einen 
Strom von "Wünschen, die nach Befriedigung streben, aufzufassen, 



302 Stanford Read. 

■und zwar so, daß die älteren die neu auftauchenden "Wunsche und 
Interessen in ihrer Intensität und Existenz bestimmen. Da die Rich- 
tung der kindlichen Wunschregungen für die ganz:; Zukunft des Indi- 
viduums maßgebend ist, kann eine befriedigende Seelentätigkeit 
nur durch die Harmonie zwischen den Triebkräften des kindlichen 
Seelenlebens erreicht werden. So wird die Erziehung in der Zukunft 
nicht mehr Tein intellektuell, sondern allgemein menschlich gerichtet 
sein müssen. Die Ergebnisse, die dadurch erreichbar sind, können 
wir an den psychoanalytischen Erfolgen Pfisters (Übers. 18j 19) 
als Pastor und Lehrer messen. Auch Payne (238) bemüht sich, 
uns anf den richtigen Weg zu weisen. Am deutlichsten wird uns 
die moderne pädagogische Tendenz, die Individualität zu erkennen 
und auszubilden) vielleicht in Lays Arbeit über das unbewußte 
Seelenleben des Kindes (197, 198) vor Augen geführt. Er wendet 
in ziemlich populärer "Weise psychoanalytische Begriffe auf das 
Leben des Kindes in Schule und Haus an. Dasselbe tut White 
(338) in einem kürzlich erschienenen Buch. Putnam (246) be- 
merkt, daß swax unmöglich alle Eltern und Lehrer Psychoanalytiker 
werden, daß sie aber Mittel und Wege finden können, Tim die wich- 
tigsten Lehren der Psychoanalyse für die Haus- und Schulerziehung 
der Kinder zu vei-werten. Eine gedankenreiche Arbeit von Flügel 
(114) verfolgt die moralische Entwicklung mit Hilfe Freudschcr Me- 
chanismen. Flügel sieht in der Sublimierung den mächtigsten Ent- 
wicklungsmechanismus für das Individuum wie für die Rasse und 
stellt sie hoch über die Verdrängung, da bei ihr die Energie frei 
wird, die die letztere nutzlos bindet. Die Entwicklung scheint sich 
von der primitiveren Verdrängung, durch die der Fortschritt in 
früheren Stadien bedingt wird, zu einer bewußteren Kontrolle der 
Gedanken und Handlungen zu bewegen. Daher können wir an der 
bewußten Kontrolle, der ein Glauben oder eine Institution unterliegt, 
iliren kulturellen Stand messen, was uns, wie der Autor meint, einen 
unschätzbaren Maßstab zum Studium moralischer und sozialer Er- 
scheinungen an die Hand gibt. Auch Putnam beschäftigt sich 
kurz mit dem Verhältnis der Psychoanalyse zur Erziehung (254). 
Hier findet sich eine Überleitung zu den Versuchen, Gesichts- 
punkte und Ergebnisse der Psychoanalyse auf ungeklärte Probleme 
der Völkerpsychologie anzuwenden. Wir verdanken Brill 



Literatur in englischer Sprache. 30a 

eine Übersetzimg' von Freuds , : Totem und Tabu" (übers. 7), 
einem grundlegenden Beitrag- zur Eniwickluni^psychologie der Masse. 
Rivers psychologische Erörterung der Sitten, Kunst und Magie 
bei verschiedenen primitiven Völkern mit ihren Beziehungen zur 
Traumpsychologie ist schon an anderer Stelle gewürdigt worden (272). 
Jelliffe publiziert eine interessante Autobiographie eines Zwangs- 
neurotikers (156), dessen infantile Phantasien nach der Analyse imd 
der Lektüre von zwei Arbeiten Frazers den animistischen Ge- 
dankengängen primitiver Völker an die Seite gestellt werden. 

Fra-zers „Golden Eough" ist eine Fundgrube für die 
Literatur auf mythologischem Gebiete. Brink liefert eine 
vergleichende kritische Übersicht über dieses Werk und eine Studie 
über die menschliche Entwicklung mit besonderer Beziehung auf 
die Erfassung des Realitätsprinzips und die daraus resultierende 
Entstehung einer unbewußten Rassenerbsehaft (23). Der gleiche 
Autor, gemeinsam mit Jelüffe, gibt auch eine psychoanalytische 
Interpretation des mythologisch so reichhaltigen „Willow Tree — 
A Fantasy of old Japan" (25, 158). Diese „Zwang und Freiheit" 
betitelte Analyse gewährt uns Einblick in den Zwang, dem jedes 
Seelenleben zum Nachteil seiner vollen Kräfteentfaltung mehr oder 
weniger unterworfen ist. In einem Aufsatz über vergleichende 
Mythologie und die Geschichte der Medizin, von psychoanalytischen 
Gesichtspunkten aus betrachtet, beschäftigt sich White (330) mit 
dem Mond als „Libidosymbol" und verfolgt seine Bedeutung im 
Denken aller Völker in prähistorischen Zeiten. Diese Untersuchung 
scheint geeignet, ein neues Licht auf die in Deutschland grassierende 
„Mondmythologie" zu werfen. Weitere mythologische Beiträge fin- 
den sich nur in Übersetzungen (Übers. 21, 22, 24), 

Religionspsychologische Studien von analytischen Gesichts- 
punkten aus finden wir bei ein oder zwei Autoren. Sehroeder 
(280) analysiert in einer Studie über die erotischen Grundlagen der 
Religion die Märtyrerin von Wildebuch, eine historische Schweizer 
Gestalt. Er erklärt in diesem Falle die als „übernatürliche" Kräfte 
au Tage tretende Religiosität als einen Ausfluß überstark l>etonter 
Sexualität und vergeistigter, transzendentalisierter und vcrgöttlich- 
ter Psychoerotik und meint, daß auch in zahlreichen anderen Fällen 
von religiösem Fanatismus und Enthusiasmus die genauere Forschun»- 



£y4 Stanford Read. 

zu derselben erotogenetischen Deutung führen würde. Schroedcr 
sieht in jeder Religiosität, überall nnd zu allen Zeiten nur eine 
sexuelle Ekstase, die gelten als solche erkannt und daher leicht 
und häufig als mysteriös und transzendental mißdeutet wird. Der- 
selbe Autor behandelt das Thema noch in einer anderen Arbeit 
(281), Groves in seinen „ Freud ion elemente in the animisin of 
the Niger Delta'' (132) analysiert die Geschichte der westafrika- 
nischen Stämme am unteren Niger und versucht, Einblick in den 
Sinn ihrer primitiven Philosophie und Religion zu gewähr«!!. Er 
zeigt den subjektiven Ursprung des animistisohen Systems dieser 
Völker, ihre "Wunschmotive, ihre Unterwerfung unter das Lust- 
Unlust-Prinzip und die große Bedeutung ihres Traumlebens. Aunh in 
Freuds »Totem und Tabu" (Tjbers. 7) erfahren wir natürlich viel 
über primitive religiöse Gebräuche und werden gelehrt, die Zwangs- 
neurose als eine Karikatur der Religion anzusehen. Putnam bespricht 
in ninem kleinen Beitrag zur Sozial- und Religionspsychologie die 
Motive des menschlichen Handelns, die er in jahrelanger Beobachtung 
und in seinen neueren psychoanalytischen Forschungen erkannt hat. 
Er findet, daß der Konflikt zwischen unseren rationellen und emo- 
tionellen Impulsen das Zusammenspiel zweier Motive, des konstruk- 
tiven und adaptiven ergibt, deren historische Entwicklung man 
beim Individuum wie bei der Rasse verfolgen kann. 'Während der 
religiöse Glaube das Streben des Menschen nach Idealen auf ein 
göttliches Geheiß hin zeigt, verrät die Psychoanalyse das Vorhan- 
densein unbewußter Tendenzen, die bei ungenügender Kontrolle 
diesen natürlichen Strebungen entgegenarbeiten. Holt (149) ist be- 
müht, die Beziehungen der Ereudschcn Lehren zu Problemen der 
Ethik und Sittenkunde aufzuzeigen. Er bietet, wenn auch in eng^r 
Begrenzung, manche interessante Gedankengänge. 

Unser Verständnis aktueller seeliseher Probleme wird ebenso 
wie durch das Studium primitiver Völker auch durch die For- 
schungsergebnisse an niedrigeren Tieren gefördert. Auf diesem Ge- 
biete der vergleichenden Psychologie tritt Kempf mit 
einer Arbeit über das soziale und sexuelle Verhalten der Affen, 
das er mit dem menschlichen Verhalten vergleicht, hervor (184). 
Sechs Makasusaffen, die durch acht Monate hindurch beobachtet 
wurden, geben dem Autor interessante Aufschlüsse über die phylo- 



Literatur in englischer Sprache. 305 

genetische Entwicklung des Menschen. Er vergleicht die Homo- 
sexualität hei diesen Affen mit der der Menschen und zeigt, daß 
dio Unterwerfung als homosexuelles Objekt mit biologischer Infe- 
riorität hei den Primaten, verbunden ist und wie bei den Menschen 
zur Erlangung von Schutz und Nahrung geübt wird (109). Von 
besonderem Interesse ist es zu bemerken, wie von diesen Affen in 
gleicher "Weise wie von den menschlichen Primaten katatonische 
Einstellungen automatisch zur Verteidigung ausgelöst werden. 

Die Anwendung der Psychoanalyse auf die Literatur hat 
uns die geheimnisvollen Wege des Unbewußten besonders klar ge- 
zeigt. Coriat (77) verfolgt die sadistischen Züge in der Salome 
von Oskar Wilde und macht uns darauf aufmerksam, daß "Wilde, 
der als selbst Leidender vollen Einblick in sexuelle Perversionen 
und die polymorphe Natur des menschlichen Sexualtriebes besaß, 
als erster diese Legende als sadistische Episode dramatisiert. An- 
deutungen des gleichen Impulses findet Coriat in Wildes 
„Picture of Dorian Grey" und in der „Ballad of Reading goal". 
White berichtet über das stetige Vordringen psycho analytischer 
Ideen durch alle Schichten des sozialen Lebens, ihre Erwähnung 
auf der Bühne, in Novellen und Unterhaltungsschriften. Eine 
lesenswerte Geschichte von Hay „Mrs. Marden'a ordeal" (140) be- 
dient sieh mit dichterischer Freiheit psychoanalytischer Prinzipien. 
Die Psychologie eines chinesischen, für die Bühne dramatisierten 
Gedichtes „The Yellow Jacket" (185) eröffnet eine Reihe anregen- 
der Gedankengänge. Das Gedicht fet mit seiner Pulle von Sym- 
bolen das Produkt der ungeheuren vieltausendjährigen Bevöl- 
kerung Ostasiens, daher in seinem synthetischen Aufbau der 
sprechendste Ausdruck ihrer Gefühle. Kempfs interessante Ana- 
lyse und Deutung (185) weist dem Psychoanalytiker neue Wege 
zur Behandlung männlicher Psychopathen. Weinberg (321) hat 
in älteren philologischen Archiven Material entdeckt, das ihm — 
von Preudschen Gesichtspunkten aus — das Verhältnis des Neffen 
zum Onkel, mütt er] icherseits zu verherrlichen scheint und versucht 
in einer kurzen Monographie (322) Aufschluß über die Grundlagen 
dieser Erscheinung zu geben. Er zeigt an Beispielen die überstarke 
Betonung der Bindung des Neffen an den Onkel, verbunden mit 
einer Lockerung des Verhältnisses zum Vater, beschäftigt sich mit 

PVC>K)HU]y»e, Brricht IBM— IBIS. 20 



306 



Stanford Read. 



dem Vaterkomplex und deutet den Heroismus zum Teil als Auf- 
lehnung gegen die Herrschaft des Vaters. Viele seiner Bemerkungen 
vertiefen unser Verständnis für neurotische Probleme. Die Analyse 
einer moderneren Literatureracheinung finden wir in der psycho- 
analytischen Betrachtung von Francis Thompsons Gedicht 
„The Hound of Heaven", das Moore ala eine Autobiographie des 
Autors auffaßt (221). Es werden darin die Strebungen der Libido, 
zuerst ungezügelt, unkompeflsiert und unsublimiert dargestellt, die 
dann später durch die Bemühungen des Ichs auf den einen und 
anderen Weg gelenkt werden, bis schließlich das Ich durch 
religiöse Sublimierung über die Libido triumphiert. In ähnlicher 
Weise analysiert Kuttner die Novelle „Sons and Lovers" von 
D. H. Lawrence mit hochinteressanten psychologischen Schluß- 
folgerungen (194). Wie Tannenbaum (307, 309) ausführt, findet 
sich bei Shakespeare reichliche Gelegenheit zu einer Analyse 
verschiedener Charaktere. MacCurdy zieht psychiatrische Paral- 
lelen zur Hamlet- und Orestesgestalt (211). Die Dichter haben 
häufig genug beim Konstruieren der Träume ihrer Romangestalten 
in Bestätigung der Freudschen Theorie eine unbewußte Kenntnis 
vom Sinn der Träume verraten. Ein schönes Beispiel dafür gibt 
uns Freud selbst in seinem Buch „Der Wahn und die Träume 
in Jensens Gradiva" (Übers. 7). Diese Analyse enthält Bemerkungen 
von unschätzbarem Wert über Träume, Wahnbildungen und ihre 
Heilung. Weinberg (321) bringt in einem Beitrag die Analyse des 
Traumes aus „Jean Christophe". Eine besonders willkommene Arbeit 
ist die letzte hieher gehörige Neuerscheinung „The crotic motive 
in litera.ture" von Mordeil (223), der psychoanalytische Erkennt- 
nisse auf die Literatur anwendet, mit seltener psychologischer 
Schärfe in verborgenen Sinn eindringt und eine Fülle von Auf- 
klärungen gibt. Ein Auszug aus dieser Arbeit ist wegen ihrer 
Reichhaltigkeit hier unmöglich. 

Obwohl vieles über die Beziehungen des Unbewußten zur 
Kunst zu sagen wäre, ist in den letzten Jahren nur wenig Literatur 
zu diesem Thema erschienen. MacCurdy, der mit Hoch über 
die Psychologie der gutartigen Psychosen gearbeitet hat, be- 
spricht in einem Artikel über ihre beschleunigenden Ursachen ihre 
Beziehungen zur Kunst (209). Ein Studium dieser Faktoren lehrt 



Literatur in englischer Sprache. 307 

uns die schwer zu erfassende Quelle unserer Gefühle kennen, 
zeigt, daß die Kunst mit dem Fortschritt der Basse vom Barbaris- 
mus zur Zivilisation zur Verfeinerung gelangt ist und daß die 
Inspirationsquelle jedes Künstlers, gleichgültig, welches sein Aus- 
drucksmedium ist, im Unbewußten liegt. Nach MacCurdy haben 
die an Kranken gemachten Erfahrungen auch eines der Eätsel der 
Kunst gelöst. Jedes Kunstwerk übt eine bewußte Wirkung auf 
uns aus. birgt aber iinter seiner Oberfläche, die nur ein Symbol 
ist, einen geheimen Sinn, der zu unserem Unbewußten spricht. Last 
illustriert diese Theorie in der psychologischen Besprechung eines 
Kinostücks (195) und Burr analysiert die bildlichen Komplex- 
darstellungen von Geisteskranken (31). Besonders interessant ist in 
dieser Beziehung noch ein Artikel von Kvarts (108), der an einer 
von; einer psychotischen Patientin entworfenen Spitze ihre Inzest- 
phantasie nachweist. Er analysiert die verschiedenen Figuren dieser 
seltsamen Spitzenschöpfung (von der eine ausgezeichnete Photo- 
graphie beigefügt ist) Stück für Stück und verfolgt ihre symbolische 
Bedeutung für die Lebensgeschichte der Patientin. 

Eine ausgezeichnete und anregende Lektüre bieten uns die 
psychoanalytischen Charakterstudien über historische Persön- 
lichkeiten, in denen ihre Lebensarbeit und hervorstechende Gharakter- 
züge auf Erfahrungen des kindlichen Lebens zurückgeführt und als 
Reaktionsbildungen oder Sublimierungen infantiler Neigungen erklärt 
werden, so daß wir vieles als sinnvoll und bedingt erkennen, was 
wir sonst als Ergebnis eines Zufalles betrachtet hätten. Dooley 
publiziert „Psycho-analytic studies of genius" (89), gesammelte Aus- 
züge aus Essays über die Psychologie großer Männer, die in 
dem letzten Jahrzehnt, größtenteils in den deutschen psychoanaly- 
tischen Zeitschriften erschienen sind; darunter befindet sich ein 
Auszug aus Freuds Studie über „Leonardo da Vinci" (Übers. 9), 
in der viele Züge aus dem Leben dieses großen Künstlers auf eine 
kindliche Geierphaatasie zurückgeführt und hochinteressante Schluß- 
folgerungen entwickelt werden. In ähnlicher Weise wird die Lebens- 
geschichte folgender Personen behandelt: Giovanni Segantini, An- 
drea del Saxto, Hamlet, Dante, Nikolaus Lenau, Heinrieh v. Kleist, 
Gogol, Wagner, Napoleon I, Louis Bonaparte, König von Holland 
(174), Amenhotep IV. von Ägypten, Graf Ludwig von Zinzendorf, 



„qu Standford Read, 

Margarete Ebner, Ignatius Loyola und Schopenhauer. Viereck 

publiziert eine «ehr subjektiv aufgefaßte Monographie über Boo- 
sevelt, die er eine Studie über Ambivalenz betitelt (319), Karpas 
eine Arbeit über Sokrates im Lichte der modernen Psychopathologie 
(179) und Blanchard eine psychoanalytische Studie über Auguste 
Comte (8). Kempf gibt in seiner immer anregenden Art Auf- 
schlüsse über Charles Darwin, seine Persönlichkeit, die affektiven 
Quellen seiner Inspiration und seine Angstneurose (186). Darwins 
Interesse für die Ausdmcksmöglichkeiten der Gefühle und seine 
frühe Erforschung des Pflanzenlebens waren durch den Einfluß 
des Vaters bedingt, der auch in der Bestimmung seiner Charakter- 
entwicklung und Laufbahn eine große Rolle spielt. Die affektiven 
Folgeerscheinungen seiner Angstnetuose, die Kempf auf die voll- 
kommene Unterwerfung unter den Vater zurückführt, ließen sich 
durch geschickt ausgesuchte Konversionen unterdrücken, so daß 
Darwin nur unter Ernährungsstörungen, lästigen Herz- und *Gefäß- 
reaktionen, Schwindel, Zittern und Schlaflosigkeit zu leiden hatte. 
Putnam analysiert die Lebensgeschichte einer Patientin und be- 
leuchtet die oft beobachteten nachteiligen Polgen einer „altmodi- 
schen" streng religiösen Erziehung (250). Prince veröffentlicht 
eine etwas oberflächliche Studie in Buchform über Kaiser Wilhelm 
(243), bespricht sein „Gottesgnadentum", sein Selbstgefühl und seine 
Stellung zur Demokratie, die er als unbewußte Phobie, als Purcht 
vor der Demokratie wegen der ihm und seinem Haus drohenden 
Gefahr, auffaßt. In diesem Sinne betrachtet er die Antipathie des 
Kaisers als eine stark gefühlsbetonte Abwehrreaktion. Die psycho- 
logische Analyse geht nicht sehr tief. 

' Wir kommen nun zu der Literatur, die die Anwendung der 
Psychoanalyse auf soziologische Probleme behandelt. White 
gibt in seinem Buch „The primciples of mental hygiene« (328) eine 
kurze, aber gedankenreiche und seht lesenswerte Besprechung der 
Psychologie der Geisteskranken, Neurotiker, Schwachsinnigen und 
verschiedener sozialer Probleme. Groves (131, 133) behandelt die 
soziologische Bedeutung der Preudschen Lehre für die Deutung 
menschlicher Motive und Handlungen, und Burrow die Stellung 
des Psychoanalytikers in der Gemeinschaft (40). Ein interessantes 
Essay von Jones „War and individual psychology" (172) zeigt 



Literatur in englischer Sprache. 309 

uns eines der schwierigsten sozialen Probleme in psychoanalytischer 
Beleuchtung. Er spricht über den Einfluß gefühlsmäßiger Fak 

toren auf Entschluß und Urteil und fragt sich, ob nicht in den 
Menschen eine starte Tendenz für den Krieg als Lösung sozial- 
politischer Probleme besteht. "Bei der immer bestehenden Neigung, 
zu primitiven Manifestationen verdrängter Impulse zu regredieren, 
scheint es nicht unmöglich, daß ein innerer Zusammenhang zwi- 
schen den furchtbaren, im Kriege verübten Grausamkeiten usw. 
und den verborgenen Ursachen des Krieges selbst beBteht. Er stellt 
die interessante Trage, ob wir nicht -vielleicht schon in unseren 
Sublimierungsleistungen an der Grenze de« Möglichen angelangt 
sind. Bei zu weit getriebener Verdrängung muß es zu einem ge- 
waltsamen Ausbruch der zu ihren unbewußten Quellen zurück- 
gestauten Energien kommen, während bei unvollkommenerer Ver- 
drängung die Sublimierung besser gelingt-. Dov Krieg löst, überhaupt 
stärker als alles andere die guten und bösen Kräfte des Menschen 
aus. Brill beleuchtet in seiner Studie über die Anpassungsfähig- 
keit der Juden an amerikanische Verhältnisse (20) eine andere 
Seite der psychoanalytischen Soziologie. Karpas schreibt über 
Zivilisation und Geisteskrankheit (180) und behandelt die Prostitution 
(182) vom Standpunkte des Psychopathologen aus. Putnam 
spricht die Hoffnung aus, daß eine Umwandlung der Erziehung 
auf psychoanalytischer Grundlage eine Verringerung der Zahl der 
Geisteskranken mit sieh bringen werde (256). Die Anwendung 
der modernen psychopathologisehen Erkenntnisse auf die Bechts- 
pflege wurde in Amerika besonders durch das National Gommittee 
for Mental Hygiene gefördert. Eine aHerdin,!»s nicht rein psycho- 
analytische Arbeit von Healey muß hier Erwähnung finden. Er 
findet, in voller Übereinstimmung mit der Preudschen Lehre, daß 
sich die Mehrzahl der von Jugendlichen begangenen Verbrechen 
aller Art auf die Wirksamkeit sexueller Konflikte zurückführen 
läßt (141, 142). Glueck hat mit seinen Verbrecherstudien im 
Sing Sing Prison ausgezeichnete Arbeit geleistet. Er sieht in den 
sogenannten „Gefängnispsychosen" Abwehrreaktionen und zeigt, wie 
groß der Prozentsatz der seelisch Abnormen unter den Insassen 
seines Gefängnisses ist. Sein Buch über „Forensische Psychiatrie" 



3 IQ Stanford Read, 

(124) enthält die Analyse eines Falles von Kleptomanie, den er 
auf einen sexuellen Konflikt zurückführt. 

Eine neue anregende Gedankenreihe eröffnet uns Hall in 
ihrem Artikel „The long Handicap" (150). der unser Interesse auf 
die historische Entwicklung der Frauen und die moderne Entwick- 
lung des weiblichen Individuums lenkt. Sie sieht im weiblichen 
Leben stärkere Nötigungen zur Verdrängung als im männlichen und 
bezieht sich dabei auf die Menge von Konventionen, Tabus usw., 
die sich der freien Entwicklung der Frau hemmend entgegenstellen. 
Sie steht in ihren Ausführungen auf dem Boden der psycho analy- 
tischen Lehre und der Ad 1 ersehen Kompensationstheorie. In seiner 
Besprechung der psychischen Ursachen der androkratischen Ent- 
wicklung (282), die er auf die Unterschiede der Sexualmechanismen 
zurückführt, beschäftigt sich Schroeder mit ähnlichen Themen. 
Er sieht in der Androkratie die natürliche Folge der auf Unwissen- 
heit beruhenden Mystik, auf die auch der Fhalluskult zurückzu- 
führen ist, und entwickelt seine Theorien über dieses Thema. 

Brill beschäftigt sich in einem kleinen Beitrag zur Psycho- 
pathologie der modernen Tänze (16) mit den Beziehungen der rhyth 
mischen Bewegung zur Sexualität. 

Eine spezielle Anwendung der Psychoanalyse auf sozialem Ge- 
biete wird in Zukunft die Erforschung der Bcrufseigtumg des Ein- 
zelnen bilden, ein Unternehmen, dessen wohltätige Folgen für die 
soziale Gemeinechaft auf der Hand liegen, Brill veröffentlicht, 
eine vorläufige Mitteilung zur Psychopathologie der Berufswahl 
(21), der hoffentlich noch ähnliehe Publikationen anderer Autoren 
folgen werden. 






Französische Literatur, 

Referent: Dr. Raymond de Sauaanro (Genf, 3 ) 



Literatur: 1. Amonroux: Etiits Incotnj'atibles avec Je Psa. Rev. dö 
Psychotherapie. 1915. T. XXIX. p. ES. — 2. Baroni Victor: Les Etudes Modernes 
sur lo Mysticiame. 55 ji. Geneve Imprimerie des Accacias. 1919. — 3. Bandoin: 
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1916. T. XVI. p. 133—142. — 4. Ders.: Psa, do quelques traubles nervenx. 
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La Fetiille 2G oefc. et. 9 now 1919. — Ders.: .Suggestion et Autosuggestion. 
Delachaux et Nestle. 1919. Neuchätel et Paris. — T. Berguer Georges: Bevue 
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Psa. avec ou saus Hypnose et sea regles chei l'Eniant, Gazette iKdicale de 
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de ThC-ol. et de Phil. 1919. Laus. p. 157—175. — 19. Claparfede Edouard, Prof.: 
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Pedagogi© E-Tperimentale. 1. vol. Geneve. Kundig 1915. — 15. Ders. : Sur 
la Fonetion du Reve. Rev. Philos. 1916. p. 298. — IG. De«.: RSve Satis- 
faiaant un D<?sir. Aren, de Psycho! 1917. T. XVI. p. 300—302. — 17. CourboD 
Paul: La Convoitiee Incestueuse dans la Doctrine de Freud. Enc6phale, Avril 
1914. 18, Delage "Sres, Prof.: üne Psychose Nouvelle: La Psa. Meicure 
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T. XVI. p. 73—99. — 20. Ders,: Theorie du Mtb de Freud. Ibidem. 1915. 
T. XV. p. 117 — 135. — 21. Ders.: Constitution des Ideos et Base physique des 
Processus paycUiques Rev. Thilos. 1915. T. LXXX. p. 289—313. — 22. Ders.: 
Porte« Philoso] et Valcur Llilitaire du Reve. Ibidem, Paria 1916. p. 1— 23. 

— 23. Ders.: Quelques Points de la Psycho], du Reveur. Bull. Inst. Psyeh. 1919. 
T. XIX. p. 75—85, — 24. Ders.: La Conscienoe Psychique et le B&ve. Ibidem, 
p. 163 — 187. ■ — 25. Demöle Victor, Dr.: Analyse PsychüLtriqne des Confessions 
de Rousseau. Aich. Suisse de Neuro! et de PsyoMafcrie. T. %. p. 272—307. — 
26. Devaox et Logre. Drs.: Les Anxieux, 1. vol. 300 p. Paris. Maason 1917. 
~ 27. Dwelshauvers Georges, Prof.: L'Inoonscient. 1. vol. Paris. Flam- 
marion. 1916. — 28. Farez: La Psa. Franeaiae. Rev. de Psychotherapie. Paris. 
T. XXIX. p. 22. — 29. Flournoy Theodore, Prof.: üne Mystique Moderne. 
(Documenta pour la Psychol. Relig.) Arch. de Paychol. 1915. T. XV. p. 1—224. 

— 30. Flonrnoy Henri, Dr.: Notes sur Quatre Gas d'Obsessions et Impulsions 

*} Übersetzung von Dr. Th. Reik (Wien). 



qi g I)r, Raymond de Sansenre. 

a debufc insfcantane. Geneve. Kundig. 1917. 24 p. — 31. Ders.: Symbolisme 
m Psychopathologie. Aicli. de Psychol. 1919. T. XVII. p. 187— 20T. — 32. 
I>er8.: Quelques Remarques aar le Symbolisme dans l'IIystciie. Ibidem, 
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Paris. Alcan. 1919. — 31. Heckel, Dr.: La Nevrose a'Augoisse. 1. vol. 535 p. 
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1916. T. XVI. p. 152—179. — 37. KoIlaritB, Prof.: Observation* do Psychol. 
Quotidicnne. Ibidem. 1911. T. XIV. p. 225-217. — 3B. Dcrs.: Contributions 
a l'Etudc des Reves. Ibidem, p. 248— 276. — 39. Kostileff: 1.0 Mccanisaus Cerebral 
de la Pensee. 1. vol. Paris. Alcan. 1911. — -10. Ders.: Contributiun ä VEtude Au 
Scntiment Amoureüs. Kev. Philosoph. Mai 1911. — 41. Ders.: Sur la Forma- 
tion du Complexe Eroti^ne dans le Sentiment Amourcux. Ibidem. T. LXX1X. 
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Acquisc. Arch. d'Anthrop. Crim. et de JTCd. Leg. Avril 1911. — 43. Ladame Ch.: 
Guy do Maupasaant. 1 brochure. 17 p. Edit. do la, Rev. Romarde. Lausanne 
1919. _ 44, Lalanäe, Prof.: La Psychologio: Ses Divers Objets ofc ses Me- 
thode*. Rev. Philoa. T. LXXXVII. 1919. p. 177-221. — 45. I>arguier des 
Bancele, Prof.: Sur los Origincs de la Notion d'Ame; ü. propos d'une. Inter- 
diclion do Pythagore. AtcIi. de Psychol. 1918. T. XVII. p. SS— GG. — 
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do Paria. 1911. — 47. Ders.: A propos de la Psa. "Rev. de Psychother. 19J4. 
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Zürich 1917. — 49. Ders.: Guerison et evolution dana la \ie do lMmo. 1 vol. 
Ibidem. 1918. 69 p. — 50. TKenzerath Paul: Psychopath, do la vie journalierc. 
Bull, de la Soi\ d'Anthrop. de Bruxclles. Mars 1914. — 51. Morel Ferdinand. 
Dr. Phil.: Essay aur l'Itiirovcrcion Mystique. 1 vol. 338 p. Geneve. Kündig. 

1918. — 52. Mourgne et Colin, Dra.: Les Enseignements Jlethodologuiacs irt la 
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Nttville Francois, Dr.: Hysterie ou Pithiatismc? Rev. Med. do la Suiase 
Romande. 1919. T. XXXIX. p. 13-14. - 54. Odier Charles, Dr.: A propos 
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Korresp.-Bla.tt f. Schweizer Arzte. 1919. Nr. 23. — 56. Pachantoni, Dr. : Science 
Galante. Roman. 154 p. Lausanne. Spes. 1919. — 57. Peres: Pensiio Symbo- 
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— 58. Plaget Jeau: La Psa. Bt la Pedagogio. Bull, de la boc. Alfred liinet. 
Nos. 131 et 133. Paria, Alcan. — 59. Regis. Dr. Prof.: Precis de Psychiatrie. 
1 vol. 1230 p. Collection Testut. Paria. 5c ed. 1914. — 60. Regia ot Heanard: 
La Psa. des Nevroses et des Fsychoaes. 1 vol. 384 p. Paris. Alcan. 1914. — 
61. Eibot Theodule, Prof.: Le Probleme do la Pensee sans Image et saus 
Mot. Rev. Philos. T. XXXV III. No. 8. — 62. Ders.: La Logupie Affective et 
la Pea. Ibidem. T. IL de 1914. p. 144—161. — 63. Dera.: La Pensee Sym- 
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d'un Disciple d'Unternährcr. Arch. de Psychol. 1919. T. XVII. p. 207—308. 

— 66. Secretan Andre: Le Probleme du Salut dans la Bhagavadgita. 1 vol. 
113 p. Wysa et Duchene. Geneve 1919. — 67. Voivenel: üna Cristallopathie, 
a propos des pretentions pedagogiquea de la Psa. Arch. Med. Beiges. 1918. 
p. 18—31. — €8. Janet Pierre, Prof.: Loa Medications psychologiquea. 3. vol. 

1919. Paris. Alcan. — 69. Lombard, Prof.: Freud, la Payohanalyse et la 



Französische Literatur. 313 

Theorie Fsychogeneliqu« du Nfivroses. Bei', de Theol. et de PhiJos. Lausanne 
1014. p, 14—47. 

Die Psychoanalyse i^t in Frankreich auf eine Opposition ge- 
stoßen, die nur teilweise verständlich ist. Man ha.i ihr zum Vor- 
wurf gemacht, sie verallgemeinerte ihre Theorien zu leicht, und die 
Ansicht, von Belage faßt demgemäß die Meinungen einer großen 
Zahl von französischen Psychologen zusammen (Nr. 20, p, 134): 

„Freud hätte", sagt er über die ,.Tr;tun>dc-utung", „mit seinen sehr tiefen 
Kenntnissen, seinem FloiU. seinen reichen Belogen und eeinom. eindringenden 
Verstand ein ausgezeichnetes .Buch geschrieben, wenn er sich nicht durch den 
verhängnisvollen Geist dea Systems hätte dazu verführen lassen, ueincr Kon- 
zeption, die nur einzelnen FäJIen gegenüber angemessen ist, einen .ill^omeinen 
Charakter zuzuschreiben, was ihn auch day.u verleitet hat, die Tatsachen und 
Deutungen jm vergewaltigen, um mehr aus ihnen zu machen als billig ist." 

Die französischen Autoren haben namentlich gegen die Rolle, 
die Freud der Sexualität zuschreibt, Einwände erhoben. Sie haben 
ihm vorgeworfen, er habe den Sinn des Worte» „sexuell" so sehr 
ausgedehnt, daß es, statt einen völlig präzisen und für die "Wissen- 
schaft nützliehen Sinn darzustellen, zu einer allgemeinen Bezeich- 
nung werde, die nur zur Verwirrung führe. 

Von den englischen Autoren sind zwar die nämlichen Einwände 
gemacht worden, aber diese haben, statt einiger Punkte wegen, 
die sie nicht unterschreiben konnten, alle Anschauungen Freuds 
zurückzuweisen, vielmehr eine große Anzahl seiner Entdeckungen 
benützt. Die Franzosen haben nicht denselben praktischen Sinn 
gezeigt, und nur wenige haben es versucht, die Traumanalyse und 
die Assoziationsmethode anzuwenden. Mau darf sich also nicht ver- 
wundern, daß so viele ihrer Kritiken einen so theoretischen Cha- 
rakter haben. 

Es ist eine bezeichnend© Tatsache, daß es in der gesamten fran- 
zösischen Literatur nur eine oder zwei Arbeiten gibt, welche die 
Analyse anzuwenden versuchen, während alle übrigen nur Kritiken 
der Meinungen Freuds sind. 

Ganz anders war die Haltung der welschen Schweiz, wo es 
zahlreiche Arbeiten gibt, welche die Methoden und die Begriffe 
der Psychoanalyse anzuwenden versuchen. Während in Frankreich 
noch immer Lehrbücher der Psychiatrie oder der allgemeinen Psycho- 
logie erscheinen, welche die Theorien Freuds nicht kennen oder 
mindestens so tun, ist die Psychoanalyse in der Welsch-Schweiz 



otj Hz, Raymond Je Saussnre. 

nicht nur in das Gebiet der Medizin und Psychologie eingedrungen, 
sondern sie strebt auch darnach, in der Pädagogik, der Soclsorge, 
in der Kunst und in der Literatur Anwendung zu finden. 

I. Psychiatrie. 

Frankreich besitzt kein Lehrbuch der Psychiatrie analog dem, 
das Stoddard in London herausgegeben hat, worin die Psychiatrie 
ausschließlich vom Standpunkt der Psychoanalyse betrachtet wird. 
Weit entfernt davon, gab es zwischen 1914 und 1919 in Frankreich 
keine. einzige Arbeit, welche die Grundgedanken der Psychoanalyse 
auf die Medizin anzuwenden versuchte. Ich kann hier auch nur über 
einige zusammenfassende Kritiken berichten., welche sich auf die 
Arbeiten Freuds beziehen, aber nicht über einen Originalbeitrag, 
der die Ideen des Wiener Psychiaters darzustellen versucht. Der 
Krieg scheint der Wissenschaft, die uns beschäftigt — wenigstens 
in Frankreich 1 ) nicht förderlich gewesen zu sein. "Weder Ba- 
binski in seinem Buche „L'Hysterie et le Pythiatisme" (Masson, 
Paris 1917) noch Leri in seinen „Commotions et E-niotions de 
ßuewe" (ebendort 1918) noch Lepine in seinen „Trouhles mentaus 
de Guerxe" (ebenda 1917) noch Rouasy und Lhermite in ihren 
„Psychoncvroses de Guerre" (ebenda 1917) sprechen von der Psycho- 
analyse. Gerade als der Krieg ausbrach, begann die Psychoanalyse, 
dank den Arbeiten von Regia und Hesnard, in Frankreich erst 

bekannt zu werden. 

So liier widmet in der zweiten Auflage seines Werkes „L'Hy- 
sterie et son Traitement" (Alcan, Paris 1914) einig© Seiten der 
Erklärung dieser Methode. Regis liefert in der fünften Auflage 
seines .,Prccis de Psychiatric" eine kurze Kritik der Anschauungen 
Freuds. Wie die Mehrzahl der französischen Arzt« sieht er nur 
den Panscxualismus und erklärt kurzweg diese Theorie als 
übertrieben. Dennoch erkennt er ihr einige Verdienste zu: „So wie 
sie jetzt ist", sagt er, „und welches auch ihr zukünftiges Geschick 
sein mag, sie schien, uns durch ihre Originalität, ihren Umfang, 
sogar durch ihre Aktualität den kurzen Bericht zu verdienen, den 
wir erstattet haben." In der letzten Auflag© seines „Manuel de 

i) Gerade umgekehrt- liegen die Verhaltnisse bekanntlich in England (siehe 
diesen Bericht). 



Französische Lkeratnr. 315 

Psychiatrie" (Alcan, Park 1916) äußert Bogues de Fursao die- 
selben Bedenken. Alle diese Autoren kennen unglücklicherweise die 
Psychoanalyse nur aus zweiter Hand, sie urteilen darüber, ohne 
sie je praktisch ausgeübt zu haben. Viele französische Psychiater 
finden, daß sie nicht einmal würdig sei, erwähnt zu werden, so 
gehen Laignel-Lav astine, Barbe und Delinas in ihrer 
„Pratique psychiätrique" (Bsillcre, Paris 1919) stillschweigend über 
sie hinweg. 

Auch wenn wir von (Jen großen Lehrbüchern absehen, finden 
wir, daß die Meinung der Psychiater dieselbe bleibt, 

Logre und Devaux studieren in ihrem Buche „Les An- 
xieux'* (Masson. Paris 1914) eingehender die Augstneurose Freuds. 
„Sie seien überrascht", sagen sie, „von dem Gegensatz, der zwischen 
der Behauptung der diffusen, chronischen Angst, welche von dem 
Autor mit so großem Scharfblick heohachtet wurde, und der Hypo- 
these einer gelegentlichen speziellen Ätiologie, die sich auf die Aus- 
übimg der Sexual funktiou beziehe, bestehe." Ferner: 

„Die Fre ud sehe Erklärung führt alao in Wirklichkeit daiu, die jiathogene 
Bedeutung der konstitutionellen Angst 7u verkeimen. Die Angfit bedeutet liier nicht 
mehr als eine sekundäre Wirkung der Störung des psycbose.xuellen Lel>ens. Die 
klinische Beobachtung scheint im Gegenteil zu zeigen, daß die Angst-disposi- 
tion öfter primitiv ist; die emotionale Konstitution, mehr oder minder durch 
aktuelle Anlässe empfänglieh gemacht, ist der wesentliche pathugene Faktor 
der Angstp?ydioneurose Der psychische Erethismus b teilt bei diesen Per- 
sonen die hauptsächlichste Störung dar; er geht der sexuellen Erregung vor- 
aus; er ist davon, unabhängig, wenn nicht iü seiner Existenz, so doch wenigsten? 
in seinen Variationen." 

Devaux und Logre erkennen dennoch an, „daß die Modi- 
fikationen der sexuellen Spannung eine größere Wichtigkeit für die 
Auslösung des emotionellen Ausbruches besitzen". 

Devaux und Logrc unterziehen auch die psychoanalytische 

Methode einer Kritik, aber ihre Bemerkungen scheinen nicht auf 

Erfahrung gestützt zu sein; ich würde eher vermuten, daß es sich 

nur um theoretische Erwägungen handelt. 

„Sich auf die Erzählung von Träumen zu beziehen," sagen sie, „deren Er- 
innerung und Deutung so delikat, so ungewill und so trügerisch sind, endlich 
die Zustände unbewußten Automatismus und der Zerstreutheit deuten, heißt das 
nicht alle Ursachen der l'nzuverlässigkeit des Zeugnisses nach Herzenslust 
häufen und die gewöhnliehen Fehlerquellen der wissenschaftlichen Untersuchung 
geradezu in Hilfsmittel der Forschung verwandeln?" 



3 ] {-, Dt. Raymond de Sausstire. 

Nachdem unsere Autoren, den Pansexualismus Freuds kriti- 
siert haben, fügen sie hinzu: * 

„Eh bleibt nichtsdestoweniger richtig, daß die Anomalien des sexuellen 
Lebens sehr häufig und — wenn auch nicht in ausschließlicher, Joch in vorherr- 
schender Art — gelegentlich in der Determimerunfj der Zwangsidee eine Holle 
spielen .... Es kommt auch manchmal ein Zwang vor, der scheinbar der Se- 
xualität fremd, doch der irgendwie entstellte Ausdruck sexueller Fcrversionen 
von anders wo her ist, die mehr oder weniger latent sind. Wir haben Gelegenheit 
gehabt, zu beobachten, dnß z. B. bei einigen Personen der Zwangsimpuls zum 
Mord als ein larvierter Ausdruck des Sadismus erscheint, ebenso wie die Klepto- 
manie in bestimmten Fällen eine besondere Art das Fetischismus oder Sado- 
Fetischismus ausmachen kann." 

Br. F. Hecke 1 hat dem Studium der Angstneurose ebenfalls, 
ein Buch gewidmet (Masson, Paris 1917). Obwohl er zahlreiche An- 
leihen' bei der Psychoanalyse macht, behandelt er die Anschauungen 
Freuds verächtlich. Nachdem er zu zeigen versteht hatte, daß die 
Psychoanalyse uns nichts Neues gebracht habe, erklärt er, daß sie 
eine "Wissenschaft ohne Fundament sei. "Wenn er konsequent ist, 
verneint er durch diese Schlußfolgerung die ganze überkommene 
Psychiatrie, auf die er sieh gerade stützt. In verschiedenen Artikeln 
über' den Traum urteilt Yves Delage, der berühmte Zoologe, in 
völlig analoger Weise. Man ist wahrhaft erstaunt darüber, daß 
französische Autoren so wenig Bedacht auf die Logik nehmen. Dide 
widmet in seinem Werke „Los Emotions et la Guerre" (Alcan, 
Paris 1918) der Psychoanalyse nur eine halbe Seite. Er sagt: „Ich 
werde mich nicht damit aufhalten, die Sophismen Freuds, der 
im Traume die verkleidete Erfüllung eine.« unterdrückten Wunsches 
sieht, zu diskutieren." Das hindert ihn freilich nicht daran, zehn 
Zeilen später (p. 78) zu erklären, daß „das Gewebe, des Traumes 
hauptsächlich aus Wünschen und Befürchtungen, die erfüllt oder 
verdrängt sind, geschaffen ist". 

Colin und Mourgue (52) sind ebenfalls zwei Autoren, welche 
Freud nur aus zweiter Hand kennen. Sie sprechen dem Wiener 
Psychiater das große Verdienst zu, daß er besonderes Gewicht auf 
das affektive Leben, auf die Symbolik und auf das Studium der 
Träume gelegt habe und zwischen den Vorstellungen der Primitiven 
Und den' Symptomen vieler Nervösen interessante Vergleiche gezogen 
habe; aber sie wenden seine Deutungsmethode, die sie als durch- 
aus subjektiv und einseitig ansehen, nicht an. "Was die Libido an- 



Französische Literatur. 317 

langt, scheint diese ihnen als ein. mehr philosophischer deun wissen- 
schaftlicher Begriff. 

Ich vermeide es, bei Bespirechung dieser Autoren die in so 
vielen 1 anderen Werken enthaltenen Kritiken zu wiederholen und 
vernachlässige aus demselben Grunde die anderen Artikel franzö- 
sischer Autoren. 

In der Welsch-Schweiz haben einig© Ärzte die Psychoanalyse 
anzuwenden und die Theorien Freuds zu entwickeln versucht. 
Dr. Naville hat über einen interessanten Fall berichtet, dessen 
"Wiedergabe ich für zweckmäßig halte (53): 

Dr. S, 8 bellt den Fall einer jungen Hysterika von IG Jahren dar, die 
seit einigen Jahren unter langdauernden und häufigen Schlafzuständen, großen 
Krampfanfällen, rythmischen, intermittierenden Bewegungen, kurzen Anfällen 
von Stummheit, funktioneller Lähmung und einer Meng® von Störungen gerin- 
gerer Bedeutung leidet. N. schreibt über diesen Fall: „Die Ursache dieses Zu- 
standen war unbekannt und die Symptome wichen nicht unter der Wirkung der 
Suggestion. Einzig eine sorgsam« psychische Analyse mit wirksamer Unter- 
stützung der Kenntnis der Träume der Kranken gestattete es, die Traumen wieder- 
zufinden, die, sieben Jahre zurückliegend, die Ursache aller dieser Symptome 
waren. Sobald diese völlig vergessenen Traumen wieder ins BewnBUtein der 
Kranken gelangt waren, verschwanden die Bewußtseinslosdgkeiten, die Kontrak- 
turen, die Anfälle, die Lähmungen spontan und sofort ohne irgend eine direkte 
Suggestion und die anderen funktionellen Symptome besserten sich fortschrei- 
tend. Diese Beobachtung ist also ein fast experimenteller Beweis des thera- 
peutischen Wertes der Methode psychischer Analyse, die insbesondere von 
Breuer und Freud ausgearbeitet wurde." 

Bei dieser Gelegenheit erörtert Dr. N. die „hystero-pithiatique"- 
Theorie Babinskis. Er wirft ihm hauptsächlich vor, er be- 
trachte die Mechanismen der Suggestion als die einzigen Ursachen 
der Hysterie und trage so wesentlichen Faktoren wie den unterhalb 
der Suggestionen liegenden affektiven Störungen keine Rechnung. 
Er wirft ihm weiter vor, daß er die Gefühlsvorgänge in der Psycho- 
genese der Hysterie nicht berücksichtige. 

Die Analyse hat ergeben, daß dio Kranke im Alter von beiläufig acht 
Jahren eine heftige Aufregung durchgemacht hatte, weil ihr kleiner, damals 
zweijähriger Bruder in der Kacht verschwunden war. Ein daiiiiiraaendes Auto- 
mobil passierte die Straße und das Mädchen hatte den Gedanken, dafl dieser 
Wagen ihren Bruder überfahren haben mußte. Sie glaubte Blut an den Bädern 
kleben zu stehen und wurde von einem nervösen Anfall mit Ohnmachtserschei- 
nungen heimgesucht. Zwei Tage später kam ein Dienstmädchen und sagte 
ihr, daß ihr Bruder sehr krank Sei (es handelte sich in Wirklichkeit um einen 
verdorbenen Magen). Sofort drängte sich ihr dio (iowißlmit, daß er überfahren 
worden war, und die Vision des blutbefleckten Automobils auf und löste einen 
neuen Anfall aus. So oft diese Gefühle wieder im Bewußtsein der Kranken 
erschienen, wich die Lähmung, die seit vier Wochen dauerte, allmählich in 



oi g Dr. Raymond de Saussure. 

drei Tagen wie eine Spiralfeder, die sich langsam entspannt. Als das junge 
Mädchen geheilt war, erzählt» sie ihre sehr interessaaten Eindrücke. Es schien 
ihr, sagte sie, als müsse sie »ine beständige Anstrengung machen, um eine 
schreckliche Empfindung, die sie zu überfallen suchte-, und deren Ursache und 
Inhalt sie nicht wuflte, von sich fernzuhalten. Wenn man sie plötzlich ansprach 
und sie so rauh aus ihrer Halbträumerei scheuchte, hatte sie eine instinktive 
Angst, daß man sie ihrer Zerstreutheit und ihrer Gedanken wegen verhöre, und 
sie verspürte dann einen Druck in der Kehle, der sie für einen Augenblick 
hinderte, sich frei auszudrücken. Auf Seite 35 dieses Artikels findet man noch 
interessante Geständnisse üher dieses Gefühl, nicht aufmerken zu können, aus 
Angst, in sich unangenehme Empfindungen zu entdecken. 

Dr. N. macht darauf aufmerksam, daß dieses infantile Trauma 
nichts Sexuelles enthielt, was durch die Umstände und eine sorg- 
fältig« Befragung mit Sicherheit festgestellt werden konnte. Wir 
wollen hier unser Bedauern darüber ausdrücken, daß Dr. N. die 
Psychoanalyse nicht nach der klassischen Methode Freuds ange- 
wendet hat. Angesichts des instinktiven Sträubens, das die Kranken 
zeigen., wenn sie unangenehme Erinnerungen, in sich wachrufen 
sollen, ist man nicht völlig davon überzeugt, daß es in Wahrheit 
kein! sexuelles Trauma gab, weil Fragen kein solches zum Vorschein 
brachten. Dr. N. bemerkt nun tatsächlich, daß der Binder, der 
oft in den Träumen erscheint, nicht derselbe Bruder ist wie der 
in dem Automobilunfall. Er sagt geradezu, daß es eine Verschie- 
bung gegeben habe, aber er versucht es nicht, uns die Gründe dieser 
Verschiebung zu erklären. Er sagt uns auch nichts üher das Alter 
des Bruders, der in den Träumen erscheint, das gewiß interessant 
gewesen wäre. N. unterrichtet uns nicht einmal darüber, in wel- 
chem Alter hei seiner Kranken die Menstruation eintrat, in welchem 
Ausmaße sie über die sexuellen Fragen orientiert war usw. Wenn 
wir diese Einwände gegen Dr. N. machen, geschieht es nicht, weil 
wir iim jeden Preis eine sexuelle Ätiologie bei seiner Kranken 
finden wollten, sondern wir glauben, daß er uns über alle diese 
Fragen hätte aufklären müssen, um mit Sicherheit den sexuellen 
Faktor ausschließen zu können. Übrigens gibt N. selbst zu, daß 
sein Fall an der Grenze der traumatischen Neurose und der Hysterie 
stehe. Wir legen Wert darauf, noch einmal daran zu erinnern, daß 
Freud der traumatischen Keurose keinen sexuellen Ursprung zu- 
schreibt. 

In seinen Artikeln zeigt uns Dr. H. Flournoy eine Reihe 
von Symptomen und Zwanffserscheinungen, deren symbolische Be- 



Französische Literatur. 319 

deutung er mit Hilfe der Psycho analyse gefunden hat. Er ver- 
sucht, den Begriff des Symbols in der Literatur und in der Psycho- 
logie zu unterscheiden . Er zeigt, daß in der letzteren die Sym- 
bolisierung nicht- bewußt ist, daß vielmehr das Symbol oft nur 
eine abstrakte Idee und kein Wahrnehmungsobjekt ist. F. bemerkt 
auch, daß man bei der Erforschung der Ätiologie eines Symptoms 
nicht notwendigerweise ein© sexuelle Komponente findet. Die Gesetz- 
mäßigkeit der Symbolisieruug, die von Freud so deutlich dar- 
gestellt wurde, hat oft Gegner gefunden. F. tritt für sie ein, in- 
dem er zeigt, daß die unbewußte Arbeit, die in der Verwandlung 
eines Gedanken in ein hysterisches Symbol, das ihn symbolisiert, 
besteht, ein relativ primitiver seelischer Vorgang ist. Wir haben 
durch Zeugnisse mehrerer Gelehrten erfahren, daß die unbewußte 
Arbeit fähig war, Probleme zu lösen', die auf andere Art unlösbar 
waren. 

Ein hübscher Fall von Symbolisierung wird uns von Dr. Odier 
in der nachstehend besprochenen Arbeit berichtet (54) : 

Es handelt sich um den Eall eines jungem Mädchens, das sich im Jahre 
1907 im Alter von 18 Jahren mit einem jungen Offizier, dem Freunde ihres 
Bruders, verlobte. Sie war die Tochter eines französischen Generals, der im 
Alter rem 60 Jahren an einem Herzleiden starb. Ihre Mutter, die noch lebt, 
ist gichtig. In ihrem Vorleben war nichts Besonderes zu verzoiehnon, aufler 
einem Typhusfieber im Alter von fünf Jahren. Infolge verschiedener Ereignisse, 
insbesondere wegen eines Yerführungs Versuches, löste sie 1909 ihre Verlobung 
auf. Seither sah sie ihren Ex-Bräutigam nicht wieder. Wälirend eines Aufent- 
haltes bei ihrem Bruder 1911 brach dieser «in Bein. Sie blieb bei ihm, um 
ihn zu pflegen. Eines Tages, als sio> unvermutet in das Zimmer ihres Bruders 
trat, traf sie bei ihm einen Besucher an, in dem sie ihren früheren Verlobten 
wiedererkannte. Dessen unerwartete Anwesenheit bestürzte» sie tief, sie stam- 
melte einige Worte und entfloh fassungslos. Bis zur Genesung ihres Bruders 
befand sie sich wohl. Dann verfiel sie in eine Depression, die sich allmählich 
bis zum 14. September verschlimmerte, an welchem Tage ilir Vater durch Herz- 
schlag starb. Von diesem Augenblick an war sie in einem Zustand völliger Er- 
schöpfung, bis zum 23. Jänner 1913, wo sich bei ihr ein Mutismus einstellte, der 
neun Monate dauerte, und der einer hysterischen Kontraktur des linken Beinen 
Platz- machte. Der Mutismus erklärt sich als ein Wunsch, aus der ihr peinlich gewor- 
denen Wirklichkeit zu flüchten. Er gestaltete ihr auch, sich in iliren Träume- 
reien zu isolieren. Wir können ihn als diu Erfüllung eines unbewußten Wunsches 
ansehen. Es ist auch interessant, zu bemerken, daü er die Dauer einer Schwan- 
gerschaft hatte, die so häufig in den hysterischen Erscheinungen ist. Die Kon- 
traktur selbst erklärt sich gut aus dem unbewußten Gedanken, den die Analyse 
aufgedeckt hat: „Mein früherer Bräutigam kam z(u meinem Bruder, weil dieser 
sich das Bein gebrochen hatte. Dieses Bein, das linke, ist in Gips, demzufolge 
steif und unfähig, sich zu bewegen. Wenn ich nun mein linkes Bein steif und 
unbeweglich mache, wird mein "Verlobter zurückkehren." 



g„Q Dr. Baymond da fiausswe. 

Gelegentlich dieses Falles erörtert 0. die verschiedenen Theorien 
der Hysterie. Er weist darauf hin, daß die Theorien von Jan et, 
Dejerine und Babinski mit ihrer rein statischen Auffassung 
weniger geeignet sind, die hysterischen Phänomene zu erklären, als 
die psychodynamischen Theorien von Binet, Claparede und ins- 
besondere von Freud. Ich kann in die Details dieser sehr klugen 
Kritik nicht eingehen, es muß mir genügen, auszusprechen, daß 
diese Seiten zu den besten gehören, die im Französischen über die 
Psychoanalyse geschrieben wurden. Es ist interessant, diesen Fall 
mit dem einer Neuralgie am rechten Arme zu vergleichen, den 
Baudouin (4) berichtet. 

Diese Neuralgie, -hatte sich bei einer sehr nervösen Terson gezeigt, die 
hohen kulturellen Ehrgeiz hegte, aber durch alle Arten häuslicher Arbeit an ihr 
Heim gefesselt war. Eine ihrer Freundinnen, die infolge eines Sturzes eine 
organische Gliederlähmung hatte, mußte das Bett hüten, und benutzte dies, 
um viel zu lesen. Man rieht, durch welche unbewußte Motivierung d^se Neur- 
algie hergestellt wurde. Die Patientin dachte: „Wenn auch ich den Arm krank 
habe, könnte ich lesen.« In derselben Arbeit analysiert B. andere Symptome 
dieser Patientin mit viel Scharfsinn. 

Zum Abschluß dieser Übersicht über die psychiatrischen Ar- 
beiten gebe ich noch eine Arbeit Dr. Odiers wieder (,55). 

Dr. Soupes hat unter dem Namen der „Camptoeormie" eina 
Psychoneurose beschrieben, die in einer konstant fehlerhaften Hal- 
tung des Rumpfes besteht und hauptsächlich bei verschütteten 
Soldaten vorkommt. Der Rumpf ist nach vorne gebogen und kann 
weder durch willkürliche Bewegungen des Patienten noch durch 
passive Bewegungen gerade gerichtet werden. Der Rumpf kann 
nur wieder in seine natürliche Lage kommen, wenn der Sol- 
dat sich in Rückenlage befindet. Odier hat es sich angelegen 
sein lassen, die Psychogenese dieser Affektion zu untersuchen. Er 
wirft die Frage auf, warum sieh diese Krankheit nur bei militä- 
rischen Unfällen und niemals bei Unfällen im zivilen Leben vor- 
findet, und zieht zwei 'Erwägungen in Betracht: 1. Warum hält 
sich der Patient gekrümmt? 2. Warum richtet sich der Kranke 
nicht auf? Auf die erste Frage gibt 0. mehrere Antworten. Man 
muß zuerst darauf hinweisen, daß es in der Feuerlinie eine instink- 
tive Haltung ist, sich nach vorne zu neigen, um den Geschoßen die 
kleinste Fläche zu bieten. Der Kampf gewöhnt den Soldaten daran, 
sich zu bücken. Er neigt sich nach vorne, um das Bajonett aufzu- 



Französische Literatur. 321 

nehmen, er schießt oft kniend, er bewegt sich kriechend usw. 
Neben diesen Motiven findet 0. andere Grunde seelischer Art, um 
die Haltung dieser Soldaten zu erklären. Jeder weiß, welche Holla 
die Disziplin in einer Armee spielt. Hat nicht hei allen Völkern 
die Sitte bewirkt, daß eine seelische Haltung 1 durch eine entspre- 
chende körperliche Haltung bezeichnet wird, die eine gleichsam 
natürliche Antwort auf einen solchen besonderen Bewußtseinszustand 
ist? Auf dem Gebiete der Disziplin sprechen wir davon, sich vor 
dem Vorgesetzten „zu beugen", vor seinen Befehlen das .,Haupt zu 
neigen" oder das „Rückgrat zu beugen", sich den Anordnungen zu 
fügen: „unter dem Befehle stehen", „unter dem Stiefel", „unter der 
Zuchtrute" usw. Schließlich sagen wir auch „subaltern sein" oder 
„unterworfen sein . . ." Auch ist es interessant festzuhalten, daß 
die Kamptokormie während dieses Krieges niemals bei höheren Offi- 
zieren vorgekommen ist. Es bleibt nur zu erklären, warum nach 
überstandener Gefahr die fehlerhafte Haltung bestehen bleibt. Der 
Sehmerz, der im ersten Augenblick des Unfalles empfunden wird, 
ist von zu kurzer Dauer, um die Verlängerung dieses Phänomens 
zu erklären. Der Kranke besteht tatsächlich nicht auf seinem 
"Willen, aber er unterliegt ihm einfach. Er steht beständig unter 
der Herrschaft einer fiktiven Gefahr, die für ihn eine wirkliche 
und gegenwärtige Gefahr bedeutet. Selbst später verfolgt den Pa- 
tienten die Idee der Disziplin und er denkt folgendermaßen: „Die 
Disziplin, die man mir auferlegt, ist peinlich, ich verlange nur, 
mich ihr zu entziehen. Ihr Ziel ist, mich entzwei zu biegen; folglich 
richte ich mich nicht auf." Diese fiktive und unangemessene Auf- 
fassung vollzieht sich bei Hysterikern zu Gunsten von Gemüts- 
bewegungen; diese letzteren sind anstößig und dadurch der Ver- 
drängung unterworfen, indem sie das Subjekt in einen dissoziierten 
Zustand bringen. Man kann den Kamptokormiker als einen Halb- 
verrückten ohne "Wahnvorstellungen betrachten, der sich damit be- 
gnügt, eine tolle unbewußte Anschauung in einer Geste festzuhalten. 
Es ist dies eine Erscheinung des Selbstschutzes. Man begreift so, 
daß der Kranke, statt sieh über diese abnormale Haltung aufzu- 
regen, ihr im Gegenteil ein großes Interesse widmet; ein Interesse, 
das sich im Mangel jeder aktiven Bemühung zur "Wiederaufrichtung 
und im "Widerstand gegen jeden passiven Versuch der Korrektur 

PtyohounilyH, Bericht 101*— 1919. n-t 



g22 Dr. Raymond da Saossure. 

äußert. 0. beendigt mim klinische Beschreibung mit folgenden 

Zeilen (p. 23): 

„Ein letztes Wort drängt sich uns auf, da es sich um die Psychoanalyse 
einer Neurose handelt. Man wird vielleicht erstaunt sein, daß ioh in ihrer Er- 
forschung nichts Sexuelles noch ein erotisches Symbol entdecken konnte. Ein 
fanatischer Ereudianer wird nicht ermangeln, mir zu sagen: ,Weil Sie nicht 
verstanden haben, es zu finden.' Aber ich meine, es sei im Gegenteil gerade 
das, was die seltene Originalität der Camptocormie ausmacht. Die zivile Hy- 
sterie hat uns bisher nicht an so viel Diskretion gewöhnt. Es ist fast schmerzlich, 
zu konstatieren, daß es eine 'Weltkatastrophe geben mußte, um zu zeigen, dal. 
der Pansexualismus nicht immer herrscht." 

Wir wollen hier Odier darauf hinweisen, daß Freud die 
Kamptokormie sicherlich in die traumatischen Neurosen und nicht 
in die Hysterie einreihen würde. Für den Wiener Psychiater ist 
die traumatische Neurose keineswegs notwendigerweise sexuell. "Vom 
therapeutischen Standpunkt preist 0. das System der Faradisation, 
wie es Vincent verwendet („Systeme de torpillage"). Diejenigen, 
die weitere Aufklärungen und bibliographische Auskünfte über die 
Kamptokormie finden wollen, seien auf die Arbeit von Frau Ro- 
sanoff-Salof f „Camptocormie" (Vigot, Paris 1917) verwiesen. 

II. Psychologie. 
Es scheint, daß die französischen Psychologen gegenüber der 
Psychoanalyse mehr Intelligenz gezeigt haben als die Mediziner. 
Dieses Verständnis ist sicherlich dem Einfluße Th. Ribots zu 
verdanken. Es kann freilich nicht behauptet werden, daß die An- 
schauungen Freuds ganz allgemein bei allen französischen Psycho- 
logen Eingang gefunden haben. So bezieht sich Dugas in seinem 
Buche „La Memoire et l'oubli" (Flammarion, Paris 1917) nicht 
auf die Psychoanalyse. Wir nennen dieses Werk an Stelle vieler 

anderer. 

Allgemeine Psychologie. 

Was Ribot hauptsächlich an der Psychoanalyse angezogen 
hat, ist die Rolle, die Freud dem Gefühl zuschreibt, und andern- 
teils die Wichtigkeit, die er der Symbolik beilegt. In seinem Ar- 
tikel über die Logik der Gefühle studiert er nacheinander und mit 
viel Verständnis die Verschiebung, Übertragung, Verdichtung und 
die Affektumkehrung. Ex erkennt den Beitrag, den die Psycho- 
analyse für das Verständnis der Logik des Gefühls erbracht hat, an. 

„Was vorteilhaft ist," sagt er in seinem Artikel über das symbolische 
Denken, „ist die Bemühung Freuds, eine bestimmte Logik im Hintergrunde 



Französische Literatur. op» 

SS»--» 

vorgolioben. Sie hah™ W», *■„ * • , yueUe des Symbols ist, her- 

Bibot weist jene ^rack, welche die Symbol anschauung als 
einer untergeordneten Aktivität anhörend, einer Regzession «fr 
«tarnend, ansehe,. Sie ist seiner Meinung nach ein fortwirkender 
und notwendiger Prozeß. 

„In der Entwicklung des menschlichen Geiates" sa^ w **« )o * « 

«Ite SSSSSiSSS^ ^t?^' abef im P^^iachen Leben sind 

in ÄÄ S inkt6 3JS 6Mte ***«<*" a« Untätigkeit, 

aer J-oigeseit der Gebirnentwicklmifr, sfe^ TOISchmm( , en .. 

Dwelshauvers, ein Schüler Eibot. und später Professor 
m Paris, Brüssel und Barcelona, zollt den Entdeckungen Freuds 
die RA auf die Psychopathologie des Alltagslebens beziehen, seine 
Erkennung (27). Es ist auch bezeichnend, daß B er g Son in 
semem Werke über „L'energie spirituelle» (Alcan, Paris 1919) 
worm er einen Vortrag über den Traum aus dem Jahre 1901 wieder 
veröffentlicht, es für notwendig eraehtet hat, folgende Note an- 
zufügen: • 

der vorüegende VortrJ, SS ™* T* ^^^ ff " fidmet Lafc ' 7 ™ ^ *& 
wickhmgssudium IffST^ * We ^ ihrCm ^**%*« ^nt- 

Ein interessanter Beitrag zum Studium der Psychoanalyse wurde 
von Kostylef f in seinen zahlreichen Arbeiten geliefert. Bekannt- 
lich sucht dieser Autor das ganze psychische Leben des Individuum, 
aus einer Eeihe von Reflexen zu erklären. Von diesem Gesichts- 
punkte ausgehend, wurde er durch die Anschauungen F read s, der 
die verborgen Erinnerungen nicht nur durch Wort-, sondern auch 
durch affektive Eeflexe wiederzufinden sucht, angezogen. Er hat 
-eh darum bemüht, die Psychologie Freuds, die er eine sub- 
jektive nennt, auf eine sogenannte „objektive" Psychologie zu über- 
tragen Aber er bekennt selbst, die Gefühle seien so zusammen- 
gesetzt, daß es oft schwierig wäre, dieses Ziel ganz zu erreichen 



21* 



. 



324 



Dr. Raymond de Saussure. 



K. legt auch Gewicht auf die Unterscheidung, die Ereud zwischen 

Erotik und Sexualität macht. 

„Das erlaubt uns, die Liebe vom Sexualtrieb deutlich, zu unterscheide^ in- 
dem wir sie als Ausfluß des erotischen Impulses, der natürlich mit dem Sexual- 
trieb assoziiert j* aber trotzdem eine eigene und von diesem unabhängige 
Existenz hat, ansehen." 

Aus diesen wenigen Zitaten darf man nun nicht schließen, daß 
alle Psychologen der Psychoanalyse sympathisch gegenüber stünden 
Lalande z. B. drückt sich (44) folgendermaßen aus: 

Bei der merkwürdigen Deutmigsfreiheit und psychologischen Esegese, 
welche sich die Psychoanalytiker erlauben, kann alles alles bedeuten; dm Asso- 
siationpkette kann sich immer mm ausdenken. Zweifellos &t es wahr dn!J 
die sogenannten sexuellen Tendenzen und die Gefühlsströmungen, Ste sich mit 
ihnen verbinden, oft unbefriedigt und durch den Zustand unserer _ Zivilisation 
und durch unsere Sitten gehemmt, einen großen Baum in den geheimen Sorgen 
oder in den Beschwerden vieler Peraonen einnehmen. Aber von hier bis »i 
itor Allgegenwart ist ein Abstand, den die- Analyse allzu leicht vernachlässigt. 

Kinderpsychologie. 

Prof. Ed. CUp aride in Genf studiert in seinem schönen 
Buch über die Psychologie des Kindes die Bedeutung der ersten 
Erinnerungen und huldigt bei dieser Gelegenheit der Psychoanalyse 

mit folgenden "WoTten: 

„Unter dem Namen der Fädanalysa auf das Studium des Kindes ange- 
wand hat diese Methode wogen ihrer Hinweise auf das Gebiet der Sexualität 
heftig; Proteste «rregt, die ich für ungerechtfertigt halte Ohne Zweifel muß 
Z* Her mehr 2 je mit Takt vorgehen, aber die Methode hat sich als hin- 
reichend fruchtbar erwiesen, als daß sie wegen dieses einen tosä «dtf ti*te 
delikater Art zu handhaben ist. und weil der oder joner Arzt einen Fehler 
machen konnte, verdammt werden sollte." 

In seinem Buche gibt Claparede zahlreiche Hinweise auf 
die Werke Freuds. Er betont besonders die Verantwortlichkeit 
der Eltern im Gebiete der väterlichen Autorität oder der mütter- 
lichen Liebe. Er zeigt auch, welchen Gewinn man aus der Sch- 
mierung bestimmter Tendenzen für die Kindererziehung ziehen 
kann. Mit E reu d betrachtet er bestimmte seelische Krankheiten 

als Schutzreaktionen. 

Das große Verdienst des Wiener Psychiaters und seiner Schule", Mgt 
« JUtthdZ», die Symptome der Geisteskrankheiten als K*««U«tJflfr 
gefaxt zu haben, die einen Sinn besitzen und denen eme positive Bolle im Seelen- 
Ken der Kranken zukommt. Der Zweck der seelischen Abweichungen oder 
wSgsSns ihrer Äußerungen war. für den von ihnen Betroffenen da«, der 
Realität zu entfliehen, wenn diese ihm zu peinlich ist. 



Französische Literatur. 325 

Claparede stimmt jedoch den Theorien Freude über die 
Sexualität der ersten Kindheit nicht zu. Er sagt darüber (p. 547): 

„Ohne hier in die Debatte einzugehen, bemerken wir, daß nichts dazu 
berechtigt, Vorgänge, die in keiner Weise an der Sexualfunktion teilhaben, als 
sexuelle zu betrachten. Zu beliaupten, dnü das Saugen ein scxualier Genuß ist, 
ist meiner Meinung' nach sinnlos, abgesehen davon, daß diese Hypothese im 
Widerspruch mit der Phylogenese steht. (Der Sexualtrieb ist viel später erschienen 
als der Nahrungstrieb.) Es ist wahrscheinlicher, daß das Kind, gerade weil es 
noch keine sexuellen Tendenzen besitzt, die ganze Inbrunst, deren es fällig ist, 

auf seinen Nahrungstrieb konzentriert Hat sich übrigens die wirkliche 

Anschauung Freuds- nicht durch seine Sprache verraten! Er gibt meistens 
dem Worte Libido eine so große Ausdehnung, daß er daraus genau ein äquivalent 
dessen, was ich Interesse nenne, macht: ein Instinkt oder ein Bedürfnis, das 
Befriedigung anstrebt. Die Entwicklung der Libido führt so zur Entwicklung 
des Interesses, dessen Gegenstand je nach Maßgabe des Augenblicks und der 
Bedürfnisse des Organismus -wechselt." 

Man findet eine analoge- Kritik der kindlichen Sexualität in 

dem Artikel Dr. Oourbons (17): 

„Allen Nahrungsvorgängen eine erotische Bedeutung au geben, heißt nioht 
nur die Existenz des Sexualinstinktes von Geburt an anzuerkennen, sondern auch 
aus diesem Trieb den Quell des Genusses machen. Und wenn die Psychoanalyse 
mehr oder minder suggestibler Neuropathen diese Behauptung zuläßt, so 
scheint die unvoreingenommene Beobachtung der Normalen sie nicht zu be- 
stätigen Ist die autoerotische Bisexualität, die Freud den Kindern zu- 
schreibt, nicht im Grunde nur sexuelle Neutralität? Diese sexuelle Anästhesie 
scheint ganz natürlich bei einem Wesen, das die Merkmale der Sexualität nur 
bis zu einem ganz geringen Grad besitzt." 

In einem interessanten Buche behandelt Prof. Bovet (11) den 
Kampfinstinkt. Er hat diesen Instinkt in den Streitigkeiten und 
Spielen der Kinder mit viel Scharfblick beobachtet. Er ist dabei 
zu dem Schlüsse gekommen, daß der Kampf instinkt im selben Aus- 
maße wie der Selbsterhaltungstrieb, der Nahrungs- und der Sexual- 
trieb einer der fundamentalen Triebe ist. Ebenso wie Freud ge- 
zeigt hat, daß es eine Objektivation, Ableitung oder Sublimierung 
im Sexualtrieb geben kann, ebenso will Bovet nachweisen, daß 
dieselben Vorgänge sich auf dem Gebiete des Kampf triebes finden. 
Er sieht namentlich in der Organisation der Heilsarmee oder in 
der kampflustigen Sprache gewisser religiöser Gesänge eine ver- 
fehlte Sublimation. 

Traumpsychologie. 

Ich werde mich nicht dabei aufhalten, hier die zahlreichen 
Artikel von Yves Delage über den Traum zu besprechen. Dieser 



326 U r - Raymond de Saassore, 

Autor, der eine ganze Reihe von. Ansichten Freuds entlehnt, be- 
schimpft die Psychoanalyse in offenbar schlechter Absicht. 

Boudouin (3) analysiert acht Träume, die sich auf seinen 
Wunsch, von einer Lungentuberkulose zu genesen, beziehen. Er 
weist darauf hin, daß diese Träume in ihm nicht durch einen 
physiologischen, sondern durch einen psychischen Einfluß wachge- 
rufen wurden. Ah* Beweis führt er an, daJi er vom Tage an, da die 
bakteriologische Analyse gezeigt hatte, -daß es keine Koch sehen 
Bazillen mehr in seinem Auswurf gebe, keine Träume dieser Art 
mehr hatte. Wülirend die Heilung seiner Tuberkulose eine langsam 
fortschreitende war, verschwanden die Träume plötzlich. B. macht 

noch einige interessante Bemerkungen über die Selbstanalyse. 

..Von vornherein könnte man die Wirksamkeit dieser Untersuchung des 
eigenen Ich durch «ich seibat mit Rücksicht auf unsere eigene Zensur verneinen. 
Wenn aber die. Zensur anderseits oft von sozialer Art ist, scheint es, daü sie 
mit mehr Autorität auftreten muH, wenn sich die Person in Gegenwart eines 
Arztes oder Psychologen befindet, als wenn sie sich nur sich selbst gegenüber- 
steht. Übrigens kann nur die Erfahrung auf diesen Gegenstand ein Licht 
werfen, und kein a priori-Argumcnt ist gegen die Sclbstanalyse gültig, die mir 
persönlich auf verschiedenen Gebieten genaue und befriedigende Resultate ge- 
liefert hat." 

Ol aparede berichtet einen Bequemlichkeitstraum, den er auf 
einer Heise in Frankreich in einem "Waggon hatte, der überfüllt 
war und in dem es an Luft mangelte. Er träumt, er befinde sich 
in der Eisenbahn, den Ellbogen auf die offene Tür gestützt und 
frische, rfcine Luft einschlürfend. Dieser Traum veranlaßt ihn zu 
einigen theoretischen Bemerkungen. Vor allem betont er die Not- 
wendigkeit des ökonomischen Prinzips, das darin besteht, unter 
mehreren Hypothesen die einfachste zu wählen. Um seinen Traum 
zu erklären, sieht er also keine Notwendigkeit, entferntere Ursachen 
zu suchen als die des Wunsches, den er verspürte, frische Luft 
zu atmen. Er bemerkt noch, daß dieser Traum die Meinung Freuds, 
der Traum sei der Hüter des Schlafes, bestätige. 

„Nichts", sagt er, „konnte mich mehr liewegen, im Schlaf zu bleiben, als 
ein Traum, der mir genau das bot, was die Realität mir versagte; ein offenes 
Fenster und reine Luft." 

Bcrguer (8) liefert einen interessanten Beitrag zum Studium 

der Sprache im Traume. Eines Morgens, als er sieh in einer. Art 

von Dämmerznstand befand, halbwach, suchte er den Gedanken, daß 

etwas außerordentlich Zartes sich unmittelbar verflüchtige, in Verse 



Französische Literatur. 327 

zu bringen. Folgendes Bild bot sich, ihm an: ein ganz kleiner 
Tropfen Wasser, der in der Berührung einer sehr heißen Fläche ver- 
dunstet ist. Zu gleicher Zeit kamen: ihm die Worte zu Bewußt- 
sein; „Ein Feuer-Dach von geringer Helligkeit", was er in seinem 
halbwachen Zustand für einen guten Vers hielt. Beim Erwachen 
bemerkte er, daß das unzusammenhängende Worte seien, daß aber 
jwles von ihnen einen Gedanken der Vision ausdrückt, die er vor- 
her gehabt hatte; nur wären diese Worte ohne irgend einen vor- 
gefaßten Sinn aneinandergereiht. B. fragt sich, ob wir es nicht 
in vielen Fällen von Glossolalie mit einem analogen Vorgang zu 
tun haben, Er schließt, daß oft die Verkleidung des traumbewir- 
kenden Gedankens nicht einer Kinderlist des Unbewußten, wie 
Freud will, zuzuschreiben ist, sondern einem mehr verbalen als 
schöpferischen Vorgang. 

Kollarits (38) verteidigt die Anschauung, daß unsere 
Träume nicht nur Wünsche, sondern auch Befürchtungen ausdrücken. 
Er findet die Unterscheidung, die Freud zwischen Angst und 
Furcht gemacht hat, zu subtil. Für ihn sind Wünsche, Angst- 
und Furchterscheinungen allgemein so eng verbunden, daß er nicht 
begreift, wie die Traumtätigkeit sie unterscheiden könnte. IC un- 
terzieht auch die sexuelle Deutung der Träume einer Kritik. Er 
leugnet nicht, daß viele Assoziationen den sexuellen Wünschen ent- 
stammen, aber, sagt er. von hier aus 

„jeden Gang, jede Flur, Sehachte], jeden Kasien usw. in einem genitalen 
Sinn zu nehmen, ist ein Schritt, den ich nicht mitmachen kann. Ich öffne und 
ich schließe tatsächlich an. zwanzignml im Tog meinen Schreibtisch und fast 
ebenso oft meine Kästen. Arzte, Advokaten, Männer und Frauen der Gesell- 

arlj.ift, die Besuche machen, gehen durch zahlreiche Gänge, steigen, weiß Gott 
wieviel Stiegen täglich. Es wäre sehr befremdend, dafl eine Sache, die man 
3i) oft, wiederholt, in den Traum mir mit Hilfe genitaler Assoziationen Eingang 
finden sollte. Die Schule Freuds hat sich hier einer exzessiven Verallge- 
meinerung schuldig gemacht." 

K. gibt noch einige interessante Beispiele von Träumen, die 
m ihm durch die Lektüre des Vortages erregt wurden. 

Psychopathologie des Alltagslebens. 
Kollarits (37) behandelt die Vorstellung, die wir uns in 
der Phantasie von unbekannten Personen machen. Wenn wir die 
Werke eines Autors, den wir nie gesehen haben, lesen, helfen uns 



32g Dr. Raymond de Sanssure. 

sein Stil, seine Meinungen, seine Nation, die Analogie seines Sa- 
mens mit dem von bekannten Personen, die Züge seines Gesichtes 
zu bestimmen. Cl spare de (13) zeigt, daß diese Vorstellung noch 
durch, unser Farbenhören bestimmt ist. Die Romanschriftsteller 
wissen, daß gewisse Namen wie onomatopoetisch -wirken. So wird 
man sich nicht dieselbe Physiognomie noch denselben Charakter 
unter den Namen Fatouflafd oder Flick vorstellen. 

Religionspsychologie. 
Die günstige Aufnahme, welche die Psychoanalyse, in der wel- 
schen Schweiz gefunden hat, ist zum großen Teil Prof. Th. Flour- 
n oy zu verdanken. Besonders in seinen Vorlesungen hat er die An- 
schauungen Freuds bekannt gemacht. Trotzdem er gewisse Ein- 
schränkungen machte, hat er die neue Wiener Psychologie immer 
mit viel Sympathie dargestellt. Abgesehen von einigea Heferaten 
über bestimmte "Werke ist „La mystique moderne" die einzige 
Schrift, in der er seine Anschauungen über Freud, Jung, Sil- 
ber er und Adler niederlegte. Er hat sich immer zu einem 
starken Eklektizismus bekannt, indem er das Gute von jeder Schule 

nahm. 

„La mystique moderne" (19) ist die religiöse Biographie von 

Fräulein Ve. 

Wir fassen aie kurv; zusammen: In ihTer Jugend ward© sie das Opfer eines 
sexuellen Attentats, das in der Folge bei ihr eine unbewußte erotische Persön- 
lichkeit entwickeln mußte. IM. Ve hat sich niemals verheiratet, aber aie 
hatte dennoch sehr lebhafte Gefühl© für Y., der verheiratet war. Hire mora- 
lische Persönlichkeit verbot ihr, sich diesen Gefühlen hinzugeben, auch entschloß 
sie sich, Professor Flournoy zu konsultieren, um ihn xu bitten, ihr zu helfen, 
endgültig mit T. in brechen. Dieser Brach konnte dank einigen hypnotischen 
Sitzungen durchgeführt werden, aber er fand nicht ohne eine affektive Ober- 
tragung auf Flournoy statt. (Erster Akt der Subliroierung.) Ceeile legt sich 
selbst über diese Übertragung Rechnung und befreite sich rasch davon. Aber 
einige Zeit später hatte aie manchmal das Gefühl einer geheimnisvollen Gegen- 
wart jemandes, den sie ihren geistigen Freund nannte. Dieser Freund erinnerte 
sie hauptsächlich an ihren Vater, aber er hatte auch bestimmte Züge Flour : 
noys und anderer Philosophen, die ihr lieb waren. (Ihr Vater war selbst Philo- 
soph.) Diese Gegenwart, die bei ihr zu einer bestimmten Euphorie führte, vor- 
schwand vollständig in den Zeiten, wo Ceeile unter der Herrschaft ihrer eroti- 
schen Persönlichkeit Btand. Das war die zweite Phase der Sublimierung; sie 
dauerte beiläufig ein Jahr. Plötzlich wurde der geistige Freund ersetzt durch 
eine viel tief ergehende Gegenwart in den Augen Ceciles, die göttliche Gegen- 
wart. Sie beschreibt diese Erfahrung eo: „Einerseits hatte ich das Gefühl, 
nicht mehr zu sein, anderseits ergriff ich das Unsichtbare, die essentielle 



Französische Literatur 329 

Wirklichkeit" der Gegenwart ich mochte sagen, des Lebens Gottes. Ich bin 
ganz sicher, nichts gesehen, nichts gefühlt, nichts gehört zu haben; dennoch, 
■war jemand um mit-h und in mir; in dem Sinne, daß ich seine Wirklichkeit 
wie eine eher innere als äußere Realität fühlte. Es war zu gleicher Zeit eine 
unermeßliche Ferne und nächste Innigkeit." 

"Wie man sieht, handelt es sich hier nicht mehr um eine Ver- 
doppelung, sondern wohl -um eine Störung des Bewußtseins. Cd eile 
hatte 31 Extasen dieser Art. Sie beschrieb sie mit viel Scharf- 
blick und Flournoy hat diese Selbstbeobachtung wiedergegeben. 
Es ist interessant, auf einige Charaktere dieses Mystizismus hinzu- 
weisen: zuerst auf den Mangel an pathologischen Prozessen, dann 
auf die Abwesenheit übernatürlicher Offenbarungen und endlich 
auf die Abwesenheit asketischen Verhaltens. Das sexuelle Trauma 
ihrer Kindheit und der Ödipuskomplex sind sicher die beiden ent- 
scheidendstes. Faktoren des Mystizismus von Frl. Ve. 

In diesem Artikel erklärt Flournoy den französischen. Lesern 
die Ausdrücke Libido, Komplexe, Verdrängung, Sublimierung, Intro- 
version, Extra versiori usw., und es ist wichtig, zu bemerken, daß 
dies die einzige franzosische Schrift ist, in der diese Begriffe mit 
Objektivität erläutert sind. 

In seiner kurzen Broschüre erörtert Pfarrer Baroni (2) die 
modernen Theorien über den Mystizismus und bespricht bei dieser 
Gelegenheit die Anschauungen Freuds, Jungs, Morels, P fi- 
sters und Flournoys. 

Morel (51) studiert mit Genauigkeit die Psychologie des 
Pseudodionys des Areopagiten und bestimmt dabei einen neuen 
Typus von Mystizismus, den er freie Introversion nennt. Dann zeigt 
er, wie sich diese freie Introversion zuerst im Orient, dann bei 
den spekulativen Mystikern entfaltet hat. Er findet noch Spuren 
davon bei den sogenannten orthodoxen Mystikern, wie Bernhard 
von Clairvaux. Heinrich Suso und Franz von Sales. Morel 
definiert diese freie Introversion folgendermaßen (p. 318 — 319): 

„Es ist die Introversion um der Introversion wülan, befreit und entledigt 
jeder sekundären Voreingenommenheit, ebenso religiös wie moralisch: befreit 
von den. traditionellen Symbolen und Vorstellungen auf der einen Seite, von 
Sorge um die moralische Tragweite der Introversion auf der anderen Seite,... 
Die Tendenz ist offen zentripetal, das heißt, daß das Interesse sich plötzlich 
von jeder -wahrnehmbaren Beziehung mit der Außenwelt zurückzieht, von der 
für Augenblicke kein Bild, weder ein visuelles noch ein auditives, noch irgend 
eines von anderer Natur fortbesteht. Im selben Augenblick verschwand unter 
dem. symbolischen Ausdruck alles, was der materiellen Kategorie angehört." 



330 Dr. Raymond de Sanssure. 

Diese Tendenz zur freien. Introversion findet sich, bei den 
mystischen Männern, während bei den Frauen der Mystizismus mehr 
einheitlich, von Sexualität gefärbt sei. Die Klassifikationen, die 
man allgemein bei den Mystikern, macht, sind willkürlich. Das Ge- 
schlecht scheint das Element, das die größte Rolle in der Mannig- 
faltigkeit der Mystizismen spielt. 

„Das autoerotische Wesen der Frau", schreibt Morel, „unterscheidet sich 
von dem des Hannes durch ihre Sexualität und ihr© wechselseitigen sexuellen 
Gewohnheiten. Man. wird zum Beispiel später sehen, daß der autoerotische 
Fol des Mannes relativ passiv iat, während das Subjekt selbst aktiv ist. Bei 
den Frauen ist diese Beziehung umgekehrt. Der autoerotische Pol besitzt im 
allgemeinen die Initiative von Handlungen." 

Der Autoerotismus scheint auf ziemlich direkte Art den Mysti- 
zismus zu erzeugen. In seinen Schlußfolgerungen entwickelt Morel 
noch interessante Betrachtungen über die Differenz; zwischen den 
Tendenzen der Introversion und Extraversion. 

Se er et an behandelt in seinem Werke (66) die Frage der 
Rettung, vor allem vom theologischen Standpunkt, aber er studiert 
sie auch vom Gesichtspunkte der Charakterunterscheidung. Er for- 
dert bei dieser Gelegenheit, daß man statt der Ausdrücke Intro- 
vertierte und Extravertierte die Ausdrücke: Affektive und Reilek- 
tive wählt. Dann fügt er, wie Hoeffding, einen Mitteltyp ein. 
Um alle Verwirrungen, welche durch, das "Wort Libido (Jung) her- 
beigeführt werden, zu vermeiden, schlägt er vor, es gegen das Wort 
Psychoenergie, das den Vorteil besitzt, der Sexualität keine phylo- 
genetische Priorität einzuräumen, auszutauschen. 

Angewandte Psychoanalyse. 

Frankreich hat in der Person des Romanschriftstellers Paul 
Bourget einen Bewunderer der Psychoanalyse gefunden. Dieser 
bediente sich für den Aufbau seiner letzten Romane, ganz besonders 
von „Nemesis", der Freudschen Psychologie. 

Dr. Demole (25) untersucht das Pathologische an Jean 
Jacques Rousseau, den er als Schizophrenen betrachtet. Ohne 
in die Diskussion seiner Diagnose einzutreten, wollen wir nur 
darauf hinweisen, daß D. bei dieser Gelegenheit eine vertiefte Studie 
der sexuellen Perversionen des Autors der „Confessions" liefert. 

Dr. Ch. Ladame (43) glaubt, man habe zu Unrecht Guy de 
Maupassant angeklagt, seine letzten "Werke unter der Herr- 



Französische Literatur, 33 j 

schaff, einer Gehirnlues geschrieben zu haben. Seine Werke erklären 
sieh nach La da ine aus seinem Charakter. Maupassant hatte 
immer ein Minderwertigkeitsgefühl, gegen das er sich sträubte. Der 
Spott, die Verzerrung, seine Fabeln sind ebensosehr Sicherungs- 
reaktionen gegen seinen psychischen Mangel. Um die Psychologie 
Maupassants m studieren, hat L. auch die Psychoanalyse her- 
angezogen. 

„Die psychoanalytische Methode kann mehr oder besser als jerto andere 
mit ihren einfachen und natürlichen Furmen mit vollem Hechte dieses Ziel zu 
erreichen beanspruchen. Dieso Methode M in irgend einer Art eine Geheimschrift, 
Es penügt noch nicht sie au besitzen, man muß sie auch anzuwenden -.vissen." 

Aber wir zweifeln, daß Dr. L. sie anzuwenden verstand -n hat. 

Von der Studie Lucy Dooleys über das Genie ausgehend, 
sucht Perez (57) einen Vergleich zwischen den Anschauungen des 
evolutionistischen Soziologen Winiarski und den Meinungen der 
Pathologen durchzuführen. Die Psychoanalyse kann seiner Meinung 
nach als Bindeglied zwischen diesen beiden Auffassungen des künst- 
lerischen Genies dienen. Man weiß nun wirklich, daß für "W, die 
Kunst und die Dichtung nur ein Produkt sind, das sich aus den 
Kunstgriffen der Verführung, die einen Teil der männlichen Rolle 
bei der geschlechtlichen Zuchtwahl ausmachen, differenziert hat, 
Per 6z schließt seinen Artikel: 

„Die Bolle der Komplex thoorie als Arbeitshypothese ist keineswegs zu ver- 
nachlässigen und leitet eine neue Art der künstlerischen Kritik .-in." 

Wir weisen noch auf den Poman von Dr. Paekantoni (56) 
hin, der in geistreicher Art zeigt, zu welchen Übertreibungen die 
Psychoanalyse führen kann. 

IV. Übersetzungen. 
Bis Ende 19X9 ist keine Übersetzung der Werke Freuds er- 
schienen. Im bibliographischen Index dieses Artikels sind die beiden 
Übersetzungen der Broschüre von Maeder und der französische 
Artikel, in dem Jung sein Buch über die Struktur des Unbewußten 
zusammengefaßt hat, angeführt. 



B ollän di sehe Literatur. : ) 

Eefeient: A.StRrcke (Den Dolder). 



Literatur: 1. Prof. T. J. de Boer: Psychoanalyse I du II, „De Bewe- 
gung", Mai eil Oktober 1914. - la. Jnl. de Boer: Bijdrage tot de Psychologie en 
Psychopathologie van lief Onbewuste. Psychiatr. en. Neurolog. Bladen. 1918. — 
IK Bomnan L.t De psychoaualyse van Freud. I'aychiatr. en Neurol. Blasen 1912. 
No. 3 u. No. 5/6. — lo. Breokink: Sitzber. Psychintr. en Neurol. Bladen 1912. 
5/6 — 2 A. van der Chys: Inleiding tob de- grondbegrippen en tecluiiek der 
Psychoanalyse. Vit nmuw - en zieleleven. HollandiarDrukkery, Baarn, 1914. 
— 3 Ders,: Iefcs over hallueinatie« en payoho-analya«. N. Vor. paa. Sitzber. 
X T v. Geneesk 1919. I. 23. — 3a. J. E. G. van Emden : N. Ver. v. psa. Sitzber. 
N. Tyds. v. Geneesk. 19J8. H. 26. — 3b. Dcrs.: SiUber, Paychiatr. en 
Neurol Bladen 1912. 5/6. - 3c van Erp Taalman Kip: Sitzber. Psychiatr. en 
Neurol. Bladen 1912. 5/6. - 4. B. J. de Haan: Tcraggrypende verdriuging van 
bewustzyns-inhouden. Doktordias. Groningen. H. N. Werkman. 1918. (Zurück- 
greifende Verdrängung von Bewußtseinsinhalten.) — 6. Prof. G. J. Heering: 
Om de luensohelyko ziel. De paychanalyae en heb geeatealeren. Oiwe Eeuw. 
lü.Jhrg., 1 dl, 1917, p. 42— 77 u. 2«— 284. — Ga. Heilbrunner: Sitabor. Paychiatr. 
en Neur! Bladen 1912. 5/6. — 3b. van der Hoeven H. : De invloed '1er affectieve 
meerwaardo van voorstellingen in het woordreaktie-erperiment. Dr. Diaa. Leiden 
1908. CDer EinfluD der affektiven Überwertigkeib von Vorstellungen im. Wort- 
reaktionsexperimente.) - 6. J. IL van der Hoop: De psycho-analytisohe Methode. 
Nccl Tydschr. v. Geneeskunde. 1917. H, No. 6. Diskussion m diesem Vortrag 
in 1918, II, No. 2, 6. — 7. Dera.: De Bebeekenis van „den Golem", 
De Nieu'we Gids, Juli 1918. — 8. Prof. G. JelgerBma: Ongeweten geestesleven. 
Leiden. V. Docaburgh, 1914. (Deutach übersetzt als I. Beiheft der Int. Z. f. 
ärztl. Psa.) — 9. De«.: Eett geval van hya teile psycho-analy tisch behandeld. 
Leiden. Van Doeaburgb, 1915. — 10. Dera.: Psychoanalyse. Vortrag im Utreohter 
Arzteverein. Dez. 1916. Sitzongabericht. — 11. Dera.: Psychoanalytische bydrage 
tot de theorie over het gevoelsleven. (Psa. Beitrag zur Theorie de« Gefühls- 
lebens.) Psychäatr, en Neurol. Bladen 1916, No. 5 u, 6, S. 453—466. — Ha. 
KencneniuB : Sitzber. Paychiatr. en Neurol. Bladen 1912. 6/6. — 12. A. J. 
Kiewiet de Jonge: Naar aanleiding van Ereud's droomverklaring. Doktor- 
disa. Groningen. M. da Waal, 1918. (Im Anschluß an Freuda Traum- 
deutung.) — 13. "W. B. Kristenaen: „Diepte-psychologie ?" De Gids. 1918, 
No. 6. — 14. Ad. F. Meyer: De behandeling van zenuwzieken door psycho- 
analyse. Etti overzicht van Freuds Theorie en Therapie voor artsen oa Studenten, 
i) In diene Rubrik wurden auf Veranlassung der Bedaktion auch ältere 
Arbeiten (aus doii Jahren 1908—1913) aufgenommen, mit Rücksicht darauf, 
daß die holländische Literatur zum erstenmal zusammenfassend referiert er- 
scheint. (S. a. Int. Z. f. ä. Psa. II. 181.) 



Holländische Literatur. 333 

Amsterdam. Scheiterns, en Holkenia, 1915. — Ja. Ders.: De droom. Hall. 
Drukkcry Boam, 1916. — 16. Dero.: Over homosexualiteis. (Über Homosexuali- 
tät.) 4. Nov. 1917. NederL Ver. voor psa. Sitzungsbericht. Ned. Tydschr, voor 
Geneesk. 1918, II, No. 26. — 17. Ders.: Jung's lautste boek: ,.Die Psychologie 
der unbewußten Prozesse." Vortrag Nederl. Ver. v. psa. 16. Deo. 1917. Sitzungs- 
bericht Nederl. Tydschr. voor Geneesk. 1919, I, No. 10. (Deutsch in Intern. Z. 
f. ä. Psa.) — 17a. Der«.: Winkler contra Freud. Modisch. Weekbl. 3ÖCI1, 
No. 17, — 18. Lod, van Mierop: Eoekbospreldng, Leveuskracht, 8. Jahrg., 
No. 6, 1914. — 19. J. H. W. van Ophuijsen: Casuiatische bydrage tot de 
kennis van het mannelykueida-oomplei by de vrouw. Nederl. ver. v. psa. 
Sitzungsbericht 23. Juni 1917. Ned. Tydschr, v. Geneflak. 1918, I, No. 20. 
(Deutach in Int. Z. f. ä. Psa.) — 20. Den*.: Over wenschvervulling-, Vortrag 
4, Nov. 1917. Sitzungsbericht. N. T. v. G. 1918, II, No. 26. — 21. Ders.: Casuisti- 
sche mededeeling. Vortrag. Nederl. V. v. psa. 17. Febr. 1918. Sitzungsbericht. 
Nederl. Tydacnr. T . Geneesk. 1919, I, No. 23. — 21a. Dera.: Prof, Winkler en. 
de Psychoanalyse. Nederlandsch Tydschrift voor Genees künde, 1918, Heft 0. 

— 21b. von Renterghem: Freud en aijn school. Baarn 1913. — 21c van Ilaalte 
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N. Rott. ofc. 1911. — 21dL Ders.: Kinderdroomen. (Kiudertränme.) Het Kind. 
1912. Jan. — 21e. Dera.: Nagelbyten. (Nägelkauen,) Het Kind. 1912. Dec. — 
21f. Ders.: Teekeningen van Kindaren in verband niet psycho-pathologie. 
(Kinderzeicbnungen in ihren Beziehungen zur Psychopathologie.) Psychiatr. es 
Netirol. Bladen 1912. S/6, — 22. W. H, R Rivers (London): Psychiatrie en 
Neurologie. Psychiatr. tu Neurol. Bladen 1918. No. 6. — 23. F. Roeis: De 
psycho-analy tische Methode. „De Beiaard", Jan. en Febr, 1918. — 24. Dera.: 
Algemeen overzicht, der psychoanalyse in Nederland. 1918. — 21a. Schnitzlet: 
Silzber. Psychiatr. en Neurol. Bladen 1912. 5/6. — 25. J. A. Schroeder: Het 
sprookja van Amor en Psyche in het licht der psycho-analyse. Baarn. Hollandia- 
Drnkkury, 1917. 26. A. Stärcke: Inleiding by de vcrtaling v. S. Freud, 
De ae.xueela beschavings-moraal als oorzaak der moderne zenuwzwakte. 1914. — 
26a. Ders.: Paycho-Analyse van theoretisch Standpunt. Psychiatr. en Neurol, 
Bladen 1912, No. 3. — 26b. Ders.: Psychoanalyse. Nod. Ver. Psychiatr. u. Neur. 
SitzberU'ht Psychiatr. en Neurol. Bladen 1912. 6/6. — 27. J, StOrcke: Psych- 
analyae. „Do Beweging", 1911. — 27a. Ders.: Nieuwe droom-experimenten in 
vorband niet ondere en nieuwere Droom- theorien. (Deutsch im Jahrb. f. Psa.) 
Psychiatr. en Neurol. Bl. 1912, 2. — 28. Dera, : BewuOte und. nnbawuBte sexuelle 
Symbolik in der Bildkunst. Projektionsvortrag im Amsterdamer Arzteverein, 
26. Sept. 1916. Sitzungaber. — 29. Dera. : De invloed van ons. onbewuste in ons 
dagelyksch leven. (Obersetzung von Freuds Psychopathologie des Alltagslebens 
mit Einleitung und mit eigenen Beispielen erweitert.) Maatschappy voor goede 
en goedkoope lectuur. Amsterdam 1916. (Die 'eigenen Beispiele erschienen 
großenteils deutsch übersetzt in der Int. 2. f. ärztl. Paa.) — 30. A. Stärcke, 
van der Hoop, van Emden, van Benterghem, van Ophnijaen: Diskussion zu 
obigem Vortrag (16) (1918). — 31. N. van Suchtolisn: Uit de diepten der ziel. 
Samenspraken over droom en geweten. (Aus den Tiefen der Seele. Dialoge über 
Traum lind Gewissen.) Amsterdam, M. voor Goede en Goedkoope lectuur. 1917. 

— 32, C. T. van Valkenbnrg: Freudisme voor iedereen. De Gids, 1918, No. 6. 

— 32a. Dera.: Sitzber. Psychiatr. en Neurol, Bladen 1912. 6/6. 32b. "Wertheün 
Salomonson: SHzber. Psychiatr. en Neuro]. Bladen 1912. 6/6. — 33. Prof. 
C. "NVinkler: Het stelsel van Prof. Sigmund Freud. Haarlem. Erven Bohn, 1917. 
(Geneesk. Bladen. 19. Reihe, No. 8.) 



334 A - StBrcke, 

Die Arbeiten von van llcnterguem (21b, 1913), van der 
Chys (2) s Ad. F. Meyer (15), van der Hoop (6) sind mehr 
oder weniger populär gehaltene Zusammenfassungen der psy- 
choanalytischen Grundbegriffe; sie stehen Jung nicht abweisend 

gegenüber. 

Die Feuilletons van 11 aalt es (21c, Sie, 1911) nenne ich be- 
sonders, weil sie die ersten Arbeiten in holländischer Sprache waren, 
in welchen eigene Beispiele aus dem Alltagsleben mit oberflächlicher 
Analyse zu Propagandazwecken vom Autor (Volksschullehrer, später 
Dr. Jur. und Journalist) mitgeteilt wurden. (S. Int. Zeitschr. für 
ärztl. Psychoanalyse II, 181.) 

Kritiken, und zwar ohne neue Argumente, wurden von 
L. v. Mierop (18, 1914), Prof. der Philosophie de Beer (1, 1914), 
Prof. psych. TV in kl er (33, 1917), Prof. theol. Heer in g (5, 1917), 
Doz. Roels (23, 1918; 24, 1918), vanValkenburg (32, 1918), 
Prof. Kristensen (13, 1918), Kiewiet de Jonge (12, 1918), 
van der Hoeven (5b, 1908), Prof. L. Bouman (lb, 1912), Kou- 
ehenius (IIa, 1912), Heilbroner (5a, 1912), van Erp Taal- 
man Kip (3c, 1912), van Valkcnhurg (32a, 1912), Wertheim 
Salomonen (32b, 1912), Sehnitzler (24a, 1912) geliefert. 

Vermittelnd äußert sich in einer längeren Kritik Professor 
der Psychiatrie L. Bouman (lb, 1912). 

Eine Verteidigung gegenüber der de Boerschen Kritik 
wurde von J. Star cke geliefert (27, 1914), weitere Verteidigungen 
von A. Stärcke (26a, 1912), A. F. Meyer (17a, 1918), van 
Ophuijsen (21a, 1918), van Emden (3b, 1912). 

Ad. F. Meyer (14, 1915) schrieb ein holländisches Lehrbuch der 
Psychoanalyse für Ärzte und Studenten. Referent kennt keinen 
zweiten Autor, dem es gelungen wäre, auf 168 Druckseiten eine so 
klare, und auch beim Publikum so gut einschlagende Darstellung 
des Stoffes zu geben. Einen Teil seines zweiten Kapitels widmet er 
den Meinungsdifferenzen zwischen Freud und Jung und stellt 
sich in dieser Arbeit noch auf den Standpunkt, daß keine prinzi- 
piellen Verschiedenheiten vorhanden seien. Der einzige Punkt, wo 
dies wirklich der Fall wäre, ist nach Verfasser die Frage, ob beim 
Ausbrechen der manifesten Neurose die Libido schon größtentejk 
an den unbewußten Vorstellungen fixiert ist oder erst in diesem 






Holländische Literatur. 335 

Augenblicke dorthin regrediert, über diese Frage, weil von nur 
theoretischem Interesse, zieht er es vor, sich nicht weiter zu äußern. 
(Später [17, 1917] hat sich der Autor der Freu dachen Auffassung 
angeschlossen.) 

Der psychologische Begriff der Freud sehen Libido ist naeh 
Verfasser ein Korrelat des materiellen Begriffes „chemische "Wirkung 
der interstitiellen Drusen". Anschaulieh schildert er auch die thera- 
peutische "Wirkung der Psychoanalyse und die Rolle der Übertra- 
gung dabei. Man kann die Wirkung der Analyse vergleichen mit 
jener einer Zerlegung in Faktoren, woran jeder sich noch aus den 
Schuljahren erinnert. Die ursprüngliche Form macht einen fremden 
und komplizierten, praktisch unbrauchbaren Eindruck. Nach Zer- 
legung werden die Faktoren anders gruppiert, und so kommt man 
schließlich zu einer Form, die einfacher aussieht und auch praktisch 
brauchbar ist. 

A. Stärcke (26a s 1912) vertritt den Standpunkt, daß die 
klinischen Verschiedenheiten der psychotischen und neurotischen 
Krankheitstypen auf die verschiedenen Quantitäten der regredieren- 
den Libido und auf die verschiedene Regressionstiefe zurückzuführen 
seien. Die Psychoneurosen seien die leichteren Fälle derselben Krank- 
heit, welche in ihren schweren Formen die Zustandsbilder der 
Paranoia und der Schizophrenie schafft. 

Es wird ein Versuch gemacht, die Freud sehen Lehren in 
ein. geschlossenes Ganzes hineinzusystematisieren, im Anschluß an 
die Sem on sehe Mnemelehre, die psychologischen Betrachtungen 
Lipps' und Kronfelds Formulierungen. Der Affekt z. B. sei 
eine Form psychischer Energie (naeh Lipps ist psychische Energie 
= die in den psychischen Prozessen selbst liegende Möglichkeit, die 
psychische Kraft in sich zu aktualisieren und sie sich in Konkurrenz 
mit den übrigen psychischen Prozessen anzueignen). Damit ist zu- 
gleich ausgedrückt, daß, wenn an diese psychische Energie eine 
physische Energie gebunden ist, die Quantität dieser physischen 
Energie nicht konstant ist, sondern von Dauer und Intensität des 
Affektes, vielleicht noch von anderen Faktoren, abhängt. Zugleich 
ergibt sich daraus die Möglichkeit, daß von einem affektgeladenen 
Komplex ein Energiestrom ausgehe, ohne daß der Affekt sich da- 
durch zu verringern braucht. Auch kann ein Affekt, der einen 



ggg t* StSrcte. 

Teil seiner Quantität verschoben hat. sich selbst anfüllen: ein afiekt- 
geladener Komplex, der nicht in der Lage ist, physische Energie 
abgeben zu können, kann dieselbe in sich anhäufen. Daß das Übw 
nur durch einen Wunsch in Bewegung zu versetzen ist, daß es 
bestrebt ist, sich reizfrei zu halten und dazu "Wunsche zu bilden, 
dabei senkundär diesen Wunsch als erfüllt darzustellen, folgt schon 
aus der Theorie. 

Die experimentellen Prüfungen der Komplexforschung findet 
Verf. wertlos, weil sie vier Hauptfehler zeigen: 1. Das Arbeiten 
mit von vornherein gewählten Zielworten ; die darauf erfolgten Reak- 
tionen werden als Komplexreaktionen gesondert: indessen ist diese 
Sonderung nicht gestattet, man kann niemals von vornherein wissen, 
welches Reizwort einen bestimmten Komplex treffen wird. 2. Sie 
verwerten zu wenig „Komplexzeichen". 3. Die postkritischen Reak- 
tionen werden in der Statistik nicht berücksichtigt. 4 Es wird nicht 
berücksichtigt, daß neben dem gesuchten oder experimentell gege- 
benen noch viele andere Komplexe aktiv sein können. 

Der kritische Teil enthält auch eine Erweiterung der Kron- 
feld sehen kritischen Prüfung der Freudschen Lehre. Durch 
diese Erweiterung wird das Ergebnis in dem Sinne modifiziert, daß 
die prinzipiellen, formal-logischen und erkenntnis-theoretisehen Be- 
schwerden fortfallen. 

In einem weiteren Abschnitt befürwortet Verf. das Zusammen- 
gehen und die gegenseitige Beeinflussung der Psychoanalyse mit 
der Hirnphysiologie und der Biopsychiatrie.. Edingers Palaeenee- 
phalon sei funktionell ziemlich identisch mit Freuds primärem 
psychischen Apparat, an welchem noch das Vbw fehlt. In den spä- 
teren Bildungen werden wir vor allem Beziehungen zum Vbw zu 
suchen haben. Die Hirnrinde sei in erster Linie ein Realitätsorgan. 
Darin seien die Projektionsfelder von anderen Systemen geschieden, 
die zu den untrennbar miteinander verbundenen Funktionen der Über- 
tragung und der Verdrängung Beziehungen haben. Die Anwendung 
von Freuds Lehre auf die Tierpsychologie zeige direkt, daß die 
trbertragungsfähigkeit mit der Entwicklung der Hirnrinde zunehme. 

Aus der Anwendung der Freudschen Lehren auf die Bio- 
psychiatrie soll sich für uns eine Warnung ergeben, nicht zuviel 
auf Rechnung der Heredität zu setzen. 



Holländische Literatur. 337 

Die psychische Gynandromorphie des Neurotikers, welche von 
Freud aufgedeckt wurde, erinnert an den „Kampf der Gene". So 
gut wie der Hybrid zwischen Arier und Alpine ein Desequilibrierter 
wird, wenn arische Habgier in ihm mit den hausbackenen Charakter- 
eigenschaften des Braehykfvphaleu streiten, so gut können männliche 
und weihliche Eigenschaften, wenn sie zu gleicher Zeit in dem- 
selben Individuum manifest werden, ihm Schwierigkeiten schaffen. 
Dagegen besteht zwischen der biologischen „ßezessivität" von 
Eigenschaften und der psychoanalytischen „Verdrängung" nicht die 
geringste Beziehung, obwohl sie beide von Semon auf nur alter- 
nativ ekphorierhare Engrammdichotomie gegründet werden. Dabei 
übersieht Semon, daß die Frage, welche Ekphorie zum Bw zuge- 
lassen wird, unabhängig ist von der Präge, welche Engranimkomploxe 
ekphoriert werden. 

In einem letzten Abschnitt findet Verf. die Entstehungsbcdm- 
gungen der Er eud sehen Lehre im Reaktionsbedürfnis gegen allzu 
weit getriebene kulturelle Hemmungen, durch das Fiasko der phy- 
siologischen Psychologie und durch Reaktion gegen die fatalistischen 
Hereditätslehren unterstützt. Sie ist der, wie in der Antike und 
in der Renaissance, auch jetzt (1912) sich erhebenden Universal- 
bewegung der Romantik anzureihen. 

A. Stäreke (26, 1914) sucht den Frcudfcchen Libido begriff 
mit dem theoretisch zu supponierenden biologischen Begriffe eines 
Antriebes zum Tode zu identifizieren. Dem gegenüber stehe 
der Ich-Trieb als das das individuelle Leben erstrebende Prinzip. Der 
Ich-Trieb wäre als mit dem Keime gegeben, im Leben sich verbrau- 
chend, die Libido dagegen als von mnemischen Heilwirkungen ge- 
füttert, vielleicht daraus ganz aufgebaut, zu denken. Der Ich-Trieb 
sucht die Energie aus dem Kosmos in das Individuum anzuhäufen, 
strebt zur Zentralisierung, zur Vergrößerung des Individuums, zur 
Verlängerung des individuellen Lebens. Dio Libido strebt darnach, 
Energie abzugeben, die Individualität aufzuheben. Der anfänglich 
übermächtige Ich-Trieb wäre der theoretische Ausdruck für die Be- 
obachtung der anfänglich sehr großen "Wachstumsschnelligkeit, welche 
dann durch die zunehmende Libido stets mehr gemäßigt wird. End- 
lieh kommt es zu einem relativen Gleichgewichtszustand; im Lebens- 
alter der Pubertät hört das "Wachstum auf, und fängt zugleich die 

Pfjohoanulrij», Berieht 19H— 1B1 9. 9 p 



agg A. Stärcke. 



Funktion der Begattung an, welche biologisch wie psychologisch mit 
dem Sterben eine gewisse Verwandtschaft zeigt. Liebe ist Todes- 

bereitschaft. 

Obwohl bei späteren Tierformen Paarung und Tod geschieden 
sind, ist mit jeder Paarung eine Regression des gesamten psychischen 
Lebens verbunden, welche das Individuum für kurze Zeit in das 
primitive Lustleben Kurückführt. Je tiefer diese Regression, desto 
mehr gleicht sie dem Sterben. Jede Regression vermindert die An- 
strengung, die Psyche auf ihrer Höhe zu erhalten; dadurch sind die 
mit der Paarung verbundenen psychischen Prozesse für die Entwick- 
lung und bleibenden Gesundheit der Seele von einem Werte, dessen 
Umfang wir noch nicht kennen, der aber ohne Zweifel sehr groß ist. 
Die Kultur strebt darnach, nicht die Zahl der erlaubten Regressionen, 
wohl aber ihre Tiefe zu beschränken, und wirkt dadurch gesundheits- 
schädlich. 

A. Stärcke (30, 1917) schreibt die Richtung der psychischen 
Sexualität verschiedenen Faktoren zu. 1- Bern organischen Faktor 
der Pubertätsdrüse. Man muß den natürlichen Tod — den Tod des 
Soma — vom sexuellen Tode — dem Tode des Keimplasma - unter- 
scheiden. Die Pubertät sei der erste Teil des sexuellen Todes, näm- 
lich der Tod des heterosexuellen Teiles. Übrig bleibt das sexuell 
differenzierte Tier. 2. Dem von Federn in den Vordergrund .ge- 
rückten Faktor der äußeren Gestalt, welcher zu den Stereutropismen 
gehört. 3. Den späteren mnemischen Verknüpfungen. Er fragt, ob 
nicht neben den neurotischen Fällen von Homosexualität andere 
stehen, wo sie ein einfacher Infantilismus genannt werden muß. 

Prof. Jelgersma bringt (9, 1915, 147 und X Seiten) eine aus- 
führliche Krankengeschichte einer hysterischen Asynergie des rechten 
Armes mit abnormen Sensationen in der linken Körperhälfte, früher 
auch mit Krämpfen im linken Arm und Frösteln im Körper, gemüt- 
licher Depression. Bei der psychoanalytischen Behandlung stellte sich 
heraus, daß die psychischen Symptome vorangegangen und die kör- 
perlichen Erscheinungen nach mehreren Anlässen darauf gefolgt 
waren. An der ausführlichen Analyse von sieben Traumstücken wird 
der Gang der Behandlung, die zu völliger Heilung führte, bloßgelegt. 
Die Analyse betraf hauptsächlich die Symbolik der Objektwahl, des 
Sadomasochismus und der genitalen Sexualität. Die Sphäre der wei- 



Holländische Literatur. 339 

teren Autoerotik wurde nicht gründlich erforscht, weil die Gene- 
sung auch ohne diese erfolgte. Verfasser kommt zu folgender Auf- 
fassung des Falles: Die Patientin ist, obwohl nicht hochgradig, zu 
Nervenleiden disponiert (ein Fall von Psychose, in der Familie ; Alko- 
holismila beim Vater). In der Jugend macht© sie einige Perioden 
psychischer Depression durch. Bis in früher Jugend läßt sich ein 
sadomasochistischer Zug unterscheiden, welcher an sich nicht krank- 
haft ist, aber eventuell bei äußeren Anlässen zur Krankheit*; basis 
werden kann. "Während ihrer Verlobung wurde ihr bewußt, daß sie 
eine starke Sexualität besitze, und nach Abbruch jener setzte sie 
ihre frustraa-sexuelle Erregung in ihren Phantasien fort und bil- 
dete auch noch neue dazu. Bei diesen Phantasien, welche nur Vor- 
stellungen über Küsse und Berührungen zum Inhalt hatten, waren 
stets Wollustgefühle da. Unter diesen Umständen (Abbruch der Ver- 
lobung, starke Sexualgefühle) manifestierte sich eine krankhafte "Wir- 
kung ihrer von früher Jugend an bestehenden sadomasochistischen 
Eigenschaften, und zwar in einer Selbstbestrafung des schuldigen 
Körperteiles. Es war, was der Verfasser einen Kurzschluß nennt. 
Der zu bestrafende Teil ist gegeben, die Art der Strafe noch nicht. 
Diese entnimmt sie der Krankheit ihres Vaters, welche sie auch als 
eine Art Strafe betrachtete. Er starb an Apoplexie, wie sie meinte 
nicht ohne Zusammenhang mit seinem früheren Alkoholismus. Darum 
bekam sie eine'Asynergie des Armes, von der sie fortwährend fürch- 
tete, daß sie in wirkliche Lähmung übergehen würde. Ein Liebes- 
verhältnis mit einem verheirateten Manne, das darauf folgte, ver- 
ursachte starke Zunahme der Selbstvorwürfe; sie bestrafte sieh dann 
weiter mit linksseitiger Hemiplegie, wie sie ihr Vater auch gehabt. 
Zum Schlüsse kam noch eine nervöse Sehstörung dazu, weil ihre 
Augen von ihrem Verhältnis als verführerisch gerühmt worden waren. 
Verfasser führt aus, daß Selbstvorwürfe vornehmlich dann pathogen 
wirken können, wenn sie Neigungen gelten, deren Quellen dem Be- 
wußtsein unbekannt sind. Aus der Unlust des Selbstvorwurfes er- 
gibt sich von selbst eine ethische Hemmung der Taten, auf welche 
der Seibstvorwurf folgte. Das ist aber nicht gültig für Missetaten, 
welche aus unbewußten Motiven gespeist werden. 

Verfasser besehreibt seine Technik wie folgt : Die Patientin er- 
zählt einen Traum. Verfasser spricht darüber mit ihr, und gibt ihr 

22- 



«UA "*■■ Stärcfce - 



einige auffällige Punkte an, worüber sie nachdenken solle. Das 
nächstfolgende Mal kommt die Patientin mit einer Explikation, die 

Verfasser beurteilte und worüber er Bemerkungen machte; jedesmal 
hatte er sie auf Punkte aufmerksam zu machen, die sie übersehen 
hatte und mußte ihren Gedanken die Richtung geben. Allmählich 
wurde die Deutung vollständiger und schließlich beauftragte er sie, 
alles im Zusammenhang aufzuschreiben- 

Wie seine Technik, so ist auch die psychoanalytische Theorie 
des Verfassers noch nicht zu den späteren Entwicklungsstadien der 
Psychoanalyse vorgeschritten. Es wird das wohl keinen verwun- 
dern, der vom Verfasser erfährt, wie dieser erst in seinem 48. Jahre 
anfing, sich mit dem Studium der Psychoanalyse au beschäftigen, 
und dabei als Universitätsprofessor nicht nur den Widerständen der 
Umgebung zu trotzen hatte, sondern auch eigene bisherige Autfas- 
sungen als Hirnanatom und Kliniker beiseite schieben mußte. Die 
Überwindung dieses professionellen Narzißmus ist Verfasser bis auf 
Reste in rühmlichster Weise gelungen. Verfasser betont noch, daß 
er von den Erklärungen Freuds in einigen Hinsichten abweiche. 
Freud meine, daß der Affekt aus den zahllosen täglichen kleinen 
Ereignissen dasjenige auswählt, was assoziative Gemeinschaft mit 
dem affektiven unbewußten Inhalt hat, und daß dieses als Traum- 
anlaß zum Vorschein kommt; Verfasser meint, es sende umgekehrt 
das kleine Ereignis assoziative Verbindungen aus zu den leicht an- 
sprechbaren affektbetonten tieferen Prozessen. 

Im Oktober und im Dezember 1916 hat Jelgersma (10, 1916; 
11, 1916) im Niederländischen Verein für Psychiatrie und Neurologie 
und im Utrechter Ärzteverein zwei Vorträge gehalten, die deutlich 
seinen Fortschritt seit dem vorhergegangenen Jahre zeigen. In bei- 
den Vorträgen werden Beispiele von sexueller Symbolik bei Neuro- 
tikern ziemlich ausführlich dargestellt und dabei die extragemUle 
Sexualität nicht vergessen. Eine Musiklehrerin hatte ängstliche und 
bebende Zuckungen um den Mund beim Danksagen nach öffentlichem 
Spiele. Sic litt unerträgliche Ängste bei diesen Gelegenheiten, daß 
jene Gefühle wieder auftreten würden. Nach der Lektüre eines Bu- 
ches über die Geheimnisse der Heirat waren sie entstanden. Sie hatte 
von Schamlippen und Flimmerhaaren gelesen: die eigenen Lippen 
wurden zu Schamlippen und die Flimmerhaare zu den gefürchteten 



Holländische Literatur. 341 

Zuckungen. Schon in der Jagend aber hatte ihr häßlicher großer 
Mund die Bedeutung eines Sexnalsymbols für sie gewonnen; mit 
Angst hatte sie oft im Spiegel darnach geschaut. In einem. „Katzen- 
txaum" sah sie im Munde der Katze einen Schwanz, der zum Phallus 
wurde. 

Eine andere junge Frau war nach dem Abbruch einer Verlobung 
nervös geworden. Bei der analytischen Erforschung kam aber außer- 
dem heraus, daß eine Tante früher das Kind zu 9ich ins Bett ge- 
nommen und mit ihrem Beine zwischen den ihrigen masturbiert hatte. 
Eine männliche Einstellung der Kleinen resultierte. Als dann später 
eine Freundin mit einem Beine in einem Gipsverbande herumging, 
erweckte dieses steife Bein allerlei Gefühle bei der späteren Pa- 
tientin, bis sie die Gangart genau imitierte. Dazu kam dann auch 
ein manifestes homosexuelles Gefühl; auch in den hysterischen 
Krampfanfällen agierte sie einen Jungen. (Der Verfasser berichtet 
auch eviK'ii Zahnextraktionstraum von sieh selbst, den er auf seiaen 
Kastrationskomplex zurückführt.) 

In dem Oktobervortrag benutzt der Verfasser die Deutung einiger 
Fälle von Angst und Zwang, um seine -vorangestellte These zu er- 
läutern. Nach Verfasser wird jeder Beiz, bei genügender Verstärkung 
unangenehm, zumal wenn er inadäquat wird. So wird ein elektrischer 
Strom schon bei geringerer Beizstärke schädlich auf das Auge wirken 
wie ein starker Hehtreiz. So ist es auch mit den Geistesprozessen. 
Die normale sexuelle Funktion wird auch bei "Wiederholung nicht 
leicht Angst gehen, weil der Beiz adäquat ist. Di© sexuelle Phan- 
tasie dagegen ist inadäquat und gibt leicht Angst. Daraus erklärt 
Verfasser z. B, die Angst bei einem obsedierenden Gedanken (so 
sah der Kranke Jesus sein Bedürfnis verrichten). Es wird aber auch 
detailliert mitgeteilt, daß er eine starke Uretliral- und Analerotik 
besaß und als Kind in ein Ghristujsbild körperlich verliebt war. 

Das melancholische Gefühl entsteht nach Verfasser aus einer 
Summation von angenehmen Beizen, zumal wenn diese inadäquat 
waren. Der neurotische Zwang ist auch an sich unangenehm; sein 
Anfang ist aber immer angenehm, und nach der Erfahrung des Ver- 
fassers angenehm in infantil-sexuellem Sinne. 

Van Ophuijsen (21, 1918) teilt drei Analysenfragmente mit, 
welche den Einfluß des sekundären Krajakheitsgewinnes und den des 



342 A* StBrcke. 

„sekundären Genesungsgewinnes" auf den Verlauf der Krankheit an- 
schaulich machen. 

Van der Chys (3, 1918) teilt einiges aus der Analyse eines 
Kranken mit Halluzinationen mit, der von der „ Society for Psychical 
Research" ernst genommen worden war, und u. a. sich rühmte, Si- 
multanhalluzinationen hei sieh seihst und seiner Mutter auslösen zu 
können 1 ). Die halluzinierten Stimmen schalten ihn, warfen ihm vor, 
daß er als „dritter 'Wilhelm" den Krieg verursacht habe; eine 
„satanische Persönlichkeit" sagt ihm auch: ,,ich werde dein Hinteres 
aussaugen" mit scharfem, s. Gleichzeitig mit der Halluzination be- 
kommt er bisweilen eine Erektion, wie um zu zeigen, um was es sich 
handelt. Eine Vision — horizontales Kreuz, oben lichtgraue Scheibe 
mit zwei schwarzen Augen und ein Dreieck als Nase; das Kreuz von 
einer riesigen Hand festgehalten, darunter ein großer Erdball, wobei 
eine feine Stimme ein englisches Gedicht über Alpha und Omega 
sagte — erwies sich als Verdichtung vieler Größenideen, Bestra- 
fungsgedanken, Inzestgedanken. Das ganze, speziell die Simultan- 
halluzinationen mit der Mutter, mit weleher der Kranke übrigens 
zusammenwohnt, ist auch die Verbildlichung der geistigen Einheit 
zwischen ihm und ihr, und steht als Ersatz für die verbotene Hand- 
lung. Bewußt verboten ist ihm seine Liebe zu einer verheirateten 
Frau, welcher er nicht nachgibt; dahinter stecken seine inzestuösen 
und perversen Neigungen. Nach einer ziemlich kurzen Behandlung 
nach Freud durch van der Chys bekam der kranke Narzißist 
Krankheitsein sieht und die Halluzinationen sowie die Schlaflosig- 
keit schwanden. 

In den Kunstwerken der „expressionistischen" Schule, wovon 
einzelne reproduziert werden, sieht Verfasser auch mit der beschrie- 
benen Vision analoge Darstellungen. In der Selbstbeschreibung des 
Malers van Kuyk spricht dieser auch von Halluzinationen, welche 
ihm von einer anderen Welt berichten, wo Wesen mit übermensch- 
licher Seelenkraft auf ihn einwirken und seine Seeleninhalte zum 
Bewußtsein drängen. Diese Darstellungen sind Kryptogramme, 
welche leicht als Abbildungen von funktionierenden Genitalien zu 
entlarven sind. — Verfasser bespricht schließlich noch die Notwen- 



1) Die Arbeit ist auch deutsch erschienen in Z. V, S. 271. 



Holländische Literatur, 343 

digkeit, bei der allgemein herrschenden Regressionstendenz die Grenze 
der Norm nach unten zu verschieben. 

Van Raalte (21 f, 1912) findet in den spontanen Kinder- 
zeielinungen oft Wunscherfül hingen einfachster Natur dargestellt. 
Von einzelnen Kindern wurden stereotype Gegenstände abgebildet; 
auch das war begreiflich determiniert. 

Ad. F. Meyer (16, 1917) behandelt die Homosexualität und ihr 
reziprokes Verhältnis zur Zwangsneurose und meint, die Homo- 
sexualität sei meistens eine nach dem Muster der Zwangsneurose 
entstandene, durch perverse Einstellung zum anderen Geschlecht moti- 
vierte Flucht zum eigenen Geschlecht. In jeder Zwangsneurose findet 
man übrigens homosexuelle "Wunsche, in Verbindung mit den ver- 
schiedensten Partial trieben. 

Van Emden (3a, 1917) weist darauf hin, daß auch Hetero- 
sexualität als Zwangserscheinung vorkommen kann, %■ B. beim Don- 
Juan-Typus. 

Van Ophuijsen (20, 1917) kommt zum Schlüsse, daß in jedem 
Traum dreierlei Arten von Wunscherfüllung vorkommen: 1. eine 
rein phantastische "Wunseherfülluug, nicht notwendig von infantilem 
Charakter; 2. eine "Wunscherfüllung infantil-sexueller Art, an ein 
Erlebnis, welches die "Wunscherfüllung symbolisch daxstellt, geknüpft ; 
3. die "Wunscherfüllung, wie sie im psychoneurotischen Symptom 
nahezu direkt sich äußert, und welche den autoerotischen Trieben 
entstammt. 

Die Doktordissertation Kiewiet de Jonge's (12, 1918), 210 
Seiten stark, setzt an Stelle von Freuds Theorie des Traumes eine 
eigene, welche vom niedrigen Bewußtseinsgrade während des Schlafes 
ausgeht. Für die Wissenschaft hat sie keinen Wert. 

Die Doktordissertation von de Haan (4, 1918) ist ein experi- 
mentell-psychologischer Beilrag zur Lehre der retrograden Amnesie, 
im Anschluß an die Arbeit. Wiersmas (in Zeitsohr. f. d. ges. Neur. 
u. Ps., Band XXII, 1914). Nach Wiersma muß die Nachwirkung 
schwacher Reize verdrängt werden, wenn sie gleichzeitig mit einem 
starken Reiz in unserem Zentralbewußtsein anwesend ist. Weil nun 
die Reproduktion rezenter Wahrnehmungen nur durch diese direkte 
Nachwirkung im Zentralbewußtseia stattfindet, wird nach der Ver- 
drängung dieser Nachwirkung eine Reproduktion der Wahrnehmung 



344 



A. Stärcfce. 



unmöglich. Bei etwas älteren Wahrnehmungen, deren Nachwirkungs- 
kraft schon geringer ist, wird durch einen stärkeren Reiz nur ein 

Teil mehr verdrängt. Da diese Wahrnehmungen doch wieder erinnert 
werden können, müssen die nicht mehr verdrängbaren Teile der Nach- 
wirkung sich sonst irgendwo befinden, und zwar im peripheren Be- 
wußtsein. 

Es haben sich also Nachwirkungen in andere Lokalitäten des Be- 
wußtseins verschieben können. Ebenso werden die Nachwirkungen 
der Amnesie erzeugenden Ereignisse verdrängt, können sich daher 
nicht mit anderen Inhalten assoziieren. Der Reproduktion der re- 
zenten Ereignisse, obwohl stärker als die früheren in unserem 
Zentralbewußtaein nachwirkend, muß durch die Verdrängung jener 
Nachwirkungen auch geschadet werden. 

Es wurde experimentiert: 1. mit Reproduktion zweiziffiiger 
Zahlen und dem vernichtenden Einfluß nachfolgender Arbeit auf 
die Reproduktion; 2. Wiedererkennen zweiziffriger Zahlen und der 
vernichtende Einfluß nachfolgender Arbeit ; 3. Vernichtung schwacher 
Gefühlsempfindungen durch nachfolgende stärkere (elektrische und 
BerühTungsreize) ; 4. Einprägung von Farben, Figuren und Kombi- 
nationen beider, mit Vernichtung derselben durch nachfolgende 
Wahrnehmung von Skioptikonbildern. 

Es wurde gefunden, daß sowohl der Reproduktion als auch der 
Rekognition von Eindrücken durch sofort nachfolgende Geistesarbeit 
geschadet wird, und zwar um so mehr geschadet, je mehr Demenz 
vorhanden war. Bei sehr rezenten Eindrücken sind die Nachwirkun- 
gen im Bewußtsein die einzigen Überreste. Wird die Nachwirkung 
vernichtet, z. B. durch stark erregende Ereignisse, dann wird der 
Eindruck für immer vernichtet. Ältere Wahrnehmungen werden da- 
gegen durch ihre Assoziationen, welche sie inzwischen gebildet haben, 
davor bewahrt. (Kritik lasse ich an dieser Stelle fort.) 

Rivers (London) (22, 1918) berichtet vom wissenschaftlichen 
Umschwung in England auf dem Gebiete der Psychoneurosen. Die 
Kriegserfahrung habe die Bedeutung der nicht bewußten Empfin- 
dung, der Verdrängung, kurz von Freuds Lehre, vielen Psycho- 
logen deutlich gemacht. Die am meisten lohnende Behandlung der 
Kriegsneurosen sei eine Art geistiger Analyse, welche einer ober- 
flächlichen Freud sehen Psychoanalyse gleicht. 



Holländische Literatur. 345 

Angewandt« Psychoanalyse. 

Va-n Suchtelen (31, 1917) bringt iii seinem Buche, das -von 
allen Darstellungen der Freud sehen Lehre in Holland wohl die am 
meisten gelesene bildet. leider auf dem Boden der Jung sehen Ge- 
fälligkcitsneuerungen sieht, 15 Dialoge zwischen zwei Xarzißisten, 
wovon einer als Deuter, der andere als Träumer auftritt. Viele 
davon stellen sehr respektable Deutungen dar. (Nach der Erfahrung 
des Verfassers bedeute Gold nicht nur Kot, sondern auch "Weib oder 
Weiblichkeit. Dafür weist er auf die Kaul'heirat; beide sind ein 
Inbegriff des Besitzes.) 

An dieses Buch knüpfen van Valkenburg (32, 1918) und 
Prof. Kristensen (13, 1918) Kritiken; die zweite enthält mehrere 
Bemerkungen des in der Mythologie bewährten Verfassers. Er warnt 
vor den billigen Lösungen, welche die Tiefenpsychologie für ver- 
wickelte Probleme angibt. Diese Lehnstuhlphilosophen fassen nicht, 
daß eine fremde Kultur oder eine fremde Beligion als selbständiger 
"Wert aufgefaßt werden soll, und keine verkrüppelte Ausgabe unseres 
eigenen geistigen Besitzes darstellt. So mit den kosmogonischen My- 
then. Nach einer nicht unbekannten Mythe hat Gott den Menschen 
aus Staub des Erdbodens gebildet und in seine Nasenlöcher Lebens- 
atem geblasen, dann nahm er eine Rippe aus dem Menschen und 
bildete daraus ein "Weib. Bossleren, nicht zeugen, kommt oft als 
Schöpfungsmethode vor. Nach dem ägyptischen Mythus hat Ohnum 
als Tüpfer die Welt auf seiner Scheibe geformt Selbst wo vom kos- 
mischen Ei die Rede ist, kann die Bossierung dieses Eies durch den 
Schöpfer-Gott die erste Schöpfungstat sein; die Welt ist auch dann 
nicht im Hühnerhof entstanden. (Wir können Prof. Kristensen 
für seinen Beitrag zum exkrementellen Schöpfungsmythus nur dank- 
bar sein.) Andere kosmogonisehe Mythen erzählen von der schöpfe- 
rischen Kraft des göttlichen Wortes. (Der Sehöpfer-Gott Ptah, erste 
ägyptische Dynastie.) Von diesem Mythus, von der magischen Kraft 
des Wortes, solle man nach Prof. Kristensen nicht eine sexuelle 
Urbedeutung feststellen wollen, wie es van Suchtelen tut. („Das 
Feuer ist das Leben, wie es aus der Urlibido, dem sexuellen Schöp- 
fungsdrange entspringt. Aber das Feuer ist auch die Sprache.") Nach 
van Suchtelen sei die crux ansata eine Zusammenstellung des 



„ jg A. Starcke. 

männlichen und des weiblichen Symbols, oder des dreifachen Mann- 
gottes mit dem einfachen Weibgott. Auch Pater Jablonski, ge- 
storben 1757, sah ein phänisches Symbol darin. Nach Prof. Kri- 
stensen bedeutet es den magischen Knoten, und hat sekundär die 
Bedeutung von „Leben" bekommen, weil das Leben als magische Kraft 
aufgefaßt wurde, eine Energie, die durch bestimmte magische Hand- 
lungen unterhalten und verstärkt werden konnte; andere Knoten, be- 
kannte Hieroglyphen, bedeuteten diese Handlungen. Auch das T- 
Kreuz sei nicht, wievanSuehtelen angibt, das dreifache männ- 
liche Organ, der starke, lebenspendende ägyptische Gott, wie er da- 
steht, aufrecht, die Flügel ausgebreitet, befruchtungsbereit, wie auf 
den alten Tempelmalereien. Nach Prof. Kristensen komme eine 
derartige Vorstellung auf den Tempelmalereien überhaupt nicht vor. 
Auch die babylonischen Lebensbäume hätten mit der Phallussymbohk 
nichts zu schaffen. Dagegen könne jeder Religionshistoriker Tat- 
sachen beibringen zur Bedeutung der Sexualität in der Religion. So 
z. B. der Schöpfungsmythus von Tum, dessen brutale sexuelle Bedeu- 
tung an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt; so die Mythen 
von Eros und Kama. Weiter die ithyphallischcn Bilder des Min, 
welche schon im prähistorischen Zeitalter die Auferstehung des kos- 
mischen Lebens symbolisieren, und die ithyphallischcn Osirisbilder, 
mit der menschliehen Auferstehung ans dem Tode verbunden. Er 
könne mitteilen, daß die Babylonier in ihrem Kudurrus das Weltall 
in Phallusform dargestellt, und daß die Ägypter in einem frühen 
Zeitalter ihrer Geschichte die „Seele" von Be und von Osiris mit 
dem Namen „Phallus" benannt haben. 

Nach Prof. Kristensen ist jetzt das sexuelle Motiv in der 
Mythologie widerstandslos zur Anerkennung gekommen, aber eben 
darum könne die überwiegende Bedeutung dieses Motivs verneint 

werden. 

J. Stärcke (28, 1916) hat ein großes Material von bewußter 
und unbewußter Symbolik aus Bildkunst und Plastik zusammenge- 
bracht und führt aus, daß auch die scheinbar irrelevanten Verzie- 
rungsmotive oft ihre Abstammung aus symbolisch bedeutungsvolleren 
verraten. Auch mit den religiösen symbolischen Vorstellungen ist 
das der Fall. Der tiefe Eindruck, den wir von dergleichen symboli- 
schen Vorstellungen empfangen können, ist wahrscheinlich größten- 



Holländische Literatur. 347 

teils darauf zurückzuführen, daß unser Unbewußtes die verborgene 
sexuelle Bedeutung des Symbols versteht. 

Schroeder (25, 1917) analysierte Apuleius' Erzählung von 
Amor und Psyche. Zu derselben Gruppe gehören das Grimm- 
sche Märchen Nr. 88 (Das springende singende- Löweneckerehen), 
Le Loup blanc, von E- Cosquin, in Contes populaires de la Lorraine 
mitgeteilt, und ein Märchen, 1840 zu Benares von einer indischen 
"Wäscherin erzählt. Die Auslieferung an eine Schlange, die ein Prinz 
ist, und nur bei Nacht seine Geliebte besucht, das Geheimnis des Na- 
mens, das Verschwinden und Suchen, die freiwillige Dienstbarkeit 
bei der Schwiegermutter, die Hilfe von Tieren bei der Ausführung der 
auferlegten Arbeit, all diese Motive kommen bei den Parallelmärchen 
auch vor. Beim Amor- und Psychetypus ist das Motiv der Ausliefe- 
rung einer Magd an ein Ungeheuer mit dem Motiv des Ver- 
schwind ens verbunden. Im Grimmschen Märchen und in den Sagen 
von Andromeda und Hesiune kommt nur das erstero zur Geltung, in den 
Lorinnen- oder Martenmärchen (Melusine, Lohengrin) nur das zweite. 
Die Auslieferung einer Magd an ein Ungeheuer bedeute ihre Bekannt- 
schaft mit dem männlichen Sexualorgan; sobald sie den Gegenstand 
ihrer früheren Purcht lieben lernt, ist das Tier in einen schönen 
Jüngling verwandelt. Pur das Motiv des Verschwindens will Ver- 
fasser mit Laistner den Einfluß des Traumes gelten lassen; es 
sei der übernatürliche Gatte ein Symbol des (erotischen) Traumes; 
daher komme er nur des Nachts. 

Van der Hoop (7, 1918) schreibt über Meyrinks „Der 
Golem", und findet darin die Entwicklung der sinnliehen zur gei- 
stigen Liebe symbolisch dargestellt. In noch tieferer Bedeutung sieht 
er dieses Liebesverlangen in Verbindung mit dem Suchen nach dem 
Ewigen in uns, nach der eigenen Seele. „Das Unwesentliche der 
Hillel, der unnahbar hohen, ist unseren Idealen eigen, und kann nur 
durch Negation eines großen Teiles unserer Seele erstrebt werden, 
der doch in der Tiefe bestehen bleibt, eben weil er sieh nicht äußern 
kann." „Pernath leidet an der Angst vor seinem Unbewußten und 
vor der Liebe, d. i. dem Verlangen nach Vereinigung mit seiner 
eigenen Seele." (Vgl. auch van der Chys, 3.) 



Italienische Literatur. 

Referent: Dr. Edoardo Weiß (Trißste). 



Literatur: 1. Dott. M. Lovi liianchini (Privatdozent), Psicoaiwliai ed 
Isterismo 1 ). (U Manicomio, arehivio tli psichiatria e seien» affini. — Organo 
del Manicomio Intnrprovinciule V. ß, II. Diretto dal prof. Domeaico Vcntra. 
1913, N. 1.) — 2. E. Lugaro (Prof. der Psychiatrie in Turin), La psichialria 
tedtwea 05l|a storia e attualita. — Studio oritico. — VI. I Scee^ionisti. 
(Kiviata di Patologia norvosa e mentale, diretta da E. Tanzi gJSwMjQ, — 
Fase. 2. 1917.) — 3. Gr. Modeiia: La psicoanalisi in Neuropatologia e in Psi- 
chiatria (Quaderni di Fsiehiatria, Rivista mensile teorica e pratica sotto la 
direzion© del Prof. Enrico Uorselli. Vol. II. 1915.) 



In. der Arbeit von Bianchini (1) wird der Psychoanalyse ein 
wissenschaftlicher Wert, wena auch mit Vorbehalt, zuerkannt: „Auch 
ohne systematisch als spezifisches Forschungsmitte] von psychopathi- 
schen und psyehoneurotisohen Erscheinungen annehmbar zu sein, 
gewinnt sie (die Psychoanalyse) einen entscheidenden Wert, wenn 
sie dazu bestimmt wird, eine generische und allgemeine Richtlinie 
für analytische Forschungen sowohl über das normale, als auch 
über das kranke Bewußtsein anzugeben." Autor findet "Worte der 
Anerkennung für die psychoanalytische Forschung. 

In der geschichtlichen Darstellung der Psychoanalyse hält sich 
der Verfasser lange bei der ursprünglichen Auffassung des Hysterie- 
mechanismus auf, wie sie von Breuer und Freud im Jahre 1895 
veröffentlicht wurde. Auch die weitere Ausgestaltung der psycho- 
analytischen Methode, das Verlassen der Hypnose, wird dargestellt, 
doch ist die heutige psychoanalytische Technik nicht ausführlich 
genug wiedergegeben. Man vermißt die Wiedergabe der psycho- 
analytischen Auffassung des Mechanismus und der Fntstehuugs- 

i) Aus dem Werke Dr. Levi Bianchinia: „L'Iateriamo delle antiche alle 
moderne dottrine." Fratelli Drucher editori, Padova 1913, 1 vol. in 8. 



Italienische Literatur. 349 

bedingungen der Neurosen. Unbewußt (incosciente) und unterbewußt 
(subcosciente), weleh letzteres die Psychoanalyse gar nicht kennt, 
werden für denselben Begriff alternierend gebraucht. 

Daß Autor noch nicht auf der Höhe der modernen Auffassung 
steht (die Arbeit ist 1913 geschrieben), geht aus dem kritischen 
Teil hervor. „Aber", meint der Verfasser, „auch wenn man die 
Hypothese der infantilen Sexualität annimmt, welche eist gegen 
das zeluite Lebensjahr wahren Wert zu gewinnen beginnt, bleibt 
doch die unumgängliche Notwendigkeit wenig gerechtfertigt, daß 
der sexuelle Mechanismus und seine Konflikte allein und direkt die 
Hysterie erzeugen." Bekanntlich behauptet Freud bloß, daß in 
jedem Falle von Hysterie, der bisher zur psychoanalytischen Unter- 
suchung kam, ein solcher Mechanismus aufgedeckt worden ist. Levi 
Bianchini hat aber — aus seiner Arbeit geht dies deutlich her- 
vor — noch keine psychoanalytische Untersuchung vornehmen können. 
Er wirft Freud Aussehließlichkeit und Vernaehläßigung des 
neuropathiscii-konstitutionellen, erblieh-degenerativen Elementes vor. 

Es sei nur noch erwähnt, daß der Verfasser als durch die 
Sexualtheorie vollkommen unerklärbar die Tatsache hinstellt, daß 
die Hysterie auch bei Individuen, „die nicht nur vollkom- 
men n o rm al, sondern geradezu frigid sind", bei anderen, 
die vollkommen sexuell befriedigt sind, bei Prostituierten und alten 
Leuten vorkommt; Autor meint, bei allen diesen Leuten konnten 
und dürften logischerweise keine Sexualkonflikte bestehen. 

Am Schlüsse möchte Autor trotz „so gerechtfertigter" Ein- 
wände doch den hohen "Wert der Psychoanalyse anerkennen. Seither 
hat Prof. Bianchini Gelegenheit genommen, auch seine Kenntnis 
der psychoanalytischen Lehren zu vertiefen und wir anerkennen 
dankbar seine Verdienste um die Verbreitung psychoanalytischer 
Kenntnisse in Italien. (Vgl. die am Schlüsse des Referates ange- 
führten Übersetzungen.) 

Der ^sechste einer Reihe während des Weltkrieges in national- 
polemischer Absicht veröffentlichten Aufsätze von Lugaro (2) be- 
faßt sich hauptsächlich mit der Psychoanalyse. Zu den „Secessionisti" 
gehört in erster Linie S. Freud. Der über 20 Seiten lange Abschnitt 
„S. Preud e la psicoanalisi" enthält eine durch und durch abweisende, 
in spöttisch-überlegenem Stile verfaßte Kritik der psychoanalytischen 



350 Dr ' Edoardo Weiß. 

Schule. Zu den gewöhnlichen feindlichen Tendenzen gegen diese 
Forachungsrichtung gesellt sich diesmal, wie erwähnt — Autor be- 
trachtet die Psychoanalyse als „germanisches" Produkt - noch eine 
national-polemische. Wegen dieser Färbung müßte wohl Lugaros 
Kritik auch für Gegner der Psychoanalyse an Wert verlieren. 

Der Abschnitt soll eine kritische Wiedergabe der psychoana- 
lytischen Theorien sein. Autor macht sich dabei nicht nur vieler 
Ungenauigkeiten schuldig, sondern läßt auch als psychoanalytische 
Anschauungen solche gelten, zu welchen sich diese Richtung gar 
nicht bekennt und welche in manchen Fällen von ihr geradezu ab- 
gelehnt werden. Solche naive Darstellungen über Freuds Schule 
eignen sich natürlich — weil sie den Theorien der Psychoanalyse 
gar nicht entsprechen — ganz vorzüglich für Lugaros polemische 
Absichten. Der Verfasser weiß aber seine Tendenz mit ziemlicher 
Fertigkeit zu vertreten, er zitiert auch einige Stellen in deutscher 
Sprache, so daß er bei den Laien leicht den Eindruck erwecken 
könnte, es seien ihm die psychoanalytischen Theorien und die 
psychoanalytische Behandlungsweise ganz geläufig. 

Autor läßt schon beim Erwähnen der Char cot sehen post- 
hypnotischen Suggestionen seine Auffassung (übrigens der psycho- 
analytischen nicht fernstehenden) über jene psychischen Erscheinun- 
gen erkennen, die in der Psychoanalyse als unbewußt gelten: Es 
seien, vom Komplexe der Personalität dissoziierte Ideen, die nicht 
hervorgerufen werden können und deswegen in bezug auf die Per- 
sonalität „unbewußt" sind. Lugaro sagt aber auch in seinem 
Aufsatz: Durch das Erkennen von dissoziierten „Komplexen" bei 
Neuropathen hätte die psychoanalytische Schule der Wissenschaft 
nichts Neues gebracht, sie verwechsle nur die Wirkungen mit den 
Ursachen. Auch Freuds Deutungen der Fehlleistungen werden 
erwähnt. „Aber", meint Autor, „alle diese Analysen, auch wenn 
sie glücklich sind, tragen durch nichts bei, den pathogenen und 
medizinischen Wert der Freudschen Lehren nachzuweisen. Im 
Grunde zeigen sie nichts Neues. Man weiß, daß auch beim Nor- 
malen sich Umrisse von Erscheinungen psychischer Dissoziation 
zeigen. Man weiß, daß der Charakter und die Personalität der 
Normalen aus einem Gewebe von Trieben (tendenze) resultieren, 
welche zum Teil der Erwerb der Erfahrung sind und, da sie nicht 



Italienische Literatur. 351 

fortwährend tätig sind — eben deswegen sind sie Triebe • — , kann 
man sie sich, wenn es beliebt, als im , Unbewußten* verborgen 
vorstellen." Diese Erscheinungen, von der psychischen Dissoziation, 
die Freud von der Charcotsehen Analyse der Hysterie und 
der Hypnose gelernt habe, seien verborgene Symptome der Krank- 
heit, die auf einem Verdrängungsmeehanismus beruhe, und nicht 
die Krankheitsursachen. 

Lugaro läßt die Psychoanalytiker für die Hysterie, die 
Zwangsneurose, die Dementia praecox, die Paranoia und das manisch- 
depressive Irresein, einen gemeinsamen genetischen Mechanismus an- 
nehmen, so daß „die nosographischen Unterschiede jeden Sinn ver- 
lieren". Von der Erscheinung der Fixierung und der Regression ist 
im ganzen Aufsatze nicht die Rede. Autor weiß nicht, daß diese von 
ihm aufgezählten Affektionen, eben wegen ihrer von der Psycho- 
analyse erkannten verschiedenen Dispositionen und Mechanismen, von 
dieser als mehr oder weniger in manchen Fällen als gar nicht — 
therapeutisch beeinflußbar angesehen werden. Lugaro scheut sich 
trotzdem nicht, im ironischen Tone von der „Auswahl der Kranken" 
von Seite der Psychoanalytiker, von ihren „Ausreden" und „Aus- 
flüchten" zu sprechen, daß sie, beispielsweise, in der Praxis der 
Dementia praecox aus dem Wege gehen, weil sie sich für ihre 
Kur nicht eigne. 

Der komplizierte Vorgang der Verdrängung wird kurzweg als 
ein "Willensakt wiedergegeben: „espulsione volontaria e forzata dalla 
coscienza . . ." Autor deutet später an, daß er die Zensur mit dem 
bewußten Willen identifiziere. Diese Darstellung der Verdrängung 
ist selbstverständlich wie geschaffen für seine Polemik. „Die täg- 
liche psychologische Beobachtung", erklärt Autor, „zeigt uns da- 
gegen, daß der Einfluß des Willens beim Verjagen von unange- 
nehmen Erinnerungen und Gedanken sehr beschränkt ist. Und er 
ist um so beschränkter, je mehr diese Erinnerungen und Gedanken 
— um es mit Freud zu sagen — mit einer starken affektiven 
(unangenehmen) Ladung besetzt sind . . ." 

Was die Sexualität anbelangt, läßt er die Psychoanalyse an- 
nehmen, daß jede Empfindung sexuellen Wert habe, jeder Wunsch 
Lüsternheit (libidine, welches Wort nicht identisch mit dem lat. 
libido ist) sei, jede Handlung nach einer sexuellen Entspannung 



352 Dr. Edoardo Weiß. 

ziele, jede persönliche Zuneigung Liebe sei, jeder Affektkontiast 
Eifersucht, jeder unschuldige Zeitvertreib eine „unbewußte" sexu- 
elle Perversion. Das ist. Lugaros Wiedergabe des Begriffes libido. 
Er gibt jedoch zu, daß von allen Einfällen von Freud und seinen 
Anhängern, der vom „pansessualismo" sieh, am wenigsten von der 
"Wahrheit entferne. Es sei eine Tat&ache, daß akzessorische Ele- 
mente der psychischen Sexualität in der Lebensperiode vor der 
Pubertät sich noch vor den eigentlichen physiologischen entwickeln; 
und daß diese noch ziellosen Sexualelemente, in unpassender und 
heftiger Weisse gereizt, zu dauernden sexuellen Verirrungen Anlaß 
geben können. Lugaro will aber Freud jade Priorität abstreiten, 
unbekümmert, ob sie von ihm beansprucht wird oder nicht. „Wenn 
dies", so fährt er fort, „der richtigste Teil von Freuds Theorien 
ist, so ist er auch der am wenigsten originelle . . ." Jedem, dar 
die eigenen Erinnerungen aus der Kindheit verwerten kann, seien 
die bloßen Ansätze von Sexualität, die sich vor der Pubertät dsm 
Bewußtsein zeigen, wohlbekannt. In jeder Autobiographie fänden 
sie Erwähnung und schon vor Freud hätten Bin et, Garnier, 
Fere u. a. die Bedeutung der vorzeitigen und zufälligen Heize 
für die Entstehung der Sex ualper Versionen anerkannt. Weiters gibt 
Lugaro zum Teil Freud Hecht, daß die Sexualgedanken im 
psychischen Leben eines jeden eine große Bolle spielen — es hätte 
ja niemand deren Wichtigkeit in Abrede gestellt — ., nimmt aber 
entschieden gegen die angeblieh psychoanalytische Anschauung 
Stellung, daß das Sexualleben notwendigerweise die Quelle eines 
jeden psychischen Leidens sei. 

Der Ton, in welchem der Aufsatz verfaßt ist, könnte wohl 
am besten mit der Wiedergabe von Lugaros Vergleich der 
Psychoanalyse mit einer Kirche illustriert werden: Die Priester 
wären die Ärzte, die Gläubigen die Kranken; die Psychoanalyse 
hätte ihre Dogmen, ihre Biten und ihre Sehismen. Um die Wohl- 
taten zu verspüren, müsse man den Glauben haben. Die unbewußte 
und perverse Sexualität vor der Pubertät sei die Schuld, eigentlich 
die Erbsünde. Freud sei endlich der authentische Messias, aber 
zu seinem Glücke bleibe ihm das Martyrium erspart. 

Mo den a (3) handelt in sehr gedrängter Form von der Psycho- 
analyse und mahnt zu großer Vorsicht in der Beurteilung der theo- 



Italienische Literatur. 353 

retischen Behauptungen Freuds und seiner Schüler, bei gleich- 
zeitigem Anerkennen der Genialität des Wiener Psychologen und 
der Originalität einiger seiner kühnen Anschauungen, welche auch 
außerhalb der Psychopathologie auf die Gebiete der Ethik, Kunst 
und Soziologie Anwendung finden. Er konstatiert die Neigung 
dieser Lehre, sich auszubreiten: sie vereinige in einer oft verein- 
fachten Synthese Ansichten, die vielleicht ganz anders beurteilt 
werden sollten; sie präsentiere sich dem Laien und Dilettanten in 
harmonischer und leicht verständlicher Weise, da sie anscheinend 
den mannigfaltigsten und schwersten Fragen der Psychopathologie 
genüge. Autor bezeichnet die Grundlage der Psychoanalyse als rein 
hypothetisch und nicht experimentell nachgewiesen; diese wäre den 
gewohnten wissenschaftliehen Beweismitteln nicht zugänglich. Er 
findet Kraepelins Ausdruck „Metapsychiatrie" für die Anwen- 
dung der Psychoanalyse in der Psychiatrie als sehr glücklich ge- 
wählt. 

Seit sechs Jahren verfolge er mit Interesse die psychoanalytische 
Bewegung, angeregt durch Ernest Jones. Seit drei Jahren ver- 
suche er in manchen Fällen die psychoanalytische Methode anzu- 
wenden, indem er sich an die Ratschläge und Hinweise der Autoren 
halte, und sei zur Überzeugung gekommen, daß einige Aufstellun- 
gen von Freud ganz zutreffend sind: Die Methode könne eonse- 
cutiv Mittel bieten, um bessere Einsicht in die Psyche des Kranken 
zu bekommen; viele Elemente, welche vielleicht bisher vernach- 
lässigt wurden, sind für das* Studium der Psychopathologie zu 
Ehren gekommen, wie beispielsweise die Macht der Sexualität, der 
Wert der Träume usw. Doch diese psychopathologischen und patho- 
genetischen Daten, wiewohl genial und wegen ihrer Einfachheit an- 
ziehend, brächten nicht die Lösung des Problems über den Ursprung 
der Psyehoneurosen, sondern sie verschieben bloß den Kern der 
Frage. 

Therapeutisch beobachtete Autor während der psychoanalyti- 
schen Behandlung Perioden der Besserung, Remissionen von akuten 
Symptomen und manchmal löste das Hinweisen auf die trauma- 
tische Begebenheit oder deren Erinnerung beim Patienten ein Ge- 
fühl der Erleichterung aus. Autor spricht sich das Recht ab, zu 
entscheiden, ob diese Besserungen dem Freudschen psychothera- 

PiychoBnaljr», Bericht 1811— 1919. _„ 



gfjA Dr - Edoardo Weiß. 

peutischen Mechanismus oder nicht eher der allgemeinen psycho- 
therapeutischen Einwirkung zu verdanken seien. Worin er sich 
aber diese „allgemeinen psychotherapeutischen Einwirkungen" vor- 
stelle, wird nicht erwähnt. 

Die psychoanalytische Lehre gründe sich hauptsächlich auf 
zwei Prinzipien: auf ein psychologisches, das mau Psychodynamis- 
mus nennen dürfte, und auf ein pathogenetisches, das Bleuler 
„Pansexualismus" nennt. 

In der Psychoanalyse stelle man sich die psychische Tätigkeit 
als ein System von antagonistischen Elementarkräften vor, welche 
sieh in fortwährender Entwicklung befänden. Der Begriff des Un- 
bewußten (und zwar der von Lipps) bilde den Kern dieses Psycho- 
dynamisnms. Die schlechte Verteilung der affektiven Elemente bilde 
die Grundlage der Neurosen. Diese schlechte Verteilung rühre von 
einer Verdrängung oder Verschiebung des affektiven Moments her, 
und zwar infolge von moralischen, erzieherischen und kulturellen 
Einflüssen. Diese Diversionen der Affektivität kämen meist bei 
leicht erregbaren. Individuen vor, mit Vorliebe bei Kindern, und 
deshalb spreche Freuds Schule den affektiven Erinnerungen der 
Kindheit eine besondere Bedeutung zu. 

Der Begriff der Sexualität sei von den Psychoanalytikern stark 
ausgedehnt worden und es werde ihm ein ganz neuer Sinn gegeben. 

Autor unterscheidet das System Ubw. vom System Vbw. j dies 
letztere wäre eine Grenzzone zwischen Bw. und Ubw. und um- 
fasse alle Erscheinungen des Traumes, der Zerstreuung, der Ein- 
gebung, welche die Vorboten, die Reflexe der inneren psychischen 
"Wirklichkeit waren. 

Die Reihe dieser psychischen Elemente des Unbewußten werde 
durch einen spontanen inneren kritischen Vorgang entstellt, einige 
Glieder herausgelesen, außerdem existiere noch die Zensur, ein durch 
die Erziehung und den Einfluß des sozialen Lebens erworbener 
Vorgang. 

Mit großer Skepsis erwähnt Autor den von der Psychoanalyse 
aufgedeckten Zusammenhang zwischen Psychoneurose und „Sexual"- 
perversion. Mehr Anerkennung findet bei ihm das Studium der 
sexuellen Entwicklung von der infantilen Autoerotik bis zur sexu- 



Italienische Literatur. 355 

eilen Reife des Erwachsenen und die psychoanalytische Auffassung 
der Sexualp er Versionen. 

Auch die Aktualneurosen finden Erwähnung und Autor be- 
kennt, daß die Angstneurosen in Italien wenig gewürdigt worden 
sind und doch mehr Beachtung verdienten. Er selbst konnte sich 
oft von der sexuellen Ätiologie vieler Angstanfälle überzeugen und 
konstatierte ihr Verschwinden nach Aufheben der frustranen sexu- 
ellen Erregung. Aber auch hier hütet sieh Autor vor einer Ver- 
allgemeinerung dieser Ätiologie der Angstanfälle. 

Eine kurze Erwähnung findet die Schweizer Schule und ihre 
Anwendung der Psychoanalyse auf die Psychosen. 

Übersetzungen. 

S. Freud, Sulla psicoaualisi. — Cinque conferenze leaute nel settembre 
1909 aJla „Clart-Umiversity di Worceater Mass". Traduzioae italiana (sulla 
seconda edizione tedesca. 1912) di M. Levi Bianchiöi. (Biblioteca psichia- 
trica intcmazionalB. n. 1. Nocera superiore 1915.) 

S. Trend: 11 sogno, prima traduzioae italiana sulla seconda, edizione 
tedesca del I9U del prof. M. Levi Bianchini (Biblioteca psichiatrica uiter- 
nazionale, diretta da M. Levi Bianehini), 1919. 



Russische Literatur. 

Referent: flr, S. Spielrein (Genf), 

I iteratur: 1. Assatiani M. M.: Der Bagriif der „bedingten &*&«*"£ 
■ llZtten* auf die Symptome der FsychoneuroHen. Fsychotherapxa. IV/t. 

Falle von hysterischem Irresein, Fnychofcherapia 1912. Nr. * - Benin K.. W 
im* wr" ', - 6 Dera • Zur Psychologie des Rauchens. Ebda. Nr. C. - -• 

Onanie. Petersburg 6. -T. - 9. ™™ g ; Zur Kaßui8tik der Faycho- 

Psychoth^a 910. Nr . * - » f^ U x iL.nationaler Kongreß für Irren- 

analyse. ff*^^^^ n6x med . Wochenschrift 19H. Nr. 14. - 

nl A Tlr"» „Unbewußten^ im Leben de, Individuums. 

1910. JNr. 1. lg Qrgcnanaky J. G.: 

£Ti -1 17 Der*.: Idealistische Stimmung und die Psychotherapns. AM* 

«xo»U«»iis» Freuds. Journal Korsatofft für Ncur. u. »» .Ml - 1 * Der*.. 
S kranke Seele. Rede, gehalten in der «UtfM *UM iSETaS 
UM»«^** für Neu, und Psa m Vo*«, », »**^ 

£SS des Alkohol^. Woprossy MM1 Äg-^ Jftfp ££ 
22. SaMnd A. B.: Zur Frage der Faktoren, des Lesens und der Psycho 
bhela pie Z Neunen. Psycho therapia 1913 Nr 1. - *. »£: «« ^ 
M , hdm wesen der Psyohoneuroscn. Paychotherapia 1913. Nr. d u. 4. 
^SchrSdeT J N.: Psychotherapeutische Beobachtungen. Psycho therap*. 1912. 



Russische Literatur. 357 

6. ■ — 25. Tutyschkin P.: Die Psychoanalyse ols Methode der psychologischen 
Diagnostik und Psychotherapie. Revue f. Pflyclj. u. Neurol, (süss.). 17. 173. 1912. 
— 26. WymbowN. : Zur Frage nach der Genese and Behandlung der Angsfcneurose 
mit der kombinierten hypnotisch-analytischen Methode, Fsychother. 19!0. 1. — 
27. I>ers. : Zur Psychopathologie des Alltagslebens. (Psychoanalyse aus dem 
kiirziicli stattgefundeiien Kampfe um Abgeordnetenpliltze.) Ebda 1913, 1. 

Oburs«fczuagea Freudvoller Werke: 

1. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. (1. Aufl.) Übersetzt unter Re- 
daktion von Ossipow. 1909. Zweite Aufl. 1911. — 2. Zur Psychopathologie des 
Alltagslebens. (Neue Auflage.) Übersetzt von Medein. Moskau 1910. — 
3. Über Psychoanalyse, Fünf Vorlesungen, gehalten an der Claurk-University. 
(Psychotherapeutische Bibliothek Nr, ].) Übersetzt von Ossipow. Moskau 1911. 
Zweite Auflage 1912. Dritt« Auflage 1913. — 4. Der Wahn und di& Träume 
in W. Jensens „Gradiva". Odessa 1912. — 5. Eine KindheitBerimierujig 
des Leonardo da Vinci. Moskau 1912, — ■ G, Formulierungen über die zwei Prin- 
zipien des psychischen Geschehea^. Psyehotherapia 1912. Nr. 3. — 7, Die Traum- 
deutung. Moskau 1913. — B, Die Handhabung der Traumdeutung in der Psycho- 
analyse. Psychotherapie 1913. Nr. 2. — 9. Ärztliche Ratschläge bei der psycho- 
analytischen Behandlung. Psychotherapie 1913. Nr. 5. — 10. Über neurotische 
Erkrankungstypen. Ebenda. — U. Einige Bemerkungen über den Begriff des 
Unbewußten in der Psychoanalyse. Ebenda. — 12. Phobie eines vierjährigen 
Knaben, Übersetzt von 0. B, Felzmann. Psychotherapeut. Bibliothek Nr. 9. 
Moskau 1912. — 13. Über den Traum. Petersburg 1909. 

Es mögen mir russische Kollegen nicht übel nehmen, wenn 
dieser Bericht über russische Literatur recht unvollständig ausfällt. 
Die Kriegaverhältnisse und deren Polgen brachten es mit (sich, 
daß wir hier von Rußland jahrelang gänzlich abgeschlossen sind. 

Es stehen mir nur eine Anzahl Nummern (aus den Jahren 
1909 — 1914) der Moskauer Zeitschrift „Psychotherapia" zur Ver- 
fügung 1 ), in der eine Reihe psychoanalytischer Arbeiten erschienen 
sind. Diese Zeitschrift wurde im Jahre 1909 gegründet und wird 
von Dr. N. "Wyrubow redigiert. 

Schon die Namen der Mitarbeiter zeigen, daß die Zeitschrift, 
jedenfalls Ins zum Jahre 1913, Psychoanalytiker der verschiedensten 
Richtungen vereinigte. Auch sind hier verschiedene Nationalitäten 
vertreten, und zwar unter den Ausländern die Wiener, unter den 
Russen Moskauer (M. Assatiani, A. Bernstein, J. "W. Kan- 
nabich, N. E. Ossipow, 0. B. Pelzmann) und dann Odessiten 
(J. A. Bierstein 2 ), \V. Liehnitzky). In Moskau scheint 
die Psychoanalyse am tiefsten Boden gefaßt zu haben. Als ich 



*) Nachträglich sind mir noch einige kleine Werke verschiedener Autoren 
zugegangen, die dann hier zum Teil noch berücksichtigt -werden konnten, 

ä ) Eierateins Arbeiten sind vom Standpunkt AJfr. Adlers geschrieben. 



358 Dr - S. Spielrein. 

im Winter 1911/1912 in. Rostow am Don einen Vortrag- über Psycho- 
analyse hielt, machte man mich ebenfalls auf die psychoanalytische 
Bewegung in Moskau aufmerksam, deren Hauptvertreter Ossipow, 
Fol z mann und Wyrubow sein sollten. 

Ossipow, erster Assistent der Moskauer psychiatrischen Klinik, 
erweist sich in den mir zugänglich gewesenen Arbeiten (16 — 19) 
als treuer Anhänger Freudscher Ansichten, die er mutig gegen 
Angriffe verteidigt; er bringt auch interessante Belege aus seiner 
ärztlichen: Praxis. Von infantiler Sexualität wird nichts erwähnt; 
es mag wohl daran liegen, daß Ossipow, wie so viele Praktiker, 
keine Möglichkeit hat, reine Psychoanalyse zu treiben und kom- 
binierte Behandlungssysteme anwenden muß. 

In Nr. 19 weist Ossipow darauf hin, daß Tolstoi im erwähn- 
ten "Werke seinen eigenen Geisteszustand schildert. Weiter folgt die 
Analyse der Aufzeichnungen nach Freudschon Prinzipien. Verf. 
zeigt., wie fein die Entwicklung die pathologischen Angstsymptome 
der Kranken beobachtet und den psychiatrischen resp. psychoana- 
lytischen Erfahrungen entsprechend dargestellt sind. Es handle aich 
um eine Angsthysterie. Im theoretischen Teile bekämpft Ossipow 
die Ansichten von D u b o i s und Oppenheim, die einander, auf 
Grund der Janetschen Theorie der Gefühle, angreifen. Auch 
Ossipow findet die Jan et sehe Theorie nicht ausreichend; mit 
Stumpf, Lossky und anderen, hebt er hervor, daß die beglei- 
tenden Körperempfindungen nicht das Wesentliche einer Angst- 
emotion ausmachen, daß wir begleitende Organempfindungen, welche 
sonst zum Angstzustande gehörten, eventuell (Beispiel) ohne Angst- 
bildung beobachten können. Daraus zieht Ossipow den Schluß, 
daß wir einen pathologischen Angstzustand psychotherapeutisch be- 
einflussen können, und zwar mittels Psychoanalyse. Sollten wir als 
Grundlage einer „Angstemotion" organische Empfindungen annehmen 
1 — dann wäre die Angstentwicklung bei der Störung der sexuellen 
Emotion begreiflich. Ossipow hat keinen Fall von Angstneurose 
ohne Störungen auf dem Gebiete des sexuellen Lebens gesehen. 

Ich habe mich, um dem Verf. nicht Unrecht zu tun, genau 
an seine Terminologie gehalten, mit welcher wir, bei all der Wür- 
digung seiner praktischen und theoretischen Erläuterungen, nicht 
immer einig sind. 



Russische Literatur. 359 

Auch Wyrubow (26, 27) leistet uns gute Dienste, wenngleich 
auch er kein reiner Psychoanalytiker ist. Seine kleine Analyse der 
Druckfehler zur Zeit des Kampfes der verschiedenen politischen 
Parteien ist sehr schön. 

J. W, Kannabich (13) erwähnt das immer wachsende Inter- 
esse für die Psychoanalyse. 

O. B. Felznian (9) hebt die hohe Wichtigkeit der psycho- 
analytischen Erfahrungen für das Begreifen und die Vermeidung 
von Selbstmordtendenzen hervor. Er will sich zwar nicht als voll- 
ständiger Anhänger Freuds bekennen, führt aber einige selbst 
beobachtete Fälle mit Suicid versuchen an, wobei er in sämtlichen 
Fällen eine sexuelle Ätiologie findet. 

M. M. Assatiani (2) beschreibt einen durch Psychoanalyse be- 
handelten Hysteriel'all mit Dämmerzuständen. 

L. J. Bieloborodow (4) handelt von einem durch Psycho- 
analyse geheilten Fall. Leider besitze ich bloß den Schluß der inter- 
essanten Analyse. 

A. B. Salkind (22) wirft die Frage auf. ob es angeborene 
Psychoneurosen gibt und ob es eine spezifische Konstitution gibt, 
die zur Erkrankung an einer bestimmten Form der Psychoneurose 
prädisponiert. Er glaubt, daß wir keine Disposition zu einer be- 
stimmten Psychoneurose feststellen können, dabei aber die allgemeine 
angeborene psychoneurotische Grundlage, welche als Disposition 
wirkt, annehmen müssen. Mit Unrecht kritisiert er die- Freudianer, 
die angeblieh jede Art organischer Disposition leugnen. Nach 
dieser Kritik würdigt er doch viele von „individualpsychologischen" 
Entwicklungsgesetzen, die van den Freudianem gefunden wurden. 
Verf. anerkennt, daß die Neurose auf einem Konflikt beruht, leugnet 
aber, daß dieser Konflikt stets sexueller Natur sein müsse. Eine 
seiner eigenartigen Auffassungen verdient erwähnt zu werden: „Ich 
glaube sogar," meint er, „daß in letzter Zeit die Zahl der Neurosen 
mit sexuellen Ursachen gestiegen sein könnte, schon aus dem Grunde, 
weil die Freudsche Schule ihre ganze Aufmerksamkeit auf dieses 
Gebiet richtet; dadurch steigert sie die Bolle der Sexualität in den 
Augen der unwissenden Gesellschaft, das heißt steigert die pathogene 
Bedeutung der Sexualität," Der Schluß des Aufsatzes fehlt, ich 
glaube aber nicht, daß die Arbeit für uns Analytiker ein spezielles 



360 Dr. S. Spieltein. 

Interesse bietet, weil Verfasser, wie die meisten Unkundigen, keine 
eigentliche Polemik bringt, sondern a. priori diskutiert. 

S alkin ds Ansichten (23) lassen sich in folgenden Sätzen 
resümieren: „Die Neurose entsteht auf Kosten der überflüssigen, 
noch nicht verbrauchten Äffektivität, bei einer noch unreifen Psyche, 
die sich noch nicht anpassen konnte." 

„Die Neurose ist eine unharmonische, unplanmäßige, unratio- 
nelle Sublimation der Äffektivität, das Resultat unstabiler, unvoll- 
ständiger, unreifer Einstellung von vitalen Komplexen im Indi- 
viduum." Salkind scheint, diesem Beitrage nach der Jungschen 
Richtung anzugehören. Er unterscheidet auch zwei psychologische 
Typen, einen analytischen und einen synthetischen, einen deduktiv 
und einen induktiv denkenden, welch letzterer nicht intuitiv, sondern 
langsam ein ganzes System logischer Konstruktionen bildet. Der 
erstere ergibt in pathologischen Fällen einen hysterischen, der zweite 
den psychoanalytischen Zustand. "Weder Freud noch Jung wer- 
den erwähnt. 

J. N. Schreider (24) untersucht drei psychotherapeutische 
Methoden, Hypnose, Psychoanalyse und rationelle Psychotherapie 
(nach Dubois) in ihrer Anwendung in verschiedenen Krankheits- 
fällen, Er empfiehlt Hypnose dort, wo man den Entwicklungs- 
gang der Erkrankung ohne Psychoanalyse klar sehen kann, das heißt 
wo man nichts „Verdrängtes" findet, ferner bei unintelligcntcn 
Kranken, und endlich in Fällen, wo der schwere Krankheitszustand 
einen raschen Eingriff notwendig macht. Bei der Hysterie- wird 
stets Psychoanalyse empfohlen; hier findet Verfasser alle mögliehen 
Erkrankungsursachen — - sieht aber im Sexualtrauma den Haupt- 
erkrankungsgrund. Verfasser glaubt zwar nicht an eine vollständige 
Heilung durch Psychoanalyse, weil man es hei Neurotikern mit 
einer prädisponierenden pathologischen Konstitution zu tun hat, 
empfiehlt aber trotzdem die Psychoanalyse als ein viel wirksames 
Mittel im Vergleiche mit der Hypnose. In einigen Fällen wird kom- 
binierte Methode von Psychoanalyse und Hypnose empfohlen. Die 
rationelle. Psychotherapie wird als eine sich an die Kritik des 
Kranken wendende Methode der Hypnose und Psychoanalyse gegen- 
übergestellt, welch letztere beide Methoden die Kritik beseitigen 
sollen I 



Russische Literatnr. 361 

Die rationelle Psychotherapie soll bei Psychasthenie angewandt 
werden, namentlich bei psych asthenischen Zuständen älterer Indi- 
viduen, die sich für Psychoanalyse wenig 1 eignen. 

Joffe bespricht (12) einen Fall von Homosexualität bei einem 
Feldscherer, der beständig, um die Umgebung für sieh zu gewinnen, 
mit Suicid drohte. Als man ihm schließlich nicht mehr Glauben 
schenkte, führte er seine Drohung tatsächlich aus; es machte den 
Eindruck, als habe er sich aus Eitelkeit, um nicht vorspottet zu 
werden, zu dem Entschlüsse bewegen lassen. Joffe führt die 
Homosexualität dieses Mannes auf seine kindlichen Beziehungen zum 
Vater zurück, wobei sich der Knabe stets mit der Mutter identifi- 
zierte. Das "Weitere ist aber nicht verständlich: „er liebte die 
Mutt»r und jhaÜte - den Vater, er dachte beständig, die Mutter wisse 
alles, mache alles besser als der Vater, sei bedeutender als der 
Vater. Da er nun ,die Rolle seiner Mutter spielt', so weiß er alles, 
macht alles besser als die andern" usw. „Der Vater war ein Despot" ; 
„dia Mutter war stets durch ihn beleidigt." So erkläre sich die 
Empfindlichkeit gegen Beleidigungen beim Sohne. Der Haß kann 
als Reaktion gegen die homosexuelle Fixierung an den Vater auf- 
gefaßt werden, von welcher Joffe spricht. Auffällig ist, daß 
sieh Joffe auf Jung und Teller, nicht aber auf Freud be- 
zieht, während er doch den Fall nach Freud analysiert. 

Golouseheff behandelt (10) einen interessanten Fall von 
Abscheu bei einem verheirateten Mann gegen das weibliche Genitale, 
der den normalen Koitus jahrelang unmöglich machte. Verfasser 
entdeckte in der Hypnose ein infantiles Trauma: Der Knabe sei 
im Alter von sechs Jahren von schamlosen "Waschfrauen überfallen, 
die seinen Penis betrachteten und ihm ihre Geschlechtsorgane 
zeigten (? Ref.); er weinte und wurde von der Kinderfrau wegge- 
führt. Die weiteren Einfälle erhielt Verfasser ohne Hypnose. Als 
Patient neun Jahre alt war. sah er und sein Freund das Geschlechts- 
organ bei einem kleinen Mädchen, während sie ihr Kleidchen hob. 
Dieses Organ kam ihm auch diesmal abscheulich vor, er verspürte 
den Drang, dieses ekelhafte Organ zu guälen; die Regung wurde 
auf das ganze "Weib übertragen, so daß die Kinder das Mädchen 
mit gehobenem Kleidchen barfuß auf kleinen verstreuten Nägeln 
laufen ließen. Nach dieser kleinen Analyse wendete Golouseheff 



302 B*- S. Spieltein. 

folgende Methode an: Er suchte in der Hypnose die Vorstellungen 
vom -weiblichen Genitale von der Vorstellung der Organe bei den 
Waschfrauen bei seinem Kranken zu trennen. Als. dies erreicht 
war, suggerierte er dem Kranken, das weibliche Organ sei etwas 
Anziehendes und der Koitus sehr angenehm. In zwei Wochen war 
der Kranke so weit hergestellt, daß er seino Trau auf normale 
Art koitieren wollte — die Frau weigerte sieh aber. Daraufhin 
versuchte er es mit einer anderen Frau, wo es ihm auch gelang. 
Seither ist er geheilt. 

Zwei Broschüren von Dr. L M. Drosncs (Odessa) sind in 
klarer Sprache geschrieben und sehr empfehlenswert. Verfasser zeigt 
(7)> daß weder die neuen Stoffwechseltheorion noch die beschreibend- 
klinische Psychiatrie das Wesen und die Entstehungsursachen des 
psychischen Inhaltes einer Geisteskrankheit erklären können. Wes- 
halb erkranken nicht alle Syphilitiker an progressiver Paralyse, 
sondern bloß 4-7 °/o ; das vermag uns die materialistisch-monistische 
Anschauung nicht zu erklären. Auch die Theorie der Heredität 
erweist sich als unzugänglich, denn erstens läßt sieh die erbliche 
Belastung beim besten Willen nicht in allen Fällen nachweisen, 
und zweitens haben wir recht viele erblieh belastete Individuen, 
die trotzdem an keiner Psychose erkranken. So kommt Verfasser 
auf die ungeheure Bedeutung der Erziehung und der i'rühinfantilen 
Erlebnisse, der sexuellen Erlebnisse im Sinn© Freuds, zu sprechen, 
obgleich der Begriff „homosexuelle Abhängigkeit" bei Verf. nicht 
ganz klar ist und irreführend wirken könnte, kompensieren die 
schönen Beispiele aus der psychoanalytischen Praxis den Fehler 
zur Genüge. 

Das zweite W^erkchen (8) ist eine populäre, leicht faßliehe 
Darstellung Freudscher Ansichten über das Wesen der Onanie. 
Verfasser betont speziell den großen Schaden, welcher aus über- 
triebener Angst und Selbst vorwürfen wegen Onanie entstehen kann, 
welche regelrecht von 95 o/o der normalen Menschen eine Zeitlang 
ausgeübt wird. 

Außer Originalarbeiten russischer Autoren bringt die Zeit- 
schrift „Psychotherapia" Arbeiten von ausländischen Auteren in 
russischer "Übersetzung, darunter auch Arbeiten von Freud (siehe 
Nr. 6 und 11 der Übersetzungsliteratur). Ferner werden Arbeiten 



Rassische Literatur. 363 

ans der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse referiert, 
auch sonstige psychoanalytische Literatur und Kongreßberichte. 

Unter den in der Psychotherapie referierten Werken russischer 
Forscher interessiert uns vielleicht das von Dr. med. Netkatsehef f : 
„Symptome und Psychotherapie des Stottems." Neue psychologische 
Behandlungsmethode, 1913, VI und 126 Seiten. (Ref. Wyrubow.) 
Vortragender faßt das Stottern als eine Psychoneurose auf, die 
er auf Grund der Methoden von Dubois, Freud, Dijerine und 
anderer sowie mit Hypnose behandelt. 

Ferner: „Die Arbeiten der psychiatrischen Klinik der kaiser- 
liehen Moskauer Universität", red. von Prof. Th. E. Rybakow, 
Nr. 1, 1913, 384 Seiten. (Eef. Wyrubow.) 

Der erste Band enthält Arbeiten von Th. E. Rybakow: „Der 
Einfluß von Geschlecht und Alter auf psychische Erkrankungen." 
,.Dcr Einfluß von wissenschaftlichen Richtungen in der Psychiatrie 
auf die Diagnostik von Geisteskrankheiten." Dr. J. Ermakoff: 
„Hysterische Epilepsie, Pathologie der Atmungsemotivität." Die Bei- 
träge von E. P. Petrow, Tarassiewit seh, M. P. Kutanin, 
Dr. J. Asbükin erregen, wohl mehr allgemein psychiatrisches 
Interesse. Unter den Referaten sei das der „Schizophrenie" von 
Bleuler hervorzuheben. (60 Seiten ; Ref. K u t a n i n.) 

V. internationaler Kongreß für Irreafürsorge in Rußland, Mos- 
kau, 8. bis 13. Jänner 1914 (26. bis 25). Dezember 1913) (referiert 
von Dr. J. D. Ma tzkiewitseh und Dr. A. J. Prussienko 
in der Monatsschrift „'Woprossy Psychiatric i Neorologii" [„Die 
Fragen der Psychiatrie und Neurologie"], redigiert \on M. J. 
L a c h t i n), 

Dr. Marie und X. N. Bajenoff sprechen über Dementia 
praecox und Degeneration. Sie erwähnen verschiedene Ansichten 
über die Dementia praecox und kritisieren sowohl den Begriff „De- 
generation" der französischen Schule, die übertriebene ätiologische 
Bedeutung, welche der Vererbung zugeschrieben wird, als auch die 
differenzielle Diagnostik Kräpelins, die sich auf klinische und 
pathologisch-anatomische Symptome stützt. Bloß die Berücksich- 
tigung aller Symptome erlaube die richtige Diagnosestellung. 

In der Diskussion tritt Rosenbach (Petersburg) gegen Mag- 
nan auf. Weigandt (Hamburg) meint, es sei sogar bei soma- 



364 ^r. 8" Spiclr®' 11 ' 

tischen Erkrankungen schwer, auf Grund von physischen Symptomen 
die Diagnostik zu stellen, und erst recht wäre dies riskiert in der 
Psychiatrie. Wir seien noch nicht so weit, um aus physischen 
Degenerationszeichen die Form der Psychose zu diagnostizieren. 

S. Orschansky: „Sekundäre psychische Degeneration als 
Symptom einiger chronischer Psychosen." 

P. P. Tutys.ch.kin: „Juristische Verantwortung von Geistes- 
kranken." 

Hess: „Erhöhung der Volljährigkeitsgrenze für Psycho- 
pathen." Bei Psychopathen mit moralischen Defekten sollte die 
Zeit der Aufsieht und Erziehung verlängert, die Erziehung eine 
psychiatrisch-pädagogische sein. 

Ivarpow: „Über die Zeichnungen von Geisteskranken." 1. Die 
Zeichnungen von normalen Menschen werden nach Symmetriegesetzen 
gemacht, das heißt, wenn, ein Teil der Zeichnung vom Muster ab- 
weicht, werden in anderen Teilen gleiche Abweichungen gemacht. 
2. Unter den Zeichnungen von Geisteskranken nach vorgelegtem 
Muster finden wir solche, die von Zeichnungen Gesunder wenig ab- 
weichen. 3. In Zeichnungen von Geisteskranken sieht man bisweilen 
Krankheitssymptome, die anderen Untersuchungsmethoden entgehen 
könnten. 4. Bei gemeinsamer Zeichenarbeit mit dem Arzte wird die 
Beziehung zwischen Arzt und Patient inniger, es wächst das Ver- 
trauen in den Arzt. 

G. Rossolimo: „Vereinfachte üntersuchungsmethode von 
Intelligenzdefekten." 

S. Rabinowitsch: „Die Resultate der Kinderuntersttchung 
nach der Methode von Rossolimo." 

"Weitere Vorträge (referiert nach dem Berieht in der 
Münch. Mediz. Wochenschrift, Jahrg. 1914, Nr. U). 

Bajenoff: Ausgehend von der Theorie des Genius als einer 
hypertypischen Form des menschlichen Geistes unter gewissen patho- 
logischen! Symptomen, sowie von der anderen, daß das künstlerische 
Schaffen dem Einfluß des Unterbewußtseins auf das Bewußtsein 
unterliege, besprach Bajenoff zunächst Goethe (Zyklothymie), 
darauf Rousseau, dann den zyklothymen Gogol, die depressiven 
Zustände bei Schiller, J. St. Mill, Newton usw. Doato- 
j e w s k y sei ein Epileptiker, Maupassant habe an Kopfsehmerzen 



Russische Literatur. 365 

und Arterismus gelitten. Vortragender wehrt sich gegen den Vor- 
wurf, als suchten die Arzti? durch derartige Studien große Männer 
böswillig zu verkleinern. 

Frau Dr. Strasser-Eppelbaum (Zürich.) sprach, über auti- 
stisches Denken bei Dementia praecox. Um die Schizophrenie zu 
verstehen, dürfe man nieht die Untersuchung durch Zergliederung 
vereinfachen.} sondern müsse das zu Erfassende in seinen Zusammen- 
hängen mit seiner Entwicklung verfolgen und genetisch zu ver- 
stehen suchen. Zum Verständnis müsse man sich in eine besondere 
Axt des Denkens intuitiv hineinfühlen. Die Dementia praecox sei 
psychologisch das Resultat der vollen ausgiebigen Reaktion eines 
Menschen, auf das ganze Weltempfinden, das noch zu keiner Har- 
monie der beiden "Weltkomponenten geführt habe, sondern zu einem 
Abschluß von der Außenwelt, einer Rückkehr zum eigenen Ich und 
einer Abwendung vom Realen. 



Literatur in spanischer Sprache. 

Referent: Dr. K. Abraham, 



Die ersten psychoanalytischen Veröffentlichungen in spanischer 
Sprache sind uns aus Südamerika zugekommen. Unsere Wissen- 
schaft hat in den letzten Jahren ihren Einzug in die psychiatrisch© 
Universitätsklinik in Lima gehalten. Die dort seit 1918 erschei- 
nende „Revista de Psiquiatria" bringt in jeder Kummer orientie- 
rende Aufsätze über psychoanalytische Fragen. Verfasser der meisten 
Artikel ist Dr. Honorio F. Delgado; sie zeigen, daß dieser Autor 
sich mit großer Gründlichkeit und feinem Verständnis in die ge- 
samte Materie, einschließlieh die außermedizinischen Anwendungen 
der Psychoanalyse, eingearbeitet hat. 

Bisher liegen folgende Arbeiten vor: 

1. Delgado DT. F.: La nueva fas de la psicologia, normal f eliniea. (Das 
neue Angesicht der normalen und klinischen Psychologie.) Jtevista de Psi- 
quiatria 1918. 

Nach einem Überblick über die Hauptriehtungen der neueren 

Psychologie wendet der Verfasser sich ausführlich der Psychoanalyse 

zu und hebt ihre Eigentümlichkeiten und ihre Leistungen hervor. 

2, Delgado H. F.: Kl psicoanalisia na. sus aplicationes oxtrapaiquialrioas, 
ibid. 1918. 

Verfasser gibt eine eingehende Darstellung der Libidotheorie, 
der Traumdeutung, sowie aller wichtigen psychoanalytischen Schrif- 
ten nichtmedizinischen Inhalts, die in unserer periodischen Literatur 
und in den „Schriften zur angewandten Seelenkunde" erschienen 
sind. Besonders zu erwähnen ist die Wärme seines Eintretens für 
die Freud sehen Lehren und die übersichtliche Anordnung des 
vielseitigen: Materials. Bemerkenswert ist auch die Geschicklichkeit, 
mit welcher Delgado die psychoanalytische Terminologie in seine 
Muttersprache übertragen hat. 



Literatur in apanischer Sprache. 367 

3. Delgado H, F.: La psiquiatria psioologica, ibid. 1918. 

Bespricht die Anwendung der Psychoanalyse in der Psychiatrie. 
Unter anderem "wird die Lehre von der Übertragung erörtert. 

4. Delgado H, F.: La. rehabilitaciön de la interpretaciön de los suenos. 
(Die Rehabilitation der Traumdeutung.) Rev. de Criininologia, Psiquiatria y Me- 
dicina Legal 1918. (Lag nicht anm Referat vor.) 

5. Delgado H. F.: El Fsicoanalisia. Lima 1919. 

Delgado gibt in dieser Schrift, die in Buchform erschienen 
ist, einen vortrefflichen Überblick über die psychoanalytische Trieb- 
lehre und die sieh auf ihr aufbauende Theorie der Neurosen und 

Geisteskrankheiten. 

6. Delgado H. F. : La psicologia du la looura. „El Siglo mfdico". Ma- 
drid 1919. 

Delgado veröffentlicht in der spanischen Zeitschrift .,E1 
siglo medico" („Das medizinische Jahrhundert") einen ausgezeich- 
neten Aufsatz über die Psychologie der Geistesstörungen. Er übt 
schorfe Kritik an der bisherigen, anatomisch orientierten Forschungs- 
methode, spricht sich mit großer Entschiedenheit für die psycho- 
logische Richtung in der Psychiatrie aus und hebt mit großer Prä- 
zision die Leistungen der Psychoanalyse heraus. Diese Schrift läßt 
in besonderem Maße das feine psychologische Verständnis des 
Autors, seine psychiatrische Erfahrung und seine umfassende Lite- 
raturkenntnis in die Erscheinung treten. 

T. A. Z.: Tratamiento psicoanali'tico do un caso de neurosia compulsiva. 
Her. de Psiquiatria 1918. 

Berichtet über die erfolgreiche Behandlung einer Zwangs- 
neurose durch Psychoanalyse und stellt Wesen und Leistungen der 
analytischen Therapie den anderen Methoden gegenüber. 



Ungarische psychoanalytische Literatur. 

Beferent: Dr. Geza Szilagyi. 



Literatur: 1. Anonym: Besprechung der Arbeit von AVeiS R.: Vom Reim 
und Befrain. (I-, Dezember 1913.) Huszadik szäzad Juli— September 1911. — 
2. Apathy Stephan: Eröffnungsvortrag anläfllieh der Konätituierung der euge- 
nischen Sektion der Ungar. Soziologischen Gesellschaft in Budapest (21. Jän- 
ner 1914). — 3. Csath Geza (Dr. Josef Brenner): A tudomänyos megismeröa 
utja. Kopernikus— Darwin— Freud. (Der Weg der wisaenschaftlichen Erkennt- 
nis) Szabadgondolat Juni 1914. — 4. D6csi Imre: A nagysagos asszony ide ? ei. 
(Die Nerven der gnädigen Trau.) Budapest 1914. - 5. Ders.: Ember, miert 
vagy ideges? (Mensch, warum bist du nervös?) Budapest 1917. — 6. Ders.: 
Freud. Vilag 17. Mai 1914. — 7. Dnkea Geza: Kriminolögia 6s pszichoanaliziB. 
Jogtudomanyi közlöny Nr. 4. 1920. — 8. Felszeghy Bela: Totem es Tabu 
nyomok a jogban. Huszadik szäzod Jan.-Febr. 1919. -~ 9. Ders.: A pänilt. A Pan- 
komplesum pszichoanaliziae. (Die Panik. Die Psychoanalyse des Pan-Komplaxes.) 
Huszadik szazad Mai 1919. — 10. Ferenczi Sändor: Lölekelemzes. Ertckeze^k 
a pszichoanalizis köreböl. (Seelenanalyae. Abhandlungen aus dem Kreise der 
Psychoanalyse.) 2. Aufl. Budapest 1914, 3. Aufl. 1918. — 11. Der».: Lelki prob- 
lemak a pszichoanalizis megvilägitasätan. (Seelische Probleme im Lichte der 
Psychoanalyse.) 2. Aufl., Budapest 1918. — 12. Ders.: Ideges tünetek keletkezese 
6s eltünese es cgyeb ertekezlsek a pszichoanalizis köreböl. (Entstehung und 
Verschwinden nervöser Symptome und andere Abhandlungen aus dem Gebiete 
der Psychoanalyse.) Budapest 1914, 2. Anfl. 1919 (atif dem Umschlag 1920). — 
13. Ders. : A pszichoanalizis halndäsa. Erlekezesek. (Der Fortschritt der Psycho- 
analyse. Abhandlungen.) Budapest 1919 (anf dem Umschlag 1920). — 14. Ders.: 
A hisztCria es a pathoneurozisok. Fszichoanalitikai ertekezesek. (Die Hysterie 
und die Pathoneurosen. Psychoanalytische Abhandlungen.) Budapest 1919 (auf 
dem Umschlag 1920). — 15. Ders.: A veszedelmek jegkorszaka. (Die Eiszeit der 
Gefahren.) Nyugat Aug.-Sept. 1915. — 16. Dera.: A mechanika lelki fejlödeslör- 
tenete. Eritikai megjegyzesek Mach egy tanulmänyähoz. (Die Psychogenese 
der Mechanik. Kritische Bemerkungen zu einer Studie Machs.) Nyugat II. Halb- 
jahr 1918. — 17. Ders.: A mese lelektaniröl. (Von der Psychologie des Märchens.) 
Nyugat II. Halbjalir 1918. — 18. Ders.: Pszichoanalizis es kriminologiu. (Psycho- 
analyse und Kriminologie.) Uj fonadalom. Nr. 1. 1919. — 19. Freud Sigm.: 
Pszichoanalizis. Ot elöadäs. Forditotta. dr. Ferenczi Sindor. (Psychoanalyse. 
Fünf Vortrage. Übersetzt von Dr. S. Ferenczi.) 2. Aufl. Budapest 1915. 3. Aufl. 
1919. — 20. Ders.: Az alomrol. A 2. kiadäs utan forditotta dr. Ferenczi S. 
(Vom Traum. Nach der 2. Aufl. übersetzt von Dr. S. Ferenczi.) Budapest 1915, 
2. Aufl. 1919. 21. Ders.: Harom ertekezea a spxualitäs eimeleteröl. A 3. liö- 



Ungarische psychoanalytische Literatur. 369 

vitett kiadas utan forditott» es clüszo.-al eüatta dr, Ferenczi Sändor. (Drei 
Abhandlungen zur ötf'raal'.hes.'Mi». Üa<rh u<sr SS, erweiterten Auflage übersetzt 
und mir; einem Vcrv/ort vereint von Dr. S. T.'it-riczi.) Budapest 1915, 2. Aufl. 
1919. — 22. Dem: Toti'tt &e Ta!.-:. ;'-.>r.liwtln. dr. Fär;u* Zoltän. A forditäst 
rovideälta dr. F^rsncr] bd:i:cr. (Tct?2: ".aid I:<bu. I'b^rsstzt von Dr. Z. Pärtos. 
Die Übersetzung r-.-.'-ii-L»:;:- !>r. & Tm an^ai. 5 BaSsfSSi 1318. — 23. Ders.: 
Kell-e aa egyeteiiir.'ii a p^ichoami.lm.-i t-L.iit.ini. (Zur Fne.» des Unterrichts der 
Psychoanalyse *a ''"" 6ti|»wai*fit-J ^Gydgyäatjst j H-iilfc'-in«), Jg. 1919. Nr. 13. 
— 2L Ders.: A iJswiAotrm'.aii.- ■ %? 7mL '"•.;*« uvr-"!!, Nyugs* I. Halbjahr 19L7. — . 25. 
Hollös Istviln: Pwirii'ViMi'TJtj.; ;■;<■■!*»! «iu\i:: Dr. F'.renczi Sändor, Ideges tünetek 
letkezesr; es egjvb örtekexasnk, ii '; : --v'i> ■• &SJ*aJfcSä köreböl. Lelekeleinz.es, erte- 
kezcsek a pszichoa:iä i iii!' kßS&teSL 0fttya$a anaiy is -he Probleme. Besprechung der 
im Titel erwähnt.--.': U~«vk<- !'• ■ rtasts | IL ;>i»'-iiik szäzad April 191i. — ■ 26. Ders,: 
Fercnczi Sändor kouyvd : |,j'.It-;:j>-.;i-.->-. ICcitsb tünetek keletkezese 6a egyeb 
crtekezösck, (Die Jliiellsr S. $%l£SW£*. Besprechung der im Titel genannten 
Werke.) Nyugat I. Halbjahr l'Mi — -7. Ders.: Egy verarnondö betegrül. (Von 
einem. A'trse. sagt'.-v'ifji KTvint':ii.> Nva^it I. Halbjahr 1914. — 28, K.(inszki) 
I.(mre): Besprecljuna vos KlQil I.H"U:>s „Grenzen der Seele". Huazadik szäzad 
Dezember 1918. — 2'.». Kin.-zki Imrc: A hatalom szocioJögiäjäröl es etikdjär61. 
Alfred Yicrkandt: M<-'< bfc*«3slüt8iSM und Maehtmoml. (Von der Soziologie 
und Ethik der Mui-:i. ßaJtfnsa&itiiSfi i s uhgeimnntcn Werkes Alfred Vierkandts.) 
Huszadik szäzad .M;i,T7 jStS. — :ut. Kolnoi Aur61: Aktivitas ös passzivitäs 
a kulturfejlüdesbea, (A';iiv-',.V. ;:nd Passivität in der Kulturentwioklung.) Hu- 
szadik szäzad Priwteb. c i'.ilS. — '$}, K.(ilnai) A.(uri>l): Pacifiata neveles. 
Wilhelm BSrner, Er.-ii.huuy; %ae FrieJen--Sf!:'in].nafr. (Pazifistische Erziehung. 
Besprechung des gbgenannt>/i. \\-.ti&* Wilhelm Börners.) Huszadik szäzad De- 
zember ISIS. — 32. Kolnoi AureJ: Az ällandö es valtozekoiiy alldspont lelek- 
tanahoz. (Zur Psychologie de* ;i!5T»üig<>n und veränderlichen Standpunktes.) 
HusxaüiL szäzad April 1919. — >•'.'•. L. J.: A nemi problemahoz. Szäsz ZoltAn. 
A szerelem. (Zum Geschlechtsproblem. Besprechung des obgenannten "Werkes 
voü Z. Szäsz.) HuM.;i.lik ??iiz:ia ISIS« 1911. — 31. Lochner Karoly: A freu- 
düsimisrül. (Vom FrttUäÖStns.') Ma^y.p.r paedagogia Nr, 8, 1914. ~ 35. Legznoi 
Anna.; Sabonas ivi;ri-\Ll;-kt a InpSO es » tragedia 141ckfcanälioz.. (Aberglituhi- 
sche Bemerkungen zur Psychologie des ilärchens und der Tragödie.) Xyugat 
II. Halbjahr 191K. — 3i>. Picker Käroly: Megjegj-zesek a lelki epid6mia lenye- 
göröl. (Bemerkungen zum Wesen der seelischen Epidemie.) Huszadik szdzad 
llära 1915. — 37. lidheim G6za: Az nlet fonala. (Der Faden des Lebens.) 
Ethnographia 1917. — 38. Ders.: A kazar nagyfejedelera es a Turulmonda. 
(Der kasarische Großfürst und die Turulsage.) Ebenda, 1917. — 39. Ders.: 
A kazär es a magyar nagyfejedelem. (Der kasariache und der ungarische Groß- 
fürst.) Ebenda, 1918. — 10. Ders. : Payehoanalysis es ethnologla. I. Az anibi- 
valentia es a megforditäs törveoye. II. A symbolumok tartalma 4s a libido fej- 
lödese. (Psychoanalyse und Ethnologie. I. Die Ambivalenz und das Gesetz der 
Umkehrung. IL Der Inhalt der Symbole und die Entwicklungsgeschichte der 
Libido.) Ebenda^ 1918. — 41. Sisa Jliklös; A freudizmus. (Der Freudismus.) 
Alföld. Kecskemet, Jalirgang 1914. — 42. Ders.: A häborü ps a pazichoseiuUr 
litds. (Der Krieg und die Psychosocualitat.) K^yngat IL Halbjahr 1915. — 
43. Ders.: A liäboru es a haläl lClt'ktanahoz : Zeitgsmäßes über Krieg und Tod, von 
Sigm. Freud. (Zur Psychologie des Krieges und des Todes. Besprechung der 
im Titel genannten Arbeit von Freud.) Hiiüzadik szäzad März 191 G. — 44. Ders.: 
A tömeg lelke. Freudista kiserlet. (Die Seele der Menge. Ein freudistischar 
Versuch.) Nyugat IL Halbjahr 19Iü. — 45. Szäsz Zoltan: Freudizmus a szin- 
Ftfohaanalvie, Bsiloht 19U— 1019. §4 



370 Dr - Geza Szilägyi. 

padon. (Freudistaus auf der Bühne.) SzinLazi ölet 25. November 1919. — 
4ti. SziWgvi Geza: Freud es Apäthj. (Freud und Apäthy.) Zwei Artikel. Az 
Ujsäg 'März 1914. — &T. Varjas Sändor: Totem es Tabu. (Totem und Tabu.) 
Huszadik s/.äzad Mai 1911. — 18. Der«.: Totem ftä Tabu. (Totem und Ta,bu.) 
Darwin 1. Mai 1911. — -19. Ders.: Ä* ideg-es jeUemröl, („Über den nervösen 
Charakter.^ Von Alfred Adler.) Huszadik szäxad Jänner 1914. — 30. Ders.: 
Wandlungen des Freudismus. Zwei Vorträge iu der freien Schule der sozjal- 
wiä&enschaftlichen Gesellschaft zu Budapest, März-April 1911. — 31, Ders.: 
Besprechung von A. J. Storfer, Marias jungfräuliche Mutterschaft. Huszadik 
«x&mä Juni 1911. — 52. Ders.: A liäborü u, pszichoanalizis ^zerapoutjäbol. 
(Der Krieg aus dem Gesichtspunkte der Psychoanalyse.) Huszadik azäsad Juni 
1915, — 33, Ders.: A häborus szenvedelyek növekedese es fogyasa. I. II. (Das 
Anschwellen und Abflauen der kriegerischen Leidenschaften.) Huszadik. szazad 
Sept. 191G und Okt.-Kov. 1916. 



I 

Die ungarische psychoanalytische Literatur erfuhr im Zeitraum 
1914 1919 ihre größte Bereicherung durch die Übersetzung Freud- 
scher Werke, sowie durch Sammel ausgaben der vorher vereinzelt 
erschienenen Abhandlungen Ferenczis. "Von Freuds bis .zum 
Jahre 1914 noch nicht ins Ungarische übertragenen Schriften wur- 
den übersetzt: Über den Traum, 2. Aufl., Bergmann, Wiesbaden (20); 
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 3- Aufl., Dcuticke, Wien (21); 
Totem und Tabu, 1. Aufl., Heller, Wien 1913 (22). Alle drei Über- 
setzungen — die beiden ersten mustergültigen besorgte Ferenczi, 
die an dritter Stelle erwähnte, hie und da etwas schwerfällige 
Part os — wurden von Ferenczi mit als Vorwort dienenden Ein- 
leitungen verschen, in denen hauptsächlich für den in der psycho- 
analytischen Literatur noch nicht bewanderten Laien die Bedeutung 
der übersetzten Werke gewürdigt und ihnen die gebührende Stelle 
im Lebenswerke Freuds zugewiesen wird. Im Vorwort zur Über- 
setzung von „Über den Traum" hebt der Übersetzer hervor, daß 
hier der recht seltene Fall vorliege, daß ein Gelehrter selbst, und 
zwar in musterhafter Weise, die Ergebnisse seiner Forschungen po- 
pularisiert. Das Vorwort zur Übersetzung der „Drei Abhandlungen" 
legt dar, daß dieses klassische Werk den Analytiker Freud zum 
erstenmal als Synihetiker zeigte. Der Autor des Vorwortes charak- 
terisiert die sozusagen revolutionäre Wichtigkeit, dia Freuds Ar- 
beit aus wissenschaftsgeschichtlichem Gesichtspunkte zukommt: 
Freud machte nämlich als erster den gewaltigen und zum größten 



Ungarische psychoanalytische Literatur. 371 

Teile schon als gelungen zu betrachtenden Versuch, sich der Lösung 
eines biologischen Problems, der Frage der Sexualität, mit Hilfe einer 
rein psychologischen Methode, mit der Methode der „subjektiven 
Seelenlehre" zu nähern, in der Einleitung, die das Vorwort zur Über- 
setzung vom „Totem und Tabu" bildet, gibt Ferenczi einen Über- 
blick über die reichen Ergehnisse, die die Anwendung der Psycho- 
analyse auf die Geisteswissenschaften zu Tage förderte. ,, Totem 
und Tabu" ist der erste glückliche und beispielgebende Versuch, die 
individualpsychologische Methode der Psychoanalyse auf die Völker- 
psychologie anzuwenden, womit die bisher eher bloß Fakten und Daten 
sammelnde Ethnologie zum tieferen Verständnis der noch immer zum 
größten Teile unverständlichen volkerpsychologischen Erscheinungen 
gelangen wird. 

Das in Ungarn immer kräftiger erstarkende Interesse für die 
Psychoanalyse wird auch dadurch dokumentiert, daß die erwähnten 
Übersetzungen seit ihrem ersten Erscheinen schon Neuauflagen er- 
lebten, sowie auch die erste Übertragung der von Freud in Amerika 
gehaltenen fünf Vorlesungen „Über Psychoanalyse" es in fünf Jahren 
zu drei Auflagen brachte (19). Hier sei noch erwähnt, daß „Die 
Traumdeutung" in der vorzüglichen Übersetzung Holloa' im Ma- 
nuskript bereits druekfertig vorliegt. Es dürfte nicht ohne. Inter- 
esse sein, daß die „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse" betitelte 
Abhandlung Freuds (Imago V, 1917; dann Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre, vierte Folge) zuerst in ungarischer 
Sprache abgedruckt wurde (24). In einem bisher nur im ungari- 
schen erschienenen Aufsatz (23) beleuchtet Freud die Frage, ob 
die Psychoanalyse an der Universität zu unterrichten ist, von seiten 
des Analytikers und der Universität. Der Analytiker braucht die 
Universität eigentlich nicht; ihm genügt die Unterweisung erfah- 
rener Kollegen und das Studium der Literatur, besonders aber die 
eigene Erfahrung. Die Universitäten haben die psychologische Vor- 
bereitung der zukünftigen Arzte arg vernachlässigt; dem ist es 
zuzuschreiben, daß in dieser Hinsicht Kurpfuscher und Heilkünstler 
den Ärzten den Hang ablaufen. Die experimentelle Psychologie, die 
an manchen Hochschulen gelehrt wird, erwies sich als praktisch 
unbrauchbar und konnte sich im Lehrplan nicht behaupten. Ein 
psychoanalytisches Kolleg würde den praktischen Bedürfnissen der 

24* 



372 Dr. G^za SziUgyi. 



Äizte genügen. Es müßte den. Mediziner 1. in die Arten der 
ärztlich-psychologischen und psychotherapeutischen. Methoden ein- 
führen, 2. ihm die theoretischen Grundlagen und die Geschichte 
der Psychoanalyse erklären, 3. ihn zum. Studium der Psychiatrie 
vorbereiten. Der psychoanalytische Unterricht müßte in zwei Kursen 
stattfinden: als Elementarkurs für alle Mediziner und als spezieller 
Vortragszyklus für angehende Psychiater. Der allgemeine Kurs 
müßte, mit Bücksicht auf die Anwendbarkeit der Psychoanalyse 
auf die Geisteswissenschaften, nicht nur Medizinern, sondern den 
Hörern aller Fakultäten zugänglich gemacht werden. Die Univer- 
sität kann durch die Aufnahme der Psychoanalyse unter die Lehr- 
gegenstände nur gewinnen. Der Unterricht könnte salbst verständ- 
lich nur in Form dogmatisch-kritischer Vorträge sta-ttf inden ; für 
Experimente und Demonstrationen bleibt wenig Baum übrig. Für 
den Lehrer der Psychoanalyse genügt für die Zwecke wissenschaft- 
licher Forschungen ein Ambulatorium für „Nervenkranke". 

Von den nicht zahlreichen Besprechungen Freud scher Werke 
verdient das Referat Var j as' (47) hervorgehoben zu werden. Var- 
jas betont, daß die bahnbrechende Hypothese Freuds bezüglich 
Totem und Tabu von den übrigen Hypothesen darin abweicht, daß 
sie zwar keine Vergangenheit, aber eins Zukunft habe. 

Neben den Übersetzungen von Freuds Werken sind in erster 
Beihe die Sammlungen von Perenczis Schriften zu nennen. Was 
Freud sagt (Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung), 
müssen wir vollinhaltlich unterschreiben: „Ungarn hat der Psycho- 
analyse nur einen Mitarbeiter geschenkt, S. Ferenczi. ab.^r einen 
solchen, der wohl einen Verein aufwiegt." Von Ferenezis älte- 
ren, vor 1914 erschienenen Werken haben zwei schon Neuauflagen 
erlebt (10, 11). Außerdem hat er drei neue, überaus reichhaltige und 
wertvolle Bände herausgegeben, db aus seinen zum allergrößten Teil 
zuerst in der Internationalen Zeitschrift und in Imago veröffent- 
lichten, in der psychoanalytischen Literatur mit Recht einen Ehren- 
platz einnehmenden Originalarbeiten und Mitteilungen zusammen- 
gestellt sind (12, 13, 14) und von denen der jüngste Band gleichzeitig 
in. deutscher Sprache erschien (Hysterie und Pathoneurosen, Wien 
1919). Der Inhalt dieser Werke wird anderen Ortes referiert. 



Ungarische psychoanalytische Literatur, 373 

Von den Besprechungen, die Ferenczis "Werke erfuhren, ver- 
dieneu besondere Erwähnung' die Arbeiten Ho 116s' (25, 26), die, für 
ein psychoanalytisch nicht geschultes Publikum bestimmt, weit über 
den Rahmen einer referierenden Buchbesprechung hinausgehend, eine 
kurzgefaßte, überaus prägnante, mustergültig lichtvolle Würdigung 
der theoretischen und praktischen Bedeutung der Psychoanalyse 
bieten. Hol lös entwirft gleichzeitig ein lehrreiches Bild jener 
affektuosen "Widerstände, die nicht nur in Laien-, sondern auch in 
Gelehrtenkreisen die vorurteilslose Aufnahme und Anerkennung der 
psychoanalytischen; Lehren so sehr erschweren. 

Eine etwas sprunghafte, rhapsodische Zusammenfassung der Er- 
gebnisse der Psychoanalyse versuchte M. Sisa in einer kleinen Ar- 
beit (41), die eigentlich der begeisterte Aufschrei eines Schwärmers 
ist. Die Perspektiven des Freudismus sind nach Sisa: Neues- Straf- 
recht, neue Erziehung, neue Moral, freie Seele, mehr soziale Men- 
schen, ihre Energien ökonomischer gebrauchende Menschen, harmo- 
nische Menschen! Rhapsodisch mutet auch der Artikel Csäths (3) 
an, der übrigens das Lebenswerk Ereuds sehr richtig als Meilen- 
zeiger der modernen Naturwissenschaft wertet. „Freuds Ent- 
deckung ist von klassischer "Wichtigkeit für die gesamte "Wissen- 
schaft und für das ganze menschliche Denken." Der Autor weißt 
darauf hin, daß der Anerkennung der psychoanalytischen Erkennt- 
nisse nicht so sehr objektive Gegenargumente, als vielmehr allerlei 
subjektive "Widerstände sexueller, intellektueller, materieller Art 
im "Wege stehen. 

Einen Überblick über den Stand und die Resultate der Psycho- 
analyse bemühte sieh der Psychiater K. Le ebner, Professor an 
der Kolozsvärer (Klausenburger), gegenwärtig (1920) in Budapest 
Gastrecht genießenden, Universität zu geben, in den drei Vorträgen, 
die er in der ärztlichen Sektion des Siebenbürgischen Museumvereines 
hielt und deren ausführlicher Auszug im Druck vorliegt (34). Lech- 
ners Arbeit zeigt eine gewisse Kenntnis der psychoanalytischen 
Literatm- bis zum Jahre 1914, die aber nicht in die Tiefe dringt und 
zu keinem rechten Verstäudnis gelangt. Seine Reproduktion der 
Freudsehen Theorie verrät zahlreiche Mißverständnisse, die er mit 
anderen nicht psychoanalytischen Forschern teilt. Seine Argumente 
gegen die Psychoanalyse schöpft er nicht aus Eigenem, sondern er 



374 Dr< °^ za SsKgyi- 

entnimmt sie meistens den bekannten Streitschriften Kronfelds, 
Isser lins, Münsterbergs, Janets usw. Was die Therapie 
betrifft, spricht L e e h n e r fortwährend von der „kathartischcn Me- 
thode", der „kathar tischen Psychoanalyse", der „Methode des Ah- 
reagierens'S was "bekanntlich ein - längst überholter Standpunkt der 
psychoanalytischen Therapie ist. Er betont, daß es ihm im Verlaufe 
der durch ihn bewerkstelligten Psychoanalysen (?) niemals gelang, 
bei den Kranken sexuelle Motive aufzudecken. Trotz alldem bemüht 
sich Lechner in seiner Weise objektiv zu sein und dar Psycho- 
analyse auch Verdienste zuzubilligen. Dieselben bestünden darin, 
daß die Psychoanalyse das Interesse der Wissenschaft wieder auf 
subjektive seelische Erscheinungen lenkte und damit di*> Nervenärzte 
gezwungen habe, sich mit der Seele das Kranken zu beschäftigen, die 
unbewußten psychischen Tatsachen zur Anerkennung gelangen lioß, 
die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung der sexuellen Faktoren rich- 
tete, die neue psychoanalytische Methode erfand und damit dia Psycho- 
therapie zum Ausharren aneiferte. Demgegenüber wären die durch 
den Freudismus verursachten angeblichen Schäden: Die Aufstellung 
falscher Theoreme, durch die die ärztliche Forschung in falsche Bah- 
nen gedrängt wird, die Überschätzung der sexuellen Faktoren und 
dadurch das Verbreiten der seelischen Infektion, des unmoralischen 
Panerotismus, die Vorschubleistung der durch' Laien, insbesondere 
durch Lehrer an Kindern ausgeübten Psychoanalyse, die Vernach- 
lässigung der objektiven Therapie zu Gunsten der übertriebenen 
subjektiven Therapie, endlich die Verletzung der ärztlichen Ethik 
durch den Mißbrauch des Vertrauens der Kranken (?) und die deu- 
telnde Wahrsagerei (?). 

Wie aus dieser Aufzählung der „Schäden" des Freudismus zu 
ersehen ist, spukt in Lechner ein von allerbi unwissenschaftlichen 
Vorurteilen befangener Moralist, der auch seinen engeren Kollegen, 
den auch außer Ungarn bekannten Zoologen und Histologen, Pro- 
fessor Stephan v. Apäthy einen überaus heftigen Angriff gegen 
Freud, den „Vertreter eines semitischen Panerotismus" führen 
ließ (2). Diese mit einer mala fides gepaarte Unorientiertheit in der 
psychoanalytischen Theorie und Praxis beweisenden Angriffe auf 
ihre wissenschaftsfremden Motive zurückzuführen und deren Grund- 
losigkeit nachzuweisen bezweckten Geza Szilägyis zwei scharf- 



ungarische psychoaouly tische Literatur. 375 

polemische Artikel (46), die von Seite Apäthys bezeichnenderweise 
ohne Erwiderung blieben. 

Bloß für Laien bestimmt, wie auch die früher erschienenen, von 
Psychoanalyse angeflogenen nervenhygienischen und nervenpädago- 
gischen Plaudereien (4) desselben Autors, ist ein populärer, in belle- 
tristischem Tone gehaltener Grundriß von I. Döcsi (5). Was der 
Autor von S t e k e 1 sagt, kann mit Fug und Recht auf seine eigenen 
Arbeiten angewendet werden: „Ein wenig feuilletonistisch, bis zur 
Schlauheit scharfsinnig, manchmal klug, manchmal peinlieh ober- 
flächlich, meistens gute Beobachtungen anführend." Decsi spottet 
manchmal über die „strenge" Freud sehe Schule, der er zu Gunsten 
der Jungscheii mit einer gewissen Voreingenommenheit gegenüber- 
steht, und über die .,orthodoxe psychoanalytische Presse". Doch ist 
er sich der revolutionären Bedeutung der neuen Lehre vollkommen 
bewußt und hegt für Freud, dem er auch anderen Ortes einen be- 
geistert huldigenden Artikel widmet (6), eine uneingeschränkte Hoch- 
achtung. Dem Fachmann bietet er nichts Neues, doch seinen Haupt- 
zweck erreicht er jedenfalls: im Laien ein lebhaftes Interesse für 
Freuds Lehren und intensive Lust zur Vertiefung in die psycho- 
analytische Literatur zu erwecken. 

Von den Abtrünnigen der Freudschen Schule fand Alfred 
Adler in Varjas einen Referenten, der das Hauptwerk Adlers 
„Über den nervösen Charakter" einer Besprechung unterzog (19). 
Er kommt zu dem Schlüsse, daß Adlers Theorie oft überraschend 
und zutreffend sei, doch einer gewissen Einseitigkeit nicht entbehre- 
Im Gegensatz zu Adler betont der Referent, daß die meisten jener 
Krankheiten, die A d 1 e r bloß als tendenziöse Symbole bezeichnet, im 
Widerspruch zu Adlers Lehre im Sinne Freuds auf sexuelle Ur- 
sachen zurückzuführen sind. Er meint jedoch, ohne seine irrtümliche 
Behauptung mit Beweisen zu belegen, daß Adler der erste war, der 
die großen sozialen Phänomene des Befehlens und Gehorchens zu 
erklären wußte. In zwei späteren Vorträgen (50) war Varjas be- 
müht, zwischen Freud und Adler einen Kompromiß zu stände zu 
bringen, was ihm natürlich nicht gelingen konnte. 



376 Dr. Geza Szflägyi. 

n. 

In die -weiten Gebiete der Anwendung der Psychoanalyse auf 
die Geisteswissenschaften gehören mehrere Arbeiten. 

a) Psychologie. Aurel Kolnai bespricht in einer Studio 
(32), die das Produkt eines psychoanalytisch geschulten Kopfes ist, 
die psychologischen Gegensätze des starren Verharrens und der halt- 
losen Unstätigkeit, schließlich die Kompromißbildung beider: die 
organische Entwicklung. 

K.(inszki) I.(mre) weist in einer Besprechung! von Emil Luckas' 
psychologischem Essay „Grenzen der Seele" darauf hin (23), daß, 
falls wir in das blutleere psychologische Schema des Autors den Gegen- 
satz zwischen Bewußt und Unbewußt mit seinem durch die Psycho- 
analyse konstatierten typischen Inhalt substituieren, wir zu viel 
wertvolleren Resultaten gelangen. 

b) Massenpsychologie. K. Picker ist bemüht, den Kern 
der sogenannten seelischen Epidemien aufzudecken (36). Er fuhrt 
den größten Teil der seelischen Epidemien auf Massensuggestion zu- 
rück. In Verbindung damit berührt er zwar in einigen Sätzen die 
Ereudsche Verdrängungstheorie, doch steht er ansonsten nicht auf 
psychoanalytischer Grundlage, sondern betrachtet die Frage vom rein 
soziologischem Standpunkte. 

M. Sisa trachtet im Rahmen eines „freudistischen Versuches" 
die Seele der Menge zu ergründen (44). Er erhärtet die These, daß 
die Massenseele der infantilen Seele gleich sei, und daß inmitten einer 
gegebenen Menge derjenige zum Massensuggestor wird, der zuerst 
die Zensur der Kultur von sich abschüttelt. Di© Ergebnisse geiner 
mit zahlreichen Beispielen illustrierten Studie lassen sich im fol- 
genden zusammenfassen: Die Massenseele kennt nur „momentane" 
Gefühle, Dankbarkeit statt Liebe, Rache an Stelle des Hasses. Die 
Menge kennt nur primitive Gefühle. In ästhetischen und ethischen 
Gefühlen steckt ein© so hochgradige Süblimiorung, der die Menge 
unfähig ist. Die Massengefühle sind ambivalent, was die Veränder- 
lichkeit der Massenslimmung nach sich zieht. Die Kleinheit der Ge- 
fühlsskala wird durch die Intensität der Gefühle kompensiert. Die 
Menge ist leidenschaftlich und exaltiert, wie das Kind. Die Indi- 
viduen unterscheiden sich durch die Mannigfaltigkeit ihrer Zensur. 
In der Menge dagegen verkörpert sich eine Kollektivseele, die zensur- 



Ungarische psychoanalytische Literatur. 377 

lose Seele, deshalb ist sie infantil. Die Kollektivsee] e entsteht des- 
halb, -weil es eine angenehme Wunscherfülhmg bedeutet, infantile 
Seele, das heißt frei, schrankenlos, zensurlos zu sein. Der Mensch 
wagt sich als Massenseele zu fühlen, wenn ihn solch ein .Reiz trifft, 
der in ihm das Bewußtsein erweckt, daß er vor der organisierten Ge- 
sellschaft keine Angst zu haben braucht. Der Autor weist auf zwei 
derartige Fälle hin: Im ersten fühlt sieh die Menge als Gesellschaft 
(z. B. das Theaterpublikum), im zweiten Falle dünkt sie sich stärker 
als die organisierte Gesellschaft (z. B. als revolutionäre Masse). 

Einem wichtigen, in den Bereich der Massenpsychologio fallen- 
den Phänomen, der Panik, spürt- Bela v. Felszeghy nach (9). 
Sein in ungarischer Sprache erschienener diesbezügliche Artikel, der 
die unbewußte Ursaehenreihe der Panikspannungen enthüllen will, 
enthält bloß einra kurzen Auszug und die Schlußfolgerungen aus 
der in deutscher Sprache später erschienenen ausführlichen Studie: 
Panik und Pankomplex (Imago, Heft 1, 1920). In dem ungarischen 
Fragment, wird auf Grund der Analyse des Pan-Mythos dargelegt, 
daß unsere erste Panik, unsere erste katastrophale Erschütterung: 
das Kataklisma, der Geburt ist. Dieses unser erstes seelisch-körper- 
liche Zurückschrecken vor der Realität vibriert im Innern aller 
späteren Panikreflexe noch weiter. Die aktuelle Zugehörigkeit zu 
einer Masse aber, das Eingeklemmtsein in einer Masse begründet 
im Wege der Geburtsphantasie die allgemeine Paniknö'tigung. Der 
Autor führt aus, daß es sich bei der Panik um zwei Regressionen 
handelt, beziehungsweise um eine Grundregression, die von einem 
Ast her phylogenetische, von einem anderen her ontogenetifche Be- 
deutung hat und für das Individuum in die bewußte Geburtsphantasie 
zusammengefaßt ist. „Alle Panik ist Libido oder: Seinshungesr in 
Geburtsphantasien verdichtet." Die Aufgabestellung der Panikvor- 
beugung ist derzeit illusorisch. Diese Explosionsbereitschaft ist ein 
Zugchör des Lebens, weil sie eine Äußerung der Ichtriebe und ihre 
Äußerung gleichzeitig auch Libidobefriedigung ist. Zum Schlüsse 
wirft Felszeghy die Möglichkeit der Annahme eines einzigen 
Pankomplexes auf, eines einzigen, in dem „Alles" enthalten ist: der 
Elternkomplex, der ödip-uskoinplex. der Kastrationskomplex. Du 1 
Vorteile der Annahme dieses Urkoraplexes würden nach Felszeghy 
die folgenden sein: 1. Der Pankomplex fällt mit dem kosmischen Un- 



378 Dt G&a Szilägyi. 

bewußten zusammen und ist im Wege des bei jedem. Individuum 
wechselnden Bewußtseins eigentlich der gemeinsame Nenner aller 
bewußten Zähler. Er ist also geeignet, die Zusammenfassung -des 
Kosmischen in das Einzelwesen diesem, dem Ich, zu versinnlichen. 
2. Diese Annahme würde ferner vielleicht technische und zugleich 
methodische Erleichterung für die Psychologie bedeuten, besonders 
für die Psychoanalyse, die im Pankomplex alle Komplexe zusammen- 
fassen tonnte. 

e) Rcligionspsychologie. S. Varjas kritisiert in einer 
kurzen Besprechung das bekannte Werk A. J. Stör f er*: Marias 
jungfräuliche Mutterschaft (öl). Das Werk ist interessant, doch 
entbehrt es nach Ansicht Varjas' jedweder Analyse, da der Autor 
sich damit begnügt, die Ausdrücke der Bibel einfach ohne Beweis- 
material in die Sprache der Psychoanalyse zu übersetzen. 

d) Soziologie. A. Kolnai beleuchtet in einer soziologisch- 
politischen Studie die Aktivität und Passivität in der Kulturentwick- 
lung (29). Der Autor berücksichtigt in ausgiebiger Weise die Psycho- 
analyse, besonders die Freudsche Trieblohre und die Ergebnisse 
von Freuds „Totem und Tabu". 

In den Kreis der Soziologie gehört ein Referat, über Vier- 
kandts „Machtverhältnis und Machtmoral 1 ' aus der Feder 
J. Kiuszkis (29), der es rügt, daß der Verfasser anläßlich der 
Erklärung des alten Idealismus die Resultat«? der Psychoanalyse in 
falscher Weise anwendet. 

e) Rechtswissenschaft. Mit dein wichtigen Zusammen- 
hang zwischen Kriminologie und Psychoanalyse befaßt sich Fe- 
renezi in einer einschlägigen Arbeit (18), die später auch im 
Sammelbande „A pszichoanalizis haladasa" erschien. Er weist auf 
die Notwendigkeit hin, eine psychoanalytische Kriminologie zu be- 
gründen, da die bisherige Kriminologie von den seelischen Motiven 
des Verbrechens gerade die mächtigsten, die Strebungen des unbe- 
wußten Seelenlebens ganz, außer acht ließ. Diese stärksten Motive 
aufzudecken, wäre die Aufgabe der Kriminalpsychoanalyse, deren 
Material durch eine systematische Psychoanalyse der in den Straf- 
anstalten befindlichen Verbrecher zu Tage gefördert werden könnte. 
Die Kriminalpsychologie würde zur Vorbeugung der Verbrechen bei- 



Ungarische psychoanalytische Literatur. 379 

tragen und die für die Gesellschaft überaus wichtige Nacherziehung 
der Verbrecher ermöglichen. 

An die Studie Ferenezis knüpft Dukes (7) aji, der die Be- 
rufskrim inalisten aneifert, den fruchtbaren Anregungen Ferene^is 
Folge zu leisten und auf Grund der psychoanalytischen Erkennt- 
nisse eine umstürzende Revision der Kriminologie vorzunehmen. 

Die Spuren von Totem und Tabu im Recht verfolgt Fclszeghy 
in einer Abhandlung (8). Er führt an, daß die Anwendung der Psycho- 
analyse auch bei der Durchforschung der einzelnen Thfsen, Gebräuche, 
Riten und Institutionen des Rechtes sehr ersprießlich ist. Anknüp- 
fend an Freuds klassisches Werk über „Totem und Tabu", weist 
er nach, daß auch in einigen Institutionen, Gebräuchen und Verboten 
des heutigen entwickelten Rechtslebens totem istische, beziehungs- 
weise auf Tabu hinweisende Spuren zu entdecken sind. Er erhärtet 
diese Auffassung mit modernen Beispielen des Fürstentabus (gestei- 
gerter strafrechtlicher Schutz des Fürsten und seiner Familie), der 
Zeremonie der Königskrönung, der Immunität von Mitgliedern der 
Gesetzgebung, der Privilegien des Adels usw. 

f) Völkerkunde. Mit besonderer Anerkennung sind die auf- 
schlußreichen und sozusagen bahnbrechenden Werke G. Höh ei ms 
(37, 38, 39, 40) zu verzeichnen, über die an anderer Stelle (in dem 
Abschnitt über Ethnologie) referiert wird. 

g) Mythologie, Märchen!' oxsch ung. In der Zeitschrift 
„Nyugat", deren Herausgeber H- Ignotus immer ein tiefgehendes 
Verständnis und ein tatkräftiges Interesse für die Psychoanalyse 
bekundete, focht Ferenczi eine Polemik mit der Schriftstellerin 
Anna Lesznai aus, die in einer Arbeit über die Psychologie des 
Märchens und der Tragödie (34) unter anderem behauptete, daß ein 
Teil der Freudisten mit einer gewaltsamen Simplifizierung die se- 
xuelle Wunscherfüllung zum Sinne jedes Märchens stemple. Die Ver- 
fasserin, die die. Sexualität bloß symbolisch! wertet, möchte an Stelle 
der „unbegrenzten geschlechtlichen Wunscherfüllung der Freudisten" 
die Erfüllung der Sehnsucht nach Unbeschränktheit als Kern des Mär- 
chens setzen. Ferenczi (17) reflektiert auf diese Behauptung und 
weist nach, daß das seelische Geschehen, nicht durch die Freudisten 
der Sexualität gleichgestellt wurde, sondern daß dieser Irrtum Schuld 
der Schismatiker der J ungschen Gruppe sei. Freud betonte immer 



380 D*- G<5za SziMgyi. 

die gleichrangige Bedeutung der sexuellen und der lehtriebe in der 
Seele. Und Ferenczi selbst war es, der in seiner wichtigen Ab- 
handlung über die Entwicklung des Wirklichkeitssinnes nachgewiesen 
hat, daß das Märchen eine Rückkehr zum unbeschränkt-allmächtigen 
Zustand des Ichs bedeute, ohne daß er dabei die richtunggebende 
Wirkung der geschlechtlichen Ziele auf das Märchen bestreiten wollte. 
Die Psychoanalyse wies schon vor langem darauf hin, daß die Ich- 
triebe unter den Märchenmotiven eine hervorragende Holle spielen. 
Doch während gemäß Freud das Vorbild, jeder egoistischen Bestre- 
bung in der Vergangenheit, im glücklichen Kindes- und Säuglings- 
alter, ja sogar in der vollständigen Buhe des intrau tcrinären Zustan- 
des zu finden ist, scheint Lesznai, wie lange vor ihr schon Sil- 
berer, einen höher- und vorwärtsstrebenden „anagogischen" Trieb 
anzunehmen, der im Märchen auf primitiver "Weise noch nicht reife 
Einsichten verkörpert. Jtvicht die Psychoanalyse, sondern Lesznai 
simplifiziert, da sie die libidinösen Triebe ohne zureichenden Grund 
zu bloßen Abarten der lehtriebe reduziert, indem sie gleich Adler 
und Jung behauptet, daß die Sexualität nur eine symbolische Be- 
deutung hätte. 

h) Sexuologie. Als charakteristisch muß registriert werden, 
daß ein Kritiker der vornehmsten soziologischen Rundschau, Hu- 
szadik Szäzad (33), an dem „A szerelem" (Die Liebe) betitelten 
Werke von Zoltan S z a s z hauptsächlich das auszusetzen hat, daß 
der Autor die Resultate der Freud sehen Schule nicht genügend be- 
rücksichtigte. 

I) Philosophie. Eine bemerkenswerte Abhandlung Fercn- 
czis, die E. M&cb» „Kultur und Mechanik" betiteltes "Werk vom 
psychoanalytischen Standpunkt bespricht (deutsch unter dem Titel 
„Zur Psyehogenese der Mechanik", Imago, H. 5—6, 1919) erschien zu- 
erst in ungarischer Sprache (16) und wurde später in den Sammel- 
band „A pszichoanalizis haladäsa" aufgenommen. Darüber wird an 
anderer Stelle referiert. 

j) Ästhetik, Kunst, Literatur. Stephan Hollös hebt 
in einer seiner an Perspektiven reichen Besprechungen von Feren- 
czis Werken (26), die in der belletristischen Zeitschrift .,Nyugat" 
erschien, die Bedeutung hervor, die der psychoanalytischen Erfor- 
schung der Probleme des künstlerischen Schaffens zukomme. „Die 



Ungarische psychoanalytische Literatur. 381 

Psychoanalyse ergründet die hinter jedem Kunstwerk verborgene 
dritte Dimension, die bis zum infantilen Alter zurückreichenden 
Determinanten der Dichterseele, die in dem Konflikt zwischen Se- 
xualität und Gesellschaftsordnung sich entwickelnde seelische Kon- 
stellation." Die Wahrheit und praktische Bedeutung der Psycho- 
analyse versteht am unmittelbarsten der Dichter und Künstler, in 
dessen "Werken der Analytiker die frappantesten Beweise für seine 
wissenschaftlichen Thesen erhält. Unsere Einsicht in die Psycho- 
logie des dichterischen Schaffens förderte Hol lös auch durch die 
Veröffentlichung psychoanalytisch tiefschürfend kommentierter Verse 
eines durch ihn behandelten Geisteskranken (26). Die Verse wurden 
während der Behandlung produziert. Wie H o 1 1 o s ausführt, gelangt 
im Dichter und Künstler das Unbewußte ohne größere Schwierig- 
keiten .zur Oberfläche, da die Zensur, die zwischen der bewußten 
und unbewußten Seelenwelt stellt, bei ihm aus irgend einer Ursache 
locker und unbestimmt ist. Deshalb kann der Dichter das zum Aus- 
druck bringen, wozu ein anderer, in dem gleichfalls das Unbewußte 
wirkt, nicht fähig ist. "Was den Kranken H o 1 1 ö s' zu den instinktiv 
hervorbrechenden rhythmischen Zeilen, zum Deklamieren von manch- 
mal sozusagen wunderbar gefärbten, urkräftigen Phrasen befähigte, 
zum Schaffen einer eigentümlichen, ganz individuellen Sprache 
drängte, war die durch die Geisteskrankheit ermöglichte freie Ma- 
nifestation des Unbewußten. Von dort tauchten längst gehörte und 
im Dunkeln lobende Worte auf, die aber jetzt durch eine seltsame 
Logik aneinandergereiht wurden. Daß das Unbewußte jetzt vor ihm 
offen steht, ist gerade eine Folge seines unglücklichen Schicksals. 
Der eine poetische Ader besitzende Kranke, dem aber die dichte- 
rischen Ausdrucksmittel fehlten, wird zum Dichter, freilich nach 
seiner eigenen Art, nachdem sein Unbewußtes durch eine Eruption 
erschlossen wurde. 

Einen bloß referierenden Auszug der „Beim und Kcfrain" be- 
handelnden Arbeit von K. Weiß (im Imago erschienen) lieferte ein 
Anonymus (1). 

Die Aufführung des holländischen (?) Lustspieles „Femina" (im 
Ungarischen unter dem Titel: „Amikor az asszony ideges'"', „Wenn 
das Weib nervös ist"), dessen sanft persiflierter Held ein psycho- 
analytischer Nervenarzt ist, bot Z. Szasz, einem der bekanntesten 



382 Dr. Ge'ia Sziligyi. 

und populärsten Schriftsteller und Essaysisten, Anlaß zu einer Be- 
trachtung über den Freiidi*»imis und seinen Einfluß auf die Belletri- 
stik (45). Er nennt den Freudismus, diese „wundersame neue Lehre 
und Methode der Psychologie und Psychotherapie" eine der am meisten 
charakteristischen, überraschendsten und die größte Tragweite be- 
sitzenden Erscheinungen der letzten zwanzig Jahre. Der Autor pro- 
testiert dagegen, daß mau den Freudismus, wie es hierzulande noch 
jetzt nicht nur in Laienkreieen, sondern auch seitens sogenannter 
medizinischer Autoritäten geschieht, als wissenschaftlich verkleidete 
Pornographie und Quacksalberei verleumdet. Er meint, daß dem dra- 
matischen Schriftsteller, überhaupt dem modernen Schriftsteller der 
Freudismus mit seinen außerordentlich lehrreichen Aufklärungen 
reiche Inspiration geben und wertvolle Stoffe liefern könne. 

Hier wäre es am Platze zu konstatieren, daß die jung-ungarische 
Belletristik und literarische Kritik von Freudschen Ideen stark 
beeinflußt ist und sich viele Errungenschaften der Psychoanalyse 
zu eigen gemacht hat. Z. B. in den lyrischen Gedichten Dezsß 
Kosztolänyis (A szegeny kisgyermek panaszai: Die Klagen des 
armen kleinen Kindes), in manchen Erzählungen und Satiren Friedrich 
Karinthys, in Novellen Alexander Brödys, des unlängst auf 
tragische Weise aus dem Leben geschiedenen Geza Csäths, D. Kosz- 
tolänyis, Geza, Szilagyis, in Romanen Michael Babits' (A 
gölyakalifa: Der Storch kalif). Milan Füsts (A nevetök: Die La- 
chenden), in vielen kritischen Studien und Artikeln Hugo Ignotus' 
finden sieh unverkennbare Anzeichen einer an Freuds Lehren 
orientierten tieferen Seelenkenntnis, In einzelnen erzählenden "Werken 
Ludwig Birös (A Molitorhäz: Das Haus Molitor), Endre Nagys, 
Geza Barcsay- Fehers, sind sogar psychoanalytische Arzte die 
Helden, doch agieren sie, was übrigens nicht ihre, sondern der Ver- 
fasser Schuld ist, in einer für den Kenner der psychoanalytischen 
Technik keineswegs kunstgerechten) manchmal sogar höchst grotesken 
"Weise. Zwei Bomane: Paul Forros Egy diäkkor törtenete (Die 
Geschichte einer Studentenzeit) und Imre Veers Imago, a, ketnemü 
ember (Imago, der bisexuelle Mensch) wurden ausgesprochen als 
psychoanalytische ltomanc angekündigt, was aber bloß geschäftlichen 
Zwecken diente und nicht die geringste Berechtigung hatte. 



Dngariaehe psychoanalytische Literatur. 383 

Die ungarische, speziell die- Eudapester Tagespressc stellt sich 
gegenüber der Psychoanalyse auf den Standpunkt des wohlwollenden 
Interesses, einige Ausnahmen nicht gerechnet. Dieses Interesse do- 
kumentierte sich unter anderem auch anläßlich dea im Septembar 
191 S in Budapest statt gefundenen internationalen psychoanalytischen 
Kongresses, den mehrere Blätter fretindlieh begrüßten und dessen 
Sitzungsberichte bereitwilligst veröffentlicht wurden. 

III. 

Die Psychoanalyse hat (cum grano salis) auch eim-- Kriegsliteratur 
aufzuweisen. Einige Beiträge hiezu erschienen in ungarischer Sprache. 
Sändor Varjas, teilweise auf Freudsehen Erkenntnissen, teil- 
weise auf A d 1 e r sehen Irrtümern fußend» sucht in einer Widersprüche 
nicht vermeidenden Abhandlung (32) die Grundursache des Krieges 
in dem Willen zur Macht, der, wie er meint, stärker ist als der Wille 
zum Leben. Die Handlungen der Masse, die sich auch im Kriege 
manifestieren, wären, über das rationelle Ziel weit hinüberschießsnd, 
„überkompensierte und arrangierte Gegenakte reflexionsloser und uni- 
verseller Unsicherheit«-, Schwäche- und Minderwertigkeitsgefühle". 

Dieser Auffassung gegenüber betont M. Sisa- (41), der auch ein 
ausführliches Referat (42) über Freuds unvergeßlichen Essay 
„Zeitgemäßes über Krieg oder Tod" lieferte, daß nicht der Wille 
zur Macht, sondern die Sexualität stärker sei als der Wille zum Leben. 
Seiner etwas skizzenhaft hingeworfenen, aber interessanten Ansicht 
nach ist die Normal psycho' der Menschen und Völker des 20. Jahr- 
hunderts paranoid gefärbt, und die letzte Ursache des Weltkrieges 
wäre im Grunde nichts anderes, als -,eine Explosion der als Reaktion 
auf den homosexuellen Partialtrieb entstandenen Verfolgungswahn- 
Spannung". 

Der vorher erwähnte Varjas verläßt in seinen Studien über 
das Wachsen und Schwinden der kriegerischen Leidenschaften (33) 
schon ganz den Boden der Psychoanalyse. Er stellt die sogenannte 
„Frustration", das heißt das Mißlingen des normalen Ahlaufs der 
angenehmen Gefühle, die Unmöglichkeit ihrer Kulminierung, als 
neues Grundprinzip der Erklärung des unbewußten Seelenlebens auf. 
Leidenschaft ist eine solche Frustration, die in sich selbst, in der 
Frustration, ihren Genuß findet. Die stärkste Frustration ist die 



384 Dr - Geza Szilägyi. 

Sehnsucht nach Herrschaft und Macht, die mit dem zweiten, von 
Varjas aufgestellten neuen Grundprinzip, dem Konfliktbedürfnis 
der Seele, vereinigt, die Hauptursacke des Weltkrieges war. Ein 
weiteres Eingehen auf diese gekünstelte Theorie, die sich psycho- 
analytisch nennt, aber gänzlich außerhalb des Uahmens der Psycho- 
analyse in unserem Sinne fällt, erübrigt sieh. 

Fcrenczi hat in einem wertvollen Artikel (15) darauf hinge- 
wiesen, daß der "Weltkrieg auch als psychologisches ,.Naturexperi- 
ment" aufzufassen wäre, das den Beweis für die in Friedenszeiten 
verborgenen Schichtungen der Seele liefert und im Kulturmenschen 
das Kind, den Wilden und den Urmenschen aufzeigt. Der Krieg 
hat uns seelisch in die Eiszeit zurückgeworfen, das heißt, er hat die 
tiefen Spuren aufgedeckt, die jenes Zeitalter im Seelenleben der 
Menschheit zurückgelassen hat. 

Zum Schlüsse sei noch bemerkt, daß in einer Besprechung der 
Born ersehen Flugschrift über pazifistische Erziehung (31) A.(urel) 
K.(olnai) das "Werkchen als glücklichen Ausbau jener Ferenczi- 
schen These kennzeichnet, derzufolge „der Krieg, wenn irgendwo, 
nur in der Kinderstube zu besiegen sei". 






Bibliographischer Wachtrag. 

Die naclistehend bibliographierten Arbeiten sind teils von den 
betreffenden Referenten nicht berücksichtigt; worden, teils ließen eie 
sieh überhaupt nicht in eine der bestehenden Refera-t-Rubriken ein- 
reihen -und teils endlich mangelte es für vereinzelte Arbeiten aus 
gewissen Sprachen an den entsprechenden Referenten. Die Redaktion 
glaubte aber dennoch, diese Du- bekannt gewordenen Arbeiten nicht 
gam unterdrücken zu sollen; soweit sie für die Fortschritte der 
Psychoanalyse Bedeutung haben, sollen sie in das nächste Sammel- 
referat aufgenommen werden. 

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Zuständen. (Z. If. 377.) 

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»Stekel, Dr. Wilhelm: Die psychische Impotenz des Mannes. Onanie und 

Potenz. (Zsclu-, f. Sexualwissenschaft. III. 25, 7(5.) 
Stekel: Das sexuelle Trauma der Erwachsenen. (Zschr. f. Sexualwissensch. III. 
S. 233.) 

Stekel W.: Sonntagsneurosen. (Zschr. f. Sex. Wiss. V. S. 145.) 
Strasser eh.: Trotz, Kleptomanie und Neurose. (Groß* Archiv Bd 59) 
Tannenbaum T. A. : über einen durch Psychoanalyse geheilten Fall von 

Dyspareunie. (Zbl. IV. S. 373.) 
Tausk: Zur Psychologie des Deserteurs. (Z. IV. S. 193, 229.) 
Turol Adrien: Sexualsymbolik. (Zschr. f. Sex. Wias. V. S. 153, 198.) 
Weber L. W.: Die Bedeutung der Suggestion und anderer psychischer Mo- 

menle im Sexualleben. (Areh. f. Sex. Forsch. 1/1. 1915.) 
Wyrubow N. A.: Über Zyklothymie -und ihre Kombinationen (Zbl IV 421) 
Zimmermann Paul: Bemerkung«! über Melancholie, Impotenz und Trieb- 

anomalion. (Geschl. u. Gesellsch. VIII. 1913.) 
*** Über die Wirkungen ubw Todeawünscho. (Z. II. S. 327.) 

b) Griechische Literatur. 

Triantaphyilidio*. Dr. M.: Der Ursprung der Sprache und die Freudsohe 
Psychologie. (S. A. in 'Exmutevnxiv'OftiAov 5. Athen 1915) | neugriechisch]. 

e) Italienische Literatur. 

Bruno A.: L'origine de Ia religione e il totemismo. (Riv. ItaJ. di Soo 18 

1914. Heft 6/6.) 
Ferrarö. G. C: Le emozioni e ]a vita del subcosciente. (Biv. di Psicol 1912 

Vol. VIII. Nr. 2. p. 93—118.) , 

25» 



gog Bibliographischer Nachtrag. 

Gemelli A.: L'origine subcosciente dci fatii mistici. (Tirenzo 1913.) 
Marchesini Gr.: La basi incosciente del dovero. (Riv. di filos. 1914. II.) 
M-orselli: I limili della coscienzn. At.ti della. Soc. It. p. il. propr. dclle scieme. 

(Roma 1913.) 
Sanctis, Santc de: L'interprclazirHu.' dei soßiii. (Riv. di psicol. X. 1914. G.) 

d) Polnische Literatur. 
Abramowski Ed.: Die Quelle des Unterbewußtseins und seine Äußerungen. 

Psychologie der Wahrnehmung lind der „namenlosen" Zustände (poln.). 

(Warschau 1914.) 
K aipine ka L.: Psychologische Grundlagen der Preudschen Lehre (polnisch). 

(Przeglad Pilos. Bd. 10. Heft 4.) 
Karpins ka L.: Über die Psychoanalyse (poln.). (Ruch Filosufkvny. 19H. 

Nr. 2.) 
Badecki W.: ßcitr. zur Analyse der Anwendung von Assoziation versuchen 

in der Medizin (poln.). (S. A. aus Neurologja Polska. 1913. II. 3.) 
Übersetzungen; Zur Psychopathologie des Alltagslebens von Dr. L. Jokels 

v. Helen© Iränka, — Über Psychoanalyse von Dr. L. Jckels. (Lemberg 1911.) 

t) Schwedische Literatur. 
Lagerborg Rolf: Om psykoanalysen och vad den vill avslüja, om fconstnärar. 

(Stockholm 1918.) 
Winge Paul: Paykiatriske og sexologiske bomaerkninger om tabu ag totem. 
(Kristiania Videns-Kapselskapets Porhandlinger for 1915. Xr. 4. Sep. Kri- 
stiania 1916.) 

f) Spanische Literatur. 
Aldabaldo Valley: EI psicoanilisis de Preud. (Riv. do Med. y Uiv. pract. 
1913. XXXVII. Mayo 7 e 14. p. 169 ß 209.) 

g) Tschechische Literatur. 

Stuchlik Jar.: Über Psychosebegrifi. (Revue neuropsychopath. 1915. S. 185.) 
Stuchlik Jar.: Über Psychoanalyse. (Casopis ccskych lökarilv. 1916. S. 900. 
I. Reitrag: Grundbegriffe, Arbeitsmethode, erste Theorie.) 



Berichtigung. 

Auf Seite 3 mufl in der 7. Zeile statt Freud richtig heißen: Tausk. 



ENTERNATIOKALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG G.M.B.H. 

WERKE VON PROF. SIGH. FREUD 

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Internationalen Psychoanalytischen Verlag O. m. b. H. 
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Die Traumdeutung. 6. vermehrte Auflage. Mit Beiträgen 

von Dr. Otto Rank. Leipzig und Wien 1921. 
Über den Traum. 3. Auflage. Wiesbaden 1921. 

Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Über Ver- 
gessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum. 7. 3 
weiter vermehrte Auflage. Leipzig, Wien und Zürich 1920. 

Totem Und Tabu. Über einige Übereinstimmungen im Seelen- 
leben der Wilden und der Neurotiker. 2. durchgesehene Auflage. 
Leipzig, Wien und Zürich 1920. 

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einem Band. 3. Auflage. Leipzig, Wien und Zürich 1921. 
Über Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen, gehalten zur 
20jährigen Gründungsfeier der Clark University in Worceater 
Maas. 3. Auflage. Leipzig und Wien 1920. 

Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 4. vermehrte 

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Jenseits des Lustprinzips. (II. Beiheft der Internationalen 
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Quellenschriften zur seelischen Entwicklung. 

Band l. Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens (vom 11. bis 14"/a Jahr). 
S. Auflage. 

2a der Vorrede schreibt Profevltkr I)r. Frond in einem Briefe an die Herausgeberin Über 
dieses -srertvoiie docnmetit humain; »Das Tagebuch, ist ein kleines Juwel. 'Wirklich, 
ich glaube, noeli niemals hat man in solcher Klarheit und Wahrhaftigkeit in die 
Seeleuregunsren hineinblicken können, welche die Entwicklung des Mädchens unserer 
Gesellschafts- nnd Kulturstufe in den Jahren der Vorpuhertät kennzeichnen. . . .rot 
allem, wie das Geheimnis des Geschlechtslebens er&t verschwommen auftaucht, um dann ron 
der feindlichen Seele g*ans Besitz an nehmen, -wie dieses Kind unter dem Bewußtsein lelnea 
geheimen Wissens Schäden leidet und Ihn allmählich Überwindet, du ist go reisend, natürlich 
und doch ao ernsthaft in diesen kunstlosen Aufzeichnungen/ zum Ausdruck gekommen, daß 
BS Erziehern und Psychologen das höchste Interesse einflößen muß, ,,-lch meine, Sie sind 

verpflichtet, das Tagebnch der Öffentlichkeit zu übergeben. Meine Leser werden 
Ihnen dafür dankbar sein. .." 



DURCH DEN 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VERLAG 

können bezogen werden: 

Dr. Theodor Reite, Flaubert u. seine „Versuchung 
des heiligen' Antonius". *■ ***** _"* - K * wtt *sr£«* , * t,t 

g ,. _ Mit einer Vorrede von Alfred Eerr. 

Broschiert M. 7. — , Origmal-Halblederband M. 26. — . 

Dr. Theodor Reik, Arthur Schnitzler als Psycholog. 

Broschiert M. 8. — , üriginsl-öaazleinenbKBd M. 15, — . 

Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. f&ffijfr*i 

Schreber, Senatspiasident beim kgl. Oberlandesgericht Dresden a. D. In 
Halbleinwand M. 24. — . 

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biographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Jahrbuch für psychoanalytische und psychopatho- 
logische Forschungen. III. Band.S. Off. und Sammlung kloiner Schriften rar Neurosonlahre). 

d« Bande Jahrbuch für Psychoanalyse ™ d al1 « psycho- 

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Werke (sowohl die im eigenen, als die in fremden Verlagen . erschienenen) 
können, soweit nicht bereit» vergriffen, bezogen werden durch den 

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(Auslief ernngsstelle: WIEN, in., Weiflgärberlände 44). 



THE INTERNATIONAL PSYCHO=ANALYTICAL LIBBARY 

Edited by EBNEST JONES 

No. 1 

ADRESSES ON PSYCHO-ANALYSIS 

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J. J. PTJTNAM, M.D. 

EmerlHii Pnfouor of Keurology, Harvard Dnlv»nlty. 
ynth «• Prefücs bv 

SIGM. FREUD, M.D., LL,D. 12 6 . 6 d. 

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Drs. S. FEBENCZI (Budapest), KARL ABRAHAM (Berlin), 
ERNST SIMMEL (Berlin) and ERNEST JONES (London) 

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Professor FREUD (Vienna). 7 e. 6 d. 

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_____ J. C. FLÜGEL, B.A. IN THE PRESS 

THE INTERNATIONAL PSYCHO- ANALYTICAL PRESS 

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No. 4. RANK, II mifo della naacita degH Eroi Lire 6 — 

No. 6. LEVI BIANCHINI, Diario di guerra di nn psichiatra Lira 6.— 
No. ß. FRANK, Afasia e mntiamo da emoziono di guerra Lire 10.— 

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THE INTERNATIONAL JOURNAL 
OF PSYCHO-ANALYSIS 

Directed by Professor FREUD, M.D., LL. I). 
Edited by ERNEST JONES, M.D. 

PrwMtut of thf Intarastloual 'Piycho-Aniljtic*] Aaaocitttoo 

"Th8 International Journal of Peyeho-Anolysi»" takoe the place forEnglish speaking 
readers of the "Internationale Zeitschrift.für Psychoanalyse 1 ' and "Imago", whieh are 
poblished in German only. An arrangement has been made whereby all thö Contents of 
diese are freely arailable for the English Jonrnal, Basides original articles, abatracta 
und reviews.it contains the Reports of the International Psycho- Analjrical Association, 
of which it is, tog edier with the "Zeitschrift" and '"Imago", the Official Organ. 

Isäued Cjuarterly , Subscription 80 B. per Volume of FoarParta 

The Parts are not Bold separately 

CONTENTS 

VOLUME I 



PAKT 1 
0)>en Letter, by Dr. S. Ferenczi. 
Editorial. 
Dr. J..T, Patnam: Obituary, by Erneat 

Jonas, with a Bibliograph^ of Pnt- 

nam's Psychologien! Writings. 
Freud, One of the Djfficulties of Psycho- 

Analyeis. 
Flügel» On the Cuaxaeter and Married 

Life of Henry VIII. 
Bryan. Fieud's Psyehology. 
Read, Review of tha Recent Faycho- 

Analytieal Literatare in English, with 

a Bibliography. 

PART 2 

Frend, Psyehogeneöis of a Case oT 

Female Hnmosexnaltty. 
Pierce Clark, Primary Somalic Facto» 

in Compnlsive and Obsossi ve NeuroBes. 
Ernest Jones, Recent Advancea in 

Psycho- Anal ysis. 
Mason-Thompson, Relation of the Eider 

Sister to the Development of the 

Electra Complex. 
Proft-er, Note on William Blake's Lyrics. 
Joan Ri viere, Three Notes. 
ErneSt Jones, aymbolism of Being 

Run Ovex. 
Oberndorf, Ambiralence in a Slip of 

the Tongue. 
Reviews. 



part ;; 









Oberndorf, Reaction to Personal Na- 

mes. 
Stttrcke, Reversal of the Libido-^ign 
in Delnsioas of Persecntion. 

Opliuijsen. Origin of tha Feeüng of 
Persecntion. 

Dar ies- Jones, A Case of War Shock 
Reanlting from Sex-lnverBion. 

Flonrnoy, Dreams on the Symbolism 
of Water and Fire. 

Ernest Jones, A Linguistic Factor in 
English Characterology, 

Sachs, The Wiah to be a Man. 

Rl'yan, The Care Needed in Drawing 
Conclusions, 

Barbara Low. A Revived Sensation- 
Memory. 

Erneat Jones. A Snbatitotive Memory. 

CoUective Reviews. 

Book Reviews. 

PART 4 

Freud, A Child ia being Renten. 
Fftfnell, Erotism aa portrayed in Lite- 

rarure. 
Martin, llazlitt and rayoho-Analyaie. 
By X, A Trivial Incident. 
Bryan, Word-Play in Dreams. 
Colleetivc Reviews. 
Book Reviews. 

REPORTS OF THE INTERNATIONAL PSYCHOANALYTICAL ASSOCIATION 



THE INTERNATIONAL PSYCHO-ANALYTICAL PRESS 

45 NEW CAVENDISH STREET, LONDON, W. 1 





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